17. November 1916
No. 8 Canadian General Hospital, Saint Cloud, Frankreich

The sacred call

Wer auch immer gesagt hat, Tote sähen aus als würden sie schlafen? Er hatte keine Ahnung.

Da ist die unnatürliche Blässe, zum einen, und ein merkwürdiges Eingefallensein, als würde der Körper im Tod die Form nicht mehr ganz halten können. Und dann diese absolute Stillheit. Niemand ist jemals ganz still, nicht mal im tiefsten Schlaf. Nur ein Toter, ein Toter ist vollkommen still.

Ich starre hinab auf den toten Jungen und ein Teil von mir hofft verzweifelt, dass er sich bewegen mag. Nur ein kleines Bisschen, ein klitzekleines Bisschen, das würde mir schon reichen. Ein Flattern der Augenlider, ein Verziehen der Mundwinkel, ein Zucken der Nasenflügel. Es muss ja gar nicht viel sein, eine ganz kleine Bewegung nur und ich wäre glücklich.

Aber er bleibt stur in seiner Starrheit.

Frustriert, fast wütend, schlage ich das Laken wieder zurück über sein stilles Gesicht. Wenn er es nicht anders haben will…

„Wir können sie nicht alle retten", höre ich eine Stimme etwas links hinter mir. Eine Hand tätschelt ungelenk meine Schulter.

Widerwillig drehe ich mich zu Dr. MacIver herum. „Aber wir sollten sie retten können!", wende ich ein. Ich weiß, dass ich störrisch bin, dass wir sie wirklich nicht alle retten können. Aber ich will es nicht zugeben müssen. Und es von ihm zu hören, diesem brillanten Chirurgen, macht es nur noch schlimmer.

„In einer idealen Welt wäre es gar nicht nötig, sie zu retten, Schwester Blythe", erwidert Dr. MacIver ruhig, „aber unsere Welt ist fernab jedes Ideals. Also können wir nur mit dem arbeiten, was uns gegeben ist, und das Beste daraus machen. Und für uns bedeutet das, dass wir zumindest versuchen, sie alle zu retten, auch wenn wir wissen, dass es uns nicht gelingen kann."

Er sieht mich auffordernd von der Seite an, mit seinem starren, unblinzelnden Blick, den ich mittlerweile so gut kenne und der mich doch immer noch unruhig macht. Zögernd, widerwillig, nicke ich.

„Wir haben alles getan, um ihn zu retten. Der Rest liegt nicht mehr in unserer Hand", tröstet Dr. MacIver und tätschelt erneut meine Schulter. So sicher er mit Messer und Skalpell umgeht, so ungelenk ist er in seinen Versuchen, sich auf zwischenmenschliche Ebene hinab zu begeben. Trotzdem bin ich ihm dankbar für seine Bemühungen.

„In wessen Hand dann? Gottes?", frage ich und ziehe beide Augenbrauen hoch. Die Frage ist nicht so renitent gemeint, wie sie vielleicht klingen mag. Mich würde wirklich interessieren, in wessen Hand das alles liegt. Und vielleicht wäre ich wirklich dankbar, wenn mich jemand glauben lassen könnte, dass es Gottes Hand ist.

Dr. MacIver aber schüttelt bedächtig den Kopf. „Gott hat diesem Ort schon lange seinen Rücken zugekehrt", antwortet er, „das Schicksal dieser Jungen liegt in den Händen des französischen Oberkommandos. Wobei aus ihrer Sicht General Joffre so etwas wie ein Gott sein muss. Vielleicht ist also das eine wie das andere."

Ich habe darauf nichts mehr zu entgegnen, denn über Joffre weiß ich nichts und was ich jemals über Gott zu wissen glaubte, dessen bin ich mir längst nicht mehr sicher. Also wende ich mich wieder um, zu dem toten Jungen, der sich unter dem Laken einfach nicht bewegen will, und stoße einen stummen Fluch aus, gegen Joffre oder Gott oder wer sonst für seinen Tod verantwortlich sein mag.

„Du solltest jetzt gehen. Es war ein langer Tag. Für uns alle", ermuntert Dr. MacIver und drückt auffordernd meine Schulter. Ich sehe hoch, folge seinem Blick und erkenne zwei Orderlies, die sich in Türnähe herumdrücken und wohl darauf warten, den Körper des Toten für die Beerdigung vorzubereiten. Es scheint ungerecht, sie länger warten zu lassen, aber es ist nur mit äußerstem Widerwillen, dass ich mich von dem stillen Jungen wegführen lasse.

