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„Marian?" Fragend sah er sie an, war es möglich? Seine Stimme riss sie aus ihrer Starre. Hastig erhob sie sich. „Ich … ich bin müde und gehe zu Bett", stotterte sie plötzlich nervös. Die Worte ihres Vaters, der Kuss und ihn so nahe vor sich zu haben, das war einfach zu viel für sie. Sie fühlte sich vollkommen verwirrt und aufgelöst. Fahrig strich sie sich durch die Haare. Von ihrem kunstvollen Knoten zu dem sie sie heute Morgen geschlungen hatte, war kaum noch etwas übrig. Wild und unbändig fiel ihr ihr braunes Haar auf die Schultern. Guy hatte sich ebenfalls erhoben und eilte hinter ihr her. „Wartet!", rief er ihr befehlend zu. Automatisch blieb sie stehen.

„Lauft nicht immer fort von mir!", sagte er mit dunkler, belegter Stimme. Viel zu dicht stand er vor ihr, sie konnte nicht einmal mehr richtig durchatmen. Doch plötzlich ertappte sie sich dabei wie sie ihre Hand hob und ihm über das Gesicht strich, ganz so als müsste sie sich davon überzeugen, dass er wirklich da war. Hastig, als hätte sie sich die Finger verbrannt, zog sie sie wieder zurück. „Ich werde Euch niemals lieben!", versuchte sie sich leise zu wehren, aber zum ersten Mal fehlte die nötige Überzeugung in ihrer Stimme, die diese Aussage glaubwürdig machen könnte. Bevor sie die Hand in den Falten ihres Rockes verstecken konnte, fing er sie ein und hielt sie fest.

„Vor einer Woche hätte ich Euch noch jedes Wort geglaubt, doch nach gestern Nacht habe ich wieder Hoffnung,dass Ihr Euch eines Tages anders besinnen könntet!" Zart hauchte er einen Kuss auf die Innenfläche ihrer Hand. Marian erschauderte bis in die Zehenspitzen über diese intime Berührung und ihre Wangen färbten sich rot. „Das dürft Ihr nicht", brachte sie leise über die Lippen. Zärtlich legte er seine Hände um ihr Gesicht und sah ihr tief in die braunen Augen.

„Du kannst mir immer nur widersprechen, selbst dann, wenn dein Körper und dein Herz etwas ganz anderes wollen!" Aufkeuchend schnappte sie nach Luft. Seine Worte kamen der Wahrheit gefährlich nahe. Sie wollte es nicht, aber sie begann ihn zu begehren. „Niemals!", hauchte sie, riss sich los und rannte, so schnell sie ihre Füße tragen konnten, nach oben. Vollkommen außer Atem lehnte sie sich von innen gegen ihre Tür und lauschte. Kam er ihr nach? Wenn er sie jetzt in die Arme nehmen würde … sie ballte ihre Hände zu Fäusten und drückte sie fest gegen das harte Holz der Tür. Ein leises Schaben an ihrer Tür ließ sie beinahe vor Schreck aufschreien.

„Marian?" Gedämpft erklang seine Stimme. Sie schloss die Augen und presste ihre Hände auf ihre Ohren. Sie wollte ihn nicht sehen und nicht hören. Sie wollte nichts für ihn empfinden. Guy of Gisborne war ein böser Mensch und für so jemanden durfte sie nichts fühlen. Marian hörte wie er sich von ihrer Tür entfernte und in seine Kammer ging. Erleichtert atmete sie auf. Plötzlich gaben ihr die Knie nach und sie sank zu Boden. Ihr Vater hatte Unrecht. Es war nicht so einfach, wie er gesagt hatte. Wenn er ihr gleichgültig wäre, könnte sie mit ihm eine Kammer teilen, aber so stand für sie zu viel auf dem Spiel.

Sie hatte Angst vor ihren eigenen Gefühlen, vor der Reaktion ihres Körpers, der sie gnadenlos an ihren Feind verriet. Sie konnte ihm nicht nachgeben, zu groß war die Gefahr, dass sie daran gefallen finden könnte. Marian wollte nichts schön finden, was mit ihm zu tun hatte. Was wäre sie nur für ein Mensch, wenn sie es täte? Machte sie das nicht automatisch zu jemanden den sie verachten müsste? Niemals mehr würde sie ihren Anblick im Spiegel ertragen können.

Bis aufs äußerste gespannt stand er in seiner Kammer. Das Verlangen nach ihr war beinahe übermächtig in ihm. Er stand knapp davor einfach in ihre Kammer zu stürmen, sie aufs Bett zu werfen und sich zu nehmen, wonach sein Körper schmerzhaft verlangte. Er wollte sich in ihren weichen Tiefen verlieren – immer wieder. Denn, da war er sich ganz sicher, einmal wäre nicht genug. Niemals! Erregt zog er sein Hemd über den Kopf. In ihm brannte ein Feuer, das ihn zu verbrennen drohte. Mit bloßem Oberkörper stand er heftig atmend da, verzweifelt bemüht seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Entschlossen seinem Leiden ein Ende zu setzen, riss er seine Tür auf und stürmte nach unten.

