Gefangene der Angst
reinigende Gewitter
Der Frühling kam und damit auch die Blumen und das frische Grün der Bäume. Christine begann, mit Marie im Garten zu spielen, vor allem, weil Marie inzwischen Laufen gelernt hatte - so weit man bei einem einjährigen Kind von Laufen reden kann. Tagsüber fühlte sie sich sicher.
Raoul ritt mit Pierre zum Gestüt um dort mit dem Leiter vor Ort zu besprechen, welche Stuten von welchen Hengsten gedeckt werden sollten. Da Pierre einen Blick dafür hatte, welche Stuten zu welchen Hengsten passten, fragte er ihn immer wieder um seine Meinung. Langsam begann der Vicomte, Pierre wieder zu vertrauen, insbesondere, da er merkte, dass Pierre sich wirklich bemühte, sich als vertrauenswürdig zu erweisen. Pierre gab sich wirklich große Mühe und bald stellte sich heraus, dass der Vicomte sich auf Pierres Ratschläge verlassen konnte. Pierre lag selten falsch und wenn er von etwas keine Ahnung hatte - wie beispielsweise welche Weinstöcke wo gedeihen konnten - dann gab er zu, nichts davon zu verstehen.
Bei all der ländlichen Idylle konnte Christine sich nicht wirklich entspannen und freuen. Sie hatte immer noch Angst, Erik könnte sie jederzeit angreifen. "Er ist das Phantom der Oper - und er hat immer dann zugeschlagen, wenn man es nicht erwartet hat. Je mehr wir auf der Hut sind, desto sicherer sind wir." "Liebling, müssen wir das beim Picknick im Garten besprechen?" wandte Raoul ein und Pierre, der gerade Marie von den Blumen, auf denen sich Bienen tummelten, fernhielt, fragte: "Glauben Sie nicht, dass er nach zwei Jahren aufgegeben hat?" Christine schüttelte den Kopf. "Niemals. Erik gibt nicht auf. Erik unterwirft sich niemand." "Sie machen ein Phantom daraus", widersprach Pierre, "Keiner kann das, was Sie Erik zuschreiben." "Und Sie nehmen die Sache nicht ernst", warf ihm Christine vor.
"Im Gegenteil - ich nehme sie sehr ernst", verteidigte sich Pierre, "Allerdings frage ich mich ernsthaft, ob er nicht glaubt, sein Ziel schon erreicht zu haben, so still wie er ist." "Das habe ich mich auch schon gefragt", pflichtete ihm Raoul bei, "Wir sind Gefangene im eigenen Haus, weit weg von der Oper, weit weg von Paris. Du darfst nicht vergessen, mein Liebling, Erik weiß nicht, dass Du das Leben hier liebst. Er ist so egoistisch, dass er gar nie auf die Idee kommen würde, dass du eigene Wünsche hast und Primadonna an der Pariser Oper vielleicht gar nicht dein Traum war. Wenn er glaubt, deinen Traum zerstört zu haben, indem er dich von der Oper fernhält, vielleicht reicht ihm das schon?"
Marie schnappte sich eine Blume und wollte sie in den Mund stecken, Christine nahm sie ihr weg. "Das kann man doch nicht essen. Hier - iss lieber einen Keks." Marie nahm den Keks und zerbröselte ihn. Die Brösel warf sie nach den Hunden, die sich sehr darüber freuten. Christine gab ihr noch einen Keks, den Marie wieder jauchzend den Hunden zuwarf. "Ach Marie, nicht die Hunde füttern", tadelte Christine sanft. Dann fragte Sie Pierre direkt: "Und wie geht es Ihnen mit Ihrem Verfolger? Würde der aufgeben?" Pierre seufzte: "Nein, aber ich habe mich damit abgefunden, dass er mir Briefe schreibt, schreibe höflich zurück und werde das wohl für den Rest meines Lebens tun müssen. Im Gegensatz zu Ihrem Verfolger ist meiner harmlos, weil er ein ehrlicher Mensch ist."
In dem Moment begann Marie eine Melodie zu singen. Zuerst war Christine entzückt, dann wurde sie blass und sank bewusstlos zu Boden. "Christine!" rief Raoul erschrocken, nahm sie auf den Arm und trug sie ins Haus, Pierre gab Marie in die Hände des Kindermädchens und lief, um Dr. Martin zu holen. Als Dr. Martin eintraf, war Christine schon wieder wach. "Was war los?" fragte Raoul besorgt, "Ist es das Baby?" "Nein, dem Baby gehts gut", antwortete Christine zitternd, "Es ist die Melodie, die Marie gesungen hat. Diese Melodie kann sie nicht von mir haben, ich habe dieses Lied nie gesungen, aber ich kenne es. Erik hat es gesungen." "Bist du ganz sicher?" fragte Raoul, "Ganz sicher, dass es dieses Lied war und nicht einfach nur eine Melodie, die ähnlich ist? Marie ist ein Jahr alt. Für mich klingt alles, was sie singt, völlig gleich." Christine schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin mir sicher, dass sie diese Melodie gehört hat. Und es ist kein Lied, dass allgemein bekannt ist, sodass sie es sonstwo gehört haben kann. Das ist ein Lied, das Erik für mich komponiert hat." Dr. Martin sagte: "Madame müssen jede Aufregung vermeiden. Es besteht die Gefahr, dass Sie das Kind verlieren." "Wie soll ich mich nicht aufregen?" schluchzte Christine, "Erik ist hier und er wird sich fürchterlich an mir rächen."
