Ciao!
Wie versprochen ein schnelles Update. Ich hoffe, ihr freut euch genauso wie ich! Oh, und wenn ihr ein kleines Cookie (und einen Vorgeschmack auf mein DZP-Weihnachtsspecial) sehen möchte empfehle ich euch meine neue Yahoo!group: http: groups. group/ HPDieZweiteProphezeiung/
Dummerweise habe ich sie in den englischen Bereich von Yahoo gelegt, aber wenn ihr über www. geht oder die obige Adresse in euren Browser kopiert dann solltet ihr ohne Probleme hineinkommen. Natürlich findet ihr den Link auch, wenn ihr in unserem Autorenprofil auf 'homepage' klickt. In diesem Sinne: Enjoy!!!
Neli
Disclaimer: Harry Potter ist Eigentum J.K. Rowlings und verschiedener Publizisten einschließlich aber nicht ausschließlich Scholastic Books, Bloomsbury Publishing, Warner Bros. und Carlsen Verlag. Diese Geschichte will nicht in deren Rechte eingreifen, ist nur zur Unterhaltung geschrieben worden und jeder Versuch, aus ihr Profit zu schlagen steht im ausdrücklichen Widerspruch zur Absicht der Autorin.
Kurzinfo:
Titel: Harry Potter und die Zweite Prophezeiung
Autor: starlight, aka Neli
Co-Autor: Brandy aka BrandyV
Rating: PG-15
Yahoo!group: http: groups. group/ HPDieZweiteProphezeiung/
Kontakt: Hoshiakari(at)web.de (Neli), (Brandy)
Kurzzusammenfassung: Nach einem eher aufregenden Sommer kehrt Harry Potter nach Hogwarts zurück. Sirius' Tod belastet ihn schwer, trotzdem gibt er sein Bestes, um zu der Waffe zu werden, die Voldemort vernichten kann. Wenn da nur nicht die Zweite Prophezeiung Professor Trelawneys und der mysteriöse Talisman des Ourouboros wäre! Und was meint ein Mädchen, wenn es um Hilfe mit den Wahrsage-Hausaufgaben bittet? Harrys Jahr wird vieles werden, nur eines nicht: langweilig!
"..." sprechen
'...' denken
- ... - Parsel
()---() Orts-/ Zeitwechsel (was, dürfte klar sein)
Kapitel 11: Attacke auf Hogsmeade
Baumwurzeln und Hagrids Wichtelfallen, unerwartete Vertiefungen und Gräben im Boden, Farnsträucher, herabgefallene Äste, glitschige Pilze, feuchtes Moos... Harry hatte vergessen, wie oft er schon über etwas gestolpert war seit er in den Verbotenen Wald eingedrungen war. Das schwache Licht seiner Glockenblumenflammen und des Lumos-Zaubers reichten kaum bis zum Waldboden. Die tanzenden Schatten, so trügerisch in ihrer ewigen Bewegung, lenkten seine Augen auf sich und ließen ihn die Hindernisse erst viel zu spät erkennen. Harry stolperte und fluchte, fiel und stand wieder auf und folgte dabei immer dem unangenehmen Ziehen in seiner Brust. Die Gründer hatten sich wirklich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für die Übergabe ihres Geschenks ausgesucht.
"Ich hoffe wirklich, dass es das wert ist," grummelte er und wischte sich eine mit undefinierbarem, schleimigem Moos bedeckte Hand an seiner Schulrobe ab. Das Ziehen war stärker geworden in der letzten halben Stunde, und er hatte das Gefühl, dass er bald sein Ziel erreicht hatte.
Eine mächtige Fichte, nicht unähnlich denen, die um das Lager der Acromantulae herum wuchs, ragte aus der Dunkelheit vor ihm auf. Der Blitz hatte einmal in sie eingeschlagen, der gespaltene Stamm war noch immer verkohlt wo die mächtige elektrische Ladung getroffen hatte, aber zu beiden Seiten wuchs frisches Grün aus der zerstörten Masse. Moos und Flechten bedeckten den unteren Teil des Stammes, den Harry auch ungespalten nicht mit beiden Armen hätte umfassen können. Im Mulch, der sich im Blitzspalt angesammelt hatte, wuchsen Farne und sogar ein kleiner Eichenbaum, der in späteren Jahren seinem Nährvater zum Verhängnis werden und ihn vollkommen spalten würde. Die weichen Nadeln, die die Fichte in Jahrzehnten des Wachstums verloren hatten, bildeten einen weichen Teppich auf dem Boden, der das Geräusch von Harrys Schritten zu einem leisen Knistern dämpfte.
Und in der Mitte all des Grüns, das aus der Zerstörung erwachsen war, lag ein kleines, weißes Ei, so groß wie ein Hühnerei aber mit einer weichen, alabasternen Schale. Dieses Ei war es, was Harry anzog. Instinktiv wusste er, was zu tun war- ein Schlenker seines Zauberstabes schenkte der Fichte ein paar Jahre mehr und verwandelte die kleine Eiche in ein gläsernes Gefäß, das er mit Glockenblumenfeuer füllte.
Das Ei war warm in seinen Händen, warm, weich und zerbrechlich, gefüllt mit einem inneren Feuer und bereit, vom Feuer umhüllt zu werden. Er hob es vorsichtig aus seinem Rastplatz, respektvoll und sanft, und legte es in sein Gefäß, auf ein Nest aus Eichenblätter auf die er einen Immer-Frisch-Zauber gesprochen hatte.
"Also gut, Cirrus," sagte er zu seinem neuen Schützling, "dann bringen wir dich mal nach Hause!"
Als wüsste der Wald, dass er eine kostbare Last trug war sein Rückweg sehr viel einfacher als die erste Strecke. Er erreichte innerhalb von zwanzig Minuten den Waldessaum. Noch nie waren ihm die Lichter des magischen Schlosses so einladend erschienen, er spürte wieder dasselbe Gefühl von Verzauberung wie bei seinem ersten Blick auf Hogwarts, vom See aus, und gleichzeitig kribbelte seine Haut mit dem Gefühl von Magie. Es war unmöglich in Worte zu fassen.
Die Müdigkeit in seinen Knochen erreichte jedoch ein neues Hoch, und obwohl er noch Training mit Remus und danach den DA-Club zu leiten hatte stolperte er doch beinahe in seinen Schlafsaal. Erst in letzter Sekunde erinnerte er sich daran, dass er eigentlich im Raum der Erfordernis sein sollte und änderte unter dem Geschimpfe der Dicken Dame die Richtung. "Ich hab das Gefühl, deine Schale ist mit einem Schlaftrunk getränkt," sagte er zu dem Hühnerei im Glas. Das Glockenblumenfeuer flackerte als Antwort auf seine Verärgerung einmal auf, aber das Ei rührte sich- natürlich- nicht.
Remus war noch nicht anwesend, wahrscheinlich hatte er noch eine Besprechung mit Dumbledore und dem Rest der Ordensmitglieder, die in Hogwarts waren in der es sich um die Kobolde drehte. Aber die purpurfarbene Couch vor dem kleinen Kamin sah so gemütlich aus...
'Nur eine Minute... es ist noch zu früh für Voldemort und seine Todesser. Eine Minute...' Das Glas mit Cirrus dem Ei wurde so nah wie möglich ans Feuer gestellt, dann ließ Harry sich auf die weiche, breite, gemütliche Couch mit den dicken roten Kissen fallen. Er stellte sicher, dass seine Okklumentik-Schilde so stark wie möglich waren. 'Nur eine Minute...'
Eine Minute erstreckte sich über die gesamte Zeit, die Remus Lupin brauchte, bis er kurz vor Beginn der DA in den Raum der Erfordernis kam, um sich bei Harry zu entschuldigen. Als er den schlafenden Jungen sah schloss er so leise wie möglich die Tür. Harry hatte den Kopf auf ein Kissen gebettet, um das der rechte Arm geschlungen war. Der linke Arm hing schlaff vom Sofa hinunter; seine Brille saß schief auf seiner Nase. Voldemort griff ihn gerade nicht an, seine Gesichtszüge waren entspannt und die Narbe blass und kühl.
Remus wagte es nicht, ihn zu berühren. Er hatte Angst, ihn damit aufzuwecken; wie alle anderen Ordensmitglieder, die im Sommer im Grimmauldplatz gewesen waren wusste er um Harrys überaktive Reflexe und Wahrnehmung. So begnügte er sich damit, seinen kleinen Schützling, den letzten Überrest von Moonys Rudel, zu beobeachten.
Fußgetrappel vor der Tür kündigte die Ankunft der DA-Mitglieder an. Remus ging nach draußen, um ihnen zu sagen, dass der Club heute ausfallen würde, aber Ron, Ginny, Neville, Luna und Hermine konnte er nicht verjagen ohne dass sie wussten, dass es Harry gut ging. So ließ er sie widerwillig durch die Tür kommen. Die Mädchen begannen, geheimnisvoll und verzückt zu lächeln sobald sie den friedlich schlummernden Sechzehnjährigen sahen. So entspannt wirkte Harry viel jünger als wenn er wach war. Das Gewicht der Welt fiel von seinen Schultern ab. Er war der Jugendliche, der er sonst nicht sein durfte.
"Wie... süß!" sagte Hermine und schlug sich augenblicklich die Hand vor den Mund(1). Ginny schlug sie wieder hinunter.
"Musst dich nicht verstecken, du hast Recht," sagte sie mit einem verträumten Gesichtsausdruck. Luna war die Einzige, die vernünftig blieb- es gefiel ihr wahrscheinlich, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was ein normaler Mensch in einer solchen Situation tat.
"Wir sollten ihn in Ruhe schlafen lassen. Harry hat nicht sehr viel Ruhe gehabt seit das Schuljahr angefangen hat," meinte sie. Die Jungen, denen das Verhalten der Mädchen unheimlich war, nickten zustimmend.
"Lassen wir ihn alleine. Das Sofa sieht mindestens genauso bequem aus wie sein Bett, wir müssen ihn nicht aufwecken," pflichtete Neville Luna bei. Auf Zehenspitzen schlichen die Fünf wieder auf den Gang hinaus während Remus den Raum um eine Decke für Harry bat und seinen Schützling zudeckte bevor auch er ging.
Aufgeweckt wurde Harry am nächsten Morgen von Hedwig. Seine Eule schuhuhte eindringlich in sein Ohr, so lange bis er sich endlich aufrappelte. Nach einem kurzen Tasten nach der Brille, die sich im Laufe der Nacht einen Platz auf dem Fußboden gesucht hatte ("Verflixte Kurzsichtigkeit!") war er dann bereit, sich dem Tag zu stellen. Hedwig jedoch hatte andere Pläne- sie kniff ihn ins Ohr und streckte betont ihr Bein mit einer daran befestigten Nachricht aus.
"Sorry, Hedwig," sagte Harry, "hab ich nicht gesehen- du weißt doch, wie ich ohne meine Brille bin!" Die Eule rieb ihren Kopf versöhnlich an Harrys Hand und wartete geduldig bis er den Brief von ihrem Bein abgenommen hatte.
"Wie kommst du eigentlich hier hinein? Ich wusste nicht, dass du durch ganz Hogwarts fliegst... und es gibt noch kein Frühstück in der Großen Halle... also, wie bist du hierhergekommen?" fragte er sie. Hedwig blinzelte, und erst jetzt bemerkte Harry, dass der Raum ein hohes Fenster aufwies, durch das der neblig-trübe Oktobermorgen erkennbar war.
"Ach so..." Er fühlte sich ein wenig schuldig, dass er einfach so im Raum der Erfordernis eingeschlafen war und dass niemand daran gedacht hatte, ihn zu wecken aber andererseits hatte er zum ersten Mal seit Schulanfang nicht das Gefühl, sich nicht ohne einen Aufpäppeltrank auf den Beinen halten zu können.
"Was soll denn dieser Brief hier?" fragte er sich. Auf dem Papier stand nur ein einziger Satz: "Heute beim Mittagessen..." und keine Unterschrift.
"Ist weder Dumbledores noch Ron oder Hermines Handschrift," sagte er, "und wenn es Voldemorts wäre dann säße ich jetzt schon wieder in Askaban." Hedwig schuhuhte wütend. Sie schien sicher zu sein, dass sie niemals etwas transportieren würde, das Harry gefährdete. Er war schließlich ihr Zauberer!
"Ist schon gut, Hedwig- ich glaube, da will sich nur jemand einen Spaß erlauben und mich vervös machen." Er fischte seinen Zauberstab aus dem Holster am Arm und benutzte einen Wasch- und einen Trockanzauber. Er war zu faul, um bis zum Gryffindorturm und zur Dusche zu gehen, und wozu gab es schließlich Magie?
Zumindest hatte er keinen Unterricht. Harry streckte sich genüsslich auf dem Weg zur Tür hinaus. Samstage waren seine liebsten Tage. Keine Lehrer, meist keine Hausaufgaben (die verschob er auf den Sonntag) und heute sogar noch ein Nachmittag mit Tonks und Remus.
"Hallo, Harry!" grüßten Susan Bones und Hannah Abbott. Die beiden kamen aus der Richtung der Küche, wo wohl die Hufflepuff-Schlafsäle liegen mussten.
"Guten Morgen," grüßte Harry zurück, fröhlicher, als man es von ihm gewohnt war. So blinzelten die beiden Mädchen auch einen Moment lang in einer guten Imitation von Hedwig bevor sie ihn in die Große Halle begleiteten.
"Morgen, Harry!" Ginny und Luna saßen an ihrem gewohnten Platz am noch spärlich besetzten Gryffindor-Tisch- sie wechselten sich zwischen Gryffindor und Ravenclaw ab- und Hermine war natürlich auch schon auf den Beinen und hielt einen großen, dicken, schweren Wälzer in der Hand. "Aufstieg und Fall der Dunklen Künste? Hermine, was willst du denn damit?" fragte Harry und ließ sich auf die Bank neben seine beste Freundin fallen.
"Huh? Oh, guten Morgen, Harry. Wir haben in Zaubereigeschichte unser erstes UTZ-Projekt bekommen. Du kannst mir dabei später noch helfen..." Harry mochte das Gefühl, das ihr abschätzender Blick in ihm hervorrief, ganz und gar nicht.
"Helfen? Ich bin in Zaubereigeschichte eine Niete, 'Mine, das weißt du doch!" Das mulmige Gefühl in der Magengrube wurde stärker.
"Wir beschäftigen uns mit der neueren Geschichte, Harry. Und du kannst mir helfen, weil mein Projekt... na ja, mein Projekt bist du. Genauer gesagt: Der Junge, der lebt und Du-weißt-schon-wer, Eine Analyse ihrer Beziehung." Harry verschluckte sich an seinem Kürbissaft. Ginny hustete und keuchte in ihre Cornflakes. Nur Luna blieb ruhig und klopfte Ginny und ihm auf den Rücken, damit sie wieder zu Atem kamen.
"Ich wusste gar nicht, dass du eine Beziehung mit dem Unnennbaren hast, Harry," sagte sie. Harry hatte gerade zur Beruhigung einen Schluck Tee nehmen wollen, der sich nun als feiner Sprühregen über die gegenüberliegende Bank ergoß.
"Be... Beziehung? Hermine, was ist das denn für ein Spiel?" fragte er mit hochrotem Kopf und heiserer Stimme.
"Nicht so eine Beziehung, du Dussel!" schimpfte Hermine, obwohl auch in ihrem Gesicht das mühsam zurückgehaltene hilflose Gelächter seine Spuren hinterlassen hatte, "sondern der Zusammenhang, die Verbindung zwischen euch beiden. Eure... gemeinsame Geschichte, wenn man es so will?"
"Gemeinsame Geschichte? Harry, hast du eine Freundin?" Ron war noch leicht benommen und zerzaust, weil er gerade erst aufgewacht war. Die drei Mädchen und Harry selbst konnten nicht mehr an sich halten. Sie brachen zusammen. Tränen liefen über Ginnys Wangen.
