A/N: Hui, die Kakerlake hat es euch wirklich angetan. Leider muss ich gestehen, dass ihr noch mindestens 50 Kapitel auf diese Anekdote warten müsst. Aber zum Trost verspreche ich euch, demnächst andere pikante Details aus dem Leben unseres Tränkemeisters zu enthüllen.
Der sprechende Hut
Ein speckiger Lederhut richtete seine Hutspitze auf. Tausend Jahre Erfahrung sprachen aus dieser stolzen Geste, die seinen mitgenommenen Zustand schnell vergessen ließ. Ein langer Riss an seiner Vorderseite öffnete sich, ohne dass ein Wort zu hören gewesen wäre, bis ein ohrenbetäubender Huster den Staub der letzten fünfzehn Jahre in die Luft blies.
Niemand wagte es zu sprechen, denn das Lied konnte jeden Augenblick beginnen. Der Riss zitterte für einen Moment, doch dann hob sich eine Seite zu einem schiefen Lächeln, bevor es durch den Saal hallte:
Vier Häuser steh'n in Einigkeit,
So sagt's die Theorie.
Ich wiederhol' mich hier seit ein'ger Zeit,
Geholfen hat es nie.
Was steht, fragt ihr, für Hufflepuff?
Wie wird man Gryffindor?
War Slytherin ein alter Schuft?
Wie schlau war Ravenclaw?
Da glotzt ihr auf den alten Hut,
Denkt ihr euch nichts dabei?
Als Hausarbeit, die Antwort sucht,
Am besten noch vor Mai!
Hermine warf Neville, der an der Hohen Tafel neben ihr saß, einen ratlosen Blick zu. Hatte der sprechende Hut einen schlechten Tag erwischt? Der Schlapphut nahm zwar auch sonst kein Blatt vor den Mund, aber so kurz angebunden und garstig hatte sie ihn noch nicht erlebt. Und seit wann gab der Hut Hausaufgaben?
„Das war genau dasselbe Lied wie in meinem letzten Schuljahr", flüsterte Neville ihr zu.
Hermine hob nur die Schultern und studierte unauffällig die Gesichter ihrer Kollegen. Falls es ungewöhnlich war, dass der Sortierhut sich kein neues Lied hatte einfallen lassen, so ließen die sich übrigen Professoren nichts anmerken. Allein Filius Flitwick schien sich auf seinem Stuhl in der Mitte der Tafel nicht sonderlich wohl zu fühlen, doch möglicherweise auch aus dem Grund, da nun alle Augen im Saal erwartungsvoll auf den Schulleiter gerichtet waren.
Flitwick räusperte sich theatralisch, ließ sich vom Stuhl gleiten und ging mit eiligen Schritten zum Rednerpult. Dort bestieg er ein Bänkchen, das extra für ihn hinter dem Pult aufgestellt worden war, räusperte sich nochmals und begann mit feierlicher Stimme die Neulinge auf die Sortierzeremonie einzustimmen.
Hermine versuchte derweil im Kopf zu überschlagen, wie lange sie würde ausharren müssen, wenn die Zeremonie dem üblichen Protokoll folgte. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, musste sie einsehen, dass sie die Fähigkeit zwei mittelgroße Zahlen im Kopf zu multiplizieren, wohl irgendwann während ihres Mathematikstudiums verloren hatte. Wahrscheinlich würden sie jedoch noch nach Mitternacht hier sitzen.
Resigniert wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Worten des Schulleiters zu, der gerade erklärte, dass man in diesem Jahr auf Förmlichkeiten verzichten wollte, um der großen Anzahl neuer Schüler Herr zu werden. Und keine Minute später bat er alle Schüler, deren Nachname mit dem Buchstaben A begann, sich in einer Reihe vor der Hohen Tafel aufzustellen.