Wie um sicherzugehen, dass ich nicht auf irgendwelche dummen Gedanken komme, begleitet Dr. MacIver mich fast bis zu meinem Zelt. „Schlaf dich jetzt aus. Morgen ist ein neuer Tag, mit einem neuen Patienten, den zu retten wir versuchen werden", verspricht er mir, bevor er mir zum Abschied förmlich die Hand reicht.

Ich sehe ihm noch einige Momente hinterher, wie er zwischen den Zelten hindurch geht, mit seinen großen, unregelmäßigen Schritten. Mir ist seine Wortwahl nicht entgangen. Es ist immer ein Versuch. Häufig gelingt er uns, manchmal scheitern wir. Aber wir wissen nie, was der nächste Tag uns bescheren wird – einen Sieg über den Tod selbst, oder ein weiteres Opfer in diesem unendlichen Totentanz.

Seufzend schlüpfe ich unter der Plane hindurch, inständig darauf hoffend, meine Zimmergenossin nicht vorzufinden. Wenn ich eins jetzt nicht ertrage, dann sind es ihre giftigen Blicke und ihr Gefauche. Es gibt Tage für so etwas und heute ist so ein Tag ganz bestimmt nicht.

Aber das Schicksal – Gott? Joffre? – meint es nicht gut mit mir. Kaum, dass ich das Zelt betreten habe, fällt mein Blick auf Colette, die ausgestreckt auf ihrem Bett liegt und einen Brief liest. Als sie mich hört, sieht sie hoch.

Innerhalb von wenigen Bruchteilen einer Sekunde verdüstert sich ihr Gesicht. Sie nimmt sich gerade noch genug Zeit, mich anzufunkeln, dann dreht sie sich umständlich zur Zeltwand um, weg von mir.

Ich stehe im Raum, ganz still, fast so still wie der Junge unter dem Laken, und kann beinahe körperlich spüren, wie irgendwo in mir drinnen etwas… ja, was? Platzt, überkocht, zerreißt? Einer Spannung nachgibt, in jedem Fall, die ich sonst vielleicht nicht mehr aushalten würde.

„Sag mal, was ist eigentlich dein Problem?", fahre ich Colette an. Ich bin fast selbst überrascht von meinen Worten. Ich hatte nicht gewusst, dass ich sie aussprechen würde, bis ich es getan habe.

Auch sie ist überrascht, was ich hauptsächlich daran erkenne, dass sie sich aufsetzt und umdreht, um mir zu antworten. Normalerweise ignoriert sie mich am liebsten, aber das hat sie wohl kurzzeitig selbst vergessen.

„Ich habe kein Problem", informiert sie mich pikiert und will sie gerade wieder umdrehen, als ich unwillkürlich nach ihrem Arm greife und sie daran hindere.

„Doch das hast du. Es hat offenbar mit mir zu tun", widerspreche ich ihr scharf, „und ich kann dir gar nicht sagen, wie absolut satt ich es habe."

Colette hat ihre Überraschung mittlerweile überwunden, denn sie funkelt mich jetzt an, während sie mir mit einem Ruck ihren Arm entreißt. „Ich bin nicht verpflichtet, dich zu mögen", entgegnet sie wütend. Abrupt steht sie auf, so dass wir einander jetzt gegenüber stehen.

„Stimmt, bist du nicht", antworte ich und sehe sie aus verengten Augen an, „aber du hast auch kein Recht, mich zu hassen. Nicht, wenn ich dir nie etwas getan habe."

„Du hast Louise…", beginnt sie, aber ich lasse sie nicht weiterkommen.

„Louise!", fauche ich, „fang nicht schon wieder mit Louise an. Was geht dich das denn an? Du magst sie nicht mal!"

Sie würde gerne widersprechen, das sehe ich sofort. Sie öffnet den Mund, will etwas sagen, schließt ihn dann jedoch so plötzlich wieder, dass ihre Zähne mit einem kleinen Geräusch aufeinander schlagen. Stattdessen sieht sie mich nur besonders böse an, weil ich Recht habe und wir das beide wissen. Sie mag Louise nämlich wirklich nicht. Sie mag generell nicht allzu viele Leute in diesem Krankenhaus.