"Ron- es geht um den Aufstieg und Fall der Dunklen Künste und um Voldemort und Harry," erklärte Hermine japsend.
"Du-weißt-schon-wer und Harry? Das ist ja wie Harry und Malfoy!" Ron schüttelte sich. "Wer hat denn diesen Müll verzapft?" So begann eine weitere Runde der Erklärungen, die damit endete, dass Ron den Kopf schüttelte und Hermine für verrückt und Professor Binns für mehr als senil erklärte.
"Klar ist er mehr als senil- er ist ein Geist, Ron!" lachte Ginny. Ron faltete die Arme über der Brust.
"Weiß ich, und du weißt genau, was ich gemeint habe. Man könnte meinen, die Zwillinge sind wieder da!"
"Danke sehr, o großer Bruder!" meinte Ginny.
"Das war kein Kompliment!"
"Das liegt im Auge des Betrachters!"
"Also gut... und du willst Harry jetzt für dein Projekt ausquetschen?" Ron gab nur selten klein bei, aber wenn Ginny sich in eine Mischung aus den Zwillingen und Molly Weasley mit all der Weasley-Sturheit verwandelte dann musste selbst er zurückweichen. Taktischer Rückzug und Ablenkungsmaneuver...
"Nur, wenn er ja sagt," sagte Hermine und warf Harry einen Blick zu, der ihm klarmachte, dass er besser ja sagen sollte.
"Na gut..." sagte er. Hermine strahlte auf.
"Das wird ein O!" sagte sie glücklich. "Professor Binns hat zwar vergessen, dass er dich unterrichtet hat, aber wenn ich dich als Quelle angebe dann kann er nichts gegen meinen Aufsatz sagen."
"Huh?" fragte Harry verwirrt, "er erinnert sich nicht an mich, aber als Quelle bin ich gut? Was ist das für eine Logik?"
"Er erinnert sich nicht an den Schüler Harry James Potter, aber er erinnert sich an den Jungen, der Überlebte aus den Büchern- also an dich."
"Urgh, das ist mir zu kompliziert am frühen Morgen!" Ron griff nach einer Scheibe Toast und der Orangenmarmelade. "Heute kann Harry sowieso nicht- wir haben Quidditch-Auswahlspiele!"
"Heute? Ich dachte morgen!" Ginny schüttelte den Kopf. "Hattest du Anfang der Woche gesagt- Sonntag, Quidditch-Auswahlspiele. Ich wollte heute mit Luna unsere Alte Runen-Aufgabe durchgehen."
"Wenn du heute Quidditch spielst, Ginevra, dann machen wir unsere Aufgaben morgen," sagte Luna ruhig. "Ich bin keine Quidditch-Spielerin, deswegen macht es mir nichts aus, das zu verschieben. Du hast mit Ravenclaw getauscht, nicht wahr, Ronald?"
"Uh... genau. Cho, euer Kapitän, wollte heute nach Hogsmeade gehen und hat gefragt, ob wir nicht tauschen können. Ich hab gestern Abend eine Notiz ans Schwarze Brett gehängt." Ginny zuckte die Schultern.
"Wenn es dir recht ist machen wir dann morgen Alte Runen, in Ordnung, Luna?"
"Hatte ich das nicht gesagt? Es muss wohl eine Echo-Schnecke in meiner Nähe gewesen sein..." Sie wandte sich wieder dem Frühstück auf ihrem Teller zu.
"Also... wir haben unseren Sucher zurück- zum Glück!- und wir haben Katie als Jägerin und Kirke als Treiber, Sloper war in Angelinas und Alicias Jahrgang... wir brauchen also noch zwei Jäger und einen Treiber," sagte Ron und klopfte sich mit einem Finger gegen das Kinn. Ginny räusperte sich.
"Ron! Hast du nicht etwas vergessen?" fragte sie. Ron schüttelte den Kopf.
"Der Platz ist gebucht, und weil Ravenclaw draufsteht werden uns die Slytherins auch nicht dazwischenfunken. Und... die Bälle hab ich bei Madam Hooch bestellt, die Ankündigung ist am Schwarzen Brett..."
"Ron! Weißt du eigentlich was wäre, wenn ich doch lieber Sucher im Team bleiben wollte? Dass du mich dann nicht rausschmeißen könntest? Ich spiele zwar lieber Jäger, weil man da mehr im Geschehen drin ist, aber wenn du..." sie kochte.
"Ron, du hast bei deiner Aufstellung etwas übersehen," sagte Harry versöhnlich. Ron schüttelte den Kopf.
"Was denn?" Und Ginny platzte der Kragen.
"Mich, Ron Weasley. Vergiss nicht, ich war im letzten Jahr genauso daran beteiligt, dass wir den Quidditch-Pokal gewonnen haben wie du. Wer hat Cho Chang den Schnatz unter der Nase weggefangen? Na? Ich weiß, dass ich deine kleine Schwester bin, aber nur, weil ich jünger bin als du kannst du mich doch nicht die ganze Zeit vergessen! Wer hat denn beim letzten Training fünfzehn Tore geschossen- mit dir als Torhüter?"
"Es waren vierzehn! Tut mir Leid, Ginny, dass ich nicht immer an dich denke- es geht hier immerhin um unsere Quidditch-Strategie! Wenn du willst, kannst du natürlich als Jägerin spielen!"
"Wenn ich will? Ron, ich dachte, ich wäre in dieser Mannschaft genauso ein fester Teil wie du! Ich... ach, vergiss es!" Sie stürmte so schnell aus der großen Halle, dass die Roben der auf den Bänken sitzenden Schüler im Wind ihrer Schritte wehten.
"Was war denn das eben?" fragte Ron. Hermine schüttelte den Kopf. Harry spürte wieder einen leichten Stich im Herzen, der zu gleichen Teilen Eifersucht und Verärgerung war. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er als Kapitän eine solche Situation mit Sicherheit sehr viel besser gemeistert hätte, ohne eine seiner besten Spielerinnenn zu verärgern.
Es war jedoch Luna, die die Sache aufklärte. "Ron, du hast Ginny soeben zuerst aus der Mannschaft geworfen und sie dann als einen entbehrlichen Teil behandelt. Das war... nicht sehr freundlich von dir, Ronald."
"Mich wundert auch, dass Ginny nicht gleich hier in die Luft gegangen ist." Neville schob seinen Teller zurück und warf seinem Klassenkameraden einen vorwurfsvollen Blick zu.
"Seit wann interessierst du dich denn für Quidditch?" fragte Ron. Er verstand ja, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber dass gleich alle auf ihn losgehen mussten?
"Ich interessiere mich nicht besonders für Quidditch, aber ich bin mit Ginny zum Weihnachtsball gegangen und weiß, dass es sie verletzt wenn du sie einfach so abschreibst, nur weil sie jünger ist."
"Sag bloß du willst was von meiner Schwester!" explodierte Ron, "dann..."
"Ich will nichts von Ginny!" protestierte Neville errötend und mit einem Blick zu Luna, die das Geschehen distanziert beobachtete.
"Wisst ihr was, solange ihr das regelt gehe ich und sehe nach Ginny," sagte Harry schließlich. Ihm wurde die Luft in der Großen Halle langsam zu dick.
"Ich glaube, das gefällt ihr," sagte Luna. Die Ravenclaw-Schülerin hatte meist den besten Überblick, auch wenn sie ein paar nicht alltägliche Angewohnheiten hatte und sich gerne hinter ihrer Seltsamkeit versteckte.
Aber Harry hatte die Große Halle schon verlassen. Es gab eigentlich nur einen Platz, an dem Ginny sich aufhalten konnte und nur eine Sache, die sie tun würde. Und diese war genau dieselbe, die auch er wählen würde.
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Das Gras knisterte eisig unter seinen Füßen, die Nacht hatte Rauhreif über die Halme gelegt unnd aus dem Quidditchfeld eine zauberhaft glitzernde Märchenwiese gemacht. Hoch über den silbernen Nebelstreifen, die der morgendlichen Kälte noch einen Hauch der Unheimlichkeit verliehen, zischte ein rot-schwarzer Blitz durch die Luft. Ein laut fluchender Blitz, der einen Quaffel in der Hand trug, diesen mit unglaublicher Wucht und Genauigkeit durch den linken der drei Torringe am einen Ende des Feldes warf, dann in einem gewagten Sturzflug wieder auffing und quer über das ganze Feld flog, um das Maneuver am anderen Ende zu wiederholen.
"Verdammt!" fluchte Ginny und umklammerte den Quaffel so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Harry schmunzelte und zückte seinen Zauberstab.
"Accio Feuerblitz!" Sein Besen gehorchte seinem Ruf und kam durch das Fenster des Gryffindorturms geschossen. Harry zuckte zusammen- diese Fensterscheibe würde wohl mehr als einen guten Reparaturzauber brauchen. Er schwang sich auf und stieg mit Leichtigkeit in die Luft. Auch wenn er im letzten halben Jahr nicht sehr oft fliegen konnte hatte er nichts verlernt. Sobald der Boden unter seinen Füßen verschwunden war übernahm sein Instinkt.
Schnell hatte er sich neben Ginny maneuvriert und bremste sie dann mit einer Kurve vor ihren Besen aus. Die einzige Weasley-Tochter funkelte ihn zornig aus dunkelbraunen Augen an. Ihre Wangen waren von der Kälte und ihrer Wut gerötet, unter ihren Augen waren ebenfalls rote Flecken und ihr Haar war wild und zerzaust.
"Was willst du, Harry?" fragte sie und versuchte, sich an dem älteren Jungen vorbeizuschieben und ihren wilden Flug wieder aufzunehmen.
"Ich wollte dir sagen, dass es mir Leid tut, wie Ron dich behandelt hat. Wenn du lieber wieder Sucher sein möchtest... ich glaube, ich kann es auch einmal als Jäger versuchen," bot Harry an.
"Du also auch noch? Denkt ihr eigentlich alle, ich sei blöd nur weil ich zufällig ein Jahr jünger bin als ihr? Oh, und in deinem Fall noch nicht einmal ein ganzes Jahr!" zischte Ginny wütend und versuchte, Harry mit einem Looping über seinen Besen hinweg zu entkommen. Ein Schulbesen konnte der Agilität seines Feuerblitzes jedoch nichts entgegensetzen, und Harry schwebte schon wieder vor ihr als sie aus dem Überschlag auftauchte.
"Nein, das hat doch nichts mit Dummheit zu tun!" wehrte er ab. Was ging eigentlich in Ginnys Kopf vor? "Ich dachte nur, dass du vielleicht lieber..."
"Nein. Ich hab nur Sucher gespielt weil kein anderer Platz in der Mannschaft frei war. Ich bin eher jemand, der gerne ständig in Aktion ist, und um ehrlich zu sein mag ich diese halsbrecherischen Stunts, die du fliegst, nicht besonders. Mir liegt es eher, im Team zu arbeiten als alleine- ich will Jägerin sein!" Ihre Stimme überschlug sich vor Wut und Leidenschaft. "Aber mein Bruder ist zu blöd, um das zu sehen. Und er denkt immer noch, dass ich beschützt werden muss und gar nichts kann. Aber wenn ich ihn wirklich brauche, ist er nicht da. Was soll ich davon nun halten?"
Sie hatte wohl vergessen, dass Harry da war. Ihre Arme fuchtelten wild in der Luft, eine Hand hielt noch immer den Quaffel fest, die andere war zur Faust geballt. "In meinem ersten Schuljahr hat er mich komplett ignoriert, dabei waren wir die besten Freunde, bevor er nach Hogwarts gegangen ist. Ich hatte mich so darauf gefreut, dass wir wieder mehr miteinander unternehmen können und plötzlich bin ich nur noch die kleine Schwester. Und das hat sich bis jetzt nicht geändert. Manchmal frage ich mich, ob es für Ron überhaupt noch eine Ginny gibt oder ob er nur noch seine Schublade 'kleine Schwester' aufmacht und da zufällig mein Name drinsteht..."
Harry ließ sie reden und driftete schweigend neben ihr her. "Ich meine, er hat nicht einmal gemerkt, dass mein Tagebuch ein Dunkles Artefakt war und dass ich von... Tom besessen war. Und er hat auch nicht gemerkt, dass ich verschwunden war, das hat er erst von den Lehrern hören müssen, so weit ich weiß. Und jetzt... jetzt schieße ich dutzendweise Tore gegen ihn, aber statt dass er deswegen gern mit mir trainiert und mir einen Platz in der Mannschaft anbietet- in die er nur gekommen ist, weil ich mit ihm geübt habe, ignoriert er mich weiter und denkt, er kann sich alles erlauben, seine kleine Schwester ist ja dumm genug, sie versteht ja nichts..." Sie wurde leiser. Ihre Schultern zitterten, und zum ersten Mal, seit er zu ihr geflogen war, schien sie Harry richtig zu sehen.
"Es tut mir Leid, Harry- eigentlich war nichts von all dem für deine Ohren bestimmt. Du hast schließlich versucht, Ron daran zu erinnern, dass ich schon in der Mannschaft bin. Es ist nur... ich glaube, ihr alle haltet mich für gefährlich, oder für dumm. Ich meine, ihr seid das Trio. Es gibt niemanden, der euch nicht kennt. Und seit letztem Jahr gehört Neville auch noch halb zu eurem kleinen Club. Und Luna macht sich nichts daraus, dass sie oft seltsam angesehen wird, weil sie mit euch unterwegs ist. Aber meine Klassenkameraden denken, ich halte mich für etwas Besseres, weil ich gerne mit euch unterwegs bin und reden nicht mehr mit mir. Und ihr drei seid so enge Freunde, dass es fast unmöglich ist, an eurer Seite zu stehen. Und Ron... Ron war immer der von meinen Brüdern, der mir am Nächsten war. Er ist schließlich nur ein Jahr älter als ich- wusstest du, dass wir beide im Frühling Geburtstag haben? Ron im März und ich im April? Wir haben als Kinder alles zusammen gemacht. Und dann kam Hogwarts, und es war nur noch Hermine und Harry. Es gab mich nicht einmal mehr. Während der ganzen Zeit, die du im Fuchsbau warst vor meinem ersten Schuljahr hat er nicht einmal mit mir geredet. Zum Glück hatte ich noch die Zwillinge... auch wenn sie mich immer geärgert haben. Ich hab sie dann einfach zurückgeärgert... aber warum erzähle ich dir das eigentlich alles?"
Harry versuchte, sich an diese Seite von Ginny, die er eben gesehen hatte, zu gewöhnen. Das war nicht die freche, übermütige Ginny, die gerne anderen Streiche spielte und die als Scherzmeister von Hogwarts in die Fußstapfen von Fred und George trat. Es war auch nicht das kleine Mädchen, das er in der Kammer des Schreckens gefunden hatte und das ihm einen furchtbaren singenden Valentinsgruß geschickte hatte. Sie war eine verletztliche und verletzte junge Frau, etwas, womit Harry nicht umgehen konnte.
"Ginny, ich... es tut mir Leid. Ich werde nochmal mit Ron reden, aber ich glaube, Hermine, Neville und Luna haben ihn schon in die Mangel genommen. Und... ich glaube nicht, dass du dumm bist, oder dass du zu jung bist. Du gehörst dazu- du bist eine der Leiterinnen in der DA dieses Jahr! Und du warst mit uns in der Mysteriumsabteilung. Ich wusste nicht, dass Ron, Hermine und ich eine Art Club bilden, aber du, Luna und Neville, ihr seid seit letztem Schuljahr auf alle Fälle auch Mitglieder. Und ich... tut mir einfach Leid," schloß er lahm.
