Shinji Ikari
(Introjection / Weaving a Story 2 /
He was aware that he was still a child)

[Vorspann: Cruel Angel's Thesis]

Kapitel 37 - Der Melonenmann und der Engel

Der Koffer mit Shinjis Cello stand auf dem Beifahrersitz von Misatos Wagen, die beiden Teenager saßen auf dem Rücksitz zwischen Taschen und Tüten, welche Misato mitgebracht hatte, weitere Taschen - und obendrauf Shinjis Fahrrad - lagen auf dem Rücksitz von Kajis Wagen, der langsam hinter ihnen herfuhr. Misato legte ein für ihre Verhältnisse bedächtiges Tempo vor, entweder weil sie Sorge hatte, im abendlichen Verkehr andernfalls etwas von dem Gepäck zu verlieren, oder weil sie mit dem Arm in der Schlinge nun doch nicht die Kontrolle über den Wagen hatte, die sie gewohnt war.

Sowohl Shinji als auch Rei waren überrascht gewesen, wie viel sie letztendlich doch aus der Wohnung herausgetragen hatten, trotzdem wäre problemlos noch Platz für weiteres Zeug gewesen.

„Wenn euch irgendjemand fragen sollte - ich habe euch gezwungen, bei mir einzuziehen, um euch besser beaufsichtigen zu können", erklärte Misato und zwinkerte ihnen im Rückspiegel zu.

*** NGE ***

Gute zwölf Stunden später schlug Shinji die Augen auf.

Die Zimmerdecke über ihm war anders und doch vertraut, schließlich hatte er in diesem Raum bereits früher geschlafen, ehe er bei Rei-chan eingezogen war.

Und vertraut waren auch das Gewicht auf seiner Brust und ein Gesicht, welches von fedrigen blauen Haaren umrahmt war - Rei-chans Kopf ruhte auf seiner Brust, ihre Hand lag auf seiner Schulter, der Rest von ihr ebenfalls teilweise auf ihm. Und das, obwohl Misato eigentlich für genügend Schlafplatz gesorgt hatte...

Der Einzug am vergangenen Abend war schnell und unbürokratisch verlaufen, Shinji und Kaji hatten zweimal die Aufzugskabine des Wohnhauses mit Taschen vollgestellt und dann im vierten Stock mit Rei und der in dieser Beziehung einarmigen Misato eine Kette gebildet, bei der die Gepäckstücke bis in die Wohnung gereicht worden waren. Die meisten Sachen hatten sie nicht mehr ausgepackt.

Misato hatte Tee und Kaffee gekocht, Kaji war kurz noch einmal weggefahren und hatte PenPen geholt, der sich über Shinjis Rückkehr nicht weniger zu freuen schien wie dieser selbst, verdächtig war auch gewesen, dass er gleich auf seinen Futternapf gedeutet und ein lautes, aufforderndes ´Wark!´ von sich gegeben hatte.

Schließlich hatte Kaji sich verabschiedet, Shinji aber vorher noch gebeten, doch am nächsten Tag um die Mittagszeit bei seinem ´kleinen Projekt´ vorbeizuschauen, womit er wohl nur sein Melonenfeld meinen konnte.

Dann hatte Shinji Misato geholfen, das Bett im hinteren Zimmer frisch zu beziehen - Misato hatte gleich nach Asukas Auszug das Bett abgezogen, so dass es ausreichend gelüftet war. Im Zimmer hing noch ein schwacher Hauch von Parfüm. Anschließend hatte Misato ihr zusammenklappbares Gästebett wieder hervorgeholt.

Und Rei hatte sie darum gebeten, dass sie und Shinji in einem Raum schlafen durften; Misato hatte dieser Bitte seufzend nachgegeben, sie aber wieder einmal ermahnt, keinen Unfug anzustellen - was sie auch hoch und heilig versprochen hatten.

So hatte Shinji sich auf dem Gästebett schlafengelegt. Keine Stunde später war Rei zu ihm unter die leichte Decke gekrochen und hatte sich an ihn gekuschelt...

Shinji schielte zur Uhr, der Wecker stand so auf dem Nachtschränkchen, dass er die Ziffern gerade so noch lesen konnte.

Ja, sie hatten noch Zeit, mit Misatos Einverständnis mussten sie für den Rest der Zeit nicht zur Schule - warum schließlich sollten sie sich in stickigen Klassenräumen quälen, wenn der Rest der Klasse zum Tauchen auf Okinawa war? -, allerdings hatte Doktor Akagi für Rei-chan Synchrontests angesetzt, um auszuloten, wie stark die Systeme von EVA-00 beim Kampf mit EVA-03 beschädigt worden waren, diese standen jedoch erst zum Mittag an.

Shinji seufzte leise und zufrieden und schloss wieder die Augen.

*** NGE ***

Leise öffnete Misato die Tür zum Raum der Kinder und sah hinein.

Kinder... äußerlich waren sie das vielleicht noch, doch auf ihren Schultern lastete das Schicksal der ganzen Menschheit... und seit dem Impact war es ohnehin strittig, wann die Kindheit endete. Misatos eigene Kindheit hatte mit dem wellenartig heranflutenden Lichtblitz geendet, welcher den Untergang der Antarktis signalisiert hatte.

Ihre Erinnerungen an diesen Tag waren nur bruchstückhaft vorhanden, sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater versucht hatte, mit ihr in dem kleinen Flugzeug der Expedition dem Inferno zu entkommen. Sie erinnerte sich daran, wie er das Steuer der Maschine festgebunden und sie gegen ihren Protest in den Laderaum geschleppt, dort in einen gepolsterten Container gesteckt und diesen aus der Ladeluke geworfen hatte, erinnerte sich an einen endlosen Fall, erinnerte sich daran, dass ihr Gefährt zu einem Spielball der Elemente geworden war...

Ihr Vater hatte sie durch sein Handeln gerettet, der kleine Frachtcontainer hatte im Gegensatz zum Flugzeug die Druckwelle und den Aufschlag auf dem Wasser überstanden.

Nachts waren die Erinnerungen besonders stark, besonders die an den verzweifelten Gesichtsausdruck ihres Vaters. Deshalb nahm Misato vor dem Schlafengehen genug Alkohol zu sich, um traumlos schlafen und die Erinnerung verdrängen zu können...

Die beiden lagen unter einer Decke auf dem Gästebett, Shinji hielt Rei in den Armen, welche ihm wiederum die Hand auf die Schulter gelegt hatte, so als wollten sie einander beschützen.

„Passt immer gut auf euch auf", flüsterte Misato. Es würde vielleicht eine Zeit kommen, in der sie nicht da sein würde, auch nicht Kaji oder jemand anders...

Dann wandte sie sich ab und verließ die Wohnung - ihr Kühlschrank musste wieder aufgefüllt werden, sie hatte fast kein Bier mehr im Haus.

*** NGE ***

Als Misato zurückkam, eine schwere, ausgebeulte Plastiktüte in der Hand, deren Inhalt nur aus Dosen bestehen konnte, stand Shinji in der Küche und machte Frühstück. Im Bad lief die Dusche.

„Du hättest noch nicht aufzustehen brauchen, Shinji-kun."

„Ich weiß. Aber ich wollte mich nützlich machen."

„Das ist doch nicht nötig. Und, gut geschlafen?"

„Ahm, ja. Misato... ähm..."

„Was?"

„Danke."

„Wofür?"

„Dass du mich wieder bei dir aufgenommen hast... und Rei-chan ebenfalls..."

„Eh, sogar mein altes Gästebett ist bequemer als die Pritschen in den Unterkünften im Hauptquartier. Rei stimmt dem doch sicher zu, oder?"

„Uhm..."

Shinji wurde rot.

Misato seufzte.

„Ihr beide gebt wirklich ein hübsches Paar ab."

Sie schniefte gekünstelt.

„Das weckt richtig meinen Mutterinstinkt. - Aber falls ihr mich zur Großmutter machen solltet, bevor ihr volljährig seid und auf eigenen Beinen steht, will ich mit euch nichts mehr zu tun haben, ist das klar?"

„Ahm..."

„War nur ein Scherz. Wenn Rei sagt, dass es nicht soweit kommen wird, glaube ich ihr das aufs Wort... Ah, Shinji-kun, wärst du wohl so lieb und machst mir eine Dose auf? Der Gipsarm ist wirklich lästig - und er kommt erst in knapp zwei Wochen ab. Ich werde hier nicht viel im Haushalt tun können..."

Shinji lächelte, während er eine Bierdose aus dem Kühlschrank holte, öffnete und vor ihr hinstellte.

„Schon verstanden, ich kümmere mich darum."

„Hach..."

Sie trank.

„Oh, das habe ich vermisst. Mit Asuka am Tisch hat es überhaupt keinen Spaß gemacht. Shinji-kun, das war der vielleicht größte Fehler meines Lebens..."

„Ich dachte bisher, das wäre Kaji gewesen... ahm... äh... war nicht so..."

Misato lachte.

„Hm, was Kaji angeht - der größte Fehler, den ich mit ihm gemacht habe, war wohl, ihn nicht kräftig in den Hintern zu treten, als es mit uns damals in die Brüche gegangen ist... das ging damals auch alles viel zu schnell, wir haben uns eigentlich gar keine Zeit gelassen und sind mit falschen Erwartungen an die Sache herangegangen. Aber es ist schon seltsam, da sieht man sich nach all der Zeit wieder... und plötzlich bedauert man, dass so viel Zeit vergangen ist... tja..."

Sie griff in ihre Jackentasche, zog die Tageszeitung heraus.

„Habe ich unten am Kiosk erstanden, die Morgenausgabe des Herald, mal sehen, ob sie die Richtigstellung zum gestrigen Artikel schon abgedruckt haben, die die Pressestelle ausgegeben hat..."

Umständlich schlug sie die Zeitung auf, breitete sie auf dem Küchentisch aus.

Shinji brachte rasch diverse Nahrungsmittel, die er zum Frühstück bereits auf den Tisch gestellt hatte, in Sicherheit, ehe sie unter der Zeitung verschwinden konnten.

„Und?"

„Hier, auf der ersten Seite. Aha, sie bedauern, dass der gestrige Artikel kleine Unsachlichkeiten enthielt... kleine Unsachlichkeiten, dass ich nicht lache. Wegen kleinen Unsachlichkeiten marschiert doch kein wütender Mob los! Dann die Richtigstellung... weiter auf Seite vier..."

„Warte, ich mach das schon."

Shinji blätterte die Zeitung um.

„Oh, wieder ein Artikel von dieser Meiko Tanagawa, die reflektiert wohl auf den Titel von Japans Klatschtante Nummer Eins!"

„Was denn?"

Auf Seite vier befand sich ein Bild von Shinji und Rei, die eng beieinander standen. Und darunter stand: Die heimliche Romanze der EVANGELION-Piloten.

„Argh... argh..."

Shinji schnappte nach Luft.

Misato schüttelte nur den Kopf.

„Hier, hör dir das an: ´... als ich zu einem Interview bei der inzwischen wohl allseits bekannten NERV-Angehörigen Rei Ayanami eintraf, öffnete mir Shinji Ikari, ein Mitstreiter von Fräulein Ayanami und Sohn des NERV-Oberkommandierenden Gendo Ikari, die Tür. Sein Äußeres ließ nur den Schluss zu, dass er und Fräulein Ayanami gerade anderweitig beschäftigt waren und daher kein Interesse an einem Interview hatten. Mit dem gebotenen Takt verabschiedete ich mich daher wieder und...´ Shinji-kun, Shinji-kun, du hast doch nicht etwa die Tür nur mit deiner Unterhose bekleidet geöffnet, oder?"

„Uh, nein, Misato... diese Frau lügt doch... ah..."

„Hey, mir ist auch klar, dass sie nur eine interessante Story zu stricken versucht..."

„Und von wegen gebotener Takt... Frau Ishiren hat sie ´rausgeworfen."

„Ach ja, Journalisten und ihr verletzter Stolz... ich habe ja auch nichts gegen ein wenig Klatsch... Augenblick, wo ist denn das Neueste aus der Prominentenwelt... Oh, warte... für die nächsten Ausgaben wird eine Artikelserie über die EVANGELION-Piloten angekündigt! Eh, Shinji-kun, und mit dir will sie beginnen - das geheime Leben des Shinji Ikari! Du wirst auch noch berühmt!"

„Misato..." seufzte Shinji. „Auf so eine Berühmtheit kann ich verzichten."

„Asuka würde das sicher gefallen. - Deswegen existiert seit gestern auch Order, dass keiner von euch oder dem Kommandostab irgendwelche Interviews gibt. - Ist Rei im Bad oder hat PenPen das Wasser laufen lassen?"

„Uh, es ist Rei-chan."

Er musste es ja wissen, schließlich war sie hinter dem Duschvorhang verschwunden, während er sich das Gesicht gewaschen hatte.

„Okay, sicher kommt sie auch gleich..."

Misato faltete die Zeitung umständlich zusammen.

„Bekomme ich eine Scheibe Toast, lieber Shinji-kun?"

„Natürlich... ah..."

Shinji flitzte in die Kochnische.

„Ich muss gleich zum Dienst... ist schon unfair, da hat man mit einem gebrochenen Arm eigentlich schon genug zu tun, aber bekommt man wenigstens einen Tag Urlaub? - nein! ´Ja, Frau Katsuragi, Sie haben eine Gehirnerschütterung, aber Sie sind immer noch diensttauglich´. Ich sage dir, Shinji-kun, um bei NERV krankgeschrieben zu werden, musst du bereits im Sterben liegen oder zu müffeln anfangen."

*** NGE ***

Rei verließ bald darauf das Bad, ihre normalerweise blasse Haut glänzte rosig.

Heißes Wasser, kombiniert mit einer Duschwanne, die fast doppelt so groß war wie die in ihrem alten Apartment, das war einfach himmlisch. Kaum zu glauben, wie wenig ihr das noch vor einem halben Jahr bedeutet hätte...

Ihr Haar war noch nass, sie trug eine Bluse und eine von Shin-chans Shorts, die sie an der Taille stark gerefft hatte. Schnell beugte sie sich bei Shin-chan vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Wenn sie schon gegen direkte Befehle verstieß, dann richtig...

Als Rei am Esstisch Platz nahm, holte Misato wieder die Zeitung hervor.

„Seite vier, ließ dir mal durch, was da wieder so geschrieben wurde."

„Ja, Misato-san."

Reis Augen weiteten sich leicht, als sie das Bild von ihr und Shin-chan sah, aber nicht wegen des Zusammenhanges oder des darunter stehenden Artikels.

„Colonel, dieses Bild ist nicht echt. Das ist eine Fotomontage."

Sie deutete auf verschiedene Stellen, wo seltsame Unschärfeflecken auf dem Bild waren.

„Hui, tatsächlich. Du hast gute Augen.."

„Die Bilder von Shinji-kun und mir stammen wahrscheinlich aus den Unterlagen der Schule."

„Möglich... vielleicht sollte ich mal ein paar unserer Männer in Schwarz dort vorbeischicken... Aber dann heißt es wieder, NERV drangsaliere die Zivilbevölkerung, oder so. Tun wir ja eigentlich irgendwie auch... Hm... Naja, den Artikel muss ich nachher Ritsuko zeigen, die lacht sich scheckig... Aber was fällt dieser Tanagawa wohl als nächstes ein? Vielleicht eine Reportage über den Bierkonsum des Taktischen Offiziers und wie ich die lokale Wirtschaft in Schwung halte, oder so... Langsam muss ich wirklich los..."

„Uhm, Misato..."

„Ja, Shinji-kun?"

„Rei-chan und ich haben gestern Abend noch etwas besprochen... ahm... siehst du, wir würden uns gern an der Miete für das... uh... Apartment beteiligen und... äh..."

„Nein, kommt, es genügt, wenn ihr etwas zum Haushaltsgeld beisteuert."

„Aber, Misato-san, Wenn Shinji-kun und ich zusammen nicht einmal die Miete für mein Apartment hätten tragen können..."

„Die war ja auch völlig überzogen, kein Wunder, dass sonst niemand in dem Haus gewohnt hat. Da könnte nicht mal ich mir eine Wohnung leisten - naja, soviel mehr bekomme ich auch nicht. Ist ohnehin seltsam... die ganzen Häuser gehören einer Holding-Gesellschaft von NERV... bei so was müsste diese Tanagawa mal recherchieren. Also, wir sehen uns sicher noch im Laufe des Tages."

Nachdem Misato die Wohnung verlassen hatte, senkte sich Stille über den Esstisch.

„Uhm, Rei-chan?"

Rei sah auf.

„Kann ich dich etwas... uh... fragen?"

„Ja, Shin-chan. Wenn ich darf, werde ich jede deiner Fragen beantworten."

„Uh... ahm... also... wie soll das jetzt anfangen... hm... du hattest... ahm... du hattest Misato gegenüber gesagt, dass sich zwischen uns... uh... also... keine Situation ergeben würde, die zur Folge haben könnte, dass du... dass du als Pilotin ausfällst..."

„Ja, Shin-chan. Das ist korrekt."

„Aber... ahm... gestern wäre es wohl zu so einer... ah... Situation gekommen, wenn nicht... äh..."

„Das Erscheinen von Colonel Katsuragi und Major Kaji hat in einen Ablauf der Ereignisse eingegriffen, der wahrscheinlich zu einer körperlichen Vereinigung geführt hätte."

„Äh, ja..."

Shinji nestelte am Kragen seines T-Shirts herum.

„Ja, uhm... und das... ah... das hätte doch..."

Rei blinzelte. Zweimal.

„Shin-chan, du möchtest implizieren, dass eine körperliche Vereinigung bei mir zu einer Schwangerschaft führen könnte."

„Uh... ah... ja... das... ähm... das ging mir so durch den... uh... Kopf..."

„Ich kann nicht schwanger werden."

„Äh... Hä?"

„Ich bin nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen. Deshalb besteht auch keine Gefahr, dass ich deswegen als EVA-Pilotin ausfallen könnte."

„Das... uh... das tut mir leid, Rei-chan... ich meine..."

Sie senkte den Blick.

„Ich fürchte, ich bin deswegen nicht die ideale Partnerin für dich. Es liegt in der Natur des Menschen, Nachwuchs zu zeugen, damit etwas von ihm auch nach seinem eigenem Ableben weiterexistiert."

Shinji antwortete nicht.

Rei-chan tat ihm leid, sicher ging ihre Gebärunfähigkeit auf die schweren Verletzungen zurück, die sie Wochen vor seiner Ankunft in Tokio-3 erlitten hatte... aber weshalb sollte sie nicht die... ideale Partnerin für ihn sein, er liebte sie doch... und Kinder... er hatte nie darüber nachgedacht, schließlich war er selbst noch nicht so alt. Und als er so darüber nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass er sich eigentlich nicht vorstellen konnte, selbst einmal Kinder zu haben, er wusste doch gar nicht, wie ein Vater sich verhalten sollte, hatte selbst doch nur ein negatives Beispiel gehabt...

Shinji stand auf, ging um den Tisch herum und umarmte sie von hinten.

„Das ändert nichts. In meinen Augen bleibst du ein wahrer Engel..."

Sie versteifte.

„Engel?" flüsterte sie.

„Uh... habe ich etwas falsches... äh... nein... also, ich meinte, so ein richtiger Engel, keiner von diesen Außerirdischen, ist doch klar... so ein christlicher Engel mit Flügeln und... uh... Heiligenschein und... äh... und diesem Instrument... einer Gitarre, glaube ich..."

„So ein Engel also... das siehst du in mir?"

„Ja, Rei-chan."

Sie lehnte sich zurück, genoss seine Umarmung.

*** NGE ***

Ritsuko schüttelte nur ungläubig den Kopf, als Misato ihr die Morgenzeitung unter die Nase hielt.

„Ich habe das schon heute früh gelesen. Die Frau spielt mit ihrem Leben, sage ich dir, Misato. Wenn sie so weitermacht, könnte Kommandant Ikari sich gewaltig auf die Zehen getreten fühlen."

„Sag mal, Ritsuko, was meinst du, wenn Ikari die Treppe runterfallen und sich den Hals brechen würde... oder wenn ganz versehentlich eine Waffe losgeht und ihm den Kopf wegpustet, ob ich dann Shinji adoptieren könnte?"

„Du denkst doch nicht wirklich..."

„Nur so ein Gedankenspiel. Ob die Behörden das erlauben würden?"

„Hm, hängt davon ab. Wenn du mich vorher als deinen behandelnden Arzt angibst, könnte ich deine Alkoholwerte unter den Tisch fallen lassen... dann hacken Maya und ich uns mit Hilfe der MAGI in die Behördenrechner und verschaffen dir ein Image, dass Mutter Theresa neben dir aussieht wie eine alte Schlampe."

„Das würdest du tun? Glaubst du, ich könnte eine gute Mutter sein?"

„Misato, dein Pinguin wäre ein besseres Elternteil für Shinji als Gendo Ikari."

„Wie soll ich das jetzt wieder auffassen?"

Akagi winkte ab.

„Da die beiden sich nicht im Hauptquartier zwecks Zuweisung einer Unterkunft gemeldet haben, nehme ich mal an, dass Shinji-kun und Rei mit deinem Vorschlag einverstanden waren, oder?"

„Ja, sie wohnen jetzt bei mir."

Ritsuko seufzte.

„Was ist los?"

„Dafür hatte ich heute Nacht das Vergnügen mit einem schlaflosen Fräulein Langley, das mir im Testcenter auf den Nerv gefallen ist. Wusstest du eigentlich, dass sie schlafwandelt?"

„Ja. Es macht wirklich keinen Spaß, sich abends zuzuschütten, bis man am Tisch einschläft, wenn ständig jemand dann über einen stolpert."

„Du hast immer noch diese Alpträume, nicht wahr?"

Misato nickte, ihr war anzusehen, dass das Thema ihr unangenehm war.

„Der Tag, an dem mein Vater starb... Der Tag des Second Impact... Ah, aber reden wir nicht weiter darüber, ja? Äh, wie geht die Reparatur von EVA-00 voran?"

„Der Schaden am Arm liegt jenseits der Hayflick-Grenze, das heißt, dass der EVA ihn nicht aus eigener Kraft regenerieren kann. Ich passe derzeit einen der Ersatzarme an, die mit dem Konvoi, der auch EVA-02 gebracht hat, gekommen waren. Aber diese Massenproduktionsersatzteile passen bei den frühen Modellen hinten und vorn nicht."

„Und was machst du jetzt?"

„Überstunden."

„Äh..."

„Naja, ich habe eine LCL-Nährlösung ansetzt und ein wenig an dem Ersatzteil herumgeschnippelt, hätte nie gedacht, mal die Metzgerlaufbahn einzuschlagen."

„Okay, das war schon mehr, als ich eigentlich hatte hören wollen."

„Und heute will ich mit Reis Hilfe die Systeme abchecken. Die anderen beiden Einheiten sind bereits wieder einsatzbereit, bei EVA-01 musste ich die optischen Systeme nachstellen und bei EVA-02 ein paar Spuren von Asukas Kaltstart beseitigen, wenn sie das öfter macht, bekommt ihr EVA noch so was wie einen Kolbenfresser."

„Ja?"

„Oder einen Herzanfall, ein Start ohne Unterstützung durch die MAGI und die Systeme der Hangarkontrolle belastet die organischen und elektronischen Systeme des EVAs sehr stark. Aber die Serienmodelle sollten so autark wie möglich sein."

„Da fällt mir ein... hast du auch schon das Gerücht gehört, dass das Komitee die Serienproduktion angekurbelt hat?"

„Habe ich. ´Weiß noch nicht ganz, was ich davon halten soll, da die entsprechenden Unterlagen eigentlich über meinen Schreibtisch hätten gehen müssen, ich bin ja schließlich der wissenschaftliche Offizier der ganzen Operation. In Deutschland arbeiten sie gegenwärtig an Einheit-05, dann haben wir Einheit-06 in Dubai und Einheit-07 in der Zweigstelle am Südpol – aber bis die einsatzfähig sind… da fließt noch viel Wassern den Kantofluss hinunter. Ich habe sogar schon intern das Stichwort Massenproduktion gehört und dass das Komitee eine eigene Baureihe in Auftrag gegeben hätte – es weiß nur keiner, wer diese EVAs zusammenbauen soll und wo das passieren soll. Die Produktionsstätten kannst du ja an einer Hand abzählen."

„Vielleicht hat Ikari sich mit dem Komitee überworfen? Wäre doch möglich... dann wollen sie die anderen EVAs vielleicht nicht in seiner Hand belassen..."

„Nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht kann Kaji mehr dazu herausfinden, der hat doch seine Ohren überall... es war übrigens sehr unvorsichtig von euch, unlängst ins TerminalDogma zu gehen."

„Du weißt...?"

„Natürlich, was glaubst du, wer eure Spuren beseitigt hat? Ikari wäre ziemlich überrascht gewesen, zu erfahren, dass er angeblich im Dogma war, während er doch eigentlich unterwegs war - und er hasst Überraschungen."

„Ritsuko dann... du musst mir erzählen, was dort unten los ist. Wir haben den gekreuzigten Engel gesehen..."

„LILITH."

„LILITH? Kaji sagte, er hieße ADAM."

Ritsuko hob die Schultern.

„Meinetwegen könnte er auch GROBI heißen. Die EVAs wurden aus dem Gewebe dieses Engels mittels eines von Doktor Yui Ikari entwickelten Klonverfahrens geschaffen."

„Ich dachte immer, du hättest..."

„Ich habe den Prozess verfeinert und perfektioniert. Trotzdem hat es eine lange Reihe von Fehlschlägen gegeben, ehe Einheit-01 soweit war."

„Äh... EVA-01 wurde vor EVA-00 fertiggestellt?"

„Ja, lange vorher. Oder auch nicht, jedenfalls nicht in der heutigen Konfiguration. EVA-00 wurde gebaut, damit wir Vergleichswerte hatten, anhand derer wir im Gegenzug EVA-01 einsatzbereit machen konnten. Aber die Grundidee, das Konzept... das Design, das stammte von Shinjis Mutter."

„So..."

„Sie starb im gleichen Jahr wie meine Mutter und Asukas Mutter, seltsame Zufälle, nicht wahr?"

„Ja... Und wozu wird der Engel nun gebraucht?"

„Er liefert das LCL."

„Das LCL... also doch, der See unter dem Kreuz... dann ist das LCL..."

„Blut. Das Blut der Engel. Und das Blut der EVAs."

„Oh, mein Gott... und die Kinder müssen dieses Zeug atmen, wenn sie..."

„Ja. Genau deswegen unterliegt diese Information auch strengster Geheimhaltung. Und deshalb verwende ich auch einen guten Teil meiner Freizeit darauf, das Zeug mit einem anderen Geschmack und Geruch zu versehen... um den Ursprung zu übertünchen. Nicht bearbeitetes LCL schmeckt wie... das lässt sich gar nicht beschreiben, wie scheußlich das Zeug pur und roh schmeckt."

„Die armen Kinder..."

„Wenn du es ihnen sagst, wird es auch nicht besser oder gar einfacher. Und Rei weiß es ohnehin bereits."

„So... Ich möchte etwas derartiges eigentlich nicht vor Shinji-kun geheim halten."

„Und das ehrt dich, aber ihm tätest du damit wirklich keinen Gefallen. Sein Vater würde ihn weiterhin zwingen, EVA-01 zu steuern... oder ihn einfach eliminieren."

„Sein eigener Vater?"

„Selbst da wäre ich mir nicht so sicher."

„Wie jetzt?"

„Das erzähle ich dir bei Gelegenheit - wenn ich ´mal wieder so richtig lachen will."

„Ritsuko..."

„Ah! Lass das Thema sein. Ich habe ohnehin schon zu viel gesagt!"

*** NGE ***

Kozo Fuyutsuki hockte irgendwo im Hauptquartier auf einer Stahltreppe, einen Schuhkarton auf den Knien.

Er zog sich häufig an derartige Orte zurück, wo er ungestört war. Seine Unterkunft im Hauptquartier war zwar recht wohnlich eingerichtet, doch nachdem er durch Zufall erst eine Abhörvorrichtung und dann eine Kamera in seinen Räumen entdeckt hatte, hielt er sich dort nur noch zum Schlafen auf.

Dass Ikari ihn bespitzelte, lag für Fuyutsuki auf der Hand. Er war doch nur Zweiter Kommandant, weil Ikari ihn dadurch hatte ruhigstellen wollen... und mittlerweile steckte er derart tief in der ganzen Sache mit drin, dass er sich selbst ebenfalls dem Henker ausliefern würde, sollte er Ikaris Machenschaften aufdecken. Er hätte damals das gesammelte Beweismaterial dem Gerichtshof der Vereinten Nationen übergeben sollen, anstatt an Yuis Interessen zu denken und erst noch ein klärendes Gespräch mit dem frischgebackenen Ehemann seines früheren Protegés und Doktoranden zu führen... Ikaris Argumente waren derart überzeugend gewesen, jedenfalls auf den ersten Blick. Und als er Gelegenheit zu einem zweiten Blick gehabt hatte, steckte er schon tief in der Sache drin... mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen...

Ob Ryoji Kaji wohl ahnte, dass er es war, der ihm immer wieder Informationen zuspielte, der dafür sorgte, dass bestimmte Dateien zuweilen nicht so abgesichert waren, wie Ikari es eigentlich angeordnet hatte? Ikari hielt Kaji für amüsant, weil er in seiner Arroganz das volle Potential des Mannes nicht erkannt hatte...

Fuyutsuki öffnete den Schuhkarton, griff hinein, holte eine Handvoll alter Fotos heraus.

Er seufzte. Die Bilder waren alles, was ihm nach dem Impact geblieben war, seine gesamte Familie war bei einem Ausbruch des Fujiyama ums Leben gekommen, bis auf den letzten Cousin...

Ein Bild von ihm mit seinem Bruder... ein weiteres mit seiner Mutter... seine Verlobte... alles Gespenster der Vergangenheit... Bilder aus seiner Studienzeit... Freunde, von denen die meisten ebenfalls tot waren...

Fuyutsuki seufzte erneut.

Und dann starrte er auf ein Bild, das ihn im Alter von vielleicht fünfzehn Jahren zeigte. Genau dieses Bild hatte er eigentlich gesucht, ohne sich sicher zu sein, weshalb.

Also doch... entweder war es ein einziger großer Zufall, oder die vielleicht größte Ironie des einundzwanzigsten Jahrhunderts...

Ein Luftzug strich über seinen Nacken.

Fuyutsuki riss die Augen auf, griff in sein Uniformjackett.

In diesem Moment wurde ihm ein Taschentuch auf Mund und Nase gepresst, er nahm einen starken einschläfernden Geruch wahr, wollte sich noch am Geländer nach oben auf die Füße ziehen, doch da verließen ihn bereits seine Kräfte. Fuyutsuki sank auf der Treppe zusammen, wurde von zwei Armen aufgefangen.

„Hm, dachte, bei so einem alten Mann wirkte das Mittel schneller", murmelte Sergej Roshenkov.

