Es gab also vier Punkte, bei denen John nicht so gehandelte hatte, wie zugesagt. Alleine ein unerfüllter Punkt davon hätte gereicht, dass Sherlock ihm ewig gepredigt hätte, wie schlimm Unzuverlässigkeit ist (außer seiner eigenen, dachte John bitter), wie sehr es ihn in seiner ach so wichtigen Arbeit behindert und das er ein solches Verhalten, von allen, aber doch nicht von seinem Partner erwartet hätte. Wohl gemerkt – bei EINEM. Ein Versäumnis diesen Ausmaßes hätte bei Sherlock eigentlich zu einem super Gau führen müssen. Er hatte eine Implosion, Explosion, sogar die Nihilierung allen Seins erwartet, aber das? „Die Kunsträuber-Wohlfahrt!" Unterbrochen in seinen Überlegungen wendete er irritiert seine Aufmerksamkeit Sherlock zu, der gerade etwas zu ihm gesagt haben musste, da er ihn nun abschätzend musterte. „Wie bitte? Was hast du gesagt?", fragte er deshalb nach. „Die Kunsträuber-Wohlfahrt", wiederholte sein Freund schlicht. „Und was genau willst du mir damit sagen?" John konnte darin keinen Sinn erkennen. „Das ist doch offensichtlich", Sherlock zuckte leicht mit dem Kopf, was bei ihm ein Zeichen von Enttäuschung und Resignation war. „Denk nach John, das tut nicht weh, es springt dir doch beinahe ins Gesicht". John überging den beleidigenden Kommentar geflissentlich. Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich durch so etwas persönlich angegriffen zu fühlen, wusste er doch, dass Sherlock immer sagte was er dachte. Selten war das als Angriff zu verstehen, es war seinem Freund eine Mühsal und in seiner Vorstellung eine zeitraubende menschliche Konvention, alles möglichst freundlich zum Ausdruck zu bringen. Er wollte nicht freundlich, sondern ehrlich sein. Ohne Umschweife. Er überlegte also noch einmal angestrengt, ober dem Gesagten einen Sinn entlocken konnte, zuckte mit den Schultern, als er zu keinem Ergebnis kam und sah seinen Freund fragend an. Sherlock gab ein vernehmliches Seufzen von sich und ließ sich zu einer Erläuterung des, seiner Ansicht nach, Offensichtlichen herab. „Das ist der Titel", John stöhnte in sich hinein, als ihm klar wurde, dass das Sherlocks Form einer Erläuterung war. Darum bemühte er sich, ihn noch ratloser anzusehen, was ihm, ob seiner tatsächlich wachsenden Ratlosigkeit, nicht weiter schwer fiel. „Du bist doch mein Blogger", bemüßigte Sherlock sich dann fortzufahren, „Ich habe einen Fall abgeschlossen, den du nun verschriftlichen wollen wirst, und die Bemühung unternommen, mich in deinen, doch recht einfachen Verstand hinein zu versetzen", 'Ruuuuuhig John', musste er sich zur Gelassenheit zwingen, 'es ist eben Sherlock'. „und einen Titel zu finden, der sich Nahtlos in die anderen Albernheiten einfügt, die du Überschriften nennst". Mittlerweile hatte der CD sich erhoben, war zum Schreibtisch gegangen, wo er Block und Stift holte und sie John mit einem „Das wirst du brauchen", in die Hand drückte. „Ich hatte dir ja bereits einige wichtige Eckpunkte genannt. Da ist die Tatsache, dass es Einbrüche ohne Diebstahl gab. Wir haben den Täter, Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, welche für alle Objekte zuständig war, in die eingebrochen wurde. Mal ehrlich John, dafür brauchten die wirklich mich?" Einen kurzen Moment hielt Sherlock inne und sah seinen Freund, der immer noch mit Block und Stift in der Hand da stand, leicht überrumpelt und