„Geht es dir gut Astoria?"
Sumi beugte sich leicht vor, um ihre beste Freundin von der Seite ansehen zu können. Diese nickte nur monoton und ging weiter. Ihr Blick war auf den Zettel in ihrer Hand gerichtet. Noch immer spürte sie das Kribbeln in ihren Fingern. Seine Hände waren so sanft gewesen. Ganz anders als sie das erwartet hätte. Sie drehte ihre Hand und betrachtete das Brandmal nochmals. Sie konnte sich nicht wirklich vorstellen, dass daran etwas Schlimmes sein sollte. Wieder viel ihr Blick auf den Zettel zwischen ihren Fingern.
„Was steht da überhaupt drin?" Jon nahm ihr den Zettel aus den Fingern und wollte ihn bereits aufklappen als Astoria, wie von einem Hippogreif geritten, danach griff um es zurückzuerhalten.
„Was soll schon drin stehen?" Sie erhaschte das Pergament und rupfte es ihrem besten Freund förmlich aus den Fingern. „Es ist für die Krankenschwester", fügte sie mürrisch an und verbarg den Zettel in ihrer Faust. War es wirklich für Pomfrey, ging es Jon nichts an und wenn nicht, ging es ihn noch weniger etwas an. Astoria hatte nicht das Bedürfnis danach Jon dabei zu haben, wenn sie den Inhalt las. Aber eigentlich ging sie tatsächlich davon aus, dass Malfoy eine Nachricht für die Krankenschwester hinterlassen hatte. Warum sollte es anders sein? Er hatte ihr deutlich gemacht, wie er sie behandeln wollte.
Bei dem Gedanken ging ein sachtes Kribbeln durch ihre Hände, als würde Strom hindurch fließen.
„Ich geh dann wohl besser zum Krankenflügel, sonst kriegt der liebe Herr Professor noch seine Autoritätsprobleme."
Sie grinste ihre Freunde breit an und rollte kurz mit den Augen über die Anspielung zu Malfoy. Für den Augenblick wollte sie die beiden nur so schnell wie möglich loswerden.
„Wir sehen uns nachher. Poppy wird das eins, zwei wieder haben." Mit diesen Worten schlug sie bereits die Richtung zum Krankenflügel ein, ohne Jonathan oder Kasumi auch nur die Möglichkeit zu lassen, sie begleiten zu wollen. Kaum um die nächste Ecke verschwunden sah sie nochmals nach, ob einer der beiden ihr folgte, doch sie war allein.
Ihr Blick ging zum Pergament in ihrer Hand.
‚Mach dich nicht lächerlich. Was sollte da schon drin stehen?', schalt sie sich nun selbst in Gedanken, wie sie es zuvor noch bei Jon getan hatte. Allerdings konnte sie sich auch nicht vorstellen, was Malfoy der Krankenschwester hätte schreiben sollen. Es war nur eine Verbrennung. Er würde ihr sicher keine Tipps geben, wie diese zu behandeln war.
Mit zittrigen Händen faltete sie das Papier auseinander. Ihr Blick glitt über die elegante, eng geschwungen Handschrift. Nur drei Worte standen auf dem Pergament.
„Südtreppe, 23 Uhr"
Kurz stockte ihr Atem. Warum sollte er sie treffen wollen? Ihre Stirn runzelte sich automatisch. War die Nachricht doch für Pomfrey? Nein, wohl kaum. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Dennoch blieb die Frage offen, warum er sie sollte treffen wollen. Er hatte keinen Grund dazu. Außer vielleicht er hätte irgendwelche Informationen von ihren Eltern erhalten, die er mit ihr teilen wollte. Schließlich hatte er alles andere betreffend seinen Standpunkt mehr als klar gemacht. Ihre Hände zitterten bei dem Gedanken.
In dem Moment löste sich das Pergament in ihren Fingern auf und zerfiel zu staub. Etwas verdutzt blickte sie auf ihre Finger, in denen nun nur noch der feine, weisse Staub lag. Sie hatte nicht bemerkt, wie er den Zettel mit einem Zauber belegt hatte. Wie war ihm das so schnell gelungen? Sie hatten ihm doch zugesehen, wie er die Nachricht geschrieben hatte.