Raoul ging in den Garten und starrte verzweifelt vor sich hin. Wie sollte es weitergehen? Immer wieder neue Schrecken, ob echt oder eingebildet, aber wie konnten sie so weiterleben? "Reiten wir eine Runde?" hörte er Pierres Stimme hinter sich. "Jetzt? Sie wollen jetzt ausreiten?" fragte Raoul verwundert, "Ausgerechnet - jetzt?" Pierre nickte. "Es wird Sie beruhigen."
Pierre ritt voraus und der Vicomte folgte ihm. Beide schwiegen. Pierre führte Raoul in einen abgelegenen Teil des Waldes zu einer kleinen Lichtung, die sich gebildet hatte, weil ein sehr alter Baum umgestürzt war. Dort stieg er ab und band sein Pferd an einem Ast des liegenden Baumes fest. "Was sollen wir hier?" fragte Raoul verwundert. "Steigen Sie bitte ab, ich mache Ihr Pferd fest." Raoul stieg vom Pferd.
Pierre nahm seinen Hut ab, legte sein Gewehr, die Pistole und die Ledertasche auf den Baumstamm. Dann zog er sein Jackett aus und legte es sorgfältig ebenfalls auf den Baumstamm. "Was soll das?" fragte Raoul, dem das Verhalten sogar für Pierre mehr als sonderbar erschien. "Ich muss Ihnen was zeigen", sagte Pierre, "Ich hatte gehofft, es noch ein wenig aufschieben zu können, aber der heutige... Vorfall... zwingt mich leider dazu. Sehen Sie auf die andere Seite des Baumstammes." "Da ist eine Grube", sagte Raoul. Pierre nickte. "Deshalb brauchen Sie keine Angst mehr zu haben. Das ist Eriks Grab." Raoul sah genauer hin. "Nein", widersprach er, "es ist leer."
"Ja, noch ist es leer", bestätigte der ältere Mann. "Sie machen mir Angst", sagte Raoul tonlos. "Nana, ganz falscher Ansatz. Niemals Schwäche zeigen, das ermutigt den Gegner noch", tadelte Pierre, dann schwieg er.
Raoul wurde immer nervöser. Was ging hier vor?
"Bitte, was immer jetzt gleich geschehen wird, versuchen Sie, ruhig zu bleiben", begann der ältere Mann, "Von Erik droht Ihnen keine Gefahr. Schon lange nicht mehr. Wenn Sie so wollen - den Erik, vor dem Ihre Frau sich fürchtet, gab es nie und der Erik, den sie kannte, ist seit mindestens einem Jahr tot." "Das ergibt keinen Sinn..." sagte der Vicomte, der sich weigerte, zu verstehen. "Ich habe Ihnen nie gesagt, wie mein voller Name lautet. Mein Name, und dies ist jetzt ausnahmsweise die volle Wahrheit, ist Pierre Francois Erik Bertrand." "E... Erik?" stammelte Raoul und taumelte zurück. "Mein erster Name war immer schon Pierre, aber Erik ist mein eigentlicher Rufname laut Taufregister."
"Das... das kann nicht wahr sein", stammelte Raoul. Erik antwortete nicht sondern griff nach der Augenklappe und zog sie herunter. Mit der Augenklappe ging auch die Hakennase ab, nicht aber der graue Bart, der offenbar echt war. Da der Bart vom Kehlkopf bis zu den Wangenknochen reichte, war von dem Gesicht nicht viel zu sehen, allerdings war das Fehlen der Nase ein sehr makaberer Anblick, der durch die scheußliche Narbe und das nur noch zur Hälfte vorhandene Ohr noch schlimmer wurde. Dann öffnete Erik beide Augen. Da, wo zuvor die Augenklappe gewesen war, war ein durchaus lebendiges Auge. Raoul starrte das Auge an. Das linke Auge war wie dunkler Waldhonig, goldbraun, das rechte, das bisher von der Augenklappe verdeckt war, hatte eine scheußlich grau-rot gesprenkelte Iris. Davon hatte Christine nie etwas erwähnt...
Raoul schrie auf und schlug zu. In dem Moment hatte er selbst furchtbare Angst, und die Angst gab ihm Kraft. Er traf Erik mit der Faust im Gesicht, Erik taumelte zurück und ließ sich auf die Knie fallen. "Du Monster!" brüllte Raoul und schlug mit seiner Reitgerte zu, "Du krankes Monster! Wie konntest du uns so täuschen!? Wie konntest du dich einschleichen!? Du verlogener Bastard! Scheusal!" Erst nach einigen Schlägen bemerkte er, dass Erik sich zusammengerollt hatte, mit den Händen den Kopf schützte, aber keine Anstalten machte, sich zur Wehr zu setzen. Eriks weißes Hemd war zerrissen und es zeigte sich Blut, wo Raoul ihn besonders fest getroffen hatte. Raoul starrte erschrocken auf seine Reitgerte. "Was hast du aus mir gemacht?" flüsterte er entsetzt und wich zurück.
Erik erhob sich langsam und sah Raoul ruhig an. "Wie gehts jetzt weiter?" fragte Erik mit einem beinahe heiteren Ton in der Stimme, "Wollen Sie mich zu Tode prügeln, dann empfehle ich Ihnen, sich einen der Äste hier zu nehmen - geht schneller. Oder Sie erschießen mich, oder schneiden mir die Kehle durch..." Raoul hörte zwar die Worte, aber sie ergaben keinen Sinn. "Was meinen Sie?" fragte er. Erik lächelte, als er plötzlich wieder mit Sie angesprochen wurde. "Wollen Sie mich nicht umbringen?" fragte er. "Ja... nein... vielleicht... doch... ich weiß nicht!" stammelte Raoul, der mit der Situation heillos überfordert war. "Stört es Sie, wenn ich rauche, während Sie überlegen?" fragte Erik und nahm mit einer Geste, die Raoul von Pierre nur allzu vertraut war, das kleine Zigarettenetui aus der Hemdbrusttasche. "Nein, machen Sie nur", antwortete der Vicomte geistesabwesend. "Auch eine?" bot Erik an.
