A/N: Hi, I'm back! Und bitte, bitte bringt mich nicht um! Ich weiß ich hab versprochen schon viel früher wieder zu schreiben und ja ich weiß es sind Semesterferien, aber es ist einfach viel dazwischen gekommen und merkwürdigerweise heißt Zuhause zu sein, dass ich kaum eine Minute für mich habe, denn ständig platzt irgendwer rein und will irgendwas von mir.. puh! aber ich lieber meine family;) Der erste Teil dieses Kapitels war eigentlich schon vor Wochen fällig, aber dann passierte Long Live the King und Sequel und die Luft war ein bisschen raus... hmm. ABER KEINE SORGE! Ich hab viel zu viele Ideen um mit dem Schreiben aufzuhören, also früher oder später kommt immer etwas;) Und wie ihr hier seht, ist es ein extrem langes Kapitel, 13.000 Wörter, neuer Rekord!, ehrlich ich hätte nicht gedacht, dass es so lang wird, aber das denke ich auch nie... ich war am WE krank, totenähnlich trifft es wohl besser, ansonsten wäre das hier wohl viel schneller fertig geworden;)
Ganz vielen lieben Dank für die Reviews und die Aufforderungen zum Schreiben ich hätte euch allen versichert, dass das nächste Kapitel bald kommt, aber ich kann auf Gastnachrichten leider nicht antworten :( ich würde mir wirklich wünschen, wenn ihr mir öfters sagen würdet, was ihr von bestimmten Kapiteln haltet, beim letzten dachte ich beispielsweise schon, dass sich nach der letzten Lizzie/Darcy Szene und Carolines... Drogenunfall ein kleiner Sturm erheben würde, aber... nada... mal gucken... wenn das so weiter geht, seh ich mich gezwungen irgendetwas drastisches zu unternehmen (Lizzie mit Collins rummachen lasse bspw;) aber trotzdem DANKE an die, die sich die Mühe gemacht haben;) und wenn sich jemand mit mir gerne über meine/Austens Figuren unterhalten will, einfach eine PM schicken;)
Und ja, in diesem Kapitel kriegt ihr raus, wer Anne ist... :D oder zumindest einen Teil der Wahrheit...
So, ich höre jetzt auf zu quatschen und lasse euch die Story lesen, ein paar Anmerkungen noch:
Jeder Abschnitt dieses Kapitels hat eine Zeile aus einem Song als Überschrift, deswegen spare ich mir die Soundtrack-Angabe;)
Disclaimer: Immer noch nicht Jane Austen? Warum ich mich anhöre wie eine Schallplatte? KEINE AHNUNG!
Kapitel 10: Coffee Days...
Sonntag
„Lights will guide you home and ignite your bones and I will try to fix you"
Fix you, Coldplay
I'm missing you, just for the sake of missing you, schrieb Lizzie ganz oben auf die bis dahin blanke Seite des zerfledderten Notizbuches in ihren Händen, direkt unter dem Datum.
Es ist schwer sich das einzugestehen, fuhr sie fort. In der Hektik und der Eile, dem ständigen Rennen von einem Ort zum anderen, vergesse ich so oft so viele kleine Dinge und wenn ich dann still sitze, kommt alles wieder, wie Wellen an einem Strand, unablässig, unausweichlich, einem Tsunami gleich, der mich mitreißt, doch wenn ich die Augen aufschlage, haben die Wellen kaum mehr meine Füße berührt.
Sie kaute nachdenklich auf dem Stift in ihrer Hand herum, ihre lose über die Schulter hängenden Haare strichen über das gelbliche Papier und sie hielt inne, blätterte mit einer Hand durch die anderen, eng beschriebenen Seiten voller Worte, die eines nicht waren: Lügen.
Sie versteckte das Notizbuch unter Craigs Matratze, zusammen mit dem Stift, teilweise um es aus Charlottes Einflussbereich zu halten, teilweise, weil sie immer nur hier ehrlich sein konnte.
Und das war der Sinn dieses Buches.
Es regnet und die Tropfen hier sind gleichzeitig so ähnlich und doch so verschieden von Zuhause. Sie kommen mir klarer vor, größer, präziser, als die Tropfen dort, sie treffen ihr Ziel, wenn sie wollen.
Damals hat mich Regen mit Frieden erfüllt, eine tiefe Wärme in meinen Gliedern, wenn ich neben dir lag und wir nach draußen in den Regen blickten, in diese dünnen flüchtigen Fäden, die mit dem Temperament eines trotzigen Kindes gegen die Fenster klopften, ungerichtet, ein Rasensprenger im Sommer, im Vergleich zu dem Sturm, der hier zu toben scheint, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet.
Aber vielleicht ist das auch bloß die Unruhe in meinem Inneren...
Sie setzte den Stift ab und blickte auf, atmete den beruhigenden Geruch nach Kaffee ein.
Es war noch früh, vielleicht acht Uhr, sie hatte nicht auf den Wecker geblickt, aber draußen war es hell und Craig schlief noch.
Sein Gesicht, halb verdeckt von dem Kissen und den blonden Locken, die ihm ins Gesicht fielen, war eigenartig friedvoll und es hätte sie beunruhigt, wenn nicht in der Stille seine stetigen Atemzüge zu hören gewesen wären und sie nicht das Heben und Senken seines Brustkorbes hätte beobachten können.
Sie hatte nicht direkt gelogen, als sie vor Darcy behauptet hatte, Craig und seine Rauschzustände zu kennen, das tat sie, aber es hielt sie nicht davon ab mehrmals in der Nacht hochzuschrecken und zu überprüfen, ob er noch atmete, ob seine Haut noch warm war und sein Herz noch schlug. Einmal war sie abgerutscht und als ihre Wange Kontakt mit dem kühlen Baumwollstoff des Kissens machte, war sie beinahe panisch aufgesprungen – es hatte eine Viertelstunde gedauert, bis ihr Herzschlag sich wieder normalisiert hatte.
Sie wusste, es wäre die klügere Entscheidung gewesen Craig in ein Krankenhaus zu bringen, aber ihr bester Freund vertraute ihr und sie konnte nicht riskieren dieses Vertrauen zu verlieren.
Ihr Blick wanderte von dem Jungen mit den Engelshaaren zu der Tasse Kaffee auf der Fensterbank neben ihr.
Gegen sieben irgendwann hatte sie nicht mehr weiterschlafen können und nachdem sie eine halbe Stunde bloß dagelegen und hinaus in das trübe, verschleierte Grau geblickt hatte, das London im Regen war, war sie schließlich aufgestanden und in die Küche getapst, bemüht keinen Laut zu machen, obwohl sie wusste, dass nicht mal ein donnernder Güterzug Craig hätte aufwecken können.
Nachdem sie die Schränke inspiziert und die Colaflaschen wohlweislich nicht angerührt hatte (das war eine Erfahrung, die sie auf keinen Fall wiederholen wollte), stand sie vor der Wahl entweder Kaffee mit Gewürzgurken oder den Elektroteilen zu essen, die Craig in seinem Kühlschrank aufbewahrte (die andere Alternative wäre gewesen sich in ihre Wohnung zu schleichen, aber es war noch nicht Neun und somit die Wohnung momentan kein sicheres Gebiet (die Socke war eine Warnung, die man ähnlich wie die Colaflaschen ernst nehmen sollte)).
Sie entschied sich nur Kaffee zu trinken.
Das war eine erstaunliche gute Entscheidung, denn all die Defizite, die Craigs Küche bezüglich Lebensmitteln und genereller Hygiene aufwies, machte er mit seinem Kaffeesortiment wieder wett. Da gab es Kaffeebohnen aus Guatemala, eine Varietät verschiedener Pulverarten (obwohl Craig auf Bohnen schwörte) und als Glanzstück des Ganzen eine silberne Kaffeekanne, bei der man das (frisch gemahlene) Pulver in ein Sieb füllte, durch das dann das kochende Wasser drang.
Währenddessen versteckte Lizzie Craigs gesamten Vorrat an Aspirin und Schmerzmitteln in einer Plastiktüte im Spülkasten.
Sie tippte mit der Spitze des Stiftes gegen das letzte Wort, das dort in schwarzer Tinte prangte. .. die Unruhe in meinem Inneren...
Sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee, versteckte ihre bloßen Füße unter der Decke, summte leise zu der Melodie in ihrem Kopf und begann die Regentropfen zu zählen.
Erinnerst du dich an den Regen, als wir nebeneinander in deinem Bett lagen? Ein ständiges Prasseln, das es nicht schaffte unsere Atemzüge zu übertönen und ich weiß noch, wie laut mein Herz schlug, weil du so nah warst. Es tat beinahe weh.
Du lagst hinter mir, deine Knie in der Kuhle von meinen, mein Rücken gegen deine Brust gepresst; wir waren uns so nahe, obwohl wir beide noch unsere Kleidung trugen.
Deine Finger spielten mit meinen Haaren, sinnlose kleine Spielchen und ich erinnere mich noch an das plötzliche Flattern von Angst in meinem Magen, als sich deine andere Hand plötzlich unter mein T-Shirt schob.
Es waren viele, viel zu viele und sie vermischten und versammelten sich, rannen Wege entlang der Glasscheibe herab, so verwirrend, dass Lizzies Gedanken schnell abdrifteten, zurück zum gestrigen Abend, zu Darcy und zu der Art, wie er sie angesehen hatte, als sie ihn aus der Wohnung geworfen hatte. Sie schüttelte den Kopf und schrieb weiter.
Du musst diese Angst gespürt haben, denn du drücktest bloß einen Kuss gegen meinen Nacken, während deine Hand leise Kreise auf der Haut über meiner Hüfte zog.
„Es ist okay", hast du gesagt und deine Hand zurückgezogen. „Wir haben Zeit." Dann hast du nichts mehr gesagt, bloß mit mir in den Regen gestarrt und weiter mit meinen Haaren gespielt.
Weißt du, dass ich dich dafür geliebt habe?
Sie runzelte die Stirn bei den Worten, der letzte Satz war nicht geplant gewesen, war herausgeflossen, war einfach so...
Wenn es hier regnet, dann will ich rennen, ich will tanzen und kreischen, an meinen Haaren reißen und schreien, dass ich dich geliebt habe und das es nicht fair ist.
Der Regen hier hat nichts mit dem von zu Hause zu tun.
Aber er erinnert mich an dich.
Mit einem Finger zeichnete Lizzie den Weg der Regentropfen über das Glas nach, es war kalt draußen und ihr Atem beschlug die Scheibe.
Als ich dir sagte, dass ich gerne im Regen tanzen würde, hast du bloß das Gesicht verzogen und mir über den Kopf gestrichen wie bei einem kleinen Kind.
„Dabei wirst du bloß nass", hast du gesagt und es fehlte nicht viel und du hättest mir in die Wange gekniffen, wie meine Tante es manchmal tat. „Und dein Make-up verschmiert. Willst du das etwa, Dorrie?"
Ich habe den Kopf geschüttelt und nichts mehr gesagt und du hast gelächelt, ein strahlendes Zahnpastalächeln, das nach Pfefferminz schmeckte.
Weißt du, dass ich zuvor nie Make-up getragen hatte, bis du mir sagtest, es sähe gut an mir aus?
Weißt du, dass ich es gehasst habe, wenn du mir sagtest, was ich tun soll?
Sie setzte den Stift noch stärker auf, als sie die nächsten Sätze schrieb und die Spitze brach beinahe ab.
Weißt du, dass ich dich trotzdem geliebt habe?
Mit einem ärgerlichen Aufschrei warf sie den Stift weg, er hinterließ schwarze Tintenspuren auf der weißen Bettdecke und rubbelte müde ihre Schläfen.
Darüber zu reden saugte sie aus und sie tat es nicht oft. Manchmal nur, manchmal wenn die Worte und Bilder in ihrem Kopf zu viel wurden und sie sich fühlte wie Dumbledore mit all diesen Erinnerungen und Gefühlen und Sätzen die durch ihren Kopf wirbelten auf der Suche nach der einen Lösung, der einen Erklärung, warum das alles passiert war, nur dann griff sie nach dem abgegriffenen Lederband und zog die Erinnerung wie einen silbernen Faden aus ihrem Gedächtnis.
Doch die Lösung entglitt ihr immer wieder und das frustrierte sie.
Außer ihr wusste niemand von diesem Buch, selbst Anne hatte sie nichts davon gesagt. Sie wollte nicht schon wieder mit ihr darüber diskutieren, dass weder Rennen noch das stundenlange Suchen nach einer Lösung ihr helfen würden Klarheit zu gewinnen. Craig hingegen interessierte sich bloß für seinen Kaffee und seine Elektroteile als Bestandteil seiner Wohnung – Lizzie hatte es irgendwann auf sich genommen sein Bett alle paar Wochen neu zu beziehen, was es gleichzeitig zum perfekten Versteck machte, denn er dachte nicht einmal daran einen Blick unter seine Matratze zu werfen.
Sie beugte sich vor und krabbelte ihrem Stift hinterher. Es war kühl in der Wohnung und sie nahm einen Schluck Kaffee, bevor sie weiterschrieb.
Zuzugeben, dass ich dich vermisse ist schwer. Ich kann kleine Sachen zugeben, abgeschlossene Erinnerungen an den Regen, an deine Haut unter meinen Fingern, als du mich küsstest, die Art, wie du gelacht hast, wenn du mich zum Unterricht gebracht hat. Ich kann zugeben, dass ich dein Lachen vermisse, deine Umarmung, die Art, wie du mich gehalten hast, ich kann zugeben, die Gefühle zu vermissen, das Flattern und Kribbeln, das Brennen und den Schmerz -
Ich kann Teile von dir vermissen, aber ich kann nicht zugeben, dich zu vermissen.