Aber damit war wohl klar, dass die Nachricht für ihre Augen und nur für ihre Augen bestimmt gewesen war. Kurz flackerte die Idee in ihr auf, er könnte ihr vielleicht doch noch zeigen, was passiert war, doch der Gedanke war sogar in ihrem Kopf schon lächerlich. Dieser arrogante Schnösel würde sich nie dazu herablassen, seine Meinung zu ändern. Es würde auch kaum um den Unterricht gehen, das hätte er vorhin besprechen können. Also doch eine Nachricht von ihren Eltern. Wollten sie, dass die Verlobung möglichst bald offiziell wurde? Astoria schluckte. Irgendwie hatte sie das ungute Gefühl, diese Ferien mindestens einmal auf dem Manor der Malfoys einzukehren und sie freute sich nicht auf diesen Besuch.
Noch jedes Mal, dass sie sich an ein Treffen mit den Malfoys erinnern konnte, war diese Familie kalt, arrogant und hochnäsig gewesen. Sie hatten immer schon das Gefühl gehabt etwas Besseres zu sein. Daphne war damit gut klar gekommen, hatte die perfekte kleine Malfoyfamilie angehimmelt, inklusive ihrem vermaledeiten Sohn und auch ihre Eltern waren jeweils gerade zu entzückt gewesen. Astoria hatte an betreffenden Szenen eher mühselig mit dem Brechreiz gekämpft. Klar, jetzt waren die Worte, mit welchen ihre Eltern über die Malfoys sprachen, nicht mehr ganz so himmlisch, dennoch fühlte Astoria bei dem Gedanken automatisch, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Sie wünschte sich ein weiteres Mal, dass die Malfoys ihre Stellung in der Zauberwelt noch hätten und es Daphne wäre anstelle von ihr, die dieses Ekel heiraten musste.
Angewidert wischte sie sich die Hände ab und eilte zum Krankenflügel. Vergessen war das Kribbeln ihres Körpers und ihre eigene Reaktion auf seine überraschend sanfte Behandlung. Die Erinnerung aus der Vergangenheit überwogen zu sehr, um sie einfach so zu vergessen. Gerade in Zusammenhang mit seiner Familie. Wenn sie nur an die gezwungene Höflichkeit dachte, welche sie bei einem Besuch dort aufsetzen müsste. Aus irgendeinem Grund schlich sich das Bild von Tüllkleidern, zu viel Make-up und einer kitschigen Hochsteckfrisur in ihren Kopf ein und sie schüttelte sich selbst bei dem unangenehmen Schauer, von dem sie dabei erfasst wurde.
Zwei Schritte später hatte sie die Tür zum Krankenflügel erreicht. Sie klopfte kurz an und trat ein.
Wie sie selbst bereits vermutet hatte, war die Verletzung nichts weiter als eine Verbrennung. Nichts von Zaubertrankverletzung und seinem ganzen Gefasel. Dennoch löste seine offensichtliche Fürsorglichkeit ein seltsam weiches Gefühl in ihr aus, welches sie schnell wieder abzuschütteln versuchte.
Der konnte heute was erleben. Sie wegen so einer Lappalie in den Krankenflügel zu schicken und das nur, damit er ihr so einen dämlichen Zettel in die Hand drücken konnte.
Sie spielte mit dem Gedanken gar nicht zu erscheinen. Sollte er doch vergaren, dort wo er war. Allerdings war die Verlockung auf ein weiteres Gespräch ohne lästige Zuhörer doch sehr groß. In diesen Momenten konnte sie ihm zumindest ihre Meinung sagen und gerade hatte sie unsägliche Lust ihn einfach mal aus tiefstem Herzen heraus anzubrüllen und ihm zu sagen, was für ein kleiner, arroganter Widerling er war.
Madam Pomfrey prüfte die Hand noch einmal und entließ sie mit einer etwas zu netten Bemerkung über die Aufmerksamkeit von Malfoy und von wegen Vorbildlichkeit. Astoria konnte ihr überhaupt nicht zustimmen.
