10. Geständnisse
Ana saß in ihrem dunklen Schafzimmer, und beobachtete den schlafenden Piraten. Seine Augen bewegten sich unter den geschlossenen Lidern. Er träumte. Ana schauderte, als sie daran dachte, von was er wahrscheinlich träumte. Die Ankunft von Don Cornado hatte die gleichen hässlichen Bilder in ihren Kopf gedrängt. Sie konnte die Bilder von Sparrow nicht abschütteln, wie er im Gefängnishof gelegen hatte, und sein Blut im sandigen Boden versickert war. Doch für den Piraten musste es noch schlimmer sein. Sie hatte gesehen, was Cornado ihm angetan hatte, und die Erinnerungen an diese Brutalität, hatten sie in zahllosen Nächten bis in ihre Träume verfolgt. Aber er hatte es gefühlt. Der Piratencaptain würde sich an jedes einzelne Mal erinnern, an dem die Peitsche des Spaniers über seinen Rücken gezogen worden war. Er würde die Narben von La Cerradura sein Leben lang tragen, und Ana glaubte, dass diese Narben sich ebenso in sein Herz eingegraben hatten, wie in seine Haut.
Ana strich eine Strähne schwarzen Haares aus Sparrows glühend heißer Stirn. Sie konnte einfach nicht begreifen, wie ein Mann ein Jahr oder mehr, unter den Händen dieses Monsters überleben konnte. Sie ließ ihre Hand wandern, hinunter zum linken Arm des Piraten. Ihre Finger folgten dem blitzförmigen Verlauf der Narbe, die Cornados Soldat in Sparrows Fleisch gebrannt hatte. Es war die grausamste Narbe, die sie je gesehen hatte.
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Der Pirat war erst vor zwei Nächten in ihr Leben zurückgekehrt. Seit dem hatte sie Soldaten angelogen, den Piraten angelogen, einen bekannten Flüchtling beherbergt, ihren Bruder gebeten, seine Pflicht zu ignorieren, und… einen Mann getötet. Ana schluckte. Sie hatte einen Soldaten getötet. Einen Soldaten, nicht unähnlich ihrem Bruder, oder Norrington, oder ihrem Ehemann. Die Pflicht eines Soldaten war es, zu beschützen. Der Spanier war tapfer in ihr Haus geeilt, um die Dame in Not vor dem bösen Piraten zu beschützen. Und die Dame hatte ihn erschossen.
Ana legte ihre Hand an die Stirn. Sie bekam Kopfschmerzen. Alles was sie tun wollte, war zu Prescott zu laufen, und ihm zu erzählen, was geschehen war. Prescott war schon immer wohl überlegt und clever gewesen. Er hatte immer gewusst, was zu tun war. Aber sie hatte einen Soldaten getötet, und Prescott war der Letzte, an den sie sich wenden konnte. Er würde sie vielleicht nicht sofort verhaften. Zweifellos konnte er sich eine Geschichte ausdenken, dass sie verängstigt gewesen war und eigentlich auf den Piraten gezielt hatte. In der Festung war ohnehin niemand der Meinung, dass eine Frau mit einer Schusswaffe umgehen konnte. Ja, Prescott könnte ihren Namen reinwaschen, aber was würde er mit Jack machen? Zu wissen, dass Sparrow im Haus seiner Schwester gewesen war, war eine Sache, aber zu wissen, dass jener Pirat das Leben seiner Schwester in Gefahr gebracht hatte, war etwas völlig anderes. Prescott würde nicht verstehen, dass Ana das tat, dass sie für richtig hielt. Er würde nur sehen, dass der Pirat diese Ereigniskette in Gang gesetzt hatte, und wie viel einfacher die Dinge doch wären, wenn er ihn gleich zu dem Zeitpunkt eingekerkert hätte, an dem er zum ersten Mal einen Blick auf ihn geworfen hatte.