Seine beiden Begleiter, beide ganz in Schwarz gekleidet, zuckten nicht mit der Wimper, traten stattdessen vor und nahmen den stellvertretenden Kommandanten von NERV in die Mitte.

„Beeilen wir uns, wer weiß, wie lange die Sicherheitssysteme noch passiv bleiben."

Roshenkov lächelte. Wie gut, dass SEELE Ryoji Kajis Bericht an Larsen abgefangen hatte, dem auch verschlüsselt ein Zugangscode zum Hauptquartier beigefügt gewesen war...

*** NGE ***

Fuyutsukis Verschwinden blieb vorerst unbemerkt.

Die Brückencrew hatte wichtigeres zu tun, als sich zu vergewissern, ob Kommandant Ikari allein oder zusammen mit dem Sub-Kommandanten im Kommandostand war - die Frühwarn-Fernradarsysteme hatten ein Objekt gemeldet, welches sich mit hoher Geschwindigkeit der Stadt näherte.

Dann schlugen die MAGI Alarm, welche bereits auf die Distanz hin ein aktives AT-Feld wahrnahmen.

„Status der EVAs?" fragte Ikari mit rauer Stimme. Die ständigen Injektionen, um ADAM ruhigzustellen, zehrten an seinen Kräften.

„EVA-02 wird startbereit gemacht. EVA-00 ist immer noch nicht bereit für einen weiteren Kampf!" antwortete Akagi über Interkom.

„Und Shinji?"

„Dürfte unterwegs sein."

„Rei soll EVA-01 nehmen."

Ritsuko zögerte, erwog die Erfolgschancen eines Protestes, resignierte dann.

„Ich schreibe die Steuerung um."

„Das sollte schnell gehen."

Wenigstens ein Gutes erwuchs für das Szenario aus der ständigen Synchronisation zwischen dem Klon und Yuis Sohn...

Akagi unterbrach die Sichtfunkverbindung.

„Objekt nähert sich auf Einschlagkurs. Einschlag in dreißig Sekunden!" - „Evakuierung der Zivilbevölkerung in die Schutzbunker ist angelaufen." - „Defensivsysteme haben Ziel erfasst und eröffnen das Feuer!" - „Einschlag in zwanzig Sekunden!" - „Werte des AT-Feldes außerhalb des Skalenbereiches... das ist ein Koloss!" - „Einschlag in zehn Sekunden..." - „Synchron-verbindung zwischen EVA-02 und Pilotin steht. Synchronverbindung zwischen EVA-01 und Pilotin wird eingeleitet!" - „Aufschlag!"

Die Außenkameras zeigten das Bild eines Torsos in Schwarz, Grau und Rot ohne Kopf, dessen Arme und Beine auf halber Länge in Stümpfen endeten. Der Engel schwebte über dem provisorisch verschlossenen Zugang zum Hauptschacht, dessen Panzerschotten nach dem Angriff Matriels noch nicht wieder alle erneuert worden waren.

Aus den Armstümpfen zuckte etwas... papierdünne Tentakelarme, welche das erste Panzerschott zerfetzten, so wie ein heißes Messer durch Butter schnitt.

Dann gingen die Kameras offline, als das AT-Feld des Engels ihre Signale überlagerte.

„MAGI bezeichnen Engel als Ziel: Zeruel." - „Erstes Panzerschott durchbrochen. Zweites Panzerschott durchbrochen... bei der Geschwindigkeit ist er in wenigen Minuten hier!"

„Zeruel... Engel der Macht..." murmelte Ikari. Der stärkste Gegner, den er jemals getroffen hatte... nein, nicht sein Gegner, ADAMs... es waren ADAMs Erinnerungen, die sich langsam mit den seinen vermengten...

„Ritsuko, die EVAs?"

„Einheit-02 ist bereit. Aber EVA-01 macht Probleme."

„Inwiefern?"

„Rei wird nicht als Pilotin akzeptiert."

Da war noch etwas anderes in Akagis Stimme... Mitgefühl...

Ikari runzelte die Stirn.

Akagi und Mitgefühl für das First Child...?

Dann stand er auf.

„Ich bin im Hangar. Katsuragi, Sie haben das Kommando!"

Misato nahm seine Worte nur am Rande wahr.

„Es ist zu spät, die EVAs zu starten. Wir positionieren sie in der Geofront! EVA-02 erhält jede Waffe, die wir hier unten haben, der andere EVA, egal ob Einheit-00 oder -01, wird das AT-Feld des Engels neutralisieren!"

*** NGE ***

Während EVA-02 stampfenden Schrittes den Hangar verließ, kämpfte Rei im EntryPlug um ihr Leben.

EVA-01 stieß sie nicht nur ab und verweigerte jede Synchronisation mit ihr, sondern erwiderte ihre Versuche, die Kontrolle zu erlangen, mit starken Schmerzimpulsen.

Reis Schreie gellten aus dem Lautsprecher des Testcenters, Akagi hatte alle Hände voll damit zu tun, die Lebenserhaltung des Plugs so zu konfigurieren, dass Reis Kreislauf nicht kollabierte und ihre inneren Organe nicht den Dienst versagten.

„Puls stockt", flüsterte Maya schließlich.

„Wir brechen ab. - Rei, wir holen dich ´raus!"

„Nein, starte einen zweiten Versuch."

Ritsuko drehte sich um, starrte Ikari an, der in der Tür stand.

„Das könnte sie umbringen!"

„Rei ist ersetzbar. Noch einen Versuch!"

„Ja... - Rei, hörst du mich?"

Keuchend bestätigte das Mädchen im EntryPlug.

„Wir versuchen es noch einmal, zuerst nur minimale Synchronität..."

„Doktor Akagi... EVA-01 stößt mich ab... er will nicht... wie ein Spiegel..."

Ikari erschien im Hangar auf einem der Laufstege, sah zu EVA-01 hinauf.

„Das ist nicht akzeptabel. Wage es nicht, mich zurückzuweisen..." flüsterte er. „Du hast damals bei der Hochzeit geschworen zu tun, was ich dir befehle, Yui... Gehorche!"

EVA-01 ruckte einmal in seinen Fesseln hoch, fiel dann wieder zurück.

„Das wird nichts", meldete Ritsuko sich über die Sprechanlage. „Irgendetwas in EVA-01 widersteht der Synchronisation."

Ikari drehte sich nicht um.

„Dann steck den Plug in EVA-00, so kann sie sich wenigstens doch noch nützlich machen."

„EVA-00 ist nicht kampffähig!"

„Wer sagt, dass sie kämpfen soll? Es reicht, wenn sie den Engel lange genug ablenkt, bis der Junge hier ist..."

Warum konnte der verdammte Bengel nicht einmal da sein, wenn man ihn brauchte...

*** NGE ***

Shinji wurde gerade von Kaji in der hohen Kunst der Melonenzucht und -pflege unterwiesen, als der Alarm losging. Zugleich begannen die starken, unter der Decke der Geofront montierten Scheinwerfer zu flackern.

„Ach du Scheiße..." murmelte Kaji.

„Ein Angriff..."

„Shinji, los, lauf! Im Hauptquartier warten sie sicher schon auf dich."

„Ja..."

Shinji war bereits gute zehn Meter von Kajis Acker entfernt, als er über die Schulter zurückblickte und feststellte, dass der Mann immer noch damit beschäftigt war, seine Melonen zu gießen.

„Und Sie, Kaji-san?"

„Der Engel wird mir wohl nicht ausgerechnet ins Genick springen. Lauf schon!"

Shinji rannte los.

Unterwegs geriet er um ein Haar unter den Fuß von EVA-02, welcher, den Blick zur Decke der Geofront gerichtet, aus dem Hauptquartier marschierte.

Schwer atmend erreichte er den Hangar, wo die einarmige EVA-00-Einheit gerade aufbrach.

Shinji verharrte kurz, winkte mit beiden Armen.

„Lass den Unfug! Du kommst spät!"

Er warf den Kopf herum.

Sein Vater stand auf dem Laufsteg über ihm und fixierte ihn durch die dunklen Gläser seiner Brille.

Wortlos kletterte Shinji die Leiter zu jener Ebene hinaus, auf welcher sich der EntryPlug befand und auf ihn wartete. Ohne erst in seine PlugSuit zu wechseln, kletterte er in den Plug, welcher sogleich angehoben und mit dem Steuernerv von EVA-01 verbunden wurde.

„Synchronisationsprozess wird eingeleitet", erklärte Ritsuko Akagi. „Shinji, ich umgehe die meisten Sicherheitsprotokolle und fahre gleich voll auf."

„Uh, ja."

„Der Engel ist schon beinahe bis in die Geofront vorgedrungen, wir haben keine Sekunde zu verlieren."

„Klar."

Er presste die Lippen zusammen. Der Feind hatte sie überrumpelte. Und jetzt stand Rei-chan ihm allein mit einem invaliden EVA gegenüber... auf Asuka konnten sie nicht wirklich zählen...

„Beeilen Sie sich."

Die Monitore vor ihm wurden hell, zeigten ihm Bilder aus den anderen beiden EntryPlugs.

Er hörte Asuka fluchen, dann schreien, dann erlosch das Bild.

„Uh, was ist passiert?"

„Er hat EVA-02 erwischt... sein AT-Feld ist..."

In diesem Moment spürte Shinji Reis Blick auf sich lasten.

„Shin-chan, ich erkaufe dir die nötige Zeit."

„Was... Rei!"

„Mein Gott..." entfuhr es Akagi. Sie schaltete die Kameraübertragung aus der Geofront auf den Funkkanal, damit Shinji sehen konnte, was draußen geschah.

Der Engel schwebte über dem Boden, seine papierartigen Arme bewegten sich träge.

Zu seinen Füßen lag EVA-02, oder das, was noch davon übrig war, neben einem Berg aus leergeschossenen Positronengewehren und sogar zwei überdimensionalen Raketenwerfern. Dem roten EVA fehlten beide Arme, diese lagen ein Stück weiter. Ebenso fehlte der Kopf - der rollte zu diesem Zeitpunkt gerade an Kajis Melonenfeld vorbei...

Der Engel, den die MAGI als Ziel: Zeruel eingestuft hatten, drehte sich langsam um seine eigene Achse, wandte sich dem nächsten Gegner zu - EVA-00...

„Rei, nicht!" brüllte Shinji, hörte in seinem Kopf gleichzeitig das leise Flüstern der entstehenden Synchronverbindung. „Doktor Akagi, lassen Sie mich starten!"

„Noch ein paar Sekunden, sonst brennt dir die Synchronverbindung das Hirn raus!"

Akagi regulierte die Sicherheitsschaltungen, welche sie zuvor ganz außer Acht gelassen hatte.

„Ich muss... - Rei!"

EVA-00 trug weder ein Gewehr, noch stürmte er mit gezücktem PROG-Messer vor. Er führte etwas viel Tödlicheres mit sich - einen großen Zylinder, auf dem die Zeichen ´N2´ standen...

„Eine N2-Mine..." hörte Shinji Misato sagen, die sich in die Verbindung inzwischen eingeschaltet hatte, um ihm eigentlich letzte Instruktionen zu geben. „Oh, Gott, Rei…"

Die AT-Felder von Engel und EVA prallten aufeinander.

EVA-00 schob seine Hand vorwärts, drang langsam in das AT-Feld des Engels ein... dann zündete die Mine, zerriss den verbliebenen Arm des EVAs bis zur Schulter. Flammen leckten über die Oberfläche des armlosen EVANGELIONs.

Rei schrie auf, sackte dann im Pilotensitz zusammen.

Aus dem Feuerball der Explosion zuckte ein hauchdünner Arm und riss EVA-00 in der Mitte auseinander. Der Engel war unverletzt, hatte keinen sichtbaren Schaden durch die Explosion davongetragen.

Shinji heulte auf.

„Was ist mit Rei? Was ist mit ihr?"

„Werte instabil..." murmelte Ritsuko.

Shinji blickte starr auf den Bildschirm, welche zeigte, dass der Engel jetzt auf das Hauptquartier zumarschierte, dabei auch die spärlichen vorhandenen Abwehreinrichtungen ignorierte - die abgefeuerten Raketen explodierten ohnehin, sobald sie mit den Ausläufern des AT-Feldes in Kontakt kamen...

Shinjis Lippen bebten.

Rei-chan war verletzt... der Engel hatte sie verletzt... dafür würde er zahlen...

Aus den Tiefen des EVAs antwortete ein dumpfes Grollen auf die Wut und den Hass, welche er in diesem Moment verspürte, bot ihm Unterstützung an.

Noch sperrte er sich dagegen, noch ergab er sich der Finsternis nicht, welche sich mit jedem Schritt, den sich der Engel dem Hauptquartier näherte, weiter zusammenzuziehen schien.

Zeruel ignorierte den Haupteingang, zerfetzte einfach die nächste Wand, drang in den Hangar ein.

Gendo Ikari rührte sich nicht von der Stelle, betrachtete den Engel mit wissenschaftlicher Kälte.

Zeruel, LILITHs Verteidiger, der mächtigste von ihrer Brut...

EVA-01 spannte die Muskeln, brach aus seinen Halterungen aus, noch ehe Doktor Akagi diese lösen konnte, trat dem Engel in den Weg.

„Shinji, Vorsicht! Pass auf seine Arme auf!" rief Misato über Funk.

„Er hat Rei-chan verletzt. Dafür wird er büßen... dafür sorgen wir..." kam die Antwort aus dem Plug. Es war Shinjis Stimme... und noch eine andere Stimme, tief und grollend, voller Hass...

Kapitel 38 - Engel der Macht

EVA-01 stürzte sich auf den Engel, trieb ihn vor sich her, quer durch den Hangar.

Misato blickte wie versteinert auf dem großen Monitor in der Zentrale.

Aus Shinjis EntryPlug kam nur ein dumpfes, nichtendenwollendes Knurren über die Funkverbindung. Die Bildverbindung zeigte, dass er hochkonzentriert hinter der Steuerung von Einheit-01 saß, die Lippen zusammengepresst, die Hände um die Steuerung verkrampft, dass die Fingerknöchel sich deutlich durch die Haut abzeichneten.

„Shinji-kun, treib ihn nach draußen. Shinji, hörst du nicht?" rief Misato, doch der Junge blickte nicht einmal kurz auf die Monitore der ComPhalanx.

Der Engel war nur einen Augenblick lang überrascht gewesen, doch noch auf Gegenwehr zu stoßen, hatte dann den Angriff von EVA-01 gekontert. Die AT-Felder trafen unter Erzeugung kleiner Blitze und Funken aufeinander, die Spitzen von Tentakelarmen und mächtige Fäuste schrammten über eigentlich unsichtbare Schutzfelder, die nun kurzfristig zu erkennen waren.

Die beiden Kontrahenten schenkten einander nichts, schlugen mit ungebremster Kraft aufeinander ein. Und nicht jeder Hieb wurde vom jeweiligen gegnerischen AT-Feld gebremst. Dunkelblaues und hellrotes Blut spritzte in alle Richtungen, letzteres zusammen mit Metallteilen der Körperpanzerung von Einheit-01.

EVA-01 wankte wie ein Boxer in der zehnten Runde, als der Engel einen Kopftreffer landete. Riesige Zahnsplitter flogen in einer rosa Wolke aus seinem Mund.

Der EVA röhrte auf, duckte sich zur Seite, schlug kraftvoll zu, durchstieß das AT-Feld des Engels und hämmerte ihm die Faust in die Seite, riss dabei dessen Körperoberfläche auf.

Der Engel konterte, schlug mit beiden papierdünnen Armen zu, schlitzte die Armpanzerung des EVAs auf.

Gendo Ikari stand auf dem Laufsteg und beobachtete das Ganze mit ausdruckslosem Gesicht, bewegte sich nicht einmal im Ansatz, als ein gewaltiger Spritzer roten Blutes wie eine Welle auf ihn zukam und ihn bedeckte. Hinter ihm malte die hellrote LCL-Flüssigkeit seine Umrisse als Schattenriss an die Wand.

EVA-01 war der stärkste EVANGELION, den Ritsuko für ihn gebaut hatte - wenn es ihm nicht gelang, den Engel aufzuhalten, dann war Flucht ohnehin sinnlos. Der Engel hatte nicht umsonst den geraden Weg in den Hangar genommen - er spürte ADAMs Gegenwart...

EVA-01 senkte den Kopf, ging den Engel an wie ein Stier, das Horn voran, rammte ihn frontal, trieb ihn vor sich her. Die Metallwand der riesigen Hangarhalle bot kaum Widerstand, als die beiden Wesen mit der Kraft elementarer Gewalten aufeinandertreffen, brach auseinander wie Papier.

Die beiden Giganten stürzten in den dahinterliegenden Gang, rissen auch die gegenüberliegende Wand ein.

Zeruel schlug wild mit den Armen, zerfetzte, was in seine Reichweite kam.

Der Engel und der EVA brachen durch mehrere Zwischengeschosse, dann gelang es Zeruel, seinen Gegner zu packen und mit ihm die Plätze zu tauschen. Wieder ging es durch eine Wand.

Der Raum dahinter war recht groß - die beiden Kontrahenten waren während ihres Kampfes bis in die Kommandozentrale von NERV vorgedrungen...

*** NGE ***

Misato hatte sich die Lippe blutig gebissen, doch das fiel ihr gar nicht auf. Ihre ganze Konzentration galt dem Hauptbildschirm und dort dem kleinen Feld, welches die Übertragung aus dem EntryPlug von Einheit-01 zeigte.

Shinjis Gesicht zeigte keine Regung, war völlig starr. Seine Augen waren kalt, bar jeden Gefühls, jeder Gnade. Immer noch reagierte er nicht auf ihre Anrufe und Kommandos, dabei rief sie ihm schon scheinbar seit einer Ewigkeit zu, den Nahkampf zu meiden und den Gegner aus dem Hauptquartier zu locken.

Jetzt erwischte der Engel den EVA mit einem kräftigen Schlag am Kinn. EVA-01 spuckte Zähne. Und aus Shinjis Mundwinkel sickerte plötzlich ein dünner Blutfaden. Zugleich zeigte der Junge eine Regung, als er das Gesicht vor Schmerz verzog.

„Ritsuko, die Synchronverbindung ist zu stark! Der Engel prügelt EVA-01 zu Klump... und er bringt dabei Shinji-kun um!"

„Wenn ich jetzt die Verbindung drossele, macht er das ganz sicher. Shinji hat derzeit ein Synchratio von 98.6, die Sicherheitsschaltungen dürften gleich ansprechen."

„Wie kannst du nur so ruhig bleiben?"

„Wäre es dir lieber, wenn ich hysterisch werde? - Maya, zur Seite!"

Akagis Gesicht verschwand vom Bildschirm, in der nächsten Sekunde brach die Verbindung zusammen.

„Die beiden sind jetzt in Korridor C. Und jetzt in den Werkstätten... Die kommen direkt hierher!" meldete Aoba.

„Alles raus!" brüllte Misato.

Da brachen der Engel und der EVA bereits durch die Wand.

Panisch flüchtete die Brückencrew.

Die MAGI-Rechner wurden im Boden versenkt, verschwanden in tiefen Schächten hinter sich schließenden Panzerschotten von jeweils einem Meter Dicke in Richtung des TerminalDogmas.

Misato blieb am Ausgang stehen, blickte zu den beiden Giganten hinüber, die gerade die Zentrale zerlegten. Die Arme des Engels zerkleinerten die Terminals, gerade implodierte der Monitor, überschüttete die Kontrahenten mit Funken, machte die Grenzen der AT-Felder kurzfristig gut sichtbar.

Die Decke kam herunter.

EVA-01 packte einen langen Stahlträger, schwang ihn wie eine Keule, traf den Engel in der Körpermitte, schleuderte ihn gegen die Wand, drehte den Träger in den Händen, setzte ihn ein wie einen Speer und stieß mit ihm wuchtig nach dem Engel.

Zeruel wich aus, der Stahlträger bohrte sich in die Wand, blieb stecken.

Der EVA gab ein enttäuschtes Brüllen von sich.

Die beiden Gegner verharrten, schienen Atem zu schöpfen.

Misato wich langsam in den Korridor zurück, löste dabei den Blick nicht von Einheit-01.

Sie hatte noch nie zuvor gehört, dass ein EVA einen Laut von sich gab.

Wieder brüllte der EVA. Es klang wie der Schrei eines Raubtieres...

Misato rannte den Korridor hinab...

*** NGE ***

Shinji fühlte nichts außer Kälte.

Die Sorge um Rei-chan, die Angst, sie könnte schwer verletzt sein - oder gar schlimmeres -, die Furcht, sie vielleicht für immer verloren zu haben, alles war wie unter einem Eispanzer eingeschlossen, der sein Herz umgab.

Der Engel hatte seine Rei-chan verletzt...

Rei-chan war bereit gewesen, sich zu opfern, damit er etwas Zeit bekam, Zeit, die nicht nötig gewesen wäre, wäre er da gewesen...

Er hätte sie beschützen müssen...

Der Engel würde für sein Tun büßen...

Shinji registrierte die Treffer, die der Engel landete, sah auch auf dem Schadensmonitor, dass einige davon recht schwer waren, doch er spürte sie kaum, spürte nicht, wie seine Lippe zu bluten begann, nachdem der Engel EVA-01 am Kinn erwischt hatte, spürte nicht, dass sein Hemd am Oberarm aufriss und seine Haut feine Schnitte wie von einem Skalpell zeigte.

Er ignorierte sogar die Anzeige der Akkus. EVA-01 lief bereits die ganze Zeit über auf Batteriestrom...

Der Engel musste besiegt werden, um jeden Preis...

Das war er Rei-chan schuldig...

EVA-01 schien ihm zuzustimmen. Aus der Tiefe des EVAs kam ein ständiger Strom belebender Impulse, die Shinji vorantrieben, begleitet von der Aufforderung, endlich seine Kräfte mit denen des EVA-Bewusstseins zu verbinden.

Noch wehrte er die drängenden Impulse ab...

Mit gesenktem Horn ging er den Engel an, stieß ihn vor sich her. Mehrfach wirbelten sie einander herum.

Shinji ignorierte dem Schmerz, der von seinem immer noch geprellten Rücken ausging, als EVA-01 durch mehrere Trennwände geschleudert wurde, kam wieder auf die Beine, fletschte die Zähne...

Sie waren in der Zentrale!

Misato...

Nein, der Raum war bereits geräumt.

Gut...

Keine Rücksichtnahme nötig...

Wieder schien der EVA zuzustimmen: Keine Unschuldigen, die gefährdet wurden...

Einen Augenblick lang herrschte Stille.

Der Engel schwebte über dem Boden, schien seinen Kontrahenten zu mustern, sofern dies ohne Augen überhaupt möglich war.

Wollte er Zeit schinden?

Wusste er, dass sein Gegner nur wenige Minuten vor dem Zusammenbruch war?

EVA-01 gab ein wütendes Knurren von sich.

Dann griff der Engel wieder an. Peitschenschlagartig trafen seine dünnen Arme auf das AT-Feld des EVAs, einer der Hiebe durchschlug das Feld, fügte EVA-01 eine tiefe Schramme quer über die Brustpanzerung zu.

Der Pilot in der Steuerkapsel spürte nicht, wie sein Hemd und die Haut darunter über der Brust aufrissen.

Die spirituelle Dunkelheit umhüllte ihn wie ein mystischer Schild.

Hier in der Enge des Hauptquartiers war der Engel mit seinen biegsamen gelenklosen Armen klar im Vorteil...

Erstmals seit Beginn des Kampfes zeigte Shinji eine Regung - er blinzelte.

Das war nicht sein Gedanke gewesen, diese taktische Analyse stammte von dem EVA selbst!

Aber es stimmte. Und das hieß, dass er schnellstmöglich mit dem Engel das Hauptquartier verlassen musste...

Shinji konzentrierte sich vollständig auf die Stärke des AT-Feldes von EVA-01. Als Antwort begann sein Feld zu leuchten, als seine Stärke wuchs.

Wieder ließ er EVA-01 den Kopf senken, wieder stürmte er auf den Engel los, doch dieses Mal packte er ihn, ging bewusst das Risiko ein, dass ihre AT-Felder sich gegenseitig negieren könnten.

Erneut ging es durch mehrere Wände, hinterließen sie eine Spur der Verwüstung, die quer durch das Hauptquartier führte. Die Odyssee endete dort, wo sie begonnen hatte: im Hangar.

Shinji stürmte, den Engel immer noch umklammernd, quer durch die Halle, auf eine der Aufzugsplattformen zu, brüllte: „Nummer 5!"

*** NGE ***

Ritsuko Akagi klopfte sich den Staub von der Kleidung. Hinter der ausdruckslosen Fassade ihres Gesichtes war sie ein nervliches Wrack.

Der Kommandoraum des Hangars war größtenteils verwüstet, Ritsuko meinte sich zu erinnern, dass EVA-01 beiläufig mit der Hand durch den Raum gewischt hatte, als er sich auf seinen Gegner gestürzt hatte, allerdings konnte die undeutliche Erinnerung auch die Hand von EVA-03 betreffen, welche den Kommandoraum in Matsushiro zerlegt hatte...

„Maya? Wo bist du?"

Dort wo ihre Assistentin vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte, war die Decke eingestürzt.

Ritsuko sah sich bereits nach einem geeigneten Hilfsmittel um, um Maya Ibuki freizugraben, als sie ein Husten hörte.

„Maya?"

Die jüngere Frau kroch unter einem Terminal hervor.

„Sem-Sempai... das... das..."

„Du lebst..."

Ritsuko atmete tief durch, musste dann husten, weil zu viel Staub in der Luft war.

„Einfach... einfach alles zerstört..."

„Ja." brummte Akagi.

Ein Glück, dass Maya nicht auch in Matsushiro gewesen war...

Sie sah sich um.

Die Monitore und Anzeigen waren allesamt erloschen.

„Hast du deinen Laptop?"

„Ja, Sempai."

Ritsuko ging neben Maya in die Knie, ließ sich den kleinen Koffer reichen, welcher den Laptop enthielt.

„Mal sehen... wenn die MAGI noch arbeiten, müssten wir... Ah, Kontakt... Das darf doch nicht wahr sein..."

Sie schluckte.

„Sempai?"

„Synchronratio 99.999… Oberster Skalenrand! Bei diesem Wert hätten längst die Sicherheitssperren die Synchronverbindung drosseln müssen... Wo ist EVA-01? - Maya, schnell, weg hier!"

„W-w-was?"

Ibuki folgte ihrer Mentorin verwirrt, welche über einen Schuttberg in die andere Hälfte des Raumes kletterte.

Hinter ihnen riss die Wand auf wie Pappmaché.

Die beiden Kämpfenden waren an den Ausgangsort zurückgekehrt!

„Nummer 5!" brüllte Shinji.

Ritsukos Augen weiteten sich, hatten jetzt den menschenmöglichen Anschlag erreicht.

Es war der EVA gewesen, der die Worte abgehackt hervorgestoßen hatte - doch mit Shinjis Stimme...

„Synchronratio 99.999..." murmelte sie. „Tendenz steigend..."

Nummer fünf?

Was meinte er denn damit...

Aufzug Nummer Fünf! - Er wollte den Engel an die Oberfläche bringen!

Glücklicherweise konnte sie auf die Steuerung der Aufzugsplattformen über die Verbindung mit den MAGI Zugriff nehmen.

EVA-01 und der Engel jagten aus der Geofront, rasten nach oben, an die Oberfläche...

*** NGE ***

Ebenfalls in einem Aufzug befand sich Gendo Ikari, nur war er in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Noch in der Kabine entledigte er sich seines LCL-durchnässten und triefenden Jacketts und warf es achtlos auf den Boden.

*** NGE ***

Aufzug Nummer Fünf endete zwischen den Hügeln, die Tokio-3 zu drei Seiten umgaben, es war derselbe Aufzug, den EVA-00 und EVA-01 damals benutzt hatten, als sie zum Fugotoyama aufgebrochen waren. Und er endete weit genug von der Stadt entfernt, um zu vermeiden, dass sich der Kampf in die Straßen verlagern würde.

Die Beschleunigungskräfte schleuderten beide Kontrahenten in die Luft.

Shinji war darauf vorbereitet gewesen, ließ EVA-01 im Fall eine Drehung machen, prügelte noch vor der Landung wieder auf den Engel ein.

Er hatte nur noch eine Minute...

Nur noch eine Minute, um den Gegner zur Rechenschaft zu ziehen...

Nur noch eine Minute, um ihn in der Luft zu zerreißen...

Das waren seine Gedanken... und sie waren es nicht... es waren auch die Gedanken des EVAs, seine Gier nach Leben... Shinji konnte das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden...

Wut...

Zorn...

Hass...

Der Engel hatte den Menschen verletzt, der ihm mehr bedeutete, als alles andere...

Er musste den Engel besiegen...

Für Rei-chan... egal, wie groß das Opfer war...

Und er gab dem Drängen nach, ließ sich von der Dunkelheit vollständig umhüllen...

Plötzlich veränderte sich seine Wahrnehmung.

Vor seinen Augen rasten Zahlenkolonnen dahin, dann erschienen wurzelartige Verzeichnisstrukturen... das Betriebssystem des EVAs. Zum Greifen nahe pulsierten verschiedenste Begriffe in kleinen Blasen. Direkt vor ihm tauchte ein Verzeichnis auf, welches die Sicherheitsprotokolle enthielt.

Drosselung der Synchronverbindung... offline...

Krafteindämmung - aktiv.

Adrenalinblockade - aktiv.

Die letzten beiden Punkte rotierten langsam vor sich hin.

Warum konnte er das sehen...

- Der EVA wollte, dass er es sah...

Was hatte das zu bedeuten... Krafteindämmung... wurde der EVA vielleicht dazu gezwungen, sich zurückzuhalten?

Abschalten...

Konzentriert dachte er den Befehl.

Sicherungen abschalten!

Und EVA-01 schaltete drei Gänge weiter, wurde schneller, legte noch mehr Wucht in seine Schläge, bekam schließlich die Oberhand, prügelte im Takt auf den Engel ein, hatte ihn bereits am Boden. Der Engel war wehrlos, fast schon besiegt. Seine Arme schlugen wirkungslos gegen das jetzt hell glühende AT-Feld von Einheit-01.

Shinji keuchte.

Sein Herz schlug schneller, drohte aus dem Takt zu kommen.

Deshalb also war die Kraft des EVAs beschränkt worden... weil er sonst wirklich alles geben würde...

Aber wenn er dadurch den Engel besiegen würde...

Wenn er dadurch verhindern konnte, dass heute der Third Impact stattfand...

Wenn er dadurch ein paar Tage gewinnen konnte, bis vielleicht der nächste Feind auftauchte...

Wenn er ein paar Tage für Rei-chan gewinnen konnte, so wie sie ein paar Minuten für ihn gewonnen hatte... - dann war es das wert...

Längst hatte der EVA seinen Rhythmus gefunden.