Ginny kicherte- eine überraschende Reaktion für Harry. Sie steuerte ihren Besen parallel zu seinem und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Harry, du bist spitze. Ahnungslos, naiv, aber spitze. Danke. Du weißt gar nicht, wie sehr du mir gerade eben geholfen hast... ach, vergiss es einfach. Ich bin ein bisschen durchgedreht, aber jetzt bin ich wieder normal. Hast du Lust auf ein bisschen Quidditch?"
Harry blinzelte verwirrt. Wollte sie jetzt nicht noch etwas hören? Anscheinend nicht. "Klar," sagte er. Quidditch war einfach- es gab Regeln, nach denen gespielt wurde. Wenn sich doch nur die Stimmungen der Menschen auch an diese Regeln halten würden, besonders die der Mädchen...
"Gut. Hier, fang!" Damit warf sie ihm den Quaffel zu, und die Jagd war eröffnet. Sie spielten so lange, bis der Rest der Gryffindor-Mannschaft und die hoffnungsvollen Spieler-Kandidaten ebenfalls auf das Feld strömten und Ron in eine nagelneue, silberne Pfeife- ein Geschenk von Hermine- blies, um in Ruhe die Auswahlspiele anzukündigen und jedem seine Rolle zuzuteilen.
Ginny landete mit versteinertem Gesichtsausdruck, aber ihre gesamte Körpersprache schrie ihre Herausforderund an ihren Bruder heraus. Ron wurde von ihr tatsächlich verunsichert- wenn sie entschlossen war ähnelte ihr Gesichtsausdruck sehr an die Zwillinge. Aber er fing sich, und obwohl er noch ein wenig bleich war- wenn Hermine ihm die Meinung gesagt hatte war dies auch kein Wunder- nickte er Ginny und Harry zu.
"Also, Gryffindors," begann er, "ich bin dieses Jahr euer Teamkapitän. Wie ihr aus der Notiz am Schwarzen Brett wisst brauchen wir einen Jäger und einen Treiber. Aber ich dachte mir, dass wir dieses Jahr auch noch ein Reserveteam auf die Beine stellen- kein komplettes, das schaffen wir nie. Aber wenigstens eine Reserve für die Treiber, zwei für die Jäger weil meine Schwester Ginny unser Reservesucher ist und einen Reservehüter. Na ja... einen reserve-Reservesucher brauchen wir natürlich auch noch, wenn Harry ausfällt und meine Schwester auch... Stellt euch deswegen einmal in Gruppen auf, je nach der Position, die ihr spielen wollt. Sucher zu Harry, Jäger zu Katie- geh du auch dahin, Ginny, Treiber zu Kirke und Hüter zu mir."
Die Gryffindors, die in die Mannschaft wollten, verteilten sich rasch auf die verschiedenen Positionen, der Rest des Hauses begab sich in die Zuschauerstände. Seltsamerweise war Colin Creeveys Kamera nirgendwo in Sicht, er und sein Bruder Dennis standen stattdessen bei Katie Bell und zitterten vor Nervosität. Harry selbst hatte nur zwei Kandidaten- eine Zweitklässlerin, deren Namen er nicht kannte und einen Klassenkameraden von Dennis, der eher skeptisch dreinblickte.
"Gut," begann Ron von Neuem, "dann fangen wir jetzt am besten mit den Jägern an. Katie, Ginny- ihr nehmt immer abwechselnd einen der Kandidaten mit rauf und versucht erst einmal, euch mit dem Quaffel warmzuspielen. Harry, du kannst mit den Sucherkandidaten währenddessen auch ein paar Aufwärmrunden fliegen. Kirke, du gibst den neuen Treibern erst einmal einen Knüppel in die Hand und ihr übt hier unten mit ein paar Tennisbällen, die ich von Madam Hooch bekommen habe. Wenn ihr das Feld auf vier Kandidaten eingeengt habt, Katie, dann schicke ich die Hüter-Kandidaten nach oben. Und dann sehen wir weiter. Los geht's!" Ron pfiff einmal scharf, und die zehn Jägerkandidaten vom zweiten bis zum siebten Schuljahr stiegen gemeinsam mit Harry und den beiden Ersatz-Ersatzsuchern in den Himmel.
Natürlich hatten sich, wie immer seit Harry zum Sucher gemacht worden war, auch ein paar Erstklässler unter die Kandidaten gemischt, aber Ron hatte sie mit einem bösen Blick und ein paar scharfen Worten zurück zu den Zuschauern geschickt, wo sie von Hermine getröstet wurden, die ihnen versicherte, dass das Fliegen ganz bestimmt nicht so wunderbar war wie sie dachten und sie mit ernster Miene und strengem Blick à la McGonagall über die Besenunfälle der letzten Jahre aufklärte.
Nicht alle Gryffindors hatten jedoch Höhenangst wie Hermine. Harrys Schützlinge flogen mit ihm durch die Achter und Schlangenlinien, die das Grundmuster des Suchers bildeten. Dennis' Klassenkamerad, dessen Name Matthew O'Donnell war(1), hatte allen Grund zur Skepsis gehabt. Im Gegensatz zu dem hübschen braungelockten Mädchen, das ihn vom Boden aus anfeuerte und eine Jägerin für Ravenclaw war, war er nämlich weniger begeistert davon, in der Luft herumzuschwirren. Seine Balance war gut- Harry hatte seine beiden Kandidaten gefragt, ob sie außer Quidditch noch einen anderen Sport machten und der muggelgeborene Matthew hatte ihm berichtet, dass er Tae Kwon Do lernte und Basketball spielte- aber seine Geschwindigkeit ließ zu wünschen übrig. Auch sein Überblick war nicht der beste, und so schickte Harry ihn nach wenigen Minuten zurück auf den Boden.
Seine Freundin schien dies schlechter wegzustecken als Matthew selbst. Harry verzog das Gesicht- er wollte von diesem Feuerteufel kein Ohr abgekaut bekommen. Schnell vergaß er jedoch den Viertklässler und seine Probleme als seine zweite Kandidatin, die Zweitklässlerin, die vorher noch so nervös gewesen war, in einen halsbrecherischen Sturzflug ging.
"Was ist?" fragte Harry, ihr folgend. Der Wind zischte in seinen Ohren und an seinen Brillengläsern vorbei- warum hatte Tinsy ihm noch immer keine Kontaktlinsen gebracht?- und trieb ihm die Tränen in die Augen.
"Nichts!" schrie sie und lachte, "aber es gab ein Funkeln im Gras." Harry nickte anerkennend. Wenn sie das gesehen hatte konnte sie einmal eine gute Sucherin werden.
"Ich geh mal runter zu Ron und frage ihn, ob wir einen Schnatz rauslassen können," sagte Harry, als sie beide wieder weit über den hin und herzischenden Jägern schwebten.
"Klasse!" Die Zweitklässlerin- Judith Mackenzie- wirbelte ihren Besen in einer Pirouette herum, die Harry unangenehm an seine Ausweichmaneuver im zweiten Schuljahr erinnerten, als Dobby einen Klatscher verzaubert hatte, ihm zu folgen.
"Oi! Ron! Könnte ich einen Schnatz haben?" rief Harry seinem besten Freund zu, der die Jäger in der Luft mit Adleraugen beobachtete.
"Hey, Harry- du hast einen der Ersatz-Ersatzsucher ja schon weggeschickt. Und jetzt willst du den Schnatz? Dann muss die Kleine da oben ja gar nicht schlecht sein!"
"Matthew Donnell- er wollte eigentlich gar nicht wirklich spielen. Ich glaube, seine Freundin ist Jägerin für Ravenclaw und wollte gerne, dass ihr Freund auch Quidditch spielt. Judith Mackenzie- die Zweitklässlerin- ist aber wirklich nicht schlecht. Möchte nur noch sehen, ob sie auch einem Schnatz folgen kann, dann komme ich und helfe dir mit den Jägern und den Hütern. Ginny ist ja erster Ersatzsucher... und bis Mackenzie dann zum Einsatz kommt haben wir sie genug trainiert," berichtete Harry.
"Also gut, Kumpel- und wenn sie das Ding nicht fängt dann haben wir ja immer noch dich und Ginny. Hier kommt er!" Für einen Moment spürte Harry die silbrigen Flügel des Schnatzes an seinem Ohr und schloß die Faust um seinen eigenen Schnatz, der in seiner Tasche anfing zu vibrieren sobald der Hogwarts-Schnatz in seiner Nähe war.
"Los dann, Mackenzie- such und fang den Schnatz!" forderte er die Kandidatin auf. Judith Mackenzie ließ sich das nicht zweimal sagen. Wie eine Kanonenkugel schoß sie über das Feld.
"Umm... suchen, richtig?" fragte sie verlegen als sie Harry lachend nahe den Torringen sah. Harry nickte. Etwas ungeschickt begann sie die Suchermuster zu fliegen. Harry erkannte aber, dass sie mit ein wenig Übung und mehr Selbstvertrauen leichter und besser die Balance halten würde. Ihre Geschwindigkeit und Wendigkeit ließen kaum etwas zu wünschen übrig, allerdings verlor sie schnell die Konzentration, war leicht zu frustrieren und reagierte nicht instinktiv genug.
"Ich seh ihn!" schrie sie endlich, nachdem Harry ihr eine halbe Stunde lang beim Suchen zugesehen hatte. Er hatte den Schnatz währenddessen schon dreimal bemerkt, aber jetzt sah er ihn nicht. Einen Augenblick später sah er nach unten- tatsächlich, da flatterte er um die Torstangen herum. Mackenzie riss ihren Besen so schnell und brutal in den Sturzflug, dass Harry zusammenzuckte. Wenn sie das mit einem Feuerblitz versucht hätte wäre sie unsanft auf dem Boden gelandet- der Rennbesen reagierte zu empfindlich auf jede Gewichtsverlagerung als das er solche unschönen Maneuver tolerieren würde.
Nichtsdestotrotz schaffte Mackenzie es dennoch, fast senkrecht nach unten zu fliegen. Der Schnatz versuchte, ihr auszuweichen, aber sie schloss die Faust um den sich sträubenden kleinen Ball bevor er weit kommen konnte. Harry zuckte zusammen, als sie hart auf dem Boden landete, aber ihr triumphales Grinsen verriet ihm, dass sie sich nicht verletzt hatte.
"Gut," sagte er, "mit ein bisschen Training wirst du noch besser. Aber... du solltest deinen Besen wirklich nicht so behandeln. Wenn du meinen Feuerblitz geflogen wärst hätte er sich überschlagen und dich abgeworfen."
"Bin ich aber nicht," entgegnete Mackenzie frech. Ihre Wangen waren rot, und sie strahlte über das ganze Gesicht. Ihre Freundinnen sprangen in den Zuschauerrängen auf und ab. "Bin ich jetzt in der Reservemannschaft?"
Harry nickte resigniert. Er konnte sie nicht noch weiter kritisieren, nicht, wenn sie so fröhlich war. Sie würde noch früh genug lernen, dass sie nicht so fliegen konnte, und bald würde sie auch nicht mehr so viel zu lachen haben. Judith Mackenzie war schließlich ein Halbblut- ihre Eltern waren beide muggelgeboren, aber Zauberer und Hexe.
"Harry, komm schon- hilf mir mal mit den Jägern," rief ihn Ron hinüber. Harry nickte und schulterte seinen Feuerblitz. Die Quidditch-Auswahlspiele gingen weiter.
Am Ende ergab sich eine Mannschaft,die sich sehen lassen konnte. Neben Ron als Hüter und Harry als Sucher hatten sie wieder ein Jägerinnen-Trio, das zwar weder so eingespielt noch so unschlagbar wie Katie, Angelina und Alicia war, das aber mit Übung ganz bestimmt eine ähnliche Klasse erreichen konnte. Ginny und Katie waren beide erfahrene und gute Quidditch-Spielerinnen, die sich auch außerhalb des Feldes gut verstanden, und die schüchterne, kleine Natalie MacDonald, die in die vierte Klasse ging und in der Luft ein Geschwindigkeitsjunkie war würde sich bald an die beiden angleichen.
Die Treiber waren Andrew Kirke, ein Fünftklässler, und Solomon Kurz, ein großgewachsener Drittklässler. Die beiden harmonierten besser als Kirke und Sloper es getan hatten, und Kurz hatte wenigstens nicht die Angewohnheit, sich selbst mit seinem Knüppel außer Gefecht zu setzen.
Als Ersatzsucherin war zunächst Ginny und dann Judith Mackenzie vorgesehen. Die Ersatzjäger waren der Zweitklässler Euan Abercrombie und Dennis Creevey. Sein Bruder Colin hatte als Jäger wenig Erfolg gehabt und war später noch einmal mit den Hütern angetreten. Dort hatte er sich besser geschlagen, und war schließlich nach langem Überlegen von Ron als sein Ersatz eingesetzt worden. Die Begeisterung der beiden Creevey-Brüder machte es fast unmöglich, auch nur noch ein Wort zu sagen. Harry bekam nur mit, dass der Ersatztreiber ebenfalls ein Drittklässler war, dann pfiff Ron auch schon zum Ende der Auswahlspiele.
Verschwitzt und erleichtert duckte Harry sich unter die warme Dusche in den Umkleideräumen. In der Luft konnte er seine Sorgen vergessen, aber nicht, wenn um ihn herum zehn Gefahren auf Besen flogen.
"Hey, Harry," grüßte ihn eine kleine Stimme unterhalb seines linken Ellenbogens als er durch das Portätloch in den Gemeinschaftsraum kletterte. Er war erschöpft genug, um seine eigene Übungsstunde im Raum der Erfordernis ausfallen zu lassen und wollte sich eigentlich nur für ein, zwei Stunden mit Quidditch im Wandel der Zeiten entspannen. Darum reagierte er ziemlich ungehalten auf den Erstklässler, der ihn am Ärmel festhielt.
"Was ist?" schnappte er. Der rotblonde Junge wurde weiß wie eine Wand.
"Ent... Entschuldigung, aber du bist doch Harry Potter, oder? Du warst heute nicht beim Mittagessen, trotz meiner Notiz... bist du er?" fragte der Junge stammelnd. Harry sah ihn prüfend an, und plötzlich klickte es in seinem Kopf. Die Auswahlzeremonie kam ihm wieder in den Sinn, auch wenn er aufgrund von Rons Klagen, dass sie so lange dauerte- der erste Fall Voldemorts hatte einen Baby-Boom ausgelöst, dessen Folgen jetzt auf Hogwarts trafen- nicht allzu viel davon mitbekommen hatte.
"Du bist Mark Evans!" rief er. Mark wurde noch weißer, ließ Harry aber endlich los.
"J... Ja," stotterte er. "M... Meine Eltern glauben mir nicht, dass du mit mir auf eine Schule gehst, sie denken, du bist ein Krimineller, aber... i... ich habe gehört, dass du so eine Art Star bist? Die Mädchen aus meinem Jahr haben alle so ein Magazin, weißt du, und da ist dein Gesicht drauf. Du bist nicht wirklich ein Krimineller, oder?" Harry schüttelte den Kopf.
"Jedenfalls nicht so, wie deine Eltern denken," sagte er. Er konnte nicht vergessen, dass er zumindest Beihilfe zum Mord geleistet hatte- in mindestens zwei Fällen. In seinen Augen.
"Und... du bist wirklich Der-Junge-der-Lebt?" fragte Mark weiter. Harry nickte wieder.
"Weißt du was, Mark- ich bin ziemlich fertig, wir hatten gerade Quidditch-Auswahlspiele. Können wir uns nicht hinsetzen?" Mark nickte hölzern.
"Klar, Harry- tut mir Leid, dass ich dich so überfallen habe, aber meine Eltern hatten mir verboten, mit dir zu sprechen, und dann warst du immer mit deinen Freunden zusammen, und die anderen Erstklässler haben solche Geschichten über dich erzählt, dass ich mich nicht früher getraut habe, mit dir zu sprechen."
