11. Aber Falsch Ist Das Spiel
(Unter Den Toren – Die Streuner)


Fred und George fanden, dass die Dekoration der Großen Halle wieder einmal einiges zu wünschen übrig ließ. Ein wenig mehr Angst und Schrecken wären dem Anlass entsprechend angebracht gewesen. Ausgehöhlte Kürbisköpfe auf schwarz gedeckten Tischen und Schwärme von Fledermäusen unter der Decke schienen doch etwas ärmlich für eine Halloweenfeier. Vor allem bei den Fledermäusen hatte jemand mehr auf Quantität als Qualität gesetzt. Es mussten mehr als tausend sein, jedenfalls eine geradezu obszöne Menge, die sich über den Tischen, an den Wänden und an der Decke tummelten. Natürlich gab es noch die Geister, aber da ihre Harmlosigkeit allseits bekannt war, würden sie kaum zu einer gruseligen Atmosphäre beitragen. Peeves dagegen, der mit Sicherheit für Stimmung gesorgt hätte, war mal wieder nicht zugelassen, was sie sehr bedauerlich fanden.

Vom Tisch der Gryffindors winkten ihnen Lee und Angelina. Kenneth machte ihnen nur widerstrebend Platz, als sie gegenüber den beiden Platz nehmen wollten. Der Junge hatte sich doch tatsächlich verkleidet. Dabei war das nicht unbedingt Tradition. Nicht in Hogwarts und schon gar nicht unter den Reinblütern. Aber eine Handvoll Erstklässler und sogar ein paar ältere Schüler hatten sich ebenfalls kostümiert.

»Und? Wie geht's mit der Punktevernichtung voran? Wie viele waren's denn heute?« Wenn Lee nicht mit einem entwaffnenden Grinsen klargemacht hätte, dass er seine Bemerkung nicht ernst meinte, hätten die Folgen für ihn höchst unangenehm sein können. So knurrte Fred nur warnend. Kenneth Towler hatte vor drei Tagen erfahren müssen, dass die Zwillinge nach einer Woche voller Sticheleien langsam die Geduld verloren. Seine Unpässlichkeit, die sich in einem wundersamen Sprießen meterlanger Haarbüschel aus Nase und Ohren geäußert hatte, war für den Rest der Gryffindors ein deutlicher Hinweis gewesen, dass die Zwillinge glaubten, sie wären jetzt lange genug in Sack und Asche gegangen.

»Immerhin hat Ravenclaw auch hundert Punkte verloren«, brachte George vor, wie er es immer tat, wenn das Thema zur Sprache kam.

Kenneth schien seine Lektion noch nicht vollständig gelernt zu haben. »Und wenn ihr das nächste Mal noch 'nen Slytherin und 'nen Hufflepuff einladet, wird sich auch keiner mehr beschweren!«, wagte er von der Seite her einzuwenden.

George drehte sich um und lächelte ihn breit an: »Und wenn du nicht für immer so aussehen willst wie jetzt, würd' ich dir raten, die Kurve zu kratzen!«

Kenneths Kostüm sollte wohl einen Inferus darstellen und war als solches ziemlich gelungen. Er zog es vor, einen Tisch weiter zu ziehen.

Angelina warf George einen missbilligenden Blick zu und wandte sich an Fred. »Geht's dir wirklich wieder gut?«, fragte sie besorgt. »Bist du sicher, dass du am Samstag spielen kannst?«

Fred machte eine wegwerfende Handbewegung. »Klar! Es waren nur ein paar gebrochen Rippen und 'ne Gehirnerschütterung. Ihr tut alle so, als hätt' ich fast den Löffel abgegeben. Ich bin voll da.«

»Du warst immerhin vier Tage im Krankenflügel!« Lee schob eine Kürbislaterne zur Seite, beugte sich über den Tisch und flüsterte verschwörerisch, aber sehr laut: »Es gab Gerüchte! Angeblich wollte Pomfrey dich adoptieren. Oder heiraten. Da waren wir nicht ganz sicher.« Er lehnte sich wieder zurück. »Ich hab' natürlich immer gesagt, dass das Quatsch ist! Du bist viel zu hässlich für Poppy, egal als was!«

»Ha, ha!« Fred fand, es wäre langsam genug des Aufhebens, das sie um ihn machten. Anfangs hatten alle so getan, als läge er im Sterben, dabei hätte Madam Pomfrey ihn am nächsten Tag schon entlassen können, wenn seine Gehirnerschütterung nicht gewesen wäre. So hatte er noch drei Tage auf der Krankenstation verbringen müssen. Und Pomfrey hatte nicht einmal George erlaubt, ihn länger zu besuchen. »Höchstens fünf Minuten, Mr. Weasley!« Es war reine Schikane gewesen, ihm war es wirklich gut gegangen. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindel, gar nichts. Trotzdem war Madam Pomfrey um sein Bett herumscharwenzelt und hatte gegluckt, als wäre er ein rohes Ei, das schon einen leichten Knacks hatte. Als er ihr endlich entkommen war, hatte auch er seinen Anteil am Unwillen der übrigen Gryffindors abbekommen. Dass er und George Hauspunkte verloren, war normal. Aber dass es gleich hundert auf einmal waren, nahmen ihnen einige dann doch übel. Und die Strafe, Filch eine ganze Woche lang helfen zu müssen, war auch ungewöhnlich hart. Filch konnte sie sowieso nicht leiden. Viele Gryffindors waren ziemlich schadenfroh gewesen, wenn sie in den Korridoren den mit Eimern und Putzlumpen bewaffneten Zwillingen begegnet waren.

»Keine Sorge«, sagte Angelina, die ihn beobachtete hatte. »Wenn wir am Samstag gewinnen, ist das ganze Gerede vergessen. Wart's ab.«

»Und wenn Harry so gut ist, wie Oliver behauptet, werden wir Slytherin vom Platz fegen!«, stimmte ihr George zu.

Das war wirklich nur zu hoffen, fand Fred. Nach einem Sieg über Slytherin sähe nicht nur das Punktekonto Gryffindors wieder ganz anders aus. Sie hätten auch direkten Anteil am Sieg, und der Rest ihres Hauses würde sich wieder beruhigen.

»Schau mal!«, rief Lee und deutete zum Eingang. »Dein Lebensretter beehrt diese Festivität mit seiner erlauchten Anwesenheit!«

Fred verzog das Gesicht, drehte sich aber nicht um. Den Blödsinn mit dem Lebensretter hatte er McGonagall und Flitwick zu verdanken. Die Professoren hatten ihnen verboten, über das tote Einhorn zu sprechen, und deshalb die Geschichte in Umlauf gebracht, dass Fred beim nächtlichen Streifzug durch den Verbotenen Wald über einen schlafenden Thestral gestolpert sei. Fred fand das überhaupt nicht witzig. Der Schuldige an seinem Unfall hatte ihm jetzt angeblich auch noch – zusammen mit George – das Leben gerettet. Das Unglaublichste daran war, dass die meisten Schüler auf diese lächerliche Geschichte tatsächlich hereingefallen waren. Und George und er waren von McGonagall mit einem magischen Schwur zum Stillschweigen verdonnert worden. Sie hatte »mit Bedauern« auf diese Maßnahme zurückgreifen müssen, da die Erfahrung mit ihm und George ihr gezeigt habe, dass einem einfachen Versprechen ihrerseits nicht zu trauen sei. Eine weitere Demütigung. Als könne man sich nicht auf ihr Wort verlassen! Sie hätten es höchstens Lee erzählt. Und vielleicht Angelina. Wenn überhaupt.

George drehte sich wirklich kurz um und nickte jemandem zu. Fred war der Überzeugung, dass George die ganze Sache im Wald viel zu ernst genommen hatte. Es waren wirklich nur ein paar gebrochene Rippen und eine Platzwunde gewesen. Na schön, es war verdammt unangenehm gewesen, und am Anfang hatte er Angst gehabt, er müsse ersticken, weil das Atmen so wehgetan hatte. Und er war wirklich dankbar gewesen, als die Schmerzen weg gewesen waren. Aber dann hatte George ihm doch tatsächlich eine Totallähmung verpasst. Und anstatt auf seinen eigenen zwei Beinen hatte er den Wald hilflos auf dem Rücken schwebend verlassen. Nur die Baumwipfel und hin und wieder ein paar Sterne hatte er vorbeiziehen sehen. Erst im Krankenflügel hatte Madam Pomfrey ihn wieder befreit, wenn auch nur, um ihm alle möglichen Tränke einzuflößen, die ihn sofort aufs Neue ins Reich der Träume schickten. Und vom Einhornhorn hatten sie auch nichts wiedergesehen. Pomfrey hatte es einfach behalten. Sie hätten für ein Horn dieser Größe mindestens fünfzehn Galleonen bekommen können. Wahrscheinlich zwanzig. Für immer futsch! Und das alles hatten sie nur diesem Blödmann zu verdanken. Da konnte George sagen, was er wollte, Fred wusste genau, wer an diesem Schlamassel schuld war. Von wegen Unfall!

»Gibt keinen Grund diesen –« … gemeinen Dieb, wollte er zu George sagen, aber der magische Schwur verhinderte, dass er auch nur den kleinsten Hinweis auf das Einhorn geben konnte, solange andere Menschen dabei waren. »Diesen Schleicher auch noch zu grüßen!«

»Ach, so schlimm ist er nicht.« Jetzt fing George schon wieder an. Angeblich hatte sich der Schleimer sogar bei George danach erkundigt, wie es ihm denn ginge, als er noch im Krankenflügel gelegen hatte. Wobei das eigentlich eine Selbstverständlichkeit war, wenn man fast am Abkratzen eines anderen Menschen schuld war, fand Fred.

»Und er kann's mit Madam Pince.« Damit nervte ihn George schon die ganze Woche. Filch hatte Grey an Pince überstellt, weil er angeblich mit der Überwachung der Arbeitseinsätze der Zwillinge vollauf beschäftigt war. Das hatte es vorher noch nie gegeben. Und George nahm das einfach so hin!

»Hat mir ein paar Infos über Zerberi besorgt«, erzählte George wie beiläufig. »Was halt noch so da war. Ich weiß jetzt, warum die Sache mit den Schlaftränken nicht funktioniert hat.«

»Zerberi?«, fragte Angelina erstaunt dazwischen. Zum Glück erschien in diesem Augenblick das Festessen. Die Platten füllten sich mit allerlei Köstlichkeiten und waren besser dekoriert als die Große Halle. Auf die Hauselfen war eben Verlass. Schwarze Würmer, die in einer grünen Schleimsoße schwammen, wahrscheinlich gefärbte Nudeln. Etwas, das wie Hirnpudding aussah und Kürbispasteten, aus denen täuschend echt wirkende Rattenschnauzen aus Marzipan herausragten. Braten, deren Formen nicht auf das Tier schließen ließen, das das Fleisch für sie geliefert hatte. Alle begannen sich ihre Teller vollzuladen. Die Fledermäuse versuchten im Tiefflug auch etwas zu ergattern. Dabei waren sie wahrscheinlich nicht einmal echt, denn bisher hatten sie nicht erkennen lassen, dass sie über ein Verdauungssystem verfügten. Wofür Fred dankbar war, denn sonst wären sie alle mittlerweile von einer zentimeterdicken Schicht Fledermausscheiße bedeckt.

Plötzlich kam Professor Quirrel in die Große Halle gestürmt und lief, aufgeregt mit dem Armen wedelnd, zum Lehrertisch, an den er krachend anstieß und zum Halten kam. Alle starrten ihn an. Sein Gesicht war schreckensbleich, als er völlig aufgelöst zu Dumbledore sagte: »Troll – in den Verliesen – dachte, Sie sollten Bescheid wissen!«

Was dann geschah, war absolut typisch für Quirrel. Der Professor wurde ohnmächtig. Die ganze Halle verfiel zuerst in aufgeregtes Geflüster, das sich aber bald zu tumultartigem Geschrei verstärkte.

George warf Fred einen bedeutungsvollen Blick zu. »Ein Troll. Wo der wohl herkommt?«

Leider konnten sie die Karte der Marodeure nicht sofort konsultieren, aber bestimmt war es einer der beiden, die in den Räumen unter Fluffy aufgetaucht waren. Aber wie war er von da unten in die Verliese gekommen?

Dumbledore veranstaltete mächtigen Radau und ein Feuerwerk mit seinem Zauberstab und befahl den Vertrauensschülern, ihre Häuser zu den Schlafsälen zu bringen. Natürlich war ihr Bruder Percy voll in seinem Element. Wichtigtuerisch verkündend, dass er ein Vertrauensschüler sei, drängte er sich zu den Erstklässlern durch und begann, den Exodus der Gryffindors aus der Großen Halle anzuführen. Fred fand die Aufregung übertrieben. Es war nur ein Troll. Er hätte sich jederzeit zugetraut, allein mit ihm fertig zu werden. Gemeinsam mit George natürlich – und nach ein paar Minuten Vorbereitung. Als hätten sie sich abgesprochen, blieben er und George ein bisschen hinter den anderen zurück. Vielleicht ergab sich die Möglichkeit, auf dem Weg in den siebten Stock unauffällig aus dem Strom der Gryffindors in einen Seitengang hinauszutröpfeln. Leider erwies sich das als leichter gesagt als getan. Schon an der großen Treppe in der Eingangshalle wartete Kenneth auf sie.

Als Fred ihn aufforderte, Leine zu ziehen, wenn er wisse, was gut für ihn wäre, zeigte Kenneth nur ein falsches Lächeln und sagte: »Geht leider nicht. Ich hab' genaue Anweisungen von unserem Vertrauensschüler. Soll euch nicht aus den Augen lassen, bis wir im Gemeinschaftsraum sind.« Ihr Möchtegern-Aufpasser klang dabei gar nicht bedauernd, aber das würde sich ändern, wenn sie mit ihm fertig waren.

Percy! Fred war empört, dass ihr eigener Bruder ihnen derart in den Rücken fiel. Aber auch er würde sein Fett schon noch wegbekommen. George zischte Kenneth »Verräter!« zu, aber ihnen blieb vorläufig nichts anderes übrig, als brav mit der Herde zum Gryffindorturm zu ziehen. Als Percy mit lauter Stimme das Passwort »Schweineschnauze« zum Bild der Dicken Dame sagte, rief George weithin hörbar »Ach, komm schon, Percy! Musst du wirklich vor jedem Spiegel stehen bleiben?« nach vorn. Ein paar Schüler lachten, aber Percy hielt es offenbar für unter seiner Würde, darauf zu antworten. Er trieb die Herde der Gryffindors wie ein braver Schäfer in den Gemeinschaftsraum. Erst dort, nachdem die Tür geschlossen und Percy mit dem Abzählen der Schüler begonnen hatte, ließ Kenneth sie in Ruhe. Percy allerdings erlitt einen Schock, als sich herausstellte, dass drei Erstklässler fehlten. Und als die Identität der drei feststand, konnte sich Fred ein spöttisches Lachen nicht verkneifen.

»Da haben wir wohl die falschen Weasleys überwachen lassen?« Mit höhnischem Grinsen klopfte George ihrem älterem Bruder tröstend auf die Schulter. Percy nahm es überhaupt nicht zur Kenntnis und eilte aus dem Gemeinschaftsraum. Sie hörten ihn nach Professor McGonagall rufen, bevor noch das Porträt der Dicken Dame wieder an seinen Platz geschwungen war. Während die anderen Gryffindors im überfüllten Gemeinschaftsraum über die Ereignisse zu diskutieren begannen, zogen sich Fred und George unauffällig über die Treppe in den Schlafsaal der Drittklässler zurück. Oben angekommen kramte George die Karte hervor, und sie setzen sich auf sein Bett. Sie ließen einen Spalt in den Vorhängen offen, damit Fred auf die Tür achten konnte, während George die Karte absuchte. Als Fred schon ungeduldig fragen wollte, was jetzt los sei, begann George zu sprechen.