unbeweglich, mit zweifelndem Blick an. „Sei's drum", fuhr er mit seinem Monolog fort, „Hintergrund des Ganzen war, dass eben jener Mitarbeiter mal einer Kunsträuber Bande angehörte und nun nach Jahren von einem schlechten Gewissen heimgesucht wurde. Siehst du John, wie unsere eigenen überflüssigen Emotionen uns einen Strick drehen können? Er hatte sich also kurzer Hand entschlossen, den Teil der Beute, der sich noch in seinem Besitz befand, an ihre Eigentümer zurück zu geben. Er konnte natürlich schwerlich zu ihnen an die Tür gehen und es ihnen persönlich aushändigen. Darum machte er..., John?" Er sah seinen Gegenüber wieder eindringlich an, „Du solltest wirklich lieber mitschreiben. Ich weiß, dass dein Gedächtnis wahrlich nicht das beste ist, zumal du dein volles Potential nicht annähernd ausschöpfst. Aber du brauchst die Daten für deinen Bericht und ich werde sie dir genau einmal liefern. Anschließend werde ich diesen banalen Mist wieder löschen. Ich kann den Platz für weit nützlichere Information brauchen". Ohne darauf zu achten, ob John seiner Aufforderung auch nachkam, setzte er seinen Bericht fort. John, dem natürlich klar war, dass es keinen Sinn hatte zu widersprechen, oder entgegen dem, was Sherlock ihm gesagt hatte, zu handeln, seufzte ergeben, akzeptierte sein vorläufiges Schicksal und machte sich Notizen. „Darum machte er sich seine Kenntnisse über die Sicherungssysteme erneut zu Nutze und brach wiederholt ein. Und nun kommt der enttäuschende Teil". Er setzte sich wieder, nun John gegenüber, der es sich zuvor auf seinem eigenen Sessel bequem gemacht hatte. „Es war zu banal. Einmal erkannt, dass es wirklich keinen Diebstahl gab und das die hinterlassenen Werke lediglich an ihren Ursprungsort zurück gebracht wurden, war klar, dass nur der einstige Dieb der Täter sein konnte. Und der Umstand, dass es keine Einbruchspuren gab, ließ auch nur den Schluss zu, dass es sich um jemanden handeln musste, der wusste, wie er das Sicherheitssystem umgehen, oder lahmlegen konnte. Es war also nur noch zu klären, welcher Sicherheitsdienst für die Objekte verantwortlich und welcher der Mitarbeiter für jedes Einzelne zuständig war. Es ergaben sich genau drei mögliche Täter. Einer von ihnen, war seit einigen Monaten nicht mehr für die Firma tätig und lebte mittlerweile in einem anderen Land, der Zweite arbeitete erst seit einem Jahr für die Firma und war zur Zeit der Diebstähle gerade einmal 12 Jahre, womit nur noch Nummer drei blieb, der, als wir ihm einen Besuch abstatteten, um ihm einige Fragen zu stellen, sehr erleichtert, nur zu gerne bereit war, sich seine Schuld von der Seele zu reden. Fall abgeschlossen. Siehst du John?" wandte sich der Detektiv nun direkt an seinen Partner, „Es gab keine harte Nuss zu knacken, kein Rätsel, dass mich auch nur im geringsten herausgefordert hätte. Es war eine riesige Vergeudung meiner kostbaren Zeit!" John kam nicht umhin ein wenig zu schmunzeln, angesichts Sherlocks sachlicher Darlegung eines, wie er fand, doch sehr interessanten Falls, den der CD nur als reine Zeitverschwendung betrachtete. Da Sherlock sich nach seinen Ausführungen in seinen Sessel zurück sinken ließ und dessen Blick wirkte, als sei er in weite Ferne gerichtet, war John klar, dass sein Partner sich anderen Gedanken hingegeben hatte und seine 'Audienz' somit beendet war. Mit einem leichten