I.10 Die Weihe

Vor dem Haus wartete eine schwarze Kutsche mit dunkel verhangenen Fenstern. Zwei Zevran unbekannte Männer - ihren Tätowierungen nach hochrangige Krähen - warteten darin. Dem jungen Assassinen wurden die Augen verbunden, der Ort war geheim.

Es war ein kahler, fensterloser Raum. Boden, Wände und Deckengewölbe bestanden aus einfachen, unbearbeiteten Steinen. Ein leichtes Tröpfeln, kleine Rinnsale stinkenden Wassers ließen Zevran ahnen, dass er sich unter der Erde befand, irgendwo im Gewirr von Antivas Kanälen. Hunderte von Kerzen auf Sockeln, Tischen, in Ecken und Nischen waren die einzige Licht- und Wärmequelle des ungewöhnlichen Ortes. Auf einem Altar in der Mitte lag ein junger Mann. Er lebte, seine Brust bewegte sich ruhig auf und ab, seine Augen waren geschlossen, als würde er friedlich schlafen.

"Es ist wichtig, dass er noch lebt", sprach ein Elf mit dunkler, klangvoller Stimme. In einer langen, nachtblauen Robe ging er langsam auf die Besucher zu. Zevran hatte ihn noch nie zuvor gesehen. „Ich bin Meister Dendayar. Und Magier. Komm hier herüber. Ich muss dich vorbereiten." Er wies auf einen einfachen Holzstuhl, der neben einem Tisch mit merkwürdigen Instrumenten und Gerätschaften stand. Bauchige Flaschen und Tiegel in verschiedenen Größen, Zangen, Löffel, Messer, Schalen... Ein beißender Geruch ging von diesen Dingen aus, der Zevrans Übelkeit verstärkte.

Während sich Zevran zu dem ihm zugewiesenen Platz begab, hielt Antonio den Magier kurz auf und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dendayar nickte und ging langsam auf den jungen Assassinen zu. Es war schwierig, das Alter des Elfenmagiers zu bestimmen. Eine Kapuze verdeckte die Haare, ihr Schatten fiel tief in sein Gesicht. Stechend grüne Augen blickten forschend in das blasse Gesicht des verwundeten Elfen. Kühle Hände berührten dessen fiebrige Stirn und fühlten den fliegenden Puls an seiner Halsschlagader. Schließlich wies der Magier Zevran an, sein Hemd zu öffnen und die Bandagen zu entfernen.

Der Meister fokussierte seine Hände auf die Wunde am Bauch des Assassins. Die Hände begannen, blau zu leuchten. Zevran spürte, wie eine warme Energie seine Organe durchströmte. Ein wohliges, heilsames Gefühl, als ob seine Wunde sich auf der Stelle schließen würde. Schmerz und Übelkeit ließen nach. Sein Herz schlug wieder in seinem gewohnt ruhigen und kräftigen Takt. Zurück blieb lediglich ein metallener Geschmack in seinem Mund.

"Besser?" fragte der Magier schmunzelnd.

"Danke." Zevran nickte anerkennend. "Euer Können ist beeindruckend. Und ziemlich nützlich, möchte ich sagen."

"Nichts von dem, was du hier erfährst, wird diesen Raum verlassen." Die Stimme des Magiers klang scharf und drohend. Dendayar griff nach Zevrans linkem Handgelenk, rieb die Innenseite seines Unterarms mit einer blau schimmernden Flüssigkeit ein. Sie prickelte auf der Haut, ein Gefühl zwischen Kitzeln und Brennen. Der Magier nahm ein Messer, ritzte Zevrans Armvene auf und sammelte etwas von dessen Blut in einer Schale. Ein kurzes Auflegen seiner Hand genügte, um die kleine Wunde wieder zu schließen.

Der Assassine schaute kopfschüttelnd auf die Stelle, an der nichts mehr zu sehen war, nicht einmal eine winzige Schramme. Es erschien so sinnlos, eine solche Macht verdeckt zu halten. Ein Magier mit derartigen Fähigkeiten in ihrer Zelle könnte so viele Tode verhindern, so viele Genesungszeiten verkürzen. Das Geschick der ihm bekannten Wundärzte erschien dagegen geradezu lächerlich.

