Kapitel 11: Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben
Es war dunkel. Kaum konnte man die Hand vor Augen sehen. Deidre stand in einem Raum, ein kleiner heller Schein steuerte direkt auf sie zu. Größer und greller wurde der Lichtkegel, aus dessen innerem eine Stimme erklang. "Hab keine Angst. Ich bin hier, um dich zu warnen." Eine hagere Gestallt trat aus dem Licht auf Deidre zu, die noch immer sprachlos die vor ihr erschiene Frau musterte. Ihre braunen Harre waren kunstvoll um ein Tuch gebunden, ihr Kleid war mit aufwendigen Mustern bestickt und ein Lächeln lag auf ihren Lippen. "Wovon sprecht Ihr? Wovor wollt ihr mich warnen?", fragte Deidre etwas beklommen. "Das kann ich dir nicht sagen, nur so viel, des Rätsels Lösung liegt im Medallion." "Medallion? Was meint Ihr? Wovon redet Ihr?" "Es freut mich sehr zu sehen, dass du dich zu einer intelligenten und starken Königin entwickelt hast. Bitte verzeih mir, dass ich dich allein gelassen habe, mein Engel." Eine weitere Stimme erklang. Sie war so deutlich, so vertraut. "Kannst du uns verzeihen? Wir wollten dir das alles wirklich ersparen." Und aus dem Licht erschien eine weitere Gestallt, ein Mann, welcher dicht hinter der Frau stehen blieb. Erschrocken wich Deidre einige Schritte zurück, starrte ungläubig die beiden an. "Zu sehen, dass du deinen Weg gewählt hast, erfüllt mich mit stolz. Ich wünschte nur, ich hätte bei alle dem dabei sein können." "Du hast eine süße kleine Tochter, Deidre. Sie sieht dir sehr ähnlich, achte gut auf sie." Je leiser die Stimme wurde, desto mehr verschwanden die Gestallten wieder im Licht. "Wartet, bitte verlasst mich nicht schon wieder. Wie erkenn ich diese Gefahr? Wann wird sie sich zeigen? Mutter! Vater! Verlasst mich nicht." "Achte gut auf deine Tochter. Die Lösung steckt im Medallion."
Aufgeschreckt wachte Deidre auf. Ihr Herz raste, der Schweiß trat ihr von der Stirn. Es dauerte einige Augenblicke bevor sie realisierte, dass sie sich in ihrem Bett befand. Noch immer hallten die Worte in ihren Ohren. Behutsam stand sie auf, ging hinüber zur Wiege und hörte erleichtert leise Atemgeräusche.
Doch tatsächlich sollten noch sechs Jahre vergehen.
"Ich wette, du traust dich nicht!" Herausfordernd musterte der Junge seinen gegen über. Die blonden Locken vielen wirr über sein Gesicht. Schon fast triumphierend blickend verschränkte er die Arme, zog die Brauen hoch und legte den Kopf schief. "Ich hab´s doch gewusst. Du bist halt doch ein Mädchen. Und feige bist du auch." Sein arrogantes Lächeln sollte ihm schnell vergehen, noch ehe er den letzten Satz ausgesprochen hatte war sie schon über den Zaun gesprungen und steuerte auf die Obstbäume zu, kletterte mit wenigen Sätzen hinauf und warf einige der Früchte hinunter. Von hier oben konnte sie den Besitzer des Gartens ausfindig machen, der auch sogleich auf sie zu geeilt kamt. "Wenn ich dich erwische, du freche Göre! Mir einfach meine schönen Äpfel klauen. Na warte, wenn ich dich erwische gnade dir Lou!", schimpfte der Alte während seine Schritte immer schneller wurden. Die Kinder am Zaun waren verschwunden. Mit einem rettenden Satz versuchte sie sich über den Zaun zu gelangen, doch der Alte war schneller, griff sie am Bein so dass sie der Länge nach hin fiel. "Dir werd ich Manieren beibringen. So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben." Worauf er sie am Kragen packte und noch immer arg schimpfend das Dorf durch querte.