Wenige Minuten später saßen die zwei Männer nebeneinander auf dem Baumstamm und rauchten Zigaretten. Wer sie so gesehen hätte, hätte sie wohl für alte Freunde gehalten, die einen schönen Frühlingstag im Wald verbrachten.
"Danke für die Atempause", sagte Erik, "Bringen wirs hinter uns." Er sprach, als gehe es um irgendeine Arbeit, die sie gemeinsam zu erledigen hatten. "Sie schulden mir Antworten", sagte Raoul, "Und diesmal keine Lügen, keine Halbwahrheiten!" Erik grinste, was in dem Moment nur grotesk wirkte. "Wieso sollte ich lügen? Ich habe jetzt wirklich gar nichts mehr zu verlieren. Gut, dass Sie fragen: Wenn Sie meine Leiche nackt ausziehen, verrottet sie schneller. In meinem Jackett finden Sie ein Notizbuch, da steht eine genaue Anleitung, wie Sie die Leiche verschwinden lassen, außerdem ein Kaufvertrag für die Hunde und ein Kündigungsschreiben. Das müsste reichen, um die Polizei zu überzeugen, dass ich einfach weggegangen bin. Sie können mich natürlich auch zwingen, mich nackt auszuziehen, bevor Sie mich töten, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich nicht nackt im Dreck liegend sterben müsste."
Der Vicomte starrte ihn mit offenem Mund an. "Sie... Sie helfen gerade bei Ihrer eigenen Ermordung?" stammelte er. Erik lachte. Ein völlig sinnloses, hysterisches Lachen. "Ich bin wahnsinnig, das wissen Sie doch." Er konnte einfach nicht aufhören zu lachen. Angewidert schlug Raoul zu, wieder mit der Reitgerte, die er immer noch in der Hand hielt, weil er sich einfach an irgendetwas festhalten musste. Er traf Erik an der Schulter. Sofort war Erik still. "Entschuldigen Sie", sagte Erik seltsam sanft, "Sie wollten Antworten. Ich glaube, die schulde ich Ihnen. Bitte - fragen Sie nur." Als er wieder eine Zigarette in den Mund steckte, sah Raoul, dass im Blut aus dem Mund lief. "Hab ich Sie verletzt?" "Ist nur ein Zahn und der war schon länger locker. Das ist eben so in meinem Alter." Erik spuckte einen ausgeschlagenen, halb verfaulten Zahn aus. Raoul schluckte und versuchte den Brechreiz zu unterdrücken. Erik nahm den Flachmann aus seinem Jackett, nahm einen Schluck, wischte die Flasche mit seinem Hemdsärmel ab und reichte sie Raoul. "Hier, nehmen Sie." "Danke" sagte Raoul automatisch und Erik antwortete mit einem vergnügten Tonfall: "Ist Ihrer."
Raoul starrte Erik an, dann musste er lachen. "Sie sind unmöglich!"
Erik schmunzelte ebenfalls. "Ich weiß, Sie haben es mir ja schon oft genug gesagt. Zigarette?"
"Ich nehme an, es ist auch eine von meinen?" "Natürlich."
"Sie haben einen kranken Humor, wissen Sie das?" seufzte Raoul, der immer noch versuchte, seine Gedanken zu ordnen. "Entschuldigung, wir arbeiten hier an meiner Ermordung, es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch Humor habe."
"Wie haben Sie uns verfolgt?" fragte Raoul und Erik sah ihn überrascht an. "Gar nicht", antwortete er, "Ich kann niemand verfolgen. Ich drohe zwar gern damit, jemand bis ans Ende der Welt zu verfolgen und überall aufspüren zu können, aber... das gehört leider nicht zu meinen Talenten." "Sie haben uns nie verfolgt?" fragte Raoul verblüfft. "Nein. Wollen Sie wissen, was ich tatsächlich getan habe?" "Unbedingt."
"Also gut", Erik blies einen Rauchkringel, den er dann mit dem Finger zerstieß, "Als Phantom der Oper habe ich einen Geist dargestellt. Um das glaubwürdig zu machen, musste ich tief in die Trickkiste greifen, um ein nahezu allmächtiges Wesen vorzutäuschen. Daher sind weder Sie noch Ihre Frau je auf die Idee gekommen, meine Fähigkeiten zu hinterfragen. Ich habe ihr angedroht, sie überall aufspüren zu können und sie hat es geglaubt. Tatsächlich habe ich... mich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken", gab Erik beschämt zu, "Etwa einen Monat lang. Ich kann mich an den Monat nicht wirklich erinnern. Als ich zu mir kam, lag ich in einer meiner Fallen... von oben bis unten beschmutzt." Erik hob die Hand und deutete auf die Narbe an seinem Kopf und den fehlenden Teil des linken Ohrs. "Ich kann mir das nur so erklären, dass mir der Alkohol ausging und ich Nachschub holen wollte. Wahrscheinlich bin ich auf allen vieren gekrochen, sonst hätte das herabschwingende Fallbeil mich getötet, als ich die Falle versehentlich ausgelöst habe. Irgendwie bin ich in meine Wohnung zurückgekrochen und hab mich durch den Entzug gequält." "Also hatten Christine und ich zwei Monate Vorsprung?" "Ich nehme es an. Dann bin ich einen Monat in Selbstmitleid versunken und habe überhaupt nichts getan außer mich selbst zu bemitleiden. Unwürdig, demütigend, beschämend, aber so war es."