»Wirklich nur noch ein Troll unter Fluffy. Und Snape ist im verbotenen Korridor.«

»Irgend'ne Spur von Ron?« Fred gab es nur ungern zu, aber er machte sich ein bisschen Sorgen um ihren kleinen Bruder.

»Nö. Aber Snape ist gerade wieder aus dem Korridor verschwunden. Hatte es ziemlich eilig, wie's aussah. Fluffy war wohl nicht in Stimmung für Besucher.«

»Und der Troll?«

»Nichts von ihm zu – wart' mal! Ich hab' sie!« George klang mit einem Mal besorgt. »Ron, Harry und … 'ne Hermione Granger? Und der Bergtroll! Im Mädchenklo im dritten Stock!«

»Was? Quirrel hat doch gesagt, dass der Troll sich in den Verliesen rumtreibt. Der Schwachkopf!« Fred zog bereits die Vorhänge zurück und wollte aufstehen, als ihn George an der Schulrobe festhielt und zurückzog.

»Warte! Kein Grund zur Panik. Der Troll bewegt sich nicht mehr.« George warf noch einen Blick auf die Karte. »Und 'ne Rettungsexpedition ist auch schon unterwegs, wenn ich das richtig seh'. McGonagall, Snape und Quirrel.« Er lachte. »Die werden Augen machen!«

Auch Fred musste grinsen, als er sich die Reaktionen vorstellte. »McGonagall wird 'nen Schreikrampf kriegen.«

»Und wie 'ne Furie in den Hauspunkten wüten.« George hatte recht. »Schon wieder ihr eigenes Haus, das Ärger macht.«

Fred stellte die angenehme Nebenwirkung mit ruhiger Stimme fest: »Wir sind erst mal aus der Schusslinie, wie's aussieht. Aber wenn wir am Samstag nicht gewinnen, seh' ich schwarz für Ronnie und Harry. Die armen Kleinen.«


Terry fing augenblicklich zu zittern an, als er aus dem Schlosstor trat. Die Sonne stand zwar strahlend am hellblauen Himmel, aber der Wind war schneidend kalt. Dort, wo der Schatten des Schlosses auf den Wiesen lag, waren diese noch immer mit weißglitzerndem Reif bedeckt. Es war saukalt, und er bekam eine Gänsehaut. Schnell wechselte er aus dem Schatten in den Sonnenschein, dessen Strahlen wenigstens oberflächlich wärmten. Im Schloss war es schon ziemlich kühl gewesen, aber im Vergleich zu hier draußen herrschte im Inneren geradezu gemäßigtes Klima. Und drinnen gab es keinen Wind. Nicht einmal Handschuhe hatte er anziehen können, weil er die Flugblätter, eine Feder und das Brett mit dem aufgespannten Pergament herumtragen musste. Und er war selbst schuld an seiner Situation. Warum hatte er eine Unterschriftensammlung vorgeschlagen? Er hätte doch damit rechnen müssen, dass Anthony sie alle für seine Pläne einspannen würde. Er nahm sich fest vor, das nächste Mal seinen Mund zu halten und erst nachzudenken, bevor er sich in Dinge einmischte, die ihn eigentlich überhaupt nichts angingen.

Der eisige Wind kam als Gegenwind aus Nordwesten. Sein Gesicht tat weh, und er glaubte fühlen zu können, wie seine Lippen aufsprangen. Und bei einem solchen Wetter wollten diese Verrückten auf ihren Besen herumfliegen. Konnten sie das nicht im Sommer erledigen? Musste die Quidditchsaison im November anfangen? Ihm hätte es ja egal sein können, ob sich die Spieler den Tod holten, aber leider war er zum Unterschriftensammeln abkommandiert. Und dann auch noch bei den schwierigsten Kunden! Anthony hatte beschlossen, dass ausgerechnet er die Gryffindors übernehmen sollte. Seine Proteste und Einwände waren einfach ignoriert worden. Im Moment hätte er liebend gern mit Simon oder Luna getauscht. Oder mit Su, der es sich mit den beiden schon vor einer halben Stunde unter den Tribünen gemütlich gemacht hatte.

Endlich war er am Quidditchfeld angelangt. Noch waren die Tribünen leer, es war ja auch noch eine knappe Stunde Zeit bis zum Anpfiff. Er legte zuerst die Unterschriftenliste und die Feder beiseite, bevor er begann, jeden Sitzplatz mit einem Flugblatt zu versehen. Damit die Flugblätter ihrem Namen nicht alle Ehre machten, musste er jedes einzelne mit seinem Zauberstab antippen und mit einem kleinen Haltezauber dafür sorgen, dass der Wind es nicht gleich wieder wegwehte. Als er am Ende der zweiten Reihe angekommen war, merkte er, dass er zu schwitzen anfing. Wie konnte die Sonne so warm sein, wenn einem gleichzeitig ein derart kalter Wind um die Ohren pfiff? Er würde bestimmt krank werden.

»Hey, Terry!« Die dumpfe Stimme kam von unten. Ein Loch erschien unter einem der Sitze und eine Hand winkte ihm zu. Dann erkannte Terry Sus grinsendes Gesicht. »Alles klar da oben?«

Bevor Terry ihm sagen konnte, dass er sich hier oben den Hintern abfror, während andere sich offensichtlich unter den brettervernagelten, windgeschützten Tribünen bestens amüsierten, streckte eine Hand ihm ein Stück Schokoladenkuchen durch das Loch entgegen.

»Wir dachten, ihr hättet vielleicht Hunger.« Terry nahm ihm das Kuchenstück ab und blickte sich um. Tatsächlich waren inzwischen auch auf den Tribünen der anderen Häuser ein paar arme Schweine unterwegs, die wie er Flugblätter auf die Sitze legten. Er erkannte Justin, der bei den Hufflepuffs unterwegs war, und Malfoy oder so ähnlich, der die Slytherintribüne übernommen hatte. Die Sitzplätze der Ravenclaws hatte Anthony gleich nach dem Frühstück höchstpersönlich bestückt. Der Slytherin aß schon, und Justin sprang gerade erschrocken zurück, bevor er sich bückte und wahrscheinlich auch ein Stück Kuchen entgegennahm.

»Woher?«, fragte Terry mit vollem Mund.

»Simon hat doch Geburtstag«, teilte ihm Su mit. »Hast du das nicht gewusst?«

Natürlich hatte Terry das gewusst. Er hätte taub sein müssen, um Simons stundenlanges Lamentieren zu überhören, dass er seinen Geburtstag unter einer »dunklen, kalten und wahrscheinlich instabilen Sporttribüne« verbringen sollte, die »bestimmt einstürzen und unser kaltes und dunkles Grab« werden würde.

»Er hat 'nen Kuchen bei den Hauselfen bestellt. Und heißen Kakao.« Bei diesen Worten wurde eine dampfende Tasse durch das Loch gehoben und Terry stürzte sich darauf. Er umklammerte sie mit tauben Fingern und nahm einen vorsichtigen Schluck.

»Sie haben die Sachen vor fünf Minuten geliefert. Direkt unter die Tribüne.«

Sehr schön. Damit war die absolute Geheimhaltung ja voll gewährleistet! Wenn die drei unter den Tribünen entdeckt wurden, gab es bestimmt einen Riesenärger. Anthony würde sicher im Dreieck springen, falls er davon erfuhr. Dieser Teil der Aktion war seine Idee gewesen, wenn die Hauptarbeit auch an Su, Simon und vor allem Luna hängen bleiben würde.

Er setzte sich neben das Loch in der Tribüne und wandte dem Wind den Rücken zu. Über die Tasse gebeugt atmete er den warmen Dampf ein, der ihr entstieg. Wenn es nicht lächerlich gewesen wäre, hätte er am liebsten seine Nase in die Flüssigkeit getaucht. Wenigstens bekam er langsam wieder den Hauch eines Gefühls in den Fingern.

»Noch ein Stück?«, kam die Frage von unten und Terry ließ sich nicht zweimal bitten. Leider war die Pause viel zu kurz, und als er Anthony um die Ecke des Westflügels biegen sah, trank er schnell den letzten Schluck und reicht die Tasse durch das Loch zurück. Su nahm sie ihm ab und ließ das Loch im Brett wieder verschwinden. Widerwillig machte sich Terry erneut an die Arbeit. Auch Justin und der Slytherin hatten wieder angefangen, ihre Flugblätter zu verteilen. Anthony stand mit verschränkten Armen mitten auf dem Quidditchfeld und begutachtete eine Weile ihre Fortschritte, bevor er sich hinter die Tribünen verzog. Bestimmt wollte er nach seinen drei Untergrundagenten sehen, bevor sich die Ränge füllten.

Eine Viertelstunde später hatte Terry endlich alle Flugblätter verteilt. Es wurde auch höchste Zeit, denn die ersten Zuschauer kamen bereits über das Quidditchfeld auf die Tribünen zu. Es war bestimmt schon halb elf. Er hob die Unterschriftenliste und die Feder auf und bemühte sich, ruhig zu bleiben, als er sah, dass auch die ersten Gryffindors auf dem Weg waren. Sie waren das einzige Haus, das noch nicht über die Unterschriftenaktion Bescheid wusste. Anthony und Zacharias hatten zwar angeblich erwogen, auch unter deren Erstklässlern einen Verbündeten zu gewinnen, waren aber von der Idee wieder abgekommen, weil sie keinen geeigneten Kandidaten fanden. Der jüngste Weasley war den Gerüchten zufolge eng mit Potter befreundet, und Longbottom hatte augenscheinlich kein Interesse am Fliegen, was Terry nur allzu gut nachvollziehen konnte. Und andere Gryffindors waren den beiden nicht »profiliert« genug, um infrage zu kommen.

Da sie nie mit den Gryffindors zusammen Unterricht hatten, kannte er die Namen der zwei Jungen nicht, die auf die Tribüne zuhielten. Aber dass es sich um Gryffindors handelte, war unübersehbar. Sie trugen ein großes Spruchband zwischen sich, auf dem »Potter for President« über einem gemalten liegenden Löwen geschrieben stand. Die Schrift wechselte pausenlos die Farbe, war aber im Vergleich zu dem, was das Trio unter der Tribüne abliefern würde, nicht sehr beeindruckend. Terry hatte ihnen bei ihren Übungen ein paarmal zugesehen.

Die zwei waren jetzt heran und sahen Terry, der sich mit seinem Brett und der Feder ziemlich dumm vorkam, fragend an.

»Was soll das?«, wollte der eine wissen. Er hatte helle rotblonde Haare und seine Backen waren rotfleckig, was wohl auf die Kälte und den Wind zurückzuführen war.

»Soll das 'ne Unterschriftenaktion sein?«, fragt der andere hinterher. Er war schwarz, mindestens so groß wie Anthony und hatte kurze, gelockte schwarze Haare.

»Äh«, setzte Terry an und begann seine vorbereitete Rede. »Mein Name ist Terry Boot. Bitte lest unser Flugblatt.« Dabei deutete er auf die Sitze. »Darin ist alles erklärt. Falls ihr dann noch Fragen haben solltet, stehe ich euch gern zur Verfügung.« Er hoffte nur, dass sie das nicht ernst nahmen. Anthony hatte ihn zwar auf Herz und Nieren geprüft und ihn ein paar Antworten auswendig lernen lassen, aber er hatte das unangenehme Gefühl, den größten Teil inzwischen wieder vergessen zu haben.

»Eine was?«, fragte der rotblonde den schwarzen Jungen verdutzt.

»Unterschriftenaktion. Gegen was geht's denn?«, fragte dieser wieder an Terry gewandt.

Tja, genau das war das Problem. Und der Grund, warum Terry es vorgezogen hätte, bei irgendeiner anderen Tribüne zu stehen. Die anderen Häuser wussten wenigstens, worum es ging. Die Hufflepuffs würden geschlossen unterschreiben, schon weil einer der ihren beteiligt war. Dabei war es ziemlich egal, ob sie wegen ihrer gegenseitigen Treue und Solidarität nach Hufflepuff sortiert worden waren, oder ob sie, wie Simon dauernd behauptete, nur deshalb so solidarisch waren, weil sie in dieses Haus gekommen waren und unbewusst den Erwartungen entsprechen wollten. Für die Slytherins reichte es, dass es gegen Gryffindor ging, um zu unterschreiben; die Quidditchmannschaft hatte es schon getan. Und die Ravenclaws waren, nach einer Woche intensiven Argumentierens mit Anthony und Zacharias, zu mindestens zwei Dritteln gewillt, die Sache zu unterstützen. Gryffindor war das Problem.

»Äh, wir protestieren gegen Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit.« Er würde sich einfach an die eingeübte Argumentationslinie halten und hoffen, diesen Tag irgendwie zu überleben.

»Was hat Snape wieder angestellt?«, fragte der schwarze Junge und fischte mir seiner freien Hand nach einem Flugblatt.

Terry brauchte einen Moment, bis er begriff, dass das wohl ein Witz gewesen sein sollte. Professor Snape hatte zu den ersten Lehrern gehört, die unterschrieben hatten. Die Ausbeute von Anthony und Zacharias unter den Professoren war gar nicht schlecht. Sie hatten die Mitglieder des Lehrkörpers schon in den vergangenen Tagen einzeln abgepasst und ihr Anliegen mit verteilten Rollen vorgetragen. Natürlich nicht dem Direktor oder McGonagall. Professor Binns war auch nicht gefragt worden, da er sowieso keine Feder halten konnte. Aber von den restlichen hatten sich nur Vector und Sinistra, Madam Pomfrey und Filch geweigert zu unterschreiben. Besonders begeistert von der Unterschriftensammlung war angeblich Professor Burbage gewesen, die sich gar nicht dafür interessiert hatte, worum es ging, sondern nur hin und weg von der Idee war, diesen »Muggelbrauch« in Aktion zu erleben und sogar teilnehmen zu dürfen.

»Was!?« Anscheinend war der schwarze Junge auf eine der kontroverseren Stellen im Flugblatt gestoßen. Terry hatte Anthony inständig gebeten, für die Gryffindors eine entschärfte Version zu produzieren, war aber an dessen Sturheit gescheitert.

»Hör dir das an, Seamus! ›Wie wir aus wohlunterrichteten Kreisen erfahren haben, wurden die Schulregeln auf heuchlerische und geradezu bigotte Weise von einem Hauslehrer mit Unterstützung des Direktors gebeugt, um einem der Häuser einen unfairen Vorteil bei unserem schulinternen Quidditchturnier zu verschaffen. Nicht genug damit, dass dem Erstklässler Harry Potter die Teilnahme gestattet wurde, ein Vorgang, der seit über hundert Jahren beispiellos ist – nein! –, dieser Erstklässler erhielt darüber hinaus einen nagelneuen Rennbesen Nimbus 2000 zur Verfügung gestellt!« Die Empörung in der Stimme des Jungen bezog sich offensichtlich nicht auf den beschriebenen Vorgang, sondern auf die Darstellung desselben in Anthonys Flugblatt. »Und das alles, während die schuleigenen Besen kaum ihre Reiser bei sich behalten können und dringend durch neuere Modelle ersetzt werden müssten!« Das hatten Anthony und Zacharias hineingeschrieben, um auch Madam Hooch auf ihre Seite zu ziehen. »Wir fordern die Schulleitung auf, diesen unhaltbaren Zustand zu beenden! Dazu schlagen wir folgende drei Maßnahmen vor: Erstens: Die unsinnige und ungerechte Regel, die es Erstklässlern verbietet, eigene Besen zu besitzen, wird ersatzlos gestrichen! Zweitens: Der Altbestand an Schulbesen wird entsorgt und durch eine flugfähige Produktlinie neueren Datums ersetzt. Drittens: Allen Erstklässlern wird das selbstständige Fliegen nach Absolvieren einer Flugprüfung, abgehalten von der zuständigen Lehrkraft, gestattet.« Auch das hatten sie hineingeschrieben, um an Madam Hoochs Unterschrift zu kommen.