Hermine lehnte sich erleichtert zurück und sah in die aufgeregten Gesichter der Kinder, die sich nun von ihren Plätzen erhoben. Ihre Wangen glühten rot im Licht der Kerzen, die zu hunderten über den vier langen Tafeln schwebten, welche bereits in den Farben des jeweiligen Hauses dekoriert waren. Es gab nicht genügend Raum, um alle Schüler an einem neutralen Ort zu versammeln, und so hatten sie ihren geheimen Wünschen und Hoffnungen nachgeben können, und sich zumindest für den Moment selbst ein Haus wählen dürfen. Es war allerdings unübersehbar, dass nicht wenige Kinder sich falsch sortiert hatten, denn die Tafel der Gryffindors war völlig überfüllt, während sich am Hufflepuff-Tisch nur ein klägliches Grüppchen an Kindern eingefunden hatte.
Professor McGonagall trat nach vorn und ergriff mit erkennbarem Respekt den Sortierhut, der bis zu diesem Augenblick auf einem dreibeinigen Schemel gethront hatte.
Sie lief zum Anfang der langen Reihe und wenig später nannte der erste neue Schüler seinen Namen. Wie er hieß, blieb dennoch ein Geheimnis. Die Stimme des Jungen überschlug sich mehrmals, und niemand konnte in dem ständigen Wechsel zwischen hohem Quietschen und tiefem Bass einen sinnvollen Namen heraushören.
„GRYFFINDOR", verkündete der Hut aus dem faltigen Riss, der sich wie ein Mund im Takt der Silben bewegte.
McGonagall wartete nicht ab, bis der Junge seinen Platz am Tisch der Gryffindors gefunden hatte, sondern wandte sich umgehend einem schlanken Mädchen zu, das sich mit Halo Avery vorstellte. Der Kopf des Mädchens verschwand fast vollständig unter dem sich windenden Lederhut, allein ihr ungewöhnliches Haar, das an die Fellzeichnung einer dreifarbigen Katze erinnerte, lugte unter der breiten Krempe hervor.
Halo Avery wurde nach Slytherin sortiert, was das Mädchen mit einem feinen Lächeln quittierte. Mit erhobenem Haupt stolzierte sie an der langen Reihe der Kinder vorbei zur anderen Seite des Saales, wo grüne-silberne Fahnen mit dem unsäglichen Schlangenwappen den Tisch der Slytherins anzeigten.
Trotz der Effizienz McGonagalls, die keine Verzögerungen zuließ, war die Zuordnung zu den Häusern Hogwarts ein langwieriger Prozess. Der sprechende Hut schien sich dieses Jahr in einigen Fällen besonders viel Zeit zu nehmen, bis er sein Urteil verkündete.
Meist stimmte die Wahl des Hutes mit dem Wunsch der Kinder überein, aber es gab auch die bitteren Momente, in denen ein Kind mit enttäuschter Miene vor den Augen aller Anwesenden den Tisch wechseln musste.
Hermine hatte einige Zeit versucht die schwarzen Schafe vorherzusagen, aber es gelang ihr nur selten. Natürlich gab es Familien, die seit Generationen einem bestimmten Haus angehörten, doch deren Sprösslinge hatten sich zumeist schon dem traditionellen Haus ihrer Ahnen zugewandt. Und so blieb Hermine nichts weiter übrig, als ihre Verwunderung so gut wie möglich zu verbergen, wenn sie mit ihrer Vermutung wieder einmal total daneben gelegen hatte.
Nach anderthalb Stunden gespielten Interesses konnte Hermine ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. Sie verlagerte ihr Gewicht von einer Pobacke auf die andere. Wäre es sehr vermessen, sich ein Sitzkissen für ihren Stuhl zu zaubern? Natürlich wäre dies unauffällig möglich, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, immerhin hatten auch die Kinder mit den harten Sitzbänken zu kämpfen. Und nachdem der letzte Gang des reichhaltigen Essens beendet war, gab es für die Neuankömmlinge keine Möglichkeit mehr ihre Langeweile zu bekämpfen.
Sie beobachtete eine kleine Stänkerei zwischen zwei Gryffindor-Neulingen, das aufgeregte Getuschel einiger Schülerinnen am Hufflepuff-Tisch, und einen Jungen, der zwar noch nicht sortiert war, der aber trotz oder wegen der Aufregung sein Haupt auf der Tafel für ein kleines Nickerchen abgelegt hatte. Angesichts dieser pragmatischen Art und Weise die Zeit abzusitzen, konnte sie einen Anflug von Neid nicht verhindern.
