In der Heimlichkeit der Nacht
Miss Amanda Scarlett Grey:
„Ja, Ihr habt ja so Recht. Ihr wisst gar nicht wie sehr. Die Feierlichkeiten warten auf mich. Da sitzen lauter feine Herrschaften. Alles Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und die hinter vorgehaltener Hand über mich herziehen – Ihr habt sie vorhin doch selbst gehört. Sie schenken mir Dinge zu meiner Verlobung, die ich höchstwahrscheinlich nie in meinem Leben gebrauchen werde, die ich nicht einmal leiden mag. Sie kennen mich nicht und doch sind sie der Meinung alles über mich, mein Leben, meine Gedanken und Gesinnung zu wissen. Sie maßen sich an, besser als ich selbst über mein Schicksal richten zu können. Sie fragen sich warum gerade ich… warum ich einen Mann wie Edward bekommen kann, warum er mich will." Wütend starrte sie Tavington an, als er es geschafft hatte, sich aus ihrem Griff zu befreien. Amanda war die Zornesröte ins Gesicht geschrieben. Was glaubte der Kerl eigentlich wer er war? Er war NUR ein Colonel, er war NUR ein Engländer, er war NUR ein Mann… Er versuchte sich über sie zu erheben, die in seine Augen wohl NUR eine Hure, NUR eine Amerikanerin, NUR eine Frau war.
„Und überhaupt, was fällt Euch ein so mit mir zu sprechen? Schließlich werden diese Feierlichkeiten für mich abgehalten. Ihr seid mein Gast, also benehmt Euch auch so!" Ihre Augen blitzten wütend. „Es ist schon komisch, dass die einzige Person in diesem gottverdammten Haus - das so riesig ist, dass ich mich andauernd selbst verlaufe - der Mann ist, der mich von allen am meisten hasst. Der mich am längsten, vielleicht sogar am besten kennt, der sich kein einziges Mal gemeldet hat, auf keinen einzigen Brief geantwortet hat…" Sie stockte. „… die ja nicht einmal angekommen sind und… und… der dann denkt, dass ich die ganze Zeit auf ihn gewartet habe, obwohl er sich nie, nie, nie gemeldet hat." Tränen stiegen ihr in die Augen, sie wusste selbst nicht mehr, was sie redete, es sprudelte einfach aus ihr heraus. Sie hielt es nicht länger aus, aber die Blöße vor Colonel William Tavington, diesem arroganten, überheblichen, betrunkenen, liebenswerten Mistkerl zu weinen – nein – die würde sie sich nicht geben.
„Und jetzt zeigt mir endlich Eure Hand oder muss ich erst die ganze versammelte Herrlichkeit in dem überproportionierten Saal da hinten zusammen schreien?! Immerhin bin ich immer noch – ob Ihr es nun glauben wollt oder nicht – eine Krankenschwester, die sich der Pflege von Verwundeten verpflichtet hat, die von Euch entführt wurde, die Euch zusammengeflickt hat, die zusammen mit Euch geflohen ist und die Ihr allein zurückgelassen habt…" Ohne Tavington auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen, griff sie nach seiner Hand, zog ihn zu sich her und wickelte in einer Bewegung das blutdurchtränkte Tuch von seiner Hand. Was hatte sie gerade zu ihm gesagt? Sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie musste sich ablenken. Beim Anblick der Wunde sog sie scharf die eiskalte Luft ein. Sie hatte sich so in Rage geredet, dass sie die winterlichen Temperaturen längst vergessen hatte.
„Ich weiß zwar nicht wie ihr das geschafft habt, doch die Schnittwunden sehen nicht lebensbedrohlich aus, aber es sind viele und sie bluten stark. Das muss genäht werden und zwar sofort. Entweder…" Ihr Blick huschte zur Tür, die zurück zum Saal führte. „Ihr geht wieder zurück und lasst euch von den Bediensteten oder einem der…" Sie lachte trocken. „… Gäste, die sich Doktor nennen, helfen oder…" Amanda legte beide Handflächen auf das Geländer, stütze sich ab und nahm Platz darauf, um jederzeit die Beine darüber schwingen zu können. „… oder aber ihr kommt mit mir mit. Im Stall gibt es einen Verbandskasten zur Erstversorgung und darin ist alles enthalten, was ich brauche." Sie hatte seine Hand losgelassen und sah in fragend an. „Es ist allein Eure Entscheidung. Mich vermisst da drinnen sowieso niemand. Ich würde es nähen und dann könntet Ihr gehen wohin ihr wollt und wenn es Euer Wunsch ist, bräuchtet ihr mich nie wieder sehen zu müssen." Amanda drehte den Kopf weg um seine Entscheidung nicht zu beeinflussen. Sie würde auch ohne ihn in den Stall gehen. Die Kutscher und Stallburschen waren nicht da, wie das Gejohle ihr wieder in Erinnerung rief, und sie würde ein wenig zu den Pferden gehen, die wohl sanftmütigsten und liebenswertesten Wesen, die es im ganzen Anwesen gab. Es war nur ein kleiner Sprung – vielleicht zwei Meter – und dann ein kurzer Gang über den Hof, nicht weit also.