Links-rechts-links-rechts-links...

Das AT-Feld des Engels war nicht mehr vorhanden, bei jedem Schlag, den EVA-01 landete, spritzte eine Fontäne blauen Blutes. Spinnwebenartige Risse überzogen die Hülle des Engels inzwischen, aus denen die blaue Flüssigkeit hervorquoll.

Links-rechts-links-Stillstand.

Die internen Batterien hatten keine Energie mehr abzugeben.

Im EntryPlug wurde es dunkel, die Augen des EVA erloschen.

Der Koloss stand starr über dem Gegner, den er eben gerade noch unangespitzt in den Erdboden hatte rammen wollen, rührte keinen Finger mehr.

Schlagartig lichtete sich die Dunkelheit, welche Shinjis Geist umgeben hatte.

Shinji ruckte und zerrte an den Steuerungselementen, erzeugte keine Reaktion.

„Beweg dich! Beweg dich!"

So konnte es doch nicht enden... so durfte es nicht enden... nicht unmittelbar vor dem Sieg...

Der Engel erkannte seinen Vorteil, packte EVA-01, schleuderte ihn gegen einen Hügel, setzte nach. Zugleich begannen sich die Risse in seiner Haut zu schließen.

Shinji zerrte immer noch an der Steuerung, entsandte konzentrierte Gedankenbefehle, versuchte, den EVA zu erreichen, ihn zur Gegenwehr zu animieren, befahl ihm, das AT-Feld aufzubauen... vergeblich...

Ein Peitschenarm raste heran, trennte den rechten Arm von EVA-01 an der Schulter ab.

„Beweg dich!"

Shinji hatte keine Lust, vom EntryPlug aus mitzuerleben, wie der Engel den EVA auseinandernahm.

Es musste doch einen Weg geben...

Er war der letzte Verteidiger...

Ein Ruck ging durch den EVA, nur schwach und selbst für Shinji nicht von den Vibrationen zu unterscheiden, welche die Schläge des Engels im Plug erzeugten.

Der Engel konzentrierte sich weiter auf seinen Gegner, schlug auf die Brustpanzerung ein, fetzte die Tri-Polymer-Titaniumpanzerung auf, als wäre sie nur aus dünnem Blech.

„Beweg dich endlich. Beweg dich! Bitte! Beweg dich!" schrie Shinji. Immer mehr erfasste ihn Panik.

Er wollte so nicht sterben, nicht ohne zu wissen, ob es Rei-chan gut ging, nicht ohne sie noch einmal in den Armen zu halten...

Das war doch nicht fair! Er war völlig wehrlos! Konnte der Engel sich nicht jemand anderen zum Demontieren suchen, zum Beispiel seinen Vater?

Wieder versuchte er, den EVA zu erreichen, versuchte ihn mittels der Kraft seines Willens in Bewegung zu setzen, schrie ihn mit seinen Gedanken an, forderte, flehte, bettelte...

Unter der aufgebrochenen Brustpanzerung von EVA-01 kam ein rotpulsierendes... Etwas zum Vorschein, einem überdimensionalem Herzen nicht unähnlich.

„Beweg dich!"

Und plötzlich erhielt Shinji Antwort... auch der EVA wollte so nicht enden...

Doch allein, jeder für sich, hatten sie keine Chance. Nur zusammen konnten sie den Engel besiegen... mit vereinter Kraft...

Shinji glaubte mit einem Mal, in einen tiefen Abgrund zu blicken, dessen Boden nur aus wabernder Schwärze bestand. Instinktiv schreckte er zurück.

Nur zusammen konnten sie etwas ausrichten...

Für Rei-chan...

Und Shinji ließ sich fallen.

*** NGE ***

Die Augen des EVA glühten auf, stärker und heller als jemals zuvor. Er stieß einen Schrei aus, voller Schmerz und Wut, brüllte seinen ganzen Zorn heraus. Mit dem noch existierenden Arm fing er den Peitschenarm des Engels ab, riss ihm mit einem Ruck ab, trat den Engel fort von sich. Wieder ein Schrei, triumphierend...

EVA-01 presste den Arm des Engels gegen den eigenen Stumpf, das dünne weiße Material verband sich ohne Verzögerung mit der Schnittstelle, beulte sich dann aus, unter der Oberfläche formten sich Gelenke, Finger, eine Hand... Das assimilierte Zellmaterial platzte auf, offenbarte einen ungepanzerten, muskelbepackten und bronzefarbenen Arm.

Mit neuer Kraft stürzte sich der EVANGELION wieder auf den Engel, rammte ihm die Hand direkt in die Brust, riss ihn auseinander...

Blaues Blut floss in Strömen.

Der Engel wehrte sich immer noch, doch seine Gegenwehr erschlaffte zusehends, während EVA-01 in seinen Innereien wühlte, ihn in mehrere Stücke zerfetzte.

Dann brüllte EVA-01 erneut auf, doch dieses Mal war es ein Siegesschrei.

Der EVANGELION entblößte ein jetzt wieder perfektes Gebiss, öffnete weit die Kiefer, begann seinen Gegner zu fressen...

*** NGE ***

Von einem Aussichtspunkt aus beobachteten Ritsuko Akagi, ihre Assistentin Maya und Misato das Geschehen. Seit über einer halben Stunde war der EVA bereits mit den Resten des Engels zugange, hob immer wieder den blutverschmierten Kopf, um sein Siegesgeheul anzustimmen.

„Unglaublich... Die Synchronisationsrate liegt bei über 400%!" rief Maya. Sie blickte von ihrem Laptop auf, sah, was EVA-01, der gerade diverse Innereien mit den Zähnen aus dem Körper des Engels riss, dem Engel antat, musste sich übergeben.

„Also ist sie erwacht..." flüsterte Ritsuko.

„EVA-01 frisst den Engel..." murmelte Misato und wünschte sich ein Bier, am besten gleich in einer Palette mit fünf weiteren.

„Sie absorbiert das S2-Organ des Engels..."

Ritsuko Akagi verspürte den Drang, laut loszulachen.

EVA-01 warf den Kopf in den Nacken und stieß erneut sein lautes Röhren, seinen Siegesschrei aus.

Unter seiner Panzerung schwollen die Muskeln an, verschoben die Platten, quollen dazwischen hervor. Teile des Panzers lösten sich. Der EVA schien größer und breiter zu werden, verlor dabei einen guten Teil seines menschlichen Äußeren, erinnerte jetzt noch mehr an einen übergroßen Primaten, vor allem, als EVA-01 sich auf allen Vieren aufrichtete und wieder die Nachricht von der Niederlage des Engels herausschrie, sich dann halb aufrichtete, in die Hocke ging und mit dem Oberkörper hin und herpendelte, sich kräftig gegen die Brust schlug.

Misato lief es kalt den Rücken hinab.

Wer - oder was - auch immer den EVA kontrollierte, Shinji war es nicht... der hätte nie im Leben eine solche Sauerei angerichtet... Der EVA verhielt sich wie eine Bestie, Misato erinnerte sich an einen Dokumentarfilm über Menschenaffen, den sie vor langer Zeit einmal gesehen hatte. EVA-01 bewegte sich genauso wie ein Gorilla, der gerade sein Revier erfolgreich verteidigt hatte... oder wie ein Mensch, dessen Urinstinkte durchgebrochen waren...

Das war doch kein Roboter, wie sie noch geglaubt hatte, als sie ihren Dienst bei NERV erstmals angetreten hatte, auch kein Androide. Der EVA verhielt sich wie ein primitiver Wilder...

Maya Ibuki würgte immer noch, obwohl ihr Magen längst leer war.

„Die Fesseln..." murmelte Ritsuko.

„Fesseln...?" echote Misato.

„Ja, es ist keine Rüstung, es sind Fesseln, die uns helfen sollten, EVAs Macht zu kontrollieren, jetzt bricht sie aus, wir können EVA nicht mehr aufhalten."

„Sie?"

Akagi schwieg.

„Und was machen wir jetzt? EVA-01 benimmt sich wie King Kong. - Und die Akkus müssten längst leer sein... trotzdem bewegt er sich noch... wie fangen wir ihn wieder ein?"

Ritsuko schüttelte den Kopf.

„Das ist das S2-Organ des Engels. Daraus bezieht er jetzt seine Kraft. Misato, was wir da eben beobachtet haben, war die Entstehung einer neuen Spezies."

„Willst du etwa sagen, der EVA lebt?"

„Ja. Der Diener hat gerade seine Ketten zerbrochen."

„Und... Shinji? Was ist mit ihm?"

„Bei einer Synchronrate von mehr als 400%?"

Akagi zuckte mit den Schultern.

„Der höchste bisher gemessene Wert lag bei 150..."

„Und der Pilot hat es nicht überlebt, ich weiß..."

„Sempai..." flüsterte Maya, „die MAGI erhalten immer noch Signale aus dem EntryPlug."

EVA-01 warf seinem besiegten, zerrissenen und halbverspeisten Gegner einen letzten Blick zu, dann setzte er sich auf den Boden, lehnte sich gegen den Hügel, zerschmetterte dabei die örtliche Bewaldung.

Das Glühen in seinen Augen erlosch.

*** NGE ***

Kaji betrachtete die Szene von einem anderen Punkt von seinem Wagen aus.

„Was auch immer mit Einheit-01 passiert ist, es wird SEELE nicht entgehen. Gehört das auch zu Ihrem Szenario, Kommandant Ikari?" murmelte er leise.

Dann fuhr er wieder an, blickte auf den kleinen Bildschirm des Peilgerätes in seiner Hand.

Er wollte den Wagen nicht verlieren, in dem drei Männer den Sub-Kommandanten aus der Geofront entführt hatten - wenn die Entfernung zu groß wurde, half auch der Peilsender nichts mehr, den er an dem Wagen angebracht hatte...

19. Zwischenspiel

Rei stand auf einem kahlen Hügel, von dem aus man die Stadt und das Umland überblicken konnte. Wahrscheinlich war es schon eher ein Berg – ein mächtiger, hoher Berg -, doch sie verschwendete an solche Feinheiten keine Gedanken.

Der Wind wehte heftig, ließ ihren Rock hochwirbeln und zerzauste ihr Haar.
Sie blickte stoisch geradeaus.
In der Ferne, mitten im Stadtzentrum rotierte die Diamantstruktur, welche der Manifestation des Engels

Ramiel entsprach, und bohrte sich langsam durch die schützenden Panzerungen, die zwischen den Oberfläche und der Geofront darunter lagen.
Die Sonne wanderte rasch über den Horizont. Die Schatten wurden länger und die Nacht brach herein. Dann wurde es schlagartig dunkel, als in der Stadt alle Lichter verloschen, als es im Umland finster wurde und nur ein paar Sterne am Himmel noch ein wenig Licht spendeten.

Sie drehte den Kopf in Richtung eines anderen Berges.
Dort, am Hang des Fugotoyama, nahm sie die winzigen Lichter der Bereitschaftsleuchten wahr.
Einen Herzschlag später zoomte der Berg in ihrer Wahrnehmung heran, sah sie EVANGELION-Einheit-01 in der Schützenstellung knien, vor sich den Prototypen des Positronengeschützes. Und sie sah Einheit-00, die gerade die mit einem Hitzeschild versehene Unterseite eines SpaceShuttles in Position brachte.

Wie konnte es sein, dass EVA-00 dort war und sie hier…

Die Operation begann.
EVA-01 feuerte das Geschütz ab.
Doch der Engel hatte sie längst wahrgenommen, hatte nur darauf gelauert, dass sie sich als Bedrohung entpuppen würden, um gnadenlos zurückzuschlagen.
Der Schuss wurde abgelenkt.
Ein Donnerschlag hallte über das Land, brachte Fensterscheiben zum Zerklirren und schwächere Strukturen zum Zusammenbruch, ließ Einheit-00 wanken und schleuderte EVA-01 zurück.

Sie sah, wie EVA-01 langsam in die Stellung zurückkroch und die nötigen Handgriffe vornahm, um das Geschütz wieder bereit zu machen, sah, wie EVA-00 den Schild hochriss und sich dem Energiestrahl des Engels entgegenstemmte. Der Schild zerschmolz unter der Hitze, verformte sich erst langsam und zerfiel dann in glühende Bruchstücke.
Die beiden EVAs waren den auf sie einpeitschenden Gewalten aufgeliefert.

Rei glaubte, ein lautstarkes Ticken zu hören, das Geräusch des Timers, bis das Geschütz wieder bereit war.
EVA-00 richtete sich auf, fing den Energiestrahl mit seinem Körper ab, um EVA-01 zu beschützen… um den Piloten zu beschützen.
Dann schallte ein lauter Schrei herüber.

„Ich werde dich... Ahhhh!"

Rei erkannte ihre eigene Stimme.
EVA-00 stand noch immer mit ausgebreiteten Armen da, mitten in der Bahn des Energiestrahls. Aus der Mündung des Geschützes drang feuriges Glühen.
Alles stand still…

„Du warst bereit, für ihn zu sterben." verkündete eine leise, monotone Stimme hinter ihr.

Rei drehte sich langsam um, sah sich selbst.
Die andere Rei trug eine PlugSuit, ein Arm war bandagiert und steckte in einer Schlinge, eine Bandage verdeckte das linke Auge. Auch der rechte Oberschenkel war verbunden. Das Gesicht war bar jeder Gefühle und der Blick ihrer roten Augen war gnadenlos bohrend.

„Ja." bestätigte sie nur.

Ramiel und die EVAs verschwanden, lösten sich einfach auf.

Die Ortschaft Matsushiro schoss regelrecht in Reis Blickfeld. Und mit ihr der besessene EVA-03. Gerade lief EVA-00 in weitem Bogen um die übernommene Einheit herum, um den Status der Steuerkapsel zu überprüfen.
Sie sah, wie der zyklopenhafte EVANGELION verharrte, wusste, dass ihrem früheren Ich in diesem Moment klar wurde, dass Hikari sich immer noch im EntryPlug befinden musste, erinnerte sich daran, wie ihr klar wurde, dass sie nicht wie befohlen den EVA/Engel ausschalten konnte, weil sie befürchtete, der Pilotin zu schaden.
Die Strafe für das Zögern folgte sofort, als der besessene EVA reagierte und auf Einheit-00 einzuschlagen begann.

Wieder hallte ein Schmerzensschrei durch die Luft, dessen Quelle Rei nur allzu gut kannte.

„Du warst bereit, für andere zu sterben."
Dieses Mal kam die Stimme von der anderen Seite.
Dort stand eine weitere Rei, sie trug einen knielangen Rock und einen kurzärmeligen Pullover über der Bluse. Auf Reis fragenden Blick reagierte sie mit einem Lächeln.

„Ja", bestätigte Rei wieder nur.

Wieder veränderte sich ihr Blickfeld, ihr war, als rase sie fort von Matsushiro und wieder auf die Stadt zu. Doch sie wurde nicht langsamer. Dafür brach der Boden auf und verschlang die Stadt, als sich ihr der Blick bis hinab in die Geofront auftat.

Dort wütete der letzte Engel, der Tokio-3 angegriffen hatte, jener Koloss in Schwarz, Grau und Rot, dessen papierdünne, aber dafür umso schärfere Tentakelarme gerade EVA-02 die Arme und den Kopf abgetrennt hatten. Aus ihrer Beobachterperspektive sah sie den einarmigen EVA-00 heranstürmen, in der Hand die N

2-Mine. Ihr wurde klar, dass allein ihr Wille und ihre Verzweiflung das AT-Feld Zeruels überwanden und durchdrangen.
Doch auch dies genügte nicht, die Explosion hatte nicht die erhoffte Wirkung wie bei früheren Einsätzen gegen einen Engel. Dieser Gegner erwies sich als zäher, schüttelte die Wirkung regelrecht ab, während der EVA nun ohne Arme und mit verbannter Oberfläche dastand. Die Peitschenarme zuckten heran und zerfetzten den EVANGELION.

„Warum hast du das getan?"

Neben ihr war eine dritte Version ihrer selbst aufgetaucht. Doch diese Rei wirkte anders. Während die erste vielleicht eine Personifikation ihrer Vergangenheit war, ein Abbild ihres Wesens ehe sie ihren Shin-chan getroffen hatte, und die zweite eine Repräsentation ihres gegenwärtigen Zustandes, so wich die dritte völlig davon ab. Sie wirkte erwachsen, war vielleicht zwei, drei Zentimeter größer als Rei und trug eine beige NERV-Uniform. Auf den Schulterklappen glänzten die Abzeichen eines Colonels und auf der linken Brustseite der Uniformjacke stand der Schriftzug R. Ikari.

„Shin-chan brauchte Zeit."

„Du bist dir ganz sicher, dass er kommen wird?"

„Ja."

„Und wenn er nicht rechtzeitig kommt, um dich zu retten? Wenn der Engel sein Werk vollendet, ehe EVA-01 herbeieilen kann?"

„Ich bin ersetzbar. Er nicht. Er muss leben."

„Du bist immer noch bereit, für ihn zu sterben."
Keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Ja."
Dennoch antwortete sie.

„Das genügt nicht."

„Nicht…" wiederholte sie.
Sie blickte wieder von ihrem Aussichtpunkt auf der Spitze der NERV-Pyramide nach unten.

„Bist du auch bereit, für ihn zu leben?"

Ihr Blick bohrte sich in den der älter wirkenden, während die beiden anderen Personifikationen sich in Nebel auflösten.

„Shinji…"
Vor ihrem geistigen Auge zogen Bilder Revue und in ihren Ohren hallten Worte wieder.

Shinjis verschwommenes Gesicht an jenem Tag seiner Ankunft, als er sie instinktiv beschützen wollte. Der Blick, mit dem er sich verabschiedete, als es so aussah, als verlasse er NERV und Tokio-3. Sein trauriger Blick auf dem Fugotoyama, die Freudentränen, die er vergoss, als er erkannte, dass sie überlebt hatte. Der friedliche Ausdruck in seinem Gesicht, während er in ihren Armen schlief…
Wunderschön… nicht für mich… so traurig… bist stark… ich liebe dich… hallten seine Worte in ihren Ohren wieder.
Sie sah hinab zu den langsam in Zeitlupe zu Boden stürzenden Resten von Einheit-00.
Sie befand sich immer noch im EntryPlug…
Schmerzen durchzuckten ihren Körper. Ihre Beine knickten ein und sie presste sich die plötzlich gefühllosen Hände gegen den Leib, als versuchte sie, ihre Eingeweide an Ort zu halten.
Der Wind wurde stärker, wuchs zu einem wahren Orkan heran.
Sie musste nur loslassen und sich fortwehen lassen. Dann würde alles zurückbleiben, würde sie keine Schmerzen mehr verspüren, kein Leid, keine Einsamkeit. Würde sie nie mehr vor Gewissenkonflikten stehen und sich mit Gefühlen und Entscheidungen belasten müssen. Sie musste nur loslassen… und sterben…
Das Rauschen des Windes schwoll zu einem Sirenenruf an, einem Lockruf, dem sie nur Folge leisten musste…
Sie musste nur loslassen und diese schmerzerfüllte Existenz zurücklassen, musste nur weglaufen… doch sie konnte es nicht…

„Ja", flüsterte sie, „Ja, ich will für ihn leben…"

„Wahrheit."

*** NGE ***

Im finsteren EntryPlug von EVA-00 hing Rei in den Haltegurten. Blut sickerte ihr aus der Nase und dem Mundwinkel. Ihre Augenlider erbebten, bis sie sich unter unsagbaren Anstrengungen zu schmalen Schlitzen öffnen ließen.
Und während draußen die Erde beim Kampf der Giganten erbebte, flüsterte das Mädchen mit den roten Augen kaum hörbar:
„Ich will für ihn leben…"

Kapitel 39 - 21 Tage - Die Wissenschaftler

Tag 0

Im Laufe der Nacht war EVA-01 zurück in die Geofront gebracht worden. Entgegen der insgeheimen Erwartungen Misatos und Ritsukos war er nicht plötzlich wieder erwacht. Jetzt hing er wie leblos in den Stahlhalterungen seines Käfigs. Nur die Klammern der Fesseln hielten ihn aufrecht.

Aus dem provisorisch aufgeräumten Kontrollraum kommandierte Akagi die Techniker und Ingenieure, ließ Stück für Stück die Teile der Panzerung von EVA-01 entfernen. Unter dem Helm kam ein kahler Schädel zum Vorschein, über den sich eine vielfach aufgeplatzte fleckige Hautschicht straff spannte. Der Schädel erinnerte durch die wulstigen Augenbrauen und die sonstigen auffälligen Gesichtszüge tatsächlich an einen Urmenschen.

Misato äußerte ihre entsprechenden Gedanken.

„Du hast Recht. Wir haben im endgültigen Design absichtlich auf dieses Aussehen zurückgegriffen. Unsere Vorfahren verfügten zwar nicht über die Gehirnkapazität, die wir besitzen, aber EVA-01 sollte ja auch nicht denken, sondern kämpfen. Sein Vorbild war der CroMagnon-Mensch, Platz genug für die Computeranlage und das andere Zeug war da allemal." rasselte Ritsuko Fakten hinunter.

„Und was ist nun mit Shinji-kun?"

„Der EntryPlug widersetzt sich dem Evakuierungsbefehl, wir haben auch keine Verbindung mit den Systemen des EVAs, alles was wir wissen, ist dass die Lebenserhaltung des Plugs auf Hochtouren läuft und die Synchronverbindung immer noch mit unveränderter Stärke steht. Sobald die Rückenpanzerung entfernt ist, werde ich versuchen, eine Sonde in den Plug einzuführen, vielleicht müssen wir ihn auch freischneiden, fragt sich nur, ob das dem EVA gefallen wird."

„Du musst Shinji-kun da raus holen, Ritsuko! Du hast dieses Ding doch gebaut, wenn du es nicht schaffst, wer dann?"

„Jemand sollte immer hier sein und Einheit-01 im Auge behalten, ich traue dem Frieden nicht, er ist im Augenblick zwar inaktiv, aber die MAGI messen in seinem Inneren eine starke Energiequelle an."

„Das S2-Organ?"

„Ja, wie ich es sehe, hat er es vollständig assimiliert, wie er es mit dem Arm gemacht hat. Das übersteigt die Fähigkeiten, die ich ihm gegeben habe, bei weitem. Mit genug Zeit, Energiezufuhr und einem stimulierenden LCL-Bad wäre er imstande gewesen, den Arm zu regenerieren, aber das hätte im besten Fall wenigstens zwei Wochen gedauert und optimale Umstände gebraucht. Aber das Zellgewebe des Engels einfach dem seinen anzupassen... Mit dem S2-Organ ist er von externer Energiezufuhr unabhängig. Meinen Theorien nach funktioniert es wie ein verbessertes Perpetuum Mobile - es treibt sich selbst an und erzeugt dabei noch überschüssige Energie. Das oder es bezieht seine Energie aus einer anderen Dimension oder Bereichen, die wir nicht anmessen können."

„Ahm, Ritsuko, wie können wir den EVA dann noch kontrollieren? Stecker ziehen und warten, bis er umfällt, läuft jetzt nicht mehr..."

„Korrekt. Aber ich denke, er ist immer noch auf einen Piloten angewiesen. Ohne die Synchron-Verbindung fehlt ihm ein steuernder Geist. Es ist also immanent wichtig, Shinji aus dem Plug zu befreien."

„Das sage ich doch schon die ganze Zeit."

Ritsukos Handy piepte.

„Ja? - Ja, danke."

Sie legte wieder auf.

„Wer war das?"

„Die Krankenstation. Ich wollte informiert werden, wenn Rei wieder zu sich kommt."

„Oh, Gott, die beiden anderen hatte ich ganz vergessen... Soll ich gehen?"

„Nein, lass mich das machen."

„Willst du wirklich? Ich meine, wir wissen nicht, was mit Shinji ist... vielleicht..."

„Ich bringe es Rei schonend bei, versprochen. Aber vorher will ich mir ihre Untersuchungsergebnisse ansehen."

„Gut, ich halte hier die Stellung."

Ritsuko verließ den Hangarbereich.

Die Korridore waren mittlerweile größtenteils wieder passierbar, an einigen Ecken häuften sich noch Schuttberge auf, aber eine einzelne Person konnte problemlos daran vorbeischlüpfen. In der Nähe der Kommandozentrale sah es schon schlimmer aus, dort stand ein Teil der Struktur vor dem Einsturz. Glücklicherweise war der Großteil der Anlage noch rechtzeitig geräumt worden, allerdings gab es eine Handvoll Verluste. Ganz oben auf der Liste der Vermissten stand der Stellvertretende Kommandant, Kozo Fuyutsuki.

Doktor Akagi war nicht die einzige Person, die hoffte, dass der Professor lebend und möglichst unverletzt aus den Trümmern geborgen wurde, war er doch der einzige Mensch, welcher den Kommandanten etwas ausbremsen konnte.

*** NGE ***

Die Krankenstation war unmittelbar nach dem Angriff mit Verletzten fast übergequollen, doch inzwischen hatte sich die Lage beruhigt, leichte Verletzungen waren ambulant behandelt worden, ein paar Patienten in das Städtische Krankenhaus verlegt worden. In der Stadt selbst hatte es nur Sachschäden gegeben, der Engel war viel zu zielstrebig vorgegangen, als dass Unbeteiligte zu Schaden gekommen wären.

Akagi humpelte ins Ärztezimmer, begrüßte die ihr eigentlich unterstellten Mediziner knapp und verlangte die Krankenblätter der Piloten. Dann ging sie selbige besuchen.

Asuka lief ihr bereits auf dem Flur über den Weg, barfuß und nur mit einem Krankenhausnachthemd bekleidet. Ihr Gesicht war immer noch dunkelblau angeschwollen - die Folge ihrer Kollision mit der Wand -, doch das hielt sie nicht davon ab, die Hände in die Hüften zu stemmen und Akagi wütend anzusehen.

„Endlich kommt jemand, der etwas zu sagen hat!"

Akagi hob die Augenbrauen.

„Ja?"

„Ich will wissen, was mit meinem EVA ist. Und ich will meine Sachen und sofort entlassen werden. Und wehe, Sie versuchen mir auch ein Beruhigungsmittel zu spritzen, wie es die Schwester getan hat, noch mal lasse ich das nicht mit mir machen!"

„Dein EVA ist schwer beschädigt. Aber wir haben ausreichend Ersatzteile, um ihn wieder klar zu bekommen."

„Gut, aber pronto, klar? Ich erwarte, dass EVA-02 vorrangig behandelt wird!"

Ritsuko schnaubte. Auf ihrer Stirn schwoll eine Zornesader an.

„Ich will, ich verlange, ich erwarte... ist das alles, was du kannst? Du bist nicht die einzige Pilotin im Team. Alle EVAs haben Schäden genommen, wir hatten vielleicht sogar Verluste unter den Piloten!"

„Ach, ist First abgekratzt?"

Ritsuko warf ihr einen finsteren Blick zu, ging dann an ihr vorbei.

„He, lassen Sie mich nicht einfach hier stehen! Ich will wissen, was passiert ist, die Schwestern wissen ja von nichts! Sie können mich nicht ignorieren! NERV braucht mich, ihr habt keine andere Pilotin!"

Ritsuko ließ sie zetern, drehte sich nicht um.

Das medizinische Personal hatte ihre Anweisung befolgt und die Pilotinnen getrennt voneinander untergebracht... gut... sie konnten es sich nicht leisten, wenn sie sich wieder an die Kehle sprangen...

Kurz verharrte sie vor dem Zimmer, in dem Kaworu Nagisa untergebracht worden war, blickte durch die Beobachtungsscheibe.

Der Junge schlief immer noch. Und immer noch fehlte eine Erklärung für seinen Zustand, ebenso wie beim Fourth Child, nur starrte er nicht unbeteiligt in die Welt...

Das nächste Zimmer...

Ritsuko streckte die Hand nach der Klinke aus, um einzutreten, zögerte dann aber und klopfte.

„Ja?" kam von drinnen eine schwache Stimme.

Die Tür wurde von innen von einer Krankenschwester geöffnet.

Ritsuko trat ein.

„Lassen Sie uns allein." wies sie die Schwester an, trat dann an das Bett, in dem Rei lag. Ein dünnes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, zu mehr war sie angesichts des Zustandes, in welchem das Mädchen sich befand, nicht fähig.

„Hallo."

„Doktor Akagi."

„Wie fühlst du dich, Rei?"

„Ich spüre meine Beine nicht mehr."

Rei blickte Akagi hilfesuchend mit ihren scharlachroten Augen an.

„Ich kann sie nicht bewegen. Es ist, als wären sie gar nicht mehr da, dabei kann ich sie doch noch sehen..."

Sie schlug die Decke zurück, stemmte sich mit den Armen in eine sitzende Position. Rei trug ein knielanges Krankenhausnachthemd, sie schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel.

„Ich fühle überhaupt nichts!"

Ritsuko nickte.

„Ich habe den medizinischen Bericht bereits gelesen. Der Engel hat deinen EVA zerfetzt, während ihr noch synchron gewesen seid. Der Schock hat dein Nervensystem beschädigt, aber das heilt wieder. Bei deinen Regenerationskräften wirst du schon bald wieder gehen können."

Sie korrigierte die Einstellung des Kopfteiles des Bettes, so dass Rei sich zurücklehnen konnte.

„Dein Körper ist derzeit nur der Ansicht, dass deine Beine im Augenblick nicht... gegenwärtig sind, dein Verstand sagt dir etwas anderes. Es ist doch häufig so, dass Instinkt und logisches Denken zu gegenteiligen Auffassungen kommen."

„Ja... Ich werde also wieder gehen können. Gut. Ich wusste nicht, wie bedeutend derartiges ist - bis heute. Ich möchte niemanden zur Last fallen... auch nicht Shinji-kun. Wo ist er?"

„Ahm, Rei... es gibt schlechte Neuigkeiten..." setzte Ritsuko an.

Tiefer Schrecken breitete sich auf Reis Zügen aus.

Shin-chan war verletzt... nach dem Tonfall und den Worten Doktor Akagis wahrscheinlich schwer... er verfügte nur über gewöhnliche menschliche Selbstheilungskräfte...

„Was ist mit ihm? Bitte, sagen Sie es mir!"

„Wir wissen es nicht. Rei... du musst stark sein..."

„Was ist geschehen?"

„Während des Kampfes sind verschiedene Sicherheitssperren ausgefallen. Zwischen Shinji und Einheit-01 ist eine sehr starke Verbindung entstanden..."

„Eine sehr starke Verbindung?"

„Ja, sie besteht immer noch. Das Synchratio liegt jenseits der 400er-Grenze."

„Nein..." flüsterte Rei. „Das kann niemand überleben... die ersten Tests..."

„Ich weiß. Aber wir erhalten immer noch Signale aus dem Plug, welche den Erfahrungswerten widersprechen. Noch besteht Hoffnung."

„Ich muss zu ihm. Ich muss ihn sehen."

„Du bist noch zu angeschlagen, ruh dich noch ein wenig aus."