Mit der Schale in seinen Händen ging Dendayar zu dem jungen Mann auf dem Altar, schnitt in eine Ader an dessen Hals und ließ auch von seinem Blut etwas hineinfallen. Er stellte das Gefäß auf einen steinernen Tisch, öffnete eine Phiole mit einer violetten Flüssigkeit und ließ einige Tropfen in das Blutgemisch fallen. Dann konzentrierte er sich, murmelte Worte in einer fremden Sprache. Aus seinen Händen schossen kurze Blitze. Sie verwandelten die dunkelrote Flüssigkeit in eine tiefschwarze Substanz. Diese brachte er dem jungen Elfen: "Trink das!"

Zevran zögerte: "Blut? Ich soll Blut trinken?"

"Es ist nicht einfach Blut", sagte der Meister. "Es ist ein magisches Gemisch. Und du musst es trinken, solange es warm ist, sonst war alles umsonst." Er legte die Schale in Zevrans Hände. Sein Blick duldete keinen Widerspruch.

Der Elf nahm das Gefäß an seine Lippen, schloss die Augen und trank. Die Substanz schmeckte widerlich. Sie brannte im Hals und in seinem leeren Magen. Zevran hatte seit zwei Tagen nichts gegessen. Es fiel ihm schwer, den Brechreiz zu unterdrücken. Er überlegte, wie die Wirkung wohl ausgesehen hätte, wäre er nicht vorher noch geheilt worden.

"Gut", sagte Dendayar. "Spürst du schon etwas?"

"Nein", antwortete Zevran ehrlich. "Nichts außer Brechreiz und einem Brennen im Magen."

Der Meister lachte auf: "Das ist die ehrlichste Antwort, die mir je jemand gegeben hat." Er wies einen Assistenten an, Zevran wieder die Augen zu verbinden. Der Assassine wurde blind durch den Raum geführt. Schließlich drückte ihm jemand einen Dolch in die Hand: "Finde ihn", hörte er die sonore Stimme des Magiers. "Finde ihn und töte ihn."

Zevran sah in der Dunkelheit seiner verbundenen Augen einen diffusen roten Ring und ging darauf zu. Als er näher kam, wurde der Ring schärfer, Runen im Rand wurden sichtbar. Vielleicht uralte elfische Symbole? Sie zogen ihn an. Der Ring war sein Ziel, er stach in dessen Mitte. Ein kurzer Aufschrei war zu vernehmen. Dendayar nahm Zevran die Augenbinde ab. Sein Dolch steckte genau im Herzen des jungen Mannes auf dem Altar.

"Gratuliere, das war gut", sagte der Meister zufrieden. "Nicht jeder trifft beim ersten Mal sein Ziel so akkurat, du hast Talent. Dies ist jetzt deine Gabe. Du musst dich konzentrieren, dann kannst du deine Ziele auf magische Weise markieren und wirkungsvoller treffen."

"Der Junge hat nicht einfach geschlafen, oder?" fragte der Assassin.

"Natürlich nicht. Der magische Schlaf war ein Teil des Rituals. Und nun - nutze deine Gabe, wie es dir gefällt. Ab und zu macht es Sinn, das Ritual zu wiederholen. Du wirst spüren, wenn das notwendig ist. Aber achte immer darauf, dass die Substanz rein ist. Verdorbenes Blut würde dich töten."

Dann wandte Dendayar sich Antonio zu, der das gesamte Geschehen stumm beobachtet hatte. Er saß in einem hohen Lehnstuhl, in einem dunklen Winkel hinter dem Altar. "Wie sieht es bei dir aus, mein Freund?" fragte der Magier. "Ich hätte noch eine junge Frau für dich. Süße zwanzig, blond..."

Der Krähenmeister zog seinen linken Mundwinkel nach unten. "Nicht heute, Dendayar."