Kapitel 10

Haeg hatte nicht übertrieben, was das Treiben in der Stadt am nächsten Tag anging. Selbst in den vom Stadtkern so entlegenen Gassen wie jener, in der Manel wohnte, drängten sich die Massen. Menschen, Zwerge, Elfen, alle schoben sich durch die Stadt, laut lachend, fluchend, feilschend. Carsaib hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. „Was ist denn hier los?", fragte er gehetzt beim Frühstück in der niedrigen Küche, die ein Fenster zur Gasse hatte, an dem ununterbrochen Passanten vorbei kamen.

„Das Drachenfest fängt morgen an!", erklärte Herak und tischte süßen Brei auf. „Dann wird drei Tage und drei Nächte gefeiert, alles zu Ehren der Drachenreiter."

Anjia gab ein mißbilligendes Schnauben von sich und machte sich über ihr Frühstück her – vier Jahre war sie nicht mehr in der Stadt gewesen mit ihrem Vater. Seit sie Kazit'ra und später auch Carsaib zur Gesellschaft hatte. Vorher hatte Haeg sie immer mitgenommen, da er es nicht riskieren wollte, sie allein zurück zu lassen. Das Drachenfest fand nur alle fünf Jahre statt und Anjia erinnerte sich noch lebhaft an das letzte Mal: Haeg und Manel hatten sich in einer Gaststätte zugetrunken und billige magische Kunststücke vorgeführt – sehr zum Mißfallen von Herak, die ihrem Mann und seinem Zechkumpan im wahrsten Sinne die Hölle heiß gemacht hatte. Anjia mochte ihren Vater nicht betrunken und auch das Fest nicht. Es schien ihr ein mehr als unglücklicher Zufall zu sein, daß sie ausgerechnet jetzt nach Gil'ead gekommen waren. Andererseits hatte sie Heraks Kochkünste sehr vermisst. Der Gerstenbrei war mehr als nur schmackhaft!

„Womit wir bei euren Gästen wären..." Manel schob seine leere Schüssel in die Mitte des Tisches und lehnte sich satt zurück. „Haben sie noch etwas mehr zu dem Aufstand von Galbatorix gesagt gehabt?"

Haeg schüttelte den Kopf. „Der Elf hat geschwiegen und der Mensch etwas von Angriffen auf den König erzählt. Darum wusste ich, daß da noch mehr hintersteckt."

„Nun, ein Elf kann nicht lügen. Und gelogen war es auch nicht völlig, was der Mensch erzählte. Galbatorix und seine Anhänger – die übrigens immer mehr werden – sind Drachenreiter und greifen andere Drachenreiter an. Aber auch die königlichen Einrichtungen, denn dort sind die meisten von ihnen zu finden." Manel stopfte seine Pfeife und bot Haeg die Kräuter an, damit er selbst ein Köpfchen rauchen könne. „Galbatorix hat vor einiger Zeit einen Jungdrachen gestohlen gehabt und großgezogen, so viel ist mir zugetragen worden. Seinen eigenen Drachen hatte er im Kampf verloren gehabt und der Rat der Reiter wollte ihm keinen neuen zugestehen. Der Junge ist wahnsinnig, aber vielleicht hat es auch etwas Gutes, wenn die Reiter mal etwas Gegenwind erfahren."

Herak nickte und räumte den Tisch ab. „Arrogant sind sie! Überheblich! Stecken ihre Nasen überall hinein und dulden nur ihre Form der Magie!"

Aus den Tiefen einer dichten Rauchwolke drang Haegs Stimme: „Ihre Magie... und dabei hüten sie eifersüchtig alle Worte, damit niemand außer ihnen die Alte Sprache nutzen kann..."

Langsam wurde Carsaib unruhig. Sein Meister hatte ihm angekündigt, daß sie nach der Reise mit der Alten Sprache beginnen würden. Und mit den wahren Namen, die Macht gaben. Ein wenig hatte er schon von Kazit'ra gehört, aber sie meinte, es sei noch zu früh für mehr. Mit den Worten der Wahren Sprache ließen sich Geister beschwören und binden, genau das, was einen Zauberer ausmachte. Über zwei Jahre hatte er gebraucht, um genügend über Kräuter und Heiltränke zu erfahren, um als mittelmäßiger Hexer durchzugehen. Manel war ein Meister seines Fachs, aber er hatte auch nicht vor, jemals mit Geistern zu arbeiten. Haeg hingegen war ein guter Zauberer – nicht besonders mächtig, aber er verstand sein Handwerk und an welche Geister er sich gefahrlos wenden konnte. Anjia war nichts von alledem – sie konnte Kazit'ra beschwören und beherrschen, aber ihre magische Ausbildung war mehr als dürftig gewesen. Ihr fehlte das Interesse und nutzte ihr Wissen nur, wenn sie Unterstützung brauchte.

