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„Merlin's fucking beard, what are you doing?"
Conny schrak zusammen und drehte sich schwerfällig auf der Leiter um.
„Mann, hast du mich erschreckt."
„Get down at once! Komm sofort von der Leiter runter!"
Severus durchquerte mit zwei schnellen, unregelmäßigen Schritten und einem gewitterwolkengleichen Gesicht die Küche und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Leiter.
Langsam kletterte Conny herunter.
„Schon gut, mir geht's bestens und ich bin immer noch beweglich genug, um drei Stufen hochzuklettern."
„Du könntest runterfallen, verdammt. Was machst du überhaupt?"
„Die Küche sauber. Noch mal grundreinigen, bevor das Baby kommt."
„Du spinnst!"
Conny zuckte die Achseln, stellte das Radio aus und ließ sich auf den Stuhl sinken.
„Schön, dass du wieder da bist, Severus."
„Ja, und offenbar auch gerade rechtzeitig."
Der Schreck über ihre leichtsinnige Kletterei stand ihm immer noch ins Gesicht geschrieben.
Er stand in voller Größe vor ihr und bebte regelrecht vor Wut über ihren Leichtsinn.
Conny ergriff seine Hand. „Wie war's denn bei dir?" fragte sie zaghaft.
Er funkelte sie an, ungehalten über ihren offensichtlichen Wunsch, das Thema zu wechseln. Doch ihre Berührung ließ seinen Ärger langsam verrauchen. Schließlich fuhr er müde mit der Hand über die Augen..
„Es ist überstanden", sagte er tonlos, „ich bin rehabilitiert."
Er zog den anderen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber.
„Es war eine Farce: Alle gaben sich die größte Mühe, freundlich zu sein, es gab viele schöne Worte - leider sind nur die wenigsten Menschen gute Schauspieler und man merkte genau, wie schwer sie sich damit taten, wie viel lieber sie mich verurteilt hätten."
Er massierte seine Nasenwurzel, sein gesamter Körper sprach von Erschöpfung.
Conny dachte an das probate englische Wundermittel und stand auf. "Willst du einen Tee?"
„Ja, gerne. Aber ich kann ihn auch selber machen. Bleib sitzen."
Conny gehorchte und Severus bahnte sich einen Weg durch den ausgeräumten Inhalt der Schränke und setzte Wasser auf. Während er mit dem Wasserkocher hantierte, mit dem Rücken zu ihr, redete er weiter:
„Es war ein seltsames Gefühl, wieder unter lauter Zauberern zu sein. Ich habe viele Leute wieder getroffen, ehemalige Kollegen, Schüler - und dabei ist mir klargeworden, wie sehr sich mein Leben verändert hat, seit ich dich kenne."
Er fischte die Teekanne aus einem großen Kochtopf und nahm die beiden oberen Tassen von einem wackligen Stapel.
„Manchmal erscheint es mir, als habe ich durch dich erst angefangen, richtig zu leben." Endlich drehte er sich um.
„Du hast so viel für mich getan, habe ich dir jemals dafür gedankt?"
„Brauchst du nicht. Ich bin doch so froh, dass ich dich habe", wehrte Conny ab.
Severus sah sie zweifelnd an.
Sie grinste ihm aufmunternd zu.
„Ich liebe dich, du alter Zweifler."
Sein Mund zuckte verdächtig, aber er antwortete nicht.
„Es gibt eine gute Nachricht", sagte er schließlich, als das Wasser kocht und er sich suchend nach der Teedose umschaute. Conny zeigte auf einen Stapel Küchenhandtücher. „Irgendwo dahinter."
Severus fand die Dose und fuhr fort.
„Sie zahlen mir eine Kompensation für die Zeit meiner Haft und eine, eh, Invalidenrente?"
Conny brummte zustimmend.
„… wegen meiner - Behinderung."
Er atmete tief durch.
„ Ich hätte Ihnen am liebsten das Geld vor die Füße geworfen..."
Als er Connys kritischen Blick sah, schüttelte er bedauernd den Kopf, „aber ich war vernünftig, eh – swallowed my pride?"
„Du hast deinen Stolz hinuntergeschluckt."
„Ah, ja, genau. Es ist keine besonders große Summe, aber ich kann es brauchen."
Er kam mit zwei Tassen zurück an den Tisch. Conny strahlte ihn an.
„Toll!"
Er lächelte müde zurück. „Ja, ich denke, so kann man sagen."
„Severus, jetzt kannst du endlich einen Strich unter deine Vergangenheit ziehen!"
Er verstand sie nicht. „Wie bitte?"
„Na, deine Vergangenheit hinter dir lassen, vergessen, richtig neu anfangen."