Prescott wäre natürlich im Recht. Alles wäre einfacher, wenn in Anas Bett nun kein Pirat liegen würde. Wenn sie Sparrow ausliefern würde, würde sie selbst jetzt noch als Heldin angesehen werden. Sie würde die Frau sein, die den legendären Jack Sparrow ausgetrickst hatte. Die Stadtbewohner würden wahrscheinlich eine Parade ausrichten, und diesen Tag zum nationalen Anamaria-besiegt-den-schrecklichen-Piraten-Tag erklären. Sie schüttelte den Kopf, und versuchte nicht über die Menschen in dieser Stadt nachzudenken. Ihre dunkle Hautfarbe, hatte sie schon immer von diesen Leuten unterschieden. Sie war wohlhabend, und sie war die Witwe von Christopher Laffley. Aus diesen Gründen hatten die anderen Frauen der Oberschicht sie toleriert, aber sie hatten sie niemals akzeptiert. Es war nicht schwer sich vorzustellen, was sie sagen würden, wenn sie wüssten, dass sie einen Piraten in ihrem Bett hatte.
Sie blickte zu Sparrow auf. Er schlief noch immer, aber es schien, als wäre er in einem Alptraum gefangen. Ana erhob sich. Der Mann war in den letzten Tagen durch die Hölle gegangen, von dem letzten Jahr seines Lebens gar nicht erst zu reden. Sollte sie ihn wecken? Er brauchte Schlaf, doch sein Schlaf schien nicht sehr erholsam zu sein.
Sie seufzte, und legte ihre Hand auf seinen vernarbten Unterarm. „Jack," flüsterte sie, „wach auf."
Bevor Ana wusste was geschah, saß der Pirat aufrecht im Bett und seine Finger schlossen sich grob um ihren Arm. Er starrte sie direkt an, doch er konnte sie ganz offensichtlich nicht sehen. Sein Blick war durch das Fieber und die Geschehnisse, von denen er geträumte hatte, verschleiert. Ana fühlte einen Stich in ihrem Herzen, als sie den Schmerz in seinen unergründlichen braunen Augen sah.
Für einen kranken Mann, war Sparrow erstaunlich stark.
Sie schauderte. „Jack, das tut weh," sagte sie, unabsichtlich wieder seinen Vornamen benutzend.
Endlich sah Ana, wie Erkennen in den Augen des Piraten aufblitzte. Er blinzelte, und ließ unverzüglich ihren Arm los. Er starrte seine eigene Hand an, als wäre sie ein fremdes Objekt, das überhaupt nicht zu ihm gehörte. „Es tut mir leid," sagte er so leise, dass sie ihn fast nicht gehört hätte.
„Das ist in Ordnung. Ich habe Euch mitten in einem …"
„Das ist keine Entschuldigung."
Ana fühlte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Da war Scham in der Stimme des Piraten. Plötzlich wurde sie von dem Bedürfnis überwältigt, den Piraten zu trösten. „Wirklich, mir geht es gut," sagte sie, und legte ihre Hand auf seinen Arm.
Der Pirat antwortete nicht.
„Wovon habt Ihr geträumt?" fragte sie, eine andere Taktik wählend.
Er wandte sich ab und starrte aus dem Fenster. Sie konnte sahen, wie sich der Mond in seinen dunklen Augen spiegelte.
„La Cerradura."
„Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie schlimm es gewesen sein muss," sagte Ana. Wieder stiegen Bilder von seinem misshandelten Körper in ihr auf.
„Das war alles gar nicht so schlimm, Liebes."
„Wirklich? Hat Don Antonio eine sanfte Ader, von der ich nichts weiß?"
„Nein."
Ana schüttelte den Kopf. „Dann kann ich mir nicht vorstellen, wie man so etwas ertragen kann."
„Wenn du in der Dunkelheit liegst, kann dich der kleinste Lichtstrahl wieder aufrichten," sagte Sparrow philosophisch.
Ana konnte nicht sagen, ob diese Worte eine Ausgeburt des Rums waren, den er getrunken hatte, als sie seine Schulter bandagierte, oder ob er wirklich ernst war. „Was meint Ihr?"
Der Pirat zuckte mit seiner unverletzten Schulter. „Eine Frau hat für mich gebetet."