Weil das bedeuten würde, dass ich dir vergebe...
„Wie spät isses?", hörte sie dann Craig dumpf gegen das Daunenkissen stöhnen und Lizzie klappte hastig das Notizbuch zu und stopfte es unter die Matratze.
„Zu spät", antwortete sie und griff nach ihrer Kaffeetasse.
„Uff", stöhnte er wieder und drehte sich mit schmerzhaft verzogenem Gesicht auf den Rücken. „Kanns' du mir ne Aspirin besorgen?"
„Nö." Sie sah ihn mit einem leisen Lächeln an. „Keine Chance, Kumpel."
„Krie' ich wenigstens Kaffee?" Craig versuchte zu blinzeln, doch er gab es auf, als er merkte, wie hell es doch im Raum war.
„Vergiss es", antwortete Lizzie und hielt die Tasse außer Reichweite.
„Bitte... Lizzie!", stöhnte Craig und zuckte beim Klang seiner eigenen Stimme zusammen. „Jetzt is keine Zeit für... Vorträge..."
„Ich halte dir keinen Vortrag", erwiderte Lizzie grinsend, während sie aus ihrer sitzenden Position heraus Craig amüsiert beobachtete.
„Dann gib mir die Aspirin", verlangte Craig und vergrub sein Gesicht in dem Kissen.
„Hol sie dir selber", war alles, was Lizzie dazu sagte, bevor sie einen weiteren Schluck nahm.
„Du trinkst meinen Kaffee", protestierte Craig, seine Stimme durch die Daunen kaum hörbar, aber Lizzie Bennet, Meisterin darin die Kissensprache zu verstehen, hörte ihn trotzdem. Sie begann wieder zu summen.
„Du kannst nich singen", murmelte Craig wieder durchs Kissen. Lizzie ließ einen besonders hohen Ton hören und lachte. „Ich bin eine geniale Sängerin"
„Ja, glaub nur alles, was deine Dusche dir sagt", grummelte der Typ mit dem Gesicht in dem Kissen, wobei er die letzten Silben so verlor, dass es mehr ein „sachhht" wurde.
„Sie ist mein größter Fan", erwiderte Lizzie mit leuchtenden Augen und summte ein paar weitere Takte.
„Argh!", machte Craig und hielt sich ein wenig unkoordiniert die Ohren zu. „Ich schwöre, Lizzie Bennet, wenn du mir nicht sofort ne Aspirin bringst, dann bringe ich dich um!"
„Todesdrohungen sind nicht sonderlich effektiv, wenn du noch nicht mal deinen Kopf heben kannst, Schätzchen", erwiderte sie gutmütig. „Außerdem wäre ich vorsichtig, wem du hier drohst. Ich schulde meiner Mutter noch ein Telefonat und wenn ich ihr erzähle, was du gestern angestellt hast, dann wird sie dir sicherlich gerne einen ihrer Vorträge halten." Lizzie räusperte sich, bevor sie in schriller Tonlage fortfuhr: „Junger Mann, haben Sie ihre fünf Sinne nicht mehr beieinander? Wie konnten Sie es wagen, dieses Zeug von diesen Taugenichtsen anzunehmen?! Ich darf Sie doch wohl-"
„Oh Gott", stöhnte Craig. „Bitte nich."
„Das hast du dir selber zuzuschreiben, Craig", erwiderte Lizzie frohlockend. „Ich meine wie blöd-"
„Lizzie, lass es", warnte er sie, seine Hände plötzlich zu Fäusten geballt.
„Ich meine, du weißt doch, wie bescheuert Forsters Jungs sind, warum nimmst du dann das Zeug von ihnen an?"
„Lizzie, kümmer' dich um deinen eigenen Scheiß." Craig sah noch nicht mal auf. Lizzie verzog das Gesicht, bevor sie die Zähne zusammenbiss.
„Genau, weil das beinhalten würde, dich draußen auf dem Gehweg schlafen zu lassen, weil du dich immer wieder von diesen Idioten provozieren lässt."
„Auf dem Gehweg wäre es ruhiger", murmelte Craig bloß und Lizzie verpasste ihm einen Klaps auf die Schulter, was ihn dazu brachte eine Art schmerzhaftes Jaulen auszustoßen, das Lizzie bloß mit einem Kopfschütteln quittierte.
„Auf dem Gehweg hättest du dir die Zehen abgefroren." Sie kickte ihm mit einem Fuß in die Seite. „Und andere zartbesaitete Körperteile."
„Uh Gott, Lizzie... das ist... Körperverletzung."
„Meine kaputte Schulter fällt auch darunter", gab Lizzie trocken zurück und nahm einen weiteren Schluck Kaffee.
„Was zur Hölle...?", brachte Craig heraus und drehte sich schließlich soweit um, dass Lizzie ein blinzelnd grün-braunes Auge zwischen Strähnen dunkelblonder Haare ausmachen konnte. „Was hat deine Schulter damit zu tun?"
„Was denkst du, wie ich dich hier hochbekommen habe?", fragte Lizzie und zog eine Augenbraue hoch. „Wingardium Leviosa funktioniert bei dir leider nicht."
„Vielleicht weil du keine Zauberkräfte besitzt." Das grüne Auge war wieder verschwunden.
„Also deswegen kann ich dich nicht davon abhalten diesen Scheiß zu schlucken!", rief Lizzie aus und stampfte mit einem Fuß leicht auf die Matratze auf.
„Lizzie..."
„Sag mir das doch gleich", stichelte Lizzie weiter und lehnte sich mit gespielt grimmigem Gesichtsausdruck ein Stück zu Craig hinab. „Dann wäre ich einfach nach Hogwarts gegangen, anstatt dich mitten in der Nacht von der Straße aufzulesen."
„Ja, Ja, Hermine... die Schuldtour zieht nich." Er grummelte noch etwas und bedeckte seinen Kopf mit seinen Armen.
„Warum ist eigentlich der erste Buchstabe der bei Besoffenen wegfällt das „T"?", fragte Lizzie und legte den Kopf schräg.
„Warum häl's du nich einfach die Klappe?", fragte Craig entnervt.
„Siehst du?" Sie grinste. „Ich frag mich, ob das 'n Grund hat, oder ob sie einfach nur generell den Buchstaben diskriminieren."
„Is bestimmt die Diskrimination", murmelte Craig. „Hört sich so logisch an."
„Ja, nicht wahr?" Sie strahlte bevor sie zu Craig hinunter sah und ihre Kaffeetasse auf dem Fensterbrett abstellte.
„Craig?" Sie lehnte sich ein Stück hinab, strich sich die Haarsträhnen hinter die Ohren. „Craig..."
„Uhh", machte der bloß, begleitet von einem Nicken und einem Grummeln.
„Craig..." Sie lehnte sich noch ein Stück hinab, streifte langsam die Decke von ihren Beinen. „Crai-aig..."
„Uh...Lizzie, was..." Doch er kam gar nicht dazu den Satz fortzuführen, denn genau in dem Moment warf Lizzie sich auf ihn, lachend und kitzelnd, während Craig vor Schock beinahe in die Luft flog. „Fuck, Lizzie, was soll das!", rief er nach Luft schnappend, während Lizzie mittlerweile immer noch lachend ihre Arme um seinen Hals geschlungen hatte und ihn nicht losließ.
„Du hast es leider nicht verdient noch länger zu schlafen!", rief sie aus, als Craig, nachdem er sich von seinem Schock erholt hatte, wieder in die Matratze gesunken war.
„Krieg ich dann wenigstens ne Aspirin?", fragte er am Kissen vorbei.
„Nope", erwiderte Lizzie, ihren Kopf in Craigs Nacken versteckt. „Du kennst unsere Regel, Craig. Keine Schmerzmittel, wenn mehr als-"
„-Alkohol im Spiel war... Ja, ich weiß...", grummelte Craig. „Das ist eine bescheuerte Regel."
„Sie ist fair", entschied Lizzie. „Wenn du meinst das Zeug nehmen zu müssen, musst du auch die Konsequenzen tragen."
„Es war keine faire Abstimmung", protestierte Craig.
„Es stand 2 gegen einen."
„Oh du weißt genau, dass du Charlotte dazu kriegst alles zu tun, wenn du nur willst", gab er zurück, während er sich zur Seite drehte, Lizzie immer noch wie ein Koalabär an seinen Rücken geklammert.
„Nicht mehr seit sie Erpressungsmaterial hat", beschwerte sich Lizzie und dachte gar nicht daran ihre neu gefundene Kletterstange loszulassen, die sich nun stöhnend aufsetzte.
„Dann sollten wir vielleicht über eine Revision dieser Regel abstimmen", meinte Craig und stand mit einem Ruck auf, doch anstatt zurück aufs Bett zu fallen oder sich höchst unelegant das Kinn aufzuschlagen, schlang Lizzie bloß ihre Beine um Craigs Hüften und wartete bis der Typ, der immer noch das Supermanshirt trug, sein Gleichgewicht wiedererlangt hatte.
„Aber das wäre nicht fair", beschwerte sie sich dann, während Craig in Richtung Küche stolperte. „Einmal abgestimmt ist für immer."
„Ich will meine Aspirin, Lizzie!" Er begann seine üblichen Verstecke zu durchsuchen. Craig hielt sich für so schlau die Packungen immer wieder an unterschiedlichen Orten zu verstauen, um sie auszutricksen, aber Lizzie hatte mit den Jahren so etwas wie einen Spürsinn dafür entwickelt, wo in einer Wohnung das wichtige Zeug versteckt war. Was mit einer der Gründe war, warum Craig nichts fand.
„Lizzie, wo sind die Aspirin?", fragte Craig und versuchte sie anzusehen, doch Lizzie kicherte bloß und hielt sich gut fest.
„Find sie doch", brachte sie lachend heraus, ihren Kopf in seinem Nacken versteckt.
„Grrr", machte Craig und öffnete die Wohnungstür, eine protestierende Lizzie auf seinem Rücken - die kalte Luft im Flur verursachte eine Gänsehaut auf ihren bloßen Beinen.
„Ah, Craig, was soll das?!", rief sie aus und versuchte von seinem Rücken abzuspringen, doch nun hielt er ihre Beine fest, beraubte sie somit jedweder Möglichkeit zurück in die warme Wohnung und zu ihrem Kaffee zu sprinten.
„Du kommst erst wieder rein, wenn du mir sagst, wo die Aspirin sind", erklärte Craig und lud sie ziemlich unzeremoniell vor ihrer eigenen Wohnungstür ab.
„Craig, das kannst du nicht machen! Es ist noch nicht Neun!", rief sie aus und rappelte sich hastig auf, bevor sie Craig die dunkelblaue Socke (eine ihrer eigenen, wie Lizzie zu ihrem Entsetzen feststellen musste), die am Türgriff hing unter die Nase hielt.
Craig rümpfte bloß die Nase. „Hast du mir etwas zu erzählen?", fragte er und stemmte die Hände in die Seiten.
Lizzie schnaubte. „Träum weiter."
„Wie du willst", erwiderte Craig und marschierte zurück in seine Wohnung, wo er mit einem Knall die Tür ins Schloss fallen ließ.
„Du wirst sie nie finden!", rief Lizzie ihm hinterher, bevor sie schmollend an der Wand gegenüber ihrer Wohnungstür herunter auf den Boden sank. Sie nahm die eine Socke und zog sie über ihren linken Fuß, bevor sie ihren rechten darüber platzierte. „Nie..."
Sie vertrieb sich die Zeit, bis sich die Wohnungstür öffnete (sie hatte ihren Schlüssel in der Tasche gelassen, die nun in Craigs Küche zwischen den Colaflaschen lag), damit sich die Namen aller 206 Knochen des menschlichen Körpers in Erinnerung zu rufen und an die Decke zu starren und die Flecken dort zu zählen. Zwischendurch quittierte sie Craigs Flüche, die bis in den Flur hallten, mit eigenen Erwiderungen, die von „Hey, Sonnenschein, falsche Richtung" bis zu „Wird schon wärmer, Prinzessin" reichten, doch irgendwann war sie mit allen Knochen durch und auch Craigs Flüche erstarben, als er, wie Lizzie vermutete, wieder ins Bett ging.
Der alte Faulpelz..
Grade als es drohte wirklich ungemütlich zu werden (der Flur verfügte über keinerlei Heizung und die Fliesen waren verdammt kalt), ging die Wohnungstür auf und ein etwas zerzauster Typ in Jeans und Lederjacke trat heraus und stoppte überrascht, als er Lizzie sah.
Die stand schnell auf und versuchte noch nicht mal ihre bloßen Beine und die pinke Hello-Kitty-Unterhose zu verstecken (sie trug nur noch ihr T-Shirt vom vorherigen Abend und es war nicht besonders lang), sondern kreuzte bloß die Arme vor der Brust und sah ihn herausfordernd an (die eine Socke verlieh dem Ganzen etwas sehr würdevolles).
„Seid ihr endlich fertig?", fragte sie, eine Augenbraue hochgezogen. Der Typ nickte bloß, ein wenig sprachlos und mit einem „Huff" und einem Schwung ihrer Haare war sie an ihm vorbeimarschiert und hatte die Wohnungstür hinter sich zugeknallt.
„Du verschreckst sie alle", meldete sich Charlotte mit vollem Mund aus der Küche und als Lizzie zwei Sekunden später in den kleinen Raum trat, fand sie dort Charlotte, die genüsslich eine Packung Milchschnitten verzehrte.
„Hättest du mir nicht wenigstens gleich zwei Socken nach draußen hängen können?", fragte Lizzie, bevor sie den Wasserkocher anwarf.
