Chado
Am Nachmittag des nächsten Tages begann für Remus endlich die praktische Lehrzeit. Anscheinend war Severus mit seinen Fortschritten in den Grundtechniken des Schneidens zufrieden, und als Remus das Labor betrat sah er auf den ersten Blick, dass nun endlich Kessel und Feuer ins Spiel kamen. Auf seinem Arbeitsplatz waren einige kleinere Kessel nach Größen aufgereiht, und die sonst leeren Arbeitstische im hinteren Teil des Raumes, die Severus für seine eigenen Projekte nutzte, waren ebenfalls vorbereitet worden. Und auch Severus selbst war deutlich auf Arbeit eingestellt, denn zum ersten Mal ihrer Zusammenarbeit trug er selbst eine Laborrobe.
Wie immer ohne großes Zeremoniell kam er direkt zum Punkt. "Die wichtigsten Grundtechniken solltest Du jetzt einigermaßen beherrschen. Wir haben nicht mehr allzuviel Zeit. In drei Wochen ist der Sommer vorbei, in einer Woche ist Vollmond. Die Vorräte sind leer, und der Wolfsbann muss vor Einnahme mindestens 24 Stunden ruhen. Diese Woche gehen wir einige Grundtechniken durch, besorgen noch einige Zutaten, und brauen dann Wolfsbann. Diese Vorräte reichen dann einige Wochen. Nach dem Vollmond kannst Du dann Stück für Stück unter Anleitung versuchen, selbst zu brauen. Gut?"
Remus nickte, und konnte sich nur knapp davon abhalten, sich die Hände zu reiben. Genauso hatte er sich das vorgestellt - und endlich passierte mal etwas! Er hatte schon die ganze Zeit Lust auf die richtige Arbeit am Kessel gehabt. In der Schulzeit hatte ihm dieser Prozess immer am meisten Spaß gemacht. Zu beobachten, wie die Zutaten sich miteinander verbanden, und die konzentrierte und manchmal hektische Arbeit am Kessel lagen ihm. "Sehr gut, ich freue mich auf's Brauen. Was fehlt denn alles noch an Zutaten? Und wann bekomme ich das Rezept?"
Mit einer Kopfbewegung wies Severus auf seinen Schreibtisch, wo eine einzelne Pergamentrolle lag. "Das Rezept gebe ich Dir nachher mit. Ich habe heute morgen eine schnelle Inventur gemacht, und einige Defizite bemerkt. Es fehlen einige wesentliche Dinge, aber nichts schwer zu findendes. Ein kurzer Besuch in der Stadt, mehr nicht. Ich wollte das morgen nachmittag erledigen, falls Du mich begleiten möchtest."
"Gerne, dann sehe ich gleich, wo Du einkaufst." Severus schien das recht zu sein. "Gut. Heute möchte ich, dass Du einige Extrakte aus den getrockneten Kräutern braust und verdichtest. Vorher wollte ich aber das Hyle bearbeiten."
Neugierig folgte Remus ihm an einen der hinteren Arbeitstische. Dort stand eine große, aus milchigem Stein geschlagene Schale, und der Remus schon bekannte Lederbeutel.
"Stell Dich dorthin. Über die Verwendung und die Entstehung von Hyle habe ich Dir schon einiges erzählt. Die Arbeit mit Hyle erfordert Ruhe und Konzentration, deswegen werde ich Dir nur vorher einen Teil des Prozesses erläutern. Stell deine Fragen vorher oder nachher, aber nicht währenddessen." Gehorsam bezog Remus seinen Zuschauerplatz gegenüber des Arbeitstisches, wo er alles gut im Blick hatte, Severus aber nicht im Weg stehen konnte.
