Jinai: Ich muss jetzt die älteste Ausrede der Welt benutzen-

Raffael: Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen?

Jinai: Nein. Die Schule ist schuld. Ich bin den ganzen Tag dort und komm einfach nicht dazu, neue Kapitel ins zu stellen. *verbeugt sich* Hontoni gomenasai!

Raffael: Das unterschreib ich. Du hast überhaupt keine Zeit mehr für mich, geschweige denn für deine story! Verbeug dich tiefer!!

Jinai: Du hast mir überhaupt nichts zu sagen. Also Leute, sorry, dass es so lange gedauert hat, aber dafür bekommt ihr heute gleich mehr als erwartet: Nicht nur ist das das vermutlich längste Kapitel der gesamten story, nein, ich häng auch noch gleich das nächste Kapitel mit dran! Ihr bekommt also zwei Kapitel zum Preis von einem!

Raffael(gespielt begeistert): Was für ein Wahnsinnsangebot!

Jinai: Ja, ja, mach du nur deine Scherze. Wenn du dann damit fertig bist, mach den Disclaimer. (drohend) Du bist doch fertig, oder?

Raffael(schluckt): Yes, Sir… Ma'am… Meister!

Rated: T –was habt ihr anderes erwartet?

Disclaimer: Wem gehört D. Gray-Man? Richtig, Katsura Hoshino.


Der schwarze Orden machte keinen besonders Vertrauens erweckenden ersten Eindruck, weder auf Anna noch auf Marie. Wären sie alleine hierher gekommen, hätten sie sofort wieder umgedreht. Aber ihre neu gewonnenen Freunde waren bei ihnen, und so hatten sie keine Angst vor dem unterirdischen Zugang zu dem riesigen, runden und dunklen Gebäude. Zumindest keine allzu große.

Die erste Begegnung mit Hevlaska war allerdings etwas anderes. Marie hätte beinahe aufgeschrieen, als Hevlaska sie hochhob, während Anna, als sie an der Reihe war, einfach formvollendet, wie eine perfekte Lady… in Ohnmacht fiel. Sie brauchte eine Weile, bis sie wieder erwachte und sich soweit gefangen hatte, dass Komui ihr erklären konnte, was passiert war.

Linali hatte die Ehre, die beiden zu ihren neuen Zimmern zu führen, während Allen, Lavi und Kanda ihre Berichte bei Komui ablieferten. Krory und Miranda hatten sich auf ihre jeweiligen Zimmer zurückgezogen, um den Schlaf nachzuholen, den sie verpasst hatten. Jinai wanderte durch den Orden, nachdem sie nach Anna und Marie bei Hevlaska gewesen war. Komui hatte darauf bestanden, dass sie die Reinigung von Hevlaska durchführen ließ. Mit einem dutzend Wissenschaftlern als Zuschauer. Jinai hatte das Gefühl gehabt, als würden sie sie beim Umziehen beobachten.

Hoch oben kam sie in einen Teil des Gebäudes, der vollkommen verlassen war. Die Stille und die Dunkelheit hatten eine seltsam beruhigende Wirkung auf sie. Wer hätte gedacht, dass es hier, in einem Turm voll mit hunderten von Menschen, so ruhig sein kann?

Sie atmete tief ein. Die Luft war nicht, wie sie erwartet hatte, stickig, abgestanden und staubig, sondern geradezu erfrischend. Als ob sie auf einem Berg stehen würde. Dann erkannte sie ihre Umgebung wieder. Es war der Teil des Ordens, durch den sie bei ihrem Fluchtversuch gekommen war. Ist das wirklich erst knappe zwei Wochen her? Damals habe ich nur daran gedacht, wie ich von hier wegkomme. Jetzt genieße ich es hier.

Sie wanderte den Weg entlang, den sie auch damals genommen hatte. Wieder kam sie auf diese Plattform, von der sie hinuntergeklettert war. Diesmal war sie aber nicht auf der Flucht, also blieb sie am Rand stehen und schloss die Augen, um den Wind besser genießen zu können, der ihr ins Gesicht blies.

Ich vermisse meine Heimat. Die Hochplateaus, auf denen keine Bäume dem Wind trotzen können, wo nur Gräser und Büsche wachsen. Die dichten Wälder, in denen fast immer Nacht herrscht. Die stillen Seen, die so unergründlich tief sind, dass man die Tierwelt in ihnen noch immer nicht ganz erforscht hat. Die Klippen am Meer, an denen mir meine Winzigkeit in der Schöpfung bewusst wurde, als die Wellen mit aller Gewalt gegen den Stein schlugen. Bevor ich wusste, was mich erwartet.

Das alles hatte sie vermisst. Mit Nana hatte sie ganz Leharein bereist, um jeden Winkel davon zu kennen. Nana hatte immer von einer ‚einzigartigen Chance' für sie gesprochen. Erst als sie vierzehn geworden war, hatte sie verstanden, was Nana damit gemeint hatte.

Mit ihrem vierzehnten Geburtstag kam ihr freies, wildes Leben zu einem abrupten Ende.

Jinai lächelte mit geschlossenen Augen.

So frei war es auch wieder nicht. Nana hat mich sämtliche Regeln der Etikette auswendig lernen lassen, ich musste lernen, wie man herrscht, wie man kämpft, sogar die Kunst der taktischen Kriegsführung.

Jinai dachte an die Blicke, die ihr die anderen zugeworfen hatte, als sie ihnen im Zug ihre Strategie erklärt hatte.

Auch wenn ich nie gedacht hätte, das ich dieses Wissen jemals brauchen würde. Zu wissen, wie man die Kräfte der Kämpfer verteilen muss, um zu gewinnen, ist hier anscheinend überlebensnotwendig. Unsere Grenzen wurden von den Göttern gezogen. Nur ein Narr würde versuchen, sie zu verschieben.

Trotzdem hatte sie es lernen müssen. Alle Kinder aus Königshäusern mussten es lernen.

Dann war sie vierzehn geworden. Jinai erinnerte sich an jedes Detail dieses Tages, als wäre es erst gestern gewesen. Die große Stadt rund um die Burg, die fast wie ein Märchenschloss aussah, trotz der dicken Trutzmauern und der Kanonen auf den Wehrgängen. Ihr Winterpalast. Das doppelte Tor. Der riesige Burghof, in dem sich hunderte von Menschen zu tummeln schienen.

Die Festung an sich war eine einzige Ironie. In einer Welt, in der es seit über zweitausend Jahren keinen Krieg zwischen den Ländern mehr gegeben hatte, und die Verbrechensrate verschwindend gering war, wurden alle Schlösser wie Waffenarsenale gebaut. Die Burgen hatten Mauern, dicker, als die Stämme der ältesten Bäume rund waren, Tore, Zugbrücken und was nicht noch alles.

Die Götter wachten mit eiserner Hand über ihre Welt und bestraften jedes Vergehen, dass nicht schon angemessen bestraft war, mit unnachgiebiger Härte.

Angemessen in ihren Augen.Im Zuge ihrer Erziehung hatte sie auch einmal bei einer solchen öffentlichen Bestrafung zusehen müssen. Nana hatte mit ihr geschimpft, weil sie sich übergeben hatte, nachdem sie mit ansehen musste, wie man dem Mann die Sehnen an Armen und Beinen durchtrennt hatte. Er war in das Haus eines Edelmannes eingebrochen, aber erwischt worden, bevor er fliehen konnte. Man hatte ihn auf einem eigens dafür auf dem Hauptplatz aufgestellten Podest festgebunden und dann mit der Strafe begonnen.

Jinai konnte seine Schreie tagelang nicht vergessen, auch nicht als Nana ihr klarmachen wollte, dass es sein Glück gewesen war, erwischt und bestraft zu werden. Die Götter hätten ihn sonst auf der Flucht in eine Felsspalte fallen und verhungern oder von wilden Tieren zerreißen lassen. Was die Ordnungshüter getan hatten, war milde im Vergleich zu den Strafen der Götter. Die meisten hatten Glück und starben bei der Prozedur. Diejenigen, die weniger Glück hatten, wurden kurz darauf von den Göttern erlöst und in die Ewigkeit geschickt, sodass sie wiedergeboren werden konnten.