„Socken an Türgriffen sind eigentlich nicht dazu gedacht angezogen zu werden", erwiderte Charlotte und wischte sich ein paar Krümel aus dem Mundwinkel. Sie hatte die seltsame Angewohnheit Milchschnitten nach dem Sex zu futtern, ein Grund warum immer eine Packung vorrätig war.
„Glaub mir, es war eine Notlösung", war Lizzies Antwort, während sie den Inhalt des Kühlschranks inspizierte und nebenbei an dem kratzigen Socken zupfte, der ihr bis hinunter zum Knöchel gerutscht war.
„Willst du mir etwa erzählen, dass du so im Flur gewartet hast?", fragte Charlotte entsetzt, was mit vollem Mund ein wenig lächerlich klang.
„Craig hat mich rausgeworfen", gab Lizzie bloß knapp zu Antwort, während sie überlegte, ob Rührei zusammen mit Nutella eine gute Idee wäre.
Charlotte lachte auf. „Hast du wieder seine Aspirin geklaut?", fragte sie und nahm einen weiteren Bissen von der Milchschnitte; das Weiß quoll zwischen den zwei dunklen Scheiben hervor und Lizzie verzog das Gesicht.
„Ich hab sie nicht geklaut", stellte sie dann klar. „Wir haben eine Regel."
„Es ist eine bescheuerte Regel."
„Es ist eine gute Regel", widersprach Lizzie während sie das kochende Wasser in die Kanne mit dem Pulver goss. „Eine wichtige Regel. Keine Schmerzmittel, wenn-"
„-mehr als Alkohol im Spiel war", wiederholte Charlotte mit gelangweilter Miene. „Wir wissen's."
„Dann verstehe ich nicht, warum ich das immer wiederholen muss." Sie schnappte sich eine Pfanne und schloss die Schublade mit einem Hüftschwung.
„Sexy", kommentierte Charlotte (am Morgen danach besaß sie die Attitüde einer lasziven Filmschauspielerin aus den 20er Jahren, fehlte nur noch die Zigarette zwischen den Lippen und der obligatorische Lippenstift).
Lizzie warf ihr über die Schulter ein Grinsen zu, bevor sie damit begann Eier aufzuschlagen.
„Warum bist du denn nicht einfach reingekommen?", fragte Charlotte, während sie die Packung des letzten Riegels öffnete. „Im Flur ist es um diese Jahreszeit bitterkalt und zugig." (Sie neigte dann außerdem zur Dramatik).
„Es war noch nicht Neun und ich wollte nicht riskieren euch bei einem Quickie auf dem Küchentisch zu erwischen." Lizzie verzog das Gesicht bei der Erinnerung an diese Überraschung.
„Oh ja", machte Charlotte und ein genüssliches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Charlotte!", rief Lizzie entsetzt aus und hob die Pfanne vom Herd. „Wo?"
„Warum willst du das wissen?"
„Damit ich mein Essen nicht dahinstelle, wo du vorher deinen Hintern platziert hast!" Lizzie sah ihre Mitbewohnerin entsetzt an und hob die Pfanne wie zur Drohung.
„Nicht in der Küche, keine Sorge", beruhigte Charlotte sie, beide Hände abwehrend hochgehoben.
„Das hoffe ich doch", erwiderte Lizzie grimmig und stellte die Pfanne wieder auf die Herdplatte.
„Hat Craig gestern wieder was eingeworfen?", fragte Charlotte und Lizzie spürte, wie sich ihre gesamte Muskulatur bei den Worten anspannte.
„Ja", sagte sie dann leise. „Darcy und ich haben ihn vor Philip's gefunden."
„Warte!", rief Charlotte aus. „Darcy und du?! Mierda! Was ist denn da passiert?"
„Er hat mich nach Hause gefahren, weil Jane ihn dazu gezwungen hat", erklärte Lizzie widerstrebend. „Wir haben Craig gefunden, ihn nach oben gebracht und ich hab ihn rausgeworfen, als er ihn entweder ins Krankenhaus oder in die Psychiatrie einweisen wollte." Sie zuckte mit den Schultern. „Der Typ hat mir keine wirkliche Alternative gelassen."
„Weiß Craig, dass du seine Ehre verteidigt hast?"
Lizzie warf der grinsenden Charlotte nur einen Blick zu und verdrehte die Augen.
„Wie auch immer, wir müssen den Forster-Jungs einen Denkzettel verpassen." Sie zerhackte wütend die Eier in der Pfanne bevor sie sie salzte.
„Oh Nein!", rief Charlotte aus und fiel beinahe vom Stuhl, als sie erneut abwehrend die Hände hochhob. „Ohne mich. Ich hab absolut keine Lust schon wieder Teil eines deiner verrückten Rachepläne zu werden, du weißt genau, wie das das letzte Mal geendet hat!"
„Keine Sorge, Charlotte, das letztes Mal war ein Fehler und wird nicht noch mal passieren", erklärte Lizzie, den Mund halb voll mit Rührei, während sie den Pfannenwender durch die Luft wedelte.
„Wir saßen 5 Stunden auf dem Polizeirevier, Lizzie, bis Craig nüchtern genug war, um uns abzuholen!", rief Charlotte aus, ihren Arm halb vergessen in der Luft hängend. „5 Stunden!", wiederholte sie, als habe Lizzie sich nicht richtig verstanden.
„Du bist so ein Weichei!", beschwerte sich Lizzie und schaufelte das restliche Rührei auf einen Teller. Das mit dem Nutella ließ sie lieber sein.
„Lizzie, vergiss es. Wenn du ein Problem mit Forsters Jungs hast, dann ist das dein Ding, aber lass mich da raus."
„Charlotte, du weißt genau, was sie gemacht haben!", rief Lizzie aus und knallte den Teller auf den Tisch.
„Meiner Meinung nach gehören dazu immer zwei, derjenige, der den Scheiß verkauft und der, der ihn annimmt."
„Charlotte!" Sie spürte die Wut wieder in sich aufsteigen, dieselbe Wut, die sie schon gestern bei Annes Studie überwältigt hatte und sie griff nach ihrem Teller, eine Stille Mahnung an sich nicht wieder mit dem Schreien anzufangen. „Du kennst die Rotjacken und was sie mit Craig anstellen, tu nicht so, als wären sie ein paar unschuldige Idioten, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren!"
„Niemand hat ihn dazu gezwungen das Zeug zu nehmen", erwiderte Charlotte mit grimmiger Miene, dieser Streit um Craig war ein empfindliches Thema zwischen ihnen beiden und eines, bei dem sie sich nie einig wurden. „Mal ganz davon abgesehen, dass Craig erwachsen ist und sich um sich selber kümmern kann."
„Und was willst du tun? Ihm dabei zusehen, wie er sich zukifft, weil er nicht klar kommt?", fragte Lizzie und der Teller mit dem Rührei zitterte bedrohlich.
„Lizzie, er ist erwachsen. Es ist ein Leben, seine Entscheidung", Charlottes Miene war unergründlich als sie das sagte, nur ihre geballten Fäuste verrieten ihre Erregung.
„Craig schafft es kaum seine Wohnung ordentlich zu halten, Char, wenn ich ihn nicht gefunden hätte, dann wäre er draußen auf dem Gehweg eingeschlafen!"
„Marley hätte ihn sicherlich gefunden", gab Charlotte zurück.
„Das ist kein Argument!", entgegnete Lizzie hart. „Wie auch immer, ich soll verdammt sein, wenn ich die Forster-Jungs so einfach damit durchkommen lasse."
„Was hast du vor?", fragte Charlotte und Lizzie konnte trotz allem die Neugier in ihrer Stimme wahrnehmen.
„Lass dich überraschen", erwiderte Lizzie mit einem Grinsen und machte sich über ihr Rührei her.
Montag
„So tell me now... where was my fault, in loving you with my whole heart?"
White Blank Page, Mumford and Sons
Sie fand Anne im Schneidersitz auf der schmalen Mauer im Hinterhof des Social Sciences Gebäudes, ihre Augen auf das Strickzeug in ihrem Schoß gerichtet. Die spärliche Sonne, die nach dem gestrigen Regentag nur zögerlich hinter der Wand aus Dunst und Nebel hervorgekrochen war, schien ihr direkt ins Gesicht und zauberte ein paar rötliche Strähnen in die zu allen Seiten abstehenden dunklen Haare.
Lizzie warf ihre quietschgrüne Umhängetasche mit den roten Stoffblüten zuerst auf den Platz neben Anne, stellte dann ihren Kaffeebecher daneben ab, bevor sie hinterher kletterte und sich, den Kopf in Annes Schoß, mit dem Rücken flach auf die Sandsteinmauer legte. Schelmisch blinzelte sie hinter ihrer übergroßen gelben Sonnenbrille mit den grünen Smileys in die Sonne und balancierte den Pappbecher auf ihrem Bauch.
„Hi", sagte sie dann mit einem Seufzer und lächelte, während die durch die Sonne freigesetzten Endorphine ihren Körper in einen wohligen Schauer aus Wärme und Zufriedenheit tauchten (das Koffein, das durch ihren Körper kursierte, trug viel dazu bei).
Anne reagierte nicht und Lizzie, ein wenig irritiert, kniff die Augen zusammen um ihre Freundin besser sehen zu können. Da war eine steile Falte zwischen Annes Augenbrauen, sie hatte die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst und während die Bernsteinaugen Lizzie's grüne vermieden, huschten sie doch immer wieder zu der Gruppe von Mädchen hinüber, an denen Lizzie vorhin vorbeigelaufen war und sie konnte das vom Wind halb verwehte Lachen einer hören.
Das Geräusch ließ Anne erstarren, sie blinzelte, bevor sie begann noch schneller zu stricken und sie fluchte leise, als sich das Garn zwischen den Nadeln und ihren Fingern verhedderte.
Lizzie runzelte die Stirn, Anne fluchte nicht. Nie. Sie hatte das ausprobiert, hatte sie geärgert und provoziert und ihre Bücher und Wollknäuel unter ihrer Matratze versteckt, doch Anne hatte sie bloß mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem amüsierten Lächeln um die Mundwinkel angesehen und sie gebeten sie das nächste Mal zu fragen, wenn sie unbedingt Verstecken spielen wollte.
Dass diese Gruppe von Mädchen sie so aus der Fassung zu bringen schien, war dermaßen atypisch für das Bernsteinmädchen, dass Unruhe in Lizzies Magen aufstieg, ihre Finger hochtanzte und sie hob leicht den Kopf und die Sonnenbrille an, um zu sehen, wer Anne so beunruhigte.
Drei Mädchen standen neben der Einfahrt zum Social Scienes Gebäude, lachend und mit den Fingern durch die Luft gestikulierend, Taschen und Rucksäcke halb über ihre Schultern gehängt.
„Das sind bloß Lou und Hetty mit der Neuen", meinte Lizzie und nickte zu den drei Mädchen hinüber. Eine von ihnen hatte lange rotblonde Locken, die sich über ihren Rücken ergossen und sich wunderbar von dem waldgrün ihres Kleides abhoben. Sie war diejenige, die wie wild gestikulierte, während das andere, blonde Mädchen mit den kinnlangen Haaren und dem blauen Mantel ihr mit leuchtenden Augen zusah und eifrig etwas hinzufügte, wenn sie ein Wort dazwischen bekam.
Die Aufmerksamkeit beider war auf das dritte Mädchen gerichtet. Sie war schlank, mit schulterlangen pechschwarzen Haaren, die ihr glatt und glänzend bis zu den Schlüsselbeinen fielen, Augenbrauen, die wie zwei Flügelschwingen ihrem Gesicht etwas ausdrucksvolles verliehen, einer langen geraden Nase und einem schmalen Mund, der sich zu einem leichten Lächeln verzog, als die Handbewegungen der Rothaarigen immer aufgeregter wurden.
Sie trug eine weiße Bluse und schwarze, enge Jeans und ihre Augen waren, hart und unerbittlich, immer auf Anne gerichtet, wenn Lou und Hetty nicht ihre Aufmerksamkeit beanspruchten. Das Mädchen runzelte die Stirn, als sie Lizzies forschenden Blick bemerkte und richtete ihre Aufmerksamkeit abrupt wieder auf die lachenden Mädchen.
Mit einem leisen Schnauben ließ sich Lizzie wieder zurückfallen und ihre braunen Locken, die im Sonnenlicht golden aufleuchteten, flossen über Annes Beine und ihre Strickarbeit, die das Bernsteinmädchen ohne aufzusehen vor Lizzies Haare in Sicherheit brachte.
„Was hast du für ein Problem mit Mus' Töchtern?", fragte Lizzie und winkelte ein Bein an. Ihre verwaschene dunkle Jeans wies eine Vielzahl von Rissen und Löchern auf, einer davon direkt über ihrem Knie und die Haut darunter fing das Licht in einem solchen Winkel, dass auch sie golden aufleuchtete.
„Ich habe kein Problem mit Mus' Töchtern", erwiderte Anne mechanisch und ohne aufzusehen, während ihre Augen wieder für ein paar Sekunden zu der Mädchengruppe hinüberhuschten. Sie biss sich auf die Unterlippe und begann wieder zu stricken.
Lizzie sah sie prüfend an, doch das Bernsteinmädchen weigerte sich sie anzusehen. Sie bewegte leicht den Kopf und merkte, dass sie auf etwas lag, das knisterte.
„Nimm dir einen", sagte Anne, als Lizzie unter ihrer Tasche hervorzog und schreckte zurück, als ihr prompt ein Kaffeebecher unter die Nase gehalten wurde.
„Trink", forderte das Mädchen hinter der übergroßen Sonnenbrille sie auf und wedelte ein wenig mit dem Pappbecher, der ihre Lieblingskaffeemischung enthielt. Anne runzelte die Stirn, bevor sie vorsichtig nippte.