Nun wurden die Kinder für den Buchstaben L nach vorn gebeten und Hermine erwachte aus ihrem Trance-ähnlichen Zustand, denn sie hatte Teddy Lupin inmitten der langen Reihe von Schülern entdeckt. Der Junge hatte seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben, doch Hermine konnte sehen, dass sie zu Fäusten geballt waren. Sie spürte ein Kribbeln im Magen, wie sie es sonst nur von den Minuten kurz vor einem wichtigen Examen kannte.
Noch musste sie sich gedulden. Ein kurzes, pausbäckiges Mädchen, deren hellbraune Haare in wilden Wirbeln nach allen Richtungen abstanden, brachte vor lauter Aufregung ihren Namen nicht über die Lippen. Im Saal wurde es ungewöhnlich still – alle waren damit beschäftigt, das stotternde Mädchen mit unverhohlener Neugier zu begaffen. Hilflos beobachtete Hermine die unangenehme Szene, inständig hoffend, dass sich durch eine wundersame Fügung ein Ausweg aus der peinlichen Situation auftat.
Gedankenlos lachte ein Kind in die Stille der Großen Halle hinein. Hermine tat das hämische Gelächter in der Seele weh.
Binnen weniger Augenblicke stieg der Lärmpegel beachtlich. Unbeeindruckt vom Geschehen fasste Professor McGonagall die Hände des Mädchens, beugte sich tief zu ihr hinunter und lauschte mit angespanntem Gesicht. Die Sekunden verstrichen quälend langsam, doch am Ende nickte die ältere Professorin zufrieden. Dann richtete sie sich zu voller Größe auf, brachte mit einem einzigen Blick den gesamten Saal zur Ruhe und verkündete:
"Guinness Lufkin!"
Hermine runzelte die Stirn. Noch so ein furchtbar kreativer Name. Was sich die Eltern wohl dabei gedacht hatten? Die kleine Guinness jedenfalls wurde – wenig überraschend – eine Hufflepuff.
„SLYTHERIN", krähte der Hut als nächstes, und Hermine wäre beinahe vom Stuhl gekippt, als sie bemerkte, dass diese Meldung Teddy Lupin galt. Fassungslos sah sie mit an, wie der Zinnbecher des Jungen vom Tisch der Gryffindors verschwand und im nächsten Moment auf der Tafel der Slytherins wieder erschien. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass Ted ein Slytherin werden könnte!
Teddy Lupin hingegen wirkte gefasst. Seine Hände immer noch in den Hosentaschen versteckt, ging er langsam zum Lager der Slytherins hinüber. Allein dem Jungen dabei zuzusehen, wie er am Tisch unter den grün-silbernen Bannern Platz nahm, ließ die Entscheidung des Hutes zur bitteren Realität werden.
Mit wachsendem Unbehagen dachte Hermine an die zwei Potter-Jungen und hoffte, dass sie von weiteren Überraschungen verschont bleiben würde. Gerade James Sirius würde außer Gryffindor ganz sicher kein anderes Haus akzeptieren – ihr Patensohn besaß schon seit Jahren alle möglichen und unmöglichen Dinge in Rot-Gold und hatte natürlich auch sein Zimmer in den Gryffindor-Farben eingerichtet. Jede andere Wahl wäre ein Desaster.
In Gedanken versunken, schenkte Hermine der Zeremonie kaum noch Aufmerksamkeit, bis endlich James und Albus nach vorn marschierten.
…::…
Albus Severus Potter war schlecht vor Aufregung. Und dabei half es auch nicht gerade, dass sein Bruder ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf.
Doch selbst James schien etwas von seiner üblichen Selbstsicherheit verloren zu haben. Als er an der Reihe war und sich dem Urteil des Hutes stellen musste, war sein Gesicht blass und irgendwie grünlich angelaufen.
