Nach ihrem Unterricht hatte Hermione sich in die Bibliothek begeben und ihren gewohnten Stammplatz eingenommen. Ron und Harry würden mit Quidditchtrainig bis in die späten Abendstunden so beschäftigt sein, dass keiner von den beiden sie wirklich vermissen würde. Sie hatte sich einen Teil der alten Bücher besorgt, die sie bei ihrer ersten Recherche schon konsultiert hatte, aber jetzt wusste sie, wonach sie suchen musste. V hatte das pure Glück nicht getrunken, sondern es war mit Blut vermischt auf - und wahrscheinlich auch in – seinen Körper geraten, was eine ganz andere Fragestellung verlangte.

Sie war so sehr in ein Buch über die Gefahren verunreinigter Zaubertränke vertieft, dass sie nicht merkte, wie sich jemand auf den Sessel gegenüber von ihr setzte.

„Felix Felicis wird kaum Bestandteil der Prüfung sein, Miss Granger", kam ein nonchalanter Kommentar einer sehr bekannten Stimme. Hermione blickte erschrocken auf.

„Professor Snape."

Snape wartete gar nicht ab, was sie weiter zu sagen hatte. Die steile Falte auf seiner Stirn verriet, dass er nicht zu einem freundlichen Geplauder gekommen war. „Außerdem sollten Sie doch von allen am ehesten wissen, dass der Trank in Prüfungen verboten ist. Wieso verschwenden Sie derart Ihre Zeit?"

Hermione schluckte. Jeden Moment glaubte sie, ihr V-Versteckspiel würde auffliegen und Snape sie zu McGonagall schleifen, wo der Ärger erst richtig begann. Vielleicht sollte sie die Flucht nach vorne antreten? Ihr chronisch übermüdeter Körper schrie ganz laut ‚JA', aber was wäre dann? Würden sie V in Ruhe lassen? Ihn ins Zaubereiministerium überführen? Sie hatte keinerlei Ahnung, welche Konsequenzen ihr und V bevorstanden.

„Es ist nicht für die Prüfung, Professor… Ich habe eine Eule von einem Freund bekommen, der mich fragte, was wohl passiert, wenn Felix Felicis mit Blut verunreinigt wird, also wenn man sich beim Brauen in den Finger schneidet oder so…" wagte Hermione eine Antwort.

Snape wirkte noch unerfreuter, als er es schon war. „Blutmagie kommt ebenfalls nicht in der Prüfung vor und ein kluger Kopf wie Sie sollte die Finger davon lassen." Seine Stimme wurde zu einem bedrohlichen Zischen: „Wenn Sie hier fertig sind und was-auch-immer treiben, dann können Sie von mir aus Meisterin der Blutmagie werden, aber solange Sie hier und in meinem Verantwortungsbereich sind, wünsche ich solche Forschungen nicht. Blut kann den harmlosesten Trank in eine todbringende Waffe verwandeln; Blut kann Tore öffnen, die sich nur schwer wieder verschließen lassen – also lassen Sie es sein!"

Ein kurzes Funkeln trat in Hermiones Augen. Indirekt hatte Snape ihr die Information gegeben, die sie gesucht hatte. Tormagie. Ein junger Magiezweig, vergleichbar mit höherer Physik in der Muggelwelt, der nur von wenigen Magiern auf sehr abstrakter Ebene betrieben wurde.

Snape hatte ebenfalls das Funkeln bemerkt. „Sie gefallen mir nicht, Hermione. Sie lernen zu viel und schlafen zu wenig, außerdem verbergen Sie immer noch etwas. Ich will es nicht wissen, aber Sie sollten sich fragen, ob alles richtig ist, was Sie tun."

Mit diesen Worten stütze er sich auf seinen Stock und erhob sich. Hermione sah ihm mit gemischten Gefühlen nach. Bevor Snape die Bibliothek humpelnd verlies, drehte er sich noch einmal zu ihr herum – sein Gesicht weniger erzürnt – und sagte etwas Unglaubliches: „Wenn es etwas ist, das den Horizont Ihrer beiden Freunde übersteigt – meine Räume sind immer noch im Kerker."

Hermione blickte Snape noch eine Weile nach und war froh, dass kein anderer diese Unterredung mitbekommen hatte. Snape und sie waren keineswegs Freunde und noch weniger war er es mit Ron und Harry, aber der Krieg hatte ihr Verhältnis zueinander verändert. Jeder würde für den anderen einstehen und in der Not helfen. Es gab wichtigere Dinge als Sympathie oder Antipathie.