„Haselnuss", sagte sie dann und schüttelte leicht den Kopf. „Aber ich verstehe immer noch nicht."
Lizzie lachte bloß, nahm den Becher wieder zurück und warf sich ein paar Gummibärchen in den Mund, bevor sie einen Blick hinüber zu dem dunkelhaarigen Mädchen warf, deren Haltung noch starrer geworden war.
„Du hast das absichtlich gemacht!", rief Anne aus, die goldenen Augen weit aufgerissen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten um ihr Strickzeug, während ihr Blick wieder zu der Gruppe am Tor wanderte.
Lizzie grinste bloß, ein rotes Gummibärchen zwischen den Zähnen und stellte ihren Kaffeebecher auf dem Logo des Hardrock-Cafés ab, das auf ihrem T-Shirt prangte.
„Warum?", fragte Anne tonlos und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Strickarbeit, Socken so schien es Lizzie, dem rot-blau geringelten Strumpf nach zu urteilen.
Sie sagte nichts, tappte nur leicht mit den Fingern gegen den Rand des Bechers, summte leise eine Melodie im Wind, während sie das Tor quietschen und das Gelächter der Mädchen verblassen hörte.
„...and can you kneel before the king", murmelte sie. „...and say I'm clean.. I'm clean..."
„Bitte nicht dieses Lied", bat Anne leise, ihre Stimme gepresst und wäre da nicht die blendende Sonne gewesen, Lizzie hätte schwören können, dass sie Tränen in den Augen des Bernsteinmädchens sah.
Aber das konnte nicht sein.
„Sie ist es, nicht wahr?", fragte sie dann sanft und mit einem zögernden Lächeln, das schnell in Mitgefühl umschlug.
„Sie ist es", sagte Anne leise, ihre Augen noch immer auf das Strickzeug geheftet, auch wenn ihre Hände aufgehört hatten sich zu bewegen.
„Aber der Name..." Lizzie zog eine Augenbraue hoch. „Ich meine, sie ist ein ziemlich mädchenhaftes... Mädchen..."
„Ihr Vater war bei den Marines."
„Und ich hab mich gewundert, warum du sie immer beim Nachnamen nennst...", murmelte Lizzie und schüttelte leicht den Kopf.
„Es ist nicht ihr Nachname." Immer noch kein Augenkontakt, das Gold ihrer Augen, das sonst immer so strahlte, war heute kaum mehr als ein helles Braun, gedimmt und zurückhaltend.
„Es ist nicht ihr Nachname?", rief Lizzie aus. „Was, habt ihr euch den Namen etwa ausgedacht?!"
„Ihre Mutter hat sie nach ihrem Vater benannt. Die beiden waren nicht verheiratet und als er fiel, wollte sie sein Andenken ehren, indem seine Tochter seinen Namen zumindest in irgendeiner Weise trägt." Anne schüttelte den Kopf und biss sich auf die Unterlippe – Lizzie vermutete, dass sie mittlerweile wahrscheinlich am bluten war.
„Ich finde Namen als Erinnerung an jemanden sinnlos", bemerkte Lizzie und tippte weiter auf dem Rand des Kaffeebechers herum.
„Ach ja?"
„Es endet meistens damit, dass das arme Kind Elisabetta Florentine Isolde Margarete heißt plus noch ein paar weitere Nachnamen und Titel. Wenn Eltern ihr Kind unbedingt zum Mobbingopfer abstempeln lassen wollten, hätten sie es wohl kaum gründlicher tun können."
„Du hast überlebt."
„Gerade so", spie Lizzie aus und zerfleischte ein weiteres unschuldiges Bärchen zwischen ihren Zähnen, ein Grünes diesmal. „Ich meine, welche Trottel von Eltern nennen ihr Kind Elizabeth? Man kann ihnen noch nicht einmal Kreativität zusprechen, wie bei der armen Seele die Apfelblüte oder so etwas ähnliches heißt -" Sie hielt einen Moment inne, bevor sie den Kopf schüttelte und beschloss, dass ihre Tirade über Eltern, die ihre Kinder nach Lebensmitteln benannten, sie momentan zu sehr vom Thema wegführen würde. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich nach der Queen benannt haben und das ist einfach nur pathetisch."
„Sicher, dass ihr keine Elizabeths in eurer Ahnenreihe habt? Es ist früher ein relativ häufig vorkommender Name gewesen."
„Oh bitte nicht", flehte Lizzie. „Dann müsste ich meinen Eltern bei der Namensgebung nicht nur Kreativität und Aufwand zusprechen sondern auch noch annehmen, dass sie mich nach irgendeinem verwöhnten Töchterchen benannt haben, das seine Tage mit dem Trimmen von Hauben und dem Tanzen auf irgendwelchen Bällen verbracht hat, ganz zu schweigen davon, dass es wahrscheinlich seinen Prinz Charming geheiratet und mit ihm Happily Ever After gelebt hat, inklusive einem ganzen Haufen kleiner Charmings."
Sie sah wie Anne die Augen verdrehte. „Du hast auch überhaupt keine Vorurteile, oder?"
„Was ich?" Lizzie grinste. „Ich hab eine eigene Meinung, das ist ein gehöriger Unterschied."
„Zynisch?"
„Teilweise." Sie winkelte ihre rechte Hand ab und grinste schelmisch. „Wenn ich in der Stimmung bin."
Anne lachte, der erste glückliche Laut von ihr und ihre Augen leuchteten auf. „Wenn du in der Stimmung bist?", wiederholte sie. „Sag mir nicht, dass das dieselbe Stimmung ist, die du..."
„Nein, dann rede ich generell eher wenig", grinste Lizzie. Anne legte ihr Strickzeug beiseite und zupfte an dem roten Seidenband in Lizzies Haaren.
„Du hast dich noch nicht über deinen Zweitnamen beschwert", neckte das Bernsteinmädchen sie mit einem vorsichtigen Lächeln.
„Lass mich nicht damit anfangen", warnte Lizzie sie und rückte ihre Sonnenbrille zurecht. „Gott sei Dank hab ich's geschafft in der dritten Klasse an meine Schulunterlagen heranzukommen. Keine Ahnung was sich meine Eltern dabei gedacht mir ausgerechnet diesen Namen zu verpassen."
„Ich mag die Idee", sagte Anne leise und Lizzie reckte den Kopf um sie besser sehen zu können. „Namen als Verbindung zur Vergangenheit, Linien, die zwischen Personen gesponnen werden... Familie..." Sie seufzte.
„Nach wem bist du benannt?", fragte Lizzie und blinzelte in die Sonne.
„Nach meiner Tante."
„Der Toten oder der Verrückten?"
„Der Toten." Anne seufzte. „Manchmal glaube ich, dass meine Mutter nur halb so verbittert wäre, wenn meine Tante noch leben würde."
„Deine Mutter ist durchgeknallt."
„Sie ist einsam."
„Sie will, dass du deinen Cousin heiratest!"
„Sie leidet an Halluzinationen."
„Also hast du dich entschieden den Namen deiner Tante zu behalten und den deiner Mutter abzulegen?"
Anne nickte.
„Aber warum „Elliot?"
„Kennst du „Jane Eyre"?" Lizzie nickte langsam. „Das ist der Name, den die Rivers-Familie ihr gibt, nachdem sie vor Rochester flieht. Ich fand er passt."
„Ich mag ihn", sagte Lizzie leise. „Anne Elliot. Das klingt gut... wie ein Statement."
„Ein Statement...", wiederholte Anne leise und ein wenig sehnsüchtig. „Ja so könnte man es nennen."
„Oder Hypokrit", warf Lizzie ein und zog beide Augenbrauen hoch.
„Du genießt es viel zu sehr andere Leute als scheinheilig zu bezeichnen", mahnte Anne. „Man könnte den Schluss ziehen, dass du von dir selber sprichst."
„Hey, du sagst mir immer, ich soll aufhören zu rennen und gleichzeitig bist du diejenige, die ihren Namen ändert, nur um sich von ihrer Mutter zu distanzieren!"
Anne schüttelte den Kopf. „Ich hab schon vor langer Zeit aufgehört zu rennen. Der Name ist für mich, ich benenne mich selber. Das ist wie eine Art Tattoo nur nicht auf meiner Haut."
Lizzie war ein paar Sekunden lang still. „Hast du immer noch Angst vor Nadeln?"
„Im Gegensatz zu dir erscheint jeder als Feigling was Nadeln und Tinte in Kombination anbetrifft."
Das Mädchen mit den Bronzehaaren grinste. „Das stimmt."
Anne atmete tief ein und reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen.
„An Tagen wie diesen wünschte ich, ich könnte noch rennen", murmelte sie. Lizzies Augenbrauen zuckten.
„Ja", sagte sie und schürzte ihre Lippen. „Wenn das hier passiert, wenn man aufhört zu fliegen, dann hab ich kein Verlagen danach jemals damit aufzuhören."
„Du meinst, wenn einen die Vergangenheit einholt?" Anne blinzelte zu ihr hinunter. „Vielleicht heißt es auch einfach, dass man nun bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen."
„Ich will mich nicht damit auseinandersetzen", erwiderte Lizzie fast ein wenig trotzig und schob die Unterlippe vor. Anne seufzte.
„Ich auch nicht", sagte sie dann leise. „Aber wenn Hetty und Lou sich mit ihr anfreunden, dann bleibt mir nicht viel anders übrig."
Lizzie bemerkte, dass ihre Finger bei den Worten anfingen zu zucken.
„Also ist es das, was du versuchen willst?", fragte sie, während Anne sanft über die leicht golden schimmernden Strähnen strich. „Frieden zu schließen?"
„Ich bezweifle, dass das klappen wird", erwiderte Anne mit einem leisen, fast bitteren Lachen. „Ich hab ihr so ziemlich das Herz herausgerissen und es zu Hackfleisch verarbeitet, weißt du?"
„Sie hat dasselbe mit deinem getan, als sie gegangen ist", wandte Lizzie ein, doch Anne schüttelte bloß den Kopf und sagte nichts weiter.
„Weißt du, wenn du mir nicht von ihr erzählt hättest, hätte ich nie gedacht, dass du-"
„Auf Mädchen stehst?" Sie lachte auf und schüttelte den Kopf. „Tu ich nicht."
„Aber Went-"
„Sie ist eine Ausnahme", unterbrach Anne sie, als könne sie es nicht ertragen, ihren Namen zu hören. Beide schwiegen eine Weile, bevor Anne fortfuhr.
„Es war nicht... Es ging nicht.." Sie seufzte. „Sie war das einzige Mädchen, mit dem ich je etwas hatte..." Sie stoppte wieder. „Gott, das hört sich so trivial an... man könnte besser sagen, sie war das einzige Mädchen, der einzige.. Mensch, den ich je geliebt habe..." Ihre Stimme verlor sich ein wenig in dem Wind, der die roten und goldenen Herbstblätter durch die Luft wirbelte. „Es war nicht wichtig... Ich hätte sie auch geliebt, wenn sie ein Typ gewesen wäre... Ich meine, ich bin davor auch mit Typen ausgegangen und... Es ging immer nur um sie..." Sie lachte leise. „Also keine Angst, dass ich jemals für dich fallen würde."
„Als hätte ich davor je Angst gehabt", schnaubte Lizzie. „Meiner Meinung nach gehören zu so etwas immer zwei."
„Du liegst in meinem Schoß", bemerkte Anne mit einer hochgezogenen Augenbraue.
„Und rede mit dir über deine verflossene Liebe." Lizzie verdrehte die Augen und rückte ihre Sonnenbrille zurecht.
„Die du versucht hast eifersüchtig zu machen."
„Es wird ihr guttun", erwiderte Lizzie und piekste ihr leicht in die Seite. „Keine Sorge."
„Bist du dir da sicher?", fragte Anne zweifelnd.
Lizzie sah sie an. „Du liebst sie immer noch, oder, Anne Elliot?"
Anne blinzelte und sah zu ihr herab, das Gold ihrer Augen glühte.
„Ich habe nie damit aufgehört."
Mittwoch
„And it was not your fault but mine, and it was your heart on the line. I really fucked it up this time, didn't I, my dear?"
Little Lion Man, Mumford and Sons
„Du hast was getan?", schrillte Janes Stimme am Dienstag durch das Telefon während Lizzie in der Schlange von Costa stand und auf ihren Cappuccino wartete, der anscheinend heute extra lange brauchte, weil der picklige Typ mit der Hipsterbrille und dem Bürstenschnitt anscheinend noch angelernt wurde.
Ein paar Leute in der Schlange sahen sie missbilligend an, aber Lizzie grinste bloß und verdrehte die Augen, das Schulterzucken sparte sie sich, denn die übergroße Tasche, die quer auf ihrer Hüfte ruhte, hatte diese schon mehr als nötig strapaziert.
Darcy hatte ihnen gestern,nach dem Kant-Essay vom Wochenende, den Auftrag erteilt sich mit anderen Werken der Aufklärung zu beschäftigen insbesondere mit Hinblick auf Moral und Ethik bevor sie ihm am Donnerstag Rede und Antwort stehen sollten und Lizzie hat ihren Ärger mit dem Professor nur im Zaum halten können, indem sie sich vehement weigerte ihn überhaupt erst anzusehen und hatte ihre Nase in einer Zeitschrift vergraben.
„Er starrt dich an", hatte Charlotte irgendwann bemerkt, ein süffisantes Grinsen auf den Lippen und Lizzie, völlig aus dem Kontext gerissen, hatte sich bloß verwirrt umgesehen, halb in der Erwartung Georgie Wickham irgendwo hinter sich zu entdecken.