Nach so vielen tausend Jahren brennt der Zorn der Götter auf uns unglückseliges Geschlecht immer noch mit der Hitze von tausend Sonnen. Ihr Zorn auf sich selbst nährt ihren Zorn auf uns und wird ihn wahrscheinlich noch ewig währen lassen, denn solange wird der erste Gott noch unter uns weilen.

Der Tag, an dem sie vierzehn geworden war, war auch der Tag gewesen, als sie die Prophezeiung das erste Mal gehört hatte. Als der Priester geendet hatte, war ihr die volle Tragweite der Worte erst bewusst geworden. Vor lauter Angst war sie aus der Kapelle geflohen, die Rufe des Priesters und ihrer Großmutter hinter sich. Orientierungslos war sie durch das Schloss gehastet, verzweifelt nach einem Weg nach draußen suchend, denn die Wände schienen immer näher zu kommen. Schließlich war sie irgendwie auf den Zinnen des höchsten Turmes gelandet. Der Ausblick über die endlose Weite der Natur, die sich hinter den Stadtmauern in alle Richtungen erstreckte, und der scharfe Wind, der ihre Frisur zerrissen und die langen Strähnen wie eine Fahne hinter ihr im Wind flattern hatte lassen, hatten sie schließlich beruhigt. Sie hatte einen Platz gefunden, um darüber nachzudenken, was sie tun sollte.

Jinai lächelte traurig. Sie erinnerte sich noch gut an das Gespräch, das sie mit Nana geführt hatte, als diese sie nach zwei Stunden gefunden hatte.

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„Du hast es die ganze Zeit gewusst, nicht, Nana?"

„Ja."

„ Wieso hast du nichts gesagt? Wieso hast du mir das verschwiegen?"

„Ich durfte nicht. Wäre es nach deiner Mutter gegangen, dann hättest du es nie erfahren dürfen. Aber die Götter waren dagegen."

„Sie ist deswegen gestorben?"

„Gemeinsam mit deinem Vater."

„Wie?"

„Ein Attentat. Der Täter wurde nie gefunden. Dein Vater hat versucht, deine Mutter zu beschützen, aber…"

„Wieso wusste ich nichts davon? Wieso wusste ich nicht, wer ich bin? War alles, was ich bisher… war mein Leben eine Lüge?"

Die alte Frau sah ihre Enkelin an. Das Mädchen, das neben ihr an der Mauer der Zinnen saß, mit verweinten Augen und einem Taschentuch in der Hand, das sie fest umklammerte, sah ihrer Enkelin überhaupt nicht ähnlich. Ihre Enkelin war ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen gewesen, das Spaß an Streichen und Spielen hatte. Gemeinsam mit ihren Freunden, die sie in jedem Dorf, in das sie gekommen waren, schnell gefunden hatte, war sie manchmal den ganzen Tag durch Wald und Wiesen gezogen und hatte die halsbrecherischsten Spiele gespielt. Jeden Abend war ihre Großmutter am Tisch gesessen und hatte die kaputten Kleider von diesem Tag geflickt, während ihr kleiner Wildfang im Bett an der Wand den erschöpften Schlaf der Gerechten schlief. Nur um dann am nächsten Tag mit noch mehr Energie und Unsinn im Kopf aufzuwachen. Oft hatte sie mit ihr schimpfen und ihr die schlimmsten Strafen androhen müssen, damit sie sich ruhig hinsetzte und sie den Unterricht fortsetzen konnten.

Jinais Großmutter war eine strenge Lehrerin. Sie hatte alles lernen müssen, was sie in Zukunft brauchen würde. Oft hatte sie sie mitten in der Nacht aufgeweckt, um das schlaftrunkene Mädchen die soundsovielte Regel der Etikette abzufragen. Schließlich hatte sie Jinai nichts mehr beibringen können. Das Mädchen kannte sämtliche Regeln der Etikette und konnte sie auch anwenden. Alles, was ihre Großmutter noch tun konnte, war, ihr zu helfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern und zu verfeinern. Wobei sie ihr natürlich immer wieder einschärfte, vor ihren Freunden nie mehr als eine davon zu zeigen. Entweder Feuer, Wasser, Erde oder Luft. Nicht alles gleichzeitig. Die Kinder in ihrem Land hatten die Legende der sieben Hexen praktisch mit der Muttermilch aufgenommen und wären sofort misstrauisch geworden.

Und dann war die Zeit gekommen, Jinai zu offenbaren, dass sie kein einfaches Mädchen war. Gemeinsam mit ihrer inzwischen dreizehnjährigen Enkelin war die alte Frau also in die Hauptstadt gezogen, in der der Palast der Königsfamilie lag. Die ganze Stadt war in Aufruhr. In ein paar Tagen sollte der vierzehnte Geburtstag der Thronfolgerin sein und dann würde das Land wieder eine Herrscherin haben, mit ihrer Großmutter und ihren Beratern an ihrer Seite. Seit ihrer Geburt war die ‚unsichtbare Prinzessin', wie sie genannt wurde, verschwunden. Das Land wurde von einem Rat aus Priestern, Beratern und anderen hohen Würdenträgern regiert. Es ging den Leuten nicht schlecht, aber mehr als viertausend Jahre Matriarchat hinterließen ihre Spuren; die Leute brauchten ihre Königin, ihre Anführerin. Seit den Anfängen des Matriarchats, seit den Anfängen ihres Landes hatte ein einziges Geschlecht regiert und, so klein Leharein auch war, Frieden und Wohlstand erhalten können. Die unglaubliche Macht der sieben Hexen kam noch hinzu. Jede der ersten sechs Hexen hatte einmal ihr Reich regiert, und von all diesen Hexen stammte die siebente ab, die lang verschwundene Prinzessin.

Die wildesten Gerüchte hatten kursiert. Das Mädchen sei in Junge, es sei tot und eine Doppelgängerin solle seinen Platz einnehmen, die Großmutter wolle die Macht übernehmen und habe das Mädchen aus dem Weg geschafft oder es gab zwei Prinzessinnen, Zwillinge, die getrennt aufgewachsen waren und jetzt gemeinsam den Thron besteigen sollten. Manche vermuteten sogar, das Mädchen wäre außer Landes und würde nicht zurückkehren. Aber die Prinzessin war die ganze Zeit mitten unter ihnen, still und heimlich.

An dem besagten Tag strömten wahre Menschenmassen in den Burghof, um die Zeremonie zu sehen. Jinais Großmutter hatte das Mädchen geschickt von der Menge getrennt und über einen Geheimgang in das Innere geschafft, wo sie schon von den Priestern erwartet worden waren.

Da hatte sie endlich die Wahrheit erfahren. Sie war die Prinzessin, die von heute an Leharein regieren sollte. Die berühmte siebente Hexe, die alle vier Elemente beherrschte. Aber die alte Frau ließ ihrer Enkelin nicht viel Zeit, das zu verarbeiten. Sie mussten die Prophezeiung verlesen lassen. Jinai musste wissen, was auf sie zukam und was man von ihr erwartete. In aller Eile war alles vorbereitet worden, um die Zeremonie, die der Verlesung einer solch wichtigen Prophezeiung vorausging, vorzubreiten. Die Zeremonie wurde abgehalten, das Siegel des Pergaments vorsichtig geöffnet und die Voraussage, die ein Orakel vor mehr als viertausend Jahren gemacht hatte, vorgelesen. Hören durften sie nur die Prinzessin, die Königinmutter und die sieben Hohepriester. Niemand anderem durften sie davon erzählen, denn jeder Mitwisser könnte den Lauf des Schicksals beeinflussen.