Hastig verließ sie den Krankenflügel wieder und ging zurück in den Gemeinschaftsraum zu Kasumi. Jon war bereits verschwunden. Quidditchtraining. Astoria kam das nur recht, in Hoffnung darauf einem dummen Kommentar zu entgehen, doch Sumi ließ es sich nicht nehmen, seinen Platz als grundsätzliche Nervensäge im falschen Moment einzunehmen. „Und?"
„Was und?", verwirrt blinzelte das blonde Mädchen ihre beste Freundin an.
„Na, war was?"
Mit einem genervten Seufzen ließ sich Astoria auf das Sofa fallen. „Nein, natürlich nicht. Er musste sich nur wieder mal aufspielen. Oder hat einen Boten für seinen dämlichen Zettel gebraucht, weil er zu faul war um selbst hin zu gehen."
Hoffnungsvoll setzte Astoria ihr griesgrämigstes Gesicht auf und hoffte, dass Sumi nicht weiter nachhacken würde. Die Information auf dem Zettel beschäftigte sie doch weiter und sie zweifelte an ihrer eigenen schauspielerischen Leistung, dass sie es weiter verbergen könnte. Zu ihrem Glück war Sumi wohl feinfühlig aber auch zu taktvoll, als dass sie ähnlich trampelhaft wie Jon weiter darauf rumgeritten wäre. Stattdessen ließ sich die Japanerin enttäuscht ins Sofa zurückfallen und starrte die Decke an.
Es war ein schöner Tag im Herbst. Draußen ging ein sachter, wenn auch kühler Wind, der bereits die Kunde vom Winter mit sich trug. Doch der kühle Luftstrom riss für einmal den dichten Nebel auf, der sich in den letzten Tagen nur mit den etlichen Regenschauern abgelöst hatte. Zart brach am Nachmittag die Sonne durch die lichte Wolkendecke und eroberte sich Stück für Stück das Gelände von Hogwarts zurück. Der schwarze See glitzerte geisterhaft im sanften Herbstlicht, während der Wind die Blätter durch die Luft davontrug.
Viele Schüler nutzten die Gelegenheit, hinaus zu kommen. Zu eng war es für sie alle nur in den unteren Stockwerken des Schlosses, zu nahe waren sie sich alle und die Erleichterung, die dieser lichte Nachmittag mit sich brachte, war förmlich greifbar.
Kasumi hatte sich einigen ihrer Freundinnen aus Ravenclaw angeschlossen, die nach draußen gehen wollten, nach dem Astoria grübelnd ein ähnliches Vorhaben abgelehnt hatte.
Noch immer sass sie auf dem Sessel, in dem sie sich, nach dem Abstecher in den Krankenflügel, platziert hatte. Nachdenklich nagte sie förmlich an ihrer Unterlippe und fuhr sich immer wieder mit den Fingern durchs lange, blonde Haar.
Der Gedanke an Malfoy nagte an ihr. Was wollte er von ihr? Auch wenn ihre Logik darauf beharrte, dass es um ihre Familien gehen würde, so suchte sie doch immer weiter nach anderen Möglichkeiten. Nur kam sie auf keinen grünen Zweig bei ihren Gedanken.
Irgendwann hatte sie sich angefangen in den Büchern zu vergraben, damit sie nicht weiter darüber nachdenken musste. Erst beim Abendessen kam ihr in den Sinn, dass sie noch eine Möglichkeit finden musste, wie sie um elf zur Südtreppe kam. Dass sie hingehen würde, stand inzwischen außer Frage. Wahrscheinlich wäre es die einfachste Möglichkeit, nach dem Abendessen gar nicht erst in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren, sondern sich im Schloss herum zu treiben. Noch besser wäre es natürlich in die oberen Stockwerke zu gelangen und so den Lehrern, welche die Nachtruhe überwachten zu entgehen. Ihr erschien die Gefahr von dem einen Lehrer, der die oberen Räume bewachte, viel geringer zu sein. Nur dort musste sie erst mal hochkommen. So leicht wie letztes Mal würde es ihr sicherlich nicht fallen. Dennoch hielt sie an dem Gedanken fest. Beim Abendessen entschuldigte sie sich bei ihren Freunden, noch in die Bibliothek zu wollen und fürs Erste wollte sie das sogar tun. Zielstrebig ging sie die Gänge entlang zur neuen Bibliothek. Wie jedes andere Klassenzimmer war auch deren Inhalt in einer der unteren Räume verfrachtet worden. Die verbotene Abteilung war allerdings nicht mehr vorhanden. Man hatte ihnen erklärt, dass aus Platzgründen die Bücher vorübergehend nicht zugänglich sind. Wenn jemand ein Buch aus der Abteilung brauchte, so musste er bei Madam Pince danach Fragen, welche peinlich darüber Buch führte, wer welche Bücher mitnahm und wann wieder zurückbrachte. Kaum jemand, der es nicht wirklich brauchte, wollte sich derart kontrollieren lassen.