Colonel William Tavington:
Der Colonel konnte sich an keine Situation in seinem Leben erinnern die dieser auch nur annähernd glich. Natürlich hatte man ihm schon einige Male gründlich die Meinung gesagt, doch nie war es auf solch eine Art und Weise geschehen. Womöglich war Tavington deswegen einfach sprachlos. Er versuchte noch nicht einmal etwas zwischen zurufen oder sie in ihrem Monolog zu unterbrechen. Ihm genügte es schon sie einfach nur anzusehen, denn ihre Worte bewegten etwas in ihm, was wohl hauptsächlich daran lag, dass er ihre momentane Situation einigermaßen nachvollziehen konnte. Der Colonel konnte sich an seine ersten Schritte zurück erinnern, in denen er sich genauso missverstanden und ausgeschlossen gefühlt hatte. Wie eine Missgeburt die irgendwie nicht so ganz ins Schema passen wollte. Ein Bastard der Gesellschaft der nicht integriert werden wollte. Sprachfetzen verankerten sich in seinem getrübten Geist und nahmen Gestalt an, …die Ihr zurückgelassen habt! Wie hatte er sie zurückgelassen? Auch wenn sie noch so klar und laut sprach, in seinem momentanen Zustand ergaben ihre Worte einfach keinen Sinn und so folgte er einfach.
Schlichtweg nickte er stumm und schwang sich nun selbst über das frostige Geländer. Die Hitze seiner Hände brannten schwache spuren in den Frost der auf dem Geländer platz genommen hatte. Mit einer höflichen Geste bugsierte Tavington seine Begleitung notdürftig über das Geländer. Ihr Ziel war also der Stall. Vielleicht würde es dort etwas wärmer sein? Obwohl er die Kälte ziemlich gut aus seinen Gedanken verbannen konnte, fror er trotzdem. Doch im Gegensatz zu der Amerikanerin konnte er dies besser verbergen. Wieder einmal fühlte er sich an einen anderen Moment erinnert, in diesem hatten sie auch frierend zueinander gefunden, würde es nun wieder dazu kommen? Eine Frage, an dessen Antwort er mehr interessiert war, als das er zugeben wollte. Nur sehr kurz erlaubte er sich Miss Grey kurzzeitig zu betrachten. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Arme zitternd um den bebenden Leib geschwungen. Jeder andere hätte wohl darauf bestanden umzukehren und lieber etwas wärmeres aufzusuchen, doch hatte sie den Vorschlag nicht gemacht? Seine schweren Stiefel bahnten sich knirschend den Weg durch den blütenweißen Schnee. Die Kälte betäubte seine Glieder und ließ den Schmerz in seiner Hand nebensächlich erscheinen.
In einem schieren Marsch erreichten sie schlussendlich das Nahe Gehöft indem sie Schutz und wohl das Verbandszeug finden würden. Mit einem lauten Rattern schob Tavington die Tür zu den Stallungen auf und mit demselben lauten Geräusch verschloss er dieses auch wieder nachdem sie eingetreten waren. Angenehme wärme strahlte ihnen entgegen, wobei man nicht sagen konnte das diese Wärme ausreichen würde um ihre durchgefrorenen Leiber wieder zu beleben. Einige Petroleumlampen schimmerten noch in der Dunkelheit und beschienen den leeren, Stroh bedeckten Gang. Niemand schien hier zu sein außer den Pferden, die morgen wieder schwere Kutschen und Leiber zu tragen hatten. „Nun habt ihr euren Willen." Gab Tavington resignierend zurück und hatte somit wieder seine Sprache gefunden. Achtlos setzte er sich auf einen kleinen Hocker und lehnte den Kopf an die kahle Holzfassade einer noch leeren Stallbox. Einige braune Strähnen hatten sich aus seinem sonst so ordentlich gebundenen Zopf gelöst und hingen ihm wirr im Gesicht herum. Die Schatten auf seinem Gesicht zeigten nur zu deutlich die einstiegen Verletzungen und Kerben die sich einst auf seinen Zügen befunden hatten.
