Die Rückfahrt von Claire war ungewöhnlich still.
Chris blickte hin und wieder zu der schweigenden Jill neben ihm, um sich zu vergewissern, das sie überhaupt noch da war.
Er fragte sich zusehends, ob Jill nicht doch das Gespräch zwischen ihm und Claire mitbekommen hatte. Diese Ungewissheit zerfleischte ihn innerlich, denn das waren die zwei wunden Punkte tief in ihm drin, die sie eigentlich niemals erfahren sollte. Nun ja, den einen jedenfalls über den anderen würde er mit sich streiten lassen. Um ehrlich zu sein würde er ihr diesen sogar sagen, aber er war sich nicht sicher, wie seine Partnerin reagieren würde.
Nachdem Chris von zwei weiteren Fahrzeugen im Gegenverkehr geblendet worden waren, konnte er keine Sekunde länger die Stille ertragen.
,,Hast du eigentlich gewusst, das viele Menschen überlebt haben?"
Jill, die aus ihren Gedanken gerissen worden war, blickte zu ihm auf: ,,Welche Menschen?"
,,Die Leute, die genau wie du in dieser Hölle festsaßen. Es waren viele, aber rund ein Drittel konnten die Kumpels aus Afrika noch lebend rausholen."
,,Wenigstens etwas." sie blickte wieder zur Straße.
,,Das wird bestimmt an die Presse gehen. Glaubst du, du musst noch mal Rede und Antwort stehen?"
,,Schon möglich."
Ihre Antworten waren knapp.
Zu knapp, wie Chris bemerkte und dann legte sich wieder unfreiwilliges Schweigen zwischen die beiden. Resignierend seufzte er dann leise. Jill war sicher nur müde, genau wie er. Ja, so musste es sein…
Erst als beide im Parkhaus des Hotels ankamen und Chris den Motor abstellte, hielt er sie an der Schulter fest, davon ab, auszusteigen.
Fragend sah sie zu ihm.
,,Jill…du bist so ruhig. Ist alles in Ordnung?" Sein Blick an sie war beinahe flehend.
Jill blickte weg. Sie wurde auf einmal wieder so wütend. Warum das so war, wusste sie nicht, aber die Wut ballte sich in ihr zusammen.
,,Du brauchst kein Auge auf mich zu haben!"
Chris war ertappt und war erschrocken über ihre heftige Reaktion. Er ließ ihre Schulter los. Sie hatte das Gespräch doch mitbekommen.
Die Blonde schluckte und sprach weiter: ,,…Ich kann sehr gut auf mich alleine aufpassen! Das habe ich schon immer gekonnt und auch die letzten drei Jahre war das nicht anders."
,,Jill!"
,,Nein, Chris…" sie war noch immer wütend, ,,…ich glaube du siehst das falsch. Ich bin kein kleines Mädchen mehr, so wie vor zehn Jahren in den Arklays! Du brauchst nicht mehr meinen großen Bruder zu spielen!"
,,Jill…" begann er von neuem, ,,…ich…"
,,Ja ich weiß, du sorgst dich um mich, okay…" sie zog ihre Augenbrauen sauer zusammen, ,,…aber wieso besprichst du das dann nicht mit mir, sondern mit deiner Schwester?…Du siehst mich wohl wirklich nicht mehr so wie früher!"
Chris nahm ihre Hand: ,,Denk das nicht, denn das stimmt nicht, ich sehe dich nicht anders."
,,Ach, dann hat also nicht nur meine Seele gelitten, sondern auch meine Ohren, was?" strickt zog sie ihre Hand zurück. Ja, sie hatte alles mitbekommen.
Chris blickte ertappt unter sich, seine Stimme von Reue durchzogen: ,,Das war nicht so gemeint." Er wollte sie doch keinesfalls Verletzen.
,,War es wohl! Du glaubst wohl ich wäre nicht mehr die Jill, die du kanntest. Du hältst mich für anders!…Und was war gestern mit `Rede mit mir, Jill, ich höre dir zu, ich helfe dir, Jill!´ Du sagst mir nicht mal, was mit dir los war! Warum soll ich mich dann dir weiterhin anvertrauen?" abrupt öffnete sie die Tür und stieg aus.
Der Agent blickte erneut unter sich und schloss die Augen.