Severus band sich währenddessen die Haare zurück, und schnürte den Lederbeutel auf. Daraus entnahm er einen weiteren, wesentlich kleineren Beutel, den er neben der Schale auf den Tisch stellte. "Also, Hyle. Für den Wolfsbann benötigen wir das Hyle in der Stufe, bevor es Materia Prima wird - das hatte ich schon gesagt. Das hier - " er hielt den Beutel hoch - "enthält eine beruhigte Form des Hyle. Momentan ist es quasi lahmgelegt und reagiert auf nichts in seiner Umgebung. Wäre es das nicht - und ich werde diesen Zustand gleich aufheben - würde es permanent seine Form und Gestalt wandeln. Verarbeitet man Hyle muss man jede Stufe im Prozess wieder einfrieren, sonst wird es nicht stabil." Er stellte den Beutel wieder ab. "Die Schale ist aus reinem Ägyptischen Alabaster. Hyle reagiert auf Metalle und Elemente im Holz, weswegen es nicht in Kesseln verarbeitet werden kann. Alabaster ist ein schlechter Wärmeleiter, aber lichtdurchlässig, weswegen man es mit Magie durchdringen kann. Trotzdem hält es Energie gut gespeichert. Dafür ist Alabaster weich, und sehr anfällig für Bruchstellen. Man kann diese Schalen oft nur zwei oder dreimal benutzen. Libavius benutzt deswegen Marmor, der viel härter ist. Aber Mamor ist kalt und zieht einen höheren Energieaufwand mit sich, weswegen ich lieber das klassische Alabaster verwende." Er betrachtete kurz die Schale. "Du siehst schon, das jeder Meister seine eigenen Gewohnheiten hat."
Remus lächelte. "Jeder ist eben anders. Kann ich die Schale einmal anfassen? Alabaster kenne ich nur aus Museen, oder Wandverkleidungen." Ohne zu zögern reichte Severus sie ihm über den Tisch hinweg. Tatsächlich war die Schale sehr leicht, und fühlte sich erstaunlich weich und warm an. Vorsichtig hielt Remus sie gegen das Licht. Sie war so fein gearbeitet, dass die Strahlen der Sonne sie erhellten, und beinahe durch sie hindurch schienen. "Wie schön."
"Ja, Alabaster ist ein schönes Material." Severus nahm die Schale wieder im Empfang und stellte sie zurück auf den Tisch.
"Gut. Zur Theorie dessen, was ich gleich tun werde. Das Hyle kommt aus dem Beutel in die Schale, und der stabile Zustand wird aufgehoben. Anschließend wird der Stoff durch die Zuführung von unterschiedlichen Energieformen und magischen Konzentrationen bearbeitet, und damit langsam verändert. Das geschieht über drei Stufen. Die letzte Stufe ist die Vorstufe zur Materia Prima, und dort wird das Hyle dann wieder stabilisiert. Anschließend wird es in einem Glasgefäß zwischengelagert, und dann später im Wolfsbann fertig verarbeitet. Fragen?"
Remus war gespannt. "Nein, erstmal nicht. Später bestimmt."
"Gut. " Ohne weitere Einleitung öffnete Severus den kleinen Beutel, und ein winziger Würfel aus einem schlammfarbenen Material fiel in die Schale. Für Remus sah das ganze sehr aus wie Hefe, aber er konnte sich gerade noch daran hindern, seine Beobachtung laut auszusprechen. Severus betrachtete den kleinen Würfel kurz, dann hielt er die ausgestreckte Hand über die Schüssel. Offensichtlich hatte er damit den Stabilisierungszauber aufgehoben, denn beinahe augenblicklich begann der Würfel sich zu verändern.
Zunächst ging dieser Vorgang nur sehr langsam von statten. Der Würfel begann zu bröseln, und zerfiel langsam zu einem sandartigen Staub. Severus hielt während der ganzen Zeit die Hand über der Schüssel ausgestreckt, und beobachtete den Prozess genau. Als die gesamte Masse des Würfels zu Staub zerfallen war, griff er in die Schale hinein und nahm mit einer geschickten Handbewegung den gesamten Staub auf. Dabei fiel Remus aus, dass der Staub an Masse zugenommen hatte. War der Würfel vorher klein wie ein Spielwürfel gewesen, paßte die Menge an Staub kaum noch vollständig in Severus' Hand.
Für einen kurzen Moment hielt Severus den Staub einfach nur in der Hand. Dann spürte Remus eine seltsame Luftveränderung, und in genau demselben Moment schloss Severus die Hand zur Faust, und drehte sie so, dass der Staub wieder in die Schale rieseln mußte. Statt des Staubes fielen aber winzige Kügelchen klackernd in die Schale zurück. Anscheinend veränderte das Hyle, wie Severus gesagt hatte, seinen Zustand also ziemlich spontan und unter Einfluss von Energie. Auch die durchsichtigen Kügelchen schienen nicht stabil zu sein. In der Schale verbanden sie sich miteinander, und wuchsen so in kürzester Zeit beachtlich.