"Ist schon in Ordnung," sagte Harry versöhnlich und versuchte, wieder zurück in die Realität zu finden. Es war ihm einfach noch nicht aufgegangen, dass der kleine Nachbarsjunge jetzt plötzlich auch in Hogwarts war, dass dessen Eltern glaubten, er sei kriminell und dass er trotzdem ein gemütliches Gespräch am Kaminfeuer mit diesem Jungen führte.
"Sag mal, Mark- ärgert Dudley dich eigentlich immer noch?" fragte Harry. Mark nickte.
"Aber als mir mein Zauberstab in diesem Sommer aus der Hosentasche gefallen ist ist er plötzlich weggerannt und hatte beide Hände über seinem Hinterteil- das war komisch!" sagte der Junge mit einem ersten kleinen Lächeln.
"Ja, Dudley hat ziemliche Angst vor Zauberstäben," sagte Harry. Mark lehnte sich weiter in seinen Sessel zurück. Seine anfängliche Angst und Scheu vor Harry war nun gewichen, er wirkte entspannter- oder zumindest so entspannt, wie ein elfjähriger Junge sein konnte.
"Wir sind verwandt, weißt du?" platzte er plötzlich heraus. Harry schnürte es die Luft ab.
"V... Verwandt?" fragte er mit einer Stimme, die wieder so hoch war wie vor dem Sommer.
"Nicht eng- unsere Urgroßeltern sind Cousins oder so. Aber mein Vater hat gemeint, dass er deine Mutter gekannt hat, weil sie auf einem der Evans-Familienfeste war. Das war bevor plötzlich ihre Seite der Familie alle eine komische Krankheit bekommen haben und gestorben sind," erklärte Mark. Harry nickte.
"Auf alle Fälle solltest du mir deswegen schon zweimal nicht zu nahe kommen- nicht, dass ich auch noch kriminell werde," meinte Mark. "Sagen jedenfalls meine Eltern," fügte er hinzu.
"Wir... wir sind verwandt." wiederholte Harry stumpf.
"Hab ich doch gesagt, oder? Aber wir sind nur Cousins vierten oder fünften Grades oder so- wir könnten sogar heiraten wenn du ein Mädchen wärst!" Mark war nun endgültig aufgetaut. Seine graublauen Augen funkelten vergnügt.
"Weißt du was- hast du was dagegen, wenn ich meinen Eltern ein Photo schicke, auf dem wir beide sind? Vielleicht kannst du mich dann im Sommer mal besuchen kommen!" Harry schüttelte den Kopf. Verwandt? Er hatte noch andere Verwandte außer den Dursleys? Und warum hatte Dumbledore ihn nicht zu ihnen geschickt? Sie waren doch genauso über seine Mutter mit ihm verwandt wie seine Tante Petunia!
"Prima. Colin! Hey, Colin! Harry hat ja gesagt! Du kannst das Photo machen! Klasse, ich auf einem Photo mit dem Kriminellen aus dem Ligusterweg! Meine Eltern kriegen einen Herzanfall!" Harry nickte abwesend. Verwandt. Er hatte einen kleinen Cousin. Er hatte einen Cousin der ein Zauberer war.
"Lächeln, Harry," rief Colin. Der Blitz aus der Kamera blendete ihn, aber er hatte nicht gelächelt.
"Entschuldige, Mark," sagte er, sobald er die Flecken aus seinem Gesichtsfeld geblinzelt hatte, "ich muss weg. Muss mit jemandem reden."
"Schon gut, Harry- wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich nie geglaubt habe, dass du ein Krimineller bist. Du warst immer zu nett dazu. Und ich finde es echt klasse, dass ich mit dem Jungen, der Überlebte verwandt bin! Wart ab was meine Klassenkameraden dazu sagen!" Das wollte Harry lieber nicht herausfinden. Aber wenn Mark gerne im Mittelpunkt stand, sollte er das gerne tun. Wenigstens wurde er diesesmal nur am Rand davon berührt.
"Hallo, Harry- schon wieder weg?" grüßte ihn Ginny auf dem Gang vor dem Gemeinschaftsraum. Sie hatte noch nasses Haar vom Duschen und wirkte genauso müde und zerschlagen wie er sich fühlte. "Wird ein gutes Team dieses Jahr, oder? Ich wollte mich nochmal bedanken, dass du mir zugehört hast. Mein Bruder ist wirklich ein Idiot! Danke also..." Ihre Stimme verlief sich, aber sie ließ ihn keinen Moment aus den Augen. Harry stand halb zum Gehen gewandt im Gang und nickte zu jedem ihrer Sätze höflich.
"Harry, ich weiß zwar nicht, was los ist- aber danke nochmal!" Mit zwei schnellen Schritten stand sie neben ihm auf den Zehenspitzen und gab ihm einen kleinen Kuss auf die Wange. "Bis später!" Damit gab sie der Fetten Dame das Passwort ("Schildmauer!") und kletterte durch das Loch. Harry blieb allein und vollkommen überrumpelt zurück.
"Was wollte ich?" murmelte er, "ach ja- Dumbledore!" Seltsamerweise war er diesesmal nicht wütend auf den alten Schulleiter. Es konnte sein, dass auch er nichts von seiner entfernten Verwandtschaft gewusst hatte.
"Lakritzkobolde," sagte er zum Wasserspeier. Dieser schwang knarrend auf- sein Geräusch veränderte sich auch mit seiner Laune, dachte sich Harry. Er ging langsam die Treppen hinauf, versuchte, sich seine Worte zurechtzulegen. Auch wenn er sich hilflos fühlte wollte er Dumbledore das nicht merken lassen. Sonst würde dieser ihn wohl wieder wie ein Kind behandeln...
Der Schulleiter von Hogwarts saß über ein altes Buch voller verblassender runischer Symbole gebeugt an seinem Schreibtisch und tippte murmelnd immer wieder einen seiner kleinen Silberapparate an, in dem glitzernd hellgelbe Kügelchen wie zufällig auf- und abschwebten. Erst, als Harry über die Schwelle zu seinem Büro trat und damit seine Schutzzauber aktivierte sah er auf. Überraschung malte sich auf seinem greisen Gesicht.
"Harry?" fragte er. Harry blieb höflich in der Tür stehen, schluckte aber schwer.
"Komm herein, Harry- ich hatte dich nur nicht erwartet, das ist alles. Deine Übungsstunde findet doch heute mit Remus statt, so lange, bis du die Apparation beherrschst..."
"Ich wollte auch nicht deswegen mit Ihnen sprechen, Professor," sagte Harry vorsichtig. Er setzte sich nach Aufforderung Dumbledores in seinen gewohnten Stuhl und ließ seinen Blick für einen Moment über die vielen Regale entlang der Wände schweifen. Der Sprechende Hut lag still auf seinem Platz, wie er erleichtert feststellte.
"Wenn es nicht um deine Studien geht... Hattest du wieder eine Vision, Harry?" fragte Dumbledore, die Müdigkeit aus seinem Gesicht verbannend. Harry schüttelte den Kopf.
"Keine Visionen, Professor. Meine Schilde halten. Aber... ich habe mich mit einem Erstklässler unterhalten. Mit Mark Evans." Er wartete gespannt ab, was Dumbledore tun würde, wenn er diesen Namen nannte. Aber der alte Zauberer lehnte sich nur zurück und tappte die Spitzen seiner langen Finger gegeneinander.
"Und Mark hat mir gesagt, wir seien verwandt," fuhr Harry ein wenig enttäuscht fort. Dumbledore seufzte und lehnte sich nach vorne.
"Das ist richtig. Mark Evans ist dein Cousin vierten Grades. Sein Vater, Stephen Evans hat deine Mutter einmal gesehen, als sie beide auf einem Familienfest waren. Das war bevor..."
"Bevor Voldemort alle Verwandten meiner Mutter hat umbringen lassen, ich weiß," sagte Harry. Er ballte unwillkürlich die Fäuste. Schließlich war Snape derjenige, der für den Tod seiner nächsten Verwandten, seiner Großeltern, verantwortlich war. Wie sollte er da nicht erkennen, dass die 'seltsame Krankheit' in Wahrheit der Todesfluch war?
"Nun, nicht alle, aber alle näheren Verwandten, die er erreichen konnte. Dein Onkel und deine Tante befanden sich zu dieser Zeit glücklicherweise gerade auf Hochzeitsreise und blieben so verschont. Und ab einem gewissen Grad hat es selbst Voldemort nicht mehr gekümmert, ob die Muggel nun mit Lily Potter verwandt waren oder nicht." Dumbledore schien froh zu sein, dass Harry nicht schon wieder sein Temperament spielen ließ. Der kleine Silberapparat vor ihm klimperte nun leise und spuckte ein paar hellgelbe Kügelchen aus, die in seinem langen, silbernen Bart stecken blieben.
"Warum konnte ich dann nicht bei Marks Eltern leben wenn sie doch auch mit mir verwandt sind, und wie Tante Petunia auch über meine Mutter?" fragte Harry. Zum ersten Mal, seit Mark Evans ihm eröffnet hatte, dass er ein Verwandter war, klang Bitterkeit in seiner Stimme durch.
"Harry, eure Verwandtschaft ist selbst mit magischen Methoden kaum mehr nachweisbar. Der alte Blutzauber, der dich im Haus deiner Tante beschützt, wäre wirkungslos ohne eine starke verwandtschaftliche Verbindung. Und die hat Marks Familie nun einmal nicht mehr mit dir. Glaub mir, ich hätte dich auch lieber in andere Hände gegeben, aber du musstest sicher sein. Und darum kam nur deine Tante in Frage." Harry nickte.
"Ich verstehe schon- ich hatte mir so etwas ähnliches gedacht als Mark meinte, wir könnten sogar heiraten, wenn einer von uns weiblich wäre." Dumbledore gab ein unterdrücktes Glucksen von sich.
"Oh, aber in der Zauberwelt könnt ihr das auch so," sagte er. Harrys entsetzter Blick sagte ihm wohl mehr als tausend Worte, denn er fing ernsthaft an zu lachen. "Es gibt da interessante Transfigurationen..." Bevor sein Schüler floh bot er ihm doch noch immer glucksend einen Zitronendrop an.
"Nimm dir einfach einen," sagte er. Geschockt griff Harry zu und steckte die klebrige gelbe Süßigkeit in den Mund. Der intensiv saure Zitronengeschmack brachte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
"Es tut mir Leid, dass ich Sie so überfallen habe, Professor," sagte er, noch immer geschockt von der Vorstellung, dass einer von zwei Zauberern sich... nein, nur nicht daran denken!
"Ich danke dir dafür, Harry- ohne deinen Besuch hätte mein Tag ein Lächeln weniger gehabt. Und ich schlage vor, dass du weder Mr. Creevey noch Mr. Evans berichtest, was ich dir gesagt habe. Aus unterschiedlichen Gründen." Harry wurde das Gefühl nicht los, dass es wirklich nichts gab, was Dumbledore in seiner Schule entging- nun, bis auf die verschiedenen Dunklen Aktivitäten. Aber nichts, was die Schüler anging.
"Werde ich nicht, Professor. Danke noch einmal," verabschiedete er sich, während Dumbledore seinen inzwischen unkontrolliert Kügelchen spuckenden Apparat mit seinem Zauberstab zu beruhigen versuchte.
Harry war weder wütend noch enttäuscht über das, was Dumbledore ihm erzählt hatte. Eigentlich ließ es ihn eher kalt. Er hatte nicht wirklich daran geglaubt, daß es irgendwo Menschen gab, die ihm so nahe standen wie sein Onkel und seine Tante und ihn so liebten wie Sirius ihn geliebt hatte. Sicher, er hatte eine Familie, aber sie war so weit von ihm entfernt dass er genausogut gar nicht mit ihnen verwandt sein konnte. Sie standen ihm auch nicht nahe. Mark Evans und seine Eltern waren erst vor zwei Jahren nach Little Whinging gezogen; er hatte den Jungen vor dem heutigen Tag nicht kennengelernt. Und wenn man Mark glauben konnte hassten seine Eltern den seltsamen 'Kriminellen' aus dem Ligusterweg Nr. 4.
"Na ja, es ist nett zu wissen, dass es noch einen Teil meiner Mutter außer mir auf der Welt gibt," sagte er sich und erntete einen scheuen Blick von einer Gruppe Ravenclaws, die an der Tür zur Bibliothek in einem engen Knoten standen.
Mark Evans beachtete Harry nicht, als er wieder in den Gemeinschaftsraum kam- er war schon in ein erbittertes Koboldstein-Turnier mit einigen seiner Klassenkameraden verwickelt. Bisher hatte er es geschafft, der stinkenden Flüssigkeit, die aus den Steinen spritzte, zu entkommen. Harry warf ihm ein Kopfnicken und ein Lächeln zu und rief seine Hausaufgaben aus seinem Schlafsaal herbei.
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Während der folgenden Tage und Wochen unterhielt sich Harry öfter mit dem kleinen Erstklässler, dessen große Klappe erst offensichtlich wurde, nachdem er seine Scheu abgelegt hatte. Harry konnte fast nachvollziehen, warum Dudley ihn zum Schweigen bringen wollte. Mark plapperte wie ein Wasserfall und war wohl irgendwie mit Tonks verwandt, denn seine Ungeschicklichkeit, die meist zum Schaden der Umgebung ging, war bald legendär.
Ginny ließ keinen Tag verstreichen, an dem sie Harry nicht einen Kuss zuwarf oder ihn um Hilfe mit der riesigen Arbeitslast der Fünftklässler bat. So sehr Harry auch versuchte sie dazu zu bringen, dass sie Hermine fragte so sehr bestand sie darauf, dass er derjenige war, der ihr half. Sein Sondertraining mit Remus und Tonks schritt frustrierend langsam fort. Harry schaffte es einfach nicht, seine Gesichtszüge zu verändern und er hatte Mühe mit seiner Haarfarbe- zumindest wenn ihm nicht durch einen Fluch oder Zaubertrank eine ungewollte Veränderung aufgezwungen wurde. Darin, diese rückgängig zu machen war er Meister!
Dumbledore hatte vorübergehend ihre Versuche, einen gegen Voldemort wirksamen Zauber zu konstruieren abgebrochen. Seit Cornelius Fudge zugegeben hatte, dass Voldemort tatsächlich zurückgekehrt war wurde er mehr und mehr als Berater im Ministerium gebraucht.
Die Kobolde hatten nach zwölftägiger Bedenkzeit ihre Allianz mit dem Phoenixorden verkündet. Harry bekam von Dumbledore mehrmals die Anweisung, jeden ihrer Briefe umgehend und mit größter Höflichkeit zu beantworten, da ihre Fähigkeiten als Kämpfer und ihr Wissen um die Finanzen der Todesser mehr als wertvoll für die Seite des Lichts war. Auch wenn sie nicht direkt sagen konnten, was und wieviel Voldemorts Anhänger seinem Kampf zur Verfügung stellten gaben sie doch bereitwillig Auskunft, wenn ein Verdächtiger eine ihrer Filialen betrat. Die Auroren unter Kingsley Shacklebolt hatten so schon einen der Ausbrüchigen vom Sommer, Rabastan Lestrange, zu fassen bekommen. Leider hatte wieder einmal keine Zelle dem Willen des Dunklen Lords standhalten können und Lestrange war innerhalb einer einzigen Woche wieder auf freiem Fuß, aber wie Shacklebolt anmerkte waren es die kleinen Erfolge und Schritte, die in einem solchen Guerillakrieg zählten. Und Voldemort führte nichts anderes als einen Guerillakrieg. Er handelte noch immer aus den Schatten heraus, in kleinen, schnellen Aktionen die selbst der Orden des Phoenix meist erst zu spät gemeldet bekam. Manchmal hatten sie Glück und Snape war einer der planenden Todesser, aber um seine Position nicht preiszugeben konnte man die Opfer nicht jedes Mal evakuieren.