Sie war dran, das Vertrauen zu ihm zu verlieren, aber recht hatte sie. Er verlangte, das sie ihm alles erzählte, was in den drei Jahren passiert war und er selbst konnte es nicht. Ja, auch seine Erinnerungen waren…schmerzhaft. Und er kannte Jill, sie würde sich jetzt zurückziehen und schmollen, grübeln und vor Wut irgendetwas zerschmettern oder gegen die Wand werfen. Allerdings war es gerade das, was Jill jetzt nicht tun durfte. Chris wollte nicht, das sie wieder einen solchen Zusammenbruch erlitt, wie letzte Nacht, also zögerte er nicht und folgte ihr.
,,Jill!…Warte!" doch als er um den Wagen gegangen war, stockte er.
Jill war nicht weit gekommen.
Sie hielt sich mit einer Hand am hinteren Teil des Wagens fest, die andere lag in ihrem Nacken, die Augen schmerzhaft geschlossen und den Kopf gesenkt. Je mehr sie sich aufgeregt hatte, umso stärker schien das Pochen ihres Kopfes geworden zu sein.
Besorgt kam er zu sie und legte seine Hände an ihre Oberarme: ,,Hey! Bist du okay?"
Sie öffnete die Augen und blickte ihn an, dann stieß sie seine Arme weg und fauchte ihn gereizt an: ,,Fass mich nicht an!"
,,Hey…" protestierte der Agent und wollte abermals nach ihr greifen, doch Jill wich abermals, heftig zurück.
,,Du sollst die Finger von mir lassen, Chris!"
Er war völlig perplex über Jills Wutausbruch und ihm blieb nichts anderes übrig, als sie gehen zu lassen…
In ihrem Zimmer angekommen, streifte sie ihre Schuhe ab, ließ sich auf ihr Bett fallen und hielt sich die schmerzenden Schläfen mit beiden Händen.
Heiße Tränen stiegen in ihr hoch, allerdings hielt sie diese zurück. Sie machte sich schreckliche Vorwürfe.
,,Ich bin doch so eine blöde Kuh!"
Warum hatte sie Chris vorhin so angefahren?
Wie konnte sie das nur tun?
Nach allem, was er getan hatte, hatte er das nicht verdient. Was hielt er jetzt nur von ihr?
,,Es tut mir leid…" sie wandte sich unter den starken Kopfschmerzen auf die linke Seite, ,,…Oh verzeih mir…"
Was war bloß los mit ihr?
Vorhin noch, war sie so wütend gewesen. So wütend und verletzt, das sie Chris am liebsten den Kopf abgerissen hätte und jetzt?
Jetzt wollte sie am liebste rüber gehen und ihm in die Arme fallen. Sie fühlte sich allein und verzweifelt.
Sie hatte doch niemanden außer ihm. Er war ihr bester Freund. Oder war es so besser? Ihn auf Abstand zu halten?
,,Chris…" Jill schniefte, schloss erschöpft und todmüde die Augen. Sie sehnte sich nach seinen Armen…
…Sie erwachte und spürte eisige Kälte.
Eisige, klirrende Kälte.
Ihr war schwindelig und sie fühlte sich benommen. Sie konnte sich nicht erinnern, wo sie war, doch das grelle Neonlicht blendete ihre noch lichtempfindlichen Augen…
,,Nein!" ihr Atem beschleunigte sich.
…Erschöpft drehte sie den Kopf zur Seite und erblickte eine schneeweiße Wand. Etwas hielt sie fest.
Jill blickte zu ihrem linken Arm und sah den dünnen Schlauch der darin steckte.
,,Wo bin ich denn nur?" fragte sie mit völlig ausgetrocknetem Hals und setzte sich unter heftig stechenden Schmerzen in der Brust auf.
Niemand war in diesem steril-weißen Zimmer, eine dicke Metalltür schloss sie ein. Ihr wurde schlecht.
Ruckartig drehte sie sich zur Seite und erbrach sich. Platschend fiel es zu Boden. Es kam nicht viel, lange war es sicher her, das sie etwas gegessen hatte.
Jill wurde panisch, als ganz dunkel, ganz leise, schreckliche Erinnerungen in ihr hervor krochen…
,,Nein…nicht…wieder…nicht dort…" Jill wandte sich heftig.