„Ich seh niemanden", hatte sie dann irritiert erklärt und sich wieder auf den Abschnitt über Gehirntumore besonnen, während sie an ihrem Kaffee nippte. Es war eine Ausgabe des British Medical Journals – sie hatte keinen Nerv für all die Vogues und Cosmopolitans dieser Welt.
„Nicht dahinten, Dummerchen", hatte Charlotte gemeint (Sex hatte für sie den Langzeiteffekt eines leicht aufgeplusterten Egos und einer etwas herablassenden Art mit ihrer Umwelt umzugehen, weswegen Lizzie dann meistens bei Craig Zuflucht suchte). „Er."
„Wer?", fragte Lizzie, abgelenkt von der Beschreibung eines Tumors, der sich speziell auf das Erinnerungsvermögen auswirkte.
„Na, er", wiederholte Charlotte und zog an Lizzies Ärmel bis diese genervt aufsah.
„Ich seh immer noch niemanden auf den deine Beschreibung zutrifft, Char. Sicher, dass du keine Brille benötigst?"
Charlotte verdrehte die Augen. „Guck nach vorne und dann sag mir auf wen die Augen unseres unglaublich heißen Professors gerichtet sind, Corazon."
Seufzend sah Lizzie auf und die grünen Augen trafen auf die schwarzen. Wissend. Durchdringend. Missbilligend.
„Auf die Uhr", erwiderte sie bloß und deutete auf die Wand am hinteren Ende des Hörsaals. „Nur noch ne Viertelstunde."
Charlotte schüttelte ungläubig den Kopf. „Glaub mir, er guckt garantiert nicht die Uhr so an."
Lizzie verdrehte die Augen und vermied es Darcy erneut anzusehen. „Wen denn dann?", fragte sie und fuhr mit dem Finger die Zeile entlang. „Michelle? Ihre Bluse ist ziemlich durchsichtig."
„Man könnte auch sagen, sie ist kaum vorhanden", kicherte Charlotte. „Aber irgendetwas an diesem Blick sagt mir, dass er nicht auf Rothaarige steht."
„Ja, die meisten Typen stehen eher auf Blondinen", erwiderte Lizzie abwesend, den Rand des Bechers gegen ihre Unterlippe gepresst und wurde von Charlottes Schnauben abrupt aus ihrer Lektüre gerissen.
„Blondinen, dass ich nicht lache!", rief sie aus. „Der Typ steht auf dich und du-"
„Charlotte!", zischte Lizzie, die gemerkt hatte, wie laut ihre Mitbewohnerin geworden war genau in dem Moment, in dem Darcy „Miss Lucas!" bellte.
Die Köpfe der beiden Mädchen zuckten hoch und in die Richtung des Professors, dessen Augen wie zwei Gewitterstürme auf Lizzie und Charlotte gerichtet waren.
„Können Sie mir sagen, Miss Lucas, was so wichtig war, dass sie dafür meine Vorlesung stören mussten?", verlangte der Professor zu wissen und der ganze Hörsaal schien den Atem anzuhalten.
Charlotte, der es momentan die Sprache verschlagen zu haben schien, stammelte bloß inkohärentes Zeug und die steile Falte in der Stirn des Professors wurde mit jedem gestotterten „weiß ich nicht" (Charlotte war ein echter Feigling was die Auseinandersetzung mit Autoritätsfiguren betraf) noch tiefer und seine Aufmerksamkeit wanderte bald hinüber zu Lizzie, die, Charlottes verbale Ergüsse ignorierend, sich wieder auf den Artikel über Hirntumore konzentrierte.
„Miss Bennet", bellte Darcy (der Typ hatte wirklich Aggressionsprobleme), gefolgt von einem kollektiven Japsen. Lizzie hob bloß langsam den Kopf und zog desinteressiert eine Augenbraue hoch.
„Ja, Professor?" Sie betonte das letzte Wort und ein hinterlistiges Funkeln flammte kurz in ihren Augen auf. Der Professor schluckte.
„Vielleicht erweisen Sie mir die Ehre und konzentrieren sich auf den Inhalt dieser Vorlesung, Miss Bennet, anstatt billige Klatschhefte zu lesen und mit ihren Kommilitonen herumzualbern!"
Wieder war ein kollektives Einatmen des ganzen Hörsaales zu vernehmen, doch Lizzies einzige Reaktion zu dem Ausbruch des Professors war es eine weitere Augenbraue zeitgleich zum Cover der medizinischen Fachzeitschrift zu heben. Sie schob ihr Kinn leicht nach vorne und konnte nicht umhin zu grinsen, als sie sah, dass er ein wenig blass wurde, als er die Initialen des British Medical Journals erkannte. Sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Kein Haselnuss heute, dafür ein doppelter Espresso.
„Es ist trotzdem kein Vorlesungsinhalt, Miss Bennet", führte Darcy aus, seine Stimme unnachgiebig.
„Oh, was war das nochmal..." Lizzie legte den Kopf schräg und legte das Magazin zurück. „Kant als interessantes Beispiel besonders im Zusammenhang mit der Aufklärung. „Benutze deinen Verstand", wenn ich zitieren darf, die jedoch eher schwierige Umsetzbarkeit eines kategorischen Imperativs aufgrund der Unvorhersehbarkeit des menschlichen Wesens und der Gesellschaft..." Sie runzelte die Stirn. „Oh und der Einfluss anderer Philosophen auf die Aufklärung und unsere Geschichte." Sie verzog das Gesicht. „Hab ich etwas vergessen? Ansonsten scheint mir das eine sehr gelungene Zusammenfassung der letzten Dreiviertelstunde zu sein, nicht wahr?"
Sie grinste verschmitzt und vereinzelt waren Pfiffe und Zurufe zu hören. Darcy brachte sie alle mit einem einzigen Blick zum Schweigen.
„Wie akkurat das auch sein mag, Miss Bennet. Es ändert nichts an der Tatsache, dass ich erwarte, dass sie Ihre volle Aufmerksamkeit auf die vorliegenden Inhalte richten, nicht auf die Artikel des BMJ und nicht auf Miss Lucas!"
„Was soll ich sagen, ich bin eben multi-tasking-fähig", Lizzie seufzte und richtete sich auf. „Also mal ganz davon abgesehen, dass ich nichts dafür kann, wenn man mich von der Seite anquatscht", sie warf Charlotte einen warnenden Blick zu, den die Spanierin nicht erwiderte, „habe ich Sie weder gestört noch unterbrochen und das was sie eben alles erzählt haben, ist nichts, was ich nicht schon mal gehört, oder", sie grinste, „gesagt hätte. Also, wenn Sie also wollen, dass ich mich auf den Inhalt der Vorlesung konzentriere, dann sollte wir vielleicht etwas diskutieren, das für uns tatsächlich relevant ist."
Wieder waren leise Pfiffe zu hören und Lizzie, zu ihrem eigenen Unbehagen, sah dass Darcy der Lauf des Gespräches eindeutig unangenehm war – es minderte ihr Siegesgefühl beträchtlich.
Doch wie immer schaffte es der Professor mit einem fast untrüglichen Gespür solche Gefühle im Keim zu ersticken.
„Nun, wenn Sie unbedingt Relevantes diskutieren wollen...", setzte er an und Lizzie meinte den Anflug eines Grinsen in seinem Mundwinkel zu entdecken. „Dann müssen wir mit den Philosophen der Aufklärung nun wohl so schnell wie möglich abschließen." Er nannte eine Reihe von Büchern, mit der Schnelligkeit eines Gewehrschusses, bevor er seine eigene Mappe schloss und verkündete.
„Donnerstag wird abgehört, wer nicht gelernt hat, fällt durch." Durch das kollektive Stöhnen, das das Entsetzen abgelöst hatte, drang noch ein weiteres Mal seine Stimme und besiegelte Lizzies' Schicksal. „Sie dürfen einen Freiwilligen unter ihnen bestimmen. Seien Sie sich ihrer Wahl sicher, der oder diejenige ist für das Bestehen des gesamten Kurses verantwortlich."
Und während also Lizzie ihren entrüsteten Kommilitonen versicherte, dass sie natürlich den Part übernehmen würde, packte der Verursacher dieses ganzen Übels seelenruhig seine Sachen ein.
Charlotte, die mittlerweile ihre Stimme wiedergefunden zu haben schien, lehnte sich leicht zu Lizzie herab.„Und er starrt dich immer noch an", wisperte sie, was Lizzie bloß dazu brachte lauthals aufzustöhnen.
Was sie wiederum zurück in die Gegenwart brachte, denn das Gewicht der Tasche drohte ihre Schulter in zwei Hälften zu brechen und wenn sie nicht bald ihren Kaffee bekam, war sie in Gefahr einen Mord zu begehen, vorzugsweise an Darcy.
„Ich hab ihm nur gesagt, dass Kant nicht sonderlich relevant ist für Medizinstudenten im vierten Jahr, die über Ethik im Umgang mit Patienten lernen sollen", erwiderte Lizzie grummelnd. Bürstenschnitt warf ihr entschuldigende Blicke zu, während er noch einen Cappuccino in den Abfluss kippte, weil er irgendwelchen blödsinnigen Richtlinien nicht genügte.
„Lizzie, er ist dein Professor! Er wird am besten wissen, was ihr lernen sollt", mahnte Jane und Lizzie verdrehte die Augen.
„Jane, dein Vertrauen in Autoritäten in allen Ehren, aber bloß weil jemand ein bisschen älter ist und eine Einflussposition hat macht ihn das noch lange nicht zu einem allwissenden Gottverschnitt!"
Eine alte Dame drei Meter hinter ihr schnaubte und schüttelte entsetzt den Kopf.
„'Tschuldigung, Ma'm", warf Lizzie über die Schulter, was den Typen hinter ihr zum Lachen brachte.
„Wo bist du, Lizzie?", fragte Jane, die den letzten Teil offenbar mitbekommen hatte.
„Costa, warte auf meinen Kaffee", erwiderte Lizzie entnervt. „Es dauert ewig hier und – ich schwöre dir, du trägst diese Tasche für mich nach Hause, wenn dieser Kaffee jetzt nicht was wird!", zischte sie mit einem so furchterregenden Ausdruck auf dem Gesicht, dass Bürstenschnitt glatt der Becher aus der Hand fiel.
„Na, na, na", schalt Jane in ihrer Oberlehrerstimme. „Drohungen haben noch nie geholfen, wenn man erreichen will, dass etwas gelingt. Nimm Nico zum Beispiel er kann wunderbar auf Toilette gehen, wenn man ihn in Ruhe lässt, setzt man ihn jedoch zu sehr unter Druck..."
„Jane, das ist jetzt nicht die Zeit für deine Erziehungsratschläge", gab Lizzie zurück und versteckte ein leises Grinsen hinter dem Ärmel ihrer Jacke.
„Ich meine ja nur... Ist sein Blick panisch? Schweiß auf der Stirn? Geweitete Pupillen und zitternde Hände? Wenn ja ist das ein Anzeichen dafür-"
„-dass er gleich auf die Toilette muss?", beendete Lizzie den Satz ihrer Schwester, was einen noch panischeren Blick bei Bürstenschnitt hervorrief.
„Naja, entweder das oder er kippt gleich um", erwiderte Jane trocken.
„Das ist wirklich äußerst ermutigend, Jane." Sie beobachtete Bürstenschnitt aus dem Augenwinkel und stöhnte auf. „Ich brauch meinen Kaffee", jammerte sie. „Man kommt nur so weit mit Instantpulver und keinem Zucker!"
„Erzählen die dir eigentlich auch etwas über gesunde Ernährung da in deinem Studium?", fragte Jane, eine Mischung aus Sarkasmus und Besorgnis in der Stimme die nur ihre ältere Schwester hinbekam. „Denn das klingt nicht gerade gesund."
„Ne die bringen uns nur unnützes Zeug über Kant bei", erwiderte Lizzie und verschob leicht das Gewicht der Tasche von einer Hüfte zur anderen, wobei sie schmerzhaft das Gesicht verzog.
„Was hast du eigentlich für ein Problem mit William?", fragte Jane und Lizzie war überrascht über den leicht entnervten Unterton in der Stimme ihrer Schwester.
„Er geht mir einfach auf die Nerven, okay? Er ist ein borniertes, arrogantes Arschloch mit seiner Ich-weiß-über-jeden-kleinen-Pups-im-Universum-Bescheid-Attitüde und-"
„Ihr habt euch Samstag ziemlich gut verstanden", warf Jane ein. „Wenn man euch auf der Tanzfläche gesehen hat, würde man nicht auf die Idee kommen, dass du ihn nicht ausstehen kannst."
„Geh noch nicht mal in die Richtung!", warnte Lizzie ihre Schwester, ihre Stimme hart und eindringlich. „Denk noch nicht einmal daran, dass da zwischen uns was laufen könnte!"
„Ihr habt eine ziemlich starke Anziehung..."
„Er ist mein Professor!", rief Lizzie aus und schnappte sich den endlich fertigen Cappuccino aus der Hand des Bürstenschnitt-Jungen.
„Ich hätte nie gedacht, dass dich das davon abhalten würde."
„Tut es auch nicht", unterbrach Lizzie sie, während sie durch die breiten Schwingtüren nach draußen in das wilde Londoner Chaos trat. „Ich will nichts von ihm außer dass er seinen Unterricht vernünftig gestalten soll.
„Oh Lizzie", seufzte Jane. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass Verleugnung -"
„- keine Lösung ist? Ich weiß, Janie. Du benutzt den gleichen Spruch für Drogen und Gewalt."
Jane seufzte.