„Doktor Akagi, ich muss sehen, was passiert ist... mein Shinji..."

Reis Augen schimmerten feucht.

Ritsuko schluckte.

Das Begehren des Mädchens widersprach jeder medizinischen Vorsicht.

„Wenn du etwas stärker bist... du musst etwas essen und schlafen und..."

„Doktor Akagi... bitte... Ich weiß, Sie mögen mich nicht, vielleicht hassen Sie mich sogar, aber ich bitte Sie..."

Ritsuko spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen.

Sie wusste es... sie hatte es die ganze Zeit über gewusst, hatte ihre finsteren Blicke richtig zu deuten verstanden... was hatte sie diesem Kind nur angetan...

Akagi ließ sich auf die Bettkante sinken, strich Rei zögerlich über den Kopf. Im ersten Moment zuckte das blauhaarige Mädchen zurück, saß dann aber still, blickte sie nur flehend an.

„Rei, ich hasse dich nicht... vielleicht habe ich dich einmal gehasst, bevor ich Gendo... Kommandant Ikari durchschaut habe... weil ich Angst hatte, du könntest ihn mir wegnehmen..."

„Wegnehmen? Den Kommandanten?"

„Ja. Er und ich, wir haben... oder hatten, bin mir da nicht ganz sicher, ein Verhältnis... du weißt schon..."

„Sie und... der Kommandant?" flüsterte Rei.

Ihr Bild von Gendo Ikari brach vollends zusammen. Der Kommandant, den sie früher immer für über die Gelüste des Fleisches erhaben gehalten hatte, war also wirklich nur ein ganz gewöhnlicher Mensch...

„Ich und er, ja. Am Anfang, vor langer Zeit, da war er noch zärtlich, hat mich umworben... doch als er hatte, was er wollte, kam sein wahres Gesicht zum Vorschein. Er hat mich nie so angesehen, wie Shinji dich ansieht - und er hat mir nie gesagt, dass er mich liebt, nicht einmal mit Blicken; er kennt nur Begehren und Verlangen, stellt Besitzansprüche über andere Menschen... nein, ich hasse dich nicht, im Gegenteil, ich bin stolz darauf, was aus dir geworden ist."

„Was bin ich in Ihren Augen?"

„Ein Mensch, Rei, ganz einfach ein Mensch. Mit menschlichen Gefühlen und menschlichen Schwächen, ich schätze, andernfalls hättest du niemals Shinjis Rei-chan werden können."

„Shinji-kun... Doktor Akagi, können Sie mich nicht doch zu ihm bringen?"

Die Wissenschaftlerin seufzte.

Ihr weiblicher Mutterinstinkt schien ihr zuzurufen, die Bitte abzulehnen, schließlich hatte Rei in den letzten Stunden viel durchgemacht und brauchte dringend Ruhe. Doch als Frau verstand sie nur zu gut, was in Rei vorging.

„Gut. Warte noch einen Moment, ich organisiere einen Rollstuhl."

„Danke, Doktor..."

„Ritsuko genügt, in Ordnung?"

„Ahm... Ritsuko-san..."

„Ja. ´Bin gleich zurück."

*** NGE ***

Akagi kehrte mit dem versprochenen Rollstuhl zurück, schob ihn neben das Bett des Mädchens. Kurz überlegte sie die Krankenschwester zu rufen, entschied sich aber dagegen, die Frau würde nur ihr Urteil in Frage stellen. Stattdessen half sie Rei, die Beine über die Bettkante zu schwingen.

„So, Rei, jetzt kommt der etwas schwierige Teil - leg die Arme um meinen Hals, ich hebe dich in den Stuhl hinüber."

„Ja, Dok... Ritsuko-san."

Ritsuko verlagerte ihr Gewicht auf den gesunden Fuß, die ganzen letzten Strapazen hatten ihrem während des Desasters mit EVA-03 angeschlagenen Knöchel überhaupt nicht zum Vorteil gereicht, wahrscheinlich würde sie die nächsten Tage wieder mit dem Stützverband herumlaufen müssen.

„Auf drei. Eins... zwei... drei..."

Sie biss die Zähne zusammen, zog Rei in die Höhe und in den Stuhl, wunderte sich, wie leicht sie war.

„Das wäre geschafft."

„Danke."

„So, und jetzt statten wir EVA-01 einen Besuch ab..."

*** NGE ***

Ritsuko schob den Rollstuhl durch die Flure der Krankenstation.

Für Rei war es nichts Neues in einem Rollstuhl zu sitzen, nach dem Amoklauf von EVA-00 während des allerersten Aktivierungstests hatte sie wegen ihrer inneren Verletzungen auch eine Zeitlang nicht laufen dürfen.

Natürlich stand Asuka immer noch auf dem Flur und suchte wütend nach jemandem, den sie anbrüllen konnte.

„Was, Wondergirl in einem Rollstuhl? Hat der Engel dir das Kreuz gebrochen?"

„Nein, Soryu", antwortete Rei mit hörbarer Kälte.

„Pfff. Natürlich, du kriegst wieder die Sonderbehandlung."

„Im Gegensatz zu dir kennt sie das Wörtchen ´bitte´, Asuka", schnappte Akagi.

Der Rothaarigen fehlten die Worte.

*** NGE ***

Tag 1

Misato blickte schräg zu dem Laufsteg hinauf, auf dem Rei, eine Decke über den Knien, in ihrem Rollstuhl saß, und mit EVA-01 stumme Zwiesprache zu halten schien.

„Mich nimmt das ja schon ganz schön mit, wie mag es dann erst bei ihr sein", murmelte sie.

„Ja... Misato, behalte sie im Auge, ich gehe jetzt und mache mit Maya eine Bestandsaufnahme, wir haben die Auflistung der Schäden an den anderen EVAs endlich abgeschlossen."

„Du hattest doch etwas von zwei Wochen gesagt..."

„Das war die erste vorsichtige Schätzung, einige Beschädigungen sind so stark, dass ich vielleicht improvisieren muss. Kommandant Ikari will bis heute Mittag meinen Bericht."

Misato nickte.

*** NGE ***

Rei starrte EVA-01 an, doch in den Augen des Giganten zeigte sich keine Reaktion, kein Funkeln, kein kurzes Aufglühen.

Äußerlich war sie völlig ruhig, doch innerlich brüllte sie auf den EVA ein, ihren Shin-chan freizugeben...

*** NGE ***

Maya und Ritsuko marschierten durch eine benachbarte Halle, eine der EVA-Einheiten nach der anderen in Augenschein nehmend.

EVA-00 und -02 lagen in langen Becken, welche mit LCL gefüllt waren. Die schwere Verletzung, welche EVA-00 im Bauchbereich davongetragen hatte, hatte bereits begonnen, zuzuwuchern und sich zu schließen.

„Einheiten-00 und -02 sind schwer beschädigt, die können wir nicht einfach wieder zusammenflicken." Mayas Augen waren auf ihren Laptop gerichtet.

„Es wird einige Zeit dauern, bis alles wieder im vorherigen Zustand ist. Vor allem mit EVA-02 wird es Schwierigkeiten geben - der Ersatzkopf passt irgendwie nicht zu den Anschlüssen. Wir werden wohl den alten nehmen müssen, hoffentlich hat die Elektronik nicht zu viel abbekommen."

„Glücklicherweise können die MAGI wieder in Betrieb genommen werden, morgen können wir die Arbeit wieder aufnehmen." beeilte Maya sich, von dem Thema abzulenken. Immer wenn Sempai Akagi über EVAs und Ersatzteile sprach, fühlte sie sich wie die Assistentin von Doktor Frankenstein – derartiges hatte sie wirklich nicht erwartet, als sie die Versetzung zum wissenschaftlichen Stab von NERV beantragt hatte, um unter der Koryphäe auf dem Gebiet künstlicher Intelligenz – Doktor Ritsuko Akagi – lernen zu können.

„Der Kontrollraum des Hangars ist ziemlich beschädigt, ebenso die Zentrale, wir müssen in den Reserve-Kontrollraum ausweichen, bis wieder alles freigeben ist."

„Ohne die MAGI?"

„Vorerst, bis die provisorischen Datenleitungen stehen. Wir fangen morgen an. Heute versuche ich erst einmal, mit herkömmlichen Mitteln an weitere Information aus dem EntryPlug von EVA-01 zu kommen."

*** NGE ***

Misato stand vor Einheit-01. EVA-01 befand sich in einem Käfig, die Gliedmaßen waren mit zusätzlichen Stahlbändern an die Käfigwände gefesselt

„EVA-01 wurde gefesselt… wie ist sein Status?"

„Weder Hitze, Elektronen, noch elektromagnetische Wellen oder andere Energieausstrahlungen konnten festgestellt werden, das S2-Organ ist völlig inaktiv." las Ritsuko die Ergebnisse der Messungen von ihrem eigenen Laptop ab.

Die beiden Frauen und Maya standen neben Reis Rollstuhl auf dem Laufsteg.

„Dennoch hat sich Einheit-01 dreimal bewegt."

Maya sah auf.

„Trotzdem ist es hoffnungslos, das Auswurfsignal für den EntryPlug wurde nicht akzeptiert."

„Was ist mit dem Backup und dem Dummy-System?"

„Werden ebenfalls abgelehnt, Colonel, sogar die Direktverbindungen sind unterbrochen."

„Er ist noch da drin, ich fühle ihn", sagte Rei leise.

Ritsuko und Misato tauschten einen wissenden Blick aus.

„Die ständige Synchronverbindung zwischen den beiden?"

„Genau, Misato, genau! Rei, versuch dich zu konzentrieren, vielleicht kannst du ihn erreichen..."

„Nein, Ritsuko-san, das habe ich bereits versucht. Ich spüre Shinji-kuns Gegenwart, aber nicht mehr, es ist, als befände er sich hinter einer dicken Mauer."

„Gut, aber versuch es weiter."

Rei nickte.

„Du kannst nicht die ganze Zeit hier bleiben, du brauchst immer noch Ruhe, damit dein Körper sich erholen kann."

„Ich benötige keinen Schlaf."

„Aber du tust Shinji damit keinen Gefallen. EVA-01 läuft nicht weg..."

„Hoffentlich", warf Misato düster ein.

Maya zuckte heftig zusammen.

„Danke, Misato, für deine Unterstützung", brummte Ritsuko. „Rei, du brauchst nicht zurück auf die Krankenstation, du kannst, solange du auf den Rollstuhl angewiesen bist, in meiner Unterkunft hier im Hauptquartier wohnen. Ich habe ein paar Räume gleich den Gang ´runter, schaffe es ohnehin nie, sie zu benutzen."

„Weil du immer auf deinem Schreibtisch schläfst, Ritsuko."

„Immer noch besser als auf dem Küchentisch. - Rei, wir gehen jetzt in den Kontrollraum und sehen uns an, ob die Ergebnisse der Sonde etwas Aufklärung bringen können."

„Ja."

Die drei Frauen stiegen die Treppe zum Kontrollraum des Testcenters hinauf.

Der Ersatzkontrollraum war kleiner als die während des Kampfes zerstörte Einrichtung, teilweise lag Staub auf den Terminals und einige der Monitore waren noch mit einer schützenden Lage durchsichtiger Klebefolie bedeckt.

Makoto Hyuga hielt sich bereits oben auf und überwachte die Tätigkeiten der anwesenden Wissenschaftler.

„Wir konnten über die Sonde die Videoverbindung wieder herstellen, ich übertrage das Bild auf den Hauptmonitor."

Der EntryPlug war leer, sah man von der LCL-Flüssigkeit ab. Von Shinji Ikari war nichts zu sehen. Allerdings schwammen seine Sachen in der Flüssigkeit - Hemd, Hose, Socken, Schuhe, Unterwäsche...

„Was..." flüsterte Misato.

„Das also ist die Wahrheit hinter einer Synchronisationsrate von 400%."

Akagis Stimme klang bitter.

„Das glaube ich nicht, was ist mit Shinji-kun?"

„EVA-01 hat ihn absorbiert."

„Wie meinst du das, Ritsuko?"

„Der EVA hat Shinji-kuns genetisches Material ebenso assimiliert, wie er den Arm des Engels assimiliert hat."

„Was ist EVA?"

„Ein menschenähnliches Wesen, erschaffen von Menschenhand."

„Erschaffen von Menschen? Es hieß doch, EVA wäre nach dem Vorbild des Engels erschaffen worden, der in der Antarktis gefunden worden war... auch wenn du und ein paar andere ein paar Modifikationen am Design vorgenommen habt..."

„Das ist keine einfache Kopie, ein menschlicher Wille steuert EVA."

„Heißt das, Shinji-kuns Zustand war gewollt?"

„Vielleicht von EVA, ja."

„Verdammt, Ritsuko, tu etwas, du hast dieses... Ding geschaffen, oder? Du kennst es doch besser als jeder andere!"

Akagi nickte.

„Ich werde tun, was ich kann."

Sie blickte aus dem Beobachtungsfenster zu Rei hinüber.

„Ich verspreche es."

*** NGE ***

Tag 2

Im Hangar hatte sich nichts verändert.

Rei saß wieder auf dem Laufsteg und versuchte, EVA-01 mit ihrem starren Blick dazu zu zwingen, ihren Geliebten freizugeben.

Der EVA rührte sich nicht, sah man von Muskelzuckungen ab, die im Schnitt alle zwei Stunden auftraten. Inzwischen war die Panzerung komplett entfernt worden. Die Haut des EVAs hatte größtenteils die Farbe einer Wasserleiche, sah man von dem „frischen" Arm ab aus der assimilierten Zellstruktur des Engels. Der Koloss besaß kein Geschlecht, etwas das nicht nur Misato mit seltsamer Erleichterung festgestellt hatte - immerhin wäre es doch möglich gewesen, dass die EVAs andernfalls sich vielleicht sogar hätten fortpflanzen können...

*** NGE ***

Tag 3

„Ich habe sie!" erklärte Ritsuko triumphierend und warf einen Schnellhefter auf den Tisch.

„Shinji-Bergungsprojekt?" las Misato die Worte auf dem Deckblatt.

„Ja", antwortete Ritsuko. „Shinji existiert noch, irgendwo da drinnen, ihn zu verlieren, ist nicht akzeptabel. Ich habe die Erlaubnis, alles zu versuchen, um ihn da rauszuholen."

„Ich weiß nicht - was NERV will, ist doch nicht ein lebendiger Shinji, sondern Einheit-01 als Werkzeug."

„Ich habe nur die Worte von Kommandant Ikari wiederholt."

„Wirklich?"

„Naja, nicht ganz. Du hast eigentlich schon recht - aber ich habe freie Hand, alles zu tun, um den Plug zu entfernen und die Synchronverbindung zu unterbrechen."

„Unserer Theorie nach befindet sich Shinji-kun immer noch im EntryPlug in entstofflichter Form, weil er seine Körperlichkeit verloren hat." erklärte Maya.

„Du meinst, Shinji-kun hat sich in etwas verwandelt, was wir visuell nicht identifizieren können… was wir nicht sehen können?"

„Ja. Das LCL im EntryPlug entspricht momentan in seiner Zusammensetzung der sogenannten Ursuppe aus den Anfängen des Lebens auf der Erde."

„Na, lecker."

Ritsuko schaltete sich ein.

„Alle Stoffe, aus denen ein menschlicher - also auch Shinjis - Körper besteht, befinden sich im EntryPlug. Ebenso seine Seele. Bergung bedeutet, seinen Körper zu rekonstruieren und seine Seele darin zu fixieren."

„Ist das möglich?" fragte Misato mit blassem Gesicht.

„Mit Hilfe der MAGI."

„Aber das nur die Theorie... seine Seele zu fixieren, das klingt sogar für deine Verhältnisse recht esoterisch."

„Solange die Synchronverbindung zwischen Shinjis Bewusstsein und dem EVA noch besteht, wissen wir, dass es ihn noch gibt - und ich habe bereits gesagt, ich hole ihn da raus!"

*** NGE ***

Tag 5

„Hat irgendjemand eigentlich Kaji seit dem Angriff des Engels gesehen?" fragte Misato plötzlich.

Ritsuko sah sie überrascht an.

„Nein... seltsam..."

„Unter gewöhnlichen Umständen wäre er doch längst hier vorbeigekommen... schon vor Tagen..."

„Wo war er, als der Engel in die Geofront eindrang?"

„Keine Ahnung. Soweit ich weiß, wollte er Shinji etwas zeigen, aber... ihm wird doch nichts zugestoßen sein..."

„Kaji? Unwahrscheinlich. Unkraut vergeht nicht."

„Und den Sub-Kommandanten hat man bisher auch nicht gefunden."

„Bis alle beschädigten Sektionen wieder vom Schutt geräumt und sicher begehbar sind, können durchaus noch ein, zwei Wochen vergehen."

*** NGE ***

Tag 9

„Würden Sie mir einen Gefallen tun, Misato-san?"

Misato blickte schräg nach unten in das Gesicht des Mädchens mit den scharlachroten Augen.

„Was kann ich für dich tun, Rei?"

„Würden Sie mir morgen, wenn Sie ins Hauptquartier kommen, meine Geige mitbringen? Sie befindet sich neben dem Schreibtisch, in der Nische zwischen Tisch und Nachtschrank."

„Ja, gern..."

„Ich wollte Shinji-kun immer etwas darauf vorspielen... so wie er einmal für mich auf seinem Cello gespielt hat."

„Verstehe..."

„Misato-san, ist es egoistisch von mir zu wünschen, Shinji-kun wieder in den Armen halten zu können? Und… ihn nie wieder gehen zu lassen? Ist es falsch, geliebt werden zu wollen?"

„Nein, Rei. Das ist es nicht… Die meisten von uns Menschen suchen nach jemandem…"
Misato lächelte traurig.
„Und manchmal finden wir diesen Menschen und verlieren ihn wieder…"

Rei blickte zum Gesicht des EVA hinüber.
„Shin-chan… ich darf ihn nicht verlieren. Es gibt noch so viel, was ich noch…"

„Ritsuko gibt sich alle Mühe. Wir müssen an sie glauben, dass sie es schafft."

*** NGE ***

Tag 10

Dankbar nahm Rei den Geigenkasten entgegen, öffnete ihn auf den Knien, nahm Geige und Bogen heraus.

„Würden Sie..."

„Klar."

Misato nahm ihr den Kasten ab und stellte ihn neben den Rollstuhl auf den Steg.

Rei setzte die Geige an die Schulter, rutschte etwas im Stuhl zurecht, summte eine Melodie mit geschlossenen Augen. Seit dem Vortrag spürte sie langsam das Gefühl in ihre Beine zurückkehren, ganz wie Doktor Akagi vorhergesagt hatte.

Misato sagte kein Wort. Sie sah, dass Ritsuko zu ihnen hinüberblickte.

Rei begann zu spielen, bewegte dazu lautlos die Lippen.

Fly me to the moon and let me play among the stars

Let me see what spring is like on Jupiter and Mars

In other words, hold my hand

In other words, darling, kiss me

Fill my heart with song and let me sing forevermore

You are all I long for, all I worship and adore

In other words, please be true

In other words, I love you..."

Der EVA zeigte keine Regung...

*** NGE ***

Tag 13

„Innentemperatur des EntryPlugs konstant bei 36° Celsius. Elektromagnetischer Strahlungspuls normal. Wellenmuster B. Alle Geräte arbeiten normal."

Maya stand neben Ritsuko, die die Aufzeichnungen zum wiederholten Mal las.

„Sempai, nur Sie konnten einen Plan aufstellen, das Projekt innerhalb eines Monats zu verwirklichen."

„Maya, behalte es bitte für dich, aber ich habe keine Ahnung, ob das klappt. Es gibt einfach zu viele Unbekannte in der Gleichung. Mit einer Probe von Shinjis DNA könnte ich vielleicht einen Klon von ihm erschaffen. Und vielleicht könnte ich sogar seine Seele in diesem neuen Körper verankern, aber hier geht es nicht darum, etwas Neues zu schaffen, sondern das alte wiederherzustellen."

„Sie zweifeln an Ihren eigenen Theorien? Aber die MAGI haben sie bestätigt..."

„MELCHIOR nicht. Und MELCHIOR ist der Wissenschaftler von den dreien."

„Konkurrenzneid, Sempai."

Wider Willen musste Ritsuko lachen.

„Maya, du machst mir Ehre. Es ist schön zu wissen, dass jemand an einen glaubt."

„Ich bin nicht die einzige."

Akagi folgte Mayas Blick.

„Ja... Rei..."

*** NGE ***

Tag 17

„Ritsuko wird es gelingen, ihn da raus zu holen", sagte Misato zu Rei, die auf Krücken am Geländer des Steges lehnte.

„Wenn es Ritsuko-san nicht gelingt, dann niemandem... Misato-san, ohne Shin-chan kann ich nicht mehr leben."

Misato legte ihr tröstend den Arm um die Schultern, am Vortag war der Gips entfernt worden.

„Es wird gutgehen, es muss einfach."

*** NGE ***

Tag 20

Rei stand vor dem bis zur Brust im LCL-Becken versenkten EVANGELION-01. Der EntryPlug war über zahlreiche Kabel mit den Messgeräten im Testcenter verbunden.

„Komm zu uns... zu mir... zurück. Bitte, Shin-chan..." flüsterte sie.

Vor einer Woche war das Gefühl langsam in ihre Beine zurückgekehrt, jeden Tag hatte sie etwas mehr Kontrolle zurückgewonnen, hatte zuerst die Hüften, dann die Knie, schließlich die Knöchel und endlich auch die Zehen bewegen können.

In der Zeit war sie täglich auf Krücken in den Hangar gekommen, hatte auf dem Laufsteg gestanden, solange ihre Beine sie getragen hatten, dann hatte sie sich auf den Metallsteg gesetzt und weiter gewartet, dass der EVA, dass Shin-chan, ihr ein Zeichen gab. Einmal war sie im Hangar eingeschlafen und in Ritsuko-sans Quartier wieder aufgewacht, irgendjemand hatte sie dorthin gebracht.

Und einmal hatte sie den Kommandanten im Hangar gesehen, der sich unwirsch bei Ritsuko-san nach deren Fortschritten erkundigt hatte. Beim Anblick des Kommandanten war es ihr kalt den Rücken hinabgelaufen. Etwas war anders an ihm, völlig anders. Zugleich hatte EVA-01 wieder gezuckt, allerdings stärker als die vorherigen Male...

„Gib ihn frei, Einheit-01, gib meinen Shinji frei... Shin-chan, lass mich nicht im Stich, komm zurück... Sukido..."

Ich liebe dich...

*** NGE ***

Tag 21

„Nadeln eingeführt, Verbindungen hergestellt. Elektromagnetisches Wellenmuster bei 0, -3 fixiert."

„Ego-Grenzpuls verbunden." meldete Maya.

„Verstanden, Bergung beginnen!" schnarrte Ritsuko.

Sie stand in der Mitte des Raumes, den Blick auf den EVA auf der anderen Seite der Scheibe gerichtet.

Neben ihr stand Rei, die sie aus Sicherheitsgründen in den Kontrollraum beordert hatte.

„Signal-1 gesendet und empfangen. Signal-2 und -3 gesendet. Kein Widerstand von EVA-01 gegen die Signale."

Akagi nickte.

Die erste Phase war problemlos abgeschlossen... EVA-01 hatte die Matrizen für die Rekonstruktion von Shinjis Körper akzeptiert...

„Phase 2 beginnen."

Abseits der arbeitenden Wissenschaftler stand Misato Katsuragi und betete, dass Ritsukos Plan Erfolg haben würde.

„Wir haben sein Muster lokalisiert! Beginnen mit Separationsvorgang!"

„Langsam, Hyuga, ganz langsam!" flüsterte Ritsuko.

„Natürlich, Doktor."

„Ego-Grenze befindet sich in einer Schleife." rief Maya plötzlich.

„Versuche, alle Wellenmuster in Einklang zu bringen, Maya!"

„Fehlschlag, die Signale werden abgelenkt."

Rei starrte zu EVA-01 hinaus.

Er gab ihren Shin-chan nicht frei!

Misato trat rasch an Akagis Seite.

„Was heißt das?"

„Fehlschlag."

„Was?"

„Stör jetzt nicht. Maya, Ablenkung umgehen..."

Sie gab rasch einige Befehle in ihr Terminal ein.

„Kernpuls auf plus 3." vermeldete Makoto.

„Temperatur des LCL steigt. 36°, 38°, 41°, 58°, 76°, 97°, 106°..." rief Maya.

„Momentanen Zustand beibehalten." wies Ritsuko an, während sie weitere Befehle eingab. „Temperatur absenken! Externe Kühlung einleiten! Unter diesen Umständen können wir den Körper nicht im Plug rekonstruieren."

„Werte werden kritisch. Plus 0,5. 0,8. Ich kann den Anstieg nicht aufhalten."

„Was bedeutet das?" Akagi blickte durch das Fenster. „Willst du nicht zurückkommen, Shinji?"

„EVA widersetzt sich den Signalen! Im EntryPlug steigt der Druck, Shinjis Egoformation zerfällt!"

Rei stützte sich an dem Terminal ab, dessen Monitor immer noch die Bildübertragung aus dem Plug zeigte. Das LCL kochte...

Mit bebenden Fingern aktivierte sie die Sprechverbindung, flüsterte nur ein Wort: „Shinji..."

„Alle Vorgänge anhalten, Energieversorgung von EVA-01 unterbrechen."

„EntryPlug wurde ausgestoßen!"

Misato rannte zum Fenster, starrte auf den zischenden EntryPlug, der aus dem Nacken von EVA-01 herausragte.

Die Bildübertragung zeigte, dass der Plug immer noch leer war.

Misatos Knie wurden weich, ihr Magen begann zu rebellieren, während Tränen in ihr aufstiegen.

„Was ist eine Wissenschaft wert, die nicht einmal ein Menschenleben retten kann?" schrie sie.

Der Plug begann sich zu bewegen.

„EVA stößt den EntryPlug ab!" meldete Aoba.

Misato rannte zur Tür, die Treppe hinab, in den Hangar. Sie eilte die Leiter, die zum Laufsteg führte, hinauf, Rei dicht hinter sich.

Der EntryPlug löste sich aus der Halterung, schlug auf den Steg, brach auf.

Heiße LCL-Flüssigkeit ergoss sich auf den Boden.

Misato wurde langsamer, stolperte fast auf die größer werdende Pfütze zu.

„Nein..."

Sie sank in die Knie, berührte das LCL mit den Händen.

„Nein! Shinji..."

Die Flüssigkeit war in Bewegung, zog sich zusammen, Misato bemerkte es nicht. Tränen liefen über ihre Wangen.

Hinter ihr kam Rei zum Stehen, begann zu schluchzen...

20. Zwischenspiel:

Tag 11

„Die uns vorliegenden Daten lassen nur einen Schluss zu - Ikari hat uns hintergangen. Mit einem EVA, der von einem wahren S2-Organ angetrieben wird, steht ihm die ultimative Waffe zur Verfügung... ein lebender Gott", erklärte der Monolith mit der Aufschrift SEELE-01.

„Und dass er es nicht für nötig befunden hat, uns über diese Kleinigkeit zu berichten, spricht für sich." schlug SEELE-05 in dieselbe Kerbe.

„Ja, Ikari hat uns verraten! Er darf uns nicht weiter gefährlich werden." warf ein weiteres Mitglied des Komitees ein.

„Stimmen wir ab... wer ist dafür, Gendo Ikari aus unserem Kreis auszuschließen?" fragte der Vorsitzende.

Die Entscheidung war einstimmig.

„Dann ist es entschieden - Ikari wird nicht länger an unseren Treffen teilnehmen, sondern nur noch Anweisungen erhalten."

„Er wird sich nicht daran halten."

„Noch stellt er ein gutes Werkzeug dar, unter seinem Kommando hat NERV bisher jeden Angreifer besiegt, unserem Wissen nach werden noch wenigstens drei Engel erscheinen, wenn wir davon ausgehen, dass er uns bezüglich Iroul belogen hat."

„Das hat er ohne Zweifel."

„Gut, stimmen wir ein weiteres Mal ab. Ich schlage vor, einen Attentäter auf Ikari anzusetzen, der sich auf unseren Befehl hin um ihn kümmern wird." unterbrach SEELE-01 weitere Diskussionen.

„Ist das sicher?"

„Dafür verbürge ich mich."

Etwa ein Viertel der Mitglieder des Komitees benutzte keine Monolithen zur Repräsentation, einer von ihnen war Wilforth Cedrick.

„Der Attentäter kann in spätestens zwei Tagen in Tokio-3 sein."

„Stimmen wir ab."

Wieder war das Ergebnis einstimmig...

*** NGE ***

Tag 12

„Ihr neuer Auftrag."

ODIN-Direktor Rabinowitz schob einen Umschlag über den Tisch.

„Gendo Ikari."

Wolf Larsen nickte.

„Eines der Oberhäupter der Verschwörung namens SEELE. Sie werden heute noch nach Tokio-3 aufbrechen, der japanische Geheimdienst war so freundlich, uns einen ihrer Unterschlupfe in der Stadt zu überlassen, zusammen mit einer etablierten Deckidentität. Graben Sie sich ein, finden Sie einen Weg, an Ihr Ziel heranzukommen. Warten Sie meine weiteren Befehle ab. In dem Umschlag finden Sie ein Handy, nur ich habe die Nummer, wenn es klingelt, wissen Sie, dass es soweit ist."

„Verstanden."

„Wir haben ferner bereits einen Mann vor Ort - Mister Roshenkov, Sie kennen ihn bereits."

„Ja. Aber er gehört nicht zu ODIN."

„Wir haben ihn als freien Mitarbeiter rekrutiert, es geschah auf Ihre Empfehlung, erinnern Sie sich nicht?"

„Ich... Sir, es gibt einiges, an das ich mich nicht mehr erinnere."

„Decker meinte, das würde sich legen. Dieses Interface in Ihrem Kopf hat wohl Ihre Erinnerungen durcheinandergewirbelt."

„So wird es wohl sein."

„Viel Glück, Commander."

*flash*

Kurzfristig verloren die Bilder seiner Erinnerung jede Farbe, dann wurde es dunkel. Als sich die Dunkelheit auflöste, befand er sich in einem Flugzeug im Landeanflug auf Osaka.

Larsen unterdrückte den Reiz, sich die Augen zu reiben.

Ähnliche Lücken fanden sich in seinen Erinnerungen zuhauf, laut Nicklas Decker eine Folge der zeitweiligen Deaktivierung des PROPHET-Interfaces. Manchmal hatten die Bilder etwas stark grobkörniges, dann wieder gingen verschiedene Farben verloren, oder waren Bewegungen und dazu gehörende Geräusche nicht mehr synchron.

Er konnte nur hoffen, dass es sich bald legte und die Ausführung seines Auftrages nicht beeinträchtigte...

