Wortanzahl: 1491 Wörter
_Kapitel 10

"Okay, fassen wir noch mal zusammen."

Mit ausdruckslosem Gesicht stand Sam vor der Pinnwand, die die halbe Wand einnahm. Fotos, ein Plan und Notizen zierten sie. Außer dem Tisch mit seinen Stühlen und einem kleinen Schrank auf dem eine Kaffeemaschine stand, war sie das einzige Möbelstück in diesem Raum des Polizeireviers.

Im Moment saßen nur die vier Ermittler im Raum, doch er schien trotz allem voll zu sein. Ein jeder trug von ihnen ein ernstes (oder zumindest einen ähnlichen Gesichtsausdruck) während ihre Blicke immer wieder auf die Fotos, die an die Wand gepinnt waren, fielen.

Männer und Frauen gleichermaßen präsentierten sich in den verschiedensten erotischen Aufmachungen, doch die schönen Anblicke wurden durch deren leeren, toten Augen zerstört. Je weiter man der Foto-Reihe folgte, desto mehr Blut tauchte im Foto auf bis man auf das letzte Abbild in dieser Fotoreihe stieß.

Dieses war besonders und dies sogar in vielerlei Hinsicht, doch warum? Vielleicht wegen dem Blut, der den schönen Frauenkörper verhüllte und beinahe umschmiegte? Vielleicht wegen der aufreizenden Pose dieser jungen Frau? Oder war es die golden glänzende Dienstmarke, die sie in ihrer Hand umklammerte, und die so deutlich aus dem Rot hervorstach?

Oder war es einfach die schreckliche Wirklichkeit, die aus diesem Motiv hervorstach. Es war nichts Besonderes in diesem Bild und dies war vielleicht das Erschreckende. Es war eine Leiche wie jeder andere und doch so anders. Vielleicht konnte Tony darum kaum den Blick abwenden.

Er hörte jedes kühl gesprochene Wort von seiner Sam, doch sah er sie nicht in ihrer schwarzen Jeans und Pullover da stehen. Nein... er hatte ein ganz anderes Bild von ihr im Kopf während ihre Stimme den Raum und seine in sich Befindenden einhüllte.

"... damit das 7. Opfer. Sie soll eine klare Herausforderung sein. Anders als die Male davor wurde der Mord nicht als Unfall bei einem sexuellen Akt getarnt."

Sam holte kurz Luft, ehe sie auch schon weiter sprach.

„Der oder die Täter wollen uns herausfordern. Sie verhöhnen uns. Sie morden immer weiter und das direkt unter unserer Nase. Sie glauben, dass sie uns überlegen sind und mit jedem Mord oder, von mir aus, auch anderen Straftaten davon kommen."

Wieder stoppte die Blonde, doch diesmal war es endgültig. Sie setzte sich auf den letzten, freien Stuhl, schlug die Beine übereinander und blickte mit leerem Blick den anderen entgegen.

Kaum saß sie wieder auf ihren Platz neben Tony stand dieser auf und ging zur langen Bilderreihe. Anstatt jedoch bei diesen zu verweilen, trat er zur Karte auf denen verschiedene Pins die Tatorte markierten. Sie ergaben kein richtiges Muster oder ähnliches, aber irgendwas war an ihnen komisch...

Jeder Club war unmittelbar in der Nähe des nächsten. Manchmal waren auch ein oder zwei Kilometer zwischen ihnen. Doch am auffälligsten war, dass circa in der Mitte ein etwas größerer, freier Teil auf der Karte war, wo noch nichts markiert worden war.

„Vielleicht sollten wir mal hier nachsehen, ob es in diesem freien Gebiet auch einen Club gibt. Höchstwahrscheinlich könnte dort unser Mörder das nächste Mal zuschlagen.", meinte Tony nachdenklich und tippte dabei auf die Karte.

"Oder unser Täter kann aus diesem Club kommen oder ihn selbst frequentieren", warf Janet ein als sie ihren Blick von Tony zur Karte wandte.

„Oder so.", stimmte er ihr zu und trat dabei etwas weiter von der Tafel weg.

Gibbs blickte die ganze Zeit nachdenklich auf die Fotos und nahm alles in sich auf, was seine Partner sagten. Sam saß noch immer teilnahmslos dar und starrte ins Leere. Erst als Janets Hand über den Tisch griff und Sam am Arm berührte, wandte diesen ihren Blick zu ihrem Ex-Partner.

"Es gibt einen Club dort", war ihre Stimme ruhig zu hören. "Er heißt ‚Peccatum'."

Zwei irritiert blickende Augenpaare blicken sie an und auch Tonys Augen sahen sie für einen Moment verwirrt an, bevor sich Verstehen in ihnen ausbreitete.

"Lateinisch für Sünde. Wie passend.", erklang Janets ruhige Stimme als Sam nichts Weiteres sagte.

"Wissen sie noch mehr?", erklang Gibbs ruhige Stimme.

„Was wollen sie genau wissen?", fragte die Blonde tonlos und hob dabei ihren Blick um ihn anzusehen.

Janet blickte erst Gibbs und dann wieder zu Sam hinüber. Die blauen Augen waren stumpf wie immer, blass und ohne leben, doch in ihren Zügen spiegelte sich auch, was in den letzten Tagen immer deutlicher zu sehen war, Müdigkeit wieder.

„Alles, aber auch wirklich alles.", meinte Gibbs daraufhin.