„Außerdem ist es egal, okay? Nachdem ich ihn Samstag aus Craigs Wohnung geschmissen hab, hat er 'n ziemlichen Frust auf mich."
„Was hast du gemacht, Lizzie?", fragte Jane, ihre Stimme gepresst.
„Ihn aus der Wohnung geschmissen?", wiederholte Lizzie ein wenig kleinlaut.
„Lizzie Bennet!"
„Was? Er hat sich wie ein Arsch benommen, meinte das Craig ne Therapie braucht und den ganzen Kram."
„Vielleicht hat er ja Recht."
„Selbst wenn, es war nicht an ihm – warte mal..." Lizzie blieb stehen. „Du wusstest es schon! Du wusstest das von Samstag!"
„Ich...ich.."
„Lüg mich nicht an, Janie! Du wusstest, was Samstag passiert ist! Du hast nämlich noch nicht einmal genauer nachgefragt, wie du es sonst tust, um eine Sache von allen Seiten betrachten zu können! Das brauchtest du gar nicht, denn der Professor hat gepetzt!"
„Es ist wohl kaum petzen, wenn jemand seiner Sorge Ausdruck verleiht..."
„Seiner Sorge Ausdruck verleiht?!", spie Lizzie aus. „Du hättest dasselbe getan, wenn du dabei gewesen wärst!"
„Aber ich war nicht dabei und ich erlaube mir kein Urteil, trotzdem -"
„Da soll er doch lieber bei Caroline „seiner Sorge Ausdruck verleihen", oder wie auch immer du das nennen willst. Ich bin sicher, dass sie deutlich mehr Begeisterung für seine Mühen zeigen wird!"
„Lizzie..."
„Nein, Jane, komm mir nicht mit der Tour, er hatte kein Recht sich so einzumischen!", rief Lizzie wütend aus, während der Bücherstapel schmerzhaft auf ihrer Hüfte auf und ab hüpfte.
„Lizzie!"
„Wenn er sich schon als Samariter aufspielen muss, dann soll er sich doch um die Kunstblondine kümmern, die sich hinter dem Rücken ihres Bruders Koks reinzieht!"
„Lizzie, Caroline hat Probleme-"
„Ach und Craig hat die nicht?", rief Lizzie entnervt aus und stapfte wütend die Treppe zur U-Bahn hinunter.
„Natürlich, Süße, aber-"
„Aber was, Janie?", rief sie aus und starrte wütend auf das Plakat eines glitzernden Broadway-Musicals. „Sag mir, macht Caroline eine Therapie? Geht sie zum Psychologen?"
„Nein, aber-"
„Also wo ist der Unterschied?", fragte sie lauthals, was ihr mehrere verwunderte Blicke von Passanten einbrachte.
„Es gibt keinen Unterschied", erwiderte Jane. „Lizzie, Darcy hat schon mit Charlie gesprochen was Therapiemöglichkeiten für Caroline betrifft, es ist nur schwierig eine Einrichtung zu finden, die sie für längere Zeit aufnimmt -"
„Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen...", murmelte Lizzie und schüttelte den Kopf.
„Lizzie!", rief Jane aus, leider wieder einmal eine Oktave zu hoch, was Lizzie dazu brachte schmerzhaft das Gesicht zu verziehen.
„Okay, okay", versuchte sie ihre Schwester zu beschwichtigen. „Heißt das, dass er sich da auch eingemischt hat?"
„Lizzie, jetzt reicht es! Erst willst du dem armen Mann die Kehle rausreißen nur weil er sich nicht um Caroline gekümmert hat und jetzt weil er es tut?! Du widersprichst dir selber, Süße!"
Lizzie seufzte, mit ihren Erwiderungen plötzlich auf trockenem Grund angekommen.
„Ja, okay", gab sie dann zu. „Der Typ geht mir einfach nur auf die-"
„Ich weiß", beendete Jane rasch den Satz ihrer Schwester (sie hasste Schimpfworte, ein Grund warum sie Grundschullehrerin geworden war).
„Er hat mir ne Nacht voller Lektüre nahezu antiker Philosophen eingebrockt", beschwerte sich Lizzie mit einem leichten Schmollmund.
„Provozier nicht deine Lehrer, Süße."
„Und mein Kaffee ist kalt."
„Hol dir welchen von Prêt-a-manger, der ist eh besser."
„Kein Starbucks?"
„Kein Starbucks", wiederholte Jane mit fester Stimme. „Und du entschuldigst dich bei ihm."
„Jane!", protestierte Lizzie, der Mund halb aufgeklappt.
„Keine Widerrede, Süße, du entschuldigst dich bei ihm. Ich hab keine Lust darauf bei meinem nächsten Sonntagsdinner zwei unversöhnliche Streithähne am Tisch sitzen zu haben, die mit ihrer körperlichen Anziehung nicht klarkommen!"
„Jane, ich werde nicht mit ihm schlafen nur damit du eine Episode von „Meine kleine Hausfrau" drehen kannst!"
„Ich will nicht, dass du mit ihm schläfst, sondern dich bei ihm entschuldigst, bevorzugt ohne dass die Fetzen fliegen und wenn du das nicht tust, Elizabeth Theodora Bennet, dann sag ich Mom, dass du dein Handy absichtlich ausstellst, wenn sie versucht anzurufen."
„Jane!", jammerte Lizzie kläglich.
„Was? Zu heftig?", fragte Jane auch gleich besorgt.
„Nein", winkte Lizzie ab, ihre Stirn gerunzelt. „Ich bin stolz auf dich, aber-"
„Aber, was?"
„Du hast den Namen gesagt", flüsterte Lizzie eindringlich und sah sich ein wenig paranoid um.
„Hör auf dich für deinen Namen zu schämen, Süße. Er ist schön, kein Grund gleich panisch zu werden."
„Was wenn dich jemand gehört hat?", wisperte Lizzie ins Telefon und sah sich noch einmal verschwörerisch um.
„Lizzie krieg dich ein, ich bin Zuhause und außer mir ist hier niemand", erwiderte Jane geduldig.
„Hat Charlie Kameras in der Wohnung?"
„Lizzie!"
„Was denn? Ich frag doch nicht nach euren geheimen Sex-Tapes, die ihr damit aufnehmt. Igitt, das wäre einfach nur-"
„Lizzie!"
„Ja, ja, schon gut, so genau wollte ich es gar nicht wissen."
Jane seufzte entnervt auf. „So, ich werde jetzt einfach auflegen, meine paranoide kleine Schwester und meine Unterrichtsstunde für morgen vorbereiten und du entschuldigst dich bei William, haben wir uns verstanden?"
„Ja, Ma'm."
„So ist's brav. Und glaub mir ich bekomme das raus", warnte sie noch, bevor sie auflegte.
Lizzie verzog das Gesicht. „Wer von uns ist jetzt paranoid?", fragte sie, wie zu sich selbst und klappte ihr Handy zusammen, während sie auf die Anzeigetafel starrte und wartete bis die Anzeige auf sofort umschaltete.
„Lizzie!", schrie plötzlich eine Stimme von hinten auf und ehe Lizzie es sich versah, war sie von zwei hüpfenden Mädchen umgeben, die eine rothaarig, die andere blond, die abwechselnd mit lauten Ausrufen ihre Aufmerksamkeit forderten.
„Lou, Hetty!", brachte Lizzie hervor, nachdem die Überraschung verdaut war und grinste über die Albernheiten der Mädchen, die ihr in einem abwechselnden Singsang erzählten wie sie die Wochen seit dem letzten Dinner in Mus' Haus verbracht hatten.
„...wir waren auf diesem Konzert-"
„-dem im Hyde Park."
„-Nein, Regents Park, Hetty. Hyde Park war letzte Woche."
„Sag ich doch, da sind wir gewesen! Da war diese Band, Lizzie -"
„Aber, Hetty, ich hab von dem Konzert im Regents Park geredet, das zu dem uns Benwick mitgenommen hat!"
„Ach das meinst du? Das war aber längst nicht so gut, wie das andere, wir sind noch nicht mal bis zum Rosengarten gekommen!"
„Genau davon wollte ich Lizzie doch erzählen!", rief Lou, die Rothaarige aus, sie trug dasselbe grüne Kleid, wie am Dienstag, als Lizzie sie zusammen mit Anne im Hof des Social Sciences Gebäudes gesehen hatte.
„Dann mach schnell", erwiderte Hetty mit den kurzen blonden Locken genervt und hüpfte von einem Fuß auf den anderen.
„Hab ich schon", entgegnete Lou und wie auf Kommando drehten sich beide Mädchen mit Gesichtern wie Engel zu Lizzie.
„Lizzie", begann Lou und Hetty fiel in den Kanon ein. Das Grinsen der beiden vertiefte sich, als Lizzies Augen groß und rund wie Teelöffel wurden.
„Oh Nein!", rief Lizzie aus und trat einen Schritt zurück, was durch die viel zu schweren Tasche deutlich erschwert wurde. „Nein, nein, nein!" Sie hob die Arme, wie in Abwehr, doch Mus' Töchter grinsten bloß. „Lizzie...", wiederholten sie und legten simultan den Kopf schräg.
„Oh, nein, meine Lieben, ich nehme euch nicht wieder mit, wenn ihr feiern gehen wollt. Ins Philip's, okay. Da können Marley, Charlotte und ich ein Augen auf euch haben, aber ich weiß genau, wie das endet, wenn ich euch-"
„Aber Lizzie!", protestierten die beiden zeitgleich. Sie waren Zwillinge, Mus' Töchter aus seiner ersten Ehe mit Mary, der Hypochonderin und auch wenn sie sich äußerlich sich so überhaupt nicht ähnlich sahen, entsprachen sie doch ansonsten jedem Klischee, das man Zwillingen gemeinhin zuschrieb. „Was können wir dafür, dass wir erst siebzehn sind!"
„Ihr könntet euch einfach weiter mit den Bauklötzen und Puppen beschäftigen wie die anderen Kinder eures Alters."
Hetty schmollte, während Lou ihr die Zunge rausstreckte. „Aber Lizzie..."
„Euer Vater würde mich umbringen, wenn er erführe, dass ich euch in Clubs geschmuggelt habe!"
„Ach Quatsch", wiegelte Lou ab. „Er würde dir wahrscheinlich ein Loch in deine Wasserflasche pieksen, das nächste Mal, wenn ihr da drüben seid, aber ansonsten ist er harmlos." Hetty nickte eindringlich zu den Worten ihrer Schwester.
„Na wenn das so ist, werfe ich euch einfach auf die Gleise", gab Lizzie trocken zurück, was die beiden Mädchen zum Lachen brachte.
Sie mochte die Groveland-Zwillinge, sie erinnerten sie an ihre eigenen Schwestern, nur schienen sie im Gegensatz zu Lydia und Kitty wenigstens noch über ein paar Gehirnzellen zu verfügen, na gut, um ehrlich zu sein, verfügten die beiden über eine gehörige Portion Intelligenz, denn beide studierten trotz ihrer siebzehn Jahre bereits im zweiten Semester Politikwissenschaften.
Mus' Familie war nach ihrem ersten Trip nach Kenia vor fünf Jahren und ihrem darauffolgenden Umzug nach London zu so etwas wie ihrer Ersatzfamilie geworden, bei der sie die Feiertage oder Ferien verbrachte, wenn Craig und Charlotte wegfuhren und Jane sie nicht zwang nach Hause zu kommen.
Sie liebte den kleinen Mann mit dem Schnurrbart und der seltsamen Kollektion alter Philosophie – und Medizinbücher in seiner Bibliothek, der sich für Wasserleitungen und Hygienevorschriften begeistern konnte und die Welt verbessern wollte, wie einen verrückten Onkel und seine Frau Sophie war neben Anne und Jane so etwas wie die Mutterfigur in ihrem Leben, was die Zwillinge zu einer Art Chimäre aus kleinen Schwestern und Cousinen machte für Lizzie machte.
„Sind die aus Papas Sammlung?", fragte dann auch prompt Hetty und lugte in die Tasche, die auf Lizzies Hüfte ruhte. Hetty war ein wenig zurückhaltender als Lou, sie beobachtete mehr, während Lou die Kämpfe für die beiden ausfocht.
Lizzie nickte. „Euer Dad hat sie alle schon mit Notizen versehen, das erleichtert mir die Arbeit."
„Studierst du nicht eigentlich Medizin?", fragte Lou und zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Das dachte ich bis heute Morgen auch", stöhnte Lizzie. „Und dann ist mir ein Drachen vor der Nase gelandet."
„Uh, Märchenstunde", machte Lou und Hetty kicherte. „Erzähl uns die Story am Wochenende, in Ordnung? Sophie hat vorgeschlagen zu grillen, also mach dich auf den Anruf gefasst."
„Mach ich", versprach Lizzie und lächelte. „Wo wollt ihr denn eigentlich hin?"
„Oh wir warten nur auf eine Freundin", erklärte Lou, während Hetty aufgeregt auf und ab hüpfte. „Sie sollte – oh da ist sie ja!", rief sie aus, als auf der anderen Seite der Plattform, die U-Bahn einlief und das Mädchen vom Dienstag ausstieg.
Ihre Haare waren noch immer glatt und sie sah noch immer so so aus, als sei sie gerade einem Werbespot für Haarshampoo entstiegen. Nur ihre Miene passte so überhaupt nicht zu diesem Bild, denn das schmale Lächeln auf ihren Lippen verschwand in dem Moment, in dem sie Lizzie erblickte und Lizzie musste sich zwingen nicht genervt die Augen zu verdrehen.
„Wentworth!", riefen Lou und Hetty nahezu zeitgleich aus und fielen dem dunkelhaarigen Mädchen um den Hals, die diesen Überfluss an Wiedersehensfreude mit nur einem Lächeln und einem leichten Tätscheln auf den Rücken erwiderte.