Seine langen Finger umklammerten die Teetasse.
„Ja, Conny, ja, das werde ich, at least I'll try."
Sie saßen eine Weile schweigend da und warteten, bis der Tee abkühlte. Severus starrte in seine Tasse und Conny betrachtete ihn und dachte einmal mehr darüber nach, wie sehr sie diesen Mann doch liebte.
Als die Tassen leer waren, war auch die Müdigkeit weitgehend aus seinem Gesicht verschwunden.
Er sah sich in dem Chaos aus ausgeräumtem Geschirr und Putzlappen um.
„Wie ich sehe, geht es dir gut?"
Conny nickte.
„Ja, wenn ich mich bewege, herrscht Ruhe im Bauch. Sobald ich mich hinsetze, schlägt unser Kind Purzelbäume."
Automatisch legte sie die Hand auf ihren Bauch. Severus erhob sich und ging neben ihrem Stuhl in die Hocke. Zuerst streichelte er die Kugel unter ihrem T-shirt sanft mit beiden Händen, dann umfasste er ihre Taille – oder das, was davon übrig war – und legte seinen Kopf an ihren Bauch. Conny strich ihm mit der Hand sacht durch das Haar, seine Nähe und Zärtlichkeit genießend.
„Ouch!" Er fuhr hoch. Conny zog erschrocken die Hand zurück.
„Ich wollte dir nicht weh tun."
„Du warst das nicht – es kam von da drinnen."
Er deutete auf eine sich bewegende Beule unter dem Shirt.
„Ich sage doch – sobald ich mich hinsetze, fängt es an zu turnen. Es ist äußerst bewegungsfreudig."
„Kein Wunder bei der Mutter," brummte er.
Conny stand entschlossen auf.
„Ich werde jetzt alles wieder einräumen."
Severus richtete sich ebenfalls auf und streckte sich.
„Wenn ich dir helfe – erklärst du mir dann nachher, wie ein Computer funktioniert?"
„Was?"
Severus studierte verlegen seine Fingerspitzen.
„Ich möchte lernen, wie man mit einem Computer umgeht."
„Jetzt auf einmal? Du hast doch immer einen großen Bogen um das Ding gemacht und dich höchst despektierlich darüber geäußert – von wegen überflüssige Muggelapparatur und so."
Es fiel ihm sichtlich schwer, seine Meinungsänderung zuzugeben.
„Als ich jetzt in England war, da habe ich gemerkt, dass inzwischen auch die Zaubererwelt sich zunehmend auf Computer verlässt, selbst große Zauberer benutzen sie, man sieht sie überall. Und Tolga hatte eine Idee…"
Conny stöhnte. Nicht wieder Tolga!
„Er meinte, ich könnte mich selbständig machen und meine Sachen über das Internet verkaufen, das wäre heutzutage ein gutes Geschäft. Dazu müsste ich aber erst wissen, wie man so einen Computer bedient."
Conny sah fasziniert zu, wie Severus die Teller stapelweise mit seinem Zauberstab in den Schrank dirigierte. Sie dachte nach: Ein Internetversand - das war wirklich keine schlechte Idee, jetzt, wo er wieder in die Öffentlichkeit treten konnte und ein bisschen Geld hatte..
„Na gut, du großer Zauberer, ich zeig's dir. Aber nicht mehr heute Abend."
Als er sie ärgerlich-fragend ansah, wobei zwei Tassen frei schwebend in der Luft verharrten, stellte sie sich ganz dicht neben ihn und legte den Arm um seine Hüfte, vorsichtig, denn sie wollte ein vorzeitiges Ende ihrer Lieblingstasse durch einen unbeabsichtigter Schlenker mit dem Stab vermeiden.
„Ich musste zwei Wochen ohne dich auskommen, Severus, ich möchte dich heute Abend nicht mit einem Haufen Elektronik teilen, sondern ganz für mich alleine haben."
Er ließ die Tassen im Schrank landen, lachte leise und erwiderte ihre Umarmung.
„Überhaupt, glaube ja nicht, dass das an einem Abend abgehandelt werden kann. Vor allem, wenn du über das Internet verkaufen willst, brauchst du eine Website und davon habe ich auch keine Ahnung. Vielleicht kennt Tolga jemanden, der besser Bescheid weiß, oder wir kaufen ein paar Bücher über das Thema."
Severus küsste sanft ihre wirren Locken.
„Du hast recht. Ich habe dich auch vermisst, Conny, der Computer kann bis morgen warten. Und Bücher - Bücher sind eine gute Idee für den Anfang, damit kann ich umgehen."
Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot
