Die wahre Geschichte, wie ich mich mit der Maulenden Myrte verbündete

Die große Uhr schlug zwölf. Zeit für's Mittagessen. Leider war ich nicht auf Kürbissuppe, sondern eher auf ein Gespräch mit meiner besten Freundin hungrig. Unter den komischen Blicken einiger Hufflepuffs packte ich mir also Millicent, als diese gerade mit Daphne Greengrass den Raum verlassen wollte, und zog sie in einen leeren Korridor. Daphne beäugte mich amüsiert, wenn nicht sogar schadenfreudig, sagte allerdings nichts. „Hier gibt es nichts zu sehen! Weiter gehen, weiter gehen", erklärte ich ihr sowie den Hufflepuffs und schickte sie an, endlich die Treppe hoch zu gehen. Irgendjemand flüsterte: „Habt ihr Pansy Parkinsons Gesichtsausdruck gesehen? Mensch, war die sauer!" Einige Mädchen kicherten drauf los und ein paar Slytherin-Jungs sahen mich neugierig an. „Livingsten und Malfoy? Kann nicht sein!", raunte einer dem anderen zu. „Jetzt geht endlich, bevor ich euch die Nase langziehe", schnauzte ich sie an und wandte mich nun endlich Millicent zu. Sie seufzte.
„Du willst mit mir über Malfoy reden, stimmt's?"
Ich nickte mehrmals. „Bitte, bitte, bitte Millicent."
„Wie theatralisch…"
„Bitte", flehte ich sie an.
„Lina…"
„Bitte", sagte ich in einem jammerigen Ton. Dies hasste sie, das wusste ich. Jedes Mal, wenn ich jammerte, musste das gutherzige Ding nachgeben. Millicent konnte einfach nicht anders.
„Also schön!", sagte sie auch diesmal. „Was willst du von mir hören, Livingsten? Das Malfoy auf dich steht? Das haben wir gerade alle mitbekommen. Was also willst du von mir?"
An ihrem Tonfall erkannte ich, dass sie wirklich und auf gar keinen Fall Lust hatte, mit mir zu reden. Das machte mich traurig. Sollten beste Freundinnen nicht immer füreinander da sein?
„Was ist deine Einschätzung?", fragte ich.
Millicent zog irritiert eine Augenbraue hoch. „Einschätzung? Was meinst du damit?"
„Von dem was gerade im Unterricht passiert ist", erklärte ich ihr.
„Das sagte ich doch schon. Malfoy steht auf dich. Was also willst du noch hören?"
„Alles!", hörte ich mich sagen. Im Grunde hatte Millicent Recht, dieses Gespräch führte im Grunde zu nichts. Egoistisch, wie ich aber nun mal war, klammerte ich aber an dieses Miteinander, weil meine Freundin mir echt fehlte!
Millicent seufzte wieder, genervt. „Okay, ich gebe dir drei Tipps und dann lässt du mich endlich gehen, einverstanden?" Ich nickte zustimmend.
„Erstens, rede endlich mit Malfoy. Du nervst nämlich alle um dich herum mit deiner elendigen Schmachterei!"
Ich versuchte, mir diesen Kommentar nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen und deutete ihr an, weiter zu machen.
„Zweitens, gehe Pansy erst mal aus dem Weg. Die Gute sah nämlich noch im Unterricht so aus, als würde sie dir Pickel ins Gesicht hexen wollen."
„Als ob ich vorgehabt hätte, mich Pansy auf dem Silbertablett zu servieren. Was glaubst du? Dass ich bei ihr an der Zimmertür klopfe und ‚Hi, ach übrigens, dein Liebster steht auf mich' sage? Nein danke, ich will leben."
Mein Kommentar klang garstiger als beabsichtigt, aber Millicent sagte nichts dazu.
„Drittens, such dir Freunde oder jemanden, der sich für deine Leidensgeschichte interessiert. Ich bin es nämlich leid, als Seelenklempner hinhalten zu müssen!"
Ich schluckte schwer. So viel Ablehnung hatte ich von Millicent nicht erwartet. Ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte, schulterte ich meine Tasche und ging davon. Von der eigenen besten Freundin sitzen gelassen, ausgetauscht gegen Daphne Greengrass. Wie gemein! Ich unterdrückte einen Schluchzer, ging, dem leckeren Essensgeruch zum Trotz, schnurstracks an der Großen Halle vorbei und verschanzte mich im Mädchenklo.

„Scheiße" murmelte ich und schloss mich in der nächstbesten Kabine ein. Wie gerne hätte ich mich jetzt in mein Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen! Aber so ein gammeliger, alter Klodeckel hatte schließlich auch seinen Reiz. Ich setzte mich auf das ranzige Ding und zog die Knie an meine Brust. Mit einem „Plop" landete derweil meine Tasche in einer Ecke, Tintenfass und Feder fielen heraus. Egal.