Ruhig, aber zügig griff Severus wieder in die Schale, und nahm mit der gleichen Bewegung wie vorher den Staub die immer weiter anschwellenden Kugeln auf. Dann drehte er seine Hand wieder, und warf langsam eine Kugel nach der anderen in die Schale zurück, während er das Gefäß dabei gleichzeitg mit seiner verbundenen rechten Hand drehte. Schnell war Remus der Zweck dieses Drehens klar, denn die Kugeln platzten, sobald sie an die Wand der Schale anschlugen, und wurden zu einer silbernen Flüßigkeit. Durch das Drehen der Schale fiel jede Kugel auf eine andere Stelle, und bald waren sämtliche Wände und der Boden wie mit einer silbernen Schicht überzogen.
Diese Schicht, die zunächst dickflüssig in der Schale klebte, schien etwas zu verdampfen. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, das auch wirklich kein Bereich der Schale frei geblieben war, umfasste Severus die Schale von außen mit beiden Händen, als wollte er sie anheben. Remus war sich nicht sicher, ob er die Schale erhitzt, auf jeden Fall schien aber neue Energie zugeführt worden zu sein, denn die Flüssigkeit floss von den Wänden und sammelte sich am Boden der Schale, wo sie brodelnd zu sieden begann und gräulicher Dampf aufstieg. Die Schwaden stiegen aber nicht, wie es zu erwarten gewesen wäre, bis zur Decke des Raumes hinauf. Statt dessen prallten sie knapp einen Zentimeter über dem Rand der Schale an einer unsichtbaren Begrenzung ab, kondensierten, und tropften als gräuliche Flüssigkeit zurück in die Schale.
Anscheinend war das der langwierigste Teil der Verarbeitung des Hyle. Immer weiter kochte die Flüssigkeit, stieg als Dampf in der Schale empor, kondensierte, und tropfte wieder zurück. Dabei veränderte sie langsam ihre Farbe und wurde von der dick silbernen Masse immer flüssiger und flüssiger, bis Remus zum Schluß den Unterschied zwischen reinem Wasser und Hyle nicht mehr erkannt hätte.
Das war genau der Punkt, an dem Severus die Hände von der Schale nahm, und urplötzlich der gesamte Prozess zum erliegen kam. Von einem Tisch hinter sich angelte Severus ein braunes, hohes Glasgefäß, füllte das nun wie Wasser wirkende Hyle hinein und verkorkte das Glas sorgfältig. Dann sah er Remus an, und es dauerte einen Moment, bis er aus seiner tiefen Konzentration wieder auftauchte. "Hyle ist unberechenbar, man weiß nie, ob es wirklich wie geplant reagieren wird. Aber Lib hat wie immer ganze Arbeit geleistet. Hast Du Fragen?"
Das konnte man so sagen. "Natürlich." Die nächste halbe Stunde beantwortete Severus geduldig sämtliche Fragen, die Remus hatte. Er erklärte die verschiedenen Stadien des Hyle, die nicht ausgesprochenen Sprüche, die genauen Temperaturveränderungen, lobte Remus' schnelle Auffassungabe und bewunderte die vielen Details, die er sich hatte merken können.
Schließlich wies er auf Remus' Arbeitstisch. "Ich habe noch etwas Zeit. Willst Du selbst noch brauen?"
Die Frage hätte er sich sparen könnnen. "Klar, jetzt habe ich richtig Lust darauf bekommen." Severus konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. "Dieser Enthusiasmus ist wirklich bemerkenswert. Weißt Du, wie man Extrakte aus getrockneten Kräutern herstellt?"
Remus wies auf sein Lehrbuch, dass wie immer auf seinem Arbeitstisch lag. "Es steht im Buch, und wir haben es im sechsten Jahr schon einmal gemacht - oder war es im siebten?"
"Meine Klassen lernen es im fünften, wir haben es damals im sechsten gemacht." Plötzlich schien der Energieaufwand, der für die Verarbeitung von Hyle nötig war, seinen Tribut zu fordern. Sichtlich ermüdet schob Severus einige Bücher beiseite und setzte sich auf seinen Schreibtisch. "Dann zeig einmal, ob Du es noch kannst."