Astoria öffnete die Tür zur provisorischen Bibliothek und sogleich drang ihr der Geruch von gebundenem Leder und Pergament entgegen. Sie mochte diesen Duft. Es hatte etwas Beruhigendes. Auch wenn sie keine Bücherratte an sich war und nicht zu jenen gehörte, die jede freie Minute in diesem Raum verbrachten, sie empfand ihn dennoch als angenehm. Recht ziellos ging sie durch die Regale. Ein typisches Bild von jemandem der gar nicht so genau wusste, was er eigentlich wollte. Es war ja auch nicht anders. Die Bibliothek sollte ihr Aufenthalt und Zeitvertreib bieten, bis sie raus musste. Es würde anschließend noch eine Stunde geben, in der sie durchs Schloss irren musste, ohne einem Lehrer zu begegnen. Außer natürlich Malfoy. Vielleicht konnte sie sich dabei ja eine Möglichkeit ausdenken, um nach oben zu kommen. Vielleicht sollte sie zu Sinistra gehen und irgendeine Frage stellen. Damit wäre sie außerhalb der Stunden unterwegs, hatte aber dennoch eine Ausrede um sich auf den Treppen zu bewegen. Eine Möglichkeit wäre es und mangels einer besseren Idee, entschloss sich Astoria schließlich auch diese umzusetzen. Es war kurz vor halb zehn, als Madam Pince begann nervös zu werden und die Schüler, die sich in der Bibliothek befanden, wegen Kleinigkeiten anzufauchen. Es schien, als wollte sie selbst endlich ihren Feierabend und möglichst viele bereits jetzt schon aus ihren heiligen Hallen der Bücher verscheuchen. Astoria war es nur recht. Wenn sie erst um zehn die Bibliothek verließ, würde das nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bestimmt einen Lehrer der Aufsicht hatte dazu animieren ihren Gang zu verfolgen.
Sie legte das Buch, welches sie gerade gelesen hatte, zurück ins Regal, verabschiedete sich von der alten Schreckschraube und verließ die Bibliothek mit bestimmtem Gang. Während sie die Tür hinter sich schloss, spürte sie, wie ihr Herz pochte. Ob nun wegen ihrem Vorhaben oder allein wegen der Tatsache, dass sie sich mit Malfoy treffen wollte, konnte sie so genau nicht sagen. In ihrem Kopf entschloss sich aber vor erst für Ersteres, weil sie keine Lust hatte Malfoy eine so hohe Stellung in ihren Gedanken einzuräumen.
Beim großen Treppenhaus angekommen wäre ihr fast ein Stöhnen entglitten. Bei der Treppe stand Grey. Sie hätte es wissen müssen, dass es nicht so einfach werden würde. Noch hatte die Lehrerin sie nicht gesehen, also war noch Zeit umzukehren. Allerdings sah Astoria schlichtweg keine andere Möglichkeit, um elf an die Südtreppe zu kommen, außer über die Obergeschosse. Nur wie sollte sie an Grey vorbeikommen? Sie war sich fast sicher, dass diese die Ausrede mit Sinistra nicht schlucken würde. Aber vielleicht gab es ja eine andere Möglichkeit. Astoria war sich nicht sicher, ob Grey ihr das abnehmen würde, aber wenn sie darauf beharrte Malfoy abzufangen, bevor er seine Schicht begann, um mit ihm privat zu reden, würde sie vielleicht darauf eingehen. Sie wusste, dass Malfoy mehr mit ihr zu schaffen hatte als mit anderen Lehrern und diese hatte sie auch schon bei Malfoy gesehen.
