Kapitel 11

„Ich hoffe, du behältst für dich, was wir hier tun, junge Dame…", knurrte Durza und prüfte ein weiteres Mal, ob die Kräuter das Taubenblut nun in gewünschtem Maße verändert hatte.

Niniel warf ihrem Herrn hinter dessen Rücken einen vorwurfsvollen Blick zu, antwortete jedoch neutral: „Ja, Mylord."

Fast ein Jahr war vergangen, seit sie in Durza's Dienste gekommen war. Der Krieg an den Küsten war noch lang nicht geschlagen, immer noch tobten die Kämpfe um Kuasta und die Inseln. Manchmal fragte sich der Schatten, ob Galbatorix den Feldzug nicht absichtlich in die Länge zog. Seit Beginn des Krieges war im Volk von Broddring ein Stolz aufgekeimt, wie er noch nie gesehen worden war. Da die Orden von Heffna und Kolus sich heftig gegen die Kampfhandlungen ausgesprochen hatten, war es ein Leichtes für Durza gewesen, beide Glaubensgemeinschaften in kürzester Zeit zu zerschlagen. Dafür erhielten aber viele kleinere Orden großen Zulauf, zwar auch die Jünger vom Helgrind, allerdings nicht so, wie es der König gewünscht hatte.

Als nächstes Ziel hatte Galbatorix den Lichtorden ausgewählt und Durza hatte einige Mühe, diesem einen Schwachpunkt nachzuweisen. Die Finanzen des Ordens liefen geregelt, ja sogar in ihren Predigten lobten die Priester des Lichts den neuen König und den Krieg gegen die Aufständischen. Hätte der Orden nicht solch riesigen Grundbesitz in den letzten Jahren erworben, den Galbatorix zur Bestechung der Adligen verteilen müsste, wahrscheinlich wäre der König lieber eine Allianz mit diesen als den Jüngern vom Helgrind eingegangen. Und das musste Durza dringend verhindern!

„Riecht das nach Wein?", fragte Durza und reichte den Glaskolben an seine Schülerin weiter.

„Nein. Zu sauer."

Aber Wein roch doch sauer, oder nicht? Langsam verzweifelte der Schatten. Auch wenn er sonst eine ausgesprochen feine Nase besaß, bei Alkohol verließ ihn sein Können. Für ihn hatten Weine und Schnäpse den gleichen stechenden Gestank, der alles andere überdeckte. Vielleicht sollte er sich doch auf etwas anderes konzentrieren. Den Opferwein durch Taubenblut zu ersetzen, auf dass dieser im Mund der Gläubigen wieder zu Blut wurde, wäre an sich kein alchemistisches Meisterstück – aber doch hakte es an allen Ecken und Enden. Immerhin musste er Menschen täuschen, die ständig Wein tranken und es gewohnt waren, nur die edelsten Tropfen in der Messe vorgesetzt zu bekommen.

Seufzend ließ Durza sich in seinen Sessel fallen. „Es ist schon spät, du solltest gehen…"

„Ja, Mylord. Ich lege nur schnell noch Holz nach. Soll ich morgen wieder Taubenblut mitbringen aus der Küche?"

„Nein. Wenn morgen Lämmer geschlachtet werden, bring etwas davon mit."

„Lammblut hattet Ihr bereits, Mylord…"

„ICH WEISS!" Frustration, Kopfschmerzen und Ungeduld paarten sich zu einer unangenehmen Laune. „…bring einfach Lammblut mit. Ich werde etwas anderes versuchen."

Nachdem Niniel gegangen war, spielte Durza zur Entspannung etwas mit Feuer. Es war so einfach, eine Flamme in der Hand zu halten. Sie wurde größer oder kleiner, je nach dem, was der Schatten ihr zuflüsterte. Auch die Farbe konnte er ganz nach Belieben verändern, einzig der Geruch blieb der Gleiche.

