Kapitel 10: Verrat
Die Flure in Hogwarts sind am nächsten Tag düster und grau. Der Herbst hat über Nacht begonnen und peitscht nun seinen Regen gegen die Mauern des Schlosses.
„Was für ein trostloser Anblick", hat Marietta geseufzt, als wir vor dem Frühstück aus dem Fenster gesehen haben.
„Ja", habe ich entgegnet. „Der Sommer ist vorbei."
Nun brennen an den Wänden der Gänge Kerzen und werfen ihr flackerndes Licht über den Boden, als Marietta und ich zum Klassenzimmer hasten, wo gleich Verwandlung stattfinden soll. Diese Stunden haben wir immer mit den Slytherins zusammen.
„Ich wünschte, es wäre bereits Pause." Meine Freundin wirft mir ein gequältes Lächeln zu. Manchmal sind Malfoy und seine Freunde besonders gemein und ärgern sie mit den Pockennarben auf ihrer Stirn.
Wir sind fast bei den anderen angekommen, da öffnet Professor McGonagall die Tür. Während wir hinter ihr in den Raum strömen, zündet sie mit der Spitze ihres Zauberstabes die Kerzen an. Sie hängen in Eisenhalterungen an der Wand.
Ich habe mich gerade an meinen Platz gesetzt, da schiebt sich Malfoy am Tisch vorbei. „Na, Chang – alles geritzt?", fragt er mit einem gehässigen Grinsen.
Für einen Moment scheint alles stehen zu bleiben: Ich sehe ihn an - er schaut zurück, ohne zu blinzeln.
„Was?", murmle ich verwirrt, doch er ist bereits weitergegangen.
Mein Herz hämmert wie wild. Ich will mir einreden, dass der Satz nichts bedeutet. Malfoy hat es sicher nur so gesagt. Aber plötzlich fällt mir ein, wie still es kurz an den Tafeln in der Großen Halle geworden ist, als ich eingetreten bin und wie seltsam mich einige Augenpaare gemustert haben, als ich zur Verwandlungsstunde geeilt bin. Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, doch auf einmal muss ich daran denken und das Gefühl, dass mir etwas Bedeutungsvolles entgangen ist, steigt wie eine böse Vorahnung in mir auf.
„Schlagt eure Bücher auf, Seite einhundertzwei", ordnet McGonagall an. Ein Rascheln und Kramen setzt daraufhin ein, das ansteigt wie eine Welle und sofort abebbt, als die Lehrerin wieder zu sprechen ansetzt: „Ich möchte heute mit euch üben, wie man eine verwelkte Blume in eine blühende verzaubert. Es ist im Grunde genommen-"
Jemand hinter mir kichert laut.
„Ja, Miss Parkinson? Wir sind sehr gespannt darauf, was, Ihrer Meinung nach, so komisch ist." McGonagall zieht abwartend eine Augenbraue hoch. Die Falten neben ihrer Nase sehen streng aus.
„Nichts, Professor, Entschuldigung." Pansy Parkinson grinst immer noch, sie grinst mich an, als ich mich umdrehe und sie anschaue. Sie sitzt in der letzten Reihe und wird halb verschluckt von den Schatten, die das Kerzenlicht nicht auszulöschen schafft. Mein Magen verknotet sich.
„Sie sieht richtig unheimlich aus, wenn sie lacht", wispert mir Marietta zu. Wir sitzen fast ganz vorne. „Ich glaube, ich werde das nächste Mal sie sehen, wenn mir ein Irrwicht begegnet."
„Miss Edgecombe? Noch ein Wort und ich werde ich Sie vor die Tür schicken, haben Sie mich verstanden?", unterbricht McGonagall sie.
Meine Freundin wird rot. „Tut mir Leid", sagt sie schüchtern und senkt den Kopf.
Hin und wieder übertönt vom rauschenden Regen erzählt uns die stellvertretende Schulleiterin von Hogwarts, wozu man den Blütenzauber benutzt und wie man ihn ausführen soll. Die letzte halbe Stunde gibt sie uns Zeit zum Üben. „Am Ende der Stunde werde ich die Blumen wieder einsammeln, bis dahin möchte ich Ergebnisse sehen. Versuchen Sie sich. Die Töpfe stehen hier vorne." Sie setzt sich hinter das Pult und beobachtet uns mit Adleraugen, als wir langsam aufstehen, uns in einer Schlange aufreihen und nacheinander einen Tontopf mit einer verwelkten Blüte darin nehmen.