Und Remus war sofort am Werk. Mit den Anleitungen aus dem Buch und Severus' gelegentlichen Korrekturen war es kein Problem. Er arbeitete konzentiert und stellte im Verlauf des frühen Abends Extrakte aus allen fünf Kräutern her, die für den Wolfsbann benötigt wurden. Anschließend räumte er seinen Arbeitsplatz auf, brachte die Glasbehälter mit den Extrakten in die Lagerkammer und war zufrieden, immerhin noch ohne Probleme auf dem Niveau eines Schülers brauen zu können. Und das weitestgehend ohne Anleitung, denn Severus war immer schweigsamer geworden. Als Remus aus der Lagerkammer zurückkam, starrte der Tränkemeister nur noch gedankenverloren ins Leere. Auf Remus' Räuspern schreckte er auf. "Gut." Mit etwas Mühe raffte er sich vom seinem Schreibtisch auf.
"Du siehst erschlagen aus." Müde fuhr Severus sich einmal über die Stirn. "Hyle benötigt viel Energie, das ist in den besten Zeiten anstrengend. Heute - aber lassen wir das. Hier ist das Rezept." Remus nahm die Pergamentrolle entgegen. "Lies es, und versuche, die Zutatengestaltung nachzuvollziehen. Du mußt sie nicht sofort verstehen. Die Entwicklung hat lange gedauert, und Du bist Laie. Aber einige Grundzüge zu begreifen wäre sinnvoll." Dann wurde Severus' Ton etwas eindringlicher. "Bewahre das Rezept gut auf. Es gibt nicht viele Abschriften davon, und nur wenige kennen es. Dieses Wissen ist wertvoll, und Du solltest nicht leichtfertig damit umgehen."
Das versprach Remus. "Ich werde es hüten wie meinen Augapfel." Dann gähnte er. Es war spät geworden, ohne das er es gemerkt hatte, und vor den Fenstern war der Sonnenuntergang schon erahnbar. "Ich gehe dann. Und Du solltest etwas essen und dann schlafen gehen - Du siehst ziemlich grau aus." In der Tür drehte er sich noch einmal um, und verschwand dann fröhlich in den Abend. Die Pergamentrolle in seinen Händen fühlte sich wie ein Schatz an, und er konnte es kaum erwarten, das Siegel darauf zu zerbrechen.
Er sah nicht, wie Severus wieder müde auf seinen Schreibtisch zurücksank und die Augen schloß.
Die Abendsonne warf weite Schatten durch die Gänge. Remus liebte solche Abende. Noch war die Luft warm, aber der Nachtwind würde bald etwas Kühle bringen. Die große Uhr im Eingangsportal zeigte ihm, dass nur noch wenig Zeit bis zum Abendessen blieb. Aber für einen kurzen Spaziergang würde es noch reichen, er wollte nur vorher rasch Buch und Laborrobe in seinen Räumen verstauen.
Soweit kam er aber nicht. Direkt vor seinen Räumen lief er in Sirius hinen. "Remus! Ich habe Dich gesucht, wo hast Du gesteckt?" Gemeinsam betraten sie Remus' Wohnzimmer. "Im Labor, ich habe Kräuterextrakte gebraut - alles hat funktioniert!" Aber an Sirius prallte dieser Enthusiasmus völlig ab. "Toll. Und ich habe mich hier gelangweilt. Sag mal, warum verbringst Du soviel Zeit mit diesem Bastard? Wir haben sowieso nicht viel Zeit zusammen, bald sind die Ferien vorbei, und ich kann wieder dein Haustier spielen. Aber dir fällt nix besseres ein, als in irgendwelchen düsteren Laboren rumzuhängen. Mußt Du nicht auf deinen Unterricht vorbereiten? Bald ist wieder Vollmond, und nächste Woche das große Treffen des Ordens - willst Du dich nicht mal ausruhen?" Offensichtlich war Sirius schon länger unzufrieden gewesen, und nun entlud sich sein Zorn wie ein Gewitter über Remus.
Auf diesen Angriff war der allerdings nicht vorbereitet gewesen. "Wie bitte? Was soll das denn jetzt?" Sirius funkelte ihn an. "Na, was wohl? Ständig hängst Du in der Bibliothek, oder eben im Labor rum. Wir hatten soviel vor diesen Sommer, aber jetzt hast Du für nichts mehr Zeit. Und wie hältst Du das mit diesem Snape so lange aus? Ich kann das kaum fassen, bist Du etwa verknallt oder sowas?"