„Wentworth, das ist Lizzie", erklärten die Groveland-Zwillinge, während sie das Mädchen hinüber zu Lizzie zerrten, die mittlerweile die Anzeigetafel mit flehenden Augen bat sich umzustellen, doch Nein, eine Minute war anscheinend immer noch nicht vorbei.
„Wir kennen uns", sagte Wentworth knapp und strich sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht.
„Ach ja?", fragten nicht nur Lou und Hetty im Gleichklang, sondern auch Lizzie zog eine Braue hoch und verzog amüsiert den Mund. „Das wusste ich gar nicht", erklärte sie dann und legte den Kopf schräg.
„Wie auch immer", meinte Lou, während Hetty von einem Mädchen um anderen deutete. „Wentworth das ist Lizzie, unsere inoffizielle Adoptivschwester, ehemaliger Babysitter für uns und -"
„- nicht ganz so ehemalig, wenn ihr mal wieder Scheiße angestellt habt", warf Lizzie ein, doch Lou winkte bloß ab.
„ - Babysitter für meinen Dad, wenn er in Afrika ist und zukünftige Medizinerin; Lizzie, das ist Wentworth unser neues Gruppenmitglied in unserer Langzeitstudie. Sie ist neu hier in der Stadt und wir haben ihr angeboten eine kleine Führung mit ihr zu machen, du weißt schon: Tower, London-Eye, Buckingham-Palace, Carnaby-Street, den ganzen Kram."
„Oh wollt ihr auch hoch nach Camden Town?", fragte Lizzie.
„Ja", erklärte Lou und Hetty nickte eifrig. „Aber nicht heute, das Wetter ist zu gut und es wird zum Platzen voll sein."
„Erzähl mir das nicht", erwiderte Lizzie und verzog das Gesicht. „Ich wohne da."
„Und keiner weiß wieso", murmelte Hetty und grinste bloß, als Lizzie ansetzte zu protestieren.
„Du bist mit Anne... befreundet, oder?" Lizzies Augen huschte zu Wentworth, die sie eindringlich musterte, erstaunt darüber, dass das ernste Mädchen, das so eindeutig eine Abneigung gegen sie gefasst zu haben schien, sie tatsächlich ansprach.
„Wir sind alle mit Anne befreundet", strahlte Lou und band ihre Haare mit einem Gummi zusammen.
„Ja und dabei liegt die Betonung auf Freundschaft", fügte Lizzie hinzu und sah Wentworth eindringlich an. Deren Augen weiteten sich kurz und Lizzie sah, dass sie den Hinweis verstanden hatte.
„Oh, sagst du ihr, dass sie am Wochenende auch kommen soll? Sie wollte Dienstag nicht klar zusagen. Wentworth kommt auch!"
Warum wohl..., dachte Lizzie und verdrehte die Augen.
„Klar mach ich", versprach sie, obwohl sie sich eine ganze Reihe deutlich angenehmerer Dinge vorstellen konnte, als gefangen zu sein in diesem unbehaglichen Spannungsfeld zwischen Anne und ihrer Ex. Wenigstens würde Mus da sein, der die Situation zwischen den beiden wahrscheinlich innerhalb von zwei Sekunden begreifen würde, wenn er es nicht jetzt schon wusste. Der Blick, den er ihr vorhin zugeworfen hatte, als sie von Anne erzählt hatte, sprach Bände.
Die Mädchen verabschiedeten sich, doch Lizzie hielt Wentworth zurück, gerade als endlich, endlich ihre U-Bahn kam.
„Was ist?", fragte das dunkelhaarige Mädchen und starrte sie aus dunkelblauen, fast schwarzen Augen an.
„Anne Elliot", sagte Lizzie und ordnete ihre Taschen über ihrer Schulter. „Mir ist egal, was zwischen euch beiden gelaufen ist."
„Ich glaube das geht dich -"
„Gar nichts an? Hätte ich auch gedacht, aber dann hast du mich fast in den Boden gestarrt nur weil du dachtest, ich hätte was mit Anne am Laufen. Idiotische Idee, nur nebenbei bemerkt, auch wenn ich sie provoziert habe."
„Ich -", begann Wentworth und runzelte die Stirn, doch Lizzie schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab.
„Mir egal", erklärte sie und hielt mit der anderen Hand die U-Bahn auf. „Fakt ist: Lass Anne in Ruhe und ich lass dich in Ruhe. Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst oder sie zum Weinen bringst, dann haben wir beide eine Unterhaltung, die nicht ganz so nett enden wird, verstanden?"
Wentworth sah sie bloß an und Lizzie hob kurz ihr Kinn an, eine letzte Erinnerung, bevor sie zwischen den sich schließenden Türen der U-Bahn verschwand.
Sie ließ einen leichten Seufzer hören, während die U-Bahn Station vor ihren Augen verschwand und während in dem flackernden Licht die Gesichter der Mitfahrenden in allen möglichen Farben aufleuchteten, begann eine Idee in ihrem Kopf zu keimen und als sie zwanzig Minuten später in Camden Town ausstieg, verriet das Lächeln auf ihren Lippen, dass sich ein Plan geformt hatte.
Sie brauchte nur ein bisschen Hilfe.
„Marley!", rief sie aus, als sie das Philip's betrat. In dem gleißenden Licht, das von draußen herein strömte wirkte der Pub wie ein verschrecktes Kind, das sich unter seinem Bett versteckte.
Der Kopf der Besitzerin tauchte hinter der Theke auf.
„Was kann ich für dich tun, Lizzie-Bee?", fragte sie und strich sich den silbergrauen Zopf über die Schulter.
Lizzie grinste und trat näher.
„Ich brauche deine Hilfe", sagte sie und lehnte sich verschwörerisch hinüber zu Marley, die mit funkelnden Augen zuhörte.
Donnerstag
„Step One: Light me on fire. Step Two: Walk clean away. I won't burn long and evidence of your done wrong will be gone, in seconds, I swear."
In Fact, Gregory and the Hawk
Sie sah ihn aus der Ferne. Groß, dunkel, er trug einen Anzug mit Weste aber ohne Krawatte und ihre Mundwinkel verzogen sich unwillkürlich zu einem amüsierten Lächeln.
Lizzie zog die Knie an und platzierte ihre Füße auf dem Kühlergrill, die Sonne war heute mehr ein Schatten, ein blasses Etwas, das flackernd und schwankend sich hinter den Wolken versteckte.
Es war frisch, der Wind war in den letzten Tagen bloß noch stärker geworden, es roch beinahe schon nach Winter und die sich drehenden und tanzenden Blätter, die über den halb verlassenen Parkplatz huschten, schabten und kratzten über den Asphalt, bevor sie sich in die Luft erhoben.
Warum erinnere ich mich immer an dich, wenn das Wetter sich ändert? Die Worte waren in ihrem Kopf noch bevor sie darüber nachdenken konnte, ungebetene, verräterische kleine Worte. Sie überschritten die Grenze die sie mit Craigs Wohnung, mit dem Buch unter seiner Matratze gezogen hatte und drangen in ihren Kopf hinein, wenn sie nicht darauf vorbereitet war sie zu hören.
Ich verbinde Erinnerungen mit Wetterbedingungen und lasse sie nur wieder in mein Gedächtnis zurückkehren, wenn die Bedingungen die Gleichen sind. Wie die Einstellungen an einem Computer gleicht mein Hirn einer unwilligen Maschine mit zu vielen Mauern.
Aber ich erinnere mich an eine ganze Reihe von Dingen, wenn ich mich nicht an dich erinnern will.
Sie sah, wie er näherkam und sie ignorierte den Schauer, der ihren Rücken hinunter kroch – unwillkürlich zog sie ihr blaues Sweatshirt enger um die Schultern.
Das Prasseln von Regen gegen eine Fensterscheibe, Hände, die über Jeansstoff streichen...
Sie hörte seine Schritte auf dem Asphalt und wie sie näher kamen. Sie schloss die Augen.
Der Klingelton meines Handys, wenn nachts um drei eine SMS von dir eintrudelte. Meine Ma, die sich überschlug vor Freude.
„Miss Bennet." Beim Klang seiner Stimme stellten sich die Haare in ihrem Nacken auf und sie fragte sich, ob das eine Warnung sein sollte.
„Darcy." Sie schlug die Augen auf und für einen Moment war es schwer zu atmen.
Der Geruch von Sonnencreme, während meine Haut brannte.
Sie schüttelte leicht den Kopf und die Falte in der Stirn des Professors vertiefte sich.
„Was machen Sie auf meinem Auto?"
„Warten." Sie blinzelte.
Ein Herzschlag. „Worauf?"
Sie lächelte und blinzelte erneut in das schwache Sonnenlicht, lehnte sich leicht, auf ihre Hände gestützt, zurück.
„Darauf dass die Sonne zurückkommt, darauf dass es noch mal Sommer wird... die Lösung des Nah-Ost-Konfliktes und den Weltfrieden." Sie zuckte mit den Achseln und hob einen der Kaffeebecher in ihrer Hand an. „Und auf dich, aber das erschien mir am wenigsten wahrscheinlich."
Er starrte auf den Becher Kaffee in ihrer Hand.
„Sie haben mir Kaffee mitgebracht?"
„Nein, Professor." Sie rappelte sich auf. „Ich habe uns Kaffee mitgebracht." Sie hob einen Finger, wie eine Mahnung. „Das ist ein Unterschied."
„Tatsächlich." Er sah den Becher ein wenig skeptisch an und sie verdrehte die Augen.
„Keine Angst, ist kein Starbucks", versicherte sie und zeigte ihm das Logo. Darcy schluckte bevor er den Kaffee annahm.
Lizzie nahm einen Schluck von ihrem und beobachtete einen Schwarm Vögel, der über den Himmel nach Süden zog.
„Ich muss mich entschuldigen", sagte sie dann und ihr Blick flackerte kurz zum Professor hinüber, der sie aus bedrohlich schwarzen Augen anstarrte. „Nicht nur für Samstag, sondern auch für mein Verhalten am Dienstag. Ich hätte nicht so auf Konfrontationskurs gehen sollen."
„Schon gut, Sie haben ja heute allen gezeigt, dass Sie den Stoff beherrschen", erwiderte der Professor ein wenig erschöpft und setzte sich neben Lizzie auf die Motorhaube.
Sie erstarrte.
„Das gefällt dir nicht?"
Er sah auf. „Doch, natürlich. Das war ziemlich gut heute." Er musterte sie und sie fing den Blick auf. „Wer hat ihnen das beigebracht? Ihr Vater?"
„Nein." Sie lachte. „Ein guter Freund."
Er sah sie an. „Derselbe wie Samstag?"
Sie schüttelte den Kopf und ihre Miene verhärtete sich. „Nein, Craig interessiert sich mehr für künstliche Intelligenz als für die Frage nach der Vernunft im Menschen."
„Hat er -"
„Fang nicht damit an, Professor", warnte sie und ihre grünen Augen leuchteten bedrohlich auf. „Trink einfach deinen Kaffee."
Er öffnete den Mund, wie um etwas zu entgegnen doch ein weiterer Blick von Lizzie brachte ihn zum schweigen.
„Es ist schwer, oder?", fragte sie nach einer Weile in der beide in den Himmel gestarrt hatten, als seien dort die Lösungen für die Probleme dieser Welt zu finden. „Vom Praktizieren zum Lehren überzugehen, meine ich."
Ein Herzschlag. „Es ist anders."
Sie riskierte einen Blick zur Seite, er hatte Ringe unter den Augen, die in dem blassen Licht noch prominenter wurden.
Er sah trotzdem gut aus, auf diese stille, subtile Art, die einem ständig das Herz zu brechen schien.
Deine Schönheit war anders, dachte sie. Sie war laut und strahlend und ebenso besitzergreifend wie das Blau deiner Augen.
...und genauso herzzerreißend.
Ihr Atem stockte und ihr Herz setzte einen Moment aus.
„Was ist?", hörte sie den Professor neben sich fragen. Sie blinzelte.
„Nichts", sagte sie rasch und nahm einen Schluck Kaffee, um die ungebetenen Bilder zu vertreiben. Was war nur mit ihr los, dass sie es nicht schaffte, sie wie auch sonst unter Verschluss zu halten?
„Sie sind ganz blass."
„Es ist kalt", erwiderte sie knapp, ohne ihn anzusehen.
„Miss Bennet."
Sie runzelte die Stirn. „Es ist nichts", sagte sie dann. „Erinnerungen können nur manchmal gefährliche kleine Dinger sein."
„Das stimmt", sagte er und schwieg und sie fühlte seinen Blick auf sich, heiß und unnachgiebig.
Sie zitterte leicht.
„Es ist anders hier", sagte der Professor nach einer Weile. „Die Stadt, die Luft, das Klima... selbst die Farben sind anders."
„Welche Farben fehlen dir denn?", fragte sie, unfreiwillig ein wenig neugierig.
„Grün", sagte er und in dem einzelnen Wort schwang so viel Sehnsucht mit, dass Lizzie fast aufgesprungen wäre und herausgeschrien hätte, dass, siehe da, Darcy tatsächlich Gefühle hatte.
Doch das tat sie nicht, denn sie versuchte zur Abwechslung mal keine Kratzbürste zu sein.
„Hier gibt es Grün", erwiderte sie und dachte an all die kleinen Parks und Plätze, die sie so liebte.
„Es ist anders", sagte er und sie fragte sich, ob ihm bewusst war, dass er sich wiederholte. „Das Grün hier ist hübsch, niedlich fast, aber es hat wenig mit dem wilden Grün von Derbyshire zu tun."