Harry hasste es, wenn genau so ein bewusstes Opfer gebracht wurde. Er musste nur die Shilouette seines Zaubertränkeprofessors in dem dunklen Mantel sehen um zu wissen, dass ein vermeidbares Opfer gefordert wurde. Ein Toter, der nicht hätte sterben müssen...
Was keiner seiner Lehrer wusste war, dass er inzwischen seine Visionen bewusst zuließ, um mehr Informationen über Voldemort liefern zu können. Dumbledore vermutete wahrscheinlich etwas, aber er akzeptierte seine Berichte ohne mit der Wimper zu zucken und nutzte sie, um in Voldemort Verdacht gegen Mitglieder seines Inneren Zirkels zu wecken indem er besonders deren nächtliche 'Ausflüge' vereitelte.
Kaum jemand konnte ahnen, dass er in zauberstabloser Magie seine größten Fortschritte machte. Während Remus ihn noch Aufrufe- und Verscheuchezauber üben ließ machte Harry sich daran, seine Schildzauber zu lernen. Dass er sich hinter einem Schild verstecken konnte wenn er seinen Zauberstab verlor war wichtiger, als einen Angriffszauber zu lernen da es ihm die Möglichkeit eröffnete, zu entkommen. Dennoch kostete zauberstablose Magie ihn jedes Mal fast seine gesamte Kraft. Harry wusste, dass er sie nicht einsetzen konnte, außer als letztes Mittel.
Die Quidditch-Saison, die wieder am Laufen war, zehrte weiter an seinen Ressourcen. Ron trainierte sein Team erbarmungslos. Er opferte selbst seinen kostbaren Morgenschlaf, um noch früh einen Drill, der ihm am Abend eingefallen war, in die benebelten Köpfe seiner Mannschaft zu hämmern. Harry war davon weniger betroffen, seine Überlegenheit als Sucher war groß genug, dass er vom Kapitän der Gryffindor-Mannschaft als lebendes Ziel für die Treiber eingesetzt wurde, um seine Agilität und seine Reflexe zu verbessern. So kehrte er regelmäßig grün und blau vom Quidditch-Feld in den Schlafsaal zurück, wo auch schon die unerledigten Aufsätze und Schulaufgabe nach Aufmerksamkeit schrien.
Es war kein Wunder, dass er dank all dieser Ablenkungen vergaß, wie die Zeit verrann. Halloween, der Tag der Geister und Gespenster und Jahrestag des Todes seiner Eltern (und Sir Nicholas') rückte heran. Die Schule verwandelte sich allmählich in einen summenden Bienenhaufen, Hagrid verbrachte die Hälfte des Tages auf der Kürbisplantage hinter seinem Haus und hegte und pflegte die (mit Hilfe der Magie) auf Übermannsgröße herangewachsenen orangefarbenen Kugeln.
Harry spürte eine wachsende Unruhe in sich, die er sich nicht erklären konnte. Sicher, es gab kein Halloween seitdem er nach Hogwarts gekommen war an dem nicht etwas Schreckliches geschah, aber er konnte seit einigen Tagen nicht mehr sehen, was Voldemort plante. Wahrscheinlich war er zu sehr damit beschäftigt, nach dieser Quelle zu suchen, die er seinen Todessern gegenüber nun schon mehrmals erwähnt hatte. Die Quelle der Stärke... wozu er sie brauchte oder was sie bewirkte war Harry schleierhaft. Auch wenn er in seinen wenigen freien Minuten in der Bibliothek gestöbert hatte gab es doch keinen Hinweis auf dieses Gewässer. Auch Hermine, Ron, Neville, Ginny und Luna hatten nichts gefunden. Harry hatte ihnen sagen müssen, was er suchte als sie wegen seiner dauernden Aufenthalte in der Bibliothek Verdacht geschöpft hatten.
Erst gestern war wieder einmal eine neue Spur im Sand verlaufen. Stöhnend hatte Ron die alte, zerbröckelnde Pergamentrolle über ägyptische Binnenseen und ihre magischen Eigenschaften zurück ins Regal gestopft. Hermines Vorschlag, sich zuerst auf das Ausland zu konzentrieren hatte ihnen nicht gerade Glück gebracht.
"Sieh es ein, Harry- es ist wieder so wie damals mit dem Stein der Weisen. Irgendwann erinnerst du dich wieder, wo du von dieser komischen Quelle gehört hast, oder vielleicht bekommst du ja wieder was von Du-weißt-schon-wem verraten... und dann können wir weitersuchen. Aber so hat es nunmal keinen Sinn!" Harry musste zugeben, dass Ron eigentlich Recht hatte. Diese blinde Suche brachte sie wirklich nicht weiter.
Am nächsten Morgen hing eine Nachricht am Schwarzen Brett. Am Halloween-Samstag gab es für die Schule den ersten Ausflug nach Hogsmeade in diesem Jahr. Da das Ministerium nun Voldemorts Rückkehr anerkannt hatte waren diese Ausflüge selten geworden, und die Schüler wurden davor gewarnt, den in Hogsmeade patroullierenden Zauberpolizisten und Auroren in den Weg zu kommen. Alle Schüler zwischen dem dritten und sechsten Schuljahr jubelten. Die Sechst- und Siebtklässler zuckten die Schultern- sie hatten schließlich die Erlaubnis, wannimmer sie wollten in das Dorf zu gehen. Aber dennoch war es etwas anderes, das Hogsmeade-Wochenende mit ganz Hogwarts zu teilen, und die meisten der älteren Gryffindors schmiedeten eifrig Pläne, was sie an diesem Tag im Zauberdorf machen wollten- und vor allem, mit wem sie gehen wollten.
Der Tagesprophet feuerte die Jubelstimmung in Hogwarts noch an. Unter dem Titel Welt im Wandel berichtete er darüber, dass die Internationale Vereinigung der Zauberer eine neue Resolution zur internationalen Zusammenarbeit zwischen den Zaubereiministerien der Welt verabschiedet hatte. Auch wenn die Vereinigung nicht allzu viel direkten Einfluß auf die Gesetzgebung der Mitgliedsländer ausüben konnte(2) gehörten ihr doch so viele angesehene Zauberer an, dass ihre Vorschläge besonders in Krisenzeiten ernst genommen wurden. Und die Zaubereiminister anderer Länder hatten wohl endlich eingesehen, dass Voldemort kein britisches Problem bleiben würde.
"Wurde auch Zeit," meinte Neville zufrieden und rollte die Zeitung zusammen. "Kommt ihr?"
Die Sechs vom Ministerium- oder Harrys 'Generäle', wie sie von der DA genannt wurden- hatten eine unausgesprochene Vereinbarung, dass sie den Tag gemeinsam verbringen wollten. Da Luna und Ginny ihre ZAGs hatten und Neville und Ron nicht dieselben Kurse wie Harry und Hermine hatten sie weniger Zeit zusammen, als ihnen lieb war. Harry vermisste seine Freunde, auch wenn er es nicht gerne zugab. Er hatte noch immer Alpträume, in denen er sie in Gefahr brachte und sie ihn einfach so verließen, genau wie Sirius.
Dennoch hatte er es in den ersten Wochen nicht geschafft, sie von sich zu stoßen und sah langsam ein, dass er es wohl auch nie schaffen würde. Sie klebten an ihm wie eine Klette- aber eine, die in bunten Farben leuchtete und ihren Wirt fröhlich machte.
"Na kommt schon!" rief Hermine vom Ausgang der Großen Halle aus, wo Filch die Namen der Schüler in seiner Liste abhakte. "Ich will mich doch noch für den Apparationskurs diesen Monat einschreiben!"
Harry schluckte nervös und schuldbewusst- auch wenn er der DA die meisten der neuen Flüche und Zauber, die er von Remus und Tonks lernte, beibrachte hatte er auf Dumbledores Anweisung hin geheimgehalten, dass er inzwischen recht gut apparieren konnte. Zumindest hatte Remus bei ihrem letzten Treffen nichts mehr an ihm auszusetzen gehabt. In den Weihnachtsferien würde er dann Langstrecken-Apparation üben dürfen. Auch die Zauberei ohne Zauberstab durfte er nicht erwähnen. Harry hatte in diesem Punkt mit seinem Schulleiter gestritten. Er vertraute seinen Freunden! Aber Dumbledore hatte ihn nur ernst und ein wenig traurig angesehen...
"Harry, ich vertraue den Menschen, denen du vertraust. Aber wir befinden uns im Krieg, du selbst hast das mehr als einmal festgestellt. Was, wenn Tom deine Freunde entführen lässt und sie unter Veritaserum ausfragt? Ich glaube dir, dass sie nie freiwillig Informationen über dich preisgeben würden, auch nicht unter der Folter, aber dieser Trank lässt ihnen keine andere Wahl als zu anworten! Kannst du das riskieren?" Harry schüttelte den Kopf.
"Es ist sicherer für uns alle, wenn deine Fähigkeiten nur uns Vieren bekannt sind, Harry. Sobald es nicht mehr nötig ist, sie geheimzuhalten kannst du sie deinen Freunden vorführen."
"Ich hoffe nur, dass sie danach noch meine Freunde sind und mir vergeben," murmelte Harry niedergeschlagen. Fawkes trillerte aufmunternd von Dumbledores Schulter herunter.
"Ich bin mir sicher, dass sie das sein werden, Harry. Miss Granger ist nicht umsonst die klügste Hexe des Jahrhunderts!" Damit entlockte er Harry doch tatsächlich ein Lächeln.
"In Ordnung, Sir. Ich werde nichts erwähnen," sagte er.
Hogsmeade war wie immer, wenn die Schüler auf Hogwarts kamen, ein Ameisenhaufen der Geschäftigkeit. Die Händler schleppten Kisten mit Nachschub in ihre Geschäfte und kamen nicht einmal dazu, die Waren in die Regale einzuräumen bevor sie ihnen von eifrig schwatzenden Teenagern förmlich aus der Hand gerissen wurden. Harry und seine Freunde wurden schnell vom Geist der Freiheit, der die Internatsschüler beflügelte, angesteckt. Rons Nörgeln sorgte dafür, dass die erste Station auf ihrem Ausflug der Süßigkeitenladen Honigtopf war, in dessen Keller ein Geheimgang nach Hogwarts führte.
Beladen mit Schokofröschen, Eismäusen und anderen Köstlichkeiten wurde dann Hermines Wunsch nach Büchern erfüllt. Während die lesewütige Gryffindor-Schülerin die Regale durchwühlte organisierte sich der Rest der Mannschaft Schreibmaterialien und Pergamentnachschub aus Scrivenshafts Federladen. Harry und Ron besorgten doppelt so viel Pergament für Hermine wie für sich selbst- die Länge ihrer Aufsätze war von den meisten Lehrern schon gefürchtet und unter den Schülern legendär.
"Seid ihr fertig?" fragte Hermine, die mit glänzenden Augen, roten Wangen und einer Streichholzschachtel voller geschrumpfter Bücher zu ihnen traf. "Ich bin fertig- unglaublich, aber es gab tatsächlich endlich eine neue Ausgabe von Arithmatrix- Gewebe zukünftiger Zauber! Das gibt es nicht einmal in der Bibliothek, aber es ist das Standardwerk der fortgeschrittenen Arithmantik- erklärt, wie sich die Zukunftselemente in einer arithmantischen Matrix auf den Zauber, seinen Spruch und seine Energie- du weißt, dass du immer die Energie eines Zaubers definieren musst wenn du versuchst, einen zu schreiben, oder Harry?- definiert und..." Ron legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Luna summte leise vor sich hin und untersuchte Nevilles Hand, der wiederum mit offenem Mund das Genie von Gryffindor anstarrte. Harry lachte leise und schüttelte den Kopf.
"Mine, erst einmal Luft holen," sagte Ron mit roten Ohren. Hermine wurde ebenfalls rot, als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte.
"Entschuldigung," murmelte sie, "es ist nur, dass ich Monate auf dieses Buch gewartet habe und jetzt..."
"Jetzt kannst du nicht mehr warten, bis wir wieder im Gemeinschaftsraum sind und du es lesen kannst. Glaub mir, ich kenne das Gefühl- auch wenn es bei mir eher ein neuer Roman meines Lieblingsschriftstellers auslöst," lachte Ginny. Hermine wurde noch ein wenig röter. Rons Hand lag immer noch auf ihrer Schulter, aber sie machte keine Anstalten, sie abzuschütteln.
"Und jetzt zu Zonkos!" rief Ginny, "müssen doch mal sehen, was die Konkurrenz der Zwillinge so macht... vielleicht haben sie inzwischen ja sogar eine Kooperation und ich kann meine Nasch-und-Schwänz-Leckereien wieder auffüllen. Ich hab das Gefühl, dass ich die noch brauchen werde, so wie die Lehrer sich dieses Jahr aufführen."
"Ginny, wir haben ZAGs in diesem Jahr," erinnerte Luna sie mit sanfter Stimme.
"Ich weiß, Luna- aber bin ich in Ravenclaw? NEIN! Du könntest ruhig auch mal ein bisschen Spaß haben, weißt du- zum Beispiel mit all den Leuten, die deine Kleider verstecken..." entgegnete Ginny mit einem verschmitzten Funkeln in den braunen Augen.
"Ach, Ginevra, meine Sachen tauchen doch alle immer wieder auf- ich habe es Harry letztes Jahr schon erklärt. Sie nehmen sie weg, denken, ich ärgere mich, lachen ein bisschen über mich und dann tun sie sie wieder zurück." Luna zuckte die Schultern. "Nichts geht kaputt, und nur selten geht etwas verloren. Warum sollte ich mich aufregen?"
"Vielleicht, weil das Diebstahl ist?" mischte Neville sich ein. Der sonst eher zurückhaltende und schüchterne Junge wirkte gereizt und wütend. "Und weil sie kein Recht haben, jemanden wie dich so zu quälen!"
"Jemanden wie mich?" fragte Luna, ihre blauen Augen so weit, dass es schien, als hätte sie irgendwelche Muggel-Psychopharmaka eingenommen.
"Du... du bist etwas Besonderes, Luna," stammelte Neville und zog seine Hand schnell aus ihrem Griff, Ohren und Hals in ein grelles Rot getaucht.
"Ich danke dir, Neville. Und dafür werde ich Ginevra auch in unseren Gemeinschaftsraum lassen damit sie den anderen einen Streich spielen kann." Neville bekam ein etwas dümmliches Grinsen als sie resolut wieder nach seiner Hand schnappte. "Komm jetzt, Neville- wir wollen doch sehen, ob es unter den Posteulen auch Nachtschattenkäuze gibt!"
Hermine rollte die Augen. "Ihr zwei geht also zur Post- Ron, Harry, Ginny und ich gehen zu den Drei Besen- nein, Ron, wir haben uns noch nicht auf Zonkos geeinigt und ich will unbedingt noch in diesem Monat apparieren lernen. Schließlich bin ich jetzt schon mehr als einen Monat lang siebzehn, aber die letzten Kurse waren immer mit Siebtklässlern überfüllt. Also kommt schon- wir können uns doch danach alle bei Zonkos treffen, wie wäre das?"
"Also Treffpunkt Zonkos- in einer Stunde? Reicht das?" fragte Neville. Harry und Ginny nickten, genau wie Ron. Hermine sah ein wenig zweifelnd aus, aber auch sie nickte schließlich.
"Bis dann!" winkte Luna und zog Neville hinter sich her zum Stadtrand, wo sowohl der Scherzartikelladen als auch das Eulenpostamt lagen.