Daralea Lehar, wie Jinais Großmutter hieß, hatte den Ausdruck auf Jinais Gesicht gesehen, als dies erwähnt wurde. Also durfte nicht einmal Aaron davon wissen. Er war der Sohn einer der Damen ihrer Mutter, der all die Jahre mit ihnen gereist war und als einziger wusste, dass Jinai alle vier Elemente beherrschte. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben und sein Vater noch davor sang- und klanglos verschwunden. Er hatte niemanden gehabt und sie begleitet, weil eine alte Frau mit ihrer noch nicht einmal ein Jahr alten Enkelin alleine auffiel, wo doch alle nach der Königinmutter und der Prinzessin suchten. Offiziell war er ihr Jinais Cousin. Die beiden waren die besten Freunde und hatten keine Geheimnisse voreinander. Bis zu diesem Tag.

Daralea hatte geahnt, dass Jinai flüchten würde, um in Ruhe nachzudenken und hatte genug Zeit mit eingeplant, damit sie trotzdem noch rechtzeitig zur Zeremonie fertig sein würde. Tatsächlich war Jinai nach der Verlesung der Prophezeiung aus der Schlosskapelle geflohen. Lange hatte Daralea allerdings nicht überlegen müssen, wo sie sein könnte. Jinai kannte sich in diesem Schloss nicht aus, die dicken Mauern engten sie ein und den Weg nach draußen würde sie nicht nehmen. Man stelle sich den Trubel vor, wenn auf einmal vor den Augen von hunderten von Menschen ein vierzehnjähriges Mädchen aus dem Schloss käme. Nein, das würde Jinai am wenigsten wollen. Sie brauchte Luft, Weite, um leben zu können. Also würde sie instinktiv einen höher gelegenen Ort suchen, von dem aus sie die Wälder und Felder außerhalb der Stadt sehen konnte. Trotzdem folgte ihr Daralea nicht sofort. Das Mädchen brauchte Zeit, um das alles zu verarbeiten, bevor sie bereit war, zu reden.

Jinai hickste. Vor lauter Weinen hatte sie jetzt Schluckauf bekommen.

Ihre Großmutter nahm sie vorsichtig in den Arm. „Jinai, hör mir zu. Es ist wichtig, dass du verstehst, was jetzt passieren wird, jetzt und in den nächsten vier Jahren. Ich habe dich versteckt und beschützt, damit niemand den Lauf der Dinge stören kann, aber jetzt musst du wieder die Jinai sein, als die du geboren wurdest: Meine Enkelin, meiner Tochter Tochter, die Prinzessin Lehareins und die siebente und letzte Hexe. Ich weiß, dass es dir schwer fällt, das zu akzeptieren, aber es ist genauso ein Teil von dir, wie der gebrochene Arm, den du dir mit sieben geholt hast, als du wieder einmal zu wild gespielt hast, oder die sichelförmige Narbe auf deiner linken Hüfte, die entstanden ist, als du mit neun mit Metallmanipulation experimentiert hast. Du bist jetzt nicht mehr nur Jinai. Du bist Jinai, die rechtmäßige Herrscherin Lehareins und Tochter von Maede, der verstorbenen Königin Lehareins, welche meine Tochter war. Du hast nicht nur das Recht, zu herrschen, sondern auch die Pflicht. Dein Land braucht dich. Der Rat hat gut und weise regiert, aber die Leute haben kein Vertrauen zu ihnen. Sie brauchen eine Frau, eine Lehar, auf dem Thron. Sonst zerfällt Leharein und die Prophezeiung kann sich nicht erfüllen."

Jinai sah ihre Großmutter mit aufgerissenen Augen an. Sie wusste, was passierte, wenn sich eine Prophezeiung nicht erfüllen konnte. Dann schloss sie die Augen.

Eine Minute verging und keine der beiden sagte etwas.

„Großmutter." So hatte Jinai Daralea noch nie genannt. Die alte Frau sah ihre Enkelin an; diese erwiderte den Blick fest. „Ich möchte Elaine sehen."

„Deine Cousine ist in ihrem Zimmer. Sie wird bei der Zeremonie neben dir stehen. Ich führe dich zu ihr."

„Danke, Großmutter." Jinai stand auf. Die andere stand ebenfalls auf und musterte ihre Enkelin.

Da war etwas anders an ihrem Blick, irgendetwas war verschwunden, das vorher immer da gewesen war. Jinai hatte ihre Rolle akzeptiert und ihre Bestimmung angenommen; es war ihre Freiheit, die nicht mehr in ihren Augen lesbar war. In Jinais Blick hatte man immer ihre Wildheit und Ungezügeltheit lesen können, egal, wie viele Benimmregeln sie auch auswendig lernte. Von morgens bis abends, egal ob sie fröhlich, wütend oder traurig war.

Aber da war nichts dergleichen in dem Blick der Frau, die Daralea jetzt gegenüberstand. Das war nicht mehr das Mädchen, das über eines der Hochplateaus Lehareins gejagt war, als ob es kein Morgen gäbe. Das war nicht mehr die Jinai, die noch vor einem Jahr versucht hatte, ihre Nana zu überreden, dass sie und Aaron in der Nähe der Riffe, an denen die See so rau war wie sonst nirgends an Lehareins Küste, schwimmen gehen könnten. Nicht das vierjährige Mädchen, das einem anderen Mädchen, das ihr ein Spielzeug weggenommen hatte, einen Frosch ins Gewand gesteckt hatte und auch nicht dasselbe sechsjährige Mädchen, das Aaron davon abgehalten hatte, auf einen Jungen einzuschlagen, der ihr die Hose herunter gezogen hatte, nur um ihn dann selbst in die Mangel zu nehmen.

All das war verschwunden.

Das ging Daralea durch den Kopf, als sie Jinai zu Elaines Räumen führte. Elaine war die jüngere Cousine, von der Jinai heute zum ersten Mal gehört hatte, ein kaum zehnjähriges Mädchen, das die nächste in der Thronfolge nach Jinai war. Sie war die Versicherung des Landes. Im Gegensatz zu Jinai war sie im Palast erzogen worden, wo sie gemeinsam mit ihrer Mutter Arita, der Tochter von Daraleas jüngerer Schwester Asri, gelebt hatte. Es lag an Jinai zu entscheiden, ob sie auch weiterhin hier bleiben durften oder in den Sommerpalast umziehen mussten. Das Gesetz verbot es zwar, dass Arita nach Maedes Tod den Thron bestiegen hätte, aber als Mitglied der königlichen Familie und Mutter der drittwichtigsten Frau Lehareins hatte sie mit Elaine im Palast wohnen dürfen, dieses Recht konnte ihr niemand verwehren. Dritte, denn Daralea war immer noch die zweite nach Jinai.

Vor der Türe, die zu Elaines und Aritas Räumen führte, blieb Daralea stehen. „In einer halben Stunde wirst du in deine Räumlichkeiten gebracht, wo du für die Zeremonie vorbereitet wirst."

Jinai nickte nur, dann öffnete eine Zofe Aritas die Tür und ließ sie ein.

Trotzdem hörte Jinai ihre Nana noch flüstern: „Wie haben wir uns alle an diesem Kind versündigt. Wir und die Götter." Sie hörte Stoff rascheln, als Daralea das Zeichen der Götter schlug, um für diese Blasphemie um Verzeihung zu bitten. In Gedanken tat sie dasselbe. Dann schloss sich die Tür und sie stand ihrer Großcousine und deren Mutter gegenüber.

Die vierzehnjährige, (im Vergleich zu jetzt wesentlich kleinere) gebräunte Brünette musterte ihre neunjährige Cousine mit den himmelblauen Augen und der hellen Haut kritisch. Eine Blondine, ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und herausgemacht wie eine Puppe.

