11. Kapitel

Astoria lag erschöpft auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Sie war müde, aber die Ereignisse des Tages ließen sie nicht zur Ruhe kommen.

Draco hatte, seinen Kopf in ihrem Schoß geweint, bis Hermine mit seiner Tante aufgetaucht war. Dann hatte Draco sich binnen Sekunden wieder in den unnahbaren Eisblock verwandelt. Nur seine geröteten Augen verrieten noch etwas über seinen Gefühlsausbruch.

Andromeda war zu ihrer Schwester geeilt. Nach kurzer Zeit war sie wieder aufgetaucht und hatte die Dinge in die Hand genommen. Sie hatte mit Hermine zusammen die Überführung des Leichnams zu einer magischen Pietät organisiert.

Danach hatten sie die Beerdigung geplant. Sie würde in zwei Tagen im kleinsten Kreise stattfinden.

Astoria drehte sich auf die Seite. Was sie aber mehr als die eigentlichen Ereignisse beschäftigte, waren ihre Gefühle. Schon in Edinburgh hatte sie gemerkt, dass sie Draco anfing, zu mögen. Sie dachte über ihn nicht mehr als Malfoy – er war nun Draco. Er hatte ihr Seiten an sich gezeigt, die sie in ihrem Inneren berührten. Der jungenhafte Charme bei ihrem Ausflug nach Edinburgh und heute die Verzweiflung und das Leid.

Er war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte: kalt und arrogant. Das schien nur eine Maske zu sein. Seine Art sich vor der Welt zu verstecken. Und er hatte ihr sein wahres Gesicht gezeigt. Und nur ihr. Hatte er so viel Vertrauen in sie?

Aber sie wollte ihn nicht mögen! Sie hatte ihn zu lange von ganzem Herzen gehasst. Das wollte sie nicht ändern. Es war einfacher. Wenn sie anfing, ihn zu mögen ...

Entschlossen stand sie auf und lief in ihr Wohnzimmer. Dort kramte sie aus ihrer Tasche die Akte 'Draco Malfoy'. Mit der Akte in der Hand machte sie es sich auf der Couch bequem und begann zu lesen.

ooo

Draco wälzte sich nun schon seit Stunden in seinem Bett. Dabei wanderten seine Gedanken immer zwischen Astoria und seinem Vater hin und her. Und nichts davon ließ ihn zur Ruhe kommen.

Er hatte sich an sie geklammert, wie ein Dreijähriger. Wie beschämend! Sie mochte ihn nicht einmal, vielleicht hasste sie ihn sogar.

Aber sie hatte eine Hand zwischen seine Schulterblättern gelegt und mit der anderen hatte sie ihm über den Kopf gestreichelt. Das hatte sich wundervoll angefühlt.

Mitleid! Wie er es hasste! Kein Mensch hatte ihm gegenüber jemals normale Gefühle gehabt.

Entweder hatten sie ihn gefürchtet oder gehasst. Crabbe und Goyle waren ihm hinterher gelaufen, aber gemocht hatten sie ihn nicht.

Merlin, er hatte sie verachtet. Bemitleidet hatte er sie, weil sie zu dumm waren, um eigene Entscheidungen zu treffen. Ausgenutzt hatte er ihr Treuherzigkeit.

Empfand Astoria für ihn, wie er damals für Crabbe und Goyle? Mitleid und Verachtung? Er hatte sich noch nie vor einer Frau so erniedrigt. Nicht einmal als Granger ihm damals angeboten hatte, ihn vor Gericht zu vertreten.

ooo

Astoria hatte in der Nacht doch noch einige Stunden Schlaf gefunden. Allerdings waren diese durch Träume von Messern, Blut und weinenden blonden Kindern durchzogen gewesen.

Nun stand sie wieder vor dem kleinen Cottage der Malfoys. Sie hatte die Akte zum ersten Mal richtig gelesen. Er war nicht unschuldig. Dazu hatte er doch zu viel gesehen, während seiner Zeit bei den Todessern. Mitläufer zu sein war, vielleicht nicht so schlimm wie der Täter zu sein. Vor allem, wenn der Täter der eigene Vater war. Aber trotzdem blieb ein schales Gefühl in ihr. Hatte er damals im Gang nicht auch nur stumm dabei gestanden? Er schien doch eine starke Persönlichkeit zu haben. Warum hatte er sich nicht dagegen gewehrt? War es doch seine Überzeugung?

Vor ihren Augen entstand das Bild, wie Draco im Verlies vor ihr gestanden hatte und ihr von dem Schreibtisch seiner Mutter erzählt hatte. Aber er hatte sich auch höflich mit dem Kobold unterhalten.