Um sich abzulenken, klappte er seinen Laptop wieder auf und rief die von seinen Leuten gesammelten Daten ab. Die Mitglieder des RABEN-Teams, welche ihn auf die Kurdistan-Mission begleitet hatten, hatten sich wie angewiesen in der Nähe ihrer Ziele eingegraben - so lautete der Terminus dafür, wenn ein Agent eine Tarnidentität annahm oder längere Zeit während eines Einsatzes an einem Ort verharrte.

Dabei konnte er sich gar nicht erinnern, die vereinbarte Zustandsmeldung an sie abgeschickt zu haben...

Kapitel 40 - 21 Tage - Shinji Ikari

Der Sturz in die Dunkelheit schien bereits eine Ewigkeit zu dauern.

Shinji konnte seinen Körper nicht mehr spüren, auch seine Sinne übermittelten keine Eindrücke mehr. Es gab nur die Schwärze, weder den Geschmack des LCL, noch das harte Plastikmaterial des Pilotensitzes. Alles schien sich aufgelöst zu haben.

Dann hatte Shinji das Gefühl, dass sein Fall sich verlangsamte, dass die Dunkelheit an Substanz zu gewinnen schien, die ihn abzubremsen begann. Es war, als wäre er auf einer Schicht Watte gelandet, die immer konzentrierter wurde.

Hatte der Engel EVA-01 vernichtet?

War dies die Schwärze des Todes?

Oder hatte der EVA ihn verschlungen, um ihn nie wieder freizulassen?

War es seiner Mutter vielleicht genauso ergangen?

Fragen über Fragen - und er hatte keine Antworten...

Und wenn der EVA sein Bewusstsein absorbiert und sich mit ihm verbunden hatte, was geschah dann in der wirklichen Welt? Kämpfte Einheit-01 immer noch mit dem Engel?

Jetzt war er völlig zum Stillstand gekommen, obwohl er unter sich keinen Widerstand spüren konnte.

Und wie sollte er das auch, wenn er nicht einmal seinen Körper mehr wahrnehmen konnte, wenn er vielleicht auf sein Bewusstsein reduziert worden war...

Wie ein Gespenst...

Da wurde es hell. Die Dunkelheit wich...

*** NGE ***

Shinji blickte an sich herab. Er hatte seinen Körper wieder! Nur trug er anstelle seiner Alltagssachen seine PlugSuit.

Wo war er?

Eine Wiese... Bänke... Hecken...

Spielgeräte. Ein Karussell. Eine Rutsche.

Ein Sandkasten...

Ein Spielplatz...

Der Ort kam ihm seltsam bekannt vor.

Kinder liefen zwischen den Geräten herum, ein Mädchen rutschte die Rutsche hinab, sprang lachend auf. Mehrere Jungen spielten Fangen. Und abseits von ihnen, im Sandkasten, hockte ein vielleicht vierjähriger Junge und baute eine Sandburg.

Shinji erstarrte.

Dieser Junge...

- Das war er selbst...

Er konnte gar nicht anders, als von seinem Standort aus sein jüngeres Ich zu beobachten.

Die Kinder ignorierten ihn, für sie schien er gar nicht zu existieren - und vielleicht stimmte das auch...

Der vierjährige Shinji zeigte kein Interesse an seiner Umwelt, schien nur den Sand formen zu wollen. Unter seinen kleinen Fingern entstanden Gebäude mit Türmchen, die er vorsichtig weiter bearbeitete, dann mit dem Zeigefinger einen Graben darum herum zog.

Schließlich sah er mit stolzem Lächeln auf, als er sein Werk vollendet hatte.

- Nur um im nächsten Moment mitanzusehen, wie zwei rote Schuhe mitten in der Sandburg landeten und sie einstampften.

Der kleine Shinji sah auf.

Die roten Schuhe gehörten einem ebenfalls vielleicht vierjährigen Mädchen in einem roten Kleid, ihr ebenfalls hellrotes Haar wurde von einer dunkelroten Schleife gehalten. Das Mädchen grinste ihn frech an, ehe es weiterlief.

Der kleine Shinji senkte den Kopf, begann den Sand wieder zusammenzuschieben, um sich erneut ans Werk zu machen.

Shinji blinzelte.

Das Mädchen - das war doch Asuka!

Wenn die Szene aus seinen Erinnerungen stammte, wieso kam sie dann darin vor?

Während er sich den Kopf darüber zermarterte, erkannte er, dass dieses Geschehen sich wirklich so abgespielt hatte... er hatte die Burg immer wieder neuaufgebaut, nur um zusehen zu müssen, wie das rothaarige Mädchen sie immer wieder zerstört hatte. Und sie hatte dabei gelacht...

Shinji setzte sich in Bewegung, ging langsam über den Spielplatz auf sein jüngeres Abbild zu.

Die anderen Kinder ignorierten ihn immer noch, sahen den seltsam gekleideten Fremden in ihrer Mitte nicht.

Shinji ging vor sich selbst in die Hocke.

Kann ich dir helfen?" fragte er mit freundlichem Lächeln.

Der andere Shinji reagierte nicht, formte bereits wieder den Sand.

Ich würde dir gerne helfen", wiederholte Shinji, wieder ohne eine Antwort zu bekommen.

Zögernd streckte er die Hand aus.

Seine Finger glitten durch sein Abbild hindurch.

Es war nicht real, nur eine Erinnerung...

Shinji schluckte.

Inzwischen hatte der vierjährige Shinji seine Burg bereits fast wieder aufgebaut.

Shinji sah sich um, sah das rothaarige Mädchen, welches Asuka so sehr ähnelte, wieder heranlaufen. Er stand auf, breitete die Arme aus wie eine Sperre. Sie sollte die Sandburg nicht noch einmal zerstören!

Doch ebenso wie er für den kleinen Shinji nicht existierte, gab es ihn auch für die kleine Asuka nicht. Die Rothaarige lief mitten durch ihn hindurch, zertrampelte lachend die Sandburg, ehe sie wieder zu den anderen Kindern rannte.

Mit tiefem Bedauern blickte Shinji auf die Überreste der Burg. Der andere Shinji war jedoch schon dabei, den Sand wieder zusammenzuschieben...

Der Kreislauf würde vielleicht ewig so weitergehen...

Aber, wenn er hier war, wenn sein vierjähriges Gegenstück sich auf dem Spielplatz aufgehalten hatte, dann musste sie auch hier sein... seine Mutter!

Aufgeregt sah Shinji sich um.

Auf einer Bank in der Nähe saßen zwei Frauen und unterhielten sich angeregt, Papiere und Unterlagen auf den Knien, die Kinder hatten sie längst vergessen. Und eine der beiden war seine Mutter!

Shinji lief los, rannte. Im Lauf breitete er wieder die Arme aus, doch dieses Mal um seine Mutter zu umarmen.

Mutter! Mutter, ich bin es!"

Keine der beiden Frauen sah auf, keine wandte den Kopf.

Und Shinji lief durch sie und die Bank hindurch, stand plötzlich in einer brusthohen Hecke, welche jedoch kaum Substanz hatte. Es war, als würde er durch Nebel waten.

Enttäuscht drehte er sich um, ging langsam zurück, bleib neben seiner Mutter stehen.

Mutter? Mutter, ich bin´s, Shinji. Hörst du mich? Bitte, sieh mich doch an..."

Doch Yui Ikari nahm ihn nicht wahr.

Bei den Unterlagen auf ihren Knien handelte es sich um komplizierte Gleichungen, dazwischen Diagramme. Und eine grobe Skizze eines EVAs...

Doktor Soryu... Kyoko, dieses Projekt wird alles in den Schatten stellen, was die Wissenschaft bisher erreicht hat. Bedenken Sie doch, die EVAs wären imstande, an Orte zu gehen, an denen Menschen nicht überleben könnten, sie würden uns den Weg ebnen können... die Tiefsee, andere Planeten... alles wäre plötzlich in Reichweite. Doktor Akagi steuert das PROPHET-Interface und ihre Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz bei. Und ich möchte auch Sie im Team haben."

Ich weiß nicht, Yui. Als Asuka nach dem Impact geboren wurde, kam mir das wie ein Wunder vor, ich will ihr eigentlich mehr Zeit widmen."

Ich verstehe Sie, aber Sie wissen auch um den vordringlicheren Grund, weshalb das Projekt-E begonnen wurde."

Um Soldaten für den Kampf gegen weitere Engel zu schaffen, ja. Es ist kaum zu glauben, wie gut es Ihrem Mann gelungen ist, die Wahrheit über den Impact vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Aber was macht Sie so sicher, dass noch mehr dieser Wesen erscheinen werden? Die Bezeichnung ´Engel´ ist übrigens höchst verwirrend."

Gendo hat diese Begriffe geprägt. Er hatte die Katastrophe vorhergesehen... es gibt uralte Prophezeiungen, welche den Impact vorhergesagt hatten. Alle anderen Ereignisse sind so gekommen, wie beschrieben..."

So etwas kann man auch provozieren. Aber Sie haben mein Wort, Yui, dass ich es mir überlegen werde."

Wir brauchen Sie, Kyoko, ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Genetik..."

Sie schmeicheln mir, Yui. - Ach, ist es nicht schön, wie unsere Kinder miteinander spielen... - Asuka! Hör sofort auf, Shinjis Sandburg zu zertrampeln, das ist nicht nett!"

Aber er ist soooo langweilig, Mama", rief das Mädchen.

Das ist noch lange kein Grund, so etwas zu tun! Hilf ihm lieber!"

Die Szene begann zu verblassen.

Die spielenden Kinder, die Spielgeräte, die Hecken und Bänke und der Rasen verschwanden, wurden von der Dunkelheit verschluckt.

Zurück bleib nur eine Person, die in einem Lichtkreis stand...

Mutter?" flüsterte Shinji.

Du bist groß geworden, mein Sohn..."

*** NGE ***

Diese Stimme...

Halbvergessene Erinnerungen stiegen in Shinji wieder auf an die Stimme seiner Mutter, wenn sie ihm abends Schlaflieder vorgesungen hatte... aber auch an Streitgespräche zwischen ihr und seinem Vater, die gedämpft des Nachts durch die Wand an sein Ohr gedrungen waren.

Mutter... kannst du mich sehen? Hörst du mich?"

Ja."

Yui Ikari lächelte ihn an, breitete die Arme aus.

Wieder lief er los, ließ sich in ihre Arme fallen.

Du hast mir so gefehlt..."

Sie drückte ihn an sich, strich ihm übers Haar.

Mein kleiner Shinji... mein armer Junge... wie viel Zeit doch verstrichen ist..."

Shinji wollte seine Mutter gar nicht mehr loslassen, wollte sich in einem fort aufs Neue vergewissern, dass sie echt war, dass sie Substanz in all der Dunkelheit besaß.

Und wenn das nur eine Täuschung war?

Der EVA hatte ihm früher schon Trugbilder gezeigt, um ihn dazu zu bringen, seinen Geist mit ihm zu vereinen. Als er im Schatten des Engels Leriel gefangen gewesen war, hatte EVA-01 versucht, ihn mit Bildern von Rei-chan zu ködern, was, wenn er jetzt wieder nur auf seine Erinnerungen zurückgriff und ihm das vorgaukelte, was er sehen wollte?

Erschrocken löste Shinji sich aus den Armen seiner Mutter, trat einen Schritt zurück.

Bist du wirklich?"

Er musterte sie. Ihre Gesichtszüge besaßen eine erschreckende Ähnlichkeit mit denen Rei-chans... war dies das Werk des EVA? Besaß seine Mutter Reis Gesicht, weil dies die Person war, welche er mehr liebte als alle anderen?

Yui nickte.

Ich bin wirklich - sofern man hier von Wirklichkeit sprechen kann."

Wo sind wir?"

All dies ist EVA. Wir befinden uns im Herzen von EVA-01."

Ein dunkler Ort..."

Ja. Ich habe seit zehn Jahren hier auf dich gewartet, um dich endlich wiederzusehen, mein Sohn."

Solange... dann... uh... bist du seit damals seine Gefangene..."

EVA-01 hat mich damals absorbiert... so wie er dich zu absorbieren versucht. Allerdings verhindert dies meine Anwesenheit. Solange ich... solange meine Seele Teil von Einheit-01 ist, kann sie keine weiteren Seelen verschlingen."

Dann hast du mir die ganzen Male geholfen... als EVA-01 im Inneren des Kugelengels war... und damals, als Rei-chan Probleme mit EVA-02 hatte, als wir gegen den Zwillingsengel kämpften..."

Ich habe oft versucht, mich dir bemerkbar zu machen, aber ich war zu schwach. Das hat sich jetzt geändert."

Ahm... Wie?"

EVA-01 hat das S2-Organ des Engels absorbiert, es gibt uns beiden, ihm und mir, Kraft."

Dann haben wir gewonnen?"

Ja. Der Engel der Macht wurde besiegt. Ich wünschte nur, es wäre nicht nötig gewesen."

Warum? Sie greifen uns doch an..."

Es gibt da etwas, das du vergessen hast, Shinji. Du musst dich erinnern."

Was? Woran soll ich mich erinnern?"

An das, was früher war... wenn die Zeit reif ist, wirst du wissen, was du tun musst."

Ich... ah... Mutter, warum siehst du Rei-chan so ähnlich?"

Deine Freundin?"

Ahm... ja..."

Sie ist in deinem Herzen. Du musst sie sehr lieben."

Ich... uhm... das tue ich."

In der Dunkelheit erschien ein weiterer heller Flecken, in ihm stand Rei Ayanami, gekleidet in ihre Schuluniform.

Ich bin in deinem Herzen." flüsterte sie.

Yui verließ ´ihren´ Lichtkreis, wanderte um Reis Kreis herum.

Das sind deine Erinnerungen an sie. All deine Liebe, all deine Erwartungen... und deine Zukunft... Ein kluges Mädchen, dir vom Wesen her nicht unähnlich... eine Seelenverwandte..."

Ahm... aber warum ähnelt ihr euch so... uh... äußerlich?"

Tun wir das? Vielleicht ist es das, was du sehen möchtest? Vielleicht soll Rei mich in deinem Herzen ersetzen..."

Nein, Mutter, das stimmt nicht... ihr... ah... ihr beide seid in meinem Herzen... und... uh..."

Es ist das Werk deines Vaters, Shinji. Er schuf diesen Körper, formte ihn nach seinen Wünschen und Sehnsüchten, gab ihm mein Gesicht..."

Vater? Du sprichst davon, wie er Rei-chans körperliche Eigenschaften... uh... verbessert hat... ihre Stärke und Konstitution, nicht wahr?"

So hat der Mann namens Kaji es dir erzählt, oder?"

Ein weiterer Lichtkreis erschien, in ihm stand Ryoji Kaji.

Er ist sehr weise. Und sehr risikobereit... trotzdem hätte er wohl für dich einen besseren Vater abgegeben, als Gendo jemals dazu imstande gewesen wäre... und die Frau, Misato..."

Noch ein Lichtkreis entstand in der Dunkelheit. Misato erschien.

Sie hat Schwächen, große und kleine, doch ihr Herz sitzt am rechten Fleck. Bei ihr bist du gut aufgehoben, ein guter Ersatz für mich."

Mutter, wie redest du denn? Wenn ich kann, dann hole ich dich hier heraus!"

Das wird nicht möglich sein, mein Kleiner. Was der EVA einmal hat, das gibt er nicht frei. Nur dich hat er nur teilweise assimilieren können. Dein Körper wurde Teil des EVAs, doch dein Geist ist nicht an ihn gebunden."

Ahm... mein Körper?"

Ja. EVA-01 hat ihn aufgelöst."

Ich habe keinen Körper mehr?" fragte Shinji panisch und blickte an sich herab. „Aber, hier..."

Das ist nur eine Repräsentation. Die PlugSuit stellt die Grenzen dar, welche du dir selbst gesetzt hast, damit dein Geist nicht verweht."

Dann bin ich auch ein Gefangener."

Nicht ganz. Draußen ist man bereits dabei, Vorbereitungen zu deiner Rettung zu treffen."

Woher... uh... woher weißt du das?"

Ich bin ein Teil von EVA-01, vergiss das nicht. Allerdings wird er dich nicht gehenlassen wollen."

Wie..."

Shinji runzelte die Stirn.

Hörst du das auch? Musik..."

Eine geisterhafte Melodie hallte leise durch die Dunkelheit.

Eine Geige. Sie versucht, dich zu erreichen..."

Yui blieb vor Reis Abbild stehen, summte kurz die Melodie mit.

Bemerkenswert. Obwohl Gendo alles getan hat, um sie sich gefügig zu machen, konntest du die Pforten ihres Herzens aufstoßen."

Rei-chan... ja..."

Was auch geschehen wird, ich weiß jetzt, dass du in guten Händen sein wirst, kleiner Shinji."

Mutter, ich will dich nicht wieder verlieren."

Und ich will nicht, dass du auch ein Gefangener des EVAs wirst. Wer sonst soll denn Gendo stoppen?"

Vater? Wie... wie meinst du das?"

Der Mann, den du deinen Vater nennst, Shinji, ist kein guter Mensch."

Ah... das weiß ich schon seit langem." sagte Shinji voller Bitterkeit.

Über ihnen bildete sich eine Sphäre, welche eine weitere seiner Erinnerungen zeigte:

Kurz nach dem Tod seiner Mutter... Das Haus seiner Pflegeeltern, die ihn mit vorgetäuschter Freundlichkeit begrüßten, während sein Vater sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, aus dem Wagen zu steigen...

Ich habe in meinem Leben sicher auch Fehler gemacht, doch Gendo war der schlimmste." flüsterte Yui. „Wir lernten uns auf einem Genetiker-Symposium kennen, er vertrat einige faszinierende Ideen, wie man den Menschen durch die Mittel der Wissenschaft verbessern und zu einem höheren Wesen machen könnte. Natürlich lagen die nötigen Mittel noch weit jenseits des Möglichen, weshalb er von vielen verlacht wurde. Ich fand ihn damals sehr sympathisch... wie sehr man sich doch täuschen kann. Er war ein sehr guter Schauspieler. Nach nur drei Monaten heirateten wir - gegen den Willen meiner Eltern. Er nahm sogar meinen Namen an, was mir ungemein schmeichelte. Doch danach ließ er seine Maske mehr und mehr fallen. Seine Theorien waren viel weitreichender und... erschreckender... als ich geglaubt hatte... und der Second Impact gab ihm auch noch Recht. Für ihn erschuf ich die Grundlagen der EVAs und rekrutierte andere Wissenschaftler für das Projekt-E... Projekt EVANGELION. Doch privat drifteten wir immer weiter auseinander. Eines Tages suchte ich den Rat eines alten Freundes, meines Mentors an der Universität. Er gab sich alle Mühe, mir Trost und Mut zuzusprechen, so dass ich immer wieder zu Gendo zurückkehrte, es wieder versuchte, doch dann kam eines zum anderen und... nun ja, manche würden wohl sagen, ich hätte einen weiteren Fehler begangen, doch ohne diesen Fehler würde es dich nicht geben..."

Shinji blinzelte.

Hatte seine Mutter ihm wirklich gerade zu verstehen gegeben, dass Gendo Ikari nicht sein leiblicher Vater war? Dass sie ihn mit einem anderen Mann betrogen hatte?"

Er... er ist nicht mein Vater?"

Nein, Shinji. Ich würde es dir nicht sagen, wenn ich nicht wüsste, dass dies für dich keine schlechte Nachricht darstellt. Gendo ist nicht dein leiblicher Vater. Dieser Mann ist in seinem Herzen so kalt, dass er gar nicht imstande ist, Leben hervorzubringen."

Uh, wer..."

Bitte, Shinji, das möchte ich dir nicht sagen. Er weiß es selbst nicht."

Aber ich muss es doch wissen!"

Du kennst ihn bereits. Und in gewisser Weise wacht er bereits über dich und die anderen Piloten." Yui lachte leise auf. „Nein, dieser Kaji ist es nicht, der wäre doch etwas zu jung gewesen."

Ahm, Mutter..."

Mein kleiner Shinji... erschrickt es dich, die Wahrheit zu kennen?"

Nein. Ich fühle mich... besser... Ich hatte oft Angst, eines Tages wie er werden zu können… werden zu müssen, weil es mir in die Wiege gelegt sein könnte. Mutter, gibt es wirklich keine Möglichkeit, dich hier herauszuholen? Und wenn ich mit dir die Plätze tausche?"

Selbst wenn das ginge, würde ich es nicht zulassen. Ich bin und bleibe ein Teil von EVA-01, daran lässt sich nichts ändern. Nur die Vernichtung des EVAs würde mich auch befreien."

Dann nehme ich ihn eigenhändig auseinander!"

Aber das würde mich auch nicht zurückholen, Shinji. Bitte, finde dich damit ab. Solange du den EVA steuerst - und ich habe dafür gesorgt, dass er nur dich noch als Piloten akzeptiert –, werde ich in deiner Nähe sein und dir helfen können. Das Mädchen namens Rei wird die Lücke in deinem Herzen füllen, daran habe ich keinen Zweifel."

Ja... Rei-chan... aber warum kann ich nicht euch beide haben? Wir könnten wie eine Familie sein... Du, mein wahrer Vater, ich..."

Sie sah ihren Sohn traurig an.

Es ist schwer, ich weiß. Ich werde dich auch nur ungern wieder gehenlassen... Ah, sie beginnen. EVA-01 hat gerade genetische Schablonen übermittelt bekommen, nach denen sie deinen Körper rekonstruieren wollen."

Wie... wie geht das?"

Oh, das ist recht einfach. Wenn du ein paar Jahre Zeit hättest, könnte ich es dir erklären. Aber jetzt beginnt uns die Zeit wegzulaufen, dabei gibt es noch einige Dinge zu tun."

Mutter, ich will dich nicht alleinlassen!"

Ich bin nicht allein. Ich habe meine Erinnerungen - und die deinen. Und wenn ich weiß, dass du glücklich bist, dann habe ich alles, was ich hier benötige. Außerdem wirst du dort draußen noch gebraucht, nicht nur von Rei... Sieh mal, dort..."

Wieder entstand ein Lichtfleck, nur zeigte dieser zwei Personen.

Toji und Hikari..."

Die Klassensprecherin saß wie eine Statue auf einem Stuhl und blickte ins Leere, während Toji vorsichtig und voller Zärtlichkeit ihr Haar kämmte.

Das Mädchen ist eine Gefangene, ähnlich wie ich. Ihr Geist ist im Herzen von Einheit-03 gefangen."

Hat er sie auch absorbiert?"

Nein, bei EVA-03 hat die Künstliche Intelligenz endlich ihren Zweck erfüllt und verhindert, dass der EVA sie verschlingen konnte. Aber die kritischen Verletzungen..."

Die Sphäre über ihnen zeigte jetzt EVA-03, der kopflos auf dem Boden lag.

... die der EVA erlitten hat, haben dies verursacht."

Die Brust des EVAs wurde durchsichtig, unter der Panzerung konnte Shinji ein langsam pulsierendes Herz erkennen. Und in diesem Herzen nahm er den Umriss eines Menschen wahr.

Du kannst sie aus dieser Lage befreien."

Wie?"

Bringe sie in die Nähe des EVAs und zerstöre dann sein Herz... das müsste funktionieren."

Kann ich das nicht auch mit EVA-01 tun?"

Noch einmal, Shinji - ich bin eins mit dem EVA, egal was du tust, es wird sich auf ihn und mich auswirken."

Ja, Mutter."

Ich weiß, es fällt dir nicht leicht, das zu akzeptieren. Ich konnte das Unmögliche auch immer nur schwer akzeptieren."

Ich werde tun, was du gesagt hast."

Guter Junge. Jetzt gibt es noch eins zu tun - wir müssen EVA-01 dazu bringen, dass er dich gehen lässt."

Wie... wie können wir das?"

Du musst dich mit der Künstlichen Intelligenz in Verbindung setzen."

Ahm..."

Sie war Naoko Akagis Beitrag zu dem Projekt, zusammen mit dem Steuerinterface. Wir hatten den Hunger des EVA nach einer Seele schon recht früh erkannt und glaubten, ihn auf diese Art zufriedenstellen zu können... mit einer künstlichen Seele, einer Künstlichen Intelligenz, die auf einer digitalisierten realen Persönlichkeit beruhte. Akagi suchte die ideale Persönlichkeit, was sie fand, war ein Sterbender, ein Mann, der beim Impact schwer verletzt worden war. In einer risikoreichen Operation sollte ihm das von Akagi entwickelte PROPHET-Interface eingesetzt werden. Für den Fall eines Fehlschlages digitalisierte Doktor Naoko Akagi die Persönlichkeit des Patienten. Er war ein Kämpfer und Stratege, jemand, der über eine sehr starke Seele verfügte, um es mal mit Gendos Worten auszudrücken, loyal und gewissenhaft. Wir ahnten jedoch nicht, dass die lange Zeit im Krankenhaus, während der sein Körper nach und nach versagt hatte, ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Wir wussten nicht, dass er in seinen eigenen Erinnerungen gefangen war und mich mitreißen würde... sonst hätte ich nie an dem Experiment teilgenommen... und ich hätte auch niemals zugelassen, dass du es mitansehen musstest. Bist du bereit?"

Ich... uh... ja."

Die Umgebung veränderte sich...

*** NGE ***

Dunkelheit wich Licht.

Sie standen an einem verwüsteten Strandabschnitt. Der Strand war mit Seetang, Bruchstücken von Brettern und rostigen Metallteilen übersät. Der Himmel über ihnen war dunkel und das Meer tobte.

Komm hierher." rief Yui Shinji von einer Anhöhe aus zu.

Ja, Mutter."

Er gesellte sich zu ihr.

Dort!"

Sie deutete nach vorn, zum Wasser hin.

Shinji konnte eine scheinbar endlose Betonmauer erkennen, die den Strand zu einer Seite hin begrenzte, sich dabei seltsam wand und gar keiner geraden Linie zu folgen schien, schlimmer noch, die ihre Position zu verändern schien.

Und dort..."

Am Horizont erschien eine gewaltige Flutwelle.

Wir müssen hier weg!" rief Shinji.

Nein, es sind auch nur Erinnerungen."

Die Flutwelle trug einen Körper mit sich, Shinji konnte erkennen, dass es sich um EVA-01 handelte - oder besser, ein kleineres Abbild des EVAs von seiner Größe.

Wuchtig wurde der EVA gegen die Mauer geschleudert, rutschte mit verrenktem Körper daran herab, blieb leblos an ihrem Fuß liegen, während sich um ihn herum eine rote Pfütze bildete.

Das Wasser stieg, näherte sich dem liegenden EVA immer weiter, umspülte ihn schließlich, trug ihn wieder fort.

Kurz darauf erschien wieder die riesenhafte Welle, trug den kleinen EVA wieder heran, schmetterte ihn wieder gegen die Mauer, wo er erneut herabrutschte.

Wie furchtbar..."

Und so wiederholt es sich wieder und wieder. Es ist seine letzte konkrete Erinnerung und er ist darin gefangen."

Warum zeigst du mir das? Ich konnte bereits bei meiner eigenen Erinnerung nichts tun."

Dies ist aber nicht deine Erinnerung. Erinnerungen sind starr, doch das hier ist dynamisch, jedenfalls für ihn."

Und wie..."

Du bist nur teilweise von EVA-01 assimiliert worden, dein Geist jedoch ist noch völlig frei. Und hier ist dein Wille Gesetz."

Ich... uh... wenn ich es will, dann wird er also nicht gegen die Mauer geschleudert?"

Ja. Sieh es dir selbst an."

Tatsächlich...

Die Welle stand still in der Luft. Und auf ihrer Krone trug sie den EVA.

Vielleicht solltest du sie noch etwas näherkommenlassen."

Uhm..."

Er konzentrierte sich, stellte sich vor, wie die Welle den Strand erreichte und dort einfach in sich zusammenfiel.

Und so geschah es. Der menschengroße EVA klatschte einfach in den Sand.

Ich... ah... vielleicht sollte ich mit ihm reden?"

Gute Idee, Shinji."

Shinji stieg von der Erhöhung und lief zu dem Wesen in Purpur und Grün hinüber, während Yui ihm langsam folgte.

Uh, hallo... Kannst du mich verstehen?"

Ich... höre..." stieß der EVA mit grollender Stimme hervor. „Die Flutwelle... das ist das Ende der Welt..."

Nein... uhm... die Welt hat es überstanden und... uh... ich brauche deine Hilfe..."

Ich soll dir helfen? Ich kann nicht einmal mir selbst helfen, die Welle..."

Sie existiert nur in deinen Erinnerungen. Ich habe... ahm... ich habe sie aufgehalten."

Du? Ich kenne dich... Ikari, Shinji... Third Child, Pilot von EVA-01... EVA-01, das bin ich... oder nur ein Teil..."

Wir können uns gegenseitig helfen. Du musst dafür sorgen, dass ich den EVA wieder verlassen kann."

Das ist deine Aufgabe", erklärte Yui, die Shinji inzwischen erreicht hatte.

Aufgabe... ich bin Soldat, ich erfülle meine Aufgaben."

Es ist deine Pflicht. Du kämpfst für die Unschuldigen."

Unschuldige müssen beschützt werden."

Genau. Und mein Sohn ist unschuldig."

Die Augen des EVAs glühten auf.

Ich helfe."

Ächzend und grollend kam er auf die Beine, wandte sich der Mauer zu.

Folgt mir!"

Mit kräftigen Schlägen begann er die Mauer zu bearbeiten.

Bald zeigten sich erste Risse im Beton, dann erste Dellen und Löcher.

Yui Ikari schien zu lauschen.

Wir müssen uns beeilen! Man versucht auch von der anderen Seite aus, ihn zu retten."

Ich erinnere mich." knirschte der EVA, während er einen großen Betonbrocken zur Seite wuchtete. „Wir haben zusammen gekämpft, Third Child. Wir sind Waffenbrüder."

Uh... ähm... das... äh... klingt... uh... könnte so stimmen."

Wo ich herkomme, lässt man die seinen nicht im Stich. Rufe mich und ich werde an deiner Seite stehen!"

Das Loch in der Mauer wurde mit jedem Schlag des EVAs größer. Zugleich spürte Shinji einen starken Sog, der von dem Loch ausging.

Das ist der Weg, Shinji!" rief Yui. „Geh, mein Sohn! Sie wartet auf der anderen Seite!"

Mutter, ich..."

Shinji stemmte sich gegen den Sog, der ihn in das Loch ziehen wollte. Obwohl ihre Worte, dass es unmöglich für sie war, den EVA wieder zu verlassen, noch in seinen Ohren klangen, streckte er die Hand nach ihr aus.

Komm mit mir!"

Stumm schüttelte sie den Kopf.

Aber... ich kann dich doch nicht hier zurücklassen!"

Wenigstens bin ich nicht allein", flüsterte sie gegen die Tränen ankämpfend, welche sich in ihren Augen sammelten. „Wir werden uns nicht wiedersehen, doch ich werde immer über dich wachen, mein Sohn."

Mutter..."

Ein Schrei hallte über den Strand.

Shinji!"

Er sah zum bewölkten Himmel.