Trotzdem kam die Entscheidung des Hutes prompt. „Gryffindor", sagte er fast schon gelangweilt.
James war ein Gryffindor! Triumphierend reckte sein Bruder die Faust in die Höhe, als hätte er gerade ein wichtiges Quidditchspiel gewonnen. Albus dagegen hatte das Gefühl, als ob er jeden Moment Professor McGonagall vor die Füße kotzen würde. Immerhin schaffte er es, seinem vor Freude strahlendem Bruder anerkennend zuzunicken, bevor James unter dem Jubel der bereits bestimmten Gryffindors zum Tisch zurückging.
Auf keinen Fall Slytherin! Alles in seinem Kopf kreiste sich um diese eine Bitte. Albus überlegte allen Ernstes, seine Beine in die Hand zu nehmen und aus dem Saal zu fliehen. Irgendwohin, ganz weit weg von Hogwarts. Nervös verfolgte er, wie McGonagall mit dem bedrohlichen Hut auf ihn zukam.
Als der Lederhut seinen Kopf berührte, zuckte Albus zusammen, als hätte er einen Stromschlag erhalten. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Er sah nichts und hörte nichts. Die Augen fest zugekniffen, stand er da wie eine leblose Statue und bewegte sich keinen Zentimeter.
Albus bewegte sich auch dann nicht, als der Hut sein Urteil schon längst verkündet hatte. Erst als das überschwängliche Gebrüll der Kinder schon die großen Mosaikfenster zum Vibrieren brachte, öffnete er die Augen. Ohne eine leise Ahnung, wie das Urteil des Hutes ausgefallen war, setzte er sich in Bewegung und ging auf die Seite des Saales, wo er die Lärmquelle ausgemacht hatte. In seinem Kopf drehte sich alles. Unvermittelt erschien das Gesicht seines Bruders vor ihm, der ihn mit einem breiten Grinsen begrüßte. Das musste wohl bedeuten, dass er nun ein Gryffindor war. Aber selbst nachdem ihm James heftiger als unbedingt nötig auf die Schulter geklopft hatte, konnte sich Albus nicht so recht freuen – die Angst lähmte immer noch jeden seiner Gedanken.
…::…
Mit der Sortierung der Potter Jungen hatte die Begeisterung der Kinder ein neues Level erreicht: Jede Entscheidung des Hutes wurde mit wilden Beifallsstürmen der jeweiligen Häuser kommentiert.
Nur die Slytherins jubelten etwas zurückhaltender – mit Ausnahme ihres Hausgeistes, dem Blutigen Baron, der ganz im Gegensatz zu seiner sonst eher würdevollen Art hemmungslos jubelnd Partei für sein Haus ergriff.
Natürlich blieb dieses provozierende Verhalten von den anderen Geistern nicht unbemerkt. Der Fast Kopflose Nick wirbelte in wilder Rage einige Runden um den Blutigen Baron herum und musste dabei aufpassen, nicht völlig seinen Kopf zu verlieren. Der Blutige Baron hingegen zeigte dem Hausgeist der Gryffindors nur die kalte Schulter und kaum wurde der nächste Slytherin vom Hut bestimmt, setzte er abermals zum Jubeln an.
Völlig außer sich verlor Sir Nicholas de Mimsy-Porpington endgültig die Beherrschung und ließ sich zu einem lauten Buhruf hinreißen.
Nun gab es kein Halten mehr. Zahllose Kinder, zu Hermines Bestürzung größtenteils Gryffindors, unterstützten ihren Hausgeist Sir Nicholas nach Leibeskräften mit lauten Buhrufen und Pfiffen gegen die betreten ausharrenden Slytherins.
„Revolution!", grölte der Poltergeist Peeves, der eben erst – vom Lärm in der Großen Halle angelockt – durch die Wand geflogen kam.
„Ich bitte um Ruhe!" Mit energischer Stimme, die man dem kleinen Schulleiter nicht unbedingt zugetraut hätte, verschaffte sich Filius Flitwick Gehör. Mit grimmiger Miene verwies er die immer noch aufgeregt durch die Luft gleitenden Schlossgeister des Saales.