Ihr wurde bewusst, dass Draco mehr Grauschattierungen hatte, als ihr lieb war. Er war ein sehr komplexer Mensch und man wurde ihm nicht gerecht, wenn man ihn in eine Schublade packte.

Daher stand sie nun hier vor der Tür. Sie hatte sich zum ersten Mal ehrlich vorgenommen, den Fall so gut wie möglich zu bearbeiten. Auch wenn er nicht unschuldig war, wie ihre vorherigen Klienten, so hatte er seine Mitläuferschaft durch seine fünf Jahre in Azkaban abgebüßt.

Sie holte tief Luft und klopfte. Nach Kurzem öffnete Draco die Tür. Er sah sie kalt an. „Was machst du hier?" Astoria sah ihn verwirrt an. Sie hatte gedacht, sie seien gestern in ihrer persönlichen Beziehung einen Schritt weiter gekommen.

Sie räusperte sich. „Ich dachte, ihr könntet vielleicht Hilfe gebrauchen. Jemanden, der Tee kocht. Oder so."

Seine Maske geriet eine Sekunde ins Wanken. „Wir brauchen kein Mitleid!" Er klang nicht wütend, nur abweisend.

„Ich habe auch nicht Mitleid angeboten, sondern Hilfe!" Trotzig reckte sie das Kinn vor. Ihre Blicke bohrten sich ineinander.

Hinter Astoria war ein leises 'plopp' zu hören. Erschrocken fuhr sie herum, zeitgleich spürte sie Dracos Hand auf ihrem Arm, der sie hinter sich ins Haus zog. Jetzt blockierte er ihr die Sicht. Er stand vor ihr, mit dem Zauberstab in der Hand. Astoria starrte verwirrt auf seinen Rücken.

Er entspannte sich. „Andromeda!"

Astoria lugte an seinem Arm vorbei und sah nun das seine Tante in einem schwarzen Umhang vor der Tür stand.

„Draco, guten Morgen!" Andromeda schien entschlossen die kleine Szene zu übersehen. „Ist Cissy schon wach?" Draco trat einen Schritt zurück, um Platz für seine Tante zu machen und rempelte dabei gegen Astoria.

Erst jetzt schien ihm wieder einzufallen, dass sie auch noch da war. Er drehe sich zu ihr um und musterte sie auf eine merkwürdige Art, während er seiner Tante antwortete. „Sie ist in der Küche."

Dann breitete er seinen Arm einladend aus und grinste sie ironisch an. „Nach dir." Hocherhobenen Hauptes lief sie vor ihm und seiner Tante zur Küche. In der Tür blieb sie unentschlossen stehen. Narcissa Malfoy saß, wie ein Häufchen Elend am Küchentisch und starrte in ihre Tasse Tee. Andromeda schob Astoria ein wenig in die Küche, damit sie an ihr vorbei huschen konnte.

Nachdem sie einen Blick auf ihre Schwester geworfen hatte, drehte sie sich wieder zu Astoria. „Warum geht ihr zwei nicht im Ort einkaufen? Ich habe gestern gesehen, dass nicht mehr viel im Vorratsschrank ist." Sie machte eine wedelnde Handbewegung.

Astoria drehte sich um und prallte fast mit Draco zusammen, der hinter ihr gestanden hatte. „Aber ..." Weiter kam er nicht. „Draco, verschwinde!" Seine Tante hätte eine Kompanie befehligen können. Als Andromeda Dracos Gesichtsausdruck sah, fügte sie freundlicher hinzu. „Bitte, nur für eine Stunde. Dann ist sie soweit weiter zu machen."

Astoria schob nun Draco vor sich her in den Flur. Sie hörte, wie die Küchentür sich hinter ihr schloss. Draco lief einige Schritte Richtung Tür, dann drehte er sich um.

„Haben wir nicht etwas Offizielles zu besprechen? Dann könnten wir das jetzt erledigen. Ich gehe dann einkaufen. Du kannst dann wieder ins Ministerium." Er wollte sie scheinbar mit allen Mitteln loswerden. Nun gut, sie hatte noch ein 'offizielles' Gespräch mit ihm zu führen.

„Da gibt es noch etwas ..." Bedächtig nickte er. „Dann lass' uns ins Wohnzimmer gehen."

Im Wohnzimmer setzte sie sich in einen der gemütlichen Sessel. Astoria wusste genau, dass er sehr bald schon bereuen würde, sie nicht einfach mit zum Einkaufen genommen zu haben. „Also?" fragte er.