"Aber Sie haben uns dann aufgespürt?" fragte Raoul. Erik zuckte mit den Schultern: "Ja und nein. Ich wollte es, aber ich wusste nicht einmal, wie ich eine Jagd überhaupt beginnen könnte. Was ich wusste war, dass Sie beide irgendwie Unterstützung brauchten, da keiner von Ihnen in der Lage ist, allein auf der Straße zu überleben. Ich bin davon ausgegangen, dass Ihr Bruder Sie mit Geld unterstützt, dazu mussten Sie aber mit ihm irgendwie Kontakt halten. Er war der Schlüssel zu Ihnen und so... habe ich mich an ihn herangemacht." "Der Überfall war fingiert", zog der Vicomte den logischen Schluß. Erik nickte. "Ich habe die zwei Idioten bezahlt. Meine Hoffnung war, dass der Comte mir aus Dankbarkeit irgendeinen Arbeitsplatz anbieten würde, wenn ich ihm die rührselige Geschichte vom arbeitslosen ehemaligen Soldaten auftische. Egal was, ich hätte auch die Latrinen gereinigt, wenn ich nur in sein Haus käme, denn dann käme ich auch an seine Post heran."
Raoul schüttelte den Kopf. "Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich als Soldat auszugeben?" Erik nahm einen Schluck aus dem Flachmann. "Der alte Soldat ist eine Maske, die ich schon lange verwende. Auf die Idee hat mich ein Hilfsarbeiter auf meiner Baustelle gebracht, er hieß Rene. Rene war entstellt, hatte Narben von Schußwunden und Peitschenhieben am ganzen Körper. Er war ziemlich verrückt, sogar für meinen Geschmack. Wir haben uns gegenseitig in einigen durchzechten Nächten unsere Lebensgeschichten erzählt und uns bemitleidet. So bin ich auf die Idee gekommen, dass ich mit dem Hinweis, ich wäre auch Soldat gewesen, meine Entstellung erklären könnte. So wurde die Maske des alten Soldaten kreiert, und ich muss sagen, diese Maske hat mir immer schon sehr gut gepasst. Wissen Sie, wenn Sie eine Maske lange Zeit tragen wollen, dann muss sie wirklich gut passen und diese passt mir wie angegossen."
"Die Hunde?" fragte Raoul. Erik lachte. "Mein Plan hat besser geklappt als ich je gehofft hatte. Ihr Bruder wollte mich als Leibwächter für Sie. Da erst habe ich mir die Hunde zugelegt und wirklich ausgebildet habe ich sie erst hier."
"Haben Sie nicht befürchtet, dass Christine Sie erkennt?" fragte Raoul. "Doch. Dafür gab es Plan B. Hätte sie mich erkannt, hätte ich zuerst Sie und dann Christine erschossen und dann noch so viele weitere Leute, wie ich erwischen hätte können, bevor ich selbst erschossen worden wäre." Raoul schauderte und begann zu zittern, als ihm klar wurde, wie nah sie an einer Katastrophe vorbeigeschrammt waren. "Das ist Wahnsinn", flüsterte er schockiert. Erik nickte und fuhr mit einem heiteren Plauderton fort: "Da bin ich ganz bei Ihnen. Mein eigentlicher Plan war, wie Sie und Christine völlig richtig erraten haben, Sie in den Wahnsinn zu treiben. Ich wusste, was Angst aus einem Menschen machen kann und ich wollte Sie in den selben Strudel ziehen, in dem ich ja bereits unterging. Ich wollte Sie beide so weit bringen, dass sie sich selbst umbringen." "Das ist Ihnen beinahe gelungen", bemerkte Raoul, "Woher der Sinneswandel?"
Erik lachte wieder. Kein hysterisches Lachen sondern ein bitteres, humorloses Lachen. "Ich habe mit der Ausführung des Plans gar nie begonnen", prustete er lachend. "Wie bitte?" gab Raoul zurück, "Das ist jetzt aber nicht wahr?" "Doch!" stieß Erik hervor, der seinen Lachanfall nicht kontrollieren konnte, "Ich habe ABSOLUT GAR NICHTS getan!" Eriks Lachen verwandelte sich in ein Schluchzen. "So viele Messen kann ich gar nicht komponieren, wie ich dankbar bin, dass Gott mir einen letzten Funken Gewissen geschenkt hat. Christine war schwanger und trotz meinem Wahn hatte ich so viel Vernunft übrig, dass ich mir sagte, mit dem Kind habe ich ja keinen Streit, das Kind kann ja nichts dafür, es soll leben. Daher habe ich die Ausführung des Plans auf nach der Geburt verschoben."
"Wann haben Sie den Plan aufgegeben?" fragte Raoul. Erik weinte jetzt. "Als Sie mich zum Paten Ihrer Tochter gemacht haben. Ich wollte es Ihnen ausreden... ich habe Sie gewarnt... aber als ich Marie im Arm hielt, war es um mich geschehen."
Erik verbarg sein Gesicht in den Händen. Er weinte jetzt und konnte die Tränen nicht stoppen. "Ich wollte nicht mehr, dass es Ihnen oder Christine schlecht geht, ich habe alles getan, um Ihnen die Angst zu nehmen, aber immer, wenn Sie sich beruhigt hatten, ist irgendetwas passiert und... es war, als würde ich gegen das Phantom nicht ankommen... Mein Plan war anscheinend so gut gewesen, dass ich gar nichts tun musste, der Plan führte sich von selbst aus und ich konnte ihn nicht stoppen. Ich sah Sie leiden und es hat mich innerlich zerrissen. Sie können sich nicht vorstellen, wie das für mich war. Ich hatte etwas in Gang gesetzt, was ich trotz aller Bemühungen nicht mehr stoppen konnte."