Das laute Gezeter wich einem angeregten Getuschel und die verfeindeten Lager begnügten sich damit, sich gegenseitig abschätzige Blicke zuzuwerfen. Doch ein falsches Wort, eine unbedachte Geste…
Nein, das war nicht mehr das Hogwarts, das Hermine einst kennen gelernt hatte. Im Grunde hoffte sie nur noch, dass sich die Anspannung am heutigen Abend nicht in einem Inferno entladen würde. Nachdenklich betrachtete sie das trostlose Deckengewölbe der Großen Halle. Bei ihrer eigenen Sortierzeremonie hatten hunderte Sterne am magischen Nachthimmel gefunkelt. Jetzt zeigte der Himmel sein wahres Antlitz: Modrige dunkle Dachbalken verschwanden im tristen sandfarbenen Putz der Decke, Risse zogen sich wie ein Spinnennetz durch den Mörtel, der über und über mit Wasserflecken bedeckt war.
Ein wenig frische Farbe würde Wunder wirken, dachte Hermine.
Nur einen Augenblick später fiel die Hexe aus ihrem frommen Wunschdenken zurück auf den harten Boden der Wirklichkeit.
…::…
„Ich bin keine Slytherin!", kreischte das weißblonde Mädchen, griff den sprechenden Hut an seiner breiten Krempe und schleuderte ihn durch den halben Saal.
Dann marschierte Arya Stark los. Ihr Ziel fest im Blick steuerte sie die Tafel der Gryffindors an.
Ein Raunen ging durch die Halle. Schüler erhoben sich von ihren Plätzen, einige kletterten gar auf die Tische, um das Spektakel besser sehen zu können.
Arya erreichte den Gryffindortisch, ohne auf Widerstand zu stoßen, zumindest wenn man von den lauten Protesten der bereits bestimmten Gryffindors absah. Sie setzte sich ans äußerste Ende der Tafel und verschränkte die Arme auf dem Tisch. Sie hatte nicht die Absicht, sich in der nächsten Zeit auch nur einen Millimeter von diesem Platz weg zu bewegen.
"Verzieh dich!" Ein bulliger Junge griff das Mädchen am Arm, zerrte sie begleitet vom Jubel anderer Gryffindors von der Bank und schleuderte sie zu Boden.
Dort lag Arya keine Sekunde, schon war sie auf allen Vieren zurück auf die Bank geklettert und hatte ihren Platz wieder eingenommen.
Sie landete abermals hart auf dem Boden und kämpfte nun vergebens darum, wieder auf die Füße zu kommen. Grob wurde das Mädchen auf die Steinplatten gestoßen, wann immer sie versuchte aufzustehen.
Minerva McGonagall hatte ihren Platz an der Hohen Tafel verlassen und kämpfte sich unter kaum verhaltenem Fluchen durch einen Kreis von Schaulustigen. Als sie den Tisch der Gryffindors erreichte, war Arya jedoch bereits in einem wilden Knäuel aus Armen, Beinen und anderen Körperteilen verschwunden. Auch Hermine, Neville und Dean sprangen von ihren Plätzen auf und stürzten sich ins Getümmel, um die Hauslehrerin der Gryffindors zu unterstützen. Es dauerte nicht lang und von den drei jungen Lehrern war nichts mehr zu sehen.
Der Saal tobte. Lautes Gejohle war zu hören, wann immer es Professor McGonagall gelang, einen ihrer Schüler an einem Arm oder Bein aus dem Balg von Kindern herauszuziehen.
Das Mädchen, das unbedingt eine Gryffindor sein wollte, war längst vergessen. Jeder keilte gegen jeden. Slytherins prügelten sich mit Gryffindors, Hufflepuffs stürzten sich auf Slytherins. Selbst einige Ravenclaws beteiligten sich an der Schlägerei, wenngleich sich die Mehrheit damit begnügte, das Chaos vom Rande zu studieren.
In dem heillosen Durcheinander bemerkte niemand, wie langsam die schweren Flügeltüren der Großen Halle aufschwangen und mit einem dumpfen Rumpeln zu beiden Seiten gegen die Mauern des Saales schlugen.