Astoria setzte sich gerade hin. Sie hasste das Gespräch schon bei jedem normalen Klienten.

„Du benötigst einen psychologischen Betreuer." Er hob nur leicht die Augenbrauen.

„Ich dachte, dafür bist du zuständig?" Höflich lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Nein. Meine Aufgabe ist es dich in der Gesellschaft wieder einzugliedern. Der Therapeut soll dafür sorgen, dass du nicht zu einem psychopathischen Massenmörder wirst."

Seine Augen blitzten. „Ja, ich sehe, diese Gefahr besteht sicher." An seiner Stimme konnte sie nicht hören, ob er es ironisch meinte.

„Außerdem geht es bei der Therapie um ...hmm...deine Neigungen." sie riss sich zusammen und fuhr in unpersönlichem Ton fort: „Es wurde festgestellt, dass Gefangene in Einzelhaft zu merkwürdigen Dingen neigen. Daher möchte das Ministerium sicher gehen, dass es hier nicht zu Problemen kommt."

Er sah sie ausdruckslos an. „Meine 'Neigungen' gehen niemanden etwas an!" Sein starrer Blick machte sie nervös. Astoria spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Er hätte sich winden sollen, nicht sie!

Sie riss sich von seinem Blick los, räusperte sich, strich ihre Robe glatt. In ihrer besten Ministeriumsstimme begann sie dann ihre Standardrede. „Natürlich geht es im Normalfall keinen etwas an. Da du Zeuge sehr ungewöhnlich gewalttätiger Praktiken warst, möchte das Ministerium sicher gehen, dass du keinen größeren psychischen Schaden davon getragen hast."

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er abrupt aufstand. Sie hörte ihn laut einatmen. „Das Ministerium kann mich mal! Ich war fünf Jahre Zeuge, wie man an mir ungewöhnliche Praktiken ausübte und das mit Ministeriumszustimmung! Ich glaube kaum, dass ich für meine 'Neigungen' einen Stempel vom Ministerium benötige!"

Sie sah zu ihm auf. Er war vollkommen ruhig, nur seine Augen waren dunkel und drohend. Er ragte über ihr. Um sich aus der unangenehmen Situation zu befreien, stand Astoria auf.

„Es tut mir sehr leid, wenn man dich in Azkaban nicht mit Samthandschuhen angefasst hat, aber die Therapie steht nicht zur Diskussion! Wenn du die Therapie ablehnst, wird das als Missachtung der Auflagen betrachtet werden und dann bist du ganz schnell wieder da, wo du..." Erschrocken hielt, sie sich die Hand vor den Mund.

„Dann bin ich ganz schnell wieder da, wo ich hingehöre. Wolltest du das sagen?" Drohend stand er nun vor ihr.

Sie sah ihn aus großen Augen an und schüttelte den Kopf. Langsam ließ sie die Hand vom Mund sinken. „Es tut mir leid. Ich war wütend, weil du ... weil ich ..." Er schnaubte verächtlich. „Weil du, weil ich ... stellt, das Ministerium nur noch Hohlköpfe ein?"

Astoria wollte ihm nur noch seine Arroganz aus dem Gesicht schlagen. Sie konnte sich schon vorstellen, wie es sich anfühlte, wenn ihre Hand mit seiner Wange kollidierte. Dann holte sie tief Luft. Durch zusammengebissene Zähne antwortete sie ihm.

„Ich bin wütend, weil du mich in Verlegenheit bringst, obwohl du derjenige sein solltest, dem das Gespräch hier unangenehm ist. Und ich finde dich einfach zum Kotzen, wenn du mit einer Arroganz, die seines Gleichen sucht, Dinge einforderst als wärest du ein ganz normaler Mensch. Aber das bist du nicht! Du hast am Rockzipfel Voldemorts gehangen und nie etwas getan. Warum machst du jetzt nicht das Gleiche wie damals: Halt' die Klappe und spiel einfach mit!"

Draco war noch blasser geworden. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte er sich um und verließ den Raum.

Wütend warf Astoria sich wieder in den Sessel. Sie hatte das Bedürfnis etwas zu treten oder zu schlagen. In diesem Moment hörte sie aus dem oberen Stockwerk einen Knall. Erschrocken zuckte sie zusammen. Dem ersten Geräusch folgten weitere.

Der Schreck hatte ihre Wut verdrängt und sie lief in den Flur. Andromeda und Narcissa standen dort bereits und schauten verwirrt zur Treppe. Andromeda drehte sich zu ihr. „Was haben sie gemacht?" Ihre Stimme klang wütend und gleichzeitig resigniert.