Sie blickte zu Grey und entschloss sich es zu probieren. Das entsprechend etwas peinlich berührte Gesicht aufzusetzen, welches es zu so einer Frage brauchte, fiel ihr nicht sonderlich schwer. Sie war eine durchaus brauchbare Schauspielerin, was das betraf. Schließlich hatte sie Eltern und eine ältere Schwester, welche auf dieselbe Weise bezirzt werden mussten.
„Miss Greengrass."
Der erstaunte Unterton in der Stimme der Lehrerin war nicht zu verkennen. Gut.
„Was suchen sie zu dieser Zeit denn noch hier?" Auch nicht zu missachten war, dass Grey sie wohl wirklich irgendwie mochte. Astoria glaubte zu wissen, dass viele andere Schüler schneller wieder weggeschickt worden wären, als sie den Mund öffnen konnten.
Zierlich senkte sie den Kopf einwenig, als sie vor Grey zu stehen kam und blickte betreten zu Boden.
„Nun ja… es ist…", sie hob den Kopf wieder ein Stück an um Grey von unten herauf anschauen zu können, nur um gleich darauf den Blick wieder zu senken.
„Ich wollte sie fragen. Nun ja, sie wissen ja…"
„Nun sprechen sie schon", unterbrach Grey die junge Greengrass mit leichter Ungeduld in der Stimme. Astoria musste ein triumphierendes Lächeln unterdrücken. Hatte sie da etwa auch Sorge mit raus gehört? Sie fuhr mit ihrem Schauspiel fort.
„Es geht um Professor Malfoy."
Schweigen. Es kam keine Antwort. Astoria wagte es nicht, den Blick zu heben, es wäre zu verdächtig gewesen. Stattdessen fuhr sie mit zittriger Stimme fort, während das Herz ihr bis zum Hals hinauf schlug.
„Ich muss ihn dringend persönlich sprechen, aber wenn ich nach dem Unterricht zu ihm gehe oder gar in sein Büro… naja sie kennen ja die Mädchen hier, dann heisst es gleich wieder… Dabei…" Sie setzte eine kurze Pause an. „Naja, sie wissen ja, wie ich zu ihm stehe. Ich möchte nicht noch mehr Gerede haben, als es bereits gibt und er bewacht ja ebenfalls hier die Gänge und da dachte ich…"
„… dass ich sie hier warten lasse bis er mich ablöst." Beendete Grey den Satz mit einem leichten Seufzen. Astoria nickte nervös. Sie hatte keine Ahnung, ob es klappen würde. Grey war schlau und konsequent.
„Professor Malfoy hat hier Arbeit zu verrichten und nicht Kaffeekränzchen abzuhalten, Miss Greengrass."
Astoria schwieg, wagte allerdings, einen leidenden Blick nach oben zu werfen, um ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen. Grey schien zu überlegen.
„Nun gut. Aber sie können nicht die ganze Zeit hier warten. Ich habe zu tun. Wie wäre es wenn sie zu Sinistra gehen. Professor Malfoys Schicht beginnt um halb elf."
Astoria gelang es nur knapp, das Grinsen von ihren Lippen zu streichen, allerdings nicht das Leuchten aus ihren Augen zu bannen. Es hatte geklappt. Nun war da nur noch eine Kleinigkeit, die Sahne auf der Schokolade sozusagen.
„Da wäre noch was. Könnten sie ihm… vielleicht vorenthalten, dass ich ihn aufsuchen werde?"
Grey schien erneut erstaunt, nickte aber widerwillig. „Wenn sie meinen. Und nun gehen sie, bevor ich mir das anders überlege." Astoria nickte und erleichternd lächelnd huschte sie an Grey vorbei die ersten Treppen hinauf.
Erst im vierten Stock hielt sie inne. Sie hatte nicht vor bis zu Sinistra zu gehen. Schließlich war diese mit Unterricht beschäftigt.