Jinai schämte sich nicht ihrer einfachen Kleidung. Obwohl ihre Hose und ihr Hemd schon bessere Tage gesehen hatten und ihre hüftlangen Haare wild über ihren Rücken und ihre Brust fielen, musste sie das nicht, denn alle drei wussten, wer wem den größeren Respekt zu zollen hatte.

Arita und Elaine knicksten. „Es ist uns eine Ehre, dass Ihre Majestät uns einen kurzen Augenblick ihrer kostbaren Zeit schenkt." Arita sprach, doch Elaine sah schweigend zu Boden.

„Wie alt bist du?" Jinai fragte, obwohl sie die Antwort schon kannte.

„Meine Tochter, Eure Großcousine ist jetzt neun Jahre alt, Eure Majestät. Wir durften vor vier Monaten ihren neunten Geburtstag bekannt geben."

Jinai hätte beinahe missbilligend die Augenbraue hochgezogen. Sie versuchte es noch einmal. „Welche Ausbildung hast du bisher gehabt?"

„Elaine befindet sich noch in der Ausbildung, Eure Majestät. Sie wird in der höfischen Etikette, verschiedenen Sprachen und Tanz unterrichtet. Ebenso lehren sie ihre Ausbilder die besonderen Pflichten, die eine Prinzessin zu erfüllen hat."

„Bist du eine Feuermagierin?" Jinai hätte diesmal beinahe geknurrt.

„Eure Majestät, Elaine hat ihre Ausbildung zur Wassermagierin begonnen, als sie mit fünf erste Manipulationsfähigkeiten zeigte." In Aritas Stimme schwang Mutterstolz mit. Das war allerdings nicht Besonderes, die meisten Kinder zeigten in diesem Alter zum ersten Mal ihre Fähigkeiten.

„Ich würde gerne mit Elaine alleine sprechen." Obwohl Jinai ihrer Tante gerade mal bis ans Kinn reichte, musterte sie diese, als ob sie sie um zwei Köpfe überragen würde.

Mutter und Tochter wechselten einen schnellen, besorgten Blick. Dann knickste Arita wieder vor Jinai. „Natürlich, Eure Majestät." Mit gesenktem Kopf ging sie rückwärts zu einer Tür, die von einer Zofe geöffnet wurde und durch die sie dann verschwand.

Elaine hätte dem älteren Mädchen einen ängstlichen Blick zugeworfen, wenn sie den Kopf nicht gesenkt und fest auf den Boden gestarrt hätte. Sie wünschte sich ihre Mutter zurück, die für sie sprechen und sie leiten konnte. Alleine mit ihrer Cousine, die schon in wenigen Stunden ihre Königin sein würde, hatte sie große Angst, etwas falsch zu machen. Trotz ihres zerzausten Aussehens strahlte die Ältere mehr Würde aus, als Elaine jemals aufbringen würde. Ihr Götter, helft mir, stark zu sein und keine Fehler zu machen.

„Setz dich." Elaine nahm auf einem der Sofas Jinai gegenüber Platz, die sich inzwischen schon gesetzt hatte. „Nenne mir die erste und wichtigste Regel, die eine Herrscherin stets zu beachten und befolgen hat."

„Ei-eine Herrscherin muss immer zum Wohle ihres Reiches und ihrer Untertanen handeln." Elaine hatte eine Stimme, so fein wie Glas.

„Was wird dieser Regel vorausgesetzt?"

„Eine He-herrscherin muss sowohl gebildet sein, als auch wissend, um zu wissen, was zu tun ist."

„Kann man sich dies aneignen?"

„Es bedarf Lehrer der unterschiedlichsten Fächer, um eine Prinzessin lehren zu können, was sie wissen muss, doch die Stärke einer Herrscherin muss… muss ihr in die Wiege gelegt worden sein. Alles Wissen der Welt hilft einer Regentin nichts, wenn sie nicht imstande ist, zu regieren."

Sie waren an einem wichtigen Punkt angelangt. „Was bedeutet dies für die Prinzessin?"

„Eine Prinzessin muss Entscheidungen treffen können. Ihre Berater stehen ihr zur Seite, doch die richtige Entscheidung muss die Herrscherin treffen. Ist ihre Entscheidung erst einmal gefällt, so kann sie nicht mehr rückgängig gemacht werden. Eine Regentin darf keine Schwäche zeigen, sonst würde sie das Vertrauen ihrer Untergebenen in ihre Führungsqualitäten verlieren."

„Kannst du das?"

Überrascht sah Elaine Jinai an. Dann ging ihr auf, dass die Brünette von Anfang an darauf hinaus gewollt hatte. Sie hatte Elaine getestet und Elaine hatte versagt. Seit dem Moment, in dem sie ihrer Mutter das Sprechen überlassen hatte, hatte sie in den Augen ihrer Cousine als Regentin versagt. Ihr schnürte es die Kehle zu, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Eu-eure Ma-Majestät, es tut mir so leid. Bitte vergebt mir, ich-" Tränen rannen ihr über die Wangen.

Jinai stand auf und kniete sich vor das weinende Mädchen. Sie fuhr ihr mit einem Taschentuch über die nassen Wangen und wischte die Tränen weg. Leise sprach sie auf ihre kleine Cousine ein: „Elaine, ich verurteile dich nicht. Ich bin weder deine Klägerin, noch richte ich über dein Verhalten. Aber ich brauche dich."

Überrascht sah das Mädchen sie an. „Mich?"

Jinai nickte. „Ich kenne dich noch zu wenig, um Genaues sagen zu können, aber ich weiß, dass du das, was du gelernt hast, genauso verinnerlicht hast, wie ich es getan habe. Aber du musst es auch anwenden können. Alles Wissen der Welt hilft einer Regentin nichts, wenn sie nicht imstande ist, zu regieren. Du bist meine Stütze, Elaine, und deswegen musst du noch stärker sein als ich. Ich muss mich darauf verlassen können, dass du eine gute Königin sein wirst, falls mir etwas passieren sollte. Du darfst deiner Mutter nicht nach dem Mund reden, niemandem. Wir Lehar regieren seit Tausenden von Jahren dieses Land, und unsere Dynastie hat noch nie Schwäche gezeigt. Alle unsere Vorfahrinnen haben für ihr Volk gekämpft und sie haben es uns anvertraut. Das ist ein Geschenk, das nur wenige Menschen je erfahren dürfen. Aber auch eine große Bürde. Es bedeutet viel Verantwortung, eine Königin zu sein. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das eiserne Rückgrat der Lehar weiterentwickelt und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Daralea, Asri, Maede, Arita, ich und du… wir alle haben es."

„Ich auch?" Verwunderung war in Elaines Gesicht zu lesen.

Ihre Cousine lächelte. „Du bist meine Großcousine, eine Lehar. Alle Lehar-Frauen haben es. Und die, die Königinnen geworden sind, haben damit ihr Volk regiert und ein so kleines Reich so glücklich gemacht. Das möchte ich auch tun. Willst du das nicht?"

„Doch, natürlich!"

Jinai lächelte wieder. „Das ist auch ein Wesenszug von uns Lehar. Was wir tun können, das wollen wir auch tun, wenn wir damit jemandem helfen können. Wir Lehar sind willensstark und unser gutes Herz macht uns zu Königinnen. Deswegen wurden wir auserwählt, Leharein zu führen. Ich liebe dieses Land und seien Bewohner und ich weiß, dass du das auch tust. Und deswegen wirst du eine genauso gute Königin wie alle Lehar vor dir."

Elaine vergaß jegliche Anstandsregeln und umarmte ihre Cousine fest. Diese erwiderte die Umarmung. Alle Angst, die sie vor Jinai gehabt hatte, war verschwunden. „Ich will eine gute Königin sein, genauso wie Ihr eine sein werdet. Das weiß ich."

„Dann versprich mir eins: Sag Du zu mir. Wir sind Cousinen und ich hoffe, dass wir auch Freundinnen sein können."

„Natürlich." Elaine strahlte. Sie hatte noch nie eine Freundin gehabt.