Remus starrte seinen Freund entgeistert an. "Mach Dich nicht lächerlich. Worum gehts hier, bist Du eifersüchtig? Du weißt genau, dass ich vom Wolfsbann abhängig bin, und damit von Severus. Das er überhaupt für mich braut ist bemerkenswert, kannst Du das nicht verstehen? Die Sache ist für mich wichtig." Aber Sirius war nicht zu beschwichtigen. "Ich traue dem keinen Millimeter über den Weg, das weißt Du genau. Irgendwann wird er uns alle verraten, und dann schauen wir ganz schön dämlich aus der Wäsche. Er führt Albus doch bloß an der Nase herum, und alle haben Mitleid. Der ist doch bloß eine dunkle Kreatur. Einmal ein Monster, immer ein Monster." Sirius hatte sich in Rage geredet, und begriff erst zu spät, was er da gesagt hatte.
"Vielleicht gesellt sich also gleich und gleich einfach gerne." Entsetzt starrte Sirius seinen Freund an. "Du weißt genau, dass ich das nicht so gemeint -" Aber Remus ließ ihm nicht die Zeit seinen Satz zu Ende zu führen. "Du meinst es nie. Du hast es auch damals nicht gemeint, als Du ihn zu mir in die Heulende Hütte geschickt hast und uns alle beinahe ins Unglück gestürzt hast. Geh." Mit gestrecktem Arm wies Remus zur Tür. "Verschwinde aus meinen Räumen, und überleg Dir gut, was Du Monster nennst und was nicht."
"Remus!" Erneut setzte Sirius zu einem Verteidigungsversuch an. Aber es war nichts mehr zu machen. Stumm deutete Remus auf die Tür, und mit hängendem Kopf trabte Sirius davon. Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war sank Remus entnervt auf sein Sofa. Der schöne Abend war nun reichlich verdorben, und das nur, weil Sirius wieder das alte Problem mit Severus aufgewühlt hatte. Würden die zwei denn niemals Frieden schließen?
Dann fiel Remus wieder ein, was Severus ihm auf dem Astronomieturm erzählt hatte - über private Rache, und die Vergeltungsmotive. Nachdenklich starrte er in die Luft vor sich Er wußte, dass viele Mitglieder des Ordens Severus nicht trauten. Vor allem diejenigen, die vormals Gryffindors gewesen waren und nicht länger für Hogwarts arbeiteten, standen dem Spion oftmals sehr skeptisch bis hin zur völligen Ablehnung gegenüber. Er dachte an die vielen gemurmelten Kommentare Moodys, die von "ach, der", bis hin zu "na, irgendwann kommt er halt nicht mehr zurück" reichten. Das konnte selbst der Rückhalt durch Albus nicht ausgleichen - und nach dem Gespräch, das Remus in der Bibliothek gelauscht hatte wußte er, dass auch der nicht immer so stabil war, wie er schien. Wie schaffte Severus das? In der Opiumhöhle hatte Remus einen kurzen Blick hinter seine Maske geworfen, und in den letzten Tagen ihrer Zusammenarbeit viel über den sonst so verschlossenen Tränkemeister gelernt. Und ihm war dabei klargeworden, dass Severus' Leben vor allem ein beständiger Balanceakt zwischen Forderungen und Ansprüchen war, zwischen dem, was er konnte und dem, was er nicht mehr konnte. Anerkennung gehörte nicht zu den Dingen, an die er gewöhnt war. Und er wußte natürlich, was alle über ihn dachten. Schließlich fachte seine gewählte Rolle während das Schuljahrs das Feuer nur noch weiter an. Niemand verhelte seine Abneigung ihm gegenüber.
Und ihn selbst? Redeten sie auch so über ihn? Natürlich hatten ihm alle immer wieder versicht, dass er kein Monster sei. Schließlich könnte er ja nichts dafür, so war das Credo - aber dachten sie das wirklich? Oder machte nur das Wolfsbann aus ihm einen akzeptablen Menschen? War er ein Monster für sie - und was war ein Monster?
