Zwei Wochen lang übten Leah und Tonks all die Zaubersprüche, an die Leah sich erinnern konnte.

Sie perfektionierten ihren schwebe Zauber und Tonks brachte ihr einige weitere Nützliche Zauber, wie den zum öffnen von Geheimgängen, bei.

Es fiel Leah ausgesprochen leicht Zauber zu lernen, besonders wenn Tonks sie ihr vormachte.

Oft war es lustig mit Tonks neue Dinge zu entdecken und zu lernen, da diese unglaublich tollpatschig war. Beim „Wingardium Leviosa" zum Beispiel ließ sie einmal unabsichtlich statt den Kaffeetassen das ganze Tischtusch schweben, woraufhin die Tassen alle herunter purzelten und zerbrachen. Ein anderes Mal versuchte sie den Teppich schweben zu lassen, auf dem sie selbst noch stand.

Leah lachte jedes Mal und es tat beiden gut sie so zu sehen.

Am Abend bevor es nach Hogwarts gehen sollte, traf Leah zum ersten Mal seit ihrem Besuch in der Winkelgasse andere Zauberer.

Die letzten beiden Wochen hatte sie allein mit Tonks in ihrer Wohnung verbracht. Zwar waren sie natürlich ab und an spazieren gegangen, aber dabei hatten sie niemanden wirklich getroffen.

Tonks brachte Leah nun also zum Abendessen in das Hauptquartier des Orden des Phönix'.

Sie hielt es für besser, Leah die anderen Kinder, die ebenfalls am nächsten Tag nach Hogwarts fahren würden, kennen lernen zu lassen.

Als Leah das Haus ihres Vaters betrat und Tonks von allerhand Leuten begrüßt wurde, konnte sie sich endlich vorstellen, wie es für Tonks gewesen sein musste, die ganze Zeit mit Leah allein zu verbringen.

Dankbarkeit durchflutete sie.

Sie wusste, dass sie es nicht ausgehalten hätte, sofort all diese Leute kennen zu lernen.

Das sie sich wahrscheinlich eher irgendwo versteckt hätte, als mit ihnen zu reden oder ihnen entgegenzutreten.

Sie wusste, dass sie Zeit gebraucht hatte.

Und das Tonks ihr diese Zeit gegeben hatte.

Verstohlen sah Leah sich um. Sie standen in der Eingangshalle und aus irgendeinem Grund redeten alle unglaublich leise.

Sie erhaschte kurze Blicke auf einige verhängte Gemälde und einen Kronleuchter der über ihr baumelte bemerkte sie auch, bevor eine etwas molligere, kleine, rothaarige Hexe sie durch den Eingang schob und in die Küche bugsierte.

Dort warteten noch mehr Zauberer und Hexen, die Tonks nach all diesen Tagen freudig begrüßten.

Natürlich, wahrscheinlich konnten sie ihm Orden jede helfende Hand gebrauchen.

Nachdem alle Tonks begrüßt hatten wurde es merkwürdig still und die meisten begannen Leah anzustarren.

„Wen hast du denn da mitgebracht, Tonks? Hast du sie überprüft?"

Ein schon etwas älterer Zauberer mit nur einem richtigen Auge und einem Holzbein blaffte Tonks verärgert an. Sein zweites Auge musste irgendwie magisch sein, denn es wanderte unaufhörlich, wobei es immer wieder zwischen Tonks und Leah hin und her huschte.

Leah warf einen nervösen Blick zu Tonks.

Sie hatten lange darüber gesprochen, bis sie zu dem Schluss gekommen waren, dass es keine Gute Idee wäre, zu sagen wer sie in Wirklichkeit war.

Allerdings wollten sie auch nicht zu sehr lügen, also hatten sie sich eine andere Geschichte zusammen gereimt.

„Leah ist das Kind eines entfernten Verwandten von mir. Ihre Mutter ist tot und ihr Vater kann sich im Moment nicht um sie kümmern, also bat Albus mich darum sie aufzunehmen. Ich bin jetzt ihr Vormund. Morgen wird sie mit den anderen nach Hogwarts gehen und ich dachte sie sollte sie vielleicht kennen lernen, um Anschluss zu finden."

„Albus hat sie also überprüft", schnarrte der Zauberer mit nur einem Auge misstrauisch.

„Ja, Mad-Eye", murrte Tonks genervt.