"Erwarten Sie jetzt Mitleid von mir?" fragte Raoul kalt. Erik schüttelte den Kopf und wischte die Tränen weg. "Nein, ich bade mal wieder in Selbstmitleid. Sie haben Recht, das steht mir nicht zu und ist erniedrigend" sagte er und atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen, bevor er fortfuhr: "Ich hätte es stoppen können, indem ich ein Geständnis abgelegt hätte, aber ich war zu feige. Feigheit, einfach Feigheit und Egoismus. Sie waren gut zu mir, sehr gut sogar, verdammt, ich wollte Sie nicht mögen aber Sie haben etwas an sich, dass Sie einfach... Sie sind ein guter Mensch, Monsieur de Chagny, und ich habe irgendwann festgestellt, dass ich Sie irgendwie gern mag."
Wieder schwiegen beide Männer. "Das Orgelspielen?" fragte Raoul. Erik seufzte: "Ich hatte solche Sehnsucht nach Musik... ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Das habe ich dann bitter bereut."
"Was ist eigentlich wahr von dem ganzen Müll, den Sie erzählt haben?" Erik lachte wieder: "Ob Sie es glauben oder nicht - das meiste ist wahr. Ich habe einfach ein paar Kleinigkeiten ausgelassen und Sie haben sich dann aus den lückenhaften Bausteinen ein falsches Mosaikbild zusammengebastelt."
"Was Sie dem jungen Dubois erzählt haben? Wahr oder gelogen?"
"Leider großteils wahr. Allerdings bin ich nicht als Soldat gefangen genommen worden sondern als etwa neunjähriges Kind. Die Folterungen und... das andere..." Erik schluckte "ist leider wahr. Ich bin so oft gebrochen worden, dass ich gelernt habe, genau jene Rolle anzunehmen und bis zur Perfektion zu spielen, die von mir gewünscht wird. Ich weiß manchmal selbst nicht mehr, was bin noch ich und wo beginnt die Rolle, die ich gerade spiele. Oft fällt es mir schwer, mich aus einer Rolle zu lösen, weil ich eigentlich gar nicht ich sein möchte sondern jemand anders. Das Phantom der Oper, der arme unglückliche Erik, der zynische Soldat Pierre Bertrand - das sind doch alles mehr oder weniger Rollen. Irgendwie sind alles Fragmente von mir, aber ich bin nie ganz. Ich verstehe das selbst nicht."
"Wie lange waren Sie gefangen?" fragte Raoul, der nun nicht anders konnte als Mitleid zu empfinden, nicht mit dem Mann vor ihm, aber mit dem Kind, das dieser einmal gewesen war. "Sechs Jahre. Ich wurde aber nicht durchgehend gefoltert, das hätte ich gar nicht überlebt", schränkte Erik ein. "Die Geschichte von dem Massaker?" fragte Raoul weiter. "Bedauerlicherweise die Wahrheit. Ich war in Persien. Eigentlich sollte ich dort nur als Zauberkünstler und Architekt arbeiten, geworden bin ich eine Schreckensgestalt. Es gab Rebellen, die gegen das Regime gekämpft haben und ich war für die Folterung zuständig. Der Schah hatte eine kleine Auseinandersetzung mit einem Emir und ich war Teil seiner Strategie... ich sollte die abergläubischen Männer überzeugen, dass ich ein Dschinn, ein böser Geist, wäre, der dem Schah zu Diensten war. Das hat... Jahre gedauert. Ein jahrelanges Blutbad..." Erik würgte und spuckte Blut aus. Dann nahm er wieder einen Schluck aus seinem Flachmann.
Wieder trat eine Stille ein. "Der Mann, der Sie verfolgt?" fragte Raoul weiter. "Den kennen Sie als den Perser. Er ist mein Freund, und ja, ich habe seinen Sohn getötet, nur war der nicht verwundet sondern krank. Aber sonst stimmt die Geschichte, inklusive des Teils, dass er mich zu einem besseren Menschen erziehen will. Als ob es für mich nicht schon lang zu spät wäre."
"Wieso hat Christine Sie nicht erkannt?" fragte Raoul. Es wollte einfach nicht in seinen Kopf, wieso Christine Erik nicht erkannt hatte. Erik antwortete ernst: "Sie wissen doch sicher, wie stark kurzsichtig sie ist. Sie erkennt Menschen hauptsächlich an der Stimme. Deshalb habe ich wie verrückt angefangen zu rauchen, um meine Stimme zu verändern." Er schüttelte den Kopf, als er weitererzählte: "Ich wusste, dass ich meine Stimme damit ruiniere. Ich wusste, dass ich das nie mehr rückgängig machen kann, nur war mir das in dem Moment egal. Ich wollte ja sowieso nicht weiterleben, ich wollte ja sowieso sterben, aber ich wollte sie beide mit mir in den Abgrund reißen. Mein Hass war so furchtbar, er hat mich selbst verzehrt. Ich habe das Rauchen eingeschränkt, aber meine Stimme wird sich nie wieder ganz erholen. Es reicht noch, um Marie einfache Liedchen vorzusingen, und mit dem ersten Sänger der Pariser Oper würde ich es auch aufnehmen, aber ich weiß, was ich durch meine eigene Dummheit verloren habe. Ich werde nie wieder Perfektion erreichen."
"Was ist mit Ihrem Auge?" fragte Raoul. "Das war immer schon so. Das linke ist recht normal, wirkt nur bei Sonnenlicht gelb. Das rechte ist hässlich, grau und rot, ich hasse es. Aber ich sehe sehr gut, auch in der Dunkelheit. Christine... sie hat Ihnen gesagt, dass man meine Augen oft gar nicht sieht, nicht wahr? Das liegt daran, das sie einfach so kurzsichtig ist und bei schlechter Beleuchtung fast blind."