„Aber wenn du Königin sein willst, dann musst du unser Land auch kennen lernen. Du hast den Palast ja noch nie verlassen, oder?" Elaine schüttelte den Kopf. „Du musst alles sehen. Die Wälder, Wiesen, Dörfer, Städte, Seen, die Hochplateaus und Klippen. Du musst die Leute kennen lernen und wissen, was sie bewegt. Ich hatte dreizehn Jahre Zeit, aber du musst das alles noch nachholen. Versprich mir, dass du das tust."

„Ja. Ich will alles sehen, was es in Leharein gibt. Ich will eine gute Königin sein."

Es klopfte an der Türe. Eine Zofe kam herein und knickste. „Ich soll Eure Majestät zu Euren Gemächern geleiten. Man wartet dort auf Euch."

Jinai gab Elaine zum Abschied einen Kuss auf die Stirn und ging. Kurz vor der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah Elaine in einen tiefen Knicks versunken.

„Und, Elaine…" Das Mädchen sah auf. „Knicks nicht vor mir. Oder hinter mir. Da komme ich mir so alt vor." Jinai lächelte und verschwand.

Elaine blieb zurück, alleine und in Gedanken versunken. Allerdings nicht lange, denn ein paar Sekunden später kam ihre Mutter ins Zimmer gestürzt und begann sie mit Fragen zu überhäufen.

Jinai musste eine lange Ankleide-, Frisier- und Schminkprozedur über sich ergehen lassen, die nur noch von einer noch längeren Krönungszeremonie übertroffen wurde. Zum Glück hatte sie Elaine und Daralea an ihrer Seite, sonst wäre es sehr einsam gewesen.

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Jinais Lächeln wirkte nun schon weniger traurig. Wenigstens war ich nicht allein. Ich hatte Nana, Elaine und Aaron. Obwohl Arita meine Tante ist, habe ich mich nie so richtig mit ihr verstanden. Wahrscheinlich war es ihre gluckenhafte Art, mit der sie Elaine bemuttert hat, als ob diese blind, taubstumm und gelähmt wäre. Und das einer Zwölfjährigen. Inzwischen muss sie allerdings schon dreizehn sein. Ich frage mich, ob Arita ihr immer noch alles vorsagen will, so wie damals.

Seit diesem Tag hatte sie nie wieder geweint.

Sie öffnete schließlich wieder die Augen.

Inzwischen war die Sonne schon so tief gesunken, dass sie fast hinter den Wolken, die den Berg(?), auf dem der Orden stand, umgaben, verschwand. Es war kühler geworden, während Jinai ihren Erinnerungen nachgehangen hatte. Der Wind hatte noch an Schärfe zugenommen und trieb sie schließlich nach einer Weile ins Innere des Hauptquartiers zurück. Auf dem Weg nach unten begegnete sie zufällig Anna.

„Was machst du denn hier?" Sie mussten lächeln, als sie sich gegenseitig gleichzeitig dieselbe Frage stellten.

„Ich war auf der Plattform am Ende der Treppe, etwas frische Luft schnappen."

„Ich suche Linali. Ich wollte mit ihr sprechen."

„Sie wird wahrscheinlich in Komuis Büro sein, aufräumen. Wenn sie das nicht macht, macht das keiner. Oder sie verteilt mal wieder in der Wissenschaftsabteilung Kaffee. Ich zeige dir den Weg dorthin."

„Danke."

Schweigend gingen die beiden nebeneinander her. Das Schweigen war unangenehm, aber keiner von ihnen fiel ein Gesprächsthema ein.

„Wieso hast du dich entschieden, Exorzistin zu werden?" Jinai hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass sie noch miteinander sprechen würden, aber Anna hatte die Frage anscheinend auf der Seele gebrannt.

„Ich mag das Szenario, das der Graf plant, nicht." Es stimmte, auch wenn sie damit nur die halbe Wahrheit gesagt hatte. Ihren ‚Ich-will-etwas-wieder-gutmachen'-Part ließ sie sicherheitshalber weg.

„Aber du hast doch kein Innocence. Wenn du gegen Akuma kämpfst, dann tötest du sie. Du setzt die Seelen nicht frei. Letztlich dürftest du gar keine Exorzistin sein. Du tust doch eigentlich nur so. Wie kannst du das verantworten?"

Jinai hätte beinahe geknurrt. Dieses Mädchen wusste anscheinend nicht, wie unhöflich sie gerade war. Wenn die wüsste, wer ich bin… „Ich nehme an, du bist von Adel."

„Ja. Was macht das aus? Auch Adlige können allem Anschein nach Exorzisten werden. Im Gegensatz zu manchen anderen…" Anna hatte das letzte nur gemurmelt, aber Jinai hatte scharfe Ohren. Es war ihr nicht entgangen, genauso wenig, wie sie den hochmütigen Ton in Annas Stimme hatte überhören können.

„Es hat den Anschein… Ich nehme an, du hast demnach auch eine gute Erziehung genossen?"

„Die beste." Auch der herablassende Seitenblick war Jinai nicht entgangen. Das Mädchen wurde ihr von Sekunde zu Sekunde unsympathischer.

Sie wusste, was Anna meinte. Für eine Dame schickte es sich nicht, Hosen zu tragen, aber Jinai liebte Hosen. Sie hatte sich mehr als drei Jahre lang in Korsetts schnüren lassen, hatte steife, schwere Kleider getragen und ihre Zofen Puder und Cremes auf ihr Gesicht auftragen lassen, um die Schandmäuler der eitlen Damen der Gesellschaft zu stopfen, aber hier musste sie das nicht. Sie hatte vorher ihr Leben lang Hosen getragen, warum sollte sie das nicht auch weiterhin tun, wenn sie wollte? Hier musste sie keine solchen Ansprüche erfüllen. Eigentlich ein Paradoxon. Sie verachtet mich für meine Hosen, aber sie scheint Linali zu mögen, obwohl deren Röcke so kurz sind… Jinai versuchte trotzdem, weiter freundlich zu bleiben. „Dein Leben war eigentlich schon geplant, bevor Lavi und die anderen darin aufgetaucht sind, oder? Wen du heiraten solltest, wo du wohnen solltest, was du zu tun hattest…"

Bei der Erwähnung des rothaarigen Energiebündels war Anna kurz rot geworden, aber sie hatte sich schnell wieder gefangen. Es war offensichtlich, was ihr Hauptgrund für ihren Eintritt in den Orden gewesen war. „Ich hatte noch keinen Verlobten, wenn du das meinst, aber die Verhandlungen über eine mögliche Verlobung mit einem reichen, sehr gut aussehenden jungen Mann liefen bereits. Hätte ich mich dagegen entschieden, eine Exorzistin zu werden, dann hätten wir vermutlich geheiratet."

Jinai riss bald der Geduldsfaden mit diesem Mädchen. Wie will sie jemals eine gute Exorzistin werden? Ihr ist das Ziel dieser Organisation doch vollkommen egal! Sie ist nur hinter Lavi her! Aber sie durfte sich nichts anmerken lassen. Immer freundlich bleiben… „Worüber wolltest du eigentlich mit Linali sprechen?"

Anna war überrascht über den raschen Themawechsel, ging aber darauf ein. „Ich wollte wissen, wo ich ein wenig üben kann. Wenn ich eine Exorzistin werden will, dann muss ich mein Innocence beherrschen, oder nicht?"

Ihre Betonung von ‚mein Innocence' ließ Jinai noch deutlicher spüren, was Anna von ihr hielt. Ich bin nicht gut genug, weil ich kein Innocence habe. Im Zug war sie noch nett und freundlich, aber kaum ist mal kein anderer in der Nähe, besonders Lavi nicht… Sie hat was drauf, aber ihre Prioritäten liegen für eine Exorzistin vollkommen falsch. Sie sollte an das Wohl dieser Welt denken und nicht daran, was sie anziehen oder wie sie sich Lavi angeln soll!