Der Zauberer musterte Leah noch einmal scharf.

Es war klar, dass er sie von nun an nicht mehr aus den Augen lassen würde, aber zu mindest schien er damit zufrieden zu sein, dass Albus Dumbledore sie geprüft hatte.

Was immer das heißen sollte.

Der Zauberer machte Leah glatt Konkurrenz.

Sie konnte ihn gut verstehen.

Wenn in ihren geheimen Orden- dessen Verrat Leben kosten konnte- jemand fremdes kommen würde… sie hätte genauso reagiert.

Nein, wahrscheinlich hätte sie denjenigen nicht einmal hereingelassen.

Aber die Zauberer und Hexen um sie herum schienen Tonks zu vertrauen, denn einer nach dem anderen begann Leah anzulächeln und die kleine Hexe mit dem roten Haar kam zu ihr herüber und umarmte sie sogar.

„Armes Mädchen", murmelte sie dabei. „Keiner der sich um dich kümmert. Komm setz dich. Magst du einen Kakao haben?"

Sie bugsierte Leah zu einem freien Stuhl und reichte ihr ohne eine Antwort ab zu warten eine heiße Tasse Kakao.

„Ich bin Molly Weasley. Und das da drüben ist mein Mann Arthur." Die Hexe wies auf einen rothaarigen Mann der gerade versuchte einem ebenfalls rothaarigen und Sommersprossigen Mädchen irgendetwas zu erklären. „Und meine Tochter Ginny."

Die beiden angesprochenen winkten kurz herüber, dann vertieften sie sich wieder in ihr Gespräch.

Molly begann nun Leah die einzelnen, am Tisch sitzenden Leute vorzustellen und Leah versuchte sich all ihre Namen zu merken.

Immer wieder ging es ihr durch den Kopf: Was wenn einer von ihnen ihren Vater in ihr erkannte. Was wenn einer von ihnen stutzig über ihre Herkunft wurde? Wenn Tonks etwas verriet- aber nein, Tonks würde sie niemals verraten. Ganz sicher nicht.

Mollys Stimme drang wieder an Leahs Ohr. Gerade stellte sie ihr ihre Zwillingssöhne Fred und George vor, die verwegen grinsten und anscheinend irgendetwas ausheckten.

Das mussten die Männer mit dem Scherzartikelladen in der Winkelgasse sein.

Neben den Zwillingen saß ein dunkel haariger, schmächtiger Junge mit einer Brille auf der Nase und einer Narbe auf der Stirn.

Noch bevor Molly seinen Namen nannte, wusste Leah, dass dies Harry Potter sein musste.

Der Patensohn ihres Vaters.

Er hatte ihn gekannt.

Sie erinnerte sich an die Fotos…

Leah schluckte.

Sie wünschte es gäbe solche Fotos von ihr und ihrem Vater.

Ihre Hand griff wie automatisch in ihre Tasche in der sie seit neuestem immer ein Foto ihrer Eltern bei sich trug. Sie hatte es aus Tonks Fotoalbum genommen, das sie sich jeden Abend ansah.

Molly fuhr fort Namen zu nennen, aber Leah beobachtete unentwegt den Jungen.

Er unterhielt sich mit einem der vielen rot haarigen, Sommersprossigen Jungen. Soweit Leah sich erinnerte, hatte Molly ihn Ron genannt, anscheinend ein weiterer von ihren Söhnen.

Auf Rons anderer Seite saß ein Mädchen mit braunen Locken die ihrerseits Leah genau betrachtete.

Rasch senkte Leah den Blick.

Erkannte das Mädchen sie? Hatte Tonks nicht gesagt, sie sähe ihrem Vater so ähnlich? Hatte nicht auch sogar Lucius Malfoy sie erkannt?

Leah schloss ihre Hände fester um ihre Tasse und beobachtete die anderen am Tisch.

Hinter ihr ertönte plötzlich ein freudiger Aufruf.

„Remus!"

Leah drehte sich um und sah Tonks auf den Zauberer zulaufen der gerade die Küche betrat. Stürmisch umarmte sie ihn.

Auch die anderen sprangen auf.

„Remus, endlich!"

„Wie geht's dir?"

„Alles in Ordnung?"

Anscheinend war Remus für längere Zeit fort gewesen.