Wir üben. Nach und nach brandet Gemurmel und Gelächter auf, das sich mit dem monotonen Klopfen des Regens vermischt. Ich finde, es gibt kein behaglicheres Gefühl als bei strömendem Regen in einem warmen, trockenen Raum zu sitzen. Gemeinsam probieren Marietta und ich unser Glück und tippen beim Murmeln des richtigen Spruches („Blosserium!") unsere Pflanze an, wie Professor McGonagall es uns gezeigt hat. Meine Freundin schafft es auf der Stelle, während bei mir bloß der Stiel frisch und grün wird.
Schließlich klingelt es zur Pause und Marietta und ich geben unsere Töpfe ab. „Gut gemacht." Professor McGonagall nickt Marietta zu.
Wir wollen gerade gehen, als der Tragegurt meiner Tasche reißt und ihr Inhalt sich über den Boden verteilt. Der Gurt ist schon seit Wochen brüchig gewesen, doch bisher hatte ich mich nicht dazu aufraffen können, ihn zu reparieren.
„Verdammt", seufze ich und bücke mich, um die Bücher einzusammeln.
„Ich helfe dir." Meine Freundin kniet sich auf den kalten Stein, aber ich winke ab.
„Geh ruhig. Du musst nicht auf mich warten."
„Ich bin auf dem Gang vor dem Gemeinschaftsraum, okay?"
„Alles klar." Ich winke ihr.
Während ich auf dem Boden krieche und erleichtert bin, dass wenigstens mein Tintenfass nicht ausgelaufen ist, räuspert sich plötzlich jemand neben mir. Überrascht sehe ich auf. Ich hatte nicht mitbekommen, dass noch jemand außer mir hier ist.
„Hallo, Cho", sagt Lisa Turpin lächelnd. „Ist mir auch schon mal passiert mit meiner Tasche. Total blöd die Dinger, was?"
Mir wird unangenehm warm. Es ist die Art, wie sie es sagt. Als wollte sie eigentlich etwas ganz anderes. „Ja."
Lisa Turpin ist ein Mädchen aus meinem Jahrgang. Sie ist groß und schlank und trägt fast immer eine bunte Strähne im Haar. Ihre beste Freundin ist Mandy Brocklehurst, ein stämmiges braunhaariges Mädchen aus unserer Klasse. Ich hebe den Kopf. Sie steht einige Meter entfernt zusammen mit Padma Patil. Padma geht nach den meisten Stunden schnurstracks aus dem Unterricht und macht sich auf die Suche nach ihrer Zwillingsschwester. Heute nicht.
Meine Kehle zieht sich zusammen und mir bricht der Angstschweiß aus. Ich stopfe meine Bücher schnell in meine Tasche. Schneller. Meine Schreibfeder gleitet mir zweimal aus den Fingern, bevor ich sie zwischen meine anderen Unterlagen quetschen kann.
„Cho, wir haben da etwas gehört, von dem wir uns nicht sicher sind, ob...", sagt Lisa zögerlich.
In diesem Augenblick weiß ich es. Ich weiß, was sie fragen will. Gehetzt schaue ich mich um, doch da ist niemand, der mir helfen kann. McGonagall ist verschwunden.
Mandy und Padma rücken näher, bis sie ebenfalls direkt neben mir stehen.
„Stimmt es, dass du dir in den Arm schneidest? Einfach so?", platzt es aus Padma heraus. Mit großen Augen und offenem Mund sieht sich mich an – neugierig, ein bisschen angewidert, sensationslüstern.
„Padma!", zischt Mandy. „Wir hatten doch besprochen, dass Lisa-"
„Seid leise", schnauzt Lisa dazwischen. Ihre rote Haarsträhne glüht im Kerzenlicht wie eine Feuerflamme.
Dann sind alle drei still und warten. Sie warten auf mich. Darauf, dass ich etwas sage.
Die Regentropfen, die gegen das Fenster pladdern, lassen die Situation noch unwirklicher erscheinen.
„Also?", sagt Lisa endlich atemlos.