…Sie hatte sich zitternd erhoben, stand dort in dem Raum, schlotternd vor Kälte und Erschöpfung. Hinter ihr Monitore und Röntgenbilder. Ein Thorax, mit einem metallenen Etwas und Drähten im Brustkorb. Es wirkte wie ein Krankenhaus, doch es war keins.
Langsam und wackelig, ihre Hand ausgestreckt, um im Falle eines Sturzes Halt suchen zu können, ging sie auf den Monitor zu und sah darin ihr Spiegelbild. Das braune Haar war wirr, ihr Gesicht blass und eingefallen. Sie trug ein weißes Hemdchen und stockte.
Da war etwas.
Etwas rotes leuchtete unter dem Stoff, der Schmerz kam zurück…
,,…nicht hinsehen…nicht…hin…sehen…" sie klang gequält.
…Sie hörte nicht auf sich, streifte das Hemdchen runter und dort sah sie es.
Kurz vor dem Hyperventilieren war sie, als sie das metallene Gerät erblickte. ,,Oh Gott…" Es waren ihre Röntgenbilder gewesen.
,,Nein…" zitternd griff Jill danach, packte das kalte Metall, wollte es weg machen, doch der Schmerz war unerträglich. Es hing in ihr drin! Die Wunden bluteten noch…
,,NEIN!…NICHT WIEDER!…" Ihre Schreie waren laut, ihre Augen längst nicht mehr trocken.
…Die Schmerzen nahmen zu und Jill stürzte mit den Knien auf den kalten Boden. Sie weinte. Was war das für ein Ding? Es hing in ihr? Es hing in ihr!
Was hatte man…er ihr angetan!
,,Aaah!" Jill schrie weinend. Es fühlte sich an, als würde etwas in sie fließen. Als würde etwas brennendes durch ihre Adern zischen, ihr blieb die Luft weg. Sie hatte das Gefühl sich erneut übergeben zu müssen. Es tat weh!
,,Guten Morgen Jill…" seine kalte Stimme ließ sie angsterfüllt aufblicken. Er war durch die Tür getreten.
,,Nein!" Sie schüttelte den Kopf…
,,NEIN!…" Jill verkrampfte sich, ,,...GEH WEG! HAU AB!…NEIN, NEIN…BITTE LASS MICH IN RUHE!…BITTE!"
…Sie kroch weg von ihm. Er kam auf sie zu und schob seine Sonnenbrille zurecht: ,,Bald wirst du verstehen, Jill." Dann drückte er einen Knopf auf der Fernbedienung in seiner Hand.
Explosionsartig nahm der Schmerz zu. Jill stürzte vollends zu Boden und warf den Kopf zurück. Sie krümmte sich und ihre Brust drohte zu zerspringen.
Es tat weh, es tat so schrecklich weh! Sie konnte nicht atmen…
,,Aaah!" ihr heller Schrei erfüllte das Zimmer. Erschrocken fuhr sie aus dem Traum heraus, riss die Augen auf und fasste sich an die Brust. Heftig begann Jill zu husten, rang nach Atem. Hastig setzte sie sich auf und krallte an der Bettkante fest.
…Chris…
Es war ein Traum gewesen.
…Nur ein Traum!…
Panisch blickte sie sich im Zimmer um und hatte Mühe sich zu beruhigen. Sie war allein. Das bestätigte das hereinfallende Mondlicht.
Voller Angst blickte Jill zu ihrer Brust. Am Rande des Tops blitzte das Pflaster hervor und Jill war erleichtert.
…Es war wirklich nur ein Traum…
…dann klopfte es erneut an ihrer Zimmertür und Jill wäre beinahe das Herz in die Hose gerutscht. Wieder musste sie sich in Erinnerung rufen, das es nicht das Hämmern gegen eine Metalltür in einem kahlen, kalten Labor war, sondern das Klopfen auf eine Holztür in einem gemütlichen, sicheren Hotel.
Aufgeregt erklang seine Stimme: ,,Jill?…Verdammt mach die Tür auf!…Was ist da drin los?"
,,Chris?…" es war ein Flüstern, was ihre Lippen verließ und sie blickte auf die Wanduhr, neben dem Bett.
01:32 Uhr.
Sie war erst vor knapp drei Stunden eingeschlafen und genau so fühlte sie sich auch noch. Hundemüde.