Wieder trat eine unangenehme Stille ein. "Stört es Sie, wenn ich mein Jackett wieder anziehe? Mir wird kalt", sagte Erik. "Machen Sie nur", antwortete Raoul geistesabwesend und erst als Erik das Jackett wieder angezogen hatte, wurde ihm klar, dass Erik auch seine Waffen wieder an sich genommen hatte. Das war mehr als beängstigend.
"Was machen wir jetzt?" fragte Erik. Raoul wusste es auch nicht. "Ich habe keine Ahnung", gab er zu, "Was würden Sie an meiner Stelle tun?" Erik sah ihn entgeistert an: "Das fragen Sie mich aber jetzt nicht im Ernst?" Nun war es Raoul, der lachen musste. Die Frage war so selbstverständlich über seine Lippen gekommen, so aus Gewohnheit, wie er Pierre... der ja eigentlich immer schon Erik gewesen war... schon so oft gefragt hatte. "Ich sehe nicht ein, warum ICH diese Verantwortung alleine tragen soll", antwortete er beinahe trotzig, "SIE sind schuld an dieser verfahrenen Situation. Also sollten Sie sich zumindest Gedanken darüber machen, wie wir da wieder rauskommen."
"Sie wollen mich also nicht umbringen", stellte Erik fest. "Nein, im Gegensatz zu Ihnen bin ich kein Mörder", zischte Raoul. "Ich habe keinen Plan B", antwortete Erik, "Das hier war... komplett unüberlegt. Christines Zusammenbruch heute und Dr. Martins Warnung... ich habe es nicht mehr ausgehalten." "Trotzdem gibt es hier ein Grab und Sie haben ein Notizbuch vorbereitet", bemerkte Raoul. "Aufmerksam von Ihnen", lobte Erik und schien beinahe stolz auf Raoul zu sein, "Das ist doch schon seit Monaten fertig. Ich hatte das vorbereitet aber dann, nun ja, es war pure Feigheit... ich habe mich einfach nicht getraut."
"Lieben Sie Christine noch?" fragte Raoul. "Ja", sagte Erik und zum ersten Mal blickten sich die beiden Männer direkt in die Augen, "Sie wird immer meine große Liebe sein." "Meine auch", gab Raoul herausfordernd zurück, "Was ist mit Babette?"
"Babette weiß bescheid. Sie weiß, dass ich sie nie so lieben kann, aber ich weiß auch, dass ich in ihrem Leben der siebenundzwanzigste Mann bin. Eigentlich wollte ich mich nie auf Babette einlassen, aber... es ist so, dass ich nie gelernt habe, nein zu sagen, wenn eine Frau mich verführen will, ich war noch nie in der Verlegenheit. Ich finde Babettes Humor und Lebensfreude einfach erfrischend. Sie weiß auch, wer ich wirklich bin. So etwas lässt sich nicht verbergen, in gewissen Situationen... Sie verstehen?" "Wer weiß es noch?" "Dr. Martin", antwortete Erik promt, "Als er mir die Kugel aus der Schulter geschnitten hat, habe ich es ihm gestanden, für den Fall, dass ich sterben würde, sollte er es Ihnen sagen."
Wieder schwiegen beide. "Sie haben Ihr Leben für mich riskiert", sagte Raoul schließlich, "Wieso?"
Erik seufzte. "Nennen wir es ein deja vu. In Persien habe ich mich mit dem Daroga angefreundet, er hat mich in seinen wundervollen Palast eingeladen und ich habe dort einige der schönsten Stunden meines Lebens verbracht. Wenn es um Glück geht, werde ich nie mehr als eine Statistenrolle spielen. Ich kann anderen zusehen, wie sie glücklich sind, mehr ist für mich nicht möglich. Als Sie mich zum Taufpaten Ihrer Tochter gemacht haben, habe ich mir eingeredet, wieder dieses Glück erleben zu können, ein bisschen an Ihrem Glück teilhaben zu können. Und Marie... Marie ist so ein wundervolles Mädchen. Ich habe sie oft in der Nacht aus dem Bettchen geholt, um ihr im Musikzimmer vorzusingen, soweit mir das eben noch möglich war. Sie hat auch mein nacktes Gesicht gesehen und niemals Angst oder Ekel gezeigt. Sie liebt mich, wie nur ein unschuldiges Kind einen lieben kann. Ich konnte doch nicht zulassen, dass sie den Vater verliert."
"Ist noch was in der Flasche?" fragte Raoul und Erik reichte ihm wortlos seinen Flachmann. Raoul nahm einen kräftigen Schluck. "Jetzt ist sie leer", bemerkte er. "Zigaretten haben Sie noch?" Erik schüttelte den Kopf. "Bedaure." Nun fiel Raoul nichts mehr ein, wie er Zeit gewinnen konnte. Daher fragte er: "Wie soll es jetzt weitergehen?"
Erik seufzte: "Da Sie mich nicht umbringen wollen... keine Ahnung." "Sie können nicht mehr ins Chateau, das verstehen Sie doch? Ich kann Sie nicht mehr in die Nähe meiner Familie lassen." Erik antwortete resigniert: "Ist mir klar. Aber würden Sie tolerieren, dass ich... als Bettler und Landstreicher in der Gegend bleibe? Nachdem ich dem guten Daroga den Schlüssel zu meiner Wohnung unter der Oper gegeben habe, habe ich nichts mehr, wo ich hingehen kann. Oder würden Sie mich verhaften lassen?" "Sie können nicht hierbleiben", widersprach der Vicomte. Erik begann zu zittern, dann brach er in Tränen aus. Mit einer so heftigen Reaktion hatte Raoul angesichts der zuvor gezeigten Resignation nicht gerechnet. "Bitte nicht..." flüsterte Erik, "Töten Sie mich einfach."
