Kapitel 11

Die restlichen Tage verliefen relativ unspektakulär. Hermine hatte allerhand mit dem Unterrichtsstoff zu tun. Es war wirklich ein Glück, dass es ihr so leicht fiel, zu lernen. Sie fragte sich, wie diejenigen, die langsamer und nicht so gut vorankamen, es nur schafften, auf dem neuesten Stand zu bleiben, wenn selbst sie einige Stunden ihrer sonst freien Zeit opfern musste. Das war wohl auch der Grund, warum die meisten der Hogwarts-Schüler ihr mit grimmiger Mine begegneten.

Noch niemals hatte sie so einen anstrengenden Herbst gehabt. Für gewöhnlich vergrößerten sich die Anforderungen ein wenig vor den Weihnachtsferien und am Ende eines Schuljahres.

An Severus dachte sie wenig. Wenn sie es tat, dann nur in Form von Erleichterung, dass sie über dem Lernen vergas an ihn zu denken.

Doch der Lauf der Woche brachte auch eine erneute Stunde in Zaubertränke mit sich und so lag sie am Abend vorher hellwach in ihrem Bett und dachte an den morgigen Tag. Die Sache mit ihrer Ohnmacht ließ sie die vorangegangen Geschehnisse für einen Moment vergessen und so konzentrierten sich ihre Gedanken einzig und allein auf ihren Ausbruch und wie sie an Severus' Schulter geweint hatte. Erst jetzt bemerkte sie, wie peinlich ihr das war. Ausgerechnet vor den Augen von Professor Snape war sie schwach geworden. Das war doch eine Situation, die perfekt zum Ausnutzen geschaffen war. Doch unwillkürlich sprangen ihre Gedanken zum nächsten Ereignis, welches sich vor ein paar Tagen noch so oft vor ihrem geistigen Auge wiederholt hatte. Als er vor ihrer Tür stand und für einen Augenblick wie ausgewechselt war.

Wen würde sie morgen vor sich haben? Den „neuen" Snape oder die alte, griesgrämige Fledermaus? Würde er die Situation bis ins letzte Detail ausschlachten und sie bloß stellen?

Sie weigerte sich zu glauben, dass der Snape, den sie gesehen hatte, nur eine illusionäre Erscheinung gewesen war. Doch ein Rest von Zweifeln blieb und so lag sie noch geraume Zeit wach, bis ihr Körper endlich erschöpft in den benötigten Schlaf fiel.


Am nächsten Morgen erwachte sie sehr früh. Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es noch weit bis zum eigentlichen Klingeln war. Sofort kehrten ihre Gedanken dahin zurück, wo sie gestern Nacht vom Schlaf unterbrochen wurden: Zaubertränke.

Schlagartig war sie hellwach, an Schlaf war nicht mehr zu denken, und so tauschte sie das Sich-noch-einmal-umdrehen-und-weiterschlafen gegen eine lange, ausgiebige Dusche ein.

Als sie wieder aus dem Bad trat, kam es ihr vor, als hätte sie eine Ewigkeit darin verbracht, doch als sie erneut einen Blick auf die Uhr warf, musste sie feststellen, dass kaum 20 Minuten vergangen waren. In diesem Moment meldete sich ihr Magen mit einem lauten Knurren zu Wort und sie entschloss, gleich in die Große Halle zu gehen, um zu frühstücken. Ohnehin hatte sie an diesem Morgen keine große Lust auf das laute Geplänkel und Gebrabbel ihrer Mitschüler. ‚Lieber zu früh fertig als zu spät', sagte sie sich als sie an die letzte Stunde bei Professor Snape dachte, bei der ihr für ihr Zuspätkommen 15 Hauspunkte abgezogen worden waren.

Eine leere Halle erwartend, trat sie schnellen Schrittes ein, um gleich darauf wie angewurzelt stehen zu bleiben.


Severus kam sich etwas seltsam vor, so ganz allein am Lehrertisch in der Großen Halle zu sitzen. Für gewöhnlich nahm er sein Frühstück in seinen Räumen zu sich, wenn es ihn um diese Uhrzeit dessen bedarf. Was auch immer ihn stattdessen in die Große Halle geführt hatte, er wusste es nicht. Was er jedoch sicher wusste, war, dass um diese Uhrzeit kein anderer frühstücken kam, weder seitens der Lehrer noch seitens der Schüler und so ließ das seltsame Gefühl allmählich nach und er konnte sich ungestört seinem Essen widmen.

Es dauerte jedoch nicht lange und jemand, der offensichtlich den gleichen Gedanken gehabt hatte, betrat den Raum, um gleich darauf wie erstarrt stehen zu bleiben. Zeitgleich mit Hermines abruptem Stopp blieb ihm sein Toast fast im Halse stecken.

Was hatte sie so früh hier zu suchen? Ihrem Blick nach zu urteilen, war ihr die Situation wohl genauso unangenehm wie ihm und so nickte er ihr nur knapp zu und wandte seine Augen schnurstraks auf seinen Teller, als ob ihn das alles nichts anginge.