Schon lange war ihr eine Stunde nicht mehr solange vorgekommen. Die Gänge waren recht unspektakulär. Bis auf die Spuren des Kampfes gab es hier nichts mehr, was man hätte erkunden können. Sie betrat einige Zimmer, bis es ihr schließlich zu öde wurde und sie sich zur Südtreppe aufmachte. Malfoy war noch nicht da. Mit einem resignierten Seufzen setzte sie sich oben an die Treppe und lehnte den Kopf gegen die Wand. Nach einer Weile verschränkte sie fröstelnd die Arme. Wann kam er endlich? War überhaupt schon elf? Sie hatte keine Ahnung. Mit geschlossenen Augen lauschte sie den Geräuschen des Schlosses. Es war still. Zu still wenn es nach ihr ging. Keine schwatzenden Gemälde, keine quietschenden Rüstungen, keine knarrenden Holztüren oder Schritte. Die einsame Leere der oberen Räume war wahrhaftig geisterhaft. Wahrscheinlich waren dies auch noch die einzigen Gestalten, die sich hier bewegten.
„Irgendetwas Auffälliges?"
Draco Schritt bestimmt auf seine Kollegin zu. Mit einem Lächeln hob Simone den Kopf und schüttelte den Kopf.
„Nein, nichts Besonderes. Scheint als hätten sie es Tatsächlich begriffen. Nur so ein ehemaliger Hufflepuff, der meinte die Regeln gelten nicht für ihn."
Draco nickte. Er mochte es nicht unbedingt, wenn sie ihn anlächelte. Es war so aufrichtig und gut gemeint. Etwas zu gut für seinen Geschmack und in den meisten Fällen unterließ sie es auch. Simone Grey war nach seiner Einschätzung auch nicht der Typ von nettem Lächeln, doch zwischendurch entfiel ihr doch ein solches. Er beschloss, es zu ignorieren. Sie war jene Lehrerin, die ihm als einzige wirklich beistand, ohne voreingenommen zu sein.
„Ich denke du solltest keine Probleme haben. Vielleicht kannst du dir noch den Raum der Wünsche ansehen. Er wurde sehr stark zerstört, aber aus irgendeinem Grund hält er die Belastung immer noch aus. Wahrscheinlich wegen seiner besonderen Eigenheiten. Aber ich möchte dennoch nicht, dass er sich doch noch zu einer Zeitbombe entwickelt."
Wieder nickte Draco. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in ihm aus, beim Gedanken an den Raum der Wünsche. Nicht nur weil Vincent darin umgekommen war. Es waren all diese unangenehmen Erinnerungen daran, die ihn frösteln liessen.
„Ich werde ihn mir ansehen, wenn ich dazu komme."
Simone verabschiedete sich von ihm und Draco machte sich augenblicklich auf den Weg zur Südtreppe. Es war nichts Ungewöhnliches dabei. Er ging immer erst zur Südtreppen, um sie zu überprüfen. Genau darum hatte er Astoria dorthin gebeten. Gut, gebeten mochte übertrieben sein, doch er hoffte dennoch, dass sie neugierig genug gewesen war, um den Zettel zu lesen und dort zu erscheinen.
Offensichtlich war sie noch nicht da. Unbewusst atmete er aus und ignorierte seinen erhöhten Puls. Warum war er auch auf diese bescheuerte Idee gekommen? Warum auch immer, jetzt konnte er schlecht wieder zurück. Er blickte den Gang entlang, aus dem er sie erwartete. Seine einzige Möglichkeit wäre, zu verschwinden, bevor sie hier erschien.
„Suchst du was?" Draco kniff die Augen zusammen, ohne sich umzudrehen. Astorias Stimme war herausfordernd und kam vom oberen Ende der Treppe. Nur langsam drehte er sich um und blickte hinauf. Ihr Auftritt hatte etwas Triumphierendes, wie sie oben an der Treppe stand und auf ihn hinunterblickte. Äußerlich gelassener als er wirklich war, hob er abschätzig eine Augenbraue.
„Scheint so, als hätte ich es gefunden."
Er unterdrückte ein Grinsen, während er die Treppe hinaufging. Mit einem Wink seines Zauberstabes hob er den Alarmzauber auf der Treppe für einen kurzen Augenblick auf und trat Astoria gegenüber.
Sichtlich war ihre Enttäuschung darüber, wie wenig beeindruckt er sich über ihren wundersamen Auftritt gab.