Ginny, Harry und Ron begleiteten eine von der Apparationstheorie und dem schweren Test plappernde Hermine zu Madam Rosmertas Pub. Die attraktive Hexe- keiner wusste, ob sie nun dreißig oder fünfzig war, aber die Wetten liefen- nickte ihnen zu und schenkte schon einmal vier Krüge voll Butterbier ein während Hermine zielsicher auf einen klein gewachsenen Zauberer mit einem hellvioletten Hut zusteuerte, auf dem groß "Apparationskurse" stand.
Der Zauberer blickte noch nicht einmal von seinen Listen auf, als Hermine und ihre Freunde vor seinen Tisch an der Rückwand der Drei Besen traten.
"Name," nuschelte er gelangweilt. Hermine tappte von einem Fuß auf den anderen, so nervös war sie. Die Art und Einstellung des Zauberers dämpfte ihre Stimmung jedoch ein wenig.
"Hermine Granger," sagte sie dennoch mit einer etwas höheren Stimme als sonst.
"Geburtsdatum," nuschelte der Zauberer, während seine Feder von selbst über das Pergament kratzte. So desinteressiert wie er war klang es noch nicht einmal wie eine Frage.
"19. September 1979," sagte Hermine mit einem gezwungenen Lächeln über einem Stirnrunzeln.
"Gewünschte Kursart?" Diesesmal war es wenigstens eine Frage. Die Feder verharrte über der letzten Spalte der Tabelle, in die Hermines Wahl eingetragen werden würde. Harry lugte über die Schulter seiner besten Freundin. Die Feder hatte ein sehr viel schönere Schrift als er! Warum waren die Dinger in Hogwarts nur verboten?
"Wünschte, ich könnte so schreiben," murmelte Ron und erntete einen von Hermines spitzen Ellenbogen in seiner Seite.
"Intensivkurs an drei Wochenenden," sagte Hermine als Antwort auf die letzte Frage des Zauberers mit dem violetten Hut.
"Wir haben Ihre Anmeldung registriert. Ihr Kurs beginnt in zwei Wochen und endet am letzten Wochenende vor Weihnachten. Die Gebühr von 65 Galleonen für den Kurs und Ihre Lizenz sind zur ersten Stunde mitzubringen. Vielen Dank für Ihre Anmeldung," leierte der Zauberer herunter und drückte Hermine einen Pergamentfetzen in die Hand, auf dem genau das stand, was er gerade gesagt hatte.
"Das wäre geschafft!" seufzte Hermine erleichtert. "Und ich hatte schon Angst, dass ich vor Weihnachten in keinen Kurs mehr hineinkomme!"
Madam Rosmerta stellte den Vieren, die sich einen Tisch im überfüllten Pub sichern konnte, das frisch gezapfte Butterbier hin. Sie nickten ihren Dank, unterbrachen ihre Unterhaltung jedoch nicht.
"Gibt nicht mehr so viele Siebtklässler, die noch nicht apparieren können und die meisten von uns wollen ihre Lizenz erst in den Osterferien oder im Sommer machen, auch wenn sie jetzt schon Geburtstag haben- in Hogwarts können wir schließlich nirgends apparieren, also ist es sinnlos," meinte Ron achselzuckend.
"Wie kannst du sagen, dass es sinnlos ist? Wenn..." Ron hob die Hand.
"Ich sag nicht, dass es sinnlos ist- ich mach im März auch gleich meine Lizenz, spare schon seit Jahren drauf. Ich weiß, dass wir so leichter vor Todessern fliehen können. Aber... ich glaube, nicht alle von uns denken so."
Harry nahm einen Schluck von seinem Butterbier. 'Und es ist gut, wenn wir fliehen,' dachte er, 'denn was hat Trelawney damals im dritten Schuljahr in ihrer zweiten echten Prophezeiung gesagt: Der Schwarze Lord ist einsam, von Freunden und Anhängern verlassen. Sein Knecht lag zwölf Jahre lang in Ketten. Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wird der Knecht die Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister machen. Mit seiner Hilfe wird der Schwarze Lord erneut die Macht ergreifen und schrecklicher herrschen denn je. Heute Nacht... vor der zwölften Stunde... wird der Knecht sich auf den Weg machen... zurück zu seinem Meister.... Bisher haben wir noch nicht allzu viel von diesem 'schrecklicher denn je' gemerkt...'
"Ich beneide die anderen, die nicht so denken," sagte Ginny leise und unterbrach damit Harrys Gedanken. "Für mich war seit meinem ersten Schuljahr klar, dass wir auf uns aufpassen müssen und dass jede Sekunde etwas gesche-..." Eine Explosion schüttelte die Drei Besen so stark, dass das Butterbier aus den halbvollen Krügen der Freunde schwappte.
"Ginny! Du hast uns verhext!" schimpfte Ron, doch eine zweite Explosion ließ ihn Harrys Beispiel folgen und mit seinem Zauberstab in der Hand auf die Füße springen. Harrys Gesicht war angespannt, er massierte sich mit der linken Hand die Narbe, die prickelte und brannte.
"Ist es... Du-weißt-schon-wer?" fragte Ron. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und seine Sommersprossen traten stärker hervor.
"Nein, Voldemort ist nicht hier- noch nicht. Das ist erst die Vorhut, aber sie haben..." Harry schwankte leicht. Eine unerträgliche Kälte breitete sich wie eine neblige Decke über ihn.
"Dementoren," beendete Ginny seinen Satz.
"Jetzt können wir sehen, was die DA gebracht hat," meinte Hermine und umklammerte ihren Zauberstab fester. Von draußen klangen die ersten Schreie hinein, verzweifelte Hilferufe. Ab und an rief jemand den Patronus-Zauber, aber es waren viel zu wenige, und sie klangen auch nicht gerade so zuversichtlich, wie sie mußten.
"Wir müssen helfen!" rief Ginny. Harry riss sich mühsam aus der Lethargie, in die die Kälte der Dementoren und die Erinnerungen, die sie wachriefen, ihn gestürzt hatten.
"Jeder von uns deckt den anderen den Rücken. Wir gehen zur Tür und sprechen aus der Deckung heraus die Patronus-Zauber. Ich glaube nicht, dass schon sehr viele Todesser hier sind, sonst klänge das anders." Die drei Anderen nickten ihre Zustimmung. Alle vier Schüler schoben sich durch die panische Menge der Gäste hindurch, in die Madam Rosmerta vergeblich Ordnung zu bringen versuchte. Harry seufzte und wischte sich die Haare aus der Stirn. Zu viert konnten sie immer noch nicht allzu viel ausrichten. Nach dem, was er fühlte waren da draußen ebenso viele Dementoren wie in seinem dritten Schuljahr am See gewesen waren.
"Einen Moment," bat er seine Freunde. Dann sprang er auf einen Tisch und schoß rote Funken aus seinem Zauberstab. "Ruhe!"
Er brauchte seine Stimme nicht einmal magisch zu verstärken. Allein die Tatsache, dass jemand endlich wirkungsvoll die Verantwortung und Leitung übernahm genügte, um die Aufmerksamkeit der wild umherstolpernden Zauberer und Hexen auf ihn zu lenken.
"Wie es scheint, wird Hogsmeade von Dementoren angegriffen. Panik nützt hier nichts," sagte Harry. Die Menge war in ihren Bewegungen eingefroren. Alle Blicke ruhten auf ihm und der nun gut sichtbaren Narbe. "Jeder, der einen Patronus zustande bringt, auch wenn es nur Nebel ist, folgt meinen drei Freunden und mir zur Tür. Die anderen gehen am besten ins Obergeschoß- mit ein paar Leuten, die notfalls einen Patronus zaubern können. Wenn Sie sich bitte aufteilen würden... oh, und falls hier noch jemand von der DA ist gebt die Nachricht weiter: DA zu mir!"
Widerspruchslos wanderte der größte Teil der Gäste in den hinteren Teil des Lokals. Nur wenige blieben vorne bei Ron, Hermine und Ginny, unter ihnen allerdings auch Terry Boot, Cho Chang, Ernie MacMillan und Susan Bones von der DA. Harry schickte Cho und Terry mit denjenigen, die sich nicht gegen Dementoren verteidigen konnten, nach hinten und nahm die kleine Gruppe von Schülern und Erwachsenen- es war bemerkenswert, dass beinahe mehr Schüler als Erwachsene den schweren Zauberspruch beherrschten- mit zur Tür.
Draußen war alles still. Es schien, als sei die Sonne in den wenigen Minuten, die die vier Freunde im Pub verbracht hatten, untergegangen. Schwarzer Rauch stieg von der Ruine eines Werkzeugschuppens gegenüber der Drei Besen auf. Harry zitterte vor Kälte- in dem Rauch versteckten sich ein paar der Dementoren.
"Auf mein Zeichen," flüsterte er. Die DA-Mitglieder nickten, die Erwachsenen akzeptierten seine Führung. "Jetzt!"
Ein volles Dutzend Stimmen rief aus voller Kehle: "Expecto Patronum!" Acht voll ausgeprägte Tiergestalten, angeführt von Harrys Hirschen, griffen den schwarzen Rauch und die darin verborgenen Dämonen an. Der Rest der Patroni bildete eine Barriere aus silbernem Nebel vor der kleinen Gruppe- zu ihrem Glück. Aus dem Schatten des Nachbarhauses lösten sich weitere Dementoren, angelockt von den Gefühlen der Angst und Verzweiflung, die die Kämpfer ausstrahlten. Der silberne Nebel warf sie zurück, aber er flackerte bedenklich und auch die Tiere auf der anderen Straßenseite hatten ihre Mühe, die Dementoren zurückzuhalten.
"Noch einmal!" rief Harry. Es hatte keinen Sinn mehr, zu flüstern. Die Dementoren wussten, wo sie waren und sollten Todesser in der Nähe sein konnten sie nicht an den dämonischen Gestalten vorbei.
"Expecto Patronum!" Die Tiere leuchteten schwächer, und es waren nur noch sechs. Harry versuchte sein Bestes, um die Schreie seiner Mutter, die in seinen Ohren wiederhallten, zu ignorieren, aber selbst das Atmen wurde in der unvorstellbaren Kälte schwerer und schwerer.
"Harry, wir halten das nicht mehr lange durch!" keuchte Ginny an seinem Ohr. Sie hatte es noch nicht einmal in der DA geschafft, einen gestaltlichen Patronus zu erschaffen, genausowenig wie Ron. Ihr Nebel war nun wenig mehr als ein schwaches Glitzern während die Lebenskraft zusehends aus ihren Zügen wich. Hermines angespannter Gesichtsausdruck und ihr matt nach den Dementoren schnappender Otter sahen auch nicht besser aus. Krone beschränkte sich darauf, mit dem Geweih nach hernannahenden Feinden zu stoßen, aber er galoppierte auch nicht mehr donnernd auf sie zu. Allen Verteidigern war die Anstrengung anzumerken, die das Aufrechterhalten eines so schweren Zaubers gegen so viele Feinde ihnen abverlangte.
"Wir... müssen zurück in die- AH!" Krone flackerte und verschwand, als Harry seinen Zauberstab sinken ließ und mit über die Narbe gepressten Händen auf die Knie sank.
"Zu spät- Tom ist hier," flüsterte Ginny. Rohe Angst klang aus ihrer Stimme. Wie ein dunkler Schatten erhob sich nun auch das Dunkle Mal über dem nördlichen Ende Hogsmeades. Die Schlange, die aus dem Mund des hämisch grinsenden Schädels rollte zischte den verzweifelt fliehenden Bewohnern Hogsmeades zu, dass sie verlieren würden. Harry zischte etwas zurück, das natürlich keiner seiner Freunde verstand, aber ihre besorgten Blicke verrieten alles. Weder Hermine noch Ron konnten ihm helfen, da sie beide noch die Dementoren abwehren mussten.
Als dann die Schreie einsetzten und die ersten Explosionen, Zauber und Feuer im von den Dementoren gebrachten Dämmerlicht aufleuchteten rappelte Harry sich endlich wieder auf und stolperte auf die Füße. Seine Narbe brannte feuerrot auf seiner Stirn, ein einzelner Blutstropfen löste sich gar von der Spitze des Blitzes, aber all das war nichts gegen die Verzweiflung in seinen Augen.
"Sie haben... sie haben die Grundschule überfallen," sagte er mit heiserer Stimme. Sein Zauberstab hing schlaff an seiner Seite, obwohl die schwarzen Schemen der seelenlosen Wächter von Askaban wieder näherzukommen versuchten. "Voldemort... will mich herausfordern..." Er konnte nicht weitersprechen. Er wollte und konnte seine Freunde nicht im Stich lassen, aber er konnte auch Unschuldige nicht seinetwegen leiden lassen. "Es dauert zu lange, bis die Auroren und Dumbledore ankommen- die Anti-Apparationszauber wurden für das Hogsmeade-Wochenende um das Dorf herum erweitert. Voldemort hat einen Beamten im Ministerium, der für ihn autorisierte Portschlüssel gefertigt hat, die durch die Schutzzauber hindurchkommen konnten. Und..."
Ron ließ seinen Zauberstab sinken. Hermine runzelte die Stirn in Konzentration und drängte mit einem erneuten Zauber ihren Otter dazu, seine Anstrengungen zu verdoppeln. "Geh," sagte der Rothaarige.
"Was?" fragte Harry heiser. Er konnte nicht glauben, was er eben gehört hatte.
"Geh. Hilf den Kindern. Neville, Luna und noch ein paar andere aus der DA sind da hinten. Sie können dir helfen. Vertrau uns- wir schaffen das hier. Wir sind deine Freunde, Harry- du musst gehen."
"Vertrau uns," sagte Ginny, ohne den Zauberstab zu bewegen oder den Blick von den Dementoren zu nehmen. "Ich weiß, dass du es dir nie verzeihen kannst, wenn du nicht hilfst. Wir schaffen das hier schon."
"Ja, wir schaffen das," meinte auch Hermine, die Stimme gepresst, aber fest. "Vertrau dir selbst, Harry- du hast uns das hier beigebracht, jetzt müssen wir weitermachen. Mach keine Dummheiten und geh Voldemort aus dem Weg- aber geh und hilf den Kindern."
"Gehen Sie, Mr. Potter," meinte einer der Erwachsenen, "wenn es da unten wirklich so schlimm ist, dann werden Sie dort mehr gebraucht als hier. Bringen Sie den anderen auch Hoffnung und organisieren Sie sie so wie uns, dann hat Hogsmeade vielleicht noch eine Chance."
"Aber... aber ich bin nicht..." stammtelte Harry. Er konnte nicht verstehen, warum sie alle so sehr zu ihm aufsahen.
"Bitte, Kumpel- vertrau mir! Wenigstens dieses eine Mal! Wir sind doch beste Freunde, oder?" Rons Augen waren eine Mischung aus Unsicherheit, Stolz und dem Wissen, dass er es schaffen konnte. Endlich nickte Harry.
"Ihr seid meine Freunde- ich vertraue euch," sagte er. "Bis später! Expecto Patronum!" Damit rannte er hinter Krones schattenhafter Gestalt hinaus in die Kälte.
"Und wehe, du bist dann nicht da!" rief ihm Ginny hinterher. "Expecto Patronum!" Und Harry konnte gerade noch über die Schulter hinweg sehen, wie eine silberweiße Tigerin aus ihrem Zauberstab hervorbrach und die Dementoren zurücktrieb.
Zwei Straßen von den Drei Besen entfernt stand kein einziges Haus mehr unbeschädigt. Harry duckte sich an den Wänden entlang, um nicht ins Kreuzfeuer zwischen einigen Todessern und ein paar Bewohnern des Zauberdorfes zu gelangen, die sich wütend über die Straße hinweg bekämpften. Er hoffte wirklich, dass die Auroren bald kommen würden- aber Tonks hatte erwähnt, dass sie eine Reaktionszeit von einer viertel bis einer halben Stunde hatten.