„Es geht hier nicht um Louise oder wer OP-Schwester ist. Und es geht auch nicht darum, dass ich Französisch von meinen Lehrern und nicht meinen Eltern gelernt habe. Denn wenn es darum gehen würde, wärst du bonierter als ich dachte, dass es ein Mensch sein kann", bemerke ich kühl, während ich mich noch etwas mehr aufrichte und die paar Zentimeter Größenunterschied nutze, um auf Colette hinab zu sehen.

Es ist offensichtlich, wie wenig ihr das gefällt. Sie strafft die Schultern, schiebt das Kinn vor und zischt: „Das geht dich gar nichts an."

„Im Gegenteil. Solange du es – was immer es ist – dazu benutzt, mich zu behandeln, als sei ich des Kaisers Bastardkind, geht es mich etwas an", widerspreche ich.

Sie macht Anstalten, etwas zu sagen, aber ich schneide ihr das Wort ab: „Und ich habe absolut gar keine Lust, mir jetzt noch irgendetwas von dem anzuhören, was du sagen willst."

Damit drehe ich mich um, schlage die Zeltplane mit etwas zu viel Kraft hinter mehr zu und bleiben draußen stehe. Erst jetzt merke ich, wie laut mein Herz klopft und wie erhitzt sich mein Gesicht anfühlt. Eigentlich ist das nämlich gar nicht meine Art. Ich habe fünf ältere Geschwister – ich musste früh lernen, dass ich einen Streit nicht konfrontativ lösen kann. Ich war einfach immer die Kleinste und somit von vorne herein chancenlos. Deswegen musste ich andere Wege finden, mich durchzusetzen. Im Streiten habe ich daher wenig Übung.

Aber irgendwie… irgendwie hat es mir gereicht, schätze ich. Ich habe meinen Tag dem Kampf um das Leben dieses armen französischen Soldaten gewidmet und musste den Kampf verloren geben. Direkt im Anschluss daran mit Colettes unerklärlicher Abneigung konfrontiert zu werden… ich habe eine Woche lang ihre giftigen Blicke ertragen, aber heute war das mehr, als ich in aushalten konnte.

Kopfschüttelnd mache ich mich auf den Weg nach draußen. Wenigstens hatte ich keine Zeit, meinen Mantel auszuziehen, bevor ich mit Colette aneinandergeraten bin, denn das Rennbahngelände ist schon seit ein paar Tagen mit einer hartnäckigen Schicht aus Eis und Schnee bedeckt.

Es gab Zeiten, das mochte ich Schnee. Weil Schnee damals Schlittschuhfahren und Rodelwettbewerbe und Schneemänner mit Knollennasse bedeutete. Heute bedeutet er nur noch frierende Patienten und Frostwunden und Grippe. Selbst Schnee ist zu etwas geworden, das ich aus den Augen der Krankenschwester betrachte. Denn, fast ohne dass ich es gemerkt habe, ist meine Welt zusammengeschrumpft, auf diesen Krieg und dieses Krankenhaus.

Etwas ziellos stapfe ich durch den Neuschnee, den zu räumen die Orderlies noch nicht gekommen sind. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich hin will, und meine in Minuten halb erfrorene Nasenspitze zumindest votiert ganz eindeutig dafür, schnell wieder ins Zimmer zu gehen, das von einem kleinen Ofen zumindest von ‚eisig' auf nur noch ‚kalt' erwärmt wird. Nicht, dass mein Stolz das jemals zulassen würde. Da müsste die Nasenspitze schon abfallen und dann würde es ihr auch nichts mehr bringen.

„Was ist mit Ihrer Nasenspitze?", reißt eine Stimme mich aus meinen Gedanken.

Erschrocken fahre ich herum. Hinter mir steht Maurice Borel, auf eine Schneeschippe gestützt, und grinst mich schuldbewusst an. „Tut mir Leid", entschuldigt er sich sofort, „ich wollte Sie nicht erschrecken."

Ich winke ab: „Schon gut. Nichts passiert."

Maurice nickt, mustert mich neugierig. „Was ist denn nun mit Ihrer Nasenspitze?", beharrt er und verzieht ulkig das Gesicht.