„Hat dir denn niemand beigebracht, dass man nicht Nachrichten von Fremden Leuten lesen soll?", feixte er leicht zynisch, während er mit der Hand einladen auf den leeren Gang vor ihnen deutete. Als Antwort bekam er ein beißendes Lächeln. Er grinste sie an. Steif folgte sie seiner Einladung und ging voran den Gang entlang.
„Also, was wollen unsere Eltern?" Sie hatte ihren Kopf zu ihm umgewandt, während sie nebeneinander hergingen. Verblüfft sah Draco sie an. Ihre Eltern? Wie kam sie darauf? Erst einen Augenblick später begriff oder vermutete er ihre Gedankengänge und schüttelte den Kopf.
„Das hat nichts mit unseren Eltern zu tun."
Er sah, wie die Angriffslust auf Astorias Zügen kurz Verwunderung Platz machte, doch gleich darauf war ihre feindliche Miene wieder Programm.
„Was willst du dann von mir? Ein romantisches Rendezvous kann man das ja wohl nicht nennen", brachte sie zynisch hervor, worauf Draco tatsächlich ein amüsiertes Lächeln entglitt. Noch immer war er nervös und unruhig, doch ihre feindliche Haltung machte es einfacher.
„Hättest du denn gerne eines?", gab er spöttisch zurück und bekam prompt einen giftigen Blick geschenkt. Statt weiter darauf einzugehen, wies er mit der Hand in den nächsten Gang, wo eine Treppe hinaufführte.
„Wohin gehen wir?", fragte sie ein weiteres Mal. Draco war nicht gewillt zu antworten. Er hatte keine Lust ihr etwas zu erklären oder sich zu rechtfertigen. Sie würde es wissen, wenn sie dort ankamen.
Schließlich hob er den letzten Bannzauber und die Illusion, welche das Geheimnis der Lehrer vor neugierigen Schüleraugen verbarg und blieb stehen. Vor ihnen erstreckte sich der eingestürzte Teil des Schlosses. Teile des Geländers waren noch vorhanden, doch das meiste war genauso eingerissen worden, wie die Treppe und Stücke des Ganges, die hier einmal gewesen waren. In der Mitte erhob sich schillernd die Anomalie, welche ihnen allen so viel Kopfzerbrechen bereitete.
„Bei Merlin."
Ein Lächeln zog sich auf Dracos Züge, als Astoria zaghaft näher ging. Seine Arme hinter dem Rücken verschränkt, beobachtete er, wie sie in vorsichtigen Schritten bis zum halb eingefallenen Geländer vor ging und ehrfurchtsvoll ihre Hand ausstreckte. Er folgte ihrem Blick und zum gefühlte hundertsten Mal betrachtete er die Anomalie. Ein zartes Gespinst aus lichterhellen Fäden, die in einander flossen und sich verspannen, obwohl sie sich doch nicht zu berühren schienen. Zwischen durch waren sanfte Farben zu erkennen ohne, dass sie die Sinne wirkliche fassen konnten. Die Luft schien zu knistern vor lauter Magie. Sie füllte den ganzen Raum des eingestürzten Teiles.
Sie war wunderschön, aber auch gefährlich. Dies war auch der Grund, warum Draco nun langsam wieder zu Astoria aufschloss. Sachte legte er ihr eine Hand auf die Schultern, um sie davon abzuhalten noch näher zu gehen.
„Was ist das?"
Ihre silberne Stimme war mehr ein Hauchen. Draco ließ sich Zeit mit antworten, doch seine Hand blieb, wo sie war. Es fühlte sich gut an. Es fühlte sich richtig an.
„Eine magische Anomalie."
Unverständnis war auf ihrem Gesicht zu lesen, während sie den Blick nicht vom magischen Licht wenden konnte. Nachdenklich betrachtete Draco das Mädchen. Er hatte auch nicht mehr darüber gewusst bis vor ein paar Tagen. Er hatte schon davon gelesen, doch die Bücher vermochten kaum darüber zu berichten. Es war zu selten.