„Der Wein der Cornwallis ist fast genauso schlecht wie die anwesende Gesellschaft dort im Anwesen." Müde rieb sich der Colonel die Augen und strich sich die vereinzelnden Strähnen wieder nach hinten. Morgen würde er wohl fast alles bereuen was er an dem heutigen Tag verbrochen hatte. Aber war es nicht schon seit letzter Nacht, dass er sich wünschte niemals hier gewesen zu sein. Alleine die gestrige Eskapade im Salon, jedoch war dort dieser positive Beigeschmack, immerhin hatte sie ihn geküsst. Sie hatte ihm Briefe geschrieben, Briefe die er niemals erhalten hatte und nun war er nicht derjenige der sich irgendwelche Vorwürfe machen musste. Ein Anflug von positiver Begeisterung wollte ihn ergreifen, doch noch erlaubte er nicht diesem Gefühlsausbruch auszuleben. Mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck blickte er zu seiner Begleitung auf. „Also ich stehe euch zur Verfügung und das nicht zum ersten Mal." Mit einer gewissen Genugtuung ging er nochmals diesen Zweideutigen Gedankenstrang durch und amüsierte sich fast selbst über seine eigenen dummen Worte. Schon vorher wäre jedem wohl aufgefallen das Tavington zuviel Wein genossen hatte, denn Colonel Tavington amüsierte sich wenig und auf gar keinem Fall über sich selbst. Ungelenk streckte er ihr zuletzt die verletze Hand entgegen, als Zeichen das sie ihn nun endlich behandeln sollte.
Miss Amanda Scarlett Grey:
Sie hatte erwartet, dass er sie anschreien würde. Sie hatte erwartet, dass er wutentbrannt weglaufen würde. Sie hatte erwartet, dass er sie schlagen würde. Aber sie hatte nicht erwartet, dass er einfach nur schwieg und ihr dann genauso wortlos folgte. Unsicherheit machte sich in ihr breit. Doch genauso wie der Colonel hüllte auch sie sich in ein Gewand aus Stille, stapfte durch den Schnee und freute sich als die wohlige Wärme des Stalls ihren Körper empfing. Am liebsten hätte sie sich auf der Stelle in eine der Pferdeboxen begeben, hätte sich ins Stroh gelegt und aufgewärmt. Jetzt jedoch hatte sie Tavington den Rücken zugekehrt und suchte den kleinen Holzschrank nach dem Verbandsmaterial ab, welches sie dort wähnte. Dann zog sie einen Tisch zu sich heran und fegte mit dem Unterarm das Stroh herunter, das sich darauf angesammelt hatte. Fein säuberlich reihte sie ihre Arbeitsmaterialen auf der Tischplatte auf. Sie nahm ein sauberes Tuch in die Hand und entkorkte eine kleine Flasche mit Alkohol.
„Das wird jetzt vielleicht etwas brennen.", sagte sie, doch in ihrer Stimme schwang kein Funken Mitleid. Er hatte seine Sinne schon allem Anschein nach mit genügend Wein betäubt um nicht ohnmächtig zu werden. Es war nun einmal so, die stärksten Kämpfer fielen beim Anblick ihres eigenen Blutes in Ohnmacht, doch Tavington hatte in ihrer Anwesenheit ja schon weit aus Schlimmeres überstanden. Ohne auf eine Reaktion zu warten, träufelte sie die Flüssigkeit auf das Tuch und begann die Wunde zu bearbeiten. Mit einer Pinzette zog sie kleine Scherben aus dem Fleisch, Bruchstücke, die sie nicht zuordnen konnte. Wieder fragte sie sich wie er es geschafft hatte sich in kurzer Zeit eine solche Verletzung zuzufügen. Dennoch schwieg sie und arbeitete stur weiter. Die einzelnen Abläufe gingen ihr noch immer gekonnt von der Hand und schon bald hatte sie die Wunde mit ein paar Stichen genäht.
Amanda hatte Tavington den Rücken zu gekehrt und sich daran gemacht die Sachen wieder ordnungsgemäß an ihrem alten Platz zu verstauen. Sie hatte ihr Versprechen gehalten, seine Wunde versorgt. Es war geschehen. Die Geschichte war zu Ende, vorbei. Warum saß er immer noch da. „Ihr könnt gehen.", sagte sie ohne sich dabei jedoch umzudrehen. Sie hatte ihm nichts mehr zu sagen. Angestrengt versuchte sie das Desinfektionsmittel von ihren eigenen Händen zu bekommen. Sie hasste diesen penetranten Geruch, der sich stundenlang hielt und scheuerte ihre Hände bis diese ganz rot waren. „Wenn Ihr wollt, dann werde ich Euch eine Kutsche auftreiben, die Euch noch in dieser Nacht zum Ziel Eurer Wahl bringt.", meinte sie, den Blick immer noch auf den hölzernen Schrank gerichtet.