Sie konnte es kaum erwarten, mit diesen Neuigkeiten zu V zurückzukehren. Hermione hatte sich nach Snapes Wink mit dem Zaunpfahl schnellstens das Archiv des Tagespropheten vorgenommen. Nach akribischer Suche mit Hilfe des magischen Seitenfinders hatte sie zwei interessante Zeitungssauschnitte gefunden:

„…wurde heute feierlich die neue Abteilung für Tormagie eingeweiht. Anwesend waren Kingsley Shacklebolt, der seinem Amt als Zaubereiminister mehr als gerecht wird, Lemus Droidton aus der Abteilung für Portschlüssel, Joanne Fremus und Sir Henry Cloudbust - zwei junge, engagierte Magier, die die Einrichtung dieser Abteilung vorangetrieben haben, und Stephen Hawking als prominenter Gast aus der Muggelwelt. Tormagie ist ein noch junger Zweig der Magie und kann uns in der Zukunft noch schnelleres und komfortables Reisen ermöglichen."

Und, etwa drei Wochen vor dem obigen Artikel veröffentlicht:

„Öffentliche Bekanntmachung: Wegen Umbaumaßnahmen ist in den nächsten zwei Wochen der sechste Stock des Zaubereiministeriums gesperrt. Wir bitten, diese Unannehmlichkeit zu entschuldigen. Als Ansprechpartner dient Lemus Droidton, der ein provisorisches Büro im zweiten Stock beziehen wird. Bitte beachten Sie die Aushänge."

‚Bingo', dachte Hermione. Besser konnte man ihr den Weg nicht weisen. Jetzt brauchte sie nur noch eine Möglichkeit, ins Ministerium zu gelangen. Auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum, in dem die Jüngeren sich mit Spielen oder Hausaufgaben die Zeit vertrieben, überlegte sich Hermione verschiedene Wege, ins Zaubereiministerium zu gelangen. Die einfachste aber auch dreisteste Methode war, eine offizielle Einladung zu bekommen. Kaum im Gemeinschaftsraum angekommen, suchte sie sich ein ruhiges Plätzchen und schrieb ihre Bewerbung. Drei Anläufe brauchte sie, bis sie vollkommen zufrieden war und ihr Schreiben mit einer Eule losschicken konnte.

Als Hermione an diesem Abend die falsche Schattengalerie betrat, merkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. V lehnte über der Wurlitzer, aber es spielte kein Lied. Er wählte auch nichts aus, sondern war einfach über die Titelliste gebeugt. Hätte er keine Maske getragen, so könnte Hermione schwören, dass er durch die Songs und die Musikbox einfach durchsah.

„Guten Abend, Hermione", sagte er in seiner melancholischen Stimme, in die er immer verfiel, wenn ihn etwas bedrückte.

„Guten Abend", antwortete Hermione verunsichert und warf einen Blick auf die Bücher, die sie nach ihren Nachforschungen noch für ihn aus der Bibliothek ausgeliehen hatte: Das Märchen von Beedle und Barden sowie eine Anthologie von Jakobus Zumbrot, einem zeitgenössischen Dichter der Zaubererwelt.

„Hermione, du hast mir unbewusst eine Lektion erteilt", stellte V fest, ohne sie anzuschauen.

Neugierig und verwirrt zugleich ließ sich Hermione auf einem kleinen Sessel nieder. Langsam drehte V sich um und durchschritt den Raum, dann setzte er sich auf den gegenüberliegenden. Unsicher waren seine Finger ineinander verschränkt. Die Maske lag zum Teil im Schatten, der Kopf tief gesenkt.

V betrachtete eingehend im Schutze der Maske Hermiones Gesicht. Eine wichtige Neuigkeit hatte sie für ihn, das las er in ihren Augen, und so wie ihre Wangenmuskeln vorhin kurz gezuckt haben, war ihm klar, dass er sie aus dem Konzept gebracht hatte. Vielleicht war es doch besser, wenn er sie ausreden ließ. Es würde ihm einen kleinen Aufschub für seine Erklärung bringen.

„Bitte, ich wollte dich nicht bedrücken. Was wollen dein Herz und Geist mir mitteilen?"