Astorias Wut kam zurück. „Ich habe versucht, meine Arbeit zu machen!" Andromeda musterte sie nun genauso arrogant wie Draco. Das schien ein Familienzug zu sein. „Dann machen sie ihre Arbeit nicht gut. Ich denke nicht, dass es als erfolgreich gilt, wenn der Klient die Einrichtung demoliert."

Astoria fühlte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie würde hier nicht klein beigeben! Diese Familie war unmöglich! Die kleine Stimme in ihrem Hinterkopf, die ihr erklärte, dass sie sich unprofessionell verhielt, ignorierte sie.

„Draco ist psychisch instabil und daher muss er in psychologische Betreuung. Das hatte ich ihm gerade erklärt und seine Reaktion darauf beweist ja nun das es nötig ist!"

Narcissa meldete sich zum ersten Mal zu Wort. „Ich glaube nicht, dass mein Sohn psychisch labil ist, wenn er am Tag nach dem Tod seines Vaters nicht mit dem genügenden Abstand auf solche Eröffnungen reagiert."

Die Worte waren wie eine Ohrfeige. Astoria hatte tatsächlich vergessen, warum sie eigentlich gekommen war. Sie hatte der trauernden Familie helfen wollen. Aber Dracos feindselige Art hatte sie so wütend gemacht.

Beschämt senkte sie den Kopf. „Ich werde sehen, wie es ihm geht." Sie trat an den zwei Frauen vorbei. Da fühlte sie die kalte Hand Narcissas auf ihrem Arm. „Meinen sie nicht, sie haben bereits genug Unheil angerichtet?"

Astoria sah in die strengen Augen der älteren Frau. „Ich möchte es wenigstens wieder gut machen." Narcissa sah ihr noch einen Moment in die Augen, dann ließ sie ihren Arm los.

Astoria nickte ihr zu und stieg die Treppe hinauf.

ooo

Draco stand an seinem Fenster und sah in den Himmel.

Der Himmel war strahlend blau. Es war eindeutig das sein Leben kein Roman war. Eher eine griechische Tragödie.

Hinter ihm öffnete sich die Tür und er hörte jemanden eintreten. Seine Mutter machte sich sicher Sorgen nach dem Lärm, den er gemacht hatte.

„Draco?" Er spürte, wie sein ganzer Körper sich verkrampfte. Er fühlte sich nicht bereit für eine weitere Runde mit Astoria. Er hörte ihre Schritte näher kommen. Sie ließ ihm keine Wahl.

„Ich denke, wir sollten wieder zum Sie übergehen. Das entspricht sicher auch Ihren Wünschen." Er hatte seine Stimme unter Kontrolle, aber er wagte es noch nicht, sich zu ihr umzudrehen. Sein Gesicht war schwieriger zu kontrollieren.

„Mister Malfoy, dann. Ich würde gerne mit Ihnen in Ruhe sprechen." Draco warf einen letzten Blick in den Himmel, dann drehte er sich zu ihr.

„Nun haben Sie ja den Beweis, dass ich eine Therapie benötige, weil ich latent gewalttätig bin." Er machte eine ausholende Handbewegung.

Astoria sah ihn ruhig an. „Was Sie bewiesen haben ist, dass Sie menschlich sind. Es tut mir sehr leid, was gerade unten passiert ist. Ich hätte mich nicht so gehen lassen sollen."

Draco hob erstaunt die Augenbrauen. Sie klang erstaunlich aufrichtig. Aber sie wich seinem Blick aus und lief zu dem Stuhl, den er gegen die Wand geworfen hatte. Mit einem Reparo-Zauber setzte der Stuhl sich wieder zusammen. Sie zog ihn zu ihm und ließ sich darauf nieder.

Draco fühlte sich nicht ruhig genug, um zu sitzen, aber es wäre sehr unhöflich gewesen, stehen zu bleiben. Vor allem da sie sich entschuldigt hatte. Er setzte sich ihr gegenüber auf die Bettkante.

„Ich habe gestern Nacht ihre Akte durchgelesen." Draco hatte es sich gedacht, aber nun aus ihrem Mund zu hören, dass sie sich bisher wirklich nicht mit seinem Fall beschäftigt hatte, deprimierte ihn mehr als er erwartet hatte. Vor seinen Füßen lagen eine Menge Splitter vom Spiegel. Er sollte ihn bald reparieren, sonst würde er ihn nicht wieder herstellen können.