„Hat alles geklappt", wollte Molly Weasley besorgt wissen, doch ein Blick von Mad-Eye der auf Leah deutete, ließ sie verstummen.

Remus lächelte nur müde in die Runde und nickte allen zu.

„Ich hoffe du hast etwas gutes zu essen bereit, Molly. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt gegessen habe."

Molly eilte sofort wieder zum Herd und Tonks begleitete Remus zu einem freien Stuhl gegenüber von Leah.

Als sich beide setzten fiel Remus Blick zum ersten Mal auf Leah.

Einen Augenblick sah er sie ungläubig an, dann schüttelte er den Kopf, schloss kurz die Augen, blinzelte und öffnete sie wieder.

Diesmal sah er Leah länger an- und Leah wusste, er hatte sie erkannt. Sofort. Auf den ersten Blick.

Obwohl ihr dabei eigentlich hätte unwohl sein müssen, freute sie sich irgendwie.

Ihr Vater hatte einen Freund der ihn so gut kannte, dass dieser sein Kind sofort (und ohne von dessen Existenz zu wissen) erkannte. Sie mussten sich ziemlich nahe stehen… Hatten wahrscheinlich ihre ganze Kindheit miteinander verbracht…

„Tonks", sagte Remus leise und Tonks blickte auf.

„Möchtest du mich nicht vorstellen", fragte er, ohne seinen Blick von Leah abzuwenden.

Eine Sekunde blickte Tonks von Remus zu Leah und wieder zurück, dann sagte sie leise: „Leah das ist Remus Lupin. Remus das ist Leah. Ich glaube, du kanntest ihre Mutter."

Wenn es noch möglich war, so weiteten sich Remus Augen noch mehr.

„Du bist Amys Kind", hauchte er. „Albus hat erzählt das Amy… dass sie gestorben ist… vor zwei Wochen… aber er hat nichts von einem Kind gesagt… du bist ihre Tochter, richtig?"

Leah blickte sich um. Niemand schien auf sie zu achten, alle waren in ihre eigenen Gespräche vertieft.

Kurz schloss sie die Augen. Tonks vertraute ihm. Und sie vertraute Tonks.

Leah öffnete die Augen.

Zögernd nickte sie.

Kurz keuchte Remus auf, dann verstummte er wieder.

„Wie alt bist du", flüsterte er. Seine Stimme klang seltsam rau. Er wollte sich vergewissern.

„Fünfzehn", antwortete Leah im selben Flüsterton. „Im März werde ich 16. Ich war eine Frühgeburt, Mum war immer so… gestresst glaube ich während der Schwangerschaft."

„Ja, Amy war immer leicht aufzuregen", erinnerte sich Remus und ein trauriges lächeln huschte über sein Gesicht.

Mit raschen Schritten stand er auf und ohne sich um die verwirrten Blicke der anderen zu kümmern, umrundete er den Tisch und umarmte Leah.

„Wenn ich es gewusst hätte… wenn Amy etwas gesagt hätte", flüsterte er und Leah blickte in seine feuchten Augen.

„Wir werden ihn finden", sagte er dann bestimmt und so leise, dass nur sie ihn hören konnte. „Wir werden Sirius wieder finden und dann…"

Wieder umarmte er Leah diesmal fester und mit einem Mal war Leah unglaublich froh Remus vertraut zu haben.

Und Tonks vertraut zu haben.

Es war alles so einfach, wenn man Menschen hatte, denen man vertrauen konnte. Menschen, mit denen man reden konnte.

Ihr traten ebenfalls Tränen in die Augen.

„Los, setz euch endlich alle! Das Essen ist fertig."

Mit einem Schwung ihres Zauberstabs begann Molly die verschiedenen Platten und Töpfe auf den Tisch schweben zu lassen.

Remus setzte sich gehorsam wieder auf seinem Platz, doch während des ganzen Essens beobachtete er Leah und lächelte sie hin und wieder an.

Auch Leah musterte ihn. Er war nett. Er musste ein guter Freund sein.

Manchmal, wenn er ihren Blick nicht bemerkte, versank er in Gedanken.

Leah war klar, dass ihm diese ganze Sache einiges zum Nachdenken gegeben haben musste. Trotzdem stellte er keine Fragen.

Noch eine gute Eigenschaft die Leah an ihm mochte.

Remus schien zu verstehen, dass keiner der anderen etwas von Leahs Familienverhältnissen mitbekommen sollte.