»Wir fordern keine Ausnahmegenehmigungen! Wir fordern gleiches Recht für alle! Keine Sonderrechte für Prominente! Wir fordern ein Ende der Vetternwirtschaft und des Nepotismus!« Gegen die letzte Formulierung hatte Simon protestiert, doch Anthony und Zacharias hatten auf ihr bestanden.

»Was ist Nepotismus?«, fragte der Junge, den der andere »Seamus« genannt hatte.

Diese Frage konnte Terry beantworten, er fragte sich nur, ob es auch klug war, es zu tun. »Äh, so was Ähnliches wie Vetternwirtschaft. Nur mit Enkeln oder so statt Vettern. Bedeutet eigentlich das Gleiche.«

»Und wenn man dafür ist, muss man 'nen magischen Vertrag unterschreiben?«, fragte dieser Seamus misstrauisch.

»Seamus!«, rief der andere aufgebracht. »Du kannst das nicht unterschreiben! Das geht eindeutig gegen uns und Harry!«

»Äh, nein.« Terry wich aber vorsichtshalber einen Schritt zurück, bevor er die entsprechende Gegenargumentation abspulte. »Wir wollen nicht verhindern, dass Harry Potter für eure Mannschaft spielt. Es soll nur das gleiche Recht für alle gelten. Wir begrüßen sogar, dass es endlich einen Anlass gibt, die überholten Regeln hinsichtlich des Besenbesitzes von Erstklässlern zu revidieren.« Wenigstens taten das Anthony, Zacharias und ein paar der anderen. Terry hätte mit der bisherigen Regelung gut leben können. »Und es ist kein Vertrag. Mit einer Unterschrift gehst du keine Verpflichtung ein. Es bedeutet nur, dass du für die Forderungen bist.«

»Gib her!«, sagte Seamus nach einer Sekunde des Nachdenkens und streckte die Hand nach der Feder aus. »Ich unterschreib'.«

»Aber …!«, versuchte der andere einzuwenden.

»Ich hätt' auch gern meinen eigenen Besen mitgenommen«, verkündete Seamus, während er mit seiner freien Hand seinen Namen auf die Liste malte. »Und glaub' mir, Dean, die Schulbesen sind wirklich 'ne Schande.«

Terry starrte überrascht auf seine erste Unterschrift. Vielleicht war das mit dem Mut der Gryffindors doch nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Auf jeden Fall hatte dieser »Seamus Finnigan« ihm die Möglichkeit gegeben, im Ernstfall auf die alternative Argumentationslinie auszuweichen. Wenn sie auch ein bisschen plump und zu durchschaubar für seinen Geschmack war.

»So, äh, wie steht's jetzt mit dir?«, fragte er den schwarzen Jungen vorsichtig. »Unterschreibst du auch, oder hast du Angst, was die andern Gryffindors dazu sagen könnten?«


Luna hockte auf dem nackten Erdboden zwischen Su und Simon, vor dem großen Einmachglas, in dem lustig die Flammen züngelten. Das Feuer war nicht besonders hell und leider auch nicht wirklich warm, aber durch die Spalten und Ritzen der Bretter fiel genug Licht, um den Raum unter den Tribünen in ein schummriges Zwielicht zu tauchen. Simons Genörgel ging ihr langsam auf die Nerven, und sie konnte sich vorstellen, dass es Su nicht anders ging. Schließlich konnten sie nichts dafür, dass er heute Geburtstag hatte. Wenn er nicht hätte mitmachen wollen, hätte er sich eben weigern müssen. Sonst hatte er doch auch keine Schwierigkeiten, zu tun und zu lassen, was er wollte.

Sie erhob sich und ging gebückt zu dem kleinen Guckloch unter Padmas Sitz. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, bis sie mit ihrem Feuerzauber an der Reihe waren. Sie hatten vereinbart, dass sie in dem Augenblick beginnen würden, wenn sich die beiden Mannschaften auf dem Spielfeld aufgestellt hatten. Aber obwohl die Tribünen bereits voll besetzt waren, sogar Professor Flitwick hatte in der ersten Reihe Platz genommen, war von den Spielern noch nichts zu sehen. Sie kehrte auf ihre Position zurück und schüttelte den Kopf, als sie die fragenden Blicke der beiden Jungs bemerkte. Eigentlich hätten sie nicht leise zu sein brauchen, da die meisten Ravenclaws wussten, dass sich unter ihnen drei Leute aufhielten. Außerdem erzeugten die Gespräche der Zuschauer, das Knacken des Holzes und das Scharren der Füße eine stets ausreichende Geräuschkulisse, die es ihnen ohne weiteres erlaubt hätte, laut zu sprechen. Aber sie waren automatisch in Flüsterton verfallen, als sich die Ränge gefüllt hatten.

Luna hoffte nur, dass das nachfolgende Quidditchspiel nicht lange dauern würde. Sie würden bis zu seinem Ende warten müssen, bevor sie ihr Versteck wieder verlassen konnten. Es hätte unangenehme Folgen, geschnappt zu werden, vor allem für sie. Wenigstens hatte das einer der Sechstklässler gemeint, der zufällig in eine Übung geplatzt war. Illusionen waren weithin als Schwarze Magie verpönt, wenn auch nicht direkt verboten. Ihr Einsatz würde auf jeden Fall zu Problemen führen, wenn sie sich erwischen ließ. Darum würde sie das tunlichst vermeiden.

Sie setze sich auf ihre Position. Es musste schließlich bald soweit sein. Simon saß rechts von ihr und Su zu ihrer Linken, an den gegenüberliegenden Enden des Seils, das vor ihr auf dem Boden lag. Simon würde es in Form bringen, Su mit dem magischen Feuer aus dem Einmachglas überziehen und die Farbgebung übernehmen, während sie dafür sorgen würde, dass die Zuschauer auf den Tribünen auch etwas davon hatten. Das war der eigentliche Grund, warum sie jetzt unter den Sitzen steckten. Illusionen wirkten am besten, wenn man nicht zu weit von denjenigen entfernt war, die man täuschen wollte. Und der Anti-Aufspür-Zauber machte die ganze Sache noch einmal schwieriger. Wenn auch nicht unmöglich. Es war zwar anstrengend, aber nicht so schlimm, wie Simon behauptet hatte. Aber vielleicht hatte er auch einfach nicht genug magische Kraft für einen kombinierten Zauber. Irgendwoher musste seine verwirrende Aura ihre Macht ja beziehen. Und wenn sie sich aus seiner Magie speiste, würde ihm natürlich weniger für seine Zauber zur Verfügung stehen. Wie auch immer, jedenfalls hatten Su und sie weniger Probleme damit als er.

Durch das Guckloch flog plötzlich ein roter Funke. Padmas Signal! Es war soweit.

»Fertig?«, fragte sie die beiden Jungs. Als die beiden nickten, hob sie ihren Zauberstab. »Auf drei. Eins … zwei … drei!«

Sie beschrieb mit ihrem Zauberstab einen schwungvollen Bogen, um alle in Reichweite in den Zauber einzubeziehen. »Sine Testis! Emanimago!«, rief sie und konzentriert sich völlig auf das Seil, das auf eine Bewegung von Sus Zauberstab hin von den Flammen aus dem Einmachglas überzogen wurde.