„Das kann ich dir auch zeigen, ich weiß, wo das ist." Die Trainingshalle war nur einen Katzensprung entfernt von dem Punkt, an dem sie sich gerade befanden. Wieder wechselte Jinai das Thema, diesmal zurück zu dem, worüber sie vor ihrer Unterbrechung gesprochen hatten: „War das bei deinen Eltern auch so? War ihre Ehe arrangiert?"

Und wieder ging Anna auf den Gesprächswechsel ein. „Meine Eltern sind sehr glücklich, auch wenn ihre Ehe arrangiert war." Sie waren an der Trainingshalle angekommen. „Wieso starrst du mich so an!?"

Während sie gesprochen hatte, hatte Jinai sie aufmerksam gemustert, als ob sie sie zum ersten Mal sehen würde. Sie musste sich sehr anstrengen, um das Grinsen, das die innere Jinai trug, die ihr damals auch geraten hatte, Exorzistin zu werden, nicht nach außen gelangen zu lassen. Es war eine fiese Jinai, aber es gab Momente, da gewann diese einfach die Überhand. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass sie regelmäßig Mugen ausweichen musste.

Anna war ihr in die Falle gegangen.

„Perfekt gezüchtet", sprach sie genau das aus, was sie gedacht hatte, als sie Anna zum ersten Mal gesehen hatte.

„Was?"

„Ich habe zu viele von deiner Sorte gesehen, um dich nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Deine Mutter war schön, dein Vater reich. Er brauchte eine Braut, die er auch herzeigen konnte, also hat er sie geheiratet. Herausgekommen bist du, eine perfekt gezüchtete Puppe, die nur dazu da ist, um später einmal selbst Töchter, wie du es bist, in die Welt zu setzen: hübsch, hochnäsig, herablassend. So wie du klingst, weißt du nicht einmal, wofür dieser Orden kämpft." Jinai drehte sich auf dem Absatz um und ging.

Das hatte gut getan. Anscheinend musste jemand dem Mädchen mal klarmachen, was man von einem guten Exorzisten erwartete, und wenn es sonst niemand tat, dann musste es eben sie tun. Wenn sie es dann noch immer nicht verstand, dann würde sie eine Bruchlandung erleben, die sich gewaschen hatte, denn mit ihrer Einstellung kam sie als Exorzistin nicht weit.

„Wie kannst du es wagen?!?! Wie kannst du mich so beleidigen?" Jinai war erst ein paar Schritte entfernt, da hatte Anna so laut geschrieen, sodass alle auf dem Gang sie gehört hatten, Finder und Angestellte. Wie es der Zufall so wollte, waren auch Lavi und Allen da. Die beiden kamen sofort angerannt.

„Was ist los?" „Wieso regst du dich denn so auf, Anna?" Die beiden sahen von Anna zu Jinai.

Jinai drehte sich lässig um. „Ihr passt meine Art und mein Kleidungsstil nicht und ich mag ihr ‚Ich-bin-so-viel-besser-als-du'-Gehabe nicht. Ich halte mit meiner Meinung nun mal nicht hinterm Berg, wenn ich so oft hintereinander beleidigt werde."

„Was hat sie denn gesagt? Vielleicht ist es nur ein Missverständnis." Allen versuchte anscheinend, die Situation zu schlichten.

„Ich bin zu nett, um das hier zu wiederholen." Jinai warf einen eindeutigen Seitenblick auf Lavi, sodass Anna rot anlief. „Aber anfangs ging es noch darum, dass ich wohl kein Recht habe hier zu sein, weil ich keine richtige Exorzistin bin, und überhaupt nicht kämpfen dürfte, weil ich die Seelen nicht erlöse. Ihrer Meinung nach müsste ich wohl da sitzen und Däumchen drehen." Die innere Jinai tanzte inzwischen um ein Freudenfeuer.

„Das habe ich nicht gesagt!"

„Nein, du hast gesagt, und ich zitiere: Du hast doch kein Innocence. Wenn du gegen Akuma kämpfst, dann tötest du sie. Du setzt die Seelen nicht frei. Letztlich dürftest du gar keine Exorzistin sein. Du tust doch eigentlich nur so. Wie kannst du das verantworten? Zitat Ende."

„Und das stimmt ja auch." Anna war anscheinend so in Rage, dass sie vergaß, ihre ‚Nett-und-Freundlich'-Maske aufzusetzen. Stattdessen sah sie Jinai mit wutverzerrter Miene an.

„Also hört mal-" Lavi setzte zu einem Versöhnungsversuch zwischen den beiden wütenden Mädchen an, kam aber nicht weit.

„Wenn du glaubst, du könntest mich beleidigen, ohne dafür zu zahlen, dann hast du dich geirrt. Aber wir haben hier ja gleich eine ganze Halle zur Verfügung, also warum klären wir das nicht in einem fairen Duell? Wer zuerst blutet." Lavi starrte auf Jinais Haare. Ohne ihr Zutun hatte sich ihr Stachel bei ihren Worten drohend hinter ihrem Haupt aufgestellt.

„Das könnt ihr doch nicht machen!" Allen sah beide entsetzt an.

„Gut. Dann ein Duell. Der Verlierer muss sich beim Gewinner entschuldigen, laut und für alle gut hörbar." Anna hatte ihren Bumerang gezückt.

Wie Kanda, der geht auch nie ohne Waffe aus dem Zimmer. Aber ich ja auch nicht- Lavi hatte keine Zeit, den Gedanken noch weiterzuspinnen.

„Lavi, du bist Schiedsrichter." Die beiden waren schon auf dem Weg in die Hallenmitte.

Allen setzte sich schließlich auf eine Bank am Rande des Feldes, nachdem er noch einmal erfolglos versucht hatte, beide von ihrem Vorhaben abzubringen. In der kurzen Zeit seit der Herausforderung hatten sich die Bänke rund um den Bereich, der als Trainingsfeld markiert war, mit Schaulustigen gefüllt. Hauptsächlich Finder, denn die Angestellten hatten keine Zeit, um sich eine Pause zu gönnen. Außer Allen waren Lavi, Linali und Kanda die einzigen Exorzisten im Raum. Die beiden letzteren hatten zufällig davon gehört, als sich das Gerücht wie ein Lauffeuer im Hauptquartier verbreitet hatte. Linali hatte Kanda mitgeschleppt, aus welchem Grund auch immer. Also musste er wohl oder übel zusehen.

Jinai und Anna standen sich jetzt schon gute fünf Minuten gegenüber, weil Lavi sich anscheinend nicht dazu durchringen konnte, das Startzeichen zu geben. Stattdessen erklärte er lang und breit die Regeln.

„Lavi! Fang endlich an!" Um Jinais Geduld war es heute scheinbar nicht zum Besten bestellt.

„Ok, dann… los."

Anna schleuderte ihren Bumerang, noch bevor Jinai eine Bewegung machte. Diese allerdings schlug einfach mit einem Arm danach und brachte ihn somit von seiner Bahn ab und zum Abstürzen. Sie wich den wenigen Strahlen aus, die dieser bisher abgeschossen hatte und raste auf Anna zu. Noch ehe sie reagieren konnte, hatte Jinai ihr in einer präzisen Bewegung mit einer Klinge einen feinen Schnitt über die rechte Wange gemacht. Ein paar Tropfen Blut rannen aus dem hauchdünnen Schnitt. Jinai deaktivierte ihre Klingen.

„Du kannst dir deine Entschuldigung sparen. Aber ich an deiner Stelle würde mir (1) gut überlegen, ob ich noch einmal gegen jemanden antrete, der offensichtlich mehr Erfahrung hat als ich, und (2) noch einmal meine Prioritäten überdenken. Wenn du nur hier bist, weil dir Lavi gefällt, dann hast du hier nichts verloren." Sie hatte leise genug gesprochen, damit sie niemand außer Anna hören konnte.