"Der Club ist wie jede anderer dieser Art außer einen besonderen... Kleinigkeit, der ihn für viele so besonders macht.", fing sie ruhig an und wie immer verriet ihre Stimme nichts.
Nun... das war falsch. Sie verriet etwas, doch nur Tony hörte es und er war unfähig etwas zu tun. Er konnte nur sein Gesicht ihr zu wenden und versuchte ihren Blick aufzufangen, während sie weiter sprach.

"Was für eine Kleinigkeit?"

Sich zu Janet umwendend, erwiderte Sam den neugierigen Blick der anderen Frau. Sekundenlang hielt sie den stillen Blickkontakt, bevor ein zynisches Lächeln ihre Lippen schmückte.

"Die Hölle, meine Liebe, die Hölle befindet sich in diesem Club... oder zumindest der direkte Weg dorthin."

Ein skeptischer Blick folgte dieser Aussage von Gibbs und auch Janet sah sie ungläubig an. Einzig allein Tony verstand es so wie sie es meinte. Wenn sie etwas als Hölle bezeichnete, dann war sie das … wenn nicht sogar noch schlimmer.

„Es gibt dort Räume, die nach den 7 Todsünden gestaltet sind. Deswegen auch der Name des Clubs. Simpel, aber präzise."

Unbewegt war ihr ganzes Wesen, doch all diese Ruhe wurde mit einem simplen Satz ausgelöscht.

"Nun, da haben Sie wohl selbst Erfahrungen gemacht", erklang Gibbs Stimme als Sam verstummt war, doch auch wenn er sie mit diesen Satz reizen wollte, war auch er über die folgende Reaktion überrascht.

Hatte sie vorher eher selbst ausgeteilt oder alle Kommentare an sich abprallen lassen, zuckte die junge Blondine diesmal heftig zusammen. Gibbs hatte genauso wie Tony und Janet mitbekommen, das heute etwas nicht mit seiner neuen Kollegin stimmte, aber dies war ein regelrechter Gefühlsausbruch für die junge Frau. Auch wenn es Gibbs widerstrebte, empfand er beinahe so etwas wie Reue.

Bevor er jedoch reagieren konnte und Sam ablenken konnte, warf ihm Janet einen scharfen Blick zu. Mit einem neckenden Lächeln wandte sie sich dann an die andere Frau.

"Nun, manchmal ist man doch gerne in die Hölle, vor allem wenn es einem nachher in den Himmel der Gefühle führt."

Ein kleines Zwinkern begleitete ihren aufmunternden Satz, während Sam sie verblüfft ansah. Auch Tony trug kurz einen verblüfften Ausdruck bevor er anfing zu lachen.

"Stimmt! Aber anscheinend hatte Gibbs noch nicht das Vergnügen diese Erfahrung zu machen."

Nach diesem kleinen Seitenhieb für den anderen Mann wandte sich Tony wieder seiner besten Freundin zu.

"Erinnerst du dich noch an andere Besonderheiten, Sam?"

Mit leicht glasigen Augen wandte die Blonde sich ihm zu und für einen kurzen Moment sah er all den Schmerz, den sie seit einigen Jahren mit sich herum trug. Aber dieser Moment währte nur Sekunden.

„Sie führen Listen über ihre Stammkunden. Ab einem gewissen ‚Bekanntheitsgrad' wird man auf diese eingetragen und genießt die Vorteile, die geboten werde. Man kann den Club normal besuchen, doch um Eintritt in die... speziellen Bereiche zu erlangen, muss man sich einer speziellen Anmeldung unterziehen oder eingeladen werden. Man wird genau überprüft und das höchste Gebot ist Anonymität. Du betrittst den Weg der Hölle und dein irdisches Sein ist nicht mehr vorhanden. Dein Leben, dein Name, deine Familie. Nichts spielt mehr eine Rolle. Nur noch deine Laster sind von Bedeutung."

Ohne auf die leicht verblüfften Gesichter von Janet und Gibbs zu achten oder auf das verschlossene von Tony sprach sie weiter und rutschte immer tiefer in ihre Erinnerungen und ihre Vergangenheit.

„Der normale Club und die ... normalen Leute befinden sich im Erdgeschoss und in der ersten Etage. Eine Tanzfläche mit einer Bar ist im Erdgeschoss vorhanden, während die obere Etage Lounges und Séparée hat. Dekorationen und einfache Spielereien wie in den anderen Clubs sind dort zu finden, falls die Besucher ihre Privatsphäre brauchen. Das... Highlight von ‚Peccatum' ist am Eingang versteckt. Eine unauffällige Tür, bewacht von einem extra Türsteher, führt hinab in die Sünden, die dem Club ihren Namen gaben."

Langsam hob sie ihren Kopf und sah die Blicke, die ihr zugeworfen wurden. Leise seufzte sie auf und rieb sich dabei die Handgelenke.

„Das wäre so ziemlich alles.", meinte Sam leise und setzte sich wieder auf ihren Stuhl.

Stille breitete sich in dem Raum auf, die erst durch Gibbs unterbrochen wurde als dieser die Frage aussprach, die ihnen wohl alle auf der Zunge lag.

"Also stellt sich nur noch die Frage. Wie kommen wir dort hinein ohne die Mörder aufzustrecken?"

Keiner seiner Kollegen antwortete. Sie alle starrten nur auf die Bilder Tatorte. Alle? Nein nicht alle, doch dies bekamen Gibbs und Janet nicht mit. Sie sahen nicht sah wie Tony Sam einen musternden Blick zuwarf und diese als Reaktion ihren Blick auf ihre ineinander verschränkten Hände senkte. Nein, dies sahen sie nicht, aber vielleicht würde sich dies bald ändern...

Ende Kapitel 10