Hermine hatte sich aus ihrer Starre gelöst und sich gleich am ersten Tisch niedergelassen. Vielleicht erschien es unhöflich, ging es ihr durch den Kopf, aber es war das Beste, so viel Abstand wie möglich zu halten. Was zum Teufel machte er eigentlich so früh hier? Hatte er denn nichts Besseres zu tun? Doch im selben Moment sagte sie sich, dass sie gar nicht in der Lage war, darüber zu urteilen, hatte es sie doch zu ebenso früher Stunde hier hergetrieben.

Kaum hatte sie sich gesetzt, erschien auch schon prompt ihr Frühstück. Doch der eben noch gefühlte große Hunger war mit ihrem Eintreffen verschwunden. Lustlos biss sie von ihrem Toast ab.

Da hatte sie nun schon etliche Male Stunden mit ihm auf engstem Raum verbracht und auf einmal machte es ihr etwas aus, mit ihm allein in der Großen Halle zu sein?

Hermine wurde zusehends verwirrter, das Zurückschieben eines Stuhl drang nur dumpf an ihr Ohr. Erst als sich ihr Gesichtsfeld langsam verdunkelte, kehrte sie aus ihren Gedanken zurück und sah sich gegenüber einer schwarzen Robe. Langsam hob sie ihren Blick, der direkt mit Severus' aufeinandertraf.

„Sie haben sich die letzte Stunde wohl sehr zu Herzen genommen. Ich darf wohl annehmen, dass Sie heute nicht zu spät kommen werden?" und bei diesen Worten hob er wieder einmal die berühmte Augenbraue, bevor er sich mit einem Ruck umdrehte und die Große Halle verließ.

Ungläubig starrte sie hinter ihm her.

‚Also doch: Die alte, griesgrämige Fledermaus.'


Es war noch genau eine Stunde Zeit, bis der Unterricht anfing und so holte Hermine ihre Unterrichtsmaterialien hervor und las sich die Aufzeichnungen der letzten Stunde noch einmal durch. Sie würde ihm ganz bestimmt keinen Grund liefern, sie auf irgendeine Art und Weise lächerlich zu machen. Wenn sie in all den Jahren, die sie im Unterricht von Professor Snape verbracht hatte, eins gelernt hatte, so war es, stets die Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Professionalität war das Stichwort.

Sie hatte sich an derart schnippische Bemerkungen wie die vorige längst gewöhnt, doch trotz allem kam sie nicht umhin, sich zu fragen, woran sie bei ihm eigentlich war. Erst verspottete er einen, war herablassend und im nächsten Moment ist er so...so...zärtlich? Wenn das alles nicht so Ernst gewesen wäre, hätte sie vor lauter Absurdität jetzt angefangen zu lachen, denn niemand konnte wahrhaftig die Worte „Snape" und „zärtlich" auch nur entfernt in eine Verbindung setzen. Und doch fiel ihr kein anderes Wort ein, dass sein Verhalten, nachdem er sich wegen des Trankes entschuldigt hatte, annähernd beschreiben könnte.

Seufzend packte sie ihre Unterlagen ein und lief in die Kerker, wo sie schon von Harry und Ron erwartete wurde. Nachdem sie ihnen auf ihre Fragen hin, wo sie denn beim Frühstück gewesen sein, berichtet hatte, dass sie ziemlich früh wach geworden war und schon lange vor ihnen gegessen hatte, dröhnten auch schon Snapes schnelle Schritte durch den Gang und die Klasse verstummte.

Die Stunde zog sich ewig hin. Es handelte sich heute um theoretisch orientierten Unterricht, der auf der letzten Stunde aufbaute und so kam ihr die vorherige Wiederholung des Stoffes nun zugute. Ihr Finger war beinahe die ganze Zeit in der Luft, bis Snape sie nach und nach zu ignorieren begann und sie auf ihre Empörung hin ermahnte.

So langsam wurde sie wütend. Sie wusste, es lag nicht in der Natur eines Severus Snape, auf Tadelungen zu verzichten und schon gar nicht, wenn es sich darum handelte, Gryffindors zu ermahnen, doch heute, so schien es, übertrieb er wirklich. Wieso konnte er es nicht einfach gut sein lassen? Sollte er sich doch lieber mal um seine Schützlinge kümmern, denn wie es der Zufall nun einmal so wollte, waren sie gezwungen, den Unterricht zusammen mit Slytherin zu bestreiten. Malfoy und seine Anhänger Crabbe und Goyle waren wie immer ziemlich unruhig, daran hatte sich nie etwas geändert, genausowenig wie an der Tatsache, dass Snape es tunlichst zu ignorieren versuchte, schließlich hätte er damit nur seinem eigenen Haus geschadet. Die Quote der Zurechtweisungen lag also bei 1:10, was bedeutete, dass ein Gryffindor für jede noch so winzige Kleinigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit Hauspunkte verlor, während ein Slytherin größere Bewegungsfreiheit genoss.