Gegen meinen Willen muss ich Lächeln. „Gar nichts. Oder doch. Ihr ist kalt", erwidere ich und zucke kurz mit den Schultern, um zu zeigen, dass die Nasenspitze das wohl wird aushalten müssen.

„Warum gehen Sie dann nicht wieder rein?", erkundigt Maurice sich neugierig.

Kurz überlege ich, ihn abzubügeln oder ihm eine Geschichte zu erzählen, aber mein Kopf ist wie leergefegt und habe ich mir nicht ohnehin inständig jemanden zum Reden gewünscht? Wenn meine Wahl zwischen Maurice und Dr. MacIver besteht, und danach sieht es im Moment aus, kann ich von Maurice zumindest mehr Aufheiterung erwarten.

„Wir haben heute einen Patienten verloren", antworte ich also, „während der Operation. Wir haben stundenlang versucht, ihn zu retten, aber am Ende… am Ende hat es nicht gereicht."

Maurice nickt betroffen. „Ich habe davon gehört", erwidert er, „war er Ihr erster Toter?"

Ich schüttele den Kopf: „Nein, nicht der Erste. Bei Weitem nicht, leider. Aber der Erste, um dessen Leben ich wirklich… naja, gekämpft habe, schätze ich." Hilflos zucke ich mit den Schultern.

„Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen", entgegnet er mitfühlend, „wenn sie sterben, ist es schlimm, aber wenn man sie nicht retten kann, ist es schlimmer, nicht wahr?"

Das hätte ich schöner nicht sagen können.

Und zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, wie viele Soldaten wohl in Maurices Krankenwagen schon gestorben sind, ohne es jemals in dieses Krankenhaus zu schaffen. Ich würde fragen, aber wie gerecht ist es denn, ihn an seinen Schmerz zu erinnern, nur um mich von meinem abzulenken?

„Er ist verblutet", bemerke ich stattdessen, „einfach… naja, leer geblutet. Ich wusste nicht, wie viel Blut in einem Menschen ist." Ein Lachen entkommt meinen Lippen, ein ungläubiges, leicht hysterisches Auflachen und während ich ihm lausche, begreife ich, dass ich lachen muss, weil ich sonst weinen würde.

Maurice scheint auch das zu verstehen, denn er sieht mich zumindest nicht an, als hätte ich den Verstand verloren. Stattdessen schnellt plötzlich seine Hand vor, greift nach meiner und drückt sie. Nur ganz kurz, vielleicht eine oder zwei Sekunden, bevor er sie abrupt wieder loslässt.

Mir gelingt ein schwaches Lächeln zum Dank. Das hysterische Lachen habe ich wieder eingesperrt, tief in mir drin, wo es niemanden verstören kann, wenn ich Glück habe nicht einmal mich selbst.

„Sie sollten jetzt trotzdem besser reingehen", schlägt Maurice vorsichtig vor. Als ich ihn ansehe, bemerke ich den besorgten Blick, mit dem er mich mustert.

„Und mich Colettes Gezicke aussetzen?", gebe ich zurück, „dafür fehlen mir gerade einfach die Nerven."

„Colette? Colette Tremblay?", wiederholt Maurice und seine Stimme klingt plötzlich etwas höher als vorher.

Ich nicke und werfe dem Schnee unter meinen Füßen einen düsteren Blick zu. „Wir teilen uns ein Zelt. Sie kann mich nicht leiden und bei Gott lässt sie es mich spüren", erkläre ich.

Maurice tritt von einem Bein auf das andere. Er sieht aus, als wäre er nicht sicher, ob er sagen sollte, was er sagen will. „Sie dürfen nicht so hart mit ihr sein. Sie hat es nicht leicht", bittet er dann doch.

Überrascht hebe ich eine Augenbraue. „Ihr kennt euch?", hake ich nach.

Er zieht eine kleine Grimasse, bevor er zögernd antwortet: „Naja, es ist mehr so… also, ich würde sagen, dass ich sie kenne. Ob sie weiß, dass es mich gibt…." Er bricht ab und ich meine, einen Hauch von Röte auf seinen Wangen zu erkennen.

Oh. So ist das also.

Armer Kerl.

„Wenn du einen Rat von mir haben möchtest – tu dir das nicht an", bemerke ich, durchaus mitfühlend, wie ich hoffe.