Wieder klopfte es: ,,Jill?…Hey!…"
Jill stand rasch auf und eilte zur Tür. Was wollte Chris denn um diese Zeit?
Kurz vor dem öffnen, hielt sie allerdings inne und beruhigte noch mal ihren Atem, sie wollte so gefasst wie möglich klingen: ,,Chris?…Bist du das?" Sie kam sich vor, wie in einem billigen Kinofilm in dem die Hauptdarsteller lediglich Klischeefragen aus dem Drehbuch ablesen konnten.
Sie hörte wie er vor der Tür erleichtert ausatmete.
,,Mann, bist du wach?…" fragte er dann, ,,…Geht es dir gut?…"
,,Warum fragst du?" sie lauschte durch die Tür.
,,Ich habe em…" er suchte anscheinend nach Worten, ,,…also em…Jill, bist du alleine da drin?"
,,Ja." sie schloss die Augen, noch immer war sie schrecklich müde.
Wieder hörte sie seinen Atem und dann erklang auch wieder seine Stimme: ,,Kannst du mich rein lassen?"
,,Jetzt?"
,,Ja…"
Jill schluckte, das war ihr überhaupt nicht recht. Er sollte sie nicht in dieser Verfassung sehen. Was konnte er nur von ihr wollen?
Sie biss sich auf die Unterlippe, als sie erkannte, das ihr Bett direkt an der Wand stand, die ihre beiden Zimmer voneinander trennte. Wenn sie also so heftig geträumt, hatte er auch sicher gehört, das sie…
,,Jill!…" jetzt klang er besorgt, ,,…Komm, mach keinen Scheiß, mach die Tür auf!"
Heiß brannten die Tränen noch immer in ihren Augen, doch Jill wischte sich diese weg. Ja, sie würde öffnen, obwohl sie es nicht wollte. Jedoch wusste sie, das Chris keine Ruhe geben würde. Notfalls würde er sich etwas einfallen lassen und zu unkonventionelleren Methoden greifen…
Als er hörte, das dir Tür entriegelt wurde, fiel ihm ein Stein vom Herzen.
Ihm war vorhin das Herz in die Hose gerutscht, als er Jill hatte schreien hören. Chris hatte sich sonst was ausgemalt und war natürlich schnellstens rüber gehastet. Er machte sich mehr als Sorgen.
,,Jill!" hauchte er, als sie vor ihm stand, verstummte dann jedoch erschrocken. Er sah ihre geröteten Augen und er wusste, das sie geweint hatte…
Jill, die ihre Tür wieder abschloss nachdem er drin war, stellte sich dann zu ihm, mied es jedoch ihn anzusehen und verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Was willst du?" Ihre Stimme kratzte noch etwas. Sie war noch immer mehr als aufgewühlt.
Er schwieg erst.
Chris wusste nicht, was er sagen sollte, griff daher nach dem erstbesten, was ihm einfiel: ,,…Ich wollte sehen, ob es dir gut geht…"
Ihre Hand hatte sich langsam, unbewusst an ihre Brust gelegt, noch immer blickte sie unter sich.
,,Es geht mir gut." noch nie hatte Jill so schlecht gelogen, das musste sie selbst feststellen.
Chris atmete aus und schüttelte den Kopf.
Natürlich war das nicht der Fall. Dafür brauchte man sie nur anzublicken. Sie stand vor ihm, ohne Selbstvertrauen, in sich gekehrt, wirkte wie ein Häufchen Elend.
,,…Komm her…" sprach er leise und kam ihr langsam näher. Sanft legte er seine Arme um die Agentin und drückte sie an sich.
Jill atmete aus.
Sie wollte ihm nicht nahe sein.
…Nicht…ich kann nicht…
Alles in ihr protestierte gegen diese Umarmung. Warum, wusste sie nicht.
Ihre Hände legten sich an seine Oberarme und wollten ihn weg drücken, doch ihre Kraft floh vor ihr davon. Seine Wärme tat ihr gut. Wider allem, was sie dachte, legte Jill ihren Kopf an seine Brust, genoss seinen männlichen Duft, seine schützenden Arme.