Ein eiskalter Wind kroch den Boden entlang und schob weiße Nebelschwaden in die aufgebrachte Menge. Jegliche Wärme wurde dem Raum entzogen, bis der Saal in dichten Nebel gehüllt war. Nach und nach bemerkten auch die letzten Streithähne die aufkommende Kälte und starrten ungläubig in die Nebelwand.
Jedes Geräusch erstarb. Allein die Temperatur fiel unablässig weiter und Abermillionen kleiner Eiskristalle sanken aus der Luft zu Boden. Flimmernder Raureif keimte knisternd an allen Dingen und weiße Nebelfahnen hingen an den Nasen und Mündern der Kinder, die erstaunlich schnell den Weg zurück zu ihren Plätzen fanden.
Durch das flirrende Glitzern hindurch zeichnete das hereindringende Licht eine dunkle Silhouette zwischen die zwei Flügeltüren der Halle. Der Schatten bewegte sich nicht.
Filius Flitwick trat vor die Hohe Tafel und hob seinen Zauberstab. „Ogon!", durchbrach seine Stimme die Kälte, ohne an den Mauern Hogwarts wider zu hallen. Die Fackeln an den Wänden loderten auf und tauchten alles in ein warmes Licht.
Severus Snape trat zögernd ein. Bedächtig wischte der Slytherin ein paar Eiskristalle von seinem Zauberstab und verstaute ihn in seinem Mantelärmel, bevor er in langen Schritten die eisige Halle durchquerte.
Snape ging ohne Umschweife zu seinem Platz an der Hohen Tafel und setzte sich. Seine Hände auf der Tischplatte gefaltet starrte er mit kaltem Blick in den Saal hinunter.
Flitwick nickte dem Tränkemeister anerkennend zu, dann strich er mit einem Finger über seinen Zauberstab, ehe er ihn in rhythmischen Bewegungen durch die Luft kreisen ließ, als dirigierte er mit einem Taktstock den Chor Hogwarts'. Ein Fluss aus Flammen quoll mit jedem Schwung aus der Stabspitze und strömte mit bemerkenswerter Präzision durch die Große Halle. Das wärmende Feuer verwandelte die frostige Landschaft für einige Augenblicke in ein glitzerndes Eisblumenmeer, bevor die weiße Pracht endgültig dahinschmolz.
Leise schlossen sich die Türen. Der prasselnde Flammenfluss erlosch und eine beklemmende Stille zog in den Saal ein, die nur durch das Schluchzen Aryas gestört wurde.
Filius Flitwick trat auf das weinende Mädchen zu, das sich nun aufsetzte und den Schulleiter mit Tränen verschmiertem Gesicht hoffnungsvoll anschaute.
Flitwick seufzte und schüttelte bedauernd den Kopf. Dann zog er ein großes Taschentuch aus seiner Tasche und drückte es dem Mädchen entschieden in die Hand.
Arya wischte sich Blut, Rotz und Tränen aus dem Gesicht und schnäuzte hörbar in das ehemals weiße Tuch. Von einem heftigen Schluckauf begleitet, stand sie schließlich auf und folgte bereitwillig dem Direktor, der das Mädchen zu dem dreibeinigen Schemel führte, welcher anfangs noch als Ablage für den sprechenden Hut gedient hatte. Flitwick sah das Mädchen aufmunternd an und tippte wie ein Löwenbändiger drei Mal mit seinem Zauberstab auf den Holzschemel.
Für den Augenblick fügte sich Arya ihrem Schicksal und nahm mit finsterer Miene Platz.
A/N: Huhu! Ich hoffe ihr seid unbeschadet durch die Sortierzeremonie gekommen. Wurdet ihr auch schon einmal in das falsche Haus sortiert? Ich selbst habe mich nur ein einziges Mal dem Hut gestellt. Und auch wenn ich mir vorher eingeredet hatte, dass mir völlig egal ist, in welches Haus ich komme, war ich doch froh, dass ich eine Ravenclaw geworden bin.