Gedankenverloren griff er nach dem Glaskolben mit seinem letzten Experiment. Der Inhalt sah aus wie Wein. Dunkel, aber doch klar. Leichtflüssig, nicht klebrig wie Blut. Der Geruch war alkoholisch-säuerlich, zumindest in seiner Wahrnehmung. Er trank einen Schluck – und spuckte ihn umgehend aus. Was auch immer er da zusammengemischt hatte, es schmeckte verdächtig nach dem Schlamm am Rad eines Fuhrwerks. Nicht, dass er bereits einmal von einem Wagenrad gekostet hätte, aber so stellte er sich das vor: einfach Ekel erregend.

Er musste dringend an die frische Luft!

Die Palastwachen waren sein Kommen und Gehen zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit gewohnt, darum erregte sein heutiger Nachtspaziergang keinerlei Argwohn bei den armen Trotteln, die in dieser Nacht die Palasttore zu hüten hatten. Gedankenverloren durchstreifte der Schatten die ausgestorbenen Straßen. Galbatorix feierte in ein paar Tagen sein erstes Thronjubiläum – eine weitere Festlichkeit, auf die der Schatten nur zu gern verzichtet hätte. ‚Mach dir nichts vor: du bist nicht nur Sklave und zahmes Schoßhündchen, du bist sogar eine Hofschranze geworden!' schalt er sich selbst und trat gegen eine Mauer. Der Schmerz in seinem Fuß half ihm allerdings auch nicht weiter.

Ob bewusst oder unbewusst, sein zielloses Streifen durch die Nacht hatte ihn direkt zum Tempel des Lichts geführt – und die von ihm getretene Mauer war die der Ostseite des Tempels. Wie der Name des Ordens schon nahe legte, brannten jederzeit unzählige Lichter im Tempel. Und die Tore zur Kathedrale standen immer offen. Vielleicht würde er ja dort drinnen den Funken der Inspiration finden. Missmutig zog er die Kapuze seines Mantels über den Kopf und betrat das Innere des Tempels.

Auf einer der Gebetsbänke hatte sich ein Bettler zur Nacht niedergelassen und schnarchte selig vor sich hin, sonst schien niemand in der Nähe zu sein. Durza zwängte sich auf eine der vorderen Bänke und starrte den Altar an. Protz, Kitsch und religiöser Schnickschnack waren die Worte, die ihm zur Innenausstattung zuerst in den Sinn kamen. Nichts hier hatte etwas gemein mit der erhabenen Schlichtheit des Helgrind-Glaubens. Aber war es vielleicht genau das, was den Orden so interessant machte für das einfache Volk? Die Jünger des Helgrind predigten Askese und die Vergänglichkeit, ja sogar die Nutzlosigkeit des Körpers. Hier standen Lebenslust und Freude an den einfachsten Dingen des Lebens im Vordergrund – eines der bunten Bleiglasfenster zeigte sogar eine Wolke von Schmetterlingen, die sich um eine Jasminblüte drängte.

Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal den Duft von Jasmin bewusst wahrgenommen hatte. Oder einen Schmetterling im Sonnenschein. Wie lang war es her, seit er sich mit solchen Banalitäten beschäftigt hatte? Den Augenblick genießen, erkunden, keine Gedanken an die Zukunft zu verschwenden? Oder an die Vergangenheit…

… und dann vernahm er ein Flüstern. Oben auf der Empore unterhielten sich flüsternd mehrere Männer. Durza spitzte die Ohren und lauschte. Er musste sich nur ein wenig konzentrieren, dann vernahm er die Stimmen klar und deutlich. Und was sie sagten, würde der Schatten geschickt zu nutzen wissen…

TBC

A/N: Auch ein böser Schatten hat Gefühle. Armer Durza… Aber keine Angst, er wird noch wieder zu Hochform auflaufen. Trotzdem musste ich ihm diesen Augenblick der Schwäche gönnen…