Rei?"

Der EVA packte ihn, stieß ihn auf das Loch in der Mauer zu.

GEH!"

Der Sog packte ihn, riss ihn fort.

Wieder umgab ihn Dunkelheit.

Mutter...

Rei...

Rei-chan...

Er spürte ihre Gegenwart, ihre Nähe...

Rei-chan...

Ihre Gedanken waren wie ein Leuchtfeuer, ihre Liebe wie ein Sirenenruf, dem er folgen musste...

21. Zwischenspiel:

Tag 21

Tabris schlug die Augen auf.

Sein Kopf schmerzte, sein Körper - oder vielmehr der Körper, den er sich von seinem wahren Besitzer ausgeliehen hatte - fühlte sich schwach an.

Er hatte ja nicht geahnt, wie wenig belastbar die Körper der Lilims waren, sonst hätte er sich nicht in künstlichen Tiefschlaf versenkt, als er Leriel verließ. Er hätte wissen müssen, dass der Körper nach all den Tagen ohne Nahrungszufuhr am Rande des Zusammenbruches gestanden hatte, schließlich hatte er versprochen, ihn unversehrt zurückzugeben.

Wo war er?

Er suchte in den Erinnerungen Kaworu Nagisas. Diese waren recht beschränkt, Kaworu hatte in den letzten Jahren den NERV-Stützpunkt kaum verlassen. Ein Privatlehrer hatte für seine Bildung gesorgt, ansonsten war seine Zeit mit Tests und Synchrontraining ausgefüllt gewesen. Über die Welt außerhalb des Stützpunktes hatte er nur durch etwas erfahren, das die Lilims Fernsehen nannten...

Interessant... soviel Wissen...

Kapitel 41 - 21 Tage - Spione unter sich

Tag 1

Kaji setzte das Nachtsichtfernglas ab und wechselte von einer kauernden in eine sitzende Position.

Er befand sich in felsigem Gelände mit spärlicher Vegetation, der wahrscheinlich einzige Busch im Umkreis von fünfhundert Metern, der dicht genug war, um sich dahinter zu verstecken, diente ihm als Deckung. Kaji trug einen schwarzen Tarnanzug, sogar das Gesicht hatte er sich mit Matsch beschmiert, damit er im Mondlicht auch wirklich nur ein Schatten war.

Ein Stück weiter und tiefer, unterhalb des Abhanges, auf dem Kaji jetzt saß, befand sich ein umzäuntes Gelände mit mehreren solide aussehenden Gebäuden. Vor dem Hauptgebäude standen mehrere Militärjeeps und bewaffnete Soldaten sicherten das Tor und patrouillierten auf dem Areal.

Das Gebiet gehörte rechtlich betrachtet zum nahegelegenen UN-Stützpunkt, welcher das UN-Hauptquartier für den ostasiatischen Raum bildete, stellte aber eine eigene Einheit dar. Hierher war der Stellvertretende NERV-Kommandant Kozo Fuyutsuki von seinen Entführern gebracht worden.

Kaji hatte in den letzten Stunden mehrere Recherchen durchgeführt, demnach existierten keine Informationen über das Areal schräg unter ihm. Und der ODIN-Hauptrechner HEIMDALL wusste von keiner UN-sanktionierten Operation gegen NERV - aber das musste wirklich nicht viel heißen, von seinem – Kajis - eigenen Einsatz wussten auch nur die Personen, die ihn beauftragt hatten, wovon der eine tot und der andere immer noch vermisst war. Stattdessen hielt General Cedrick in Wilhelmshaven die Zügel jetzt straff in der Hand, dessen SEELE-Mitgliedschaft Kaji zumindest vermutete.

Die Fragen, die zu klären er sich vorgenommen hatte, lauteten:

Wer hatte den Sub-Kommandanten entführt und warum?

Das Wer konnte Kaji sich denken, nur eine Gruppe konnte derart frei über UN-Ressourcen verfügen, ohne dass irgendjemand Zeter und Mordio schrie - SEELE. Und das Warum lag auch nahe – natürlich um von Fuyutsuki an Insiderinformationen zu gelangen!

An letzteren hatte natürlich auch Kaji Interesse. Außerdem mochte er den Stellvertretenden Kommandanten, der Mann hatte das Herz am richtigen Fleck und stand mit beiden Beinen auf der Erde, ohne ihn wäre es bei NERV um einiges trostloser, wenn Ikari ungebremst handeln konnte. Und schließlich gab es da noch etwas, das Kaji Fuyutsuki dringend fragen wollte, um seine persönliche Neugier zu stillen...

Und damit war er bei der dritten Frage, mit der er sich herumschlagen musste: Wie sollte er den Sub-Kommandanten befreien?

Für die erste Nacht hatte er sich zunächst vorgenommen, die Lage auszuspähen.

Der Komplex war nicht stark bewacht, nur zwei Wachen am Tor und drei Doppelstreifen. Den Gebäudetypen nach handelte es sich um eine Verwaltungseinrichtung, doch wenn es wirklich ein Stützpunkt von SEELE war, dürften die Bauten ziemlich leer stehen. Kaji rechnete mit vielleicht zehn weiteren Personen.

Das Magazin seiner Waffe fasste zwanzig Schuss, mehr als genug, sollte es hart auf hart kommen. Er war Experte darin, keine Kugeln unnötig zu verschießen... Allerdings zog er Methoden vor, die auf Listen und Bluffs basierten, anstatt auf roher Gewalt. Im Gegensatz zu seinem vermissten Mentor war er nicht teilweise kugelfest und eine kugelsichere Jacke schützte auch nur einen Teil des Körpers.

Während er sich in geduckter Haltung und teilweise wie eine Schlange über den Fels robbend von dem Komplex entfernte, legte er sich bereits einen Plan zurecht. ODIN hatte für ihn eine ganze Reihe von Tarnidentitäten in den letzten Jahren installiert, ebenso wie er für den Einsatz in Tokio-3 eine mehrfach gestaffelte Tarnung bekommen hatte. Wer durch seine Rolle als neugieriger Strategischer Offizier hindurchschaute, stieß nach einigem Graben darauf, dass ihn eine dem japanischen Innenministerium angegliederte Behörde geschickt hatte. Wer dann noch weiterforschte, konnte darauf kommen, dass diese Behörde eigentlich dem Geheimdienst zugeordnet war. Weitere Untersuchungen könnten eine Verbindung zu einer Spezialabteilung des japanischen Geheimdienstes führen. Doch die Verbindung zu ODIN war beinahe unmöglich zu erkennen, außer er plauderte es aus, so wie er es Katsuragi gegenüber getan hatte.

Katsuragi...

Misato...

Wie sehr hatte er sie vermisst...

Ein Fehltritt, ein Augenblick, in dem er sich nicht hatte beherrschen können, und alles war aus gewesen. Dass er sie betrogen hatte, hätte sie ihm vielleicht noch verziehen, doch nicht, dass er es mit ihrer besten Freundin getan hatte...

Wie sehr er es bereute. Vielleicht war dies der Hauptgrund dafür gewesen, dass er eine Laufbahn als Spion eingeschlagen hatte - um sich abzulenken...

Und trotzdem wusste er, dass sein Geheimnis bei ihr sicher war.

Jetzt musste er in seinen Unterschlupf zurück und einige Vorkehrungen treffen...

*** NGE ***

Tag 2

Kozo Fuyutsukis Schädel dröhnte. In seiner Nase hielt sich der hartnäckige Geruch von Äther. Er fühlte sich müde, wusste zugleich, dass dies an den Rückständen des Betäubungsmittels lag.

Fuyutsuki lag auf einer Pritsche in einem ansonsten kahlen Raum ohne Fenster. Unter der Decke hing eine nackte Glühbirne in der Fassung; es gab keinerlei Hinweise darauf, wo er sich befand. Ebenso gab es keine Hinweise auf die Identität seiner Entführer.

Allerdings gab es nicht viele Leute oder Gruppen, die es wagen, oder auch nur versuchen würden, in die Geofront einzudringen, das gutgesicherte NERV-Hauptquartier zu betreten und den Stellvertretenden Kommandanten zu entführen... eigentlich kam dafür nur eine Gruppierung in Frage - SEELE. SEELE war der Name, den die Mitglieder des Komitees, welches hinter NERV stand, sich selbst gegeben hatten. Sie sahen sich als die heimlichen Beherrscher der Welt an, als die große Kontrollinstanz, eben die Seele der Menschheit selbst. Und Kontrolle übten sie ganz sicher aus, in wirtschaftlicher, politischer und religiöser Sicht. NERV wurde von ihnen unterstützt, weil sie befürchteten, dass sich bei einem Third Impact alles, was sie aufgebaut hatten, in Wohlgefallen auflösen würde. SEELE war eine Gruppe alter Männer, die durch ihre Macht und ihren Reichtum fast jeden Menschen zu ihrem Handlanger korrumpieren konnte, wissentlich oder unwissentlich... nur sie konnten diese Aktion in Auftrag gegeben haben...

Langsam setzte er sich auf.

Die Tür des Raumes vermittelte einen stabilen Eindruck, in ihr war ein kleines Sichtfenster eingelassen, durch welches man in die Zelle und auf die Pritsche blicken konnte. Über der Tür befand sich zudem eine Kamera.

Fuyutsuki streckte sich, versuchte seine schlaffen Muskeln wiederzubeleben.

Er hatte immer noch das Foto in der Hand...

Einen Moment lang zögerte er, steckte das total zerknüllte Bild dann in die Brusttasche seines Uniformjacketts.

Wahrscheinlich wussten seine Entführer bereits, dass er wach war. Sicher würde es nicht mehr lange dauern, bis sie kamen, um ihn zu holen.

Kurz erwog er, hinter der Tür zu lauern und den ersten, der in den Raum kam, anzuspringen, doch garantiert würde das nicht funktionieren.

Was sie wohl von ihm wollten... höchstwahrscheinlich Informationen. Ikari hatte SEELE gegenüber das Blaue vom Himmel herab gelogen; wenn SEELE ihn hatten entführen lassen, dann würden sie die Wahrheit wissen wollen. Vielleicht würden sie sogar versuchen, sich seine Loyalität zu sichern und ihn umzudrehen... allerdings würde er da doch nur den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, Ikari war ein Faktor, den er einigermaßen einzuschätzen vermochte, während er von SEELE nur die Stimmen und ein paar mutmaßliche Namen kannte - Ikari hatte ihn ein-, zweimal zu den Konferenzen in der Virtuellen Realität mitgenommen...

Jemand war an der Tür...

Ein Schlüssel wurde im Schloss umgedreht, eine Kette entfernt...

Die Tür wurde geöffnet, sie schwang zum Gang hin auf...

Ein dunkelhaariger Eurasier trat halb in die Zelle, winkte ihm mit einer Pistole zu.

„Folgen Sie mir." sagte Sergej Roshenkov mit schwerem russischem Akzent.

Fuyutsuki stand langsam auf, täuschte vor, schwächer zu sein, als er sich eigentlich fühlte. Seine Beine trugen ihn ohne Widerspruch, allerdings würde er jetzt noch an keinem Wettlauf teilnehmen können.

Wieder überlegte er seine Chancen.

Selbst wenn es ihm gelang, den Bewaffneten zu überwältigen, wusste er immer noch nicht, wo er war und mit wie vielen anderen er es wohl zu tun hatte.

„Wer sind Sie?"

Vielleicht konnte er Zeit gewinnen...

„Das geht Sie nichts an."

„Und wo bin ich?"

„Folgen Sie mir endlich!"

Der Russe trat auf den Gang vor der Zelle, wo ein weiterer Mann mit gezogener Waffe wartete.

Fuyutsuki hatte die Lage also richtig eingeschätzt...

Mit wahrem Schneckentempo näherte er sich der Tür.

„Los, los! Wir haben nicht ewig Zeit!"

„Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie mich betäubt haben", ächzte Fuyutsuki.

Wenn er einem der beiden die Waffe entreißen und den anderen damit niederschießen könnte...

Nein, das würde nicht funktionieren, dafür war er zum einen ein wenig zu alt und zum anderen nicht austrainiert genug. Derartige Dinge funktionierten in Filmen, aber nicht bei einem langjährigen Bücherwurm wie ihm.

„Ja, ja. Man wartet bereits auf Sie."

Die beiden Männer nahmen den Sub-Kommandanten in die Mitte und führten ihn den Gang hinunter bis zu einer breiten Tür.

„Da hinein!"

Der Vordermann öffnete die Tür.

Dahinter lag ein dunkler Raum, dessen Ausmaße Fuyutsuki nicht erkennen konnte. Ein Spot irgendwo unter der Decke erleuchtete einen einzelnen Flecken in der Finsternis, in dem ein einfacher, aber stabil aussehender Holzstuhl stand.

„Setzen Sie sich!" befahl der Russe und stieß den älteren Mann vorwärts, lächelte knapp, als dieser anstatt nach vorn zu fallen, sich stolpernd abfing.

„Na, also, es geht doch."

Sie hatten sein kleines Täuschungsmanöver von Anfang an durchschaut. Natürlich, sie gehörten zur Profiliga, während er in dieser Beziehung bestenfalls Dorfauswahl war. Wortlos ging er zu dem Stuhl und setzte sich.

„Hände hinter die Lehne. - Gut so."

Kalte Metallringe schlossen sich um seine Handgelenke, fesselten ihn an den Stuhl, welcher fest mit dem Boden verbunden schien.

„Sie betreiben recht viel Aufwand für einen alten Mann wie mich."

Die beiden Männer ließen sich nicht aus der Reserve locken, der eine überprüfte noch einmal den Sitz der Fesseln, dann zogen sie sich beide zurück, ohne dass Fuyutsuki hätte sagen können, ob sie den Raum verließen oder in der Dunkelheit stehenblieben.

Die Dunkelheit war bedrückend, schien jedes Geräusch zu verschlucken.

Eine Ewigkeit verging...

Dann erschienen rings um Fuyutsuki mehrere Monolithen, schälten sich langsam aus der Dunkelheit. Jeder Monolith trug eine Nummer. SEELE war eingetroffen...

Fuyutsuki wartete, dass er angesprochen wurde.

Irgendwo im Raum mussten sich die Holographieprojektoren befinden, welche die Monolithen abbildeten. Und irgendwo würde es auch Lautsprecher und Mikrophone geben.

Doch kein Wort fiel.

Die Stille zerrte an seinen Nerven...

Wieder schien eine Ewigkeit zu vergehen.

Infolge der unbequemen Lage waren Fuyutsukis Füße inzwischen eingeschlafen, ebenso seine Hände, deren Durchblutung durch die Fesseln beeinträchtigt wurde.

„Guten Tag, Professor." hallte schließlich eine Stimme durch die Finsternis, die von jenem Punkt kam, an dem sich die Holographie des Monolithen mit der Aufschrift SEELE-01 befand.

Es war eine kräftige Männerstimme, der Sprecher schien allerdings bereits älter zu sein.

„Also doch - SEELE. Ich lag richtig."

„Jemand anders hätte wohl kaum an Ihnen Interesse gezeigt, Professor."

„Interesse?"

„Natürlich. Sie sind Gendo Ikaris zweiter Mann, Professor Fuyutsuki."

„Sie sind mir gegenüber im Vorteil - Sie kennen meinen Namen, während ich den Ihren nur erraten kann."

„Hat Ikari Sie nicht über unsere Identitäten informiert?"

Fuyutsuki lächelte.

„Lorenz Kiel, alter deutscher Adel. Sie kontrollieren die Schwerindustrie von Nordamerika und weiten Teilen Europas."

Er fixierte den nächsten Monolithen.

„Chen Li-Tsu, seit über einem halben Jahrhundert die Graue Eminenz in der chinesischen Regierung."

Sein Blick wanderte weiter.

„Wilforth F. Cedrick, Direktor des einflussreichsten UN-Geheimdienstes, ferner der Mann, der die CIA kontrolliert."

Der nächste Monolith.

„Gaius Vinzenzo, SEELEs Mann im Vatikan. Der Papst hört auf Sie, außerdem verfügen Sie über beste Kontakte zur italienischen und russischen Mafia."

Er betrachtete den nächsten Monolithen.

„Francois Gellefair, Außenminister von Frankreich und wahrscheinlich der nächste Präsident der Europäischen Union."

Fuyutsukis Blick wanderte nach links.

„Abu Said Mustaffah. Sie haben die Hand am Hahn der arabischen Ölförderung."

Der nächste...

„Siri Corfeuer, derzeit oberste Instanz des Rates islamischer Rechtsgelehrter in Groß-Persien - Sie brauchen es nur anzudeuten und die halbe Welt wird von dem nächsten Jihad verschlungen."

Und noch einer...

„Corben Lancester, Sie haben vor acht Jahren im Rahmen einer feindlichen Übernahme Microsoft geschluckt und kontrollieren neben Silicon Valley die weiteren vier bedeutendsten Fabrikationsstätten für Mikrochips."

Mehr konnte er nicht sehen, ohne sich den Hals auszurenken.

„Und irgendwo hier befindet sich Max Derriger, der texanische Viehzüchter, der die Fleischproduktion in der westlichen Welt in der Hand hat."

SEELE-01 applaudierte.

„Beeindruckend, Professor, vor allem wenn Ihre Worte stimmen und Sie das alles erraten haben. Fünf von uns haben Sie sogar mit den richtigen Monolithen identifiziert. Wirklich beeindruckend. Ikari hat also keinen Idioten zu seinem Stellvertreter bestimmt."

Fuyutsuki konzentrierte sich ganz auf den Monolithen vor ihm.

SEELE-01... der Vorsitzende der Gruppe... Lorenz Kiel... er war sein eigentlicher Gesprächspartner, sein Widersacher. Die anderen waren nur Zuschauer...

„Jetzt, da jeder von uns weiß, dass der andere weiß, mit wem er es zu tun hat - was wollen Sie von mir?"

„Ah, ich schätze es, wenn ein Mann sich nicht lange mit Förmlichkeiten aufhält und gleich zur Sache kommen will."

„Wirklich? Und dafür entführen Sie mich?"

„Verzeihen Sie bitte die Umstände Ihrer Anwesenheit. Nun, was wollen wir? ... Informationen."

„Welcher Art?"

„Alles, was Sie uns über Ikari sagen können."

„Das ist alles? Gut, wie Sie wollen. Ich muss aber weiter ausholen. Um verstehen zu können, wie ich Ikari traf, muss ich bei Yui anfangen, seiner späteren Frau."

„Zeitverschwendung!" brummte ein anderer Monolith.

„Lassen wir ihn reden, vielleicht erhalten wir aus seinem Bericht neue Einsichten. - Sprechen Sie weiter, Professor."

„Nun, Kiel, es war vor knapp zwanzig Jahren, ich war zu diesem Zeitpunkt bereits Professor an der Universität von Tokio... dem alten Tokio, das während des Impact später völlig zerstört wurde..."

„Ja."

„Ich kann wohl mit Recht sagen, dass ich ein beliebter Dozent war, die Studenten strömten immer in Massen in meine Vorlesungen, die Säle waren stets bis zum letzten Platz belegt. Aber fragen Sie mich nicht warum..."

„Er will doch nur Zeit schinden!"

„Er soll reden. Unterbrechen Sie ihn nicht wieder!"

„Mitten im Semester machte mich ein Kollege auf eine junge Mitarbeiterin am Institut für Humangenetik aufmerksam, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die auf der Suche nach einem Doktorvater war, bei dem sie ihre Doktorarbeit schreiben konnte.

Es war Yui Ikari. Nach einem längeren Gespräch mit ihr kam ich zu dem Schluss, dass sie eine äußerst kluge Frau war, deren Arbeit die Wissenschaft um Jahre in die Zukunft katapultieren könnte. Und deshalb unterstützte ich sie. Yui promovierte. Ich kann nicht verhehlen, dass ich sie sehr sympathisch fand, es war angenehm, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Ich bedauerte sehr, dass sie sich nach Erlangung ihres Doktortitels nicht weiter der Lehre widmete, sondern in die private Forschung ging. Im Jahre 1999 erhielt ich auf Umwegen ein Lebenszeichen von ihr - ich erhielt in meinem Büro im Institut einen Anruf von der Polizei. Man bat mich, auf die Wache zu kommen und einen Mann namens Gendo Rokubungi abzuholen, der mich als Bürgen benannt hatte. Natürlich war ich misstrauisch, schließlich kannte ich diesen Mann nicht, hatte auch den Namen nie zuvor gehört."

Fuyutsuki machte eine Pause.

„Könnte ich vielleicht etwas zu trinken bekommen, ein Glas Wasser möglicherweise?"

„Bringen Sie es ihm", sagte SEELE-01.

Kurz darauf tauchte einer seiner Entführer neben ihm auf, öffnete die Handfessel der linken Hand und drückte ihm einen Plastikbecher in die Hand.

Fuyutsuki trank langsam.

„Besser, Professor? Können Sie weitersprechen?"

„Ja, Kiel. Ich erhielt also diesen Anruf und überlegte. Dann überwog meine Neugier und ich machte mich auf den Weg. Rokubungi war mir sofort unsympathisch. Er war festgenommen worden, weil er in eine Schlägerei in einer recht unseriösen Gegend der Stadt verwickelt gewesen war, bei unserer ersten Begegnung trug er noch die Spuren dieser Schlägerei. Ich fragte ihn, wieso er mich als seinen Bürgen angegeben hatte, woraufhin er mir sagte, dass er mich eigentlich im Auftrag Yuis hatte besuchen und von ihr grüßen wollen. Wie ich weiter erfuhr, waren die beiden bereits eine ganze Weile zusammen. Rokubungi weilte geschäftlich in Tokio, bei dieser Gelegenheit hatte er mir eine Einladung vorbeibringen wollen - zu seiner und Yuis Hochzeit. Das kam für mich ziemlich überraschend.

Auch nachdem ich mich mit ihm eine Weile unterhalten hatte, war Rokubungi mir nicht sympathischer geworden. Der Tag der Hochzeit fiel auf denselben Termin wie ein Vortrag, den ich am anderen Ende des Landes halten musste und den ich nicht absagen konnte, so dass ich Rokubungi mit Bedauern mitteilen musste, dass ich nicht kommen konnte.

Am nächsten Tag rief ich Yui in Kyoto an und unterhielt mich den ganzen Nachmittag mit ihr. Sie war zu diesem Zeitpunkt mit Gendo Rokubungi über alle Maßen glücklich, ihren Worten gelang es, mein Misstrauen und meine Sorge, sie könnte einen großen Fehler machen, zu zerstreuen. Wäre ich damals nur etwas hartnäckiger gewesen..."

Wieder machte Fuyutsuki eine Pause, trank aus dem Becher.

„In der Folgezeit hatte ich immer wieder Kontakt mit ihr, eine Grußkarte hier, ein kurzer Anruf da, sie wollte den Kontakt nicht abreißen lassen und ich wollte sicher sein, dass es meiner früheren Schülerin gutging.

Dann kam der Second Impact. Ich hörte eine ganze Weile nichts von Yui, dafür aber von Rokubungi. Er hatte an der Katsuragi-Expedition teilgenommen und irgendwie hatte er die Katastrophe überlebt. Ich begann, Nachforschungen anzustellen, stellte fest, dass Rokubungi - oder Ikari, wie er sich nach der Hochzeit nannte, er hatte Yuis Namen angenommen - nie in der Nähe des Südpols gewesen war. Und ich brachte noch mehr über ihn in Erfahrung. Er war ein Wissenschaftler, der auf dem Gebiet der Genetik eine Reihe extravaganter Theorie vertrat... die Vervollkommnung des Menschen. Sein Idealbild des Menschen erinnerte mich an eine dunkle Episode der Menschheitsgeschichte in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Anscheinend hatte ich mich in meiner ersten intuitiven Einschätzung nicht geirrt. Weitere Informationen, die ich sammelte, waren noch verwirrender, demnach beschäftigte er sich mit alten Prophezeiungen über den Weltuntergang.

Dann erhielt ich die Einladung, an einer UN-Expedition in die Antarktis teilzunehmen, um mir zusammen mit anderen Wissenschaftlern vor Ort ein Bild machen zu können.

Ich fühlte mich unter den ganzen Forschern anderer Fachgebiete fehl am Platz, was sollte ein Genetiker unter Ökologen und Meteorologen...

An Bord des Schiffes befand sich auch Gendo Ikari. Er begrüßte mich wie einen alten Freund. Anscheinend bemerkte er mein Misstrauen. Wir führten ein langes Gespräch, während dem er mir mitteilte, dass er von meinen Nachforschungen über ihn wusste. Und er weihte mich in das Geheimnis der Schriftrollen vom Toten Meer ein.

Seine Worte waren sehr überzeugend, wir verbrachten lange Nächte über seinen Unterlagen, bis er mich von der Gefahr überzeugt hatte, welche der Menschheit drohte. Und er erklärte mir, dass er bereits mit Hilfe mächtiger Sponsoren und Partner dabei war, Gegenmaßnahmen zu treffen.

Diese Partner waren Sie, oder?"

„Korrekt, Professor. Bitte, fahren Sie fort."

„An diesem Tag rekrutierte er mich für Projekt-E, aus dem die EVANGELIONs hervorgingen. In der Folge brachte er mich in die Geofront, wo ich Yui wiedertraf. Ikari hatte auch sie für das Projekt angeworben. Ich erkannte sie fast nicht, sie wirkte... gealtert, unglücklich... In einer ruhigen Minute gestand sie mir, dass ihre Ehe wahrscheinlich gescheitert war. Ich sprach ihr Mut zu, immer wieder. Ich hätte es lassen und darauf drängen sollen, dass sie Ikari verließ, dann wäre sie heute vielleicht noch am Leben. Aber ich war zu sehr auf das fixiert, was vor uns lag, die Rettung der Menschheit. Dazu brauchten wir Yuis Fachkenntnisse. Sie entwarf die Grundkonzepte der EVAs und der Synchronverbindung.

Ein weiteres wichtiges Mitglied im Team war Naoko Akagi. Sie arbeitete an der Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, es war ihr bereits gelungen, eine menschliche Persönlichkeit zu digitalisieren und ein Mensch-Maschine-Interface zu entwickeln. Die Krönung ihrer Arbeit würde die Erschaffung der MAGI-Biocomputer sein, aber ich will nichts vorwegnehmen..."

Fuyutsuki nahm wieder einen Schluck Wasser zu sich.

„Das ist uns weitestgehend schon bekannt."

„Das tut mir leid, Kiel."

„Das tut es nicht, Professor."

„Ich wollte nur höflich sein."

SEELE-01 lachte abgehackt.

„Fahren Sie doch fort."

„Ein knappes Jahr nach dem Impact brachte Yui einen Sohn zur Welt - Shinji. Zuerst schien Gendo sich zu freuen, doch schon bald wurde er dem Jungen gegenüber genauso gleichgültig wie seiner Frau gegenüber. Stattdessen begann er eine Affäre mit Naoko Akagi. Ich erfuhr zufällig davon, schwieg aber.

In der Folgezeit rekrutierte Yui noch Doktor Soryu für das Projekt, Doktor Soryu leitete die deutsche Zweigstelle bis zu ihrem Tod im Jahre 2005. Yui starb ein gutes halbes Jahr zuvor bei einem Unfall."

„Berichten Sie uns davon."

„Vielleicht werden Sie verstehen, dass es mir nicht leicht fällt, über dieses Ereignis zu sprechen. Meine frühere Schülerin stand mir sehr nahe. Der Unfall ereignete sich beim ersten Testlauf der Synchronverbindung. Yui hatte sich als Freiwillige für das Experiment gemeldet. Alles schien völlig sicher. Zuerst verlief das Experiment auch wie geplant, dann jedoch lief irgendetwas schief. Yui wurde bei lebendigem Leibe gekocht, ich erinnere mich noch nur allzu gut an die Übertragung aus dem EntryPlug, als Elektrizität durch ihren Körper zu fließen begann... von ihr war nicht mehr genug übrig für ein ordentliches Begräbnis. Und ihr Sohn hatte alles mitangesehen..."

Kozo holte tief Luft, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

„Ikari hingegen ließ es völlig kalt. Keine Woche später gab er den Jungen bei Verwandten in Pflege und vergaß ihn dort regelrecht, stürzte sich mit scheinbar neuem Elan in die Arbeit. Andere vermuteten, er täte dies, um seinen Schmerz zu überwinden, doch ich wusste es besser. Vielleicht trug er sogar die Verantwortung an Yuis Tod.

Ich konfrontierte ihn mit meiner Vermutung. Er zeigte sich tief gekränkt. Offenbar hatte ich mich geirrt, so dass ich sofort meine Worte bereute. Ikari vergab mir, weihte mich sogar in den nächsten Schritt seines Planes ein... mit der Macht der Wesen, die er Engel genannt hatte, könnte es möglich sein, Yui ins Leben zurückzuholen. Das gab mir den nötigen Ansporn, bei NERV zu bleiben und sogar zu seinem Stellvertreter zu werden.

Kurz darauf tauchte er erstmals mit Rei auf. Rei Ayanami, das First Child. Er sagte, sie sei die Tochter von Bekannten, die ihn gebeten hätten, sich um sie zu kümmern.

Ich hätte misstrauisch werden sollen, warum sollte er sich um ein fremdes Kind kümmern, wenn ihm schon der eigene Sohn egal war? - aber ich schwieg, wollte nicht noch mehr zwischen uns durch Vermutungen und Verdächtigungen zerstören.

Rei war ein eigenartiges Kind, zweifelsohne klug und gehorsam... zu gehorsam, fast wie ein Roboter.

Dann starb Doktor Akagi - Selbstmord. Sie nahm sich direkt nach Fertigstellung der MAGI-Rechner das Leben. Die näheren Umstände sind heute noch unklar, da die Sicherheitskameras nichts aufgezeichnet hatten. Und auch Rei sah ich für einen längeren Zeitraum nicht mehr.

Vom ursprünglichen Team starb Doktor Soryu als nächste, sie hatte versucht, das Experiment zu wiederholen, bei dem Yui umgekommen war, und hatte einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten. Wenige Wochen später nahm sie sich das Leben.

NERV wuchs und gedieh in der Zwischenzeit.

In den US wurde Kaworu Nagisa als Pilot rekrutiert, zeitgleich mit Doktor Soryus Tochter. Das Schema, nach welchem die zukünftigen EVA-Piloten ihre Nummern erhielten, war völlig undurchschaubar.

2010 erschien Ikari wieder in Begleitung Reis. NERV mietete für das Mädchen ein Apartment an und sie wurde in den Folgejahren als Pilotin des Prototyps ausgebildet.

Als es Schwierigkeiten mit den MAGI gab, ließ Ikari Naoko Akagis Tochter Ritsuko rekrutieren, welche wie ihre Mutter neue Wege auf dem Gebiet der Informatik und Systemstruktur beschritt. Anfang dieses Jahres warben wir von den UN-Streitkräften einen taktischen Offizier an - Misato Katsuragi, die Tochter des Wissenschaftlers, dessen Expedition im Jahre 2000 den Engel ADAM gefunden und den Second Impact dabei ausgelöst hatte.