Je näher er dem Dunklen Mal kam desto mehr schmerzte seine Narbe. Er musste immer wieder innehalten und sich die Stirn reiben, damit das Brennen erträglich blieb. "Verdammt, Voldemort, was hast du vor?" murmelte er. Es war nicht typisch für den Dunklen Lord, der sich eher auf einen Guerillakrieg und Terroristenattacken spezialisiert hatte, eine große Attacke gegen ein prominentes Ziel zu starten ohne dass es einen besonderen Grund gab. Und Harrys Visionen hatten nicht gezeigt, dass Voldemort so viel an Kraft gewonnen hatte, dass er eine Attacke wie diese ohne weiteres riskieren konnte.
Kurz bevor er den Stadtrand und den Scherzartikelladen erreichen konnte, fast direkt unter dem Dunklen Mal kam er nicht mehr weiter. Einige Verteidiger- die meisten von ihnen DA-Mitglieder, wie Harry feststellte- hatten eine Barriere aus herabgestürzten Häuserteilen quer über die Straße errichtet und lieferten sich eine wilde Schlacht mit der Hauptmacht der Todesser, die auf der anderen Seite der Barriere standen und versuchten, sie zu überwinden oder zu zerstören.
"Harry! Was machst du denn hier?" Neville, aus einer Platzwunde an der Stirn blutend und mit verdreckten und zerrissenen Kleidern erkannte ihn als Erster.
"Harry? Harry Potter?" ging ein Raunen durch die Nicht-Schüler. Harry nickte.
"Harry, Der Unnennbare hat Zonkos und das Eulenpostamt zerstört. Und er hat die Grundschule..." Luna, die Augen weit aber mit einem Fokus wie sonst nie schüttelte verzweifelt den Kopf.
"Ich weiß," sagte Harry grimmig und duckte sich unter einem roten Cruciatus weg, der über die Barriere geflogen kam.
"Dann weißt du auch, dass Du-weißt-schon-wer in der Stadt ist?" fragte Luna. Harry zuckte zusammen.
"Er ist in der Stadt?" Das Ravenclaw-Mädchen nickte und wischte sich eine schmutzige blonde Haarsträhne aus den Augen bevor sie in schneller Folge drei Schockzauber in die angreifenden Todesser schickte. Zwei von ihnen konnten sich nicht rechtzeitig hinter einen Schild zurückziehen und fielen ohnmächtig zu Boden- nur, um von ihrem nicht betäubten Kameraden sofort wiederbelebt zu werden.
"Ja, er ist in der Stadt," bestätigte Neville und deutete auf drei reglose, steife Bürger von Hogsmeade, die mit weit aufgerissenen, blinden Augen gen Himmel starrten. "Sie haben versucht, ihn aufzuhalten. Seltsamerweise hat er sich nicht für uns interessiert... er hat etwas von Potters kleinem Club gemurmelt und seinen Leuten befohlen, uns zu beschäftigen und umzubringen wenn möglich... aber er ist einfach so hier links in diese Straße verschwunden."
"Er sucht etwas..." murmelte Harry, der wie die anderen Verteidiger Fluch um Fluch über die Barrikade schickte. "So geht es nicht weiter. Sonorus!" Seine Stimme war magisch verstärkt, damit er über das Krachen fehlgegangener Flüche und die Schreie der Verwundeten hörbar war.
"DA, wir brauchen etwas mehr Vertrauen! Erinnert euch an die letzten Stunden. Alle anderen, koordiniert eure Schockzauber! Lasst sie ihre Leute nicht immer wiederbeleben! Quietus!"
Neville und Luna sahen ihn aus großen Augen an. Auch die anderen DA-Mitglieder richteten ihre Aufmerksamkeit so weit wie möglich auf ihn während die Leute aus Hogsmeade schon besser aufeinander abgestimmte Schockzauber-Salven abfeuerten.
"Du meinst doch nicht...?" fragte Neville. Harry nickte.
"Genau das meine ich. In meum fidem recipo, mit allen Mitgliedern. Unter diesem Schutz können die Erwachsenen dann wirkungsvoll gegen die Todesser vorgehen- nur auf die Unverzeihlichen müssen sie dann noch achtgeben." Luna nickte.
"Alle gemeinsam. Wir vertrauen einander, denkt daran!" rief sie. Die DA-Mitglieder hoben die Zauberstäbe. Auf ihren verschmutzten, teils blutverschmierten, müden Gesichtern malte sich grimmige Entschlossenheit. Harry nickte ihnen aufmunternd zu.
"Ihr schafft das. Ich vertraue auf euch- vertraut ihr einander." Neville sah aus seiner Konzentration auf. So, wie sich die DA aufgestellt hatte sollten Luna und er das Zentrum das Zaubers sein.
"Und du... du gehst doch nicht- nein, Harry, geh ihn nicht suchen!" Harry schüttelte den Kopf. Seine Narbe pochte- Voldemort war zufrieden mit etwas. Eine kurze Vision raste wie ein Blitz durch seinen Kopf. Voldemort, in einer engen Straße nicht weit von hier, vor dem letzten Haus, an seiner Seite seine beiden treusten Todesser, Bellatrix Lestrange und Lucius Malfoy. Vor ihm Diana Moon und Blaise Zabini, die sich schützend vor einen jungen Mann mit kinnlangem schwarzem Haar und feengrün-braunen Augen gestellt hatten. Und den beiden gegenüber, noch vor Voldemort, der Betrüger, der Verräter, der Mörder seiner Eltern. Wurmschwanz. Und Voldemort... wollte den jungen Mann. Er war sehr zufrieden, dass er ihn gefunden hatte...
"Ich muss ihn nicht suchen," keuchte er durch die Schmerzen in seiner Narbe hindurch, "aber er hat Moon und Zabini. Und er hat jemanden gefunden, den er gesucht hat. Ich muss gehen!"
"Wenn er gehen muss, dann lass ihn, Neville. Lass uns jetzt den Schildzauber sprechen," sagte Luna sanft. Harry sah sie dankbar an. Wenn es hart auf hart kam war Luna Lovegood einer der besten und treusten Freunde, die man sich wünschen konnte.
"Ich verstehe zwar nicht, warum gerade du meinst, gehen zu müssen Harry... aber geh. Vertrau uns, wir schaffen das." Die DA bestätigte das im Chor.
"Wir schaffen das!"
"Danke," sagte Harry mit belegter Stimme. Dann sprintete er, seinen Zauberstab in der Hand, in die Richtung in der die Straße lag in der sich sein Feind befand.
'Du bekommst nicht, was du dir wünschst, Voldemort!' schwor Harry und verstärkte seine Okklumentik-Schilde so weit, dass selbst die Geräusche der Schlacht nur noch ein vages Klingeln in seinem Ohr und seine brennende Narbe ein leises Pieken auf seiner Stirn war. Lange würde er sie nicht so halten können, wenn er Voldemort gegenüberstand, aber der kleine Vorteil, den er sich so verschaffte würde Zabini und Moon das Leben retten.
"... nicht zur Seite gehen wollt muss ich euch töten," sagte Wurmschwanz, als Harry vom Stadtrand her hinter Moon und Zabinis Schützling in die Gasse trat. Er hielt sich im Schatten. Voldemorts rote Augen waren auf den jungen Mann und die beiden todesmutigen Slytherins fixiert, die, das Kinn stolz vorgereckt, den Zauberstab nicht von Wurmschwanz' schwammigem Körper nahmen. Dass sie nicht angriffen lag wahrscheinlich daran, dass sowohl Lucius Malfoy als auch Bellatrix Lestrange je einen zitternden und weinenden Grundschüler vor dem Zauberstab hatten.
"Worauf wartest du, Wurmschwanz?" zischte der Dunkle Lord mit soviel Böswilligkeit, dass Harrys Narbe trotz seiner Okklumentik stach.
"Avada Kedavra!" rief der Sykophant.
"Accio DA-Mitglieder!" rief Harry eine Sekunde früher und riss seine beiden Freunde aus Slytherin damit aus der Bahn des Fluches und um die Ecke. Der schwarzhaarige Mann, den sie beschützt hatten wurde von ihren fliegenden Körpern zu Boden geschleudert. Wurmschwanz' Fluch schlug nur ein Loch in die Hauswand, hinter die Harry seine Freunde gezogen hatte.
"Das war knapp!" seufzte er und stöhnte auf, als der Zorn Voldemorts sich gegen ihn richtete. "Verdammt... bleibt hier!" befahl er. Zabini und Moon waren zu überrumpelt als dass sie seinen Befehl in Frage gestellt hätten.
"So sehen wir uns also wieder, Potter... du bist zu spät! Ich habe schon, was ich will... Santorin Custo ist mein!"
Harry wagte sich langsam aus dem Schatten der Hauswand hervor. In der Mitte der Straße stand Wurmschwanz, dessen Anblick den jungen Schüler mit eiskalter Wut erfüllte. In der Hand hielt die Ratte einen runden, glatten Stein- und in seiner silbernen Hand hielt er den Arm des geschockten, bewusstlosen jungen Mannes.
"Santorin Custo, Tom?" fragte er, bewusst sein bis zum Hals schlagendes Harz ignorierend. Zum ersten Mal, seit er von der Existenz des Dunklen Lords wusste spürte er die lähmende Panik, die Todesangst, die die anderen Zauberer immer beschrieben.
"Ah, Harry- du denkst, du könntest mich, Slytherins Erben, manipulieren? Du wirst nur sterben. Lasst die Kinder frei und begleitet Wurmschwanz!" befahl Voldemort seinen beiden Getreuen. Bellatrix wirkte enttäuscht und wimmerte leise während Lucius seine Geisel mit kaltem, emotionslosem Gesicht von sich schleuderte.
"Nein!" rief Harry, dessen Okklumentik-Schilde so weit geschwächt waren, dass er erkannte, dass genau dieser junge Mann das Ziel der gesamten Attacke war. "Acc-..."
"Silencio!" donnerte Voldemort, aber es war ohnehin schon zu spät gewesen- die drei Todesser und der junge Mann schimmerten und lösten sich dann in Luft auf.
"Und es scheint, als seist wieder nur du übrig, Potter. Vielleicht gibst du jetzt endlich auf und stirbst wie ein braver tapferer Gryffindor!" höhnte Voldemort. Harry biss nur die Zähne zusammen. Je länger er seinem Feind gegenüberstand umso schwächer wurden seine Schilde und er. Nach dem Kampf mit den Dementoren war er ohnehin schon nicht mehr ganz in Bestform... und sprechen konnte er gerade auch nicht.
"Ich vergaß, du kannst mir ja gar nicht antworten... eigentlich angenehm, so muss ich nicht deine pathetischen letzten Worte ertragen." In Harry wuchs der Zorn, übertünchte langsam die Furcht. Mit einer kaum wahrnehmbaren, weil sehr schnellen, Bewegung hielt er seinen Zauberstab an seine Kehle. Finite incantatem beherrschte er zauberstablos, da war es mit einem Zauberstab und ohne Worte ein Kinderspiel.
"Wenn du dich da nicht täuschst, Tom," zischte er. Wenn Dumbledore Voldemorts Vornamen benutzte und er sich wieder so sehr darüber erzürnte konnte das Harry vielleicht einen Vorteil verschaffen wenn er es auch tat.
"Du... du wagst es?" Voldemorts rote Augen glühten mit der Macht seiner Wut und seiner Zauberkraft auf. "Dieser Name bedeutet mir nichts! Gar nichts! Ich bin Lord Voldemort, der Dunkle Herrscher!"
"Wenn er dir nichts bedeutet, Tom, warum hörst du dann auf ihn?" schnappte Harry, der darauf bemüht war, die inzwischen beinahe unerträglichen Schmerzen in seiner Narbe zu ignorieren.
"Ignis tenebricosus(3)!" warf ihm Voldemort statt einer Antwort entgegen. Eine Wand aus schwarzen Flammen raste auf ihn zu. Harry wusste, dass er niemals rechtzeitig seinen Zauberstab haben konnte...
"In meum fidem recipo!" riefen zwei Stimmen gleichzeitig. Eine orangefarbene Blase hüllte sich um Harry und seine beiden DA-Mitglieder, die unbemerkt direkt hinter ihn gesprungen waren während er mit Voldemort debattiert hatte. Die schwarzen Flammen schlugen wütend gegen den Schild, leckten an ihm, aber sie konnten ihn nicht durchdringen.
"Danke," sagte Harry, der die Atempause, die ihm der Gruppenschildzauber verschaffte, dringend benötigte. "Aber ich habe eine Bitte: könntet ihr die beiden Kinder in Sicherheit bringen?" Er deutete auf die zwei verängstigten Grundschüler, die aneinandergeklammert hinter Voldemort in einem Hauseingang kauerten und leise vor sich hinweinten. "Am besten ihr kommt von der anderen Seite."
"Aber..." begann Moon, doch Zabini legte ihr eine Hand auf den Arm und schüttelte warnend den Kopf.
"Wenn du denkst, dass du ohne uns klar kommst... geht in Ordnung," sagte er, als er Harrys entschlossenen Gesichtsausdruck sah.
"Geht jetzt," wisperte Harry und rollte sich zur Seite weg aus dem Schildzauber hinaus.
"Wieder da, Potter?" fragte Voldemort. Harry wunderte sich, dass er ihren Schild nicht einfach mit einem Unverzeihlichen Fluch zerstört hatte.
"Weil ich dein Gesicht sehen möchte, wenn du stirbst, Potter!" Er spürte es- wie ein Wurm drangen Voldemorts Gedanken in seinen Kopf ein, fraßen sich durch seine Schilde.
"Oh nein, Tom, so nicht. Caestus, Diffindo, Stupor, Incarcerous!" In schneller Folge schossen alle vier Zauber aus seinem Zauberstab. Harry sprang sicherheitshalber noch zur Seite, damit ein etwaiger Gegenangriff des Dunklen Lords danebentraf, aber Voldemort schüttelte nur lässig seinen Zauberstab und beschwor den größten Scutum-Schild, den Harry je gesehen hatte, herauf.
"Schluß mit den Spielchen, Potter. Crucio, Culter aeroginosus!" Harry duckte sich unter dem Cruciatus weg, doch der Rostige-Messer-Fluch streifte seine linke Schulter und entlockte ihm ein Zischen. Voldemort ruhte unterdessen nicht. Bevor Harry noch Luft holen konnte raste eine zweite Welle schwarzen Feuers auf ihn zu. Ein hastiges Protego verhinderte zwar, dass er Schaden nahm, doch das hinter dem Feuer versteckte Rixa traf ihn mit voller Wucht unterhalb des Brustkorbs in den Magen. Keuchend und spuckend ging Harry zu Boden- und wurde so von einem weiteren, ihm unbekannten dunklen Fluch verfehlt.
"Crucio!" Der Dunkle Lord legte alles in diesen Fluch.
"Scutum!" genau wie Harry alles in seine Abwehr legte. Dröhnend schlug der Unverzeihliche Fluch gegen den soliden, silberfarbenen Schild, der ein wenig verbeult wurde, aber sonst hielt. Die Anstrengung und Energie, die er gekostet hatte, hatten sich gelohnt. Der heraufbeschworene, solide Schild zersprang sobald er seinen Zauberstab bewegte, aber für den Moment blieb er ein Zufluchtsort.
Und endlich konnte Harry sich wieder sammeln. Hoch aufgerichtet, seine Angst vergessen, stellte er sich seinem Feind. Alles, was er verspürte, war unbändige Wut. Er wollte endlich dieses Monster auslöschen, das sein Leben ruinierte, das sein Dasein bestimmen wollte. Er wollte endlich leben- als Harry Potter, nicht als Voldemorts einziger Bezwinger! Am Rande seines Bewusstseins bemerkte er, dass die Dementoren sich wohl zurückgezogen hatten- die Abenddämmerung schaffte es, sich müde durch den Rauch der Zerstörung zu drängen. Harry hielt seinen Zauberstab fest und Voldemort im Auge, sein Gegner tat es ihm gleich. Harrys Scutum verging in einem Regen aus silbernen Funken. Für einen Moment war ihr furioses Duell zum Stillstand gekommen.