Es war anstrengender, als sie gedacht hatte. In den Übungen war es ihr viel leichter gefallen, ihre Zuschauer das Flammenbild sehen zu lassen. Aber da waren es auch höchstens fünf oder sechs gewesen, die zugesehen hatten. Jetzt verstand sie auch, warum viele der älteren Ravenclaws gespannt waren, ob sie es überhaupt schaffen würde. Einen Augenblick lang hatte sie Zweifel, aber dann lachte sie. Schließlich hatte sie von Mums Mum den Familienfluch der O'Donnells geerbt. Und nur wirklich mächtige Hexen und Zauberer hatten das zweifelhafte Vergnügen, unter solchen Flüchen zu leiden.

Sie richtete sich stolz auf – innerlich natürlich nur, sonst hätte sie sich den Kopf gestoßen – und zog sanft den Schleier ihres Zaubers über die Tribünen. Sie fühlte, wie Hunderte von Menschen in ihren Bann gerieten, und wäre am liebsten in lauten Jubel ausgebrochen. Es war ein großartiges Gefühl. Gleich würden all diese Menschen, egal ob Professoren oder Schüler, genau das sehen, was sie sie sehen lassen wollte. Sie hatte ein Gefühl, als wäre sie in den Köpfen der Verzauberten. Sie ließ die Flammen vor der Tribüne aus der Grasnarbe schlagen.

Heller, dachte sie, und sah mit den Augen der Zuschauer einen kleinen Sonnenaufgang aus der Wiese aufsteigen. Sie gab Simon das Zeichen, und er berührte das brennende Seil mit seinem Stab. Gleichzeitig sprach Su einen Zauber, der die Farben des Feuers veränderte. Die Flammen wurden blau und ihre Ränder flimmerten bronzefarben. Die Verwandlung des Bildes vollzog sich vor den Augen Zuschauer nach. Nun konnten sie in blauer Flammenschrift »Rennbesen für alle!« in übermannsgroßen Lettern aus dem Gras emporsteigen und ruhig brennend in der Luft schweben sehen.

Erst jetzt war es ihr möglich, einen Moment lang in ihrer Konzentration nachzulassen und auf ihre Umgebung zu achten, wobei sie aber ihren Blick immer noch fest auf das brennende Seil gerichtet hielt, damit die Illusion erhalten blieb. Über ihr hörte sie lautes Klatschen und begeistertes Fußgetrampel. Und das war bestimmt nicht auf den Inhalt der Flammenbotschaft bezogen. So viele Anhänger hatte Anthonys Plan nicht. Die meisten Ravenclaws hatten ihre Unterschrift nur zugesagt, damit er endlich aufhörte, ihnen auf die Nerven zu gehen. Nein, dieser Applaus galt ihr. Und den beiden anderen. Aber hauptsächlich ihr. Schließlich hatte sie die eigentliche Arbeit. Su kümmerte sich nur um das Feuer und Simon nur um die Schrift und das Seil. Su und Simon hoben wieder ihre Zauberstäbe und sie konzentriert sich wieder stärker, damit ihr kein Detail entging und sie einen flüssigen Übergang der Bilder hinbekam.

Die Feuerschrift in der Luft vor den Tribünen schien sich in den Augen der Zuschauer aufzubäumen und in neue Schleifen und Windungen zu legen, während der blaue Kern der Flammen zuerst türkis und dann grün wurde. Statt eines bronzefarbenen Schimmers waren sie nun von silbernen Aureolen umhüllt. »Beendet die Willkür!« stand jetzt dort geschrieben. Angesichts des Rufs von Slytherin ein ziemlich gewagtes Motto, das trotzdem über ihr heftig beklatscht wurde. Luna fragte sich nur, was die anderen Häuser zu diesem Feuerzauber sagen würden. Anthony hatte den Plan nur mit Zacharias und Malfoy, dem Jungen aus Slytherin abgesprochen. Aber viel mehr Probleme könnten sie mit den Professoren bekommen. Die drei Anführer auf jeden Fall, denn sie mussten sich in wenigen Minuten zu erkennen geben, wenn sie die Unterschriftenlisten McGonagall überreichen wollten. Aber das war deren Problem. Sie musste sich auf die nächste Mutation konzentrieren.

Zuerst schien das Grün immer heller zu werden, bekam dann aber rasch einen Rotstich und wurde wieder dunkler, bis die sich windenden Buchstaben in scharlachroten Flammen mit goldenen Spitzen brannten. Die Botschaft sollte den Gryffindors eigentlich gefallen. »Gerechtigkeit für alle!« Dem würden sie wahrscheinlich unter anderen Umständen sofort zustimmen. Aber so, wie die Dinge lagen, würde ihre Reaktion nicht sehr wohlwollend ausfallen. Wenn sie ihre Überraschung einmal überwunden hatten, hieß das. Andererseits jedoch konnten sie nicht wirklich gute Argumente gegen Anthonys Forderungen anführen – gegen die Formulierungen seiner Flugblätter hingegen schon. Anthony war viel zu emotional in dieser Sache. Mit etwas mehr Zurückhaltung hätte er viel bessere Chancen sich durchzusetzen. Hatte jedenfalls Simon gemeint, und sie hatte ihm ausnahmsweise beipflichten müssen.

Der Übergang zu »Solidarität der Häuser!« gelang ihr perfekt. Hellgelb leuchtete das Feuer und die düsterschwarzen Flammenzungen bildeten dazu einen interessanten Kontrast. Zum Glück waren sie gleich fertig, denn allmählich wurde sie etwas müde. Sie starrte angestrengt auf das Seil und wartete, dass Su und Simon die letzte Verwandlung durchführten.

Das neuerliche Erscheinen des Anfangsmottos »Rennbesen für alle!« läutete das Finale ein. Diesmal jedoch nicht in den Hausfarben Ravenclaws. Die Flammen begannen in den Farben aller vier Häuser zu irisieren. Zuerst war das Farbenspiel gemächlich und ließ sich gut verfolgen, aber es beschleunigte sich schnell. Bald ließ ein wahres Gewitter aus bunten Blitzen die Buchstaben immer heller flimmern. Schließlich erstrahlten sie in reinem Weiß, das sich in die Netzhäute der Zuschauer zu brennen schien. Wenn es nicht nur eine Illusion gewesen wäre, hätten ihre Augen ernsthaft Schaden nehmen können. So aber war das Licht nur in ihrem Kopf und nicht wirklich da. Als Simon das Seil dann wieder gerade zog und die Buchstaben langsam verschwanden, ließ Su das Licht allmählich verglühen.

Luna zog den magischen Schleier ihrer Illusion wieder zurück und beendete ihren Zauber. Sie war jetzt wirklich erschöpft und hätte einiges dafür gegeben, sich sofort in ihr Bett legen und ein paar Stunden schlafen zu können. Sie musste aber zugeben, dass der Abschlussapplaus sie für die Anstrengung annähernd entschädigte. Sogar ein paar vereinzelte Rufe nach einer Zugabe waren von oben zu hören. Sie fragte sich wieder, was die anderen Häuser von ihrer Vorstellung halten würden. Wie sie die Gerüchteküche kannte, würde spätestens in einer Woche die halbe Schule wissen, dass sie für das heutige Feuerwerk verantwortlich war. Die andere Hälfte würde irgendeine lächerliche Geschichte glauben, möglicherweise sogar, dass Dumbledore selbst den Feuerzauber veranstaltet hatte, obwohl er den Quidditchspielen normalerweise nicht beiwohnte. So gesehen hatte sie nicht viel zu befürchten. Die meisten würden ihr die Magie, die sie heute eingesetzt hatte, sowieso nicht zutrauen.

Simon stand gebückt vor dem Guckloch und sah nach draußen. »Unsere drei noblen Anführer sind auf dem Weg zu McGonagall.« Er wandte sich wieder ab. »Leider außerhalb unseres Blickfelds. Ich bin wirklich gespannt, was sie dazu sagen wird.«

Luna war das im Moment ziemlich egal. Ihre Euphorie klang langsam ab, und sie verspürte ein leichtes Ziehen in der Magengegend.