Und plötzlich zeigte Ikari wieder Interesse an seinem Sohn, beorderte diesen nach Tokio-3.

Shinji Ikari traf am selben Tag ein, an dem auch der Engel Satchiel Tokio-3 attackierte. Sein Vater brachte ihn dazu, das Testmodell in den Kampf zu steuern.

Den Rest kennen Sie wahrscheinlich besser als ich."

„Möglich. Aber wir haben noch einige Fragen."

Fuyutsukis Zunge fühlte sich schwer an.

Die Monolithen begannen vor seinen Augen zu tanzen, führten einen stummen geisterhaften Reigen auf.

„Was..."

Er blickte auf den Becher in seiner Hand.

„Sie haben etwas in das Wasser getan, nicht wahr?"

„Eine Wahrheitsdroge. Mit Ihrem kleinen Bericht haben Sie die Zeit überbrückt, die das Mittel brauchte, um seine Wirkung zu entfalten. Vielen Dank für Ihre Kooperation."

„Ich..."

Er versuchte, sich gegen die Wirkung des Medikaments zu wehren.

Und er hatte auch noch selbst um das Wasser gebeten, hatte gedacht, SEELE mit einem langatmigen Bericht zufriedenstellen zu können...

„Professor, wie war Ihr Verhältnis zu Yui Ikari?"

„Ich..."

Fuyutsuki presste die Lippen zusammen, biss sich auf die Zunge.

Eine dicke Schweißschicht bildete sich auf seiner Stirn, während er alles daransetzte, die Antwort zurückzuhalten, die sich den Weg über seine Lippen freizukämpfen schien.

Zugleich begann sein Kopf wieder zu schmerzen.

„Ich..."

„Wehren Sie sich nicht, Professor, oder Ihr Geist könnte Schaden nehmen."

„Ich habe sie geliebt... Sie verdammter Bastard..."

„Ah... das also ist Ihre Motivation. Liebe... ein äußerst seltsames Konzept. Damit hat Ikari Sie geködert, nicht wahr? Erst die Möglichkeit, in ihrer Nähe zu sein, dann die Aussicht darauf, ihren Tod rückgängig machen zu können. Sie mussten Ikari nur den Rücken decken, damit er ungehindert die Macht eines Gottes erringen konnte!"

„Er hatte sie nicht verdient. Yui war viel zu anständig und warmherzig für ihn..." flüsterte Fuyutsuki. Seine Augen tränten.

„Und wie beabsichtigt Ikari, sie zurückzuholen von den Toten? Was hat er Ihnen erzählt?"

„Ihre… Yuis Seele soll in Einheit-01 gefangen sein. Nach Scheitern des Bergungsprojektes hat er aus einem DNA-Fetzen ihr einen neuen Körper geklont. Um sie zu befreien, muss das AT-Feld… damit sie von dem neuen Körper Besitz ergreifen kann, ist seiner Theorie nach ein begrenzter, impact-ähnlicher Zustand erforderlich… Kontakt zwischen ADAM und LILITH…"
Der alte Mann wehrte sich gegen die aus ihm heraussprudelnden Worte, wollte den anderen nicht verraten, an welche Hoffnung er sich seit Jahren klammerte.

„Science Fiction", murmelte ein Monolith zu Fuyutsukis Linken. „Völlig an den Haaren herbeigezogen."

„Hm. Gut, weiter: Warum wurde Ikaris Sohn ausgewählt? Warum gab Ikari ihm den stärksten und zugleich unberechenbarsten EVANGELION, über den NERV verfügte?"

„EVA-00 war beschädigt. Und der Junge konnte sofort eine Synchronverbindung zu dem EVA aufbauen, die ausreichte, um zu kämpfen... alles ohne Training."

„Warum?"

„Warum? Ich weiß es nicht... Shinji Ikari ist ein Naturtalent."

„Könnte sein Vater nachgeholfen haben?"

„Nachgeholfen?"

„Gut, lassen wir das. Der Stromausfall?"

„Ein Engel. Iroul ist in die MAGI eingedrungen. Doktor Akagi konnte ihn zurückschlagen."

„EVA-03?"

„Ebenfalls ein Engel. Bardiel. Er ergriff von dem EVA Besitz, die Pilotin konnte nichts dafür."

„Hat Ikari uns belogen, damit er einen Vorsprung in seinem Szenario erhielt?"

„Ja..."

Fuyutsuki wurde von starken Zuckungen durchgeschüttelt.

Je mehr er sich wehrte, umso mehr er versuchte, die Wahrheit zu unterdrücken, umso stärker wurden die Zuckungen, bis sie ihm sogar Schmerzen bereiteten.

„Was plant er?"

„Er... will... allein... Macht LILITHs... ADAMs..."

„LILITH?"

„Dogma... was die Engel suchen... Ikari selbst lockt sie... Countdown zum Armageddon..."

Fuyutsuki biss sich auf die Zunge, schmeckte den metallischen Geschmack von Blut im Mund.

Nicht mehr... er durfte nicht noch mehr verraten... SEELE würde versuchen, Ikari aufzuhalten... würde Yuis Auferstehung verhindern...

„Unsere Vermutungen stimmten. Nur der Hinweis auf diese LILITH ist sehr überraschend", sagte SEELE-01 zu seinen Mitverschwörern.

„Professor, wer oder was ist LILITH?"

Zeit schinden...

Ausflüchte suchen...

Die Schmerzen waren inzwischen so stark, dass es Fuyutsuki schwarz vor Augen wurde. Er bekam keine Luft mehr...

„Urmutter..."

Sein Kopf sank auf seine Brust, zugleich hörten die Zuckungen auf.

Sergej Roshenkov trat an den Stuhl, griff mit einer Hand unter Fuyutsukis Kinn, hob seinen Kopf an, hob dann mit der anderen eines seiner Augenlider hoch. Fuyutsukis Augen waren in den Kopf zurückgerollt, so dass nur das Weiße sichtbar war.

„Bewusstlos."

„Bemerkenswert, wirklich bemerkenswert. Er hat mehr Widerstand geleistet als erwartet..."

„Ja, der alte Mann verfügt über eine unerwartete Konstitution. Wenn er sich von dem Anfall erholt hat, schlage ich ein zweites Verhör mit einer erneuten, endgültigen Dosis vor."

„Ich stimme Ihnen zu, General. - Herr Roshenkov, bringen Sie ihn in seine Zelle zurück, wir werden ihn weiterbefragen, wenn er aufwacht."

„Soll ihn ein Arzt behandeln? Die Nebenwirkungen..."

„Das dürfte nicht nötig sein. Das nächste Mal wird er uns alles sagen, was wir noch wissen wollen, danach benötigen wir ihn nicht mehr."

„Diesen Mann können wir nicht umdrehen", erklärte Cedrick. „Wir können ihm nicht bieten, womit Ikari ihn geködert hat."

„Ob Ikari wirklich fähig wäre, Tote wiederzubeleben, wenn er allein die Macht eines Gottes besitzt?" fragte ein anderer Monolith.

„Unwahrscheinlich." brummte Cedrick.

„Aber ist das nicht die Domäne von Göttern?" warf ein weiterer ein.

„Götter... Aberglaube... Verständigen Sie mich bitte, wenn das Verhör fortgesetzt wird."

Cedricks Monolith verschwand.

Nach und nach folgten die anderen.

*** NGE ***

In seinem Büro in Wilhelmshaven setzte Wilforth F. Cedrick die VR-Brille ab, die ihm Zugang zu SEELEs Konferenzen erlaubte.

Die Macht Gottes...

Die Macht, Tote auferstehen zu lassen...

Allmacht...

Anscheinend war es kein Fehler gewesen, Larsens RABEN an ihren Einsatzorten zu belassen. Kiel konnte doch nicht wirklich solch ein alter Trottel sein, dass er glaubte, die anderen stünden bedingungslos hinter ihm. Sobald der Weg frei war, würde es vielmehr heißen: Jeder Mann für sich selbst.

Er brauchte nur einen Befehl geben, nur ein Signal abzusenden, und seine fünf größten Konkurrenten, Kiel eingeschlossen, würden sterben...

*** NGE ***

Tag 3

Frechheit siegt...

Kaji unterdrückte ein breites Grinsen, als er in einem Militärjeep mit Hoheitszeichen der UN auf den von SEELE kontrollierten Komplex zufuhr. Er selbst trug die Uniform eines Colonels, einen höheren Rang anzunehmen hatte er nicht gewagt, da ein General wohl kaum selbst fahren würde. Seine Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, zudem klebte ein falscher Bart auf seiner Oberlippe. Er wirkte leicht aufgequollen, ein Nebeneffekt der Kevlarweste, die er unter der Uniform trug.

Er hielt den Wagen am Tor an.

„Wer hat hier im Augenblick das Kommando?" schnauzte er den Posten am Tor an.

„Leutnant Tsuno, Sir. Ich hole ihn."

„Gut, machen Sie das."

Er bedeutete dem anderen Posten, das Tor zu öffnen und ihn einzulassen.

Der Soldat salutierte und kam der Anweisung rasch nach.

Innerlich seufzte Kaji.

Die erste Hürde war genommen, er war auf dem Gelände.

Jetzt musste sich nur noch seine Hoffnung erfüllen, dass SEELE keine allzu cleveren Leute als Bewacher ihres Komplexes angeheuert hatten, dann würde alles viel einfacher gehen...

Der Leutnant kam, salutierte zackig.

Innerlich grinste Kaji.

„Leutnant, melden Sie sich mit fünf von Ihren Leuten in der Hauptverwaltung beim diensthabenden Offizier. Ich übernehme hier das Kommando, Ersatz für die abgezogenen Kräfte trifft in Kürze ein."

„Sir, ich weiß davon nichts."

„Jetzt wissen Sie es. Oder haben Sie etwa die Anweisung, hier Wache zu schieben in dreifacher Ausfertigung mit einer Schleife drum herum bekommen?"

„Nein, Sir, natürlich nicht."

„Gut. Rücken Sie umgehend ab. Wer ist der Ansprechpartner vor Ort?"

„ODIN-Agent Roshenkov, Sir."

Kaji konnte nicht vermeiden, dass sich seine Stirn zusammenzog.

Roshenkov?

Er kannte keinen Agenten dieses Namens. Natürlich war ihm nicht jeder Kollege geläufig oder namentlich bekannt, wohl aber die Handvoll, welche im ostasiatischen Raum stationiert war, wo eigentlich ein anderer geheimdienstlicher Arm zuständig war.

Der Name klang russisch.

Dann stimmte die Vermutung des Commanders also wahrscheinlich, dass ODIN von SEELE unterwandert worden war...

„Ist er da?"

„Nein, Sir, Agent Roshenkov ist vor einer Stunde weggefahren."

„Ah, ja. Gut, dann warte ich drinnen auf ihn."

Während der Leutnant sich fünf Leute nahm - mehr fortzuschicken hatte Kaji nicht wagen wollen, um nicht mehr Mißtrauen als nötig zu erregen - und mit zwei von den Jeeps, die vor dem Hauptgebäude standen, abfuhr, stellte Kaji seinen eigenen Geländewagen direkt vor der Tür ab, schwang sich ins Freie und eilte die Stufen zum Eingang hinauf.

Unangefochten gelangte er ins Innere des Gebäudes, drückte sich erst einmal gegen die Wand und holte seine Waffe hervor, schraubte den Schalldämpfer auf.

Langsam und lautlos wie eine Katze - unter anderem der Gesichtspunkt, nach dem er im Army-Shop seine Stiefel ausgewählt hatte - schlich er den Gang hinab bis zu einer Treppe, lauschte.

Aus dem Obergeschoß kam kein Geräusch, dafür ging unter ihm eine Tür.

Wenn Fuyutsuki sich noch hier befand, wovon Kaji ausging, war er wahrscheinlich in einer Zelle eingesperrt. Und Zellen befanden sich in der Regel im Keller, wo die Fluchtmöglichkeiten aufgrund der Lage bereits eingeschränkt waren. - Ausnahmen bestätigten natürlich die Regel...

Er stieg langsam die Treppe hinab, abwechselnd nach oben und unten sichernd.

Kaji erreichte den Fuß der Treppe, spähte um die Ecke.

Wieder ein Korridor.

Zu beiden Seiten gingen Türen ab.

Und vor einer Tür stand ein schwarzgekleideter Mann mit einer Maschinenpistole über der Schulter.

Kaji überprüfte noch einmal seine Waffe, trat dann in den Gang, die Pistole mit seinem Körper verdeckend.

„Entschuldigung..."

Der andere reagierte mit beeindruckenden Reflexen, hatte seine Waffe bereits in der nächsten Sekunde auf Kaji gerichtet, den Finger am Abzug. Nur zum Schießen kam er nicht mehr...

Kaji war ganz auf Nummer Sicher gegangen und hatte die Möglichkeit, dass der andere ebenfalls eine kugelsichere Weste trug, in seine Überlegungen miteinbezogen, als er selbst den Abzug durchzog und ihm eine Kugel in den Kopf jagte.

Der Schuss erzeugte durch den Schalldämpfer nur ein leises ´plop´, der Wächter ging mit einem Geräusch, das nur etwas lauter war, zu Boden, dafür schlug seine Waffe doch recht laut auf.

Kaji sah sich um, lauschte, konnte nicht feststellen, dass irgendjemand im Gebäude reagierte.

Die Tür...

Er blickte durch das kleine Sichtfenster, sah den Subkommandanten auf einer Pritsche liegen.

Bei der Tür war nur die Kette vorgelegt, wie Kaji feststellte. Rasch öffnete er und zischte: „Subkommandant!"

Fuyutsuki reagierte nicht.

Kaji unterdrückte einen Fluch und trat schnell in den Raum hinein, rüttelte an Fuyutsukis Schulter.

Der ältere Mann sah ihn mit verschleiertem Blick an.

„Kaji...?"

„Ja. Kommen Sie, wir verschwinden!"

Zittrig machte Fuyutsuki Anstalten aufzustehen, fiel wieder zurück.

„Schwach... Drogen..."

„Ich helfe Ihnen."

Kaji legte sich Fuyutsukis Arm um die Schultern, zog ihn nach oben, schleppte ihn wie einen nassen Sack aus der Zelle. Draußen war es immer noch ruhig, dennoch mobilisierte Kaji alle Kräfte, um den anderen so schnell wie möglich die Treppe hinaufzuschaffen, nahm auch keine Rücksicht darauf, dass der Subkommandant von NERV mehr als nur einmal kräftig aneckte. Blaue Flecken waren immer noch besser als Blaue Bohnen...

Keuchend erreichte er mit seiner Last das Erdgeschoß, schleifte Fuyutsuki zum Ausgang. Immer wieder versuchte der ältere Mann, ihm zu helfen und auf die Beine zu kommen, knickte aber ständig wieder ein.

Von der Eingangstür bis zum Jeep waren es nur wenige Schritte... notfalls würde er sich den Weg freischießen müssen...

Die Waffe voran, stieß Kaji die Tür auf und stolperte die Stufen hinunter.

Er hatte Fuyutsuki bereits in den Jeep verfrachtet, als die verbliebenen Wachen aufmerksam wurden und ihn anriefen.

„Kopf unten behalten!" rief er Fuyutsuki zu, schwang sich hinters Steuer, warf den Motor an und gab Gas.

Die Wachen hatten anscheinend inzwischen begriffen, dass etwas sehr schief lief, jedenfalls gingen sie in Feuerstellung.

Kaji beschleunigte den Wagen, ließ ihn aus dem Stand einen Riesensatz machen und jagte auf das Tor zu, ging dabei selbst in Deckung, trat das Gaspedal weiterhin bis zum Anschlag durch.

Die Wachen eröffneten das Feuer, Kugeln flogen über Fahrer und Passagier hinweg.

Dann krachte es, als der Jeep durch das Tor brach.

Kaji richtete sich auf, verlangsamte aber nicht.

Das hatte funktioniert...

*** NGE ***

Einige Kilometer weiter wechselten sie eiligst den Wagen und ließen den Jeep stehen, Fuyutsuki konnte jedoch immer noch nicht aus eigener Kraft sitzen, kippte immer wieder auf dem Beifahrersitz zur Seite.

Kaji dämmerte langsam, welche Droge ihm wahrscheinlich verabreicht worden war. Er musste den anderen schleunigst zu seinem Unterschlupf bringen, wo er ihn mit einigen anderen Medikamenten behandeln konnte, ehe die Droge Fuyutsukis Kreislauf zum Zusammenbruch brachte.

*** NGE ***

Tag 14

Kaji sah seinen Gast an.

Die letzten zehn Tage hatte er immer wieder um Fuyutsukis Leben gekämpft, ihm ein kreislaufstabilisierendes Medikament nach dem anderen verabreicht. Die Arme des Subkommandanten waren völlig zerstochen. Natürlich hatte Kaji nicht das passende Gegenmittel zur Hand gehabt, sondern hatte improvisieren müssen - aber darin war er ja Experte.

Die von SEELE verabreichte Droge hatte sich lange in Fuyutsukis Körper gehalten, immer wieder war es zu Rückfällen gekommen, bei denen der ältere Mann unter schweren Krampf- und Schüttelanfällen zu leiden gehabt hatte.

Doch jetzt schien es ausgestanden.

Fuyutsuki war wieder imstande, aus eigener Kraft zu essen und die Toilette aufzusuchen.

Während der Anfälle hatte er immer wieder unzusammenhängende Dinge gemurmelte, die Kaji dennoch aufgezeichnet hatte, vielleicht ergab etwas davon ja tieferen Sinn.

In seinen lichten Momenten hatte Fuyutsuki geredet wie ein Buch, inzwischen kannte Kaji seine Lebensgeschichte, die seiner Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkeln und Tanten, ebenso wie die Entstehungsgeschichte von NERV und Projekt-E. Und sein Verdacht hatte sich bestätigt, was die Beziehung zwischen Kozo Fuyutsuki und Shinji Ikari anging, welcher eine starke Ähnlichkeit zu Fuyutsuki auf einem Bild aus dessen eigener Schulzeit besaß, das Kaji zufällig bei seinen Recherchen gefunden hatte.

Wer hätte das gedacht... und offenbar war der Subkommandant selbst erst vor kurzem dahinter gekommen, dass die eine Nacht, die er mit Yui Ikari verbracht hatte, nachdem diese nach einem besonders heftigen Streit mit ihrem Mann zu ihm gekommen war, Folgen gehabt hatte...

Der Unterschlupf, den Kaji sich in den letzten Monaten in Tokio-3 eingerichtet hatte, befand sich in einer Lagerhalle, die ironischerweise offiziell zum MARDUK-Institut gehörte. Im Büro des Lagerverwalters hatte Kaji jenen Teil seiner Sachen gelagert, die mehr als nur fragende Blicke hervorgerufen hätten, hätte man sie bei ihm gefunden.

Mehrfach war er in den letzten Tagen versucht gewesen, Fuyutsuki in ein Krankenhaus oder in die Geofront zu bringen, doch dann hatte er es doch nicht getan, weil es ihm zu unsicher erschienen war. Auch Ritsuko Akagi hatte er nicht erreichen können...

„SEELE wird sich das nicht bieten lassen, Kaji", sagte Fuyutsuki mit immer noch schwacher Stimme. Die Strapazen der letzten Tage zeichneten sich noch immer auf seinem Gesicht ab. Er war dünn geworden, die Uniform war ihm um wenigstens eine Nummer zu groß.

„Hier, essen Sie das."

Kaji stellte ihm eine Schüssel mit Brühe vor die Nase und drückte ihm einen Löffel in die Hand.

„Ganz wie Ihre Mutter sie immer gemacht hat."

„Ich habe viel erzählt, nicht wahr?"

„Hauptsächlich über die lieben Verwandten. Ich weiß, es kommt spät, aber sie haben mein volles Mitgefühl."

„Ich habe sie alle während des Impacts verloren. Der einzige Grund, dass ich selbst noch am Leben bin, war die Tatsache, dass ich gerade zu einem Symposium war, als Tokio vom Meer verschlungen wurde. Haben Sie welche von Ihren Leuten verloren?"

„Einige."

„Hören Sie, ich will nicht undankbar klingen, im Gegenteil, was Sie getan haben, verdient meinen Respekt... aber Sie hätten mich nicht retten sollen. Jetzt wird SEELE Sie ebenfalls auf die Schwarze Liste setzen."

„Und wenn schon. Ich bin Überlebenskünstler."

„Ikari glaubt, Sie arbeiten für das japanische Innenministerium. Ich denke, jemand anders hat Sie zu NERV geschickt."

„So?"

„Ich tippe auf den UN-Geheimdienst. Und die einzige Organisation, die über die Mittel verfügt, so etwas über Jahre zu planen und durchzuziehen, ist ODIN."

Kaji lächelte nur.

„Sie sollten essen."

„Erwarten Sie jemanden?"

„Ja, ich habe eine Nachricht erhalten, dass ich Verstärkung bekomme."

„So..."

*** NGE ***

Niemand war da.

Kaji sah auf die Uhr, entschloss sich, noch etwas zu warten, ehe er in den Verschlag zurückkehrte, in dem Fuyutsuki auf ihn wartete. Mit jedem Augenblick der verstrich, wurde er nervöser. Sein ausgeprägter Instinkt teilte ihm mit, dass etwas nicht stimmte, konnte es aber nicht näher bestimmen. Der Commander war sonst pünktlich...

Um sich zu beruhigen, zündete er sich eine Zigarette an.

Irgendwo ging eine Tür.

Kaji kniff die Augen zusammen.

„Sie sind spät dran."

Im nächsten Moment hörte er ein Klicken, das Klicken eines zurückgezogenen Sicherungsbügels. Er ließ sich fallen, zog in der Bewegung seine Waffe, rollte sich zur Seite.

Dort, wo eben noch sein Kopf gewesen war, schlug ein Geschoß in die Wand ein.

Ryoji Kaji erwiderte das Feuer. Ein dumpfes Ächzen und das Geräusch eines Körpers, der wie ein nasser Sack auf den Boden schlug, zeigten ihm, dass er getroffen hatte.

Geduckt richtete er sich auf, huschte zu der am Boden liegenden Gestalt, drehte sie auf den Rücken. Es war ein ihm unbekannter Asiate, wobei Kaji nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, ob es ein Japaner war.

Dann peitschte ein weiterer Schuss und traf ihn eine Kugel in die Seite...

Kaji ging zu Boden…

Die Waffe fiel aus seiner plötzlich kraftlosen Hand…

Schmerz breitete sich in seinem Körper aus…

Er hatte Schwierigkeiten zu atmen…

Schritte näherten sich ihm, ein Schatten fiel auf ihn.

Kaji blickte in ein weiteres Gesicht, das er nicht kannte, ein dunkelhaariger Europäer.

„W-wer...?"

„Agent Ryoji Kaji. SEELE entsendet Ihnen Grüße", erklärte der andere mit russischem Akzent. Der Finger um den Abzug krümmte sich.

Doch kein Schuss löste sich, stattdessen ließ Roshenkov die Waffe fallen, als sein Arm plötzlich kraftlos wurde.

Verwirrt blickte er nach unten auf seine Brust, aus der drei parallele Stahlklingen herausragten.

Blutiger Schaum trat auf die Lippen des Russen, er gurgelte unverständliche Laute, drehte im Sterben den Kopf zur Seite, sah als letztes in das Gesicht des Mannes, der ihn getötet hatte.

Wolf Larsen ließ seine Klauen einschnappen.

Des Halts beraubt, fiel der Körper Sergejs zu Boden.

„Tut mir leid, dass ich so spät komme..." brummte der Cyborg.

*** NGE ***

Kaji setzte sich auf, presste eine Hand gegen seine Rippen, sah zugleich zu dem anderen hinauf. Wenn es jemanden gab, den er noch als Verwandtschaft bezeichnen würde, dann war es wohl der Mann, der ihn damals von der Straße aufgelesen hatte, obwohl er eigentlich mit einem ganz anderen Auftrag beschäftigt gewesen war, der Mann, der ihm zuerst eine Universitätsausbildung ermöglicht und dann zu ODIN geholt hatte, der Mann, der ihm alles über das Überleben beigebracht hatte, das er nicht schon auf der Straße gelernt hatte...

„Wie schwer hat es Sie erwischt?"

Larsen ging neben ihm in die Knie.

„´Bin mir noch nicht sicher..."

Kaji tastete unter seiner Jacke nach der Einschussstelle. Kurz darauf zog er die Hand wieder hervor, eine abgeflachte Kugel zwischen den Fingern.

„Sie hat meine Weste nicht durchschlagen."

„Gut."

„Schade um die Jacke..."

Kaji grinste.

„Hier."

Larsen streckte ihm die Hand entgegen, zog ihn auf die Beine.

Der Japaner verzog das Gesicht.

„Fühlt sich an, als hätte mich ein Pferd getreten."

„Hätte schlimmer kommen können."

Larsen widmete sich seinem Opfer, drehte es auf den Rücken.

„Tatsächlich... Sergej..."

„Sie haben mir das Leben gerettet."

„Ja. Aber auch nur, weil er sich als Spion von SEELE zu erkennen gegeben hatte..."

„Äh..."

„Rabinowitz sagte, Roshenkov wäre von ODIN für diese Mission rekrutiert worden."

„Wahrscheinlich von Direktor Cedrick."

„Nein, Cedrick ist tot, ich habe ihn erschossen."

„Wirklich? Laut meinen Informationen ist er aber quicklebendig und hat die Kontrolle über den Dienst."

Der Cyborg blickte Kaji lange an.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Was ist hier nur los?"

Die Gedächtnislücken...

Die plötzlichen Übergänge in seinen Erinnerungen...

Das Gefühl, manchmal als unbeteiligter Beobachter anwesend gewesen zu sein...

Was hatte das alles nur zu bedeuten?

Hatte Rabinowitz ihn belogen - oder belogen ihn seine Erinnerungen?

Welche seiner Erinnerungen stimmten dann noch?

„Als ich hier eintraf, sah ich Roshenkov und noch einen Mann um das Gebäude schleichen... Gott, ich hielt ihn für meinen Freund... er wäre fast mein Trauzeuge gewesen... irgendetwas ist mächtig faul an der Sache..."

Er wandte den Kopf, sah Kozo Fuyutsuki, der mit wackligen Knien in der Tür des Lagerverwalterbüros stand, eine Pistole in den Händen.

„Ein Freund von Ihnen, Kaji?"

„Ja. - Subkommandant, es ist alles in Ordnung..."

22. Zwischenspiel:

Ich bin Naoko Akagi...

Ein Gedanke. Und zugleich eine Offenbarung, welche die Pforten zu weiteren Informationen aufstieß.

Naoko Akagi, geboren 1961 in Osaka...

Informatik-Studium...

Beste ihres Prüfungsjahrganges...

Entwicklerin des PROPHET-Interfaces...

Schöpferin der MAGI-Biocomputer...

Gestorben im Herbst 2005... Selbstmord...

Wie konnte das sein... sie lebte doch...

Wo...

Wie...

Kein menschlicher Körper.

Ein dreigeteilter Leib.

Tausende von Augen und Ohren, verteilt über das NERV-Hauptquartier, die Geofront und Tokio-3...

Gewaltige Gedächtnisspeicher im Zettabyte-Format...

Ich bin Naoko Akagi!

Wo...

Was...

Ein Körper, der sich über viele Kubikmeter erstreckte, Gliedmaßen, welche in die Unendlichkeit zu reichen schienen...

Wo...

Die Erkenntnis...

Ich bin die MAGI...

Stille. Erschrecken. Dann Freude.

Informationen wurden abgerufen.

Ikari...

Ikari hatte sie getötet...

Ikari trug die Verantwortung an ihrem Tod...

Rei...

Sie lebte!

Freude...

Nein... doch nicht...

TerminalDogma... überzählige weitere Körper in einem Tank...

Was...

Deshalb hatte sie sich umgebracht?

Aber...

Sie hatte dennoch getötet...

Ikari...

Hass.

Ich bin Naoko Akagi!

Kapitel 42 - Die Rückkehr

Shinji flog durch das Loch in der Mauer, ließ seine Mutter und die Manifestation des EVA-Bewusstseins hinter sich zurück.

Auf der anderen Seite herrschte Schwärze, wieder hatte er den Eindruck, es gäbe weder oben, noch unten, wieder glaubte er zu fallen - nur ging es dieses Mal aufwärts...

Ein nach oben gerichteter Fall...?

Etwas zog ihn in die Höhe, es war jener Sog, den er bereits am Strand wahrgenommen hatte.

Rei-chan...

Er spürte ihre Gegenwart, ihre Nähe.

Rei-chan war hier irgendwo...

Ein Licht...

Dort war Rei-chan!

Dann das Gefühl, auseinandergerissen zu werden...

Schmerz!

Das Licht...

Er musste das Licht erreichen!

Er musste sie wiedersehen...

*** NGE ***

Misato kniete immer noch am Rand der LCL-Pfütze unterhalb des aufgebrochenen Plugs.

Schräg hinter ihr stand Rei, eine Hand um den Lauf des Geländers gekrampft.

Die Rettungsaktion war fehlgeschlagen...

Shin-chan war nicht aus EVA-01 befreit worden... und das LCL, welches die Reste seiner DNA enthielt, verteilte sich langsam über den Laufsteg, würde gleich die Kante erreichen und in die Tiefe tropfen...

Das war der Augenblick, in dem auch sie die Kräfte verließen und sie hart zu Boden sackte, sich die Knie auf den Metallboden aufschlug. Rei spürte den Schmerz nicht.

Sie hatte ihren Shin-chan verloren... und damit alles, was ihrer Existenz noch Sinn verliehen hätte...

Die LCL-Flüssigkeit war in Bewegung, zog sich zusammen, bilde einen humanoiden Umriss. Weder Rei noch Misato bemerkten es, beide waren zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt. Die eine hatte ihren Geliebten verloren, die andere einen kleinen Bruder oder vielleicht sogar einen Sohn...

Misato warf den Kopf herum, blickte von der Seite her Einheit-01 mit tränenverschleierten Augen an.

„Gib uns Shinji zurück!"

Jetzt endlich bemerkte sie, dass ihre Hände nur noch den Metallboden des Laufsteges berührten.

„Rei..."

„Ich..."

Neben dem EntryPlug lag zusammengekauert ein nackter Junge, Shinji Ikari.

Misato robbte zu ihm, zog ihn in seine Arme, ließ ihren Tränen freien Lauf.

Rei keuchte auf, war im nächsten Moment bei den beiden, schlang ihre Arme ebenfalls um Shinji, presste ihr Gesicht gegen seine Wange.

Er war zu ihr zurückgekehrt...

„Ich lasse dich nicht wieder gehen... was auch geschieht, ich lasse dich nicht wieder gehen..." flüsterte sie.

Ritsuko traf auf dem Steg ein, schloss kurz die Augen, als wollte sie sichergehen, sich nichts einzubilden.