Maurice zieht erneut eine Grimasse. „Man sucht sich das nicht aus, Schwester", entgegnet er. Womit er Recht hat, vermute ich. Auf die Liebe und den Tod haben wir meiner Beobachtung nach wenig Einfluss.

„Waren Sie schon mal in jemanden verliebt, der nicht weiß, dass es Sie gibt?", fragt Maurice dann und seine Stimme klingt resigniert.

Noch während ich den Kopf schüttele, zuckt der Gedanke an eine vierzehnjährige Göre durch meinen Kopf, die eine Nacht lang geweint hat, weil der Freund ihres Bruders sie ‚Spinne' genannt hat. Aber das zählt nicht, oder? Eine dumme Kleinemädchenschwärmerei. Heute weiß ich auch das besser.

„Ich würde jetzt irgendetwas tröstendes sagen, aber mir fällt ehrlich gesagt nichts ein", entgegne ich stattdessen, „außer, dass ich finde, dass du ohne jemanden wie Colette deutlich besser dran bist. Aber ich vermute nicht, dass das hilfreich ist, oder?"

Maurice verneint kopfschüttelnd, aber jetzt grinst er dabei zumindest schwach. „Wenn Sie mir wirklich helfen wollen, Schwester…", beginnt er dann, zögernd, fast schüchtern, „könnten Sie dann… naja, herausfinden, ob sie vielleicht… naja, doch weiß, wer ich bin?"

Ich kann ein Seufzen nicht verhindern. Von allen Dingen…

„So wie ich mich mit ihr gerade gestritten habe, vermute ich, dass du bessere Chancen hast, das herauszufinden, als ich. Ich werde gerne mein Bestes versuchen", verspreche ich trotzdem, „aber ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn sie überhaupt noch mal mit mir redet."

Was mal wieder zeigt, wie sehr man sich in der Tat täuschen kann.

Denn als ich ein paar Minuten später ein zweites Mal an diesem Tag in unser gemeinsames Zelt trete, finde ich Colette wartend auf meinem Bett sitzend vor. Als sie mich eintreten sieht, steht sie rasch auf, kommt auf mich zu und streckt mir eine Hand entgegen.

Stumm mustere ich die ausgestreckte Hand, die zwischen uns in der Luft hängt. Nach einigen Sekunden zieht Colette sie wieder zurück, holt tief Luft und erklärt: „Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen."

Der Satz hat etwas gestelztes, beinahe einstudiertes und für einen Moment will ich daran Anstoß nehmen, bis mir auffällt, dass sie Englisch gesprochen hat. Deswegen also die sorgsam zurechtgelegten Worte.

„Okay", erwidere ich vorsichtig.

Und als hätte ich damit eine Schleuse geöffnet, purzeln die Worte daraufhin nur so aus Colette hinaus. Auf Französisch zwar, aber zum einen hätte ihr Englisch dafür wohl nicht gereicht und zum anderen ist Französisch nun einmal auch eine Sprache, die sich für leidenschaftliche Ausbrüche anbietet.

„Ich war eklig zu dir und das war gemein und das tut mir Leid", plappert sie, „du hast mir wirklich nichts getan und ich kann Louise nicht leiden und mich interessiert absolut überhaupt nicht, was deine Muttersprache ist. Ich war nur so traurig und so wütend und dann standst du plötzlich in dem Zimmer und ich wollte, dass du nicht du bist und deswegen war ich so fies und dabei kannst du doch gar nichts dafür und ich bin ein wirklich schrecklicher, schrecklicher Mensch und meine Tante wäre endlos enttäuscht von mir und –"

Ich hebe eine Hand: „Stopp." Colette schlägt sich eine Hand vor den Mund und verstummt augenblicklich.

„Zu schnell?", flüstert sie durch ihre Finger hindurch.

Ich nicke, vollkommen überrumpelt. Ich habe in meinem Leben noch nie einen Menschen so schnell reden hören, ganz zu schweigen von der Länge ihrer Sätze und ihrem liberalen Gebrauch von Italiques. Ganz abgesehen davon, dass nur die Hälfte ihrer Worte einen Sinn ergeben haben.

Und natürlich der Tatsache, dass ich gerade das Gefühl habe, durch ein Kaninchenloch gefallen und im Land der Grinsekatzen und verrückten Hutmacher wieder zu mir gekommen zu sein.