Er hatte darüber schon so oft nachgedacht. Jetzt aber kreisten seine Gedanken wieder um diese Fragen, die ihn schon als Jugendlichen oft umgetrieben hatten. Wie bei seinen Freunden waren die Jahre zwischen vierzehn und sechzehn für ihn Jahre des Fragens und Suchens gewesen. Während James und Sirius ihre Probleme aber schnell auf verschiedene Kriegsschauplätze verteilt und genau umrissen hatten - Mädchen, Schule, Muskeln, Sex - war für ihn alles ein gigantisches Getümmel gewesen. Die üblichen Probleme hatten ihn oft nur am Rande berührt. Wie hätte er eine Beziehung führen können, ohne das sein häufiges "Verschwinden" aufgefallen wäre? Seine Noten waren ohne Probleme immer gut gewesen und geblieben. Er lernte gerne, und als ruhiger Pol der Gruppe war sein Tisch in der Bibliothek Anlaufstelle für Fragen und Probleme gewesen. Und Muskeln? Was hätten die ihm genützt! Sirius zog sein T-shirt bei den Wochenendausflügen schon bei skandalösen zwanzig Grad aus. Aber er? Das dicke Narbenmuster über seinem Bauch war nie ganz verheilt, und hätte Fragen provoziert. Die Realität war in ihn eingeritzt, ein häßliches Muster aus Schmerz und Angst.
Mit den Jahren war die Unsicherheit gewichen. Er hatte gelernt, dass er auch trotz seiner Natur Freunde finden konnte. Das ihm Vertrauen entgegengebracht wurde. Die Narben waren nicht verheilt. Dunkle Magie, so hatte Poppy ihm einmal erklärt, hinterließ Spuren die nicht verheilen konnte. Remus würde sein Leben lang gezeichnet bleiben. Aber er hatte sich an die Narben gewöhnt, sie zu einem Teil von sich gemacht. Genau wie der Wolf es war, den er endlich mit Hilfe des Wolfsbann gezähmt hatte.
Gedankenverloren nahm Remus die Pergamentrollen von dem kleinen Tisch, auf den er sie während seines Streites mit Sirius gelegt hatte. Er drehte sie zwischen den Händen, betrachtete das Pergament, das Siegel. Beides war schlicht, aber von bester Qualität - nicht, dass er von Severus etwas anderes erwartet hätte. Das dunkelgraue Wachs gab ein befriedigendes Knackgeräusch von sich, und zersplitterte in genau die richtige Anzahl an Teilen. Vorsichtig sammelte Remus die größeren Stücke ein, und rollte die Rolle dann auf.
Es sah aus wie ein Kuchenrezept. Remus war sich nicht sicher, ob er das belustigend oder dubios finden sollte - aber er konnte die Ähnlichkeit mit der Rezeptsammlung seiner Mutter kaum leugenen. Auch wenn natürlich die feine, runde Handschrift seiner Mutter mit Severus' weit geschwungenen Buchstaben kaum etwas gemeinsam hatte. Sein Vater - Remus lächelte bei dem Gedanken - hätte das wohl als Charakterschrift bezeichnet - tatsächlich war sie nur mit einiger Gewöhnung entzifferbar. Schnell hatte Remus sich aber eingelesen, und studierte neugierig die elend lange Zutatenliste des Trankes. Fast alle Zutaten konnte er sofort verorten, und hatte sie in den letzten Wochen entweder gesammelt, bearbeitet, vorbereitet oder zumindestens einmal gezeigt bekommen. Zuoberst stand das Hyle, mit der Bemerkung "Gradus 1. ante materia prima". Danach folgten die Kräuter, einige Extrakte aus Wurzeln und Rinden und verschiedene anscheinend flüssige Zutaten, was Remus nur aus Mengenangabe in Milliliter schließen konnte. Vor allem die flüssigen Zutaten waren es, die Remus unbekannt waren.
Die Beschreibung des Brauvorgangs war im Gegensatz zu der langen Zutatenliste denkbar knapp. Die Reihenfolge der Zutaten war bereits im obren Index angegeben, und die Beschreibung enthielt, kunstvoll verkürzelt, nur die entsprechend nötigen Magiepotentien, die Rührzeiten und Richtungen, Ruhe und Kühlzeiten, Angaben zu Temperatur und Kesselmaterial, und einige Warnungen vor Dämpfen, Explosionsgefahren und besonders zu beachtenden Konzentrationsveränderungen. Beschrieben waren auch Farbe und Geruch, die Dichte und Richtung des aufsteigenden Dampfes, und die Partikeldichte der Flüsigkeit. Der letzte Absatz enthielt drei Teststufen, die eine sichere Funktion des fertigen Trankes abklopfen und gewährleisten sollten. Und als letztes, ganz am Ende der Pergamentrolle, in winziger, fast nicht lesbarer Schrift: Ita ius esto, de manu propria SS.