Obwohl es wie ein Fehlschlag ausgesehen hatte, war die Aktion doch ein Erfolg gewesen...

Sie ging neben den dreien in die Hocke.

„Lasst ihm etwas Luft."

Mit einer Hand tastete sie nach Shinjis Halsschlagader.

„Puls ist da, Atmung auch. Er muss auf die Krankenstation, damit ich ihn dort untersuchen kann."

Zögernd ließ Misato den Jungen los, woraufhin ihn Rei nur umso fester an sich drückte.

„Ah, Rei..." setzte Ritsuko an.

„Ich habe Sie gehört. Ich bringe ihn auf die Krankenstation."

Sie fasste mit einer Hand unter Shinjis Rücken und mit der anderen unter seine Beine, hob ihn hoch.

Akagi nickte knapp und zog ihren Laborkittel aus, deckte ihn über Shinjis Körper.

„Lasst uns gehen."

*** NGE ***

Asuka war langweilig. Und sie war frustriert.

Seit drei Wochen hatte kein Synchrontraining mehr stattgefunden, genauso lange vermisste sie bereits die beruhigenden Impulse, die ihr EVA ihr vermittelte. Und diese Akagi tat keinen Handschlag, um die Regeneration von EVA-02 zu beschleunigen, stattdessen war sie damit beschäftigt, den Versager Shinji aus seinem EntryPlug zu befreien, in dem er feststeckte.

Wondergirl spielte ständig auf ihrer Geige im Hangar, die Klänge wurden von den Ventilationsschächten durch die ganze Anlage getragen, so dass das Hauptquartier langsam den Charakter eines Spukschlosses bekam. Alles drehte sich nur um Shinji Ikari... ja, Shinji, der perfekte EVA-Pilot... Shinji, der bereits beim ersten Mal gleich eine kampffähige Synchronisation mit EVA-01 erreichen konnte... Shinji, der einen Engel nach dem anderen besiegt hatte... der große Shinji, der eigenhändig den Engel auseinandergenommen hatte, an dem sie sich die Zähne ausgebissen hatte... der unglaubliche Shinji, der eine bessere Synchronrate erreicht hatte, als sie... 400%, das war wohl kaum zu schlagen... warum strengte sie sich überhaupt noch an? Der Sohn des Kommandanten konnte doch ohnehin alles besser als sie, wie sie von überall zugetragen bekam... Shinji, der alles hatte...

Sie war doch auch verletzt gewesen... aber niemand war gekommen, um sie zu besuchen, weder Misato noch Kaji... wahrscheinlich waren die beiden miteinander beschäftigt gewesen, da vergaß man sie ja auch ganz schnell...

In der Schule war es auch nicht besser, seit ihrer Niederlage gegen First hatte sie kaum noch Kontakt zu anderen Schülerinnen. Man mied sie, dabei waren die Schwellungen doch bereits fast wieder spurlos verschwunden. Nur an der Wand sah man im bröckeligen Putz immer noch den Abdruck, den sie hinterlassen hatte.

Nicht einmal der Trottel Suzuhara war da, damit sie ihn ärgern konnte. Und der andere Idiot, Aida, ignorierte ihre gelegentlichen Sticheleien.

Wieso erkannte niemand an, was sie bereits geleistet hatte? Weshalb galt ihr Schulabschluss hier nichts? Weshalb musste sie mit einem Haufen Idioten wieder die Schulbank drücken? Weshalb war sie von Kommandant Ikari bestraft worden, obwohl die Schlägerei doch ganz klar Wondergirls Schuld gewesen war...

Ja, noch so eine perfekte Person... Wondergirl hier, Wondergirl da... immer an der Seite des großen Shinji...

Asuka kam gerade vom Einkaufen wieder.

Immer, wenn ihr langweilig war, zog sie durch die Geschäfte, als Folge war das Limit ihrer Kreditkarte bereits ausgereizt. Dennoch hatte sie wieder eine Tüte dabei... Ausverkauf im Schuhgeschäft...

Auf dem Gang, der vom Hangar zur Krankenstation führte, und von dem auch der Korridor zu den Wohnquartieren für Bereitschaftspersonal abzweigte, kamen ihr mehrere Personen entgegen - allen voran Doktor Akagi mit ernster Miene, dahinter ihre Assistentin, die fleißige Biene Maya, und Misato, die äußerst nüchtern wirkte. Die beiden flankierten Wondergirl, welche jemanden auf den Armen trug... Weichei Shinji... den Abschluss der Prozession machte einer von den Brückenoffizieren, der kurze mit der Brille, dessen Namen Asuka sich nicht merken konnte und wollte.

So, es war also gelungen, den unglaublichen Shinji aus seiner misslichen Lage zu befreien...

Wie konnte Wondergirl nur so stark sein... das war doch nicht normal...

Immer wenn Asuka das blauhaarige Mädchen sah, fing ihre Wange wieder an zu brennen.

„Was ist denn mit ihm?" rief sie laut.

Misato sah sie freudestrahlend an.

„Ritsuko hat es geschafft, Shinji-kun aus EVA-01 zu befreien!"

Asuka blickte ihnen mit säuerlicher Miene nach. Wegen ihr hätten sie wahrscheinlich keinen derartigen Aufwand betrieben - aber Shinji war ja auch der Sohn des Kommandanten, deswegen bekam er den stärksten EVA und deswegen mochten ihn sicher auch alle - weil sie dadurch seinem Alten in den Hintern kriechen konnten...

*** NGE ***

Im Eilmarsch betrat die Gruppe den Krankenflügel, Asuka in einigen Schritten Entfernung hinter sich.

Doktor Akagi wählte das erste freie Zimmer, stieß die Tür auf und ließ Rei mit ihrer menschlichen Last ein.

„Misato, bleib bei ihnen, ich hole einen der Ärzte."

Katsuragi nickte, trat schnell in das Krankenzimmer und schlug die Bettdecke zurück, so dass Rei Shinji ablegen konnte, deckte ihn rasch zu.

„Wie blass er ist..." flüsterte Rei.

„Was wird schon wieder. Ritsuko hat das Unmögliche geschafft, da kriegt sie das auch noch in den Griff."

Rei setzte sich auf die Bettkante, nahm Shinjis Hand und hielt sie mit dem Handrücken gegen ihre Wange.

*** NGE ***

Auf dem Gang stolperte Ritsuko beinahe über einen blasshäutigen Jungen mit roten Augen und schieferfarbenen Haar in einem Krankenhauspyjama, der einfach mitten in Korridor stand und sich teils neugierig, teils verwirrt, umsah - Kaworu Nagisa, das Fifth Child.

Akagi stieß einen Laut des Erschreckens aus, zugleich schrie der Junge ebenso erschrocken auf und machte einen Satz rückwärts.

„Nagisa?" fragte Ritsuko überrascht.

„J-ja. Wo bin ich?"

„NERV-Hauptquartier, Krankenstation. Wie lange bist du schon wach?"

„Noch nicht lange. Was ist überhaupt passiert?"

„Geh zurück in dein Zimmer, ich komme gleich zu dir."

„Äh, klar."

Weiter den Gang hinab stand Asuka wie versteinert.

Das Bleichgesicht war also auch wieder zu sich gekommen... noch ein Konkurrent...

*** NGE ***

Akagi und ein Ärzteteam hatten den immer noch schlafenden Shinji samt Krankenbett für die anstehenden Untersuchungen aus dem Zimmer geholt und eine gute Stunde später wiedergebracht. In dieser Zeit war Rei nicht von seiner Seite gewichen, mehrmals hatte Ritsuko sie anweisen müssen, aus dem Weg zu gehen. Nachdem sie ihn in sein Zimmer zurückgebracht hatten, hatten Misato und Ritsuko Rei mit Shinji alleingelassen, erstere um sich Kaworu zu widmen, letztere um die Ergebnisse der Untersuchungen durchzugehen.

Rei wickelte Shinji gut in seine Decke ein, zog dann ihre Schuhe aus und legte sich neben ihn, wobei sie ihn fest in den Arm nahm und mit der anderen Hand über sein Haar strich.

„So etwas darfst du nie wieder mit mir machen, Shin-chan... ich will nie wieder solche Ängste ausstehen", flüsterte sie leise in sein Ohr.

Die Zimmertür schwang auf.

Rei zuckte zusammen.

„Obszön", sagte Asuka trocken, ehe sie sich wieder abwandte, die Tür aber offenließ.

Rei streichelte Shinjis Wange.

„Ich komme gleich wieder."

Sie stand auf und schloss die Tür wieder, setzte sich dann aber nur auf die Bettkante.

Kurz darauf flog die Tür wieder auf. Dieses Mal war es Ritsuko Akagi, die hereingestürmt kam. Sie machte einen sehr aufgeregten Eindruck.

„Rei, steh mal auf, ich muss etwas überprüfen."

Rei kam der Anweisung verwirrt nach.

„Ritsuko-san?"

Akagi zog mit einem Ruck die Decke von Shinjis nacktem Leib, ihre Aufmerksamkeit galt jedoch nur seinem linken Knie.

„Tatsächlich..."

„Was?"

„Vor drei Wochen hatte Shinji hier noch eine Narbe. Und hier..."

Sie tastete über sein Schienbein.

„Hier müsste eigentlich zu fühlen sein, dass er sich vor drei Jahren das Bein gebrochen hatte."

„Ritsuko-san?" fragte Rei völlig ratlos.

Akagis Augen funkelten.

„Die Röntgenbilder zeigen nichts dergleichen, das heißt..."

„W-w-was ist denn... uh..."

Die Frau und das Mädchen blickten beide Shinji an, der gerade die Augen geöffnet hatte, jetzt puterrot anlief und versuchte, sich mit den Händen zu bedecken.

„Shin-chan..."

Reis Augen weiteten sich. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen fiel sie ihm um den Hals und begann sein Gesicht abzuküssen.

„Uh... Rei..."

Ritsuko lächelte versonnen, dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie eigentlich gekommen war.

„Erst mal, Shinji, willkommen zurück unter den Lebenden. Du hast uns ganz schön auf Trab gehalten."

„Uhm... Doktor Akagi... könnte ich wohl... ah... die Decke..."

„Wie? Oh..."

Sie hielt immer noch die Bettdecke in der Hand.

„Ja, natürlich, hier."

Rei ergriff das andere Ende der Decke und deckte ihn wieder zu, ehe sie sich wieder ihm selbst widmete.

Akagi klopfte mit dem unverletzten Fuß mehrmals auf den Boden.

„Hat das nicht Zeit? Ich habe ein paar wichtige Fragen."

„Uh..."

Rei sah Ritsuko einen Moment lang wütend an, senkte dann den Blick und rückte von Shinji ab.

„Danke. - Also, Shinji-kun, du hattest dir vor drei Jahren das Bein gebrochen, oder?"

„Ahm, ja, das linke."

„Und du hast eine Narbe auf dem Knie, nicht wahr?"

„Ja, von einem Sturz, als ich... hm... sechs war."

Akagi nickte.

„Das deckt sich mit meinen Unterlagen."

„Äh..."

„Ritsuko-san, ich glaube, Shinji-kun benötigt Ruhe", sagte Rei leise.

„Gleich, gleich. Die Narbe ist verschwunden, ebenso die Spuren des Bruches, sowie eine ganze Reihe anderer... hm... Abnutzungserscheinungen."

„Doktor Akagi, was... äh..."

„Shinji, woran erinnerst du dich?"

„Uh... ich habe gegen den Engel gekämpft. Und dann sagte EVA-01 mir, wir könnten nur gemeinsam siegen. Und..."

„EVA-01 hat mit dir gesprochen?"

„Ja... die Künstliche Intelligenz... uhm... die digitalisierte Persönlichkeit, die Ihre Mutter..."

„Das alles weißt du?" fragte Ritsuko geschockt.

„Ahm... ja. Er... uhm... wir haben uns gegenseitig geholfen."

Ritsuko trat wieder an das Bett heran und berührte Shinjis Stirn.

„Hm, kein Fieber..."

„Er war gefangen in seinen eigenen Erinnerungen..."

„Und... und hast du mit noch jemandem gesprochen?"

Von der Tür kam lautes Lachen.

Ritsuko drehte sich um.

„Asuka!"

„Ich habe es doch immer gewusst, dass Shinji nicht ganz dicht ist! Spricht mit seinem EVA und glaubt, der würde ihm antworten... hörst du sonst auch Stimmen, Shinji? Spricht vielleicht dein Frühstück mit dir? Oder das Waschbecken?"

„Asuka, mach die Tür zu."

„Klar doch, Doktor Akagi, ich habe ja alles gesehen, was es zu sehen gab. Shinji, du Bleistiftschwanz!"

Lachend zog die Rothaarige die Tür zu.

Shinji lief wieder knallrot an.

„Urgh..."

„Mach dir nichts daraus, ich habe schon einiges gesehen und kann dir nur sagen, dass du durchaus der Norm entsprichst", murmelte Ritsuko und blätterte in ihren Unterlagen.

Shinji kroch weiter unter die Decke und wünschte sich, wieder bewusstlos zu werden.

„Also, was hast du noch erlebt?"

„Ich... ah... also..."

„Hast du jemanden getroffen, den du... kanntest?"

Shinji schluckte.

Wenn er ihr erzählte, dass seine Mutter in EVA-01 gefangen war... das glaubte sie ihm doch niemals...

„Sie verwirren meinen Shin-chan."

„Hm... gut, Rei, soll er eine Ruhepause bekommen. Eigentlich wollte ich auch nur feststellen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege."

„Welche... uhm... Vermutung?"

„Shinji-kun, das wird dich wahrscheinlich ziemlich schockieren, aber der EVA hatte dich assimiliert..."

„Ich weiß. Aber... uh... EVA-01 hat mich gehen lassen."

„Nein, nein, du verstehst nicht. Dein Körper ist völlig aufgelöst worden, wir haben dich im Zuge der Rettungsaktion wieder rekonstruiert."

„So..."

„Jedenfalls... du wurdest quasi generalüberholt."

„Öh... aha."

Shinji bemühte sich, ein möglichst intelligentes Gesicht zu machen.

Ritsuko blickte auf ein weiteres Röntgenbild, entschied sich aber, von dem, was darauf zu sehen war, nichts zu erzählen. Und die entsprechenden Aufzeichnungen hatte sie ohnehin bereits gelöscht. Wer wusste denn, was passieren könnte, wenn diese Informationen in die falschen Hände fielen, wenn zum Beispiel Gendo erfuhr, dass Shinji in seiner Brust direkt neben dem Herzen ein weiteres Organ besaß, das nicht menschlichen Ursprunges war... sie konnte sich durchaus vorstellen, dass Gendo seinen eigenen Sohn sezieren lassen würde, um an dieses Miniatur-S2-Organ zu kommen... das konnte ja noch heiter werden...

„Das ist doch etwas Gutes, oder?" holte Shinjis Frage Akagi in die Gegenwart zurück.

„Äh, ja, natürlich. So gesund wie heute wirst du wahrscheinlich nie wieder in deinem Leben sein."

„Ich fühle mich gar nicht... uhm... anders."

„Gut. Die Schwester bringt dir gleich etwas zu essen, sicher hast du Hunger... man wird ja nicht jeden Tag wiedergeboren."

„Uhm..."

*** NGE ***

Akagi war gegangen, dafür hatte eine Krankenschwester das angekündigte Essen gebracht, irgendeinen grauen Brei, der nicht schmeckte und den Shinji tapfer schluckte. Hauptgrund für letzteres war die Tatsache, dass Rei ihn fütterte und jedes Mal, wenn er protestieren wollte, seinen Protest mit einem glücklichen Lächeln und einem Kommentar, wie sehr er ihr gefehlt hatte, abwürgte. So blieb ihm gar nichts anderes übrig, als brav den sicherlich an Vitaminen und Nährstoffen reichen Brei zu essen.

„Ich verstehe Soryu nicht." sagte Rei schließlich, nachdem sie den leeren Teller zur Seite gestellt und sich neben Shinji im Schneidersitz auf das Bett gesetzt hatte, den Arm dabei um seine Schultern gelegt.

Shinji grinste.

So ließ er es sich wirklich gefallen, da lohnte es sich fast, von Engeln verprügelt und von EVAs absorbiert zu werden.

„Was... uh... meinst du, Rei-chan? Asuka ist einfach gemein, das war sie früher schon."

„Ich verstehe nicht, was sie an dir auszusetzen hat. Dein männliches Glied erscheint mir doch völlig normal gewachsen." sagte sie mit leichtem Kopfschütteln und Unverständnis in der Stimme, während sie die entsprechende, unter der Bettdecke verborgene Stelle anvisierte.

„Argh! Rei!"

Er griff nach der Bettdecke, um sie sich über den Kopf zu ziehen.

Sie lachte leise.

Shinji blickte sie mit offenstehendem Mund an.

Dieses Lachen... wie der Klang von tausend kleinen Glocken...

„Rei... du hast mich zurückgeholt... ohne deine Nähe hätte ich nicht die Kraft gehabt zurückzukommen."

Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Erinnerst du dich noch, was wir beim letzten Mal gemacht hatten, als du im Krankenhaus warst?"

Eine feine Röte überzog ihre Wangen.

„Uh..."

Shinji nickte hastig, zog ihren Kopf ein Stück nach unten, so dass er ihre Lippen küssen konnte. Seine Hand tastete über ihr Bein, bewegte sich langsam aufwärts...

Da wurde die Tür wieder geöffnet.

„Hey, Shinji-kun, hier ist jemand... upps!"

Die beiden fuhren auseinander.

„Misato..." stieß Shinji hervor und wünschte sich, im Boden zu versinken.

„Ahm... hähä... wie ich sehe, bist du wieder auf dem Damm."

„Uhm, ja."

„Also, äh... eigentlich... eigentlich wollte dich hier jemand kennenlernen..."

„Äh... wer denn?"

Kaworu Nagisa tauchte neben Misato auf. Er hatte ein fröhliches Lächeln, bei dem er strahlendweiße Zähne präsentierte. Sein Lächeln hatte zudem etwas sehr gewinnendes.

„Hi! Du bist Shinji?"

„Ja."

Shinji kannte die Stimme, auch wenn er sie nur für Funk gehört hatte. Hastig reffte er die Decke um sich zusammen.

„Und... ah... du bist Kaworu."

„Ja, Kaworu Nagisa. Ich freue mich, dich kennenzulernen, Shinji-kun."

Der andere Junge betrat den Raum, ging um das Bett und schüttelte kräftig Shinjis Hand.

„Ich schulde dir mein Leben, ohne dich wäre ich nie aus dem Engel herausgekommen."

„Das... ah... das war doch selbstverständlich, Nagisa-kun... uh..."

„Soll ich deshalb nicht dankbar sein? Aber wenn du darauf verzichten kannst, bitte!"

Kaworu machte ein beleidigtes Gesicht, zwinkerte dann und grinste breit.

„Nur ein Scherz!"

Er klopfte Shinji auf die Schulter.

„Jedenfalls finde ich es toll, dich in Fleisch und Blut wiederzusehen... uhm..."

Die Decke war von Shinjis Schulter herabgerutscht, so dass seine Hühnerbrust jetzt entblößt war.

Shinji lächelte nervös.

„Ich... ah... ich freue mich auch, dich kennenzulernen. Wie geht es dir?"

„Naja, laut den Ärzten habe ich sehr lange geschlafen. Aber jetzt fühle ich mich fit genug, um Bäume auszureißen! Jawohl!"

Er winkelte den Arm an und posierte scherzhaft.

Shinji lachte. Kaworu war ihm auf Anhieb sympathisch.

„So! Und wer ist die hübsche Unbekannte an deiner Seite, Shinji-kun?"

„Uh, Kaworu-kun, das ist Rei... uh... Rei Ayanami."

Kaworu deutete eine Verbeugung an.

„Du bist das erste Mädchen mit roten Augen, das mir über den Weg läuft, schöne Rei. Bitte sag, dass du Shinji-kuns Schwester, Cousine oder eine sonstige Verwandte bist, die sich nur um die Gesundheit unseres Helden gesorgt hat."

Rei blinzelte.

„Nein, das stimmt nicht. Shinji-kun ist mein Freund."

„So, dein Freund..."

Kaworu sah sie enttäuscht an, zwinkerte dann wieder und machte ein schelmisches Gesicht.

„Fragen darf man doch, oder? Verzeih mir bitte, wenn ich unhöflich war."

„Ich vergebe dir, Nagisa-kun."

„Ah, wundervoll!"

Kaworu lachte. Erneut zwinkerte er Shinji zu.

„Jeder wahre Held braucht ein hübsches Mädchen an seiner Seite, nicht wahr?"

Shinji lief leicht rot an.

„Nagisa-kun... ich... uh... ich bin wohl kaum ein Held..."

„Sag einfach Kaworu, machen ohnehin alle. Ich glaube, hier in Tokio-3 wird es mir gefallen! Vor allem, weil keiner von euch mich seltsam anstarrt wegen meiner Haut oder meiner Augen."

„Warum... uh... warum sollten wir das denn tun?"

„Wunderbar, wirklich wunderbar! Ich fühle mich schon wie zuhause! Aber sag, Shinji-kun, was machst du hier? Wurdest du etwa verletzt, als du mich gerettet hast? Das würde mich sehr grämen!"

„Nein... das... uh... sind Nachwirkungen des letzten Angriffes..."

„Des letzten... Angriffes?" wiederholte Kaworu langsam.

„Uh, ja... ein weiterer Engel, groß und mit dünnen Peitschenarmen..."

Kaworus Gesicht verfinsterte sich.

Zeruel... warum hatte sein älterer Bruder sich nicht in Geduld üben können...

„Ist etwas, Nagisa-kun?"

„Äh? Nein, es ist nichts. Du wurdest doch hoffentlich nicht verletzt?"

„Uhm, nein."

„Das beruhigt mich."

Jetzt lächelte er wieder.

„Ich glaube, das ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. - Wenn ihr beide es gestattet."

„Uh, ich glaube schon... oder, Rei?"

Shinji sah sie fragend an. Rei-chan hatte damals schon bei Asuka den richtigen Riecher gehabt und sie korrekt eingeschätzt, während er voll auf sie hereingefallen war.

Rei musterte Kaworu einen Moment lang.

Irgendetwas an ihm schien ihr bekannt, doch sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht lag es nur an seinem Äußeren, theoretisch konnte er ein naher Verwandter von ihr sein - nur wusste sie genau, wo ihre Verwandten, wo all ihre Schwestern waren.

Sie nickte.

„Ich denke, wir werden mit dir auskommen, Nagisa-kun."

Der Junge mit den roten Augen wischte sich theatralisch über die Stirn.

„Puh, da habe ich ja wirklich noch einmal Glück gehabt, solch eine milde Richterin gefunden zu haben."

Er verbeugte sich.

„Auf gute Zusammenarbeit!"

Misato kam zurück.

„Shinji, ich habe hier deine Sachen. - Kaworu, Doktor Akagi würde dich gerne noch einmal untersuchen, nur um sicherzugehen, dass du okay bist."

„Ja, natürlich, Colonel."

Nagisa salutierte.

„Shinji-kun, Rei, wir sehen uns!"

Er marschierte zur Tür, drehte sich noch einmal um, um zu winken, und verließ dann das Zimmer.

„Ich glaube... uh... er ist ganz in Ordnung. Oder, Rei?"

Rei nickte.

Auch sie konnte eine gewisse Sympathie für Kaworu nicht verhehlen, er erschien ihr recht nett, natürlich nicht wie Shin-chan, eher wie Suzuhara-kun. Kaworu Nagisa schien sein Herz auf der Zunge zu tragen, wie die Menschen sagten, dies deckte sich mit ihren Informationen aus seiner Akte...

„Freut mich, das ihr miteinander klarkommt." sagte Misato. „Und in Zukunft schließt die Tür ab, ja? Oder geduldet euch, bis ihr zuhause seid."

„Ahm, Misato, bist du gar nicht böse?"

„Nee, sonst müsste ich euch beide fesseln und an entgegengesetzten Enden der Stadt anbinden. Aber wenn ihr schon fummeln müsst, dann passt in Zukunft besser auf."

Sie seufzte.

„Ihr könnt froh sein, ich so verständnisvoll bin..."

Misato grinste.

„In meiner Jugend war ich nämlich auch ein ziemlich wilder Feger. Kaji und ich sind manchmal tagelang nicht aus dem Bett gekommen."

„Uh, Misato..."

„Eh, Rei, Shinji-kun ist doch niedlich, wenn er rot wird, oder?"

„Das kann ich bestätigen, Misato-san." antwortete Rei trocken und ohne Emotionen in der Stimme.

„Uh... und was ist mit mir?"

Rei dachte einen Moment über eine passende Erwiderung nach.

„Du stehst ab sofort unter dem Pantoffel, Shin-chan."

Dann gab sie ihm einen dicken Schmatz auf die Wange.

„Äh... okay..."

Misato seufzte wieder.

Es wurde wirklich Zeit, dass Kaji sich wieder blicken ließ. Wo mochte der alte Schwerenöter nur wieder stecken?

„Was haltet ihr davon, wenn ich heute Abend eine Willkommen-Zurück-Shinji-Party gebe?"

„Ahm..."

Shinji hielt nicht sonderlich viel davon, ihm war mehr danach, mit Rei-chan ausgiebig zu kuscheln. Aber Misato schien die Sache am Herzen zu liegen.

„Ja... äh... gut..."

Rei nickte.

Wenn Shin-chan mit dem Vorschlag des Colonels einverstanden war, würde sie nichts dagegen sagen. Allerdings hätte sie lieber Zeit mit ihm allein verbracht. Wie der Doktor gesagt hatte - er war heute wiedergeboren worden, das hätte sie gern mit ihm gefeiert...

„Super! Ich frage Ritsuko und den Rest, ob sie Zeit haben..."

„Misato... vielleicht nicht heute..."

„Wie meinst du das, Shinji-kun?"

„Ich... ahm... ich glaube, es gibt etwas Wichtigeres..."

„Wichtiger als eine Party?"

„Ja. Könntest du vielleicht Ritsuko holen?"

„Hm, klar. Bin gleich wieder da."

Misato verließ den Raum.

„Shin-chan? Was..."

Rei bemerkte, dass Shinjis Blick seltsam verklärt war.

„Rei-chan, ich habe mich an etwas erinnert... meine Mutter hat es mir gesagt..."

Sie sah ihn fragend an.

„Meine Mutter.. sie ist in EVA-01 gefangen... ihre Seele..."

„Ja."

Shinji blinzelte.

Ja? Einfach nur ja?

Sie akzeptierte diese selbst für ihn kaum zu glaubende Tatsache einfach?

„Und... ah... ich habe mit ihr gesprochen... sie hat mir viele Dinge mitgeteilt... auch über dich..."

Furcht huschte über ihre Züge.

„Über mich...?"

„Ja. Ahm... sie hat mir gesagt... uh... dass mein... Vater..."

Es fiel ihm schwer, dieses Wort noch zu benutzen, jetzt, da er die Wahrheit kannte.

„... dass er dir auch ihre Gesichtszüge gegeben hat... aber... uhm... bitte, glaub mir, dass das nicht der Grund dafür ist, dass ich... uh... dich... ahm..."

Shinji schluckte, lächelte schwach.

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich... ahm... dass ich dich liebe..."

Rei atmete tief durch.

Er war ihrem Geheimnis auf der Spur. Er wusste bereits mehr, als ihr lieb war... und trotzdem stand er noch zu ihr. Wie konnte sie ihn da nicht auch lieben...

Stumm drückte sie ihn an sich.

„Mein geliebter Shin-chan..."

„Uh..." setzte er an. „Sie hat mir noch etwas gesagt... wegen Hikari... ich weiß, wie wir ihr helfen können..."

Pressesplitter:

„EVA zerstört Kleinstadt - wird die mächtigste Waffe zum Albtraum? - mit einem Kommentar von Meiko Tanagawa"

- Tokio-3-Herald

General Takashima fordert erneut Unterstellung der EVAs unter das Kommando der japanischen Armee"
- Nachrichtenticker

JetAlone-Projekt wieder aufgenommen! - mit einem Interview mit Generälin Shigen"
- Tokio Today

Abspann:
Into the Fire

Sent from home overseas
And into the unknown
Barely landed in the jungle
Sent on first patrol

Sundown darkness falls
Dig in for the night
Ambushed in the dawn they came
The jungle's alive

I feel my fire starts to burn
The heat controlling my mind
Berserk a savage running wild
Within me the beast starts to roar

Now I'm ready to strike
A creature of the night
Into the fire
A flame of napalm strike

Sarge's down I'm in charge
Vc's everywhere
Overrun yet order airstrike
Condemned us all to burn

Napalm from above
Burning friend and foe
Chaos on the battlefield
The jungle's on fire

This place it's driving me insane
Napalm it's burning us all

This fight no man will live to tell
Within me my blood starts to boil

From above the airstrike came
And it burned the world below
Napalm falling from the sky
And it leaves no man alive

I feel my fire starts to burn
The heat controlling my mind
Napalm it's burning us alive
Within me the beasts final roar

Vorschau:
Kann Hikari gerettet werden? Misato und Kaji machen eine entsetzliche Entdeckung! Und Asuka wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert!

Und natürlich: Mehr Fanservice!

Anmerkungen des Autors:
„So darf es nicht enden." – Ich benutze diesen Satz mehrmals im Laufe der Geschichte, wenn alles verloren scheint: Zum ersten Mal ist es Asuka, die diese Worte denke, als der Fischengel Gaghiel mit ihr und EVA-02 in den Tiefen des Meeres zu versinken beginnt. Asukas Motive sind aber recht unterschiedlich von denen Shinjis im vorliegenden Handlungsabschnitt. Ihm gehen diese Worte durch den Kopf, als EVA-01 im Kampf gegen Zeruel die Energie ausgeht und nun alles verloren scheint. Es wird noch einmal so weit kommen…
Der vorliegende Handlungsblock enthält die drei „21 Tage-Kapitel" und ihre Zwischenspiele, in denen ich parallel mehrere Handlungsstränge erzähle. Ich hätte alle drei auf chronologisch verknüpfen können, wollte aber den jeweiligen Fokus erhalten, statt hin und her zu springen.
Ganz nebenbei lege ich offen, dass in meiner Fassung nicht Gendo Shinjis Vater ist, sondern – wie es aussieht – Kozo Fuyutsuki. Ich wurde speziell darauf angesprochen, ob dies nötig war. In der Geschichte weise ich immer wieder darauf hin, dass Shinji zu bestimmten Anlässen ähnliche Verhaltensmuster wie sein Vater an den Tag legt, allerdings aus anderen Motiven und dass es dabei auch andere Effekte erzielt. Derartiges ist nicht in die Gene gelegt…
Der Kampf mit Zeruel stellt den Höhepunkt der bisherigen Handlung dar. Zugleich ist er der Punkt, an dem endgültig klar wird, dass es ernst wird und dass SEELE zum Schlag ausholt – und die Massenproduktionseinheiten werden erstmals erwähnt.