Ahnung

In dieser Nacht schläft Krabat unruhig. Er träumt wirres Zeug. Sieht Raben in der Nacht, sieht die Mühle im Nebel liegen. Sie ist nur noch eine Ruine; das Moor hat bereits begonnen, daran zu fressen. Das Moor und die Zeit. Er sieht jemand im Nebel, einen alten Mann, inmitten der verfallenen Gebäude. Sieht ihn die Hand ausstrecken. Als Krabat näher kommt, wandelt sich der Mann zum Baum.

Jäh schreckt er aus dem Traum hoch. Juros Hand liegt auf seiner Schulter. Juro bedeutet ihm, aufzustehen und ihm zu folgen. Sie gehen in die Küche. Wie früher zieht Juro mit Kreide den Kreis auf den Boden, versieht ihn mit den drei Kreuzen und dem Drudenfuß.

"Setz dich, Krabat," sagt er. "Wir müssen reden."

Krabat setzt sich Juro gegenüber, sieht ihn abwartend an.

"Es tut mir Leid um die Kantorka." Er meint es ernst, das weiß Krabat. Deswegen nickt er nur.

"Ich hab gehofft, dass alles ein besseres Ende nehmen wird. Für dich und sie, für uns. Auch für... ihn."

Krabat horcht auf. Ihm ist klar, dass Juro nur den Meister gemeint haben kann. Er kann sich schon denken, worauf Juro hinauswill. Dennoch schweigt er.

"Die Burschen verstehen es nicht, Krabat." Juro sieht ihn eindringlich an. "Ich ahne es zwar, aber wirklich verstehen tu ich's nicht. Warum bringst du ihn fast um und kümmerst dich dann so um ihn, als wäre er dein eigener Vater? Warum befreist du uns nicht und bleibst untätig, obwohl alle bereits wissen, dass du die Kraft und das Wissen hättest, den Meister umzubringen? Es macht ihnen Angst, was du da tust. Sie wissen nichts von der Kantorka, sie glauben, du hättest dich auf die Seite des Meisters gestellt."

"Ich weiß, Juro", sagt Krabat leise. "Und ich werde euch befreien. Aber ihr müsst verstehen, dass der einzige wahrhaftige Weg in die Freiheit Vergebung heißt."

Juro sieht ihn düster an. "Das ist ein dorniger Pfad, den du da beschreiten willst. Ich für meinen Teil bin bereit, dir zu folgen, aber was die anderen angeht..." Er schüttelt kaum merklich den Kopf. "Krabat, was ist das, zwischen dir und dem Meister?"

Krabats Blick ist klar und fest, als er antwortet: "Eine Ahnung."

Als er die Verständnislosigkeit in Juros Augen bemerkt, setzt er hinzu: "Ich versuche, ihn zu verstehen. Er ist nicht das, was er zu sein scheint. Da ist... mehr. Tief vergraben nach all der Zeit. Ich glaube, er war nicht immer so, wie er heute ist. So grausam, meine ich."

"Das ist alles?", fragt Juro zweifelnd. "Zwingt er dich zu bleiben? Die ganze Fastenzeit über bist du ihm aus dem Weg gegangen, hast weder ihm noch uns gegenüber viel Worte verloren. Der Groll zwischen dir und ihm war deutlich zu spüren. Trotzdem bist du noch da, Krabat."

Krabat nickt. "Wo soll ich denn hin? Im nächsten Winter bin ich sowieso tot, wenn es mir nicht gelingt, ihn zuerst ins Grab zu bringen, und das weißt du auch. Er wird mich finden, egal wo ich bin."

Juros Augen werden groß, als er begreift. Krabat ist geblieben, um sie zu schützen. Seine Anwesenheit allein verhindert, dass der Meister seinen Zorn über seine Niederlage an den Burschen auslässt. Juro weiß, dass der Müller dem Krabat im vergangenen Winter seine Nachfolge angeboten hatte, nun aber ist Krabat weit mehr als nur sein Nachfolger. Er ist ihm mindestens ebenbürtig geworden und er stellt sich klar gegen die Prinzipien des Meisters, indem er die Burschen vor ihm schützt. Und doch duldet ihn der Meister....

"Juro?" Krabats leise Stimme lässt ihn aufsehen.

"Jirko scheint dich zu mögen, Juro", sagt Krabat. "Ich bitte dich, ihn unauffällig unter deine Obhut zu nehmen."

Juro nickt. "Das werde ich. Des Meisters wegen?"

"Ja. Der Junge scheint ihn zu beunruhigen. Wegen seines alten Freundes Jirko. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis sein dumpfes Grübeln in Zorn umschlägt und er Jirko für etwas straft, für das er nichts kann."

"Mach dir keine Sorgen deswegen. Ich hab ein Auge auf Jirko", versichert ihm Juro. Dann steht er auf und reicht Krabat die Hand. "Lass uns zu Bett gehen, Krabat."

tbc