Dann drehte sie sich um. „Ach, Kanda, du bist auch da? Das trifft sich gut. Lust auf ein wenig Training? Ich bin gerade so gut in Form. Oder muss ich dir erst wieder etwas an den Kopf werfen?"

Kanda hatte eigentlich ablehnen wollen, vor allem weil ihn die Finder alle erwartungsvoll anstarrten. Sie wollten wohl ein Kräftemessen sehen. Aber aus einem Impuls heraus, den er nicht genau definieren konnte, kam er dann doch auf Jinai zu. „Willst du wieder verlieren?"

„Ich habe dir doch gesagt, du solltest dich besser nicht daran gewöhnen, zu gewinnen. Dieses Mal habe ich nicht vorher gegen Akuma gekämpft. Heute bin ich an der Reihe, zu gewinnen."

Die Finder johlten. Sie wollten unbedingt sehen, wie die beiden gegeneinander kämpften. Schließlich hatten nur wenige Kanda bisher auf eine Mission begleitet und dementsprechend wenige hatten ihn auch bisher kämpfen sehen.

„Die gleichen Regeln wie letztes Mal? Wer zuerst am Rumpf blutet?" meinte Jinai.

„Ein Vorschlag: Nur Klinge gegen Klinge bzw. Schwertscheide. Keine Stachel, keine Illusionen."

„Also kein fliegendes Gewürm?"

Nein." Kanda presste die Antwort zwischen den Zähnen hervor. Sie machte sich über eine seiner Attacken lustig, als hätte er damit nicht bereits mehrere Dutzend Akuma erledigt.

„Gut. Das klingt fair." Jinai nahm ihre gewohnte Kampfhaltung ein. Sie hatte Kanda zum Spaß herausgefordert, weil sie nach der einen Attacke, mit der sie das Duell gegen Anna gewonnen hatte, noch etwas Bewegung brauchte und da kam ihr der Schwertkämpfer gerade recht. Aber sie wusste, dass sie etwas anderes als Spaß brauchte, wenn sie gegen ihn antrat. Sie rief sich ihre Wut von dem Morgen in Erinnerung, als sie aufgewacht war und festgestellt hatte, dass sie immer noch im Orden war, weil er sie niedergeschlagen hatte. Sie schaffte es zwar nicht, ganz so wütend zu werden wie zu jener Zeit, aber um ihn zu besiegen, würde es reichen.

Bei Lavis Signal stürmten beide los, um mit einem ohrenbetäubenden Erklingen ihrer Waffen aufeinander zu prallen. Dieser Kampf neigte sich schon mehr zu Jinais Gunsten, als es der letzte getan hatte. Sie wurde nicht wieder dauerhaft in die Defensive gedrängt, sondern führte einen Schlag nach dem anderen aus. Alles in allem war es ein ausgewogener Kampf. Mal war Jinai in der Defensive, dann Kanda. So ging es ein paar Minuten, nach denen keiner der beiden auch nur einen Treffer gelandet hatte. Schließlich gelang es Jinai, als sie Kanda wieder in die Defensive gedrängt hatte, eine Öffnung in seiner Verteidigung auszumachen. Sie stach zu und traf ihn, obwohl er sich noch zur Seite drehte, um die Klinge an seinem Rumpf vorbeigehen zu lassen. Dadurch machte er den Schnitt allerdings nur noch länger, denn so zog sie ihre Klinge von unter seiner rechten Brust bis fast zu seiner linken Hüfte. Dabei ging leider auch ein großes Stück Hemd mit drauf.

Jinai sprang sofort zurück. „Das wollte ich nicht. Entschuldige!"

Kanda starrte sie auf einmal so wütend an, dass sie sich fragte, ob er jetzt in seinem Stolz verletzt war oder nur fassungslos, weil er wirklich verloren hatte. Er drehte sich um und stürmte aus der Halle, Jinai leider dicht auf seinen Fersen.

„Kanda, bleib stehen! Es tut mir leid, das wollte ich wirklich nicht-"

Er fragte sich wirklich, ob sie das mit Absicht machte. Sicherheitshalber beschleunigte er seine Schritte, doch sie blieb immer noch hinter ihm. Als er schließlich seine Zimmertüre erreicht hatte und sie ihm immer noch hinterherlief und sich entschuldigte, drehte er sich schließlich um. „Bist du so dämlich oder tust du nur so?!? Hör endlich auf!"

„Wenn du mir sagst, warum du auf einmal abgehauen bist." Sie grinste, obwohl er sie so anfuhr. Dieses Gör war wirklich unfassbar.

„Du hast geklungen, als ob du mich unabsichtlich besiegt hättest!" Kanda war also tatsächlich in seinem Stolz verletzt.

„Aber so habe ich das nicht gemeint. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand das so interpretiert hat. Ich habe gemeint, dass ich dein Hemd nicht kaputtmachen wollte…" Sie starrte gebannt auf seinen entblößten Bauch. Unterhalb der Schnittstelle zeichneten sich deutlich seine Bauchmuskeln ab. Auf einmal schlug ihr Herz schneller.

Er wollte gerade die Tür zu seinem Zimmer aufmachen, damit er sich dort ein frisches Hemd anziehen konnte, als sie ihn sanft am Arm zurückhielt. „Darf ich mir das einmal ansehen?" In ihrer Stimme schwang echte Sorge mit. Er sah sie verblüfft an.

„Ich möchte nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist. Dadurch, dass du dich zur Seite gedreht hast, habe ich vollkommen das Gefühl für die Bewegung verloren. Ich habe keine Ahnung, wie tief der Schnitt ist und ob man das vielleicht besser behandeln sollte. Ich werde natürlich dafür gerade stehen, falls das der Fall ist, denn es war ja meine Schuld, immerhin habe ich dich herausgefordert-"

„Hörst du auf zu quatschen, wenn ich dich lasse?"

„Ich bin schon still."

Kanda öffnete die Zimmertür und bedeutete ihr einzutreten. Er schloss sie hinter sich wieder und nahm gleich ein frisches Hemd aus dem Schrank.

„Du solltest vielleicht das Hemd…" Eigentlich hatte Jinai „hochheben" sagen wollen, aber als Kanda das Hemd gleich auszog, brachte sie keinen Ton mehr heraus. Hatte ihr Herz zuvor noch schneller geschlagen, so raste es jetzt, als sie seinen nackten Oberkörper sah. Kein Gramm Fett, nur die sehnigen Muskeln, die durch hartes Training und ständigen Kampf entstanden, zeichneten sich unter der Haut ab. Auf seiner linken Brust war ein Zeichen eintätowiert, das sie nicht kannte.

Konzentrier dich! Du bist nicht mehr dreizehn! Ausgerechnet die kleine Stimme in ihrem Kopf, die sie sonst meistens zu Unfug überredete, rief ihr jetzt den eigentlichen Grund, weswegen sie hier war, ins Gedächtnis.

Sie trat näher heran und beugte sich ein Stückchen hinunter, um einen besseren Blick auf den langen Schnitt zu haben.

„Kannst du dich ein wenig mehr zum Licht drehen? … Ja, danke, bleib so."

Seine Muskeln zuckten unter der leichten Berührung zusammen, als sie vorsichtig über die Wunde fuhr, um zu sehen, ob das Blut bereits gerann. Je schneller das Blut gerann, desto sicherer konnte sie sein, dass der Schnitt nicht allzu tief war. Aus der Wunde trat kein Blut mehr aus, überhaupt hatte sie von Anfang an nur sehr wenig geblutet, soweit Jinai das sehen konnte. Sie hatte ihn also nicht ernsthaft verletzt und Narbe würde auch keine zurückbleiben. Sie atmete erleichtert aus und richtete sich auf.

„Alles in Ordnung. Keine schweren Verletzungen, keine Narbenbildung. Gratuliere, du wirst es überleben."

Danke. Kann ich mich jetzt wieder anziehen?"