Er beobachte genau ihre kurze Skepsis, dann lehnte er sich leicht nach vorne, um ihr zu zeigen, dass er ihre Neuigkeiten hören wollte. Hermione räusperte sich kurz und erzählte lang, was sie gelesen und erforscht hatte. Vs Gedanken machten sich während Hermiones Ausführungen auf eigene Wege. Wenn es so einfach wäre zurückzukehren, wie sie sagte. Eine Tür öffnen, durchgehen und Evey wiedersehen. Ihr sagen, dass es doch einen Weg mit ihr geben könnte, jetzt nach alldem… Aber würde sie das auch wollen? War es wirklich Liebe, was er in ihren Augen gesehen hatte? Oder war es nur eine Stockholm-Reaktion auf seine ‚Behandlung'. Er wählte bewusst diesen neutralen Begriff. Es war notwendig gewesen und doch…

„Hörst du noch zu, V?" Er sah Hermione an und sie sah ihn an. „Du bist heute so...anders. Und was meintest du für eine Lektion?"

Er atmete hörbar aus. Mit Hermione zu reden war so anders als mit Evey. Sie hatte seine Methoden und Absichten besser verstanden als Evey, auch wenn sie es beileibe nicht gutgeheißen hat; außerdem verband sie nun das Gestrandet-sein. Er mochte sie auf eine andere Art und Weise. War so das Gefühl, Geschwister zu haben? Oder echte Freunde? Keine Bilder und Statuen oder Stimmen, die immer wieder die gleichen Lieder sangen, aber nie sprachen?

V legte seine Fingerkuppen aneinander: „Erinnerst du dich an das, was ich dir gestern sagte? Dass sich tief greifendes ereignet hat?" Er wartete ab, bis sie ihm zeigte, dass sie seine Worte richtig verstanden hatte. „So wie bei dir, so auch bei mir, Hermione Granger. Ich habe getötet. Ich habe das Regime in meiner Welt auf den Kopf gestellt und sich selbst ausmerzen lassen. Und noch etwas ist mir passiert. Etwas, dass ich immer als den entscheidenden Dominostein in dieser Kettenreaktion betrachtet habe. Ich dachte, ich würde diesen Stein anstoßen, von dem die Zukunft und der Aufbau des Landes abhängen würde, aber dabei -" er machte eine gedankenschwere Pause, „war sie der Stein, der mich anstößt."

V musste sich bewegen und begab sich zu seinem Flügel, strich zärtlich über das polierte Holz und schaute über die Schulter zu Hermione. In Hermiones Gesicht drohte die Frage, die er noch nicht bereit war zu beantworten, deshalb wechselte er schnell das Thema: „Also müssen wir jetzt nur noch auf die Rückkehr der Eule warten?" Mit Genugtuung beobachtete er, wie diese Frage verpuffte, und setzte mit ehrlicher Freude hinzu: „Wie wäre es mit einer kleinen Schlossführung?"

Das hatte gesessen. Hermione klappte der Kiefer runter, aber sie war dankbar für diese Ablenkung und hakte sich bei ihm unter.

Ziel des nächtlichen Rundgangs war der Eulenturm. V blieb einen Moment stehen, legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die zahlreichen Nachtvögel. Die Tiere waren alle wach und ausgesprochen munter. Mit Schnabelgeklapper begrüßten sie ihre nächtlichen Besucher, und als V einen Arm ausstreckte, landete ein gescheckter Streifenkauz darauf und sah mit seinen Augen genau in Vs ebenso schwarze.

Dann wandte er sich wieder Hermione zu: „Diese Tiere sind sehr schön."

Sie lächelte etwas verschmitzt. „Das ist unsere Post-Station. In der Zaubererwelt werden Briefe und sogar Pakete über diese Eulen zugestellt." V sah sie ungläubig hinter der Maske an: „Ihr verschickt die Post wirklich mit Eulen?"

„Ich zeig es dir." Sie suchte ihre Taschen ab und fand einen alten Terminzettel und einen Bleistiftstummel. Dann wandte sie sich geheimnisvoll ab und schrieb ‚das ist der Beweis' auf den Fetzen. Als sie fertig war, faltete sie ihn zusammen und schrieb noch ein großes ‚V' drauf. Sie pfiff nach einer weiteren Eule, die kurz darauf herabgesegelt kam, und übergab ihr die Post. Das Tier blickte Hermione an, also wollte es fragen, ob das ihr Ernst sei, erhob sich aber dann doch in den Himmel, flog eine Runde um den Turm und landete schließlich neben V, den sie mit Schnabelzwicken aufmerksam machte. Der Streifenkauz suchte kreischend das Weite.

V entnahm der Eule den Brief, entfaltete ihn und lachte kurz auf. Er klang immer noch nicht überzeugt.

Nach einer halben Stunde verabschiedete sie sich von V, der bei den Eulen zurückblieb.