Colonel William Tavington:
„Ich bin vielleicht betrunken, aber nie werde ich auf eure Mildtätigkeit angewiesen sein." Seine Erwiderung war zwar kühl ausgesprochen, doch es schwang kein schroffer Unterton in seiner Stimme, den man vielleicht erwartet hätte. Ohnehin konnte dieser Ausspruch als richtig Stellung der Fakten genommen werden. Immerhin wollte Colonel Tavington nicht, dass irgendwelche Spekulationen über seinen Zustand kommen würden. Denn obwohl er sicherlich nicht mehr alle motorischen Fähigkeiten unter Kontrolle hatte, war sein Geisteszustand seiner Meinung nach erstaunlich klar. Wie sonst hätte er sich dann so Verhalten? Dieser Drang zur Selbstzerstörung. Sein Blick viel kurz auf seine verbundene Hand. Er hatte kaum Wahrgenommen wie sich Amanda darum bemüht hatte sie wieder herzustellen und mühselig die Splitter aus der Wunde zu entfernen. Sein Rausch hatte ihn abwesend gemacht und auch etwas schläfrig.
„…und wie könnt ihr euch anmaßen mich wegzuschicken?" Umständlich hatte der Colonel sich von seinem Hocker erhoben. Mit einem undefinierbaren Ausdruck starrte er auf ihren Rücken. Suchte nach den richtigen Worten, doch dort war nur wieder diese Enttäuschung und die Gewissheit bald gehen zu müssen. Dieser Abschied würde dann wirklich endgültig sein. Es würde kein Wiedersehen geben. Schon einige Male hatte Tavington sich darum bemüht ihr näher zukommen, jedoch hatte es nie gereicht. Dieses mal würde er sie nicht so einfach gehen lassen. Nun war doch zwischen ihnen alles geklärt, dass Missverständlich war doch aufgeklärt worden, also wieso konnten sie nicht einfach das andere drum herum vergessen?
Mit einem trat Tavington dicht hinter sie. Der Rauschzustand vereinfacht Gefühle, nach Tavingtons Meinung wird vereinfacht gedacht. Man kann sich nur auf ein vorherrschendes Gefühl konzentrieren. Liebe, Hass, Schmerz, Angst alles wird im einzelnen gesehen. Man muss nicht den ganzen Gefühlscocktail empfinden. Wobei dies auch äußerst negative Folgen haben können, wenn man Tavingtons verletze Hand bedenkt, die ihren Ursprung in einer Attacke aus völligen Hass hatte. In einer weiteren Bewegung schlang er seine Arme um ihren zierlichen Körper, legte seine Hände auf ihre und setze seinen Kopf neben den ihren. „Schenkt mir nur diesen Augenblick." Flüsterte er nun sanftmütig und nie zuvor hatte er so mit einem Menschen geredet. Behutsam strichen seine rauen Hände über ihren Körper. Weit hinab glitt eine Hand schob den Saum ihres Kleides hoch und ließ ihm den Raum um ihre zarte Haut zu berühren. Mit einer Vorsicht die man von Tavington nicht kannte, küsste er ihren Hals. Er wollte sie mehr als alles andere und alleine das warten auf sie machte ihn nur noch begieriger. Wieso merkte dieses Weibsstück das einfach nicht? Er war doch auch nur ein einfach Mann hinter dieser prüden Uniform. Wer konnte es ihm verübeln, dass er gerade sie begehrte.
Miss Scarlett Amanda Grey:
Amanda reagierte nicht auf das, was der Colonel sagte. Sie stellte sich taub, versuchte es zumindest. Am liebsten hätte sie sich wie ein kleines Kind die Ohren zugehalten und laut gesungen bis alles vorbei war. Doch sie war nun mal kein kleines Kind mehr, nein, im Gegenteil, sie hatte viel zu schnell erwachsen werden müssen. Sie hörte wie er aufstand, wie das Holz knarrte und der Stuhl über die Dielen geschoben wurde. Dann waren da seine schweren Schritte und plötzlich sein warmer, alkoholgeschwängerter Atem in ihrem Nacken. Geh weg, flehte sie in Gedanken. Geh bitte weg und lass mich allein. Doch natürlich tat er es nicht. Warum hatte sie ihn auch in den Stall gelotst? Warum nicht irgendwo in das Hauptgebäude? Es war ihre Schuld, dass es so gekommen war, sie hatte es selbst heraufbeschworen, es möglicherweise sogar wie eine Einladung aussehen lassen. Seine Hand berührte ihre nackte Haut, seine warmen, weichen Lippen liebkosten ihren Hals. Es war ihre Schuld… und sie wusste, dass sie sich nun nicht mehr gegen ihre eigenen Gefühle wehren würde. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus, während sie seine Berührungen genoss. Dann drehte sie sich langsam und vorsichtig um, sodass sie nun vor ihm stand. Amanda legte ihm ihre Hände auf die Hüfte, stützte sich ab, ging leicht auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen zu einem so innigen Kuss auf die seinen wie sie es sich die ganze Zeit gewünscht hatte.