Doch Carsaib wollte mehr: er wollte das Wissen und die Macht, den Namen seines Vaters reinwaschen zu können. Er wollte dem alten Stammeszauberer entgegentreten und herausfordern können. Wenn er auch in den letzten Jahren immer seltener an seine Eltern gedacht hatte, so war die gestrige Begegnung mit den Nomaden auf dem Markt wie Öl, das in das fast verloschene Feuer der Rache gegossen worden war. Er würde nie wieder Mitglied eines Stammes sein, aber er wollte einen ehrenvollen Namen tragen und nicht die Schande, die durch die Verleumdungen des Zauberers über ihn gekommen war.

Nach dem Frühstück folgten Haeg und Carsaib ihrem Gastgeber in dessen Studierzimmer. Ein staubiges Durcheinander von Pergamenten, Büchern, Töpfen mit Kräutern und Pulvern, verstreuten Tierknochen, Orakelkarten und Glasinstrumenten erwartete sie. Mittendrin in der überfüllten Kammer stand ein Tisch, auf dem sich Karten, Kerzenreste und der eine oder andere benutzte Trinkbecher türmten. Manel ließ sich schwer auf einen mit Leder bespannten Sessel fallen, Haeg setzte sich auf einen klapprigen Holzstuhl und Carsaib schaufelte sich einen Platz auf der Bank unter dem schmalen Fenster frei. „Hier wären wir also.", schnaufte Manel, dem der Treppenaufstieg ordentlich zu schaffen gemacht hatte. „Haeg hat mir natürlich viel von dir erzählt. Immerhin bist du sein erster richtiger Schüler!" Er lächelte, als er die Röte über das Gesicht des jungen Mannes huschen sah. „Er ist stolz auf dich, so viel kann ich dir verraten!"

Nun errötete auch Haeg und schaute betreten zu Boden. Carsaib war ihm viel mehr als nur ein Schüler geworden. Aus dem dummen Nomadenjungen, der von Selbstmitleid und Hass gezeichnet war, hatte sich ein verständiger und kluger Mann entwickelt. Immer noch etwas hitzig manchmal, aber die Zeit und die Geduld, die er in ihn investiert hatte, waren nicht vergebens gewesen.

Manel fuhr fort: „Ich werde dich jetzt nicht testen oder so etwas, ich vertraue auf Haegs Urteil. Und wenn er sagt, du hättest die Ausbildung zum Hexer und Heiler hinter dir, so glaube ich ihm. Mein alter Freund hat mir gesagt, ihr würdet bald mit der Magie an sich beginnen. Dabei kann ich kaum noch helfen, aber ich weiß Vieles über die Geister, mit denen ihr zu tun bekommen werdet. Ich beherrsche sie nicht, aber ich interessiere mich für sie und die Geschichte Alagaësias." Mit Zufriedenheit schaute er tief in die neugierigen jungen Augen ihm gegenüber und musste lächeln. „Du darfst mir jede Menge Fragen stellen, mein Junge. Und was ich nicht aus dem Kopf weiß, werden wir nachlesen! Notfalls auch in der Bibliothek im Kastell." Zu Haeg gewendet fragte er: „Wie lang könnt ihr bleiben?"

Der alte Zauberer lachte auf: „Bist du uns loswerden willst!" Ernster setzte er hinzu: „Aber länger als vier Wochen können wir nicht bleiben, du weißt ja, Anjia... sie will euch nicht so belasten."

Vier Wochen! Carsaib traute seinen Ohren kaum! Vier Wochen, in denen er Fragen stellen konnte, in neuen Büchern blättern, lesen, fragen, lesen... Das musste der Himmel sein!

„... ihr fallt uns nicht zur Last. Du weißt ganz genau, daß Herak und ich genügend Mittel haben, euch auch ein halbes Jahr durchzufüttern. Bring das deiner Tochter endlich bei!", forderte Manel und Haeg zuckte mit den Schultern, sich entschuldigend und brummelnd, als Carsaib sie beide unterbrach: „Ich habe eine Frage. Was ist ein Schatten eigentlich genau?"

Manel stieß laut vernehmlich die Luft aus, bevor er zu Haeg hinüber schaute um sich zu vergewissern, daß er auch auf die Frage antworten sollte. „DAS ist eine gute Frage, mein Junge. Ich hoffe, du hast genug Zeit für die Antwort..."

TBC