"Sie würden eher sterben als wegzugehen?" fragte Raoul. "Ich kann nicht mehr", schluchzte Erik, "Ich habe das schon so oft durchgemacht, ich kann einfach nicht mehr. Bitte, es ist wirklich gnädiger, wenn Sie mich jetzt umbringen."
"Sie wollen also unbedingt bleiben", stellte Raoul verärgert fest, "Und wie stellen Sie sich das vor? Sollen wir einfach ins Chateau spazieren und ich sage zu Christine "War ein schöner Ausritt, ach übrigens, Pierre und Erik sind ein und derselbe, so und was gibt es zum Abendessen?" Nein, so geht das nicht." Erik verzog das Gesicht. "Müssen wir es ihr sagen?" fragte er, "Können wir nicht sagen, wir haben Erik heute umgebracht und im Wald verscharrt?" "Was?" Raoul schrie vor Wut, "Kaum wissen Sie, dass ich Sie nicht umbringe, fällt Ihnen schon wieder nichts als lügen ein? Lügen, Täuschen, Hinterlist, sonst fällt Ihnen gar nichts ein? Und es gibt in dieser Sache kein WIR, ist das klar? Ich fragte, IST... DAS... KLAR?"
Erik duckte sich erschrocken. "Ja, ist klar, Sie haben ja Recht", gab er widerwillig zu, dann fügte er hinzu: "Aber... was machen wir wirklich? Ihre Frau soll sich nicht aufregen, wie bringen wir ihr schonend bei, wer ich bin?" "Ich habe keine Ahnung, aber wir können auch nicht ewig auf diesem Baumstamm sitzen bleiben."
Erik spuckte wieder Blut aus. Raoul sah ihn an und sah deutlich das Blut, das bereits durch das Jackett sickerte, besonders aus dem linken Ärmel tropfte bereits Blut. Der graue Bart war auch voll Blut, das Erik aus dem Mundwinkel lief. "Sind Sie schwer verletzt?" fragte er nun doch besorgt. "Nein, ist nur ein ausgeschlagener Zahn und ein paar blutige Striemen. Nichts, was ich nicht schon gehabt hätte. Vermutlich haben Sie mir mit dem Tritt ein oder zwei Rippen gebrochen."
"Habe ich Sie getreten?" fragte Raoul, der sich daran nicht erinnern konnte. "Ja, haben Sie."
"Tut es sehr weh?"
"Verglichen mit dem, was ich Ihnen angetan habe, ist das gar nichts." Raoul überlegte. War das jetzt ernst gemeint oder versuchte Erik gerade, ihn geschickt zu manipulieren? Erik schien wild entschlossen zu sein, nicht wegzugehen. Raoul wusste einfach nicht, was er tun sollte. Einerseits stimmte es ja, Erik hatte ihm bereits das Leben gerettet und Erik hatte ihm geholfen, als er sich bei der Weihnachtsfeier betrunken hatte. Und, auch wenn er es in dem Moment nur schwer zugeben konnte, der Vicomte mochte den Mann, den er als Pierre Bertrand kannte. Er fragte sich, wie viel von dem echten Erik in Pierre gesteckt hatte. "War alles nur vorgetäuscht?" fragte er, "Ich habe Pierre als... als eine Art Freund gesehen, haben Sie mich nur manipuliert?" Erik schüttelte den Kopf. "Was Sie an Pierre schätzten, das war echt, das war ich, soweit ich das selbst einschätzen kann. Das ist bei mir nicht ganz einfach, ich belüge mich ja selbst auch ständig."
Nun war es Raoul, der fragte: "Und was machen wir jetzt?" "Sie meinen, abgesehen davon, dass wir uns im Kreis drehen?" fragte Erik mit einem Anflug von Heiterkeit, "Es muss doch eine Möglichkeit geben, es Ihrer Frau schonend beizubringen." Erik spukte wieder Blut aus, dann hustete er. "Sie brauchen einen Arzt", entschied Raoul, "Ich werde nicht zulassen, dass Sie durch meine Hand sterben. Kommen Sie, ich bringe Sie zu Dr. Martin, danach sehen wir weiter."
Erik versuchte sein Pferd zu besteigen, nachdem er Augenklappe und Nase aufgesetzt hatte, aber er schaffte es erst, als er das Tier zu dem Baumstamm führte und dann von dem Baumstamm aus auf den Rücken des Pferdes kletterte.
Schweigend ritten sie zurück zu dem Chateau. Raoul ritt voraus, wohl wissend, dass Erik Waffen bei sich trug, aber er war sicher, dass Erik ihn nicht in den Rücken schießen würde. Als sie den Kiesweg zum Chateau entlang ritten, sprang plötzlich die Tür auf und Babette stürzte in Tränen aufgelöst ihnen entgegen. "Er lebt noch", rief sie, "Gott sei Dank, er lebt." Erik rutschte vorsichtig vom Pferd. "Was ist passiert?" fragte Babette erschrocken, als sie das Blut sah. "Ich bin vom Pferd gefallen", sagte Erik. "Vom Pferd gefallen? Du? Das glaubst du ja selber nicht." Erik warf einen Blick auf Raoul. Babette ging zu dem Vicomte und sagte: "Danke, Monsieur, dass Sie ihn mir zurückgebracht haben. Er hat mir einen Brief gegeben, bevor er mit Ihnen losgeritten ist, dass er jetzt mit dem Leben bezahlen muss für das, was er getan hat und endlich den Mut gefunden hat, für seine Taten einzustehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn lebend wiedersehe. Danke, danke, danke!"