»Ist noch Kuchen da?«, fragte sie und ließ sich von Su ein Stück reichen. Hoffentlich fing dieses dumme Quidditchspiel bald an, damit es schnell zu Ende gehen konnte. Sie hatte genug davon, auf dem kalten Erdboden herumzuhocken.


»Sie sind für diese … dieses Tohuwabohu verantwortlich?«

Anthony fand den Unglauben in Professor McGonagalls Stimme ein wenig beleidigend. Warum sollten sie nicht dafür verantwortlich sein? Traute ihnen die Professorin diese kleine Demonstration nicht zu?

»Jawohl, Professor«, antwortete ihr Zacharias, der wie vereinbart das Reden übernahm. »Und wir sind bereit, jede vernünftige Strafe dafür zu akzeptieren.«

Es hatte einige Diskussionen um diese Formulierung gegeben, aber schließlich hatte er Zacharias und Draco überzeugen können, dass es am vernünftigsten war, einer eventuellen Strafandrohung gleich von Anfang an die Spitze zu nehmen. Sie würden sowieso nicht verhindern können, bestraft zu werden, falls McGonagall das beabsichtigte. Und auf diese Weise nahmen sie ihr gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln.

McGonagalls erbostes Schnauben ließ es allerdings zweifelhaft erscheinen, ob ihnen das wirklich gelungen war. Aber sie nahm sich sichtlich zusammen und setzte ihre strengste Miene auf. Mit drohend über ihre Brillenränder blitzenden Augen fragte sie gefährlich ruhig: »Und welchem Zweck sollte dieses … Spektakel dienen?«

»Wir wollten nur sichergehen, dass unser Anliegen nicht stillschweigend ignoriert wird.« Außerdem hatte sie den Schülern etwas für ihre Unterschrift bieten wollen. Und es hatte riesigen Spaß gemacht, alles zu organisieren.

Da McGonagall die Unterschriftenlisten noch immer nicht beachtete und keine Anstalten machte, sie entgegenzunehmen, hob Zacharias die Listen auffordernd höher.

»Sie werden feststellen, dass unser Anliegen von einer Mehrheit der Schüler und Lehrkräfte unterstützt wird.« Zumindest hatte die Mehrheit unterschrieben. Terry hatte es sogar geschafft, fast ein Viertel der Gryffindors zu überreden. Damit hatten sie eigentlich nicht gerechnet. Anthony musste zugeben, dass die Formulierung des Flugblatts vielleicht etwas hart gewesen war, aber die geschlossene Unterstützung Slytherins war ihm wichtiger erschienen als ein paar Stimmen mehr aus Gryffindor.

Endlich nahm McGonagall die Pergamente entgegen. Ihr Blick schien misstrauisch über die langen Listen zu streifen.

»Eine Zusammenfassung unserer Anliegen befindet sich am Anfang jeder Liste. Wir bitten Sie, als die stellvertretende Direktorin, unsere Wünsche Direktor Dumbledore vorzutragen.« Sie hatten lange diskutiert, ob sie die Listen nicht gleich Dumbledore übergeben sollten, aber der war fast nie bei den Quidditchspielen anwesend. Und trotz der Einwände Dracos war es absolut sicher, dass Dumbledore die Listen bekommen würde. McGonagall würde sich nie dazu herablassen, sie verschwinden zu lassen. Im Gegenteil, so hatten sie die besten Chancen, die Professorin zu beschämen und ihren berühmten Gerechtigkeitswahn für sich arbeiten zu lassen. Da war Anthony ganz der Meinung von Zacharias.

»Bis zu einer endgültigen Entscheidung des Direktors werden wir dieses Jahr keine weiteren Aktionen mehr unternehmen.« McGonagall war bestimmt schlau genug ein Ultimatum zu erkennen, egal wie es formuliert war. Und ihr Gesichtsausdruck machte deutlich, dass sie die Drohung durchaus verstanden hatte und nicht erfreut war.

»Nach dem Spiel in meinem Büro! Alle drei!« Die Schärfe ihres Tonfalls ließ darauf schließen, dass es sich nicht um eine Einladung zu einem Tässchen Tee handelte. »Dann werden wir uns über ihr ›Anliegen‹ unterhalten. Und über eine angemessene Strafe für ihren Auftritt und den Gebrauch derart zweifelhafter Methoden.« Sie atmete tief durch. »Ich hoffe für Sie, dass es zu keinen weiteren Störungen des Ablaufs kommen wird. Wenn Sie das Spiel noch einmal unterbrechen sollten, werden Sie das bedauern!«

Anthony fand das ungerecht. Schließlich hatten sie ihre Aktion absichtlich vor den Anpfiff gelegt, um das eigentliche Spiel nicht zu stören.

»Worauf warten Sie noch?«, fragte McGonagall ungeduldig. »Sie können jetzt gehen!«

Sie zogen ohne Widerrede ab. Insgesamt war genauso ausgegangen, wie sie gedacht hatten. Eigentlich sogar besser. Bisher hatten sie noch nicht einmal Hauspunkte eingebüßt. Aber wenn man die verzweifelte Lage der Gryffindors bedachte, die im Moment den letzten Platz der Punktewertung einnahmen, würde das wahrscheinlich nicht lange so bleiben. McGonagall würde sich eine solche Vorlage nicht entgehen lassen und ihnen so viele Punkte wie möglich abziehen, davon war Anthony überzeugt. Auch wenn es Draco nicht gefallen würde, sie alle sollten hoffen, dass Gryffindor den Slytherins eine herbe Niederlage beibrachte. Der Punktesegen würde McGonagalls Laune erheblich verbessern. Vielleicht.

Sie trennten sich, um das Spiel von ihren jeweiligen Haustribünen aus zu verfolgen. Als am Ende Harry Potter den Schnatz mit dem Mund fing, jubelte Anthony mindestens so laut wie die Gryffindors, obwohl er den Spielzug für ziemlich angeberisch hielt.


Minerva saß zurückgelehnt in ihrem Sessel und musterte die drei Schüler, die sich vor ihrem Schreibtisch aufgebaut hatten. Smith, Malfoy, Goldstein. Ein illustres Trio, kein Zweifel. Natürlich nur aus den besten Familien. Und trotz ihrer Unverschämtheit hatten sie einen wunden Punkt getroffen. Sie war stolz darauf, zumindest sich selbst gegenüber immer vollkommen ehrlich zu sein. Daher musste sie sich eingestehen, dass die Ernennung Harrys zum Sucher der Quidditchmannschaft nicht ganz regelgerecht gewesen war. Aber wie sollte man ruhig mitansehen, wie Jahr um Jahr die Slytherins nicht nur den Hauspokal, sondern auch den mindestens so wichtigen Quidditchpokal einheimsten? Es war eine Schande. Seit acht Jahren hatte ihr Haus das Quidditchturnier nicht mehr gewonnen, obwohl sogar Spitzentalente wie Charlie Weasley, der ohne Zweifel für England hätte spielen können, in der Mannschaft gewesen waren.

Das Haus Gryffindor wurde auf dem Quidditchfeld von einer Pechsträhne verfolgt, die ihresgleichen suchte. Aber vielleicht würde sich das Glück jetzt wenden. Der heutige Sieg war wirklich atemberaubend gewesen. Sie bedauerte nicht, dass sie die Regeln ein wenig gebeugt hatte. Die Aussicht, den Quidditchpokal den Händen der Slytherins endlich wieder zu entwinden, war diese kreative Regelauslegung wert. Wenn man ihr die Wahl ließe, würde sie sogar eher noch auf den Hauspokal verzichten. Leider stellte sich diese Frage beim momentanen Punktestand nicht. Und das war größtenteils ihre eigene Schuld. Sie hätte wenigstens so tun können, als würde sie der offensichtlichen Schutzbehauptung Miss Grangers Glauben schenken. Aber ihr Temperament war mit ihr durchgegangen. Nicht nur die Tatsache, dass ein Troll kein Scherz mehr war, hatte ihren Zorn angestachelt, auch dass schon wieder ihre eigenen Gryffindors so unvernünftig gehandelt hatten. Und weit und breit kein anderes Haus darin verwickelt, dafür schon wieder ein Weasley. Sie hatte Granger, Potter und Weasley jeweils fünfzehn Punkte abgezogen. Und dabei war sie noch großzügig gewesen.