"Postiert hier ein weiteres Bataillon Soldaten. Wir müssen die Grenzen weiter festigen." Garrett, Deidre und die anderen Ritter waren im Trohnsaal zusammen gekommen, vor ihnen lag eine alte ausgebreitete Karte. "Wie geht das Training mit den neuen Rekruten voran? Sie müssen bald mit ihrer Ausbildung fertig sein, im Osten...", Garrett wurde je in seinen Ausführungen gestört, als ein unnachgiebiges gezedere die Gänge hinauf hallte. "Lass mich endlich los. Was willst du überhaupt hier? Ich hab gar nichts angestellt. Jetzt lass mich los!" Vielsagend blickten sich Deidre und Garrett an, als nur wenige Augenblicke später das ungleiche Paar herein gepoltert kam. "Mein König, meine Königin. Ich muss unbedingt mit euch sprechen.", plump lies er sich auf die Knie fallen und wagte es nicht, ihnen in die Augen zu sehen. "Du störst. Hat das nicht zeit?" "Ich bitte Euch, ich werde nicht lange benötigen." "Gentleman, würden sie uns wohl einen Augenblick entschuldigen?" Die anwesenden Soldaten verneigten sich, ließen die vier mit einem leisen gemurmmel allein. "Ich danke Euch, meine Königin.", säuselte er, wobei er im selben Atemzug rum fuhr, sich an seine Gefangene wandte und murrte, "Willst du nicht deinem König und deiner Königin deinen Respekt erweisen?! Verneige dich gefälligst!" "Hallo, Vater, Mutter!", etwas beklommen stand sie da. Aus ihren Gesichtern lies sich keine Stimmung ablesen. Nur so viel war sicher, der Alte würde es auf die Mitleidstour versuchen und das würde Ärger geben. "Was gibt es so wichtiges?" "Ich habe diese Göre erwischt, wie sie versucht hat meine besten Äpfel zu stehlen, direkt vom Baum herunter hat sie sie geholt. Ihre Spießgesellen sind leider entkommen, meine Beine sind nicht mehr die jüngsten, aber einen konnte ich glücklicher weise erwischen." "Das ist gar nicht wahr. Es ging gar nicht um die blöden Äpfel. Ich kann doch auch nichts dafür, dass die anderen Bäume nicht so hoch sind." "Und warum hast du dann meine Äpfel über den Zaun, zu den anderen Kindern geworfen?" "Das war nur ein hübscher Nebeneffekt." "Ich schwör dir, bei Lou, wenn du denkst du kommst so einfach aus der Sache raus..." "Jetzt ist es genug!", mischte sich Garrett ein, "Mein Trohnsaal ist kein Schlachtfeld. Du begibst dich augenblicklich in deine Räumlichkeiten, darüber reden wir später!" "Aber Vater, ich..." Garrett bedachte seine Tochter mit Blicken, die keinerlei Widerworte duldeten. "Aber wer ersetzt mir jetzt meinen Schaden? Ich kann die Äpfel alle nur den Schweinen füttern." "Ihr werdet sämtliche Verluste ersetzt bekommen." "Das ist nicht fair! Ich hab immer gedacht, ihr würdet gerecht Urteilen! Nur weil ich ein Kind bin.", so schnell sie ihre Beine trugen und fast blind vor Tränen rannte Fianna aus der Halle, durch den Korridor und ließ sich weinend auf ihr Bett fallen.
"Ich hasse es, streng sein zu müssen. Sie muss lernen, dass sie nicht nur Rechte sondern auch Pflichten hat." "Sie ist noch ein Kind, sie wird es noch begreifen." "Schon, aber jetzt bin ich wieder der Böse, der ihr immer alles verbietet, das ist auch nicht fair.", er schmunzelte Deidre an, gab ihr einen Kuss. "Ich werd mit ihr reden. Mach dir keine Sorgen."
Einen Augenblick stand Deidre ratlos da, von innen war ein leises schluchtzen zu hören. Sie zögerte, öffnete langsam die Pforte, trat ein und setzte sich neben das noch immer aufgelöste Mädchen. "Ich kann mir vorstellen, dass dir die ganze Situation ungerecht vorkommt.", hob sie leise an zu sprechen, "Das ist nicht leicht zu erklären. Wir können uns so einen Fehltritt nicht leisten, auch wenn er noch so banal ist." Deidre machte eine kurze Pause in der sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Fragend blickte ihr Fianna in die Augen. "Wir haben nun mal eine Position inne, in der man sich keinerlei Fehler erlauben darf. Die Menschen vertrauen uns. Sie vertrauen darauf, dass wir ihnen Arbeit geben, Kleidung, Essen und sie vor Angriffen durch feindliche Truppen beschützen. Sie müssen sich auf uns verlassen können. Dieses Band des Vertrauens ist sehr zerbrechlich. Es wird immer jemanden geben, der dir etwas Böses will nur, um diese Schwäche auszunutzen." "Ist Vater sehr böse?" "Nein, er kann dir nicht böse sein. Er ist nur sehr beschäftigt. Und ganz unter uns beiden, ich war auch kein Engel." "Du? Nie im Leben. Was hast du angestellt?" "Ich kenne Rohan und Angus fast mein Leben lang. Wir haben viele verrückte Sachen angestellt. Im Teich nach Fröschen jagen, auf Bäume klettern, Tiere einfangen und abrichten und manchmal haben wir uns auch gestritten." Mit immer größeren Augen blicke die kleine ihre Mutter an. "Du glaubst mir nicht. Frag Rohan mal, ob er dir die Narbe zeigt." Beide lachten. "Ich bin mir sogar sicher, dass dieser Mann als Knirps ebenfalls Obst geklaut hat. Der kann einem wirklich Angst machen. Uns hat er jedenfalls nicht erwischt. Geht es dir jetzt besser?" "Ja, daaahh...!", beim Versuch sich aufzurichten fiel Fianna fast vom Bett. Ein gewaltiger Schmerz zog sich ihre gesamte linke Hand hinauf.