„Nichts wie raus", hörte sie Harry am Ende der Stunde sagen und schon hatten ihre Freunde, sowie der Großteil der Schüler den Raum verlassen. Sie erhob sich als eine der letzten und da sie am Weitesten von der Tür wegsaß, hatten alle anderen sie schneller erreicht. Sie war schon im Begriff auf den Gang zu treten, als sie ein tiefes „Miss Granger" direkt hinter sich vernahm. Verdammt, wie konnte er so schnell zu ihr gelangen ohne dass sie ihn hatte kommen hören?

Immer noch wütend drehte sie sich um und wollte ein pampiges „Ja?" zurückgeben, doch als sie ihm nun unglaublich nahe gegenüberstand, blieben ihr die Worte im Halse stecken und sie starrte einfach nur gebannt auf sein Gesicht, dessen Ausdruck wieder den des neuen Snape angenommen hatte.

„Es scheint Ihnen wieder gut zu gehen,...oder?" fügte er fragend hinzu, als sie ihn verwirrt ansah.

„Ich meine wegen des Trankes, den - "

„Ich weiß, was Sie meinen", fiel Hermine ihm ins Wort und klang schärfer, als sie es beabsichtigt hatte.

„Ich...ich wundere mich nur, weil..." Als sie dessen gewahr wurde, was sie soeben sagen wollte, brach sie schnell ihren Satz ab.

„Ja...Miss Granger?"

„Nichts, ich...habe nur laut gedacht."

Und wieder trat ein Moment des Schweigens ein, in dem sie sich nur gegenüberstanden und sich ansahen. Schließlich war es erneut Hermine, die sich als Erste wieder gefasst hatte und so räusperte sie sich und verschwand mit einem „Auf Wiedersehen, Professor" mit enormer Geschwindigkeit aus seinem Blickfeld.


‚Schon wieder, er macht es schon wieder. Wieso ist er nur...wie kann er sich...was ist eigentlich los? Wie kann er nur in solch kurzer Zeit zwischen diesen Extremen hin- und herwechseln?'

Bei all den Gedanken, die sich schon wieder um Severus Snape drehten, hätte sie sich beinahe verlaufen, schlug aber gerade noch rechtzeitig den Weg zu den Gewächshäusern ein.

Verwundert über die Abwesenheit sämtlicher Schüler trat sie durch die einen Spalt breit geöffnete Tür und sah sich unzähligen Augen gegenüber, die alle auf sie gerichtet waren. Alle, bis auf die von Professor Sprout, die gerade mit dem Umtopfen einer augenscheinlich ziemlich eigenwilligen Pflanze beschäftigt war.

„Herrschaften, Sie sollten besser nach vorn sehen, sonst wissen Sie nachher wieder nicht, was Sie tun sollen. Miss Granger, was ist? Nun kommen Sie schon endlich rein, damit ich wieder die volle Aufmerksamkeit meiner Schüler habe."

Perplex blieb Hermine noch einen Moment lang stehen, setzte sich aber dann sofort in Bewegung und quetschte sich zwischen Ron und Harry.

Die weitere Stunde gestaltete sich als körperlich anspruchsvoll, sodass den aus dem Gewächshaus strömenden Siebtklässlern die Erschöpfung anzusehen war. Auch Harry, Ron und Hermine machten einen sehr ermatteten Anschein und waren froh, für den heutigen Tag frei zu haben, da gleich zwei der Lehrer, die sie an diesem Tag unterrichteten, plötzlich krank geworden waren und so schleppten sich die drei Freunde in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum und ließen sich fast zeitgleich aufs Sofa fallen.

Keiner hatte auch nur irgendwie Lust, seine Gesichtsmuskulatur anzustrengen, um zu reden und so saßen sie einfach nur schweigend da, bis das Portraitloch aufging und ein sichtlich verwirrter Neville hereinstürmte. Er war wohl so schnell es seinem Körper erlaubt war die Treppen heraufgerannt und stand nun keuchend und nach Luft japsend mitten im Raum.

„Ihr...wir...schnell...in die...Große Halle...Lehrer...Dumbledore...ich..."

„Neville, beruhig dich und atme erst einmal tief durch, dann sag uns, was passiert ist!" doch Hermines Stimme hatte keinesfalls die beabsichtigte beruhigende Wirkung, denn in ihr schwang selbst ein kleiner Funke Hysterie mit.

„Alle Schüler...Große Halle...schnell", war jedoch das Einzige, dass sie erneut zu hören bekamen, denn Neville war schon zu den Schlafsälen verschwunden, um auch den anderen Gryffindors seine Nachricht mitzuteilen.

Eine rege Aufregung entstand und als sie durch das Portraitloch nach draußen traten, fanden sie noch mehr aufgekratzte Schüler vor, die aufgewühlt und nicht weniger hysterisch als Neville durch die Gänge rannten.

Hermine blickte hilfesuchend um sich. „Was zum Teufel ist hier los?"