Sie wandte sich von ihren trübsinnigen Überlegungen ab und den drei Rädelsführern wieder zu, die ohne das kleinste Zeichen von Reue vor ihr standen.

»Jeder von Ihnen verliert zehn Punkte für sein Haus wegen Ihres ungeziemenden Auftretens und der Störung einer Schulveranstaltung«, verkündete sie ihnen. Die drei wirkten unbeeindruckt.

»Und da sie zur Verfolgung Ihrer Ziele glaubten, solch zweifelhafte Mittel wie Illusionsmagie einsetzen zu müssen, verlieren Sie weitere zwanzig Punkte. Jeder von Ihnen.« Insgesamt eine milde Strafe, wie sie fand. Ein kleiner Abschlag war bereits eingerechnet. Selbstbestrafung, da sie zumindest eine gewisse Mitverantwortung an der entstandenen Situation nicht bestreiten wollte.

»Außerdem wird jeder von Ihnen einen ein Meter langen Aufsatz über die ethische Fragwürdigkeit von Illusionszaubern abliefern. Sagen wir bis nächste Woche.« Das würde nicht viel bringen. Kinder waren ihrer Erfahrung nach mit erstaunlicher Gewissenlosigkeit gesegnet. Aber wenn sie schon mit derartiger Magie hantierten, sollten sie wenigstens wissen, warum ihr Einsatz geächtet war. Leider nicht prinzipiell und ausdrücklich verboten. Sie hätte den simplen Illusionszauber auf dem Quidditchplatz natürlich jederzeit abschütteln können, aber dann wäre ihr entgangen, was er überhaupt bewirken sollte.

Warum hatte Filius das zugelassen? Ihrer Ansicht nach gab es keinen Zweifel an der Identität des Illusionisten. Oder vielmehr der Illusionistin. Zwar würde sie eine so perfekte Täuschung auch einigen der älteren Schüler zutrauen, aber die ganze Anlage der Protestaktion deutete auf starke Erstklässlerbeteiligung hin. Die älteren Schüler hatten ja auch nichts von einer Änderung der Schulregeln. Schließlich durften bereits Zweitklässler ihre eigenen Besen besitzen. Und dass Miss Lovegood eine derartige Demonstration ihrer Fähigkeiten ohne vorheriges Training abgeliefert hatte, konnte sie nicht glauben. Außerdem war Filius da gewesen. Dabei hatte er sich bisher noch nie sonderlich für Quidditch interessiert, kam höchstens dann zu einem Spiel, wenn es für die Hausmannschaft von Ravenclaw um etwas ging – und dann nicht immer. Es war ausgeschlossen, dass er von den Absichten seiner Erstklässler nichts erfahren hatte. Verschwörungen mit so vielen Beteiligten blieben nicht geheim. Und das hieß, dass Filius die Sache vielleicht nicht gebilligt, aber zumindest bewusst hatte laufenlassen. Wenn sie genauer darüber nachdachte, hielt sie es sogar für möglich, dass er insgeheim auch noch stolz auf die »Leistung« seines Hauses war. Manchmal waren Ravenclaws schlimmer als Slytherins. Bei Letzteren wusste man wenigstens, woran man war, meistens jedenfalls.

»Ist noch etwas?«, fragte sie die drei Jungen, die sich nicht gerührt hatten.

»Und unsere For… äh, Anliegen?« Mr. Smith schien weiterhin den Sprecher zu spielen. Die Arroganz, die die alten reinblütigen Familien und die Großen Häuser schon ihren jüngsten Sprösslingen einimpften, war wirklich unerträglich. Aber sie hatte keine große Wahl, wenn sie nicht tatsächlich heuchlerisch und bigott wirken wollte.

»Ich werde Ihr ›Anliegen‹ dem Direktor vortragen und eine wohlwollende Prüfung der einzelnen Punkte empfehlen.« Was blieb ihr auch anderes übrig?

»Allerdings liegt die endgültige Entscheidung immer noch beim Direktor«, fügte sie hinzu, als sie ein triumphierendes Lächeln auf den Gesichtern der drei Bürschchen aufziehen sah. »Der Schulbeirat wird ebenfalls nach seiner Meinung gefragt werden wollen.« Mr. Malfoys verstärktes Lächeln sagte ihr, was sie wissen wollte. Sein Vater saß schließlich in diesem Gremium und war nicht ohne Einfluss. Sie konnte also davon ausgehen, dass der Schulbeirat kein Veto einlegen würde. Und das bedeutete in letzter Konsequenz, dass es in ihrer Verantwortung liegen würde. Albus würde die Entscheidung mit Sicherheit seiner Stellvertreterin überlassen, also ihr.

»Sie können jetzt gehen. Die Entscheidung des Direktors wird Ihnen und dem Rest der Schule beizeiten mitgeteilt werden.« Sie würde sie eine Weile zappeln lassen. Schon allein wegen der Unverschämtheit, ihr ein Ultimatum zu stellen. Der letzte Tag vor den Weihnachtsferien würde rechtzeitig genug sein. Bis dahin sollten sie ruhig noch eine Weile schmoren.

Als die drei ihr Büro verlassen hatten, blieb Minerva in ihrem Sessel sitzen. Irgendwie bedauerte sie, dass kein Gryffindor dabei gewesen war. In ihrer Jugend hätte sie sich die Beteiligung an einer solchen Sache nicht entgehen lassen. Sie wusste noch gut, wie enttäuscht sie selbst gewesen war, als sie in ihrem ersten Jahr in Hogwarts ihren Besen zu Hause lassen musste. Aber das waren andere Zeiten gewesen. Ja, vor einem halben Jahrhundert wäre ein solcher Zwergenaufstand auf die begeisterte Unterstützung der kleinen Minerva gestoßen.

Sie musste lächeln, als sie an das dünne, schwarzhaarige Mädchen dachte, das so stolz gewesen war, nach Gryffindor gewählt worden zu sein. Und jetzt war sie Hauslehrerin der Gryffindors, und das Einzige, was noch an das kleine Mädchen erinnerte, waren die schwarzen Haare. Immer noch glänzend und ohne jedes Grau. Wenn sie ihr schwarzes Haar abends aus seinem strengen Knoten befreite und es kämmte, sah sie manchmal, wie das kleine Mädchen aus dem Spiegel heraus ihren Blick erwiderte und sich wunderte, wer diese alte Frau war, die da vor ihr stand.

Die Zeit verging immer schneller, je älter sie wurde. Sie war sechsundsechzig Jahre alt, und wo die kleine Minerva noch Monate für eine halbe Ewigkeit gehalten hatte, schien heutzutage im Nu ein Jahr das vorhergegangene überholt zu haben. Mit etwas Glück würde sie noch einmal so alt werden, wie sie schon war. Fünfzig Jahre blieben ihr mindestens noch, wenn ihr kein Unfall zustieß. Doch diese Jahrzehnte, die ihr einmal wie eine Unendlichkeit vorgekommen wären, waren jetzt nur noch eine abgezählte Reihe von Jahren, deren Ende bereits absehbar war. Noch einmal so jung zu sein …

Sie schüttelte den plötzlichen Anfall von Melancholie ab und stand auf. Die Unterschriftenlisten ließ sie zurück, als sie ihr Büro verließ. Albus würde ihr auch ohne die Listen glauben. Wie hatten diese Bengel es nur geschafft, dass selbst Madam Hooch unterschrieben hatte? Hinter ihrer strengen Maske lächelte Minerva insgeheim.