Das große Haus, die Feier, die Gäste – all das hatte sie längst aus ihren Gedanken verbannt. Es wehte kein einziger Laut von drüben zum Stall hinüber. Nur ab und an konnte man das Schnauben oder Scharren eines Pferdes hören, aber das störte sie nicht. Im Moment störte sie nichts. Sie waren allein, sie waren ungestört und das würde wohl auch eine ganze Weile noch so bleiben. Erst als ihre Zehen wehtaten, löste sie sich aus dem Kuss, löste sich ihre Zunge von seiner. Ihr Mund schmeckte nach Wein, aber das machte ihr nichts aus. Nichts machte ihr etwas aus. Noch immer hatte sie kein einziges Wort über die Lippen gebracht und sie war der Meinung, dass sie das auch nicht brauchte. So langsam wie sie sich zu ihm gedreht hatte, drehte sie sich nun auch wieder zurück und kehrte ihm den Rücken zu. Sie nahm seine Hand und schob diese ihr Kleid entlang, soweit ihr dies möglich war. Dann legte sie den Kopf leicht nach vorne und strich mit der rechten Hand die Strähnen aus dem Nacken, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten, sodass der Verschluss ihres Kleides freilag. Kleider wie dieses waren nicht etwas für Frauen angefertigt, sondern für Männer, die sich über ebensolche freuen sollte, befand Amanda. Vielleicht lag es auch daran, dass man ganz auf sich allein gestellt nur schwer wieder diesen Kleidungsstücken entkommen konnte.
Colonel William Tavington:
Eine Ewigkeit hatte er darauf hingearbeitet und noch länger hatte er gebraucht um sie davon zu überzeugen. Doch jetzt sollte es also wirklich dazu kommen? Die Aufregung über das was nun kommen würde kostete ihn den Verstand. Mit Mühe widerstand er der Versuchung sie gleich zu nehmen. Aber noch hatte er sich soweit unter Kontrolle und erwiderte ihren zärtlichen Kuss, der nur für ihn bestimmt war. Es war nicht ganz so einfach ihren Verlobten aus dieser Situation zu vertreiben, denn immerhin würde sie nach diesem Stelldichein zu ihm zurückkehren, um ihn schlussendlich zu heiraten. Irgendwie vollbrachte Tavington es jedoch, auch diese Unannehmlichkeit aus seinen Gedanken zu streichen. Ohnehin wurde er nun vollends abgelenkt. Nicht jeden Tag bekam er von Miss Grey eine Einladung zum Geschlechtsverkehr. Miss Grey war doch ein sehr schwer einzuschätzender Mensch. Niemals wäre der Colonel davon ausgegangen das sie jemals irgendjemanden an sich heran kommen lassen hat und nun würde sie ihn in einem einfachen Stall das allerheiligste tun lassen. Konnte er davon ausgehen, dass sie mehr als einfaches begehren für ihn empfand? Nicht jede Frau ließ sich gleich so verführen und das auch nicht von jedem Beliebigen. Jedenfalls konnte er dies mit Sicherheit von ihr sagen.
Lange betrachtete er den Reißverschluss den sie ihn wie eine Einladung hinhielt. Kurz spielte er mit dem Gedanken, die Gelegenheit zu nutzen und sie völlig für sich zu haben. Jedoch war ihre Zeit begrenzt und um keinen offensichtlichen Verdacht zu erregen mussten sie sich sputen. So unromantisch dies auch klang, es entsprach der Wahrheit. Nun viel ungestümer packte er sich an der Schulter und zog sie wieder zu sich herum. Seine Lippen pressten sich auf die ihren. Es war anstrengend für ihn sich zu ihr hinab zu beugen, um sie weiter zu küssen. Das machte dieser verdammte Größenunterschied, doch was tat man nicht alles um dem anderen nahe zu sein. Mit einem leichten Stoß drückte er sie mit den Rücken an die hölzerne Wand. Während seine Küsse an Intensität gewannen, strich er mit der unverletzten Hand über ihren Körper bis zu ihren Schenkelmitte. Mit einer weiteren Bewegung schoben seine Finger den leichten Stoff ihren Kleides beiseite, damit er den Weg fortsetzen konnte um ihr allerheiligstes zu liebkosen.