Es war eine klassische Szene: der Zerstörer der Zauberwelt, ein dunkler Schatten oben am Eingang des Dorfes, einsam im Licht der untergehenden Sonne, den Umhang gebauscht vom plötzlich aufkommenden Windstoß. Und ihm gegenüber, einsam und allein, abgesetzt vom Chaos des halb zerstörten Dorfes, der Held, die Haare vom selben Windstoß zerzaust, die grünen Augen beleuchtet von dem Licht, das seinen Feind in Schatten tauchte.
Unterbrochen wurde der Stillstand des gespannten Gleichgewichts, als die Luft zwischen den beiden Kontrahenten zu schimmern begann. Als hätten sie es geahnt lösten Harry und Voldemort im selben Moment die Augen voneinander und richteten sie auf die von einem blau schimmernden Schild umhüllten Kämpfer des Phoenixordens, die gemeinsam mit Albus Dumbledore in der Mitte der kleinen Straße, die der Schauplatz einer entscheidenden Schlacht geworden war, auftauchten.
"Tom," sagte Dumbledore, seine Kraft genauso fühlbar wie nur Augenblicke zuvor die der beiden erbitterten Feinde.
"Albus... zu spät, wie immer. Dein kleiner Schüler weiß es schon- du wirst nie gewinnen, nicht jetzt, da ich Santorin Custo in meiner Gewalt habe!" Er lachte, schrill und schrecklich. Das Geräusch schnitt Harry durch Mark und Bein. Die Ordensmitglieder zuckten zusammen und bedeckten ihre Ohren mit den Händen.
"Tom..." rief Dumbledore, aber Voldemort hatte schon einen weiteren seiner runden Steine- die mit dem Dunklen Mal bedruckt waren, wie Harry jetzt sehen konnte- in der Hand.
"Wieder einmal wurdest du von einem anderen gerettet, Harry Potter- aber ich kann warten, warten auf den Tag, an dem dein Glück erschöpft ist." Harry schauderte. Voldemorts Stimme, so kalt und schneidend sie doch war, hatte noch nie ein solch hasserfülltes Versprechen vermittelt wie in diesem einen Satz.
"Er kann warten... aber ich nicht," murmelte er, die Augen noch immer auf die Stelle geheftet, an der Voldemort einen Moment zuvor gestanden hatte. Dann schweiften sie ab, hinter ihn, zu der Stelle von der aus Wurmschwanz, Malfoy, Lestrange und der junge Mann namens Santorin Custo einen Portschlüssel genommen hatten. Ein kleines Stück Pergament lagdort, so weiß auf der schmutzigen Straße... Er stolperte die drei Schritte darauf zu, hob es auf und steckte es in die Tasche seiner wunderbarerweise noch fast sauberen Hose. Voldemort war verschwunden. Er hatte wieder einmal überlebt.
"Harry?" Dumbledore hatte seine Aura der Macht noch immer nicht zurückgezogen. Wie ein warmer Strom rann sie durch den vollkommen erschöpften Jungen, als er dessen Schulter berührte. "Harry, komm zurück zum Schloß- es ist vorbei. Hogsmeade hat sich verteidigt. Die Todesser sind zurückgeschlagen."
Marionettenhaft nickte Harry. Erst jetzt begann er, zu begreifen, was geschehen war. Die Dementoren, die Schlacht auf den Barrikaden, seine Narbe und zuletzt der kurze aber heftige Kampf gegen Voldemort... er spürte förmlich, wie auch die letzten Rest seiner Energie verfliegen wollten, aber er musste wach bleiben.
"Was ist mit Ron und Hermine? Mit Ginny? Mit Luna und Neville, Zabini und Moon? Ist die DA in Sicherheit?" fragte er. Er konnte nicht gehen, wenn seine DA nicht in Sicherheit war!
"Sämtliche Mitglieder der Defensiv-Allianz befinden sich bereits im Schloß, Harry- wir sind beinahe zu spät hierher gekommen weil wir ihnen allen noch Portschlüssel geben mussten," erläuterte Dumbledore mit sanfter Stimme und hielt Harry aufrecht, indem er einen Arm um seine Schulter legte. Die Phoenixagenten nickten zustimmend. Ihre Roben und Umhänge wiesen Kampfspuren auf. Langsam machten sie sich auf den langen Weg zum Schloß. Harry überlegte- wenn der Orden des Phoenix bereits alle Kämpfe in Hogsmeade beendet hatte musste Harry Voldemort länger standgehalten haben, als er gedacht hatte.
"Nein, wir sind schneller gekommen," entgegnete Dumbledore, der Harrys Frage in seinen müden grünen Augen gelesen hatte, "ich habe Portschlüssel für uns angefertigt- die Schutzzauber sind auf mich eingestellt und an mich gebunden."
"Sind sie... in Ordnung?" fragte Harry. Ginny. Was war mit Ginny? Und was mit Ron und Hermine?
"Sie sind... nicht alle in Ordnung, Harry," erwiderte eine Harry unbekannte Hexe sanft, "aber sie werden alle bald wieder in Ordnung sein."
"Keine... Küsse?" fragte Harry. Dumbledore schüttelte traurig den Kopf.
"Es scheint, als hätten deine Freunde die Dementoren so lange an den Drei Besen abgewehrt, dass sie sich ein anderes Zeil gesucht haben kurz bevor Tom sie zurückgerufen hat. Es gab fünf Opfer- eines von ihnen ist... eines von ihnen ist Dädalus." Der alte Zauberer wirkte gebrochen, als er das sagte.
"Dädalus? Dädalus Diggel? Der... Anwalt?" Dumbledore nickte.
"Er konnte am Ende keinen Patronus mehr heraufbeschwören und wurde geküsst, weil er die Kinder, deren Schule Tom und seine Todesser dem Erdboden gleichgemacht haben, nicht in einem Kreis von Dementoren zurücklassen konnte wie Tom es gerne gehabt hätte."
"Er... er war immer sehr fröhlich. Warum konnte er keinen Patronus...?" Harry fühlte ein eisernes Gewicht um seinen Hals hängen. Er hatte eigentlich diesen Kindern helfen wollen. Stattdessen musste er ja wieder einmal losrennen und sich mit Voldemort zu messen versuchen.
"Er hat genug Patroni herbeigezaubert, um die Kinder zu befreien. Aber als die Dementoren dann hinter ihnen her waren konnte er sich selbst nicht mehr zu den Drei Besen retten. Selbst der fröhlichste Mensch auf Erden hält den Dementoren nur eine gewisse Zeit stand..." Dumbledore seufzte.
"Es ist meine Schuld," sagte Harry leise, einen verdächtigen Glanz in den Augen. "Ich wollte gehen und den Kindern helfen, aber dann waren da Neville und Luna, und dann hatte ich eine Vision von Voldemort und Moon und Zabini und... ich habe es einfach vergessen!" Er ballte die Fäuste, so fest, dass sich seine Nägel in die Handflächen bohrten. Unwillkürlich zuckte er dabei zusammen- er hatte vergessen, dass er noch eine Schnittwunde an der linken Schulter hatte, wo Voldemorts Fluch der rostigen Messer getroffen hatte.
"Jetzt bringen wir dich erst einmal in den Krankenflügel, Harry. Du bist müde und verletzt. Danach werden wir reden- aber es ist nicht deine Schuld. Es ist Toms. Und das weißt du genau. Emmeline?" Die Hexe, die Harry vorher Auskunft über seine Freunde gegeben hatte trat zu Dumbledore und Harry.
"Albus?" fragte sie.
"Geh zu Madam Rosmerta in die Drei Besen. Sie organisiert den Transport der Schwerverletzten ins St. Mungos. Frag sie, womit der Orden helfen kann und bringe dann was nötig ist aus dem Hauptquartier, ob Menschen oder Heilmittel."
"In Ordnung, Albus," nickte die Hexe. Harry glaubte, sie doch zu kennen- und erinnerte sich daran, dass sie ein Teil des Vorauskommandos gewesen war, das ihn im Sommer vor dem fünften Schuljahr zum Grimmauldplatz begleitet hatte.
"Komm, Harry. Es ist nicht mehr weit," sagte Dumbledore dann und drückte Harrys Schulter aufmunternd. Harry nickte. Hogwarts, das stolze Schloß mit seinen freundlichen Lichtern, hieß ihn nun schon willkommen. Und als er unter den Blicken zahlreicher Augenpaare durch die Große Halle (die wieder einmal mit Schlafsäcken ausgestattet war, da die Professoren nicht wollten, dass die Schüler nach einem so traumatischen Erlebnis alleine und ohne Aufsicht in ihren Schlafsälen schliefen) zum Krankenflügel ging fühlte er sich seltsamerweise ermutigt. Vielleicht konnte er seiner Aufgabe doch gewachsen sein- er hatte Voldemort nun schon zum zweiten Mal im Duell gegenübergestanden, und er war immer noch am Leben.
"Ich habe Harry hier, Poppy," meinte Dumbledore dann, sobald sie im hektischen Treiben des Krankenflügels angekommen waren. Inzwischen war Harry so erschöpft, dass die Welt um ihn herum eine undeutbare Mischung aus Bildern und Klang war, die ihn umspülte aber nicht berührte
"Leg ihn auf ein Bett, Albus- ich muss mich erst um Mr. Weasley kümmern. Harry ist nicht schwer verletzt." Aber dass er lag spürte Harry schon nicht mehr. Er dämmerte sanft in einer halb bewusstlosen Welt dahin, in der es weder Alpträume noch die Realität gab. Die Nachwirkungen, der Schock, den die Attacke auf Hogsmeade hervorgerufen hatte half ihm, dass er den Konsequenzen seiner Taten erst gemeinsam mit allen anderen gegenübertreten musste.Und bis dahin konnte er ruhen, unter den wachsamen Augen von Poppy Pomfrey und Albus Dumbledore.
... to be continued...
Information:
(1) Matthew O'Donnell ist Brandys Verlobter (Nachname geändert...). Dachte mir, er braucht mal eine kleine Gastrolle 0grins0. Seine Freundin ist natürlich Brandy- es gibt keinen Test, bei dem sie NICHT in Ravenclaw ist, also war das die einzige Möglichkeit, sie unterzubringen. Keine Sorge, die beiden werden nur in diesem Kapitel erwähnt- ich will Brandys Freundschaft nicht verlieren 0zu Brandy schielt, die mit OotP-Hardcoverband in der Hand auf Besuch ihrer besten Freundin wartet, damit sie ihr die Meinung sagen kann0!
(2) Ich stelle mir diese Organisation ähnlich wie das EU-Parlament vor, nur, dass sie noch auf dem Level der EG ist und Richtlinien nicht zwingend umgesetzt werden müssen
(3) IgnismFeuer, tenebricosussehr starkes Wort für dunkel. In etwa also: dunkles/schwarzes Feuer.
(4) Santorin Custo hat seinen Namen wie Rhodosius Custo von einer Insel in der Ägäis. Ein Vulkanausbruch hat Santorin zerstört, manche sehen in der halb versunkenen Insel das sagenhafte Atlantis.
Wollte hier noch anmerken, dass ich selbst extrem kurzsichtig bin (-4,75 und –4,0. Für alle, die sich darunter nichts vorstellen können: alles, was mehr als vierzig Zentimeter von meinen Augen entfernt ist ist ein bunter Blob) und deswegen Harrys Brillenprobleme gut nachvollziehen kann!
Des Weiteren Ginny... ich kann mir einfach gut vorstellen, dass sie Voldemort so nennt, wie sie ihn kennengelernt hat- Tom. Dass sie das mit Dumbledore teilt ist sicher kein Nachteil!
Solltet ihr enttäuscht vom Kampf Harry/Voldemort sein: das war erst ein Vorgeschmack auf die letzte Konfrontation. Und im nächsten Kapitel erfahrt ihr, was Ron, Hermine, Ginny, Luna und Neville noch so alles getrieben haben!
Nelis Soundtrack:
P. I. Tchaikovsky: Swan Lake- The Ballet Music Live From NY Met (Geschenk von meiner Mom- ich liebe und sammle Live-Aufnahmen aller Art
C.M. von Weber: Ouverture zur Oper Der Freischütz
P. I. Tchaikovsky: Klavierkonzert Nr.1
S. Rachmaninov: Klavierkonzert Nr. 2 (es gibt nichts Besseres als diese beiden Konzerte wenn man entweder wütend oder uninspiriert ist. Rachmaninov hab ich sogar selbst mal gespielt und aufgeführt (mit unserem Schulorchester bevor ich angefangen habe, zu studieren und krank geworden bin)
J. Williams: Harry Potter and the Prisoner of Azkaban soundtrack (grins meine größte Inspiration. Ein Geniestreich on par mit Star Wars!)
Anastacia: I'm Sick and Tired (of always being sick and tired) (warum kann ich da nur so gut mitfühlen? GAH!)
Nächstes Kapitel:
Voldemorts Angriff auf Hogsmeade hat die ganze Zauberwelt in Alarm versetzt. In Hogwarts geht die Angst um, das Schloß wird gar nach außen abgeschottet. Trotz des einengenden Gefühls während dieses Belagerungszustands hält das alte Schloß aber auch noch erfreuliche Dinge für die jungen Hexen und Zauberer bereit. Freut euch auf Belagerungszustand, coming soon to a computer screen near you!
Seine Augen brannten, und er presste die Lider fest zu damit keine Flüssigkeit aus ihren Winkeln entkommen konnte. Dies war die grausame Wirklichkeit des Krieges. Dies war die Hilflosigkeit, die Mrs. Weasley spürte, wenn sie sich vor Augen führte, dass vier ihrer Kinder an Dumbledores Seite im Orden des Phoenix kämpften. Dies war die Endgültigkeit einer falschen Entscheidung.Und dies war die Alptraumwelt, in der sie alle versinken würden. Hoffnungslos, düster, gezeichnet von Terror und Gewalt. Dies war Voldemorts Traum, Dumbledores größte Furcht...
Elftes Kapitel beendet. Ich hoffe, bis zum zwölften dauert es nicht ganz so lange, aber unglücklicherweise hänge ich noch immer an einer bestimmten Stelle fest, für die ich einfach nicht die richtigen Worte finde.
Okee... mein nächster Punkt auf der Tagesordnung ist ein kleiner Wettbewerb. Weil ich selbst künstlerisch und computertechnisch absolut unbegabt bin wollte ich an dieser Stelle fragen, ob jemand von euch ein Banner für DZP kreieren kann. Am liebsten wäre mir natürlich etwas Schlichtes, aber... ich will den Kreativen unter euch keine Grenzen setzen. Jury sind Brandy und ich, und der Preis ist (nach Wahl): das komplette nächste Kapitel eine Woche vor der Veröffentlichung auf IRGENDEINER website (also ab Kapitel 13), eine kleine Extra-Geschichte (entweder, was ich als Weihnachtsspecial zu DZP geplant habe oder eine andere KG von mir) oder einen Ausschnitt aus einem der späteren DZP-Kapitel (17-29).
Oh, und natürlich gibt es noch etwas… Weil ihr so viele liebe Kommentare geschrieben habt schwöre ich hiermit feierlich:
1. daß es ein neues Kapitel innerhalb einer Woche nach Erreichen von 175 Kommentaren geben wird
2. daß ich meine angeborene Faulheit überwinde und danach monatlich mindestens ein Kapitel hochlade
3. daß eure review replies immer schön in einem eigenen Ordner in der 'Files'-Abteilung der Group zu finden sein werden.
Und wenn ihr gerne eine Timeline für DZP vom Anfang bis jetzt (Ende Oktober) hättet, sagt es mir einfach, per review, e-mail oder Nachricht in der Group!
Cya soon!
Neli