Jinai streifte mit ihrem Blick noch einmal auf seine Brust, dann sah sie ihm wieder ins Gesicht. Sie grinste. „Natürlich, es ist dir gestattet. Ich bin dann mal weg, sonst erzählt Lavi noch die wildesten Geschichten."

Sie wandte sich zur Tür um und verschwand. Draußen stieß sie den Atem aus. Es war ganz schön schwer, ruhig zu bleiben und Witze zu reißen, wenn er kein Hemd anhatte.

Und wenn er ganz nackt wäre, würdest du dann der Sprachlosigkeit verfallen, o Jinai, die Schlagfertige, ewig Quatschende?

Sie verdrängte das Bild sofort wieder, das vor ihren Augen aufgetaucht, als die Stimme in ihrem Hinterkopf das ausgesprochen hatte.

Jetzt erzählst du mir wieder das genaue Gegenteil von dem, was du mir vorhin geraten hast.

Hab ich nicht. Ich habe darauf geachtet, dass du nicht wie eine Idiotin aussiehst. Hätte ich nichts gesagt, dann würdest du jetzt noch dastehen und ihn anstarren.

Du bist ja so lieb zu mir.

Nein, ich bin ein Teil von dir und muss meinen Ruf wahren. Und, wo wir gerade dabei sind, darf ich dich daran erinnern, dass du immer noch vor seiner Tür stehst?

Du bist wahrscheinlich der unverschämteste Teil von mir.

Ich sage nur, was du dich nicht traust zu sagen.

Zum Glück kann dich aber keiner außer mir hören.

Aber dass du mich hören kannst, reicht schon. Ich weiß, du hörst es nicht gern, aber ich habe beträchtlichen Einfluss auf deine Handlungen.

Den du mit diesem Geständnis gerade verloren hast. Ab jetzt höre ich nicht mehr auf dich.

Die Stimme lachte höhnisch. Wenn du glaubst, dass das so einfach ist. Aber jetzt sollten wir wirklich unsere Füße in Bewegung setzen, wir wollen doch nicht erwischt werden, wie wir vor Kandas Tür herumlungern, oder? Jetzt hatte die Stimme etwas Lauerndes.

Jinai ging in Richtung ihres Zimmers.

Wenn du mir irgendetwas sagen möchtest…

Ich muss heute wohl lauter Dinge sagen, die du nicht hören möchtest. Die Stimme seufzte. Na schön, machen wir es kurz und schmerzlos. Drei Worte: Aaron ist tot.

Das nennst du schmerzlos? Sie ließ sich auf ihr Bett fallen, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Hör mal, er ist jetzt schon über ein halbes Jahr tot-

Wie kannst du so sicher sein, dass er tot ist? Wir wissen nicht, ob er nicht vielleicht doch überlebt hat.

Die Hoffnung der Hoffnungslosen, der berühmte letzte Strohhalm, etc, etc. Du kannst einfach nicht loslassen, oder? Wie soll er das überlebt haben? Wir wissen, wie stark Ceathan ist. Nicht eine Maus überlebt einen seiner Angriffe. Der Kerl ist gründlich.

Aaron ist stark.

Aber gegen ihn kann auch er nichts ausrichten.

Schön, schön! Aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Ich frage mich, wer von uns über die Intelligenz verfügt. Du anscheinend nicht. Das ist doch wohl klar. Du hast lange genug getrauert. Zeit für was Neues.

Du bist geschmacklos.

Und du so anhänglich wie ein Hund. Wie können wir nur ein und dieselbe Person sein?

Jinai ignorierte die letzen beiden Sätze. Außerdem- Kanda?

Warum nicht? Ich mag ihn.

Jaaa… du. Das sagt nicht viel aus.

Wieso!?

Du bist nur eine kleine Stimme in meinem Kopf, die mich zu verrückten Sachen überreden will, und auf die ich von heute an nicht mehr hören werde.

Du nennst mich verrückt!? Wer führt hier Selbstgespräche?

Du doch auch.

Jinai konnte die Wut der inneren Jinai beinahe hören.

Unverbesserlich, stur, engstirnig, verbohrt, uneinsichtig, halsstarrig, störrisch, dickköpfig, … der Stimme fielen anscheinend eine Menge Schimpfworte ein, die alle wohl Jinai beschreiben sollten.

Darf ich dich daran erinnern, dass das alles auch auf dich zutrifft?

Im Guten. Du bist hier die, die sich kindisch verhält.

Ach, für dich gelten also andere Regeln als für mich?

Ich bin nicht so wie du. Ich bin zäh, habe Durchhaltevermögen, lasse mir nicht von anderen vorschreiben, was ich zu tun oder zu sagen habe, habe meine eigene Meinung und eine starken Willen.

Du hast gerade genau das gleiche gesagt, nur mit anderen Worten.

Hab ich nicht.

Jetzt bist du kindisch.

Also gibst du zu, dass du vorhin kindisch warst?

Nein, ich lasse dich nur deine eigene Medizin schmecken. Lecker?

Nicht so lecker wie das Abendessen, auf das ich hoffe.

Also hast du auch Hunger.

Kunststück, es ist unser Magen.

Ach, aber den teilen wir uns, oder wie darf ich das verstehen?

Wir sind uns nur über nicht-körperliche Fragen nicht einig. Was die körperlichen angeht… Sagen wir mal so: Da liegen wir auf der gleichen Wellenlänge.

Also Abendessen?

Abendessen!

Jinai erhob sich und ging zur Tür. Schrei nicht gleich so. Und kannst du dir eine etwas gehobenere Sprechweise angewöhnen?

Wieso, du bist ja die einzige, die mich hören kann, und du redest ja genauso mit mir.

„Ich bekomme noch Kopfschmerzen von dieser Unterhaltung."

„Von welcher Unterhaltung?" Lavi war im Vorbeigehen stehen geblieben. Obwohl sie nur gemurmelt hatte, hatte er sie doch verstanden.

Haha, jetzt kommst du in die Klapse.

Dann kommst du doch mit.

Oh, ja… scheiße. Dann lass dir schnell was einfallen.

Dieser Dialog hatte nur einen Augenblick gedauert, dann lächelte Jinai, sagte „Nichts" und lenkte ihn ab. „Bist du auf dem Weg zum Speisesaal?"

„Ja, mein Magen hat sich mit dem alten Panda über die Wichtigkeit von drei warmen Mahlzeiten am Tag gestritten und gewonnen. Deswegen bin ich für kurze Zeit vom Bibliotheksdienst befreit." So etwas konnte nur Lavi sagen.

„Das trifft sich gut, da wollte ich auch hin. Ich begleite dich."

Im Speisesaal trafen sie auf Linali und Allen, die auch gerade erst gekommen waren und sie entschlossen sich dazu, gemeinsam zu essen. Lavi schaffte es sogar, Kanda, der nur kurz nach ihnen gekommen war, dazu zu bringen, dass er sich zu ihnen setzte. Leider saßen er und Jinai sich gegenüber, Jinai auf beiden Seiten von Lavi und Allen flankiert und Linali an Kandas Seite allen anderen gegenüber, weil sie als einzige mutig genug gewesen war, sich neben ihn zu setzen. Da weder Kanda noch Jinai beim Essen gerne redeten, lief die Unterhaltung über ihren Köpfen ab, ohne dass einer von ihnen ein Wort sprach. Jinai war noch vor Allen fertig und verließ den Speisesaal als erster, mit der Begründung, dass sie schon etwas müde sei und sich hinlegen wolle.

Kaum war sie bei der Tür hinaus, sah Lavi die anderen ernst an. „Wir müssen reden."


Raffael: Uiuiuiuiuiuiuiuiuiui-

Jinai: Lass den Schwachsinn! Sei woanders dämlich, ich muss hier eine Geschichte vorantreiben –Und deswegen, geneigte Leser, machen wir jetzt auch gleich ohne weitere Umschweife weiter mit dem nächsten Kapitel: ‚Verschnaufpause? Von wegen!'