Kapitel 11
Plötzlich war Nick von Sanitätern umgeben. Andy wartete angespannt auf dieses eine Kopfschütteln, das seine schlimmsten Befürchtungen bestätigen würde. Er beobachtete, wie einer der Sanitäter ihm zwei Finger an den Hals legte und sich über seinen Sohn beugte. Er wartete. Eins, zwei, drei.
Doch das Kopfschütteln kam nicht.
Stattdessen wurden alle plötzlich ganz hektisch. Zwei Leute drehten Nick vorsichtig auf den Rücken, während die anderen schon die Monitore und den Tubus vorbereiteten.
Es brauchte einige Sekunden, bis Andy die Bilder, die er sah, zu der einen Information verarbeitet hatte. Erst als er spürte, wie Sharon seine Hand fest ergriff, und dann das Piepen des Monitors in ziemlich großen, aber regelmäßigen Abständen erklang, wurde ihm klar, was eigentlich vor sich ging. Der Monitor piepte. Er lebte.
Sein Sohn lebte.
Er konnte die Augen nicht von dem Szenario vor sich abwenden. Sharon rückte an ihn heran, nahm auch seine andere Hand und vergrub ihr Gesicht in seinem Hals. Er spürte die Tränen. Da wurde ihm noch etwas anderes bewusst. Sein Sohn hatte Sharons Namen auf dem Rücken.
Sharon.
Sie sollte die nächste sein.
Als sein Sohn aus dem Raum getragen wurde, schloss er die Arme fest um Sharon und küsste sie auf den Scheitel.
Mehr brauchte sie nicht. Nur eine Minute in seinen Armen, spüren, dass er da war.
Langsam löste sie sich aus der Umarmung und sah Andy ins Gesicht.
„Andy, sie fahren ohne dich."
Behutsam strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht und schob sie hinter ihr Ohr. Er wusste, was sie tat. Sie stellte sich zurück. Mal wieder.
Er wollte sie nicht allein lassen, nicht so. Aber andererseits war das da draußen sein Sohn.
Es war, als könnte sie seine Gedanken lesen.
„Geh schon. Ich bin okay. Ich komme nachher nach. Und keine Sorge, ich mache keinen Schritt allein."
Den letzten Satz fügte sie an, weil Andy schon dazwischen gehen wollte. Sie wusste, dass er sich auch um sie sorgte. Auch sie hatte selbst jetzt das Bild von ihrem Namen vor Augen, blutig, auf dem Rücken seines Sohnes. Aber er sollte sich jetzt um Nick sorgen.
„Na, geh schon. Ich komme klar."
Schweren Herzens trennte Andy sich von ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Ich liebe dich, Sharon."
Dann drehte er sich um und lief aus dem Haus, um den Krankenwagen noch zu erwischen.
Sharon starrte ihm hinterher und versuchte, alles zu verarbeiten. Unbewusst suchte sie mit den Händen nach ihren Jackentaschen. Sie hatte sie gerade gefunden, da riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken. Überrascht drehte Sharon sich um.
„Captain, Sie bleiben bei mir, verstanden?"
Wäre die Situation nicht so dramatisch gewesen, hätte Sharon angesichts Provenzas Beschützerinstinkt ausgerechnet ihr gegenüber lächeln müssen. Doch jetzt starb dieses Lächeln, bevor irgendjemand es erkennen konnte.
Sie nickte stattdessen nüchtern.
Provenza sah sie noch einen Moment lang an. Den Blick hatte sie noch nie bei ihm gesehen. Darin lag eine gewisse Traurigkeit, Besorgnis. Aber vor allem Entschlossenheit. Er würde nicht aufhören, nach dem Narbengesicht zu suchen, bis er ihn gefunden hatte, notfalls mit einer Kugel zwischen seinen Augen.
Dann drehte er sich um und das Team begann mit der Arbeit. Sharon holte tief Luft und wandte sich zu der Kommode, die an der Wand des Zimmers stand. Sie ignorierte die besorgten Blicke, die ihr immer mal wieder von verschiedenen Leuten zugeworfen wurden. Auf der Kommode standen Bilder, Fotos, an denen Erinnerungen hingen. Die meisten Leute kannte sie nicht. Nicole war auf einem zusammen mit Jeff und den Jungs. Auf einem anderen war sie mit Nick als Kinder. Sharon kannte das Bild. Andy hatte es immer in seinem Portemonnaie dabei. Dann fiel ihr Blick auf ein Foto, das ihr ein Lächeln auf das Gesicht zauberte. Ihr wurde direkt warm ums Herz.
Ganz vorne am Rand der Kommode stand ein Bilderrahmen, der sehr alt aussah, so als hätte er lange in einer Schublade gelegen. Darin war ein ebenso altes, leicht vergilbtes Foto. Darauf war Andy in jungen Jahren zusammen mit einem kleinen Jungen, Nick.
Der Gedanke, dass Nick schon vor dem Einbruch begriffen hatte, dass sein Vater die Wahrheit sagte, dass er sich geändert hatte, trieb ihr Tränen in die Augen. Freudentränen.
Als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, wischte sie sich verstohlen über die Wangen und drehte sich dann um. Vor ihr stand Brenda. Ihr Gesichtsausdruck machte dem von Provenza Konkurrenz. Ihre Hand rutschte auf Sharons Arm. Dort ließ sie sie.
„Sharon. Kann ich irgendetwas für dich tun?"
Sharon sah ihrer Freundin in die Augen und war einen Moment still. Nach ein paar Sekunden sagte sie leise: „Findet ihn, Brenda. Findet ihn."
Brenda schluckte. Sie wusste, was Sharon dachte. Ihr war es auch schon in den Sinn gekommen. Bevor er Sharon findet.
„Das werden wir. Ganz sicher."
Brenda machte eine kurze Pause, ihre Hand ließ sie fallen. Sie sah sich im Raum um.
„Wir sind hier fertig. Provenza fährt jetzt ins Krankenhaus. Am besten fährst du mit ihm."
„Ja, ich-"
„Sharon, fahr zu Andy. Kläre, ob er irgendetwas braucht und wie es Nick geht. Alles andere können wir später regeln. Okay?"
Sharon nickte und lief in Richtung Ausgang. Wortlos ging sie neben Louie her und stieg in sein Auto. Beide sagten nichts, bis Sharon etwas entdeckte.
„Was macht der Streifenwagen hinter uns?"
Louie sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren.
„Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, ob sie es eben mitbekommen haben, aber Sie sind die Nächste."
Er klang wütend und aggressiv. Sharon wusste, es war nicht gegen sie gerichtet, aber in dem Moment war es alles zu viel. Sein Tonfall und vor allem die Worte, die er als erstes ausgesprochen hatte.
Sie starrte durch die Frontscheibe und spürte wie ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Louie bemerkte seinen Fehler und war sofort wütend auf sich selbst. Er hatte Raydor zum Heulen gebracht. Meisterleistung, alter Idiot.
In Wahrheit wünschte er sich genauso wie sie, dass dieser Alptraum endlich ein Ende hatte.
Er war nie gut darin gewesen, Trost zu spenden. Grimmig fixierte er sich auf die Straße.
Sharon gab keinen Laut von sich.
Sie weinte einfach still. Aus Sorge um ihre Familie. Aus Bedauern dessen, was geschehen war.
Und aus Angst.
Sie hatte wahnsinnige Angst.
...
Reviews bitte nicht vergessen! ;)