Miss Amanda Scarlett Grey:
Unwillkürlich musste sie Lächeln als Tavington nicht so, wie sie es eigentlich vorgesehen hatte ihr Kleid öffnete, sonder sie wieder zu sich herumdrehte. Auch wenn ihr der Gedanke nicht behagte, dass er es möglicherweise schaffte so ihr Kleid vollends zu ruinieren – sie hatte nicht den Willen oder die Kraft sich dagegen zu wehren. Also ließ sie es geschehen. Die ganze Zeit Widerstand zu leisten, die ganze Zeit ein gewissenhafter Mensche zu verlangte Kraft, viel Kraft… vor allem, wenn man gegen die eigenen Gefühle handelte. Sie war sich im Klaren darüber, dass sie alles hergab für dieses eine Mal mit dem Mann, den sie wirklich begehrte - den sie wirklich liebte? Recht unsanft drückte er sie an die Wand, eine Position die ihr ganz und gar nicht gefiel. Langsam trat sie ein paar Schritte zur Seite und nach hinten, ohne dass sie jedoch den Kontakt zu ihm, zu seinen Lippen, zu seinem Körper verlor. Sie stieß an den Tisch und taste mit der linken Hand nach der Platte. Eine Sekunde später saß sie auf dem Möbelstück, was es nun erleichterte Tavington zu küssen.
Sie saß da mit leicht gespreizten Beinen und fühlte sich zurückversetzt an die Begegnung im Salon, als sie unabsichtlich auf seinem Schoss gelandet war. Im Nachhinein konnte sogar fast darüber lachen. Ihr Atem ging schwerer, als er sich weiter vortastete und sie stütze sich mit den Händen auf dem Tisch ab. Was war es eigentlich, was wollte sie nun genau? War es diese eine Nacht? War es die Gewissheit, dass alles ein großes Missverständnis war und, dass es unter anderem Umständen vielleicht sogar mit ihnen geklappt hätte? Sie wusste es nicht… aber in diesem Moment konzentrierte sie sich nicht auf das „Vielleicht" oder das „Was wäre wenn…" sondern auf das „Hier" und „Jetzt", auf Tavington."
Perplex hielt er kurz inne, als er bemerkte, dass sie willig auf ihn reagierte. Ohne irgendwelche Widerworte. Womöglich hatte er ihren Willen nun gebrochen oder sie hatte einfach aufgegeben ihn zurückweisen zu wollen. Ihm sollte dies nur Recht sein, wozu sollte er sich auch über ihre Beweggründe den Kopf zerbrechen. Ohnehin war es doch so das ihre Gründe wohl damit zutun hatten, das dies ihre erste und letzte gemeinsame Nacht seien soll. Sie brauchte sich keine Gedanken um die Konsequenzen machen, da dies ihr letztes Treffen sein sollte. Vielleicht war dies der endgültige Augenblick, den sie miteinander verbrachten. Wenn man das genau bedachte, hätte man wohl sentimental werden können. Tavington ignorierte diese Gegebenheit und drückte ihre Schenkel nur etwas weiter auseinander. Mit einigen geschickten Handbewegungen hatte der Colonel es geschafft den Unterrock wegzuschieben und ihre Hose, die als Unterwäsche diente zu entwenden. Der Weg konnte nun bestritten werden, doch der Engländer hielt inne.
Nun wäre wohl der Beste Augenblick um angemessene Worte zu finden. Etwas Romantisches oder schmalziges anzubringen. Der Gedanke an euch ist der Begleiter auf meinen rastlosen Reisen oder schon bei unserer ersten Begegnung fühlte ich mich zu dir hingezogen. Nein, niemals, so tief würde er nie sinken, wobei wohl auch nur drei einfache Worte dieselbe Wirkung erzielen würden. Doch diese Worte würden ungesagt blieben. Aus dem reglosen Schweigen heraus löste sich der Colonel und fasste mit seiner gesunden Hand an seine Gürtelschnalle, um seine Hose zulösen und den nächsten Schritt zu gehen. Er war sich sicher das sie sich nun nicht mehr wehren würde und sie endlich die gemeinsame Vereinigung erleben konnte.
Alleine der Gedanke daran hatte ihn kaum schlafen lassen und einige Qualen bereitet. Ob sie dies ahnte oder an seiner Reaktion ablesen konnte? Er war bei weitem kein junger Mann mehr, der sich ungestüm und ungeübt anstellte. Jedoch war es bei ihr doch wieder etwas komplett anderes. Ihm war heiß und am liebsten hätte er seine Jacke ausgezogen um etwas mehr Freiraum zu haben. Er spürte die kalte Luft an seinen nackten Waden, als er sich weiter zu ihr beugte damit er einen festeren Stand zu bekam. Seine Hand griff an ihren Schenkel und sein Kopf legte sich auf ihre Schulter. Sein keuchender Atem bewies mehr als alles andere, dass er bereit war.