„Hogwarts wurde rein magisch erbaut. Jeder Stein in diesem Schloss wird mit Magie auf dem anderen gehalten. Jedes Bild wird mit Magie befestigt. Jede Tür, jedes Fenster öffnet sich durch Zauber die wir nicht einmal mehr wahrnehmen", begann er leise zu erklären. Sie sah ihn nicht an. In ihren dunklen Augen spiegelte sich nur das Schauspiel der Magie wieder.
„Beim Kampf um Hogwarts wurden grosse Teile dieser Magie zerstört. Es schien einem Wunder zu gleichen, dass wir die unteren Stockwerke halten konnten. Die verbliebene Magie ist instabil. Alles muss Stück für Stück wieder aufgebaut werden. Als müsste man in einen Teppich voller Brandlöcher die neuen Stellen einweben."
Dracos Blick ging auf das Schauspiel vor ihnen und ein bitteres Lächeln legte sich auf seine Lippen. Die Schönheit war so trügerisch.
„Das hier ist ein Auswuchs der Zerstörung. Die verschiedenen Zauber sind verschwunden nur ihre inne habende Magie ist zurückgeblieben. Wild und unkontrolliert. Simone Grey hat sie am Montagmorgen entdeckt. Da war sie noch klein, kaum faustgross, kurz darauf hat sie das alles eingerissen durch die unkontrollierte Energie die ihr innewohnt."
Es war das erste Mal, da Astoria ihren Blick zu ihm umwandte und ihn verwundert ansah. Er erwiderte ihren Blick ruhig, obwohl es ihn nicht ungerührt ließ, wie sie ihn ansah. Er nahm die Hand von ihrer Schulter und stützte sie auf dem unzerstörten Teil des Geländers ab.
„Aber…"
Sie schien etwas fragen zu wollen, doch sprach nicht mehr weiter. Draco konnte sie nur zu gut verstehen. Die Magie wie sie jetzt vor ihnen war, hatte zwar etwas Wildes, Ungestümes, es bewegte sich fortlaufend, doch es hielt immer dieselbe Form und Größe. Eine Kugel mit einem ungefähren Durchmesser von zehn Metern.
„Sie hat sich rasant vergrössert. Aus dem Nichts gekommen ist sie in der kurzen Zeit so gross geworden. Wir haben einen Zauber darüber gelegt, dass sie daran hindert sich weiter auszudehnen. Aber die Magie zehrt daran. Er muss jeden Tag erneuert werden, damit die Magie nicht ausbricht. Darum ist es hier so gefährlich."
Er seufzte leise bei dem Gedanken daran. Dass sie einmal hier Wache schieben müssten um Schüler vor ihrem potentiellen Tod zu schützen, war ein ungeheurer Gedanken. Dass sie selbst dabei ihr Leben riskierten, daran wollte er schon gar nicht denken. Es war ihre Aufgabe weitere mögliche Brüche in der Magie zu finden und zu verhindern, dass eine weitere Anomalie überhaupt entstand.
„Das Schloss ist riesig. Wir können nur vermuten wo die Schäden gross genug sind um eine weiter Anomalie hervor zu rufen und diese so schnell wie möglich reparieren."
Astoria schwieg, ihre Augen nun wieder starr auf die Anomalie gerichtet. Nach einigen Augenblicken tat Draco es ihr gleich. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie so standen. Allzu lange konnte es nicht gewesen sein, als Astoria wieder zu sprechen begann.
„Wieso hast du mich hergeführt?"
Draco blinzelte, beließ seinen Blick allerdings auf der Anomalie. Einen Moment überlegte er, doch auf eine Antwort, kam er auch selbst nicht. Er wusste nicht wirklich, was ihn dazu bewegt hatte. Er machte es einfach.
„Du wolltest wissen, was wir vor euch geheim halten. Hier hast du es."
Bestimmt wandte er sich zu ihr um, um seinen folgenden Worten Nachdruck zu verleihen. „Ich vertraue darauf, dass dies nicht in der ganzen Schule bekannt wird."
Er registrierte ein leises, unsicheres Nicken bei ihr und betrachtete sie nachdenklich.
„So schön sie auch aussehen mag, die Anomalie ist zerstörerisch und wer ihr zu nahe kommt, wird nicht mehr zu retten sein." Damit wandte er sich zum Gehen ab. Kurz darauf hörte er Astorias Schritte, wie sie ihm folgte.