„Ich denke, ich muss jetzt los." Ich reiße meine Tasche vom Boden und halte sie vor mich wie ein Schutzschild. Als ich auf dem Gang bin, beginne ich zu rennen, doch ihre erstaunt aufgerissenen Lippen verfolgen mich bis zu Marietta hin. Sie muss es gewesen sein. Ich versuche, mein Herz zu versteinern, damit ich vor ihr nicht weinen muss. Herz, Stein, Herz, Stein. Herz – Stein.
„Marietta", rufe ich, sobald ich sie sehe und bin froh, dass meine Stimmenbänder noch funktionieren.
Meine Freundin kommt mir entgegen. Die anderen starren uns an. Oder nur mich?
„Alles in Ordnung?" Ihre Augen flitzen über mein Gesicht, als suchten sie nach einem Anhaltspunkt, der ihr verraten würde, ob ich es bereits verstanden habe, verstanden habe, dass sie eine Verräterin ist.
„Du hast es ausgeplaudert. So, so. Eine tolle Freundin bist du." Ich umklammere so fest meine Schultasche, dass meine Fingerköchel sich weiß färben.
„Bitte?" Marietta fällt die Kinnlade herunter. „Wovon redest du?"
Einige Schüler schauen herüber. Ich kann förmlich sehen, wie das neuste Gerücht die Runde macht, von Mund zu Mund gereicht wird, um zu kosten, wie glücklich und schadenfroh es sich anfühlen kann. Es macht alles Sinn: Malfoys Bemerkung, Parkinsons Gekicher, die Blicke am Frühstückstisch und auf den Fluren.
„Davon, dass anscheinend die halbe Schule von dem redet, was ich dir gestern anvertraut habe." Mit einem Kloß im Hals streiche ich mein langes Haar beiseite.
„Was?" Hilflos sieht meine Freundin mich an. „Das ist nicht wahr, oder?"
Ich antworte nicht, sondern gucke sie bloß an. So eiskalt wie möglich.
„Das tut mir Leid für dich."
Ich lasse meine Tasche ein Stück sinken. „Du gibst es also zu?"
„Nein, ich war das nicht, ich-"
„Ach ja? Dir ist bestimmt auch zu Ohren gekommen, was die anderen geflüstert haben. Wieso hättest du mir das verschweigen sollen, wenn nicht, um hinauszuzögern, dass ich eine böse Entdeckung mache?"
„Nein, Cho, so war das nicht", sagt sie leise. Und eindringlich. Sie greift nach meiner Hand. Ihr Gesicht füllt mein Blickfeld aus und ich kann auf nichts anderes mehr schauen als ihre Augen, in denen sich die weichen Flammen der Kerzen wiederspiegeln. „Ich wusste nicht, dass die anderen darüber sprechen, wahrscheinlich, weil ich die meiste Zeit mit dir zusammen war. Und ich habe es nicht verraten, Ehrenwort! Das mit Cedric damals, das war ich, und auch das..."
„Du Petze!", flüstere ich.
Sie guckt mich an, als hätte ich ihr mit der flachen Hand eine Ohrfeige gegeben. Ihre Nasenflügel blähen sich. „Ich war es nicht. Dieses Mal nicht."
„Ehrlich?"
„Ich schwöre es bei Rowena Ravenclaw."
„Sie ist schon tot."
„Bei meiner eigenen Mutter?"
„Wer war es dann?"
„Keine Ahnung." Ratlos zuckt Marietta mit den Achseln.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir glauben kann." Und damit lasse ich sie stehen.
Ich kenne niemanden, der so indiskret ein Geheimnis weitergibt wie Marietta. Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht ihre beste Freundin und sie nicht meine.
Den Rest der Pause verbringe ich alleine. Harry Potter wirft mir einen mitleidigen Blick zu, als er mit seinen Freunden vorübergeht. Und Michael kann ich überhaupt nirgendwo entdecken.
Mein Körper fühlt sich heiß an. Heiß vor Scham. Es sollte niemand wissen. Und jetzt spricht die ganze Schule darüber. Darüber, dass ich geisteskrank sein muss. Darüber, dass ich mit einem spitzen Gegenstand meine Arme blutig ritze. Darüber, dass sie nicht begreifen können, warum man so etwas tut. Am liebsten würde ich es gleich wieder machen: Mich in die Besenkammer zurückziehen und vergessen.
Ich frage mich, was Cedric nun tun würde, wenn er hier wäre, bei mir.
Ein kleines Review wäre wunderbar ;-)