Miss Amanda Grey:
Amanda hatte das Denken aufgegeben. Es brachte ja doch nichts. Sie vertrieb alles aus ihrem Kopf: Ängste, Verwirrung, Erinnerungen… Sie schuf Platz, um sich nur auf das Kommende vorzubereiten, öffnete sich ganz für Tavington. Amanda keuchte wollüstig und alle Scheu schien von ihr abzufallen, als er sie weiter auf die Tischplatte drückte und sie mit seinen Küssen schier wahnsinnig machte. Fast schon fordernd hoben sich ihre Hüften, als er ihr ihre Hosen abstreifte, und ihre Hände gruben sich in sein Haar, zogen ihn über sie, sodass sie ihn Küssen konnte. Ihre Finger strichen vorsichtig über die nackte Haut seines entblößten Körpers und ihre Augen glänzten wie geschmolzenes Gold als sie zu ihm aufsah. Alles an ihm erregte sie. Keine Regeln. Keine Folgen. Nur eine Nacht vereint. Tun was man tun wollte. Dann waren seine Lippen wieder auf ihren, die Liebkosungen verteilten sich über ihren gesamten Leib und sie genoss es ihn zu küssen und sich küssen zulassen. Sie öffnete leicht die Lippen und schauerte wohlig unter seinen forschenden Händen. Ihre Finger glitten fast schon gierig über die heiße Haut, während ihr Körper intensiv auf seine Berührungen reagierte. Ein sehnsüchtiger Laut kam über ihre Lippen. Amanda bog den Kopf in den Nacken und biss sich auf die Unterlippe.
Ihre dunkelbraunen Locken lagen unter ihr ausgebreitet wie ein Fächer, mit Ausnahme einer einzelnen Strähne, die ihr ins Gesicht gefallen war. Ihre Augen glühten und ihre vollen weichen Lippen waren halb geöffnet. Sie war völlig in der Leidenschaft und der Sehnsucht gefangen, die er in ihr wieder erweckt hatte. Sie bäumte sich unter ihm auf, presste sich an ihn. Sie wollte wissen was ihr entgangen war, ob es tatsächlich so war, wie sie es sich ausgemalt hatte. Was hatte sie verpasst? Was war es, was ihr das Schicksal nicht gegönnt hatte? Sie wollte es jetzt wissen, hier, sofort. Kein Wenn und Aber mehr. Sie klammerte sich an seine Schultern, bog ihm ihre Hüfte entgegen. Immer wieder strichen ihre Hände über seinen Rücken, gruben sich ihre Finger Halt suchend wie Klauen in seine Jacke. Er fühlte sich so heiß, so lebendig an. Sein Herzschlag dröhnte laut in ihren Ohren und vervielfachte ihre Sehnsucht nur noch. Die Amerikanerin hatte das Gefühl, als würde etwas in ihr Feuer fangen. Alles in ihr schien plötzlich zu glühen und ihr Körper schien die Hitze nach außen abzustrahlen. Sie presste ihre Lippen auf seine wie eine Verhungernde und küsste ihn mit einer ungewohnten, wilden Leidenschaft. Da war keine Stimme mehr, die sie zur Vorsicht mahnte. Ihre Hüfte drängte sich an ihn. Sie wollte mehr, als ihn nur an sich zu fühlen. Sie wollte ihn in sich spüren. Erhitzt zog sie ihn zu sich, drückte ihren Körper an seinen und schloss die Beine um seinen Unterleib.
Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war. Sie wusste nur, dass es eine Ewigkeit war, eine wundervolle, begehrenswerte Ewigkeit. Es war ein Wunder, dass noch niemand gekommen war, sie noch immer ungestört waren. Ihre Stimme hallte noch immer in ihren eignen Ohren nach. Vielleicht hatte der Schnee eine dämpfende Wirkung, vielleicht hatte auch der Alkohol der Gäste seine Wirkung getan. Sie hatten, während sie sich liebten, den Weg vom Tisch auf den Boden gefunden. Ihr war klar was nun folgen würde und auch er musste es wissen. Es war ein Teil des Plans, der Schluss ihrer stummen Abmachung. Sie würden sich nun trennen. Für immer. Endgültig. Ihre Liebe hatte keine Zukunft. Dieser Augenblick war einmalig, nicht für die Ewigkeit gemacht.
Colonel William Tavington:
Die Endgültigkeit die dieser Moment mit sich brachte war fast herzzerreißend. Dennoch ließ sich der Colonel nichts anmerken, als er sich von seiner Geliebten erhob und sich mehr schlecht als recht wieder die Hose hochzog. Natürlich gab es viel romantischere Augenblicke, aber dieser war von solch einer Leidenschaft erfüllt gewesen, dass Tavington dies mit keinem anderen Abschnitt seines Lebens gleichsetzten konnte. Noch immer schwebte er in einem Zustand von Euphorie, niemals hatte er in seinem Leben etwas Ähnliches erlebt. Schon gar nicht mit einer anderen Person. Sein Verstand war noch von der abschwellenden Lust benebelt die ihn noch Minuten vorher überkommen hatte.