…Warum auch nicht?…Warum nicht?…
,,Chris…" sie schmiegte sich an ihn, atmete tief durch und schloss die Augen. Jill fühlte sich mehr als hingezogen. Es schien ihr, als hätte er irgend eine Macht angewandt, gegen die sie kaum anzukommen vermochte.
Beruhigend hielt er sie, strich ihr wieder tröstend über den schmalen Rücken. Sein Herz klopfte erneut heftig schmetternd in seiner Brust. Sorgen machte er sich noch immer, aber er mochte es auch, ihr so nahe zu sein.
,,…es tut mir leid…" sagte Jill dann nach einer kleinen Ewigkeit. Sie bereute wirklich, wie sie sich auf der Autofahrt verhalten hatte. Chris wusste das.
Er nickte: ,,Ist schon gut…ich habe…Ich hatte kein Recht mit meiner Schwester über dich zu reden…Mir tut es auch leid."
Sie schwieg, aber Chris wusste, das sie ihm verziehen hatte. Er blickte auf sie herab und fragte vorsichtig: ,,Du hast…geträumt, nicht wahr?"
Umgehend nickte Jill, dann fand sie endlich die Kraft sich von ihm los zu drücken, wandte noch immer den Blick zu Boden und ging zum Bett. Sie setzte sich auf die Kante.
Chris folgte ihr schweigend und nahm neben ihr Platz: ,,Willst du darüber reden?"
Jill schüttelte traurig den Kopf. Er hatte sie gehört, ohne Zweifel.
,,Wirklich nicht?" bohrte der Agent sanft nach.
Die Blondine schluckte und schüttelte abermals den Kopf. Sie wollte es nicht noch mal durchleben. Einmal für heute, hatte ihr gereicht.
Absichernd blickte sie noch einmal zur Tür. Jill wusste selbst nicht, weshalb sie vorhin abgesperrt hatte. War es ein Reflex gewesen?
Nein.
Aber den wahren Grund wollte sie sich kaum eingestehen.
Sie wusste, das Weskers Fähigkeiten übermenschlich waren und das ihn eine einfache Holztür kaum aufgehalten hätte. Das absperren, dämpfte trotzdem ihre Angst ein wenig.
Die Angst, das er wieder zu ihr kam, sie wieder gegen ihren Willen irgendwo hin bringen würde.
Wesker war Tot, dessen war Jill sich…ziemlich sicher. Oder?
Wenn nun das Uroboros ihn wieder regeneriert hat und…Nein! Sie verwarf diesen grauenhaften Gedanken. Sie hatte selbst gesehen, wie die Raketen ihn zerfetzt haben, er war zuvor sogar noch in die Lava gestürzt und nur mit Feuer konnte man Uroboros vernichten. Er konnte ihr also nichts mehr antun. Nie wieder! Er konnte nicht plötzlich auftauchen, die Tür aus den Angeln reißen und sie wieder mit sich nehmen. Er war weg. Ein für alle mal.
Jedoch fühlte Jill sich dennoch besser, wenn die wusste, das die Tür verschlossen war.
,,Alles okay?" fragte Chris, ihre Schweigsamkeit bemerkend. Seine Hand ruhte auf ihrer Schulter.
Jill rief sich in die Realität zurück und nickte: ,,Aber ja…" sie schluckte und strich sich das Haar hinters Ohr, ,,…es geht mir wieder gut, du musst nicht bleiben. Ich bin ohnehin ziemlich müde."
Das war wieder gelogen.
Gut, wie war müde und auch erschöpft, das stimmte, aber insgeheim wollte Jill überhaupt nicht, das Chris wieder rüber ging. Sie kam sich wie ein kleines Kind vor, das alleine im Dunkeln Angst hatte, doch genau so war es momentan.
Sie fürchtete sich, wenn sie alleine war, bei Chris, hatte sie wie schon immer das Gefühl beschützt zu sein.
,,Sicher?" hinterfragte der Agent noch einmal. Er musterte sie von oben bis unten und fand, dass Jill, trotz der Blässe ihrer Haut im hereinfallenden Mondlicht wunderschön aussah. Es umspielte ihre feinen Gesichtszüge und glitzerte förmlich auf ihrem hellen Haar.
Niemals hätte er sich Jill in blond vorstellen können. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Nach Raccoon City war der braune Pferdeschwanz im Stillen in Markenzeichen gewesen, doch nun? Es stand ihr.