Ist das wirklich noch dasselbe Mädchen, das mich vor nicht einmal einer Stunde so wütend angefunkelt hat?

„Setz dich", fordere ich sie auf. Artig lässt Colette sich wieder auf mein Bett fallen, ohne dabei ihren ängstlichen, bittenden Blick von meinem Gesicht zu nehmen.

Bedächtig setze ich mich neben sie, nicke ihr dann kurz zu. „Und jetzt erzähl. Von Anfang an. So dass ich dich verstehen kann", stelle ich klar.

Colette nickt eifrig, schließt dann kurz die Augen, um sich zu sammeln und beginnt erneut, ruhiger dieses Mal: „Bevor du gekommen bist, hat dieses Bett hier Aimée gehört. Wir haben uns kennen gelernt, als unsere Einheit letztes Jahr im März in Montreal mobilisiert wurde. Wir standen nebeneinander als das Schiff abgelegt hat und sie hat irgendeinen Witz gemacht und von da an waren wir ziemlich unzertrennlich. Sie hat immer Witze gerissen, Aimée. Sie war das einzige, was mir das hier erträglich gemacht hat."

Sie unterbricht sich, schluckt, atmet ein paar Mal tief durch. Ich bin mir ziemlich sicher, wie diese Geschichte weiter geht und ich glaube auch zu wissen, wie sie endet. Trotzdem schweige ich, lasse Colette sagen, was sie zu sagen hat.

„Im Sommer hat Aimée plötzlich angefangen, zu husten. Am Anfang dachten wir, es wäre nur eine Erkältung, aber es wurde immer schlimmer. Sie haben sie dann in ein Krankenhaus in Rouen verlegt und ich dachte, dass sie sie dort wieder gesund machen, aber… aber dann kam die Nachricht, dass sie nach England gebracht werden soll. Die Oberschwester hat mir Urlaub gegeben, damit ich sie begleiten kann."

Wieder bricht Colette ab und dieses Mal sieht sie nicht so aus, als würde sie weiterreden können. Energisch, beinahe wütend, wischt sie sich mit den Händen durch das Gesicht, versucht, die Tränen abzuwischen, die zu fallen begonnen haben.

„Sie hat es nicht geschafft, oder?", frage ich behutsam nach, obwohl ich die Antwort schon ahne.

Colette bewegt den Kopf zur Seite, nur die Andeutung einer Bewegung. Aber sie bestätigt, was ich mir ohnehin schon gedacht habe. Aimée ist in England gestorben. Tuberkulose vielleicht oder irgendeine andere Lungenkrankheit. Aber was macht das schon für einen Unterschied?

„Und du kommst zurück und findest mich hier vor", fahre ich fort, weil Colette es nicht zu können scheint, „gut gelaunt und nur zu gewillt, Freundschaft zu schließen. Gott! Ich vermute, ich hätte mich auch nicht leiden können."

Colette gelingt ein wässriges Lächeln. „Ich wolle doch so sehr, dass sie wieder da ist", flüstert sie, „und dann habe ich dich dafür bestraft, dass du nicht sie bist."

Was vollkommen Sinn macht, auf eine sehr traurige Art und Weise.

„Verzeihst du mir, dass ich so eklig zu dir war?", bittet Colette jetzt und sieht mich aus großen, tränennassen Augen an.

Ich sehe sie an und schüttele dann langsam den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich dir etwas verzeihen muss", erwidere ich.

Und ehe ich mich versehe, haben sich zwei Arme ziemlich fest um meinen Hals geschlungen und ein tränennasses Gesicht sich gegen meine Schulter gedrückt. Vorsichtig lege ich meinen eigenen Arm um Colette, streiche ihr mit der anderen Hand über die Haare und frage mich, ob es möglich sein kann, dass wir beide, am unwahrscheinlichsten Ort, doch noch eine neue Freundin gefunden haben.


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Keep the Home Fires Burning" aus dem Jahr 1914 entnommen (Text von Lena Guilbert Ford, Musik von Ivor Novello).

General Joffre ist Joseph Jacques Césaire Joffre (1852-1931), ein französischer General. Von Juli 1911 bis Dezember 1916 war er Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte. Nach seiner Absetzung wurde er zum ‚Marschall von Frankreich' ernannt, war danach in diplomatischer Mission in den Vereinigten Staaten und wurde 1919 Mitglied der Académie française.