Wie lange es wohl gedauert hatte. Waren sie vielleicht auch zu laut gewesen? Jedoch schien niemand ihre heimliche Liebesnacht entdeckt zu haben. Noch immer herrschte eine Stille in den Stallungen, die nur von den Tieren in den Boxen unterbrochen wurden. Mühsam versuchte Tavington sein Haar zu ordnen, einige Strähnen waren aus dem sonst so straffen Zopf gefallen und hingen ihm ungeordnet ins Gesicht. Der Alkohol hatte nach und nach seine Wirkung verloren. Das stellte den Colonel vor eine ungewohnte geistige Klarheit. Das Verlangen wuchs sie wieder an sich zu reißen. Es hatte doch schon einmal geklappt, wieso sollte sie sich ein weiteres Mal dagegen sträuben und was daran wäre falsch? Immerhin schien sie seinem Verlangen nicht abgeneigt zu sein.
Langsam wandte er sich um und beobachtete ihre hübsche Erscheinung. Ihre Frisur hatte sich natürlich auch unter der eben erlebten körperlichen Ertüchtigung verformt. Zudem hatte ihr Kleid gelitten. Kurz entschlossen kam er ihr ein weiteres Mal nahe, doch ohne Anstalten zu machen sie nochmals so hemmungslos an sich zu reißen. Wie ein Gentleman half er ihr lediglich das Kleid zu richten und das restliche Stroh aus ihren Haaren zu entfernen. Kein Wort viel zwischen ihnen, so als ob zwischen ihnen ein stilles Bündnis abgeschlossen worden war. Das die beiden dazu aufrief diesen Unfall als einmalig und Ausnahme anzusehen.
Ihr Weg führte sie durch den schneebedeckten Garten. Dem Colonel schien es als wäre es nur noch kälter geworden. Ihr Atem zeichnete sich als Dunst vor ihnen ab und fröstelnd hatten sich ihre Körper versteift während sie schweigend nebeneinander zurück in Richtung des Anwesens gingen. Von weitem sah man das bunte treiben durch die hell erleuchteten Fenster. Ob sie Amanda als zukünftige Braut schon vermisst hatten? Je näher sie dem großen Haus kamen, desto wärmer wurde es. Unschlüssig blieb der Colonel stehen. Seine Lippen öffneten sich, als er nach Worten suchte um sie aufzuhalten. Doch er blieb stumm und kurz entschlossen langte sein langer Arm nach ihrem Handgelenk, um sie davon abzuhalten weiter zu gehen. Wieder überkam in dieses sehnsüchtige Gefühl sich mit ihr vereinen zu wollen, obwohl ihm jetzt gerade auch ein einfacher Kuss genügt hätte. Wie war es nur dazu gekommen, wie hatte er sich so sehr in eine solche Dame vergucken können? Seine warme Handfläche umschloss ihre kalten Finger und die Endgültigkeit dieser Geschichte stimmte Tavington ein weiteres Mal sentimental.
Noch nie war er ein Mann großer Reden gewesen, besonders wenn es seine Gefühle betraf. Lange blickte er in ihre Augen und versuchte ihre Gefühle zu deuten. Ob sie eingeschüchtert war oder traurig. Vielleicht auch Sauer auf ihre eigene Schwäche sich ihm hingegeben zu haben? „Wieso kann ich euch nicht besitzen?" Fragte Tavington leise und in seiner Stimme schwang ein leichter hauch Melancholie mit. Wieder beugte er seinen Kopf zu ihr hinab um sie verabschiedend zu küssen.
Von weitem vernahm Tavington gerade noch das Geräusch von einer sich öffnenden Tür. Eilig löste er sich ein Stück von Amanda und schritt ohne ein weiteres Wort auf die eben geöffnete Tür zu. Laute Musik strömte aus der hell erleuchteten Öffnung und ein Stimmengewirr schwoll an. Kurz bevor er die Tür durchschreiten wollte kam ihn ein nur allzu bekanntes Gesicht entgegen. „Colonel..!" Grinste ihn ein leicht angetrunkener Jüngling entgegen, den er als Verlobten von Amanda erkannte. "Ich hoffte sie amüsieren sich?". Geringschätzig musterte ihn Tavington und ohne ihn zu antworten bahnte er sich einen Weg an ihm vorbei ins innere des Gebäudes. Wie dumm er doch gewesen war, niemals würde er sich auf so etwas einlassen. Er war einfach zu Alt für solch einen Schund. Sein Herz raste schnell als er durch das Menschengewirr verschwand und alle Gedanken an Amanda aus seinem Kopf verbannen wollte. Doch noch auf seinem Zimmer verfolgte ihn das Gesicht seiner Geliebten. Wie sie in den Armen eines anderen und nicht in seinen lag.