Das schien eine Art Besitzvermerk zu sein, oder eine Echtheitsbestätigung. Die Initialen hatte Remus natürlich als solche erkannt, aber Latein sprach er nicht. Das schien aber auch nicht wirklich wichtig zu sein, schließlich war das Rezept das Interessante. Und interessant war es wirklich. Remus verstand vieles schon beim ersten Lesen, noch mehr beim zweiten Durchgang, und als er das Rezept schließlich mit Hilfe seiner Notizen der letzten Tage, des Tränkebuchs und der Massen an Literatur aus der Bibliothekt durchging, war ihm beinahe alles klar. Ob er es hätte anwenden können, war allerdings die andere Frage.
Ernst nahm er aber auch Severus' Warnung: Das in der Pergamentrolle gespeicherte Wissen war wertvoll, und mußte sorgfältig behandelt werden. Und um sicher zu gehen, dass auch nichts verloren gehen könnte, fertige Remus eine Kopie an. Er fand ein noch unbenutztes Notizbuch in seinem Regal, und begann sorgfältig, das Rezept zu kopieren.
Darüber vergaß er die Zeit völlig. Das Abschreiben dauerte durch die Vielzahl an ungewöhnlichen Kürzeln und Worten aber länger, als er vermutet hatte, und als er nach getaner Arbeit von seinem Notizbuch aufsah, war es vor seinem Fenster stockdunkel. Besondere Lust auf's Abendessen verspürte er aber nicht mehr, jedenfalls nicht in Gesellschaft. Der gerufene Hauself war jedenfalls ganz begeistert von seinem Auftrag, und tauchte wenige Minuten später mit einer Platte kleiner Köstlichkeiten und einer Karaffe frischen Safts wieder auf. So genoß Remus an diesem Abend die Ruhe seiner eigenen Räume bei weit geöffneten Fenstern, die den milden Abendwind hereinließen. Seine Gedanken schweiften zwischen dem Abendessen, dem Wolfsbann-Rezept und dem bevorstehenden Einkaufsbummel hin und her. Das Notizbuch lag noch auf seinem Schreibtisch, die letzte Seite des Rezepts aufgeschlagen. Das war es also, die Quintessenz dessen, was ihn gesellschaftsfähig machte. Beinahe sein Lebenselixier. Was würde passieren, wenn Severus irgendwann nicht mehr für ihn brauen konnte, und er selbst es nicht schaffen würde? Eine leichte Panik sammelte sich in seiner Magengrube. Niemals wollte er zu dem Zustand zurückkehren, in dem er soviele Jahre gelebt hatte - die fürchterliche Angst vor jedem Vollmond, die Schmerzen der Verwandlung, die Furcht zum Mörder zu werden. Nein, beruhigte er sich, alles war gut. Severus würde weiterhin für ihn brauen, und auch er selbst könnte es lernen. Nichts würde passieren.
Um sich von seinen trüben Gedanken abzulenken wand er sich wieder seinem Abendessen zu, und suchte sich aus seinen privaten Vorräten sogar eine Flasche Wein heraus. Das entspannte ihn gehörig, und in kürzester Zeit lag er umgeben von Büchern auf dem Sofa, blätterte in alten Fotoalben, und rekapitulierte die Ereignisse der letzten Wochen. Selten, so fand er, hatte er einen Sommer erlebt, in dem so viel und gleichzeitig so wenig passiert war - ruhige Tage mit viel Zeit zum lesen und lernen, entspannte Abende, und wenig dramatische Ereignisse. Ein klärendes Gespräch mit Sirius war zwar nötig, aber auch das würde schnell zu machen sein, und dann stünden ihm noch einige spannende und ruhige Tage bevor. Wenn es nach ihm ging, könnte das noch einige Wochen so weitergehen.
Aber für Remus' Wünsche hatte Fortuna sich bis zu diesem Abend noch wenig interessiert, und sie dachte gar nicht daran, dass in Zukunft zu ändern.
(c) Fayet, 9.05.2011
Ita ius esto, de manu propria - so soll es korrekt/vollständig/rechtens sein, mit eigener Hand geschrieben
Dank an Angel.