Kopfschüttelnd und ein wenig zerknierscht kam Cahard aus seiner Kammer. "So etwas hab ich noch nicht einmal bei Rohan oder Angus gesehen. Das Handgelenk ist total zertrümmert, sie hat einige Schrammen und etliche blaue Flecken an Beinen und Rücken. Dieser Baum muss sich recht rabiat gewehrt haben." "Hol mir diesen Mann her. Sag ihm, es gäbe da noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln.", wandte sich Garrett an einen seiner Soldaten. Sofort verließ dieser den Saal um den Befehl seines Herren auszuführen.
Einige Minuten später stand der Greis im Saal, ein überhebliches lächeln auf seinen faltigen Lippen. Rohan, Angus, Ivar lehnten am Kamin, vor dessen warmen Strahlen Fang gemütlich ein Nickerchen hielt. "Ihr habt mich rufen lassen, Euer Majestät? Gibt es noch etwas Wichtiges?" "Wie lange gehört dir schon dieser Garten?" "Ich versteh nicht ganz. Was sollte daran wichtig sein?" "Mir ist zu Ohren gekommen, dass dies nicht das erste mal ist, das irgendwelche Kinder auf diese Bäume geklettert sind. Und dass es das erste mal sein soll, dass sich solche Kinder erwischen lassen halte ich auch für unsinnig." Mit einem Augenzwinkern sahen sich Deidre und Fianna an. "Mein König mit allem Respekt, wer sind Eure Informanten? Die beiden Lümmel da drüben etwa? Pah, diese Flegel waren in der Tat mit die ersten die es versucht haben. Und ich dachte ich hätte ihnen diese Flausen ausgetrieben, aber bei dem einen hab ich mich wohl geirrt und der andere der hatte wohl nicht den Mut es noch mal zu versuchen." Rohan und Angus räusperten sich verlegen, liesen ertappt die Köpfe hängen. "Was meinst du damit du hast ihnen die Flausen ausgetrieben?" "Offen gesagt: ein paar ordentliche Schläge haben noch keinem geschadet. Bei den beiden hat es ja auch geklappt." "Du schlägst Kinder, nur wegen Nichtigkeiten?", fragte Garrett in einem ruhigen Tonfall zu dem er sich regelrecht zwingen musste um nicht die Beherrschung zu verlieren. "Bisher ist das nicht so häufig vorgekommen. Den blonden Lausbub dort hab ich erwischt, er hat versucht seine kleine Freundin zu beschützen. Ziemlich edelmütig, aber auch dumm." "Jetzt wagst du zu viel! Die beiden sind edle Ritter. Sie haben ihren Mut schon hunderte male bewiesen und ihr Leben für Kells riskiert.", schaltete sich Deidre ein. "Da hab ich ja richtig einen Nerv getroffen.", er hob triumphierend den Finger, "jetzt fällt es mir wieder ein. Diese Gören..., er sah sich im Saal um seine Blicken wanderten von Rohan über Angus und blieben an Deidre heften, „...das wart ihr drei. Den Hosenboden hätte man euch ordentlich stramm ziehen müssen!! Dazu waren anscheinend eure Eltern zu weich.", Angus hatte mühe Rohan zurück zu halten. "Und das ist dabei heraus gekommen.", er deutete auf Fianna, "Der Apfel fällt wirklich nicht weit vom ..." "Schweig!", kassierte er von Garrett eine mächtige Abfuhr. "Vergiss nicht, wen du vor dir hast! Es reicht nicht, dass du dich einfach an Kindern vergreifst. Du beleidigst meine Ritter und verhöhnst deine Königin. Weißt du was dich für eine Strafe für diesen Frevel erwartet?! Dafür solltest du...", er hielt inne. "Ich hab eine bessere Idee. Wie wäre es wenn...", flüssterte der Rotschopf ihm zu, überlegte einen Moment. "Warum eigentlich nicht?" Der alte sank auf die Knie, das Gesicht kreide bleich aus Angst vor dem was kommen würde, erwartete er die nächsten Worte, welche zweifelsohne seinen Untergang besiegeln würden. "Da du dich so sehr über den Verlust deiner Äpfel beklagt hast, warum lädst du nicht die Kinder aus dem Dorf zum Mosten ein? Es wäre doch ein Schande das alles den Schweinen zu überlassen." "Aber ich... ich meine .... die ganzen Kinder?! Ganz wie Ihr wünscht, mein König."