„Du liebst also deine Heimat."
Er sah sie an, dunkle Augen, musternd, beobachtend, kritisierend. „Ja", sagte er dann schlicht.
„Warum bist du dann hier?"
Er ballte die Hände zu Fäusten. „Das geht Sie wohl kaum etwas an, Miss Bennet", fuhr er sie scharf an, doch Lizzie, die sich nur schwer von so etwas beeindrucken ließ, nahm bloß einen weiteren Schluck Kaffee.
„Bei mir Zuhause ist auch alles grün", sagte sie und starrte in den blassen Himmel. „Aber es hat nichts wildes an sich. Es ist langweilig, trist. Alles ist damit überzogen, als hätten die Menschen aus lauter Desinteresse alles damit überwuchern lassen."
„Das erklärt, warum Sie hier sind."
Sie drehte den Kopf und sah ihn an. „Ach, tatsächlich?"
„Wenn Sie ihre Heimat nicht mögen..."
„Das habe ich nie gesagt."
„Sie haben es auch nicht verneint."
„Du bist auf dem Holzweg", erklärte sie knapp und nahm einen weiteren Schluck.
„Dann sind Sie wegen dem Stipendium hier?" Seine Stimme klang beinahe hoffnungsvoll. Sie lachte laut auf.
„Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht!", rief sie aus und schüttelte immer noch lachend ihre wie wild über den Rücken fließenden Locken. „Aber glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich schon vorher hier war."
Darcy sah sie ein wenig verwirrt an. „Also warum dann?"
„Du hast es mir auch nicht erzählt, Darcy. Das ist bloß fair."
„Also muss ich es selber herausfinden?" Seine Miene war ausdruckslos.
Lizzie lachte und stand auf. „Ja, aber pass auf, ich hab jede Menge falscher Fährten gelegt."
„Sie lassen sich nicht gerne in die Karten schauen."
Sie sah ihm in die Augen.
„Ich mag es nicht, wenn Leute in meinem Privatleben herumwühlen", erwiderte sie dann mit harter Stimme und schnappte sich ihre Tasche.
Der Professor stand auf. „Soll ich Sie nach Hause bringen?"
Wieder lachte Lizzie. „Besser nicht. Einmal Desaster, immer Desaster." Sie schnippte mit den Fingern. „Ich nehme lieber die U-Bahn."
Sie sah, dass er ansetzte etwas zu erwidern, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Wir sehen uns am Dienstag, Professor", verkündete sie, winkte und ging schnellen Schrittes von dannen.
Ich erinnere mich an viele Dinge...
Die Schritte hallten in ihren Ohren und sie hoffte, dass er ihr nicht hinterherfahren würde. Der Strom der Menschen trieb sie in Richtung U-Bahn Station. Das Rauschen und Klappern, der Luftschwall und der vertrauter Geruch nach -
- Nagellackentferner, der mein Zimmer durchdringt, als ich, in meiner Hast den schwarzen Lack von meinen Fingern zu entfernen, bevor du zurückkommst, das Fläschchen umstoße und der Inhalt sich über meine Teppich ergießt.
Die Türen der U-Bahn schlossen sich mit einem Zischen und die Farben der Wände und der Menschen vermischten sich und verschwanden in der Schwärze, als die U-Bahn in den Tunnel raste.
Das Ticken der Waage, als der Zeige schon wieder nicht bei der richtigen Zahl anhält.
Sie sah kaum, wo sie hin lief, die Augen in die Leere vor sich gerichtet, starrten, starrten, starrten nur und sie merkte kaum, dass sie fast Zuhause war.
Das Glas in meiner Hand, die glitzernde Flüssigkeit und der unbändige Wunsch es einfach gegen die nächstbeste Wand zu schleudern, um zu sehen, ob einer, irgendeiner von ihnen aufblickt.
Das Buntglasfenster in der Wand neben ihr ging plötzlich auf und Marley schob ihren Kopf nach draußen, blinzelte wie eine alte Eule freundlich in Lizzies schockgefrorenes Gesicht.
„Na, na, Lizzie-Bee", sagte die Pub-Besitzerin. „Es ist soweit."
Freitag
„..and nothing is sweeter than needed revenge, oh that's right! I did nothing and you were the mean one, in fact, you even broke my good tape deck."
In Fact, Gregory and the Hawk
Forsters Autowerkstatt war in der Gegend, in der Lizzie wohnte beinahe eine Institution, so alt war die Werkstatt. Generation für Generation von Forsters hatten die Werkstatt geführt und Generation für Generation von Lehrlingen waren in dem Betrieb ausgebildet worden – sie alle nannten ihren Chef den „Colonel".
Zwar beschäftigte die Werkstatt zu einem großen Teil Jugendliche aus der Gegend, doch einer der ältesten Ausbildungsbetriebe Englands zog Leute aus fast ganz London nach Camden, damit sie dort ihre Ausbildung zum KFZ-Mechaniker machen konnten.
In all den Jahren war Forsters Autowerkstatt nie zu einem Problem geworden, Camden war eh ein ziemlich multikulturelles Fleckchen und der jeweils amtierende Forster war nahezu jährlich vom Bürgermeister für sein Engagement geehrt worden, Jugendlichen mit Arbeit einen Weg aus der Kriminalität zu ermöglichen.
Doch in den letzten Jahren waren aus Forsters' Jungs mehr und mehr Forsters' Gang geworden, eine Gruppe von Halbstarken bekannt durch ihre roten Sweatshirt-Jacken, ihren eher laxen Umgang mit dem Betäubungsmittelgesetz und regelmäßigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Mittlerweile machten die meisten eher einen Bogen um die Rotjacken und auch Marley hatte ihnen schon mehr als einmal Hausverbot erteilt, weil sie ihr Zeug in ihrem Laden vertickt hatten – es war eins von Marley's ungeschriebenen Gesetzen, das derjenige fliegt, der mehr als Gras in seiner Kippe hat.
Doch Forster, nach all den Jahren eine feste Größe in der Nachbarschaft, hatte immer wieder seinen Einfluss geltend gemacht, wenn es darum ging, seine Schützlinge vor der Polizei, dem Gesetz, wütenden Nachbarn oder eben Marley in Schutz zu nehmen und diese Rückendeckung hatte die Gruppe fast unerträglich werden lassen, ein Grund warum Lizzie Craig nicht in deren Nähe haben wollte.
Wichtig waren Grenzen, das war Lizzies Mantra. Du kannst Leute nicht verändern, aber du kannst ihnen die Grenzen aufzeigen, die sie nicht überschreiten können ohne deine eigene Freiheit zu beschneiden und diese Grenze war für Lizzie erreicht, wenn jemand ihre Leute angriff.
Und sie wusste genug von Forsters' Jungs um zu wissen, dass Craig am Samstag nicht so ohne weiteres die Tabletten geschluckt hatte.
Sie verletzte niemanden, das war nicht ihre Art und es hätte ihr mehr Ärger eingebrockt, als das es gelöst hätte. Um Jane zu zitieren: Gewalt war keine Lösung.
Aber ein gutgemeinter Denkzettel, klar in seiner Botschaft und Herkunft und ohne Möglichkeit zurückverfolgt zu werden war es.
Ein Denkzettel, den die Rotjacken nicht so schnell vergessen würden.
Lizzie grinste.
Einer ihrer größten Trümpfe war es, dass der amtierende Colonel eine ausgesprochene Schwäche für Marley hatte, die aus ihre Abneigung der Forster Gang gegenüber nur wenig Hehl machte.
Als die Besitzerin des Philip's ihr also gestern zugesichert hatte, dass alles nach Plan lief, hatte Lizzie sehen können, wie perfekt all die kleinen Rädchen ineinandergriffen und die Bausteine in Bewegung setzten, die wie ein Dominospiel, nun jetzt nicht mehr aufzuhalten waren.
Sie hatte am Dienstag nicht bloß die Bücher von Mus' abgeholt sondern sich von seinen beiden kleinen Söhnen, Liam und Henry, die mit ihren sieben Jahren schon die Clowns ihrer Klasse waren, Lebensmittelfarbe ausgeliehen.
Blaue Lebensmittelfarbe um genau zu sein und sie hatte verdammt teuer dafür bezahlen müssen... aber zurück zum Thema:
Ein Grund, warum Forsters Werkstatt so gut darin war Jugendlichen einen Ausweg aus Arbeitslosigkeit oder Kriminalität zu ermöglichen, war die Tatsache, dass das alte Feuerwehrhaus, das neben der Originalwerkstatt von 19-hundert-irgendwas stand und welches der letzte Forster als Erweiterung dazu gekauft hatte, Schlafräume, Duschen und eine große Gemeinschaftsküche aufwies, was eine Rund-um-die-Uhr-Unterbringung der Auszubildenden ermöglichte und sie so von ihrem alten Umfeld fernhielt.
Ein Punkt, der Lizzies Plan förderte.
Ein anderer war die Tatsache, dass man über ein kleines Dachfenster, welches mit einem leichten Balanceakt über die Dächer der Werkstatt und des Feuerwehrhauses erreicht werden konnte, in genannte Duschräume einsteigen konnte.
Dies war allerdings nur von Wert, wenn a) besagtes Dachfenster vorher schon geöffnet war und wenn b) niemand in den Duschräumen war. Es gab ein paar hoffnungslose Fälle von liebeskranken Teenagern, die das Dachfenster besonders liebten, wenn die Duschen darunter nicht leer waren.
Lizzie Bennet schüttelte den Kopf, pathetische kleine Gänse.
Um A und B zu gewährleisten brauchte man also einen sicheren Spion, der sich mit dem Feind verstand und ihn dazu bringen konnte die Tore zu öffnen (Marley und der Colonel hatten eine On-Off-Beziehung, die Lizzie oftmals nach bestem Wissen und Gewissen nutzte) bevor Phase 2 begann.
Diese war eine Sache von Schnelligkeit, Präzision und Timing. Man musste wissen, was man tat und wie man es tat und wie man es erledigte ohne irgendwelche verräterischen Spuren zu hinterlassen, die die ahnungslosen Opfer darauf bringen könnten, dass da etwas faul war.
Außerdem brauchte man ein paar Kenntnisse darin, wie ein Duschkopf aufgebaut war, aber die waren nicht schwer zu erlernen.
Phase 3 – oder besser genannt: Abhauen ohne gesehen zu werden, war nicht so sehr komplex wie anstrengend, man musste den ganzen Weg wieder hoch durch das Dachfenster klettern, ein Unterfangen bei dem Lizzie sich nachher fragte, wie zur Hölle sie das geschafft hatte.
Danach musste man bloß warten.
Somit saß also Lizzie Bennet um Viertel vor Fünf in einem geblümten Campingstuhl auf der gegenüberliegenden Seite vom Feuerwehrhaus, Augen auf den Personalausgang gerichtet, einen Becher Kaffee in der Hand und wartete darauf, dass die Werkstatt schloss und die Auszubildenden sich auf den Weg in die Duschen begaben.
Es gab einen weiteren Punkt, der ihren Plan stützte: Forsters Jungs waren unsagbar eitel und es gab keine bessere Farbe als Blau, die sich so wunderbar mit dem Rot ihrer Jacken biss und gleichzeitig das Feuerwehrmotto, nach dem sie diese Jacken trugen, auf's Korn nahm.
Denn das war das besondere an den Farben, die sich von den Groveland-Jungs, fleißigen Abonnenten aller Streiche-Magazine des Königreiches, ausgeliehen hatte:
Es dauerte ewig sie von der Haut zu bekommen, wenn man einmal in Kontakt damit gekommen war und sie konnte es kaum erwarten die blauen Gesichter der Forster-Jungs zu sehen, wenn sie begriffen, dass sie so ein paar Tage herumzulaufen hatten.
Die Botschaft war somit klar.
Sie lehnte den Kopf in den Nacken, blinzelte in den strahlenden Sonnenschein der schwindenden Oktobersonne und genoss schon einmal ihren Triumpf.
In ganz verqueren Augenblicken frage ich mich, ob du vielleicht stolz auf mich bist, auf das, was aus mir geworden bist, aber dann besinne ich mich wieder, denn das ist so unsinnig, dass ich mich vor Lachen beinahe nicht mehr halten kann.
Vielleicht aber lache ich auch nicht... vielleicht weine ich ja und zeige es bloß keinem...
Sie richtete den Kopf auf, jetzt war keine Zeit darüber nachzudenken, die Glocke hatte geschlagen, die Show konnte beginnen.
A/N: So uff... das wäre geschafft... Monster-Kapitel hinter mir;) so was haltet ihr davon? von anne und wentworth? ich hab das mit einer Freundin diskutiert und sie fand die Idee gut, was ist eure meinung dazu?
zu Lizzies Tagebucheinträgen, nein da sag ich noch nichts zu ;) das kommt alles noch, aber mich würde interessieren, wie ihr sie bislang fandet? und außerdem, ein paar von euch haben angemerkt das Lizzie zu kratzbürstig ist (ich hab das in diesem kapitel ein wenig übernommen;) aber wie findet ihr sie jetzt? nach ein paar weiteren kapiteln?
okay, viel das ich von euch wissen will, ich werde versuchen das nächste kapitel bald zu schreiben, aber ich mach keine versprechungen, nur dass es kommt;) reviews machen mich glücklich und ich schreibe eher;)
zu caroline, wie oben gesag: Kokain. passt zu ihrer High-Society Einstellung meiner Meinung nach, als ich die symptome nachgeschlagen habe, musste ich lachen, denn ein paar von den Nebenwirkungen sind unter anderem: unablässiges Reden und erhöhte Sexualität;D passt zu Carol oder nicht?
wie auch immer;) love ya all!
Reviews Appreciated!