Auf dem Flur waren Schritte und Stimmengewirr zu hören. Die Pause schien vorbei zu sein. Sollte ich zum Unterricht gehen? Lieber nicht. Außerdem, wer wollte schon zu Alte Runen, wenn er den herrlichen Geruch der Kloake den ganzen Tag inhalieren konnte. Einfach wunderbar!
Ich biss mir auf die Unterlippe, um ein Wimmern zu unterdrücken. Sarkasmus konnte bei Traurigkeit manchmal wahre Wunder bewirken. Nur leider nicht jetzt. Mir war überhaupt nicht nach Lachen zumute. Lieber wollte ich weinen, oder besser noch schreien. Ja, schreien klang gut. Sehr gut!
Ooooooder besser doch nicht, hielt ich mich zurück. Mit meinem Glück würde ein Lehrer oder ein Vertrauensschüler hereingestürmt kommen, um nachzusehen, was los war. Und dann würde ich tatsächlich zum Unterricht müssen. Tschüss Klodeckel, tschüss Kloakenduft, hallo neugierige Blicke und Gelächter. Nein Danke, ich verzichte.
Ich vergrub das Gesicht in den Händen und gab mich eine Weile meinen Gedanken hin. Millicent, Malfoy und Pansy tauchten vor meinen geschlossenen Augen auf. Vor allem Malfoy, der mich mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung anblickte, ließ sich nicht aus meinem Kopf verscheuchen. Hitze stieg in mir auf und mir wurde übel. Hastig stürzte ich an ein Waschbecken, um mir kaltes Wasser über den Puls laufen zu lassen.
„Sieht ganz schön beschissen aus", sagte plötzlich eine Stimme, was mich vor Schreck zusammenfahren ließ. Über mir schwebte Myrte und betrachtete mich mit schief gelegtem Kopf.
„Was sieht beschissen aus?"
Sie kicherte und deutete auf den Spiegel hinter mir. „Dein Gesicht!"
„Du…", doch weiter kam ich nicht. Bevor ich etwas auf ihre gehässige Anmerkung erwidern konnte, fiel mir mein Spiegelbild ins Auge. Tatsächlich: wässerige Augen, gerötete Wangen und strähnige Haare. Ich sah aus wie eine Moorleiche. Wie grässlich.
„Alles in Ordnung? Du siehst aus, als könntest du jemanden zum reden brauchen", bot das Geistermädchen an. Ich schüttelte verneinend den Kopf. So sehr ich auch reden wollte, Myrte tratschte mir eindeutig zu viel.
„Ganz sicher?", hakte sie nochmal nach. „Ganz sicher", bestätigte ich ihr.
Zunächst sah es so aus, als würde sie anfangen zu schmollen. Dann grinste sie plötzlich verschmitzt. „Na, wenn du es mir nicht verraten willst, dann kann ich ja zumindest versuchen zu erraten, was du mir verschweigst", sagte sie.
Och nein, nicht das noch. „Myrte, geh Potter suchen und nerv ihn, nicht mich", herrschte ich sie an.
„Gemeinheit!", kreischte der Geist und verzog sich heulend in eine Toilette. Das Wasser spritzte bei ihrem Abgang nur so zu allen Seiten. Echt ekelig. Im Zickzack musste ich von einer trockenen Stelle zur nächsten Hüpfen, um meine Schuhe nicht nass zu machen. Myrte und ihre blöde Überempfindlichkeit! Aber anstatt Wut machte sich eher ein schlechtes Gewissen in mir breit. Myrte hatte nur versucht, nett zu mir zu sein, und ich habe sie weggestoßen. Ich hatte also keine andere Wahl, ich musste mich bei ihr entschuldigen. Vorsichtig trat ich an die Toilette, durch die der Geist verschwunden war.
„Myrte?"
Blubbern war zu hören und wieder stieg Wasser aus der Schüssel. Schnell trat ich zwei Schritte nach hinten. „Ich weiß, dass du mich hörst. Komm raus!" Wieder nur Blubbern.
„Myrte es tut mir leid. Jetzt hör bitte auf traurig zu sein", bat ich sie.
Und tatsächlich, gerade als ich wieder aufgeben und sie in den Wind schießen wollte, steckte Myrte den Kopf aus dem Klo. Ich lächelte sie an. Nicht, weil ich mich übermäßig freute sie zu sehen, sondern eher weil der Anblick, der sich mir bot, viel zu grotesk war.
„Ich verzeihe dir nur, wenn du endlich mit mir redest", so ihre Forderung.
Ich seufzte schwer. „Ein Junge hat heute mehr oder weniger gestanden, dass er auf mich steht und ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll", berichtete ich ihr von meinem Dilemma.
„Und welcher Junge war es?", fragte sie neugierig.
„Keine Sorge, es ist nicht Potter", versicherte ich ihr.