„Nachdem ich fertig war, habe ich mir vorgenommen, diesen Fall ohne weitere Vorurteile zu bearbeiten. Ich habe gestern mit eigenen Augen sehen können, dass Sie zu menschlichen Gefühlen fähig sind. Also bin ich heute Morgen hergekommen, um zu helfen und Sie haben mir nur Feindseligkeit entgegen gebracht."

Draco war überrascht von ihrer Ehrlichkeit. Selten hatte er jemanden getroffen, der einem Fremden gegenüber so offen über seine Beweggründe gesprochen hatte. Er sah zu ihr auf. Sie war nervös und wich auch dieses Mal seinem Blick aus.

„Ich mag es nicht, wenn mich jemand sieht, wenn ich 'menschliche' Gefühle zeige." Seine eigene Bitterkeit erstaunte ihn.

Sie sah aus dem Fenster und nickte. „Ich habe absichtlich die Therapie angesprochen, um Sie aus der Ruhe zu bringen. Das war nicht nur unprofessionell, sondern auch gemein. Vor allem in Ihrer jetzigen Trauer."

Er folgte ihrem Blick aus dem Fenster. Einige Vögel zogen über den blauen Ausschnitt, den er sehen konnte. Trauer, Wut, Frustration ... "Denken Sie, die Therapie kann mir helfen, mich besser zurechtzufinden?"

Er spürte ihren Blick auf sich. „Schaden kann sie nicht. Fühlen Sie sich sehr ...?"Draco wandte sich zu ihr und ihre Blicke trafen sich. „Verwirrt? Verloren? Ausgeschlossen und hoffnungslos?"

Sie öffnete den Mund, aber er hob die Hand, um sie zu stoppen. „Ich möchte kein Mitleid." Ihre Augen blitzten. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich kein Mitleid anbiete, sondern Hilfe!"

Er nickte. „Das werde ich mir wohl merken müssen!" Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst.

„Ich möchte Sie noch etwas fragen." Dracos Magen krampfte sich zusammen. Müde fuhr er sich mit der Hand über seine Augen. Dann schaute er wieder aus dem Fenster.

„Damals ... in dem Gang ... hätten Sie weiter nur zugesehen? Hätten Sie es passieren lassen?" Ihre Stimme war nur ein Flüstern. Er biss sich auf die Unterlippe. Früher oder später hatte es zu dieser Aussprache kommen müssen.

„Ich weiß es nicht. Ich würde gerne denken, dass ich eingegriffen hätte. Aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich es nicht. Ich war daran gewöhnt, Gewalt einfach hinzunehmen.

Gegen andere, gegen mich. Damals gab es eine Zeit, da fühlte ich mich wie erstarrt. Ich atmete, sprach, aß, nahm am Unterricht teil, aber eigentlich nahm ich nichts wahr. Es tut mir sehr leid, aber ich habe damals einfach die Klappe gehalten und getan, was man mir sagte."

Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie zusammenzuckte, als er ihr die eigenen Worte entgegenwarf.

Er straffte die Schultern und drehte sich zu ihr um. „Ändert das etwas?" Sie sah ihn lange an. „Ich weiß es nicht. Auf einer intellektuellen Ebene verstehe ich, dass Sie damals auch ein Opfer waren. Ein Kind, das man in Dinge verstrickte, für die es nicht alt genug war. Aber meine Gefühle sind nicht so eindeutig."

Sie rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. „Es ist verwirrend. Ich sehe, dass sie kein schlechter Mensch sind. Das vieles, was sie nach außen zeigen nur eine Maske ist. Aber trotzdem bin ich wütend. Macht das einen Sinn?"

Er lachte. „Das fragen Sie mich? Ich habe mein Leben lang meine Gefühle verdrängt. Erst recht, wenn sie verwirrend waren. Mich dürfen Sie so etwas nicht fragen!"

Sie sah ihn an und lächelte. „Sehen Sie: jetzt sind Sie ganz Sie selber und so mag ich Sie. Aber in der nächsten Minute werden Sie wieder ihr arrogantes Grinsen aufsetzen und mir eine höfliche Unverschämtheit an den Kopf werfen."

Draco dachte einen Moment nach, dann sagte er bedächtig: „Ich werde versuchen, Ihnen gegenüber immer ich selbst zu sein. Das heißt nicht, dass es immer so sein wird. Ich habe das noch nie versucht und weiß nicht, wie gut es funktionieren wird."

Sie sah ihn mit großen Augen erstaunt an. Dann nickte sie. „Gut, dann sollten wir uns aber wieder duzen."