Er sah zu, wie sie ihre Hand erhob, um sich erneut einige Strähnen hinter ihr Ohr zu streichen. Das tat sie immer. Es war ein Tick von ihr, doch sie war einfach perfekt.
Chris wollte nicht gehen. Er wollte gerne bei ihr bleiben, früher haben sie doch auch schon im selben Zimmer übernachtet, aber das würde er niemals fragen. Er wollte sie nicht überrumpeln, ihr Zeit lassen, genau, wie seine Schwester ihm geraten hatte, doch das fiel ihm verdammt schwer. Sie machte ihn nervös.
,,Okay…" Chris seufzte, war dennoch im Begriff aufzustehen, da legte sich blitzschnell ihre Hand an seine. Er drehte den Kopf zu seiner Partnerin.
,,…Sag mir…" begann Jill dann du blickte ihm in die Augen, ,,…Sag mir, was mit dir los war…vor drei Jahren."
Chris hielt ihrem Blick stand.
Sie wollte eine Antworte, natürlich wollte sie das, aber er konnte nicht. Er würde sich regelrecht entblößen, wenn er ihr die Wahrheit erzählte. Irgendwann würde es vielleicht soweit kommen, aber nicht jetzt, oder?
Der Agent schüttelte den Kopf: ,,Mit mir war gar nichts los. Ich habe nur wie ein Idiot einen Auftrag nach dem anderen absolviert. Konnte gar nicht genug davon kriegen."
,,Warum?…" fragte Jill und festigte seinen Blick, noch mehr, ,…Warum lügst du mich an? Ich weiß, das da noch mehr ist!"
,,Jill…"
,,Nein Chris…" sie blickte weg und zog auch ihre Hand zurück, ,,…du vertraust mir wohl nicht mehr."
Chris nahm ihre Hand erneut: ,,Nein!…Ich vertraue dir, Jill…glaub mir, aber…ich…" er brach ab und suchte die richtigen Worte, um seine Situation zu umschreiben.
Als Jill dann nochmals zu ihm aufblickte, Chris ihren niedergeschmetterten Hundeblick sah, wurde ihm erneut bewusst, wie traurig sie in diesem Moment wohl war.
,,Chris!…Du hast mir das Leben gerettet, also kannst du mir auch…"
,,Nein, nein, nein…" abrupt stand der Agent auf, seine Stimme erhoben. Er ging einige Schritte, dann blieb er stehen und blickte, den Kopf schüttelnd, wieder zu seiner Partnerin zurück.
,,Das habe ich nicht!…Ich habe dein Leben zerstört…"
Jill war erschrocken, blickte ihn schweigend an.
,,…Ich war es, der die Nerven verloren und Wesker einfach angegriffen hatte! Ich war es, der ihn nicht besiegen konnte, ich war es auch, der reglos zugesehen hatte, die du dich…" Chris brach ab, die schmerzlichen Erinnerungen verdrängend, ,,…Bei Gott Jill, ich wünschte nur ich wäre an deiner Stelle gewesen. Ich wünschte, ich hätte dir das alles ersparen können…"
Er gab sich noch mehr die Schuld, als Jill es angenommen hatte. Sie erkannte, das nicht nur sie die letzten drei Jahre gelitten hatte. Das tat ihr weh.
,,Nein…" sagte Jill dann leise, stand auf und ging einige Schritte auf ihren Partner zu, ,,…er hätte dich getötet…Selbst wenn du an meiner Stelle gewesen wärst, den Sturz überlebt hättest, hätte…er dich getötet."
,,Das weißt du nicht, Jill…" Er blickte über seine Schulter, sah ihr in die Augen.
,,Doch, ich weiß es…" Jill schluckte, ,,…Ich habe überlebt und…er wollte mich für seine Experimente benutzen, nur für seine Rache. Als meine Verletzungen behandelt wurden, hätte mir dieses Schicksaal auch geblüht, doch er fand die Antikörper in meinem Blut…" nach einer kurzen Pause, sprach sie weiter, ,,…Du hättest keine gehabt, Chris. Er hätte dich entweder getötet, oder dir einen Virus injiziert und dich qualvoll dahinraffen lassen. Das habe ich oft genug gesehen…Er hasste dich von ganzem Herzen…falls er denn eins besaß. Das ließ er mich oft genug wissen…" während sie sprach, hatte sie den Blick abgewandt, unter sich zu Boden geschaut, versucht, die Erinnerungen nicht ganz hervor zu holen.