„Aber wer ist es dann?", bohrte sie weiter nach.
„Verrate ich nicht!"
Sie grinste. „Es ist bestimmt Draco Malfoy, stimmt's?"
Mir blieb die Spucke weg. „Ne-ein! G-ganz bestimmt n-nicht", stammelte ich.
„Ich wusste es, ich wusste es", rief sie und freute sich dabei diebisch, ins Schwarze getroffen zu haben. Beleidigt plusterte ich die Wangen auf. Es war mir ziemlich peinlich, ertappt worden zu sein.
„Keine Sorge. Er mag dich wirklich, wirklich, wirklich gerne", bestätigte sie mir.
Ich wurde hellhörig. „Wie meinst du das?"
„Ich beobachte ihn hin und wieder beim Duschen und manchmal denkt er dabei laut!"
Okay, das war gruselig. „Und was denkt er so", bohrte ich nach. Myrte lächelte.
„Verrate ich nicht!"
Jetzt hat sie mich doch tatsächlich mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Touché!
„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?", versuchte ich unser Gespräch ein wenig in andere Bahnen zu lenken.
„Na ihm sagen, was du für ihn empfindest", sagte Myrte, als ob eine Liebeserklärung das Einfachste der Welt sei. „Oder beeindrucke ihn."
„Ihn beeindrucken?", fragte ich in der Hoffnung, mich verhört zu haben.
„Ja! Beeindrucke ihn mit irgendetwas so sehr, dass du ihm nicht mehr aus dem Kopf gehst und er einfach zur dir kommen und dich nach einem Date fragen muss!"
Klang gut. Und logisch. Nur wie sollte ich das anstellen?
„Was kannst du gut? Womit könntest du Malfoy umhauen?", fragte Myrte.
Ich überlegte eine Weile angestrengt. „Ich bin ziemlich gut in Zauberschach und in Quidditch auch."
Myrte quickte vergnügt. „Oh ich liebe Quidditch! Zu meiner Schulzeit ist mal ein Junge namens Ben Beckett während eines Spiels verschollen gegangen. Haben sie ihn mittlerweile wiedergefunden?"
„Wer zum Henker ist Ben Beckett?" Tatsächlich hatte ich den Namen noch nie gehört.
„Oh…nicht so wichtig", murmelte Myrte und zupfte verlegen an ihrem Umhang. Ein alter Schwarm also, dachte ich, und konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Myrte merkte dies natürlich und streckte mir die Zunge raus. „Wollen wir rumblödeln oder an deinem Problem arbeiten", maulte sie. Beschwichtigend hob ich die Hände. „ist ja gut, ist ja gut", erklärte ich.
„Wenn du tatsächlich so gut spielst, wie du sagst, und Malfoy auch noch Quidditch mag, dann dürfte es eigentlich ein Leichtes sein, ihn zu umgarnen."
Ich nickte zustimmend. „Malfoy und ich sind beide in der Hausmannschaft. Er ist Sucher, ich bin Jägerin.".
„Ooooh, der Sucher…sexy", fing meine Gesellschaft an zu schwärmen und kurz befürchtete ich, sie könnte anfangen zu sabbern. „Myrte, benimm dich!"
Wieder streckte sie mir die Zunge raus. „Okay, okay. In diesem Fall dürfest du leichtes Spiel haben. Fliege ein paar tolle Stunts, schieße ein paar sehr gute Tore und du hast ihn an der Angel."
Skeptisch schaute ich sie an, in der Hoffnung, ein Funken Ironie bei ihr zu entdecken.
„Bist du dir sicher?", fragte ich sie.
„Todsicher!", bestätigte sie mir. Eigentlich dürfte ich nicht meckern. Was erwartete ich auch von jemandem, der bereits über fünfzig Jahre tot war und zu Lebzeiten noch nicht einmal mit jemandem Händchen gehalten hatte. Viel Fantasie hatte dieser Geist ja, aber das lag wohl eher daran, dass sie in einem Alter gestorben ist, wenn die Hormone Limbo tanzen!
Gerade, als ich ein weiteres Mal nachhaken wollte, wie sicher sie sich ihrer Sache war, ertönte ein weiteres Mal an diesem Tag die große Uhr. Zeit für's Abendessen.
„Danke Myrte. Ich werde mir deine Worte durch den Kopf gehen lassen", versicherte ich ihr.
„Alles klar. Erzähl mir dann aber auch, wie es mit deinem Liebsten gelaufen ist!", sagte sie und zwinkerte mir dabei verschwörerisch zu.
Ich nickte, wobei ich allerdings heimlich meine Finger kreuzte. Einen Dreck würde ich ihr erzählen. Sie wusste definitiv schon zu viel.
Beim dritten Läuten der Uhr verließ ich schließlich zum ersten Mal seit Stunden die Mädchentoilette. Mit knurrendem Magen folgte ich der Schülerschar zur Großen Halle.