"Er braucht einen Arzt", wehrte Raoul ab. Gemeinsam brachten sie Erik zu Dr. Martin, der entsetzt war, als er das Blut in Eriks Bart und Jackett sah. Vorsichtig half er ihm aus dem Jackett und dem zerrissenen Hemd. "Mund auf" befahl der Arzt und Erik gehorchte. "Das hat Sie bös erwischt. Ein Zahn ausgeschlagen und..." er tastete vorsichtig Eriks Kiefer ab "vermutlich kein Bruch, ich bin aber nicht sicher, zwei weitere Zähne abgebrochen, die werde ich Ihnen ziehen müssen, die Schmerzen sind sonst höllisch, die anderen Zähne teilweise verschoben. Wie ist das denn passiert?" "Bin vom Pferd gefallen", behauptete Erik. Dr. Martin sah die blutigen Striemen auf Eriks Rücken und dem linken Arm. "Vom Pferd gefallen?" fragte er skeptisch. "Ja, direkt in ein Gebüsch, so ein Pech", beharrte Erik. Dr. Martin tastete vorsichtig Eriks Rippen ab. "Zwei gebrochene Rippen. Ich werde die Wunden reinigen und Ihnen einen Verband um den Brustkorb legen, mehr kann ich nicht tun. Sie sollten die nächsten Tage im Bett bleiben."
Raoul spürte, wie im schlecht wurde. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass er Erik derart verletzt hatte, er konnte sich nur an einen Faustschlag und ein paar Schläge mit der Reitgerte erinnern. Es war wohl etwas mehr. "Sie können die Nase abnehmen, wenn Sie dann besser atmen können", sagte Raoul. Dr. Martin sah ihn überrascht an. "Hat er... es Ihnen gestanden, bevor er vom Pferd gefallen ist?" fragte der Arzt missbilligend, dann schob er Raoul und Babette aus dem Zimmer: "Ich behandle ihn jetzt, das ist meine Pflicht als Arzt. Danach können Sie ihn immer noch erschlagen."
Als Erik aus dem Behandlungszimmer kam, warteten Raoul und Babette auf ihn. Erik hatte das Jackett wieder angezogen und seinen Bart gereinigt. Trotzdem sickerte immer noch Blut aus seinem Mund und es zeigte sich eine deutliche Schwellung am Kiefer. Erik sah Raoul an und bat leise, ob er sich noch umziehen dürfte, bevor er das Chateau für immer verlassen würde. "Woher der Sinneswandel? Ich dachte, Sie wollten unbedingt bleiben?" fragte Raoul. "Dr. Martin hat mir gesagt, dass Christine beinahe das Kind verloren hätte. Es lebt, aber sie muss den Rest der Schwangerschaft liegend verbringen. Ich habe kein Recht, irgendetwas zu wollen. Verzeihen Sie, dass ich überhaupt daran gedacht habe. Ich werde Sie nie wieder belästigen."
"Nein!" rief Babette, "Geh nicht!" dann wandte sie sich an den Vicomte: "Bitte Monsieur, er ist verletzt, bitte schicken Sie ihn jetzt nicht fort! Ich übernehme die volle Verantwortung für alles, was er tut, aber lassen Sie ihn bitte noch hier, zumindest, bis er etwas gefunden hat, wo er hingehen kann." "Sie lieben ihn", stellte Raoul fest. "Ja, ich liebe diesen egozentrischen, eitlen, verlogenen, wehleidigen Mistkerl", sagte Babette, "Deshalb bitte ich Sie, ihm Zeit zu geben, gesund zu werden. Dann können Sie uns beide gemeinsam rauswerfen, wenn Sie darauf bestehen." Erik starrte die dicke Frau an. "Babette, ich habe nichts mehr, kein Geld, keine Bleibe, nichts. Ich bin auch nicht mehr jung und stark genug, um nochmal von vorne anzufangen. Ich werde als Bettler auf der Straße enden, da kann ich dich nicht mitnehmen." Raoul beobachtete, wie die beiden sich ansahen. Dann entschied er: "Ab ins Bett Monsieur Bertrand und dort bleiben Sie die kommende Woche. Babette, er wird außer Brei nichts essen können. Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich, dass er wieder auf die Beine kommt!" "Jawohl, Monsieur!" strahlte Babette, "Und vielen, vielen Dank!"
"Danke", sagte Erik beschämt.
"Glauben Sie bloß nicht, dass Sie so einfach davonkommen", knurrte Raoul, "Sobald mein zweites Kind geboren ist, werden Sie meine Frau auf Knien um Verzeihung bitten. Und wagen Sie es ja nicht, sich dem zu entziehen!"
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Erik hat alle an der Nase herumgeführt und ich meine Leser, oder habt Ihr vermutet, dass Pierre und Erik die selbe Person sind? Mir ist beim Lesen von Leroux Buch aufgefallen, dass Erik eigentlich ziemlich oft blufft. Er tut gefährlicher, als er ist. Er spielt mit seinem Ruf als Monster, hat aber auch eine verspielte, kindliche Seite und er zeigt durchaus auch Gewissensbisse. Manchmal wirkt Erik für mich wie ein verängstigtes Kind, das sich ein Phantasiemonster erschafft, das es vor der Welt beschützen soll.
Das war NICHT das letzte Kapitel, es geht noch weiter.
Igenlode: ich weiß, dass du Pierre und Erik nicht als den selben Mann sehen willst, und in gewisser Weise sind sie es auch nicht - Pierre ist eine Rolle, die Erik spielt