,,Warum hat er dich gerettet? Er wollte uns beide töten, hätte dich erwürgt wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre. Und dann…" Chris brach ab.
Jill zuckte mit den schmalen Schultern: ,,Vielleicht konnte er es sich denken, dass…eine Gefangenschaft für mich schlimmer ist als der Tod, zumal er dafür sorgte mir niemals die Hoffnung auf Entkommen oder Rettung zu geben…" sie seufzte schwer und ein winziges Lächeln zierte ihre Lippen, als sie Chris wieder anblickte, ,,…Dann warst du plötzlich da. Ich habe dich gesehen und tief in mir habe ich gehofft, das du es herausfinden und mich finden würdest."
Chris hielt ihrem Blick stand.
Ihre eisblauen Augen waren klar. Sie schimmerten im Mondlicht und Chris kam nicht darum, ihr seine freie Hand auf die Wange zu legen, nachdem er ihr erneut das Haar sanft hinters Ohr gestrichen hatte.
,,Als ich die Daten auf dem PDA hatte…" sagte er dabei, ,,…und dein Bild gesehen habe, war ich rastlos. Ich wusste nur, ich musste dich da raus holen. Niemand hätte das verdient, am allerwenigsten du…" Chris blickte unter sich, zog seine Hand zurück, ,,… Ich hätte dich fast erschossen, ich wollte dich töten und dabei wusste ich noch nicht einmal, das du es warst, die unter dem Cape steckte…Ich hätte es wissen müssen, ahnen müssen…Das werde ich mir nie wieder verzeihen."
Er erinnerte sich nicht gerne.
Der kurze Kampf gegen die vermummte Person in dem er kaum eine Chance gehabt hatte. Dann Wesker, wie er ihre Identität enthüllte, den Kampf gegen die Beiden. Jill, die ihn zu Boden warf und ihm beinahe den Arm zertrümmerte und die dann kurz darauf vor Schmerzen auf dem Boden zusammenbrach. Ihre Schreie würde er niemals vergessen. Er hatte sich bemüht, sie nicht zu verletzen, war ihr lediglich ausgewichen und hatte seine Gegenattacken zögernd vollführt, nur um ihr nicht weh zu tun.
Chris war sich sicher, dass, wenn er ihr das Kontrollgerät nicht hätte abreißen können, sie ihn irgendwann getötet hätte. Es wäre schlimm ausgegangen, denn er selbst hatte es nicht fertig gebracht, ihr ernsthaft Schaden zuzufügen. Unter keinen Umständen hätte er das jemals fertig gebracht.
Niemals würde er das vergessen, ebenso wenig ihren Blick, als Jill wieder sie selbst war und den, als sie sich vor drei Jahren mit Wesker aus dem Fenster warf. Er sah und hörte noch immer Nachts in seinen Träumen, wie sie mit diesem verzweifelnden Schrei in die Tiefe stürzte.
,,Du wusstest es nicht, bitte mach dir keine Vorwürfe. Ich war schnell genug um auszuweichen…" sagte Jill derweil, ,,…Gib dir nicht di Schuld für die Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich würde mein Leben jederzeit geben, um das deine zu retten, egal auf welche Art."
Chris schüttelte den Kopf, schloss die Augen: ,,Das darfst du nicht…" abrupt blickte er ihr nun wieder in die Augen, ,,…Versprich es mir!…Ich habe und ich werde es mir nie verzeihen, das du dich hast für mich opfern müssen."
Sie schwieg, da sie nicht wusste, was sie jetzt sagen sollte. Ganz gleich, was er ihr gerade gesagt hatte, sie würde sein Leben immer schützen wenn es darauf ankam, er war ihr einfach zu wichtig, als das sie ihn verlieren wollte. Allerdings kam sie um eine Antwort herum, denn Chris erhob erneut das Wort: ,,…Ich habe…das Rufen des Hauptquartiers über Funk einfach ignoriert…" Er drehte sich um, wandte ihr den Rücken zu und blickte aus dem Fenster, da er sich eingestand, das die Zeit gekommen sei, das Jill es erfuhr…