Anas Herz setzte einen Schlag aus, als sie realisierte, dass Sparrow von ihr sprach. „Ein Gebet hat Euch durch die Zeit im Gefängnis gebracht?" fragte sie. Sie spürte, wie ihre Stimme brach.
Sparrow ließ seinen intensiven Blick wieder zu ihrem Gesicht wandern. „Aye, „sagte er, „ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt hat. Irgendwas über Mut, glaube ich."
Ana stand auf. Sie konnte nicht atmen. Sie hatte diese Worte im Hof des Gefängnisses genau so für sich selbst gesprochen, wie für den Piraten. Als sie neben seinem gequälten Körper gekniet hatte, hatte sie geglaubt, dass er unter Cornados Folter sterben würde. Dass ihre Worte ein Anker für ihn gewesen waren, an den er sich klammern konnte, war das Letzte, was sie von diesem Piraten zu hören erwartet hatte.
„Anamaria?"
„Ich… ich bin gleich zurück," stammelte sie.
Als sie den Raum verlassen hatte, rannte Ana beinahe hinunter in die Halle. Sparrows Geständnis hatte sie sehr viel stärker berührt, als sie ihm gegenüber eingestehen wollte. Sie atmete tief ein, und betrat das Arbeitszimmer ihres Mannes.
Christopher starrte aus einem Gemälde über dem Kamin, auf sie herab. Als sie frisch verheiratet gewesen waren, hatte Christophers Mutter darauf beharrt, dass sie für ein Portrait Modell sitzen sollten. Ana hatte gesessen, und Chris war hinter ihr gestanden, eine Hand auf ihren Nacken gelegt. Er hatte immer ihren Nacken auf diese Weise berührt, und seine Finger hatten mit den losen Haarstränen gespielt.
„Was tue ich hier?" fragte sie das gemalte Abbild ihres Ehemanns. Chris hatte rötlichbraunes Haar und freundliche braune Augen gehabt. Auf dem Portrait lächelte er. Er hatte ein faszinierendes Lächeln, so als wüsste er etwas, von dem der Rest der Welt keine Ahnung hatte.
Ana ging zum Kamin, und kniete sich neben den braunen Sessel, in dem ihr Mann für gewöhnlich gesessen hatte. Sie streichelte liebevoll über das abgenutzte Leder. „Ich vermisse dich, Chris," flüsterte sie. „Du würdest wissen, was zu tun ist. Wenn du nur hier wärst."
Sie lächelte. Chris würde wahrscheinlich lachen, und ihr sagen, dass sie sich dieses Mal gehörig in Schwierigkeiten gebrachte hatte. Dann würde er sie von hinten umarmen, und sein Kinn auf ihre Schulter legen. Er hätte ihren Nacken geküsst, und ihr geraten, auf ihr Herz zu hören. Denn sein Herz könnte einen niemals in die Irre führen.
„Anamaria?"
Ana sah auf, und bemerkte Sparrow, der nur ein paar Fuß von ihr entfernt stand, den Kopf leicht auf die Seite gelegt. Verwirrung und Besorgnis kämpften in seinen dunklen Augen um die Vorherrschaft.
„Man nennt es das Gebet des Captains," sagte sie ruhig.
„Was?"
„Nur Mut, Captain. Führte Euer Pfad auch durch dunkle Nacht. Es leuchtet ein Stern der über Euch wacht. Sei Euer Weg auch voller Gefahr, und sein Ende verborgen. Stellt ihm Euch tapfer; stark, oder schwach, und vertraut in Gott, mit Euren Sorgen."
Der Pirat runzelte die Stirn. „Du bist das gewesen."
Hier also das neue Kapitel. Wenn es euch gefallen hat, könnt ihr ja ein Review schreiben. Wenn nicht, wäre es trotzdem schön, was von euch zu hören. ;-)
Frosch, vielen Dank für dein Review. Schön, dass du dich gemeldet hast. Es freut mich, dass dir die Geschichte gefällt und ich hoffe doch sehr, dass ich mal wieder was von dir hören werde.
Bis zum nächsten Mal
Lg RavannaVen