Kopfschütteln erhob er sich, legte Block und Stift neben seinen Laptop (er konnte den Eintrag auch später noch erstellen) und zog sich seine Jacke an. Der Tee, der in der Küche stand und mittlerweile sicher kalt geworden war, war vergessen. Sherlock hatte sich so seltsam und andererseits auch wieder so typisch verhalten. Er brauchte jetzt frische Luft und ein wenig Abstand um seine Gedanken zu ordnen. „Ich gehe einkaufen Sherlock, brauchst du etwas?" Er blieb einen Moment auf dem oberen Treppenabsatz stehen, erkannte, dass Sherlock wohl nicht reagieren würde und machte sich so auf den Weg. Allerdings ging er nicht auf direktem Weg zum Tesco, er hatte es nicht eilig. Der Einkauf war ohnehin mehr ein Vorwand, als ein richtiger Grund gewesen. Wie am Tag zuvor lief er Ziellos durch die Gegend, da er aber nicht mehr das Gefühl hatte vor etwas flüchten zu müssen, beging er seinen Weg viel gemächlicher. Er dachte wiederholt über Sherlocks ungewöhnliches Verhalten nach, hinterfragte das Fehlen seiner typischen Ausbrüche und analysierte schließlich seine eigenen Empfindungen. Das Ergebnis, zu welchem er kam, erschreckte ihn. Er war enttäuscht. Nicht allein, weil sein Freund scheinbar nicht sauer auf ihn war, sondern auch, weil die Konfrontation im Allgemeinen gefehlt hatte. Innerhalb von kaum mehr als 48 Stunden hatte sich sein komplettes Weltbild auf den Kopf gestellt. Es waren Bilder, Gedanken und Empfindungen aus seinem Unterbewusstsein heraus gebrochen, die sein Verstand nicht fassen konnte. Es hatte ihn überfordert. Das Gefühl in seinem Freund mehr zu sehen als … einen Freund eben, erfüllte ihn mit Angst und Verzweiflung. Und so sehr er sich vor dem Zusammentreffen mit Sherlock gefürchtet hatte, ja regelrecht davor geflohen war, sosehr hatte sich ein Teil von ihm doch diese Konfrontation gewünscht. Er wollte schlicht, dass das Durcheinander in seinem Innern aufs Tapet gebracht wurde. Wollte es förmlich hinaus schreien, in der Hoffnung sein Gegenüber wüsste besser damit umzugehen, hatte vielleicht sogar eine Lösung parat. Er wollte nicht länger so schwer daran tragen. Aber erneut musste er erkennen, und bei dem Gedanken kroch ein bitteres Lachen seine Kehle hinauf, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Er fragte sich nicht einmal, womit er das verdient hatte, für ihn schien es einfach der Preis zu sein, den das Leben forderte, als Gegenleistung dafür, mit einem so einzigartigen, bewundernswerten Mann befreundet zu sein. Er hatte diesen Preis immer gern in Kauf genommen, wusste er doch, was Sherlock, trotz seiner unangenehmen Marotten und kleinen Fehler, für eine Bereicherung in seinem Leben war. Er wusste, wie viel er diesem Mann zu verdanken hatte. Er spürte wie sich eine Träne in sein Auge stahl und zwang sich an etwas anderes zu denken. Entschlossen schob er seine Hände in seine Jackentaschen um nun endlich Einkaufen zu gehen, da berührten seine Finger etwas, was eigentlich nicht in seine Tasche gehörte. Langsam zog er das Etwas heraus und erkannte darin die Nachricht, die er vor wenigen Stunden selbst dort hinein gesteckt hatte. Jetzt fiel ihm jedoch auch auf, was er heute Morgen wohl übersehen haben musste. Auf der Rückseite stand auch noch etwas... Neugierig faltete er das Blatt ganz auseinander und begann zu lesen. Mit jedem Wort verkrampften sich seine Finger mehr. „Was zum...?"