Hart krachte die Tür gegen die Wand, doch das war ihm egal, er lief mit großen Schritten nach draußen zu dem Brunnen. Aus den Tiefen des Schachtes schöpfte er einen Eimer voll Wasser und beförderte ihn an die Oberfläche. Guy packte ihn mit beiden Händen und goss sich das eiskalte Wasser über den Kopf. Es brachte ihn wieder zu Besinnung und fürs erste hatte er sich wieder unter Kontrolle. Schwer stützte er sich am Brunnenrand ab und schloss die Augen. Guy kannte jede Art von Folter und war auch schon gezwungen gewesen sie selbst anzuwenden, aber nichts war vergleichbar mit dem, was er, seitdem er mit Marian verheiratet war, durchleiden musste. Tief atmete er durch. Wie lange noch würde er es ertragen können?

Sie hatte gehört, wie er das Haus verließ. Neugierig trat sie an ihr Fenster und blickte hinab. Mit bloßem Oberkörper eilte er zum Brunnen und übergoss sich mit kaltem Wasser. Es war ein dämonischer Anblick. So wie er da stand, abgestützt am Brunnenrand, konnte man beinahe auf den Gedanken kommen, er wäre direkt aus der Unterwelt emporgestiegen und doch fand sie ihn, gegen ihren Willen, anziehend. Plötzlich richtete er sich wieder auf, schüttelte sich das Wasser aus den Haaren und ging auf das Haus zu. Ängstlich trat sie schnell einen Schritt zurück. Sie wollte nicht, dass er sie dabei entdeckte wie sie ihn beobachtete. Es würde ihn nur auf falsche Gedanken bringen. Marian zwang sich dazu, sich ins Bett zu legen und die Augen zu schließen, mit dem festen Vorsatz sofort einzuschlafen und keinen sinnlosen Gedanken mehr an Guy zu verschwenden. Es sollte eine sehr lange Nacht für sie werden.

Er kehrte in seine Kammer zurück, kurz hielt er dabei vor ihrer Tür inne und lauschte. Doch kein Laut drang an sein Ohr. Bestimmt lag sie schon in ihrem Bett und dachte bereits nicht mehr an ihren ungewollten Ehemann. Automatisch entstand vor seinem Auge ein Bild von ihr, wie sie im Bett lag, und beinahe wäre er wieder nach unten zum Brunnen geeilt. Doch diese Schwäche würde er sich nicht eingestehen. Er war Manns genug, damit auch ohne kaltem Wasser fertig zu werden. Etwas steif bewegte er sich in seine Kammer und trocknete sich mit einem groben Tuch ab, dabei betrachtete er die hässliche rote Narbe, die er Robin zu verdanken hatte.

Die Wunde war gut abgeheilt, doch da er sich nicht geschont hatte war die Haut zu einem dicken, gezackten Wulst zusammengewachsen. Über die Jahre hinweg würde sie bestimmt genauso verblassen wie all die anderen Narben auch. Er schenkte ihnen keine Beachtung mehr und dennoch hatte es sich bis tief in seine Seele eingebrannt, von wem er jede einzelne erhalten hatte und auch wofür. Guy warf sich auf sein Bett und starrte an die Decke. So hatte er sich sein Leben nicht vorgestellt. „Du wirst dich früher oder später von all deinen Illusionen trennen müssen!" Die Worte seines Lehrmeisters. Er hatte sie damals, als junger Bursche von gerade mal 16 Jahren, nicht geglaubt, doch heute sah er das anders.

„Prinz John beehrt uns in den nächsten Tagen mit seiner Anwesenheit und ich wünsche, dass Ihr mir rund um die Uhr zur Verfügung steht!", befahl ihm der Sheriff. „Natürlich dürft Ihr Euer geliebtes Weib … Ihr habt Euch Ihrer noch nicht zufällig entledigt?... gerne herbringen, damit sie Euch in den kalten Nächten das Bett wärmt."

Grenzenloser Hass stieg bei diesen Worten in Guy auf. Der alte Mistkerl wusste es. Er wusste, dass er und Marian hier im Schloss, bis auf eine Nacht, nie die Kammer geteilt hatten und so lag für ihn bestimmt die Vermutung nahe, dass sie es noch immer nicht getan hatten. Und genau deshalb trieb er diesen giftigen Stachel, der sich bereits in Guys Herz gebohrt hatte, noch tiefer hinein und drehte ihn genüsslich um. Heute Morgen hatte er das Haus bereits beim ersten Grau des Tages verlassen. Er wollte sie nicht sehen, da er sich nicht sicher war, wie er auf ihren Anblick reagieren würde.

Von Küssen bis Erwürgen lag momentan für ihn alles in Reichweite. Es gab Augenblicke, da könnte er sie ohne mit der Wimper zu zucken umbringen, und dann gab es wiederum jene, und zu seinem Leidwesen überwiegten diese auch, wo er sie bis zur Besinnungslosigkeit lieben wollte. Er wollte eintauchen in den Wonnen die ihr Körper versprach und dabei jeden Zentimeter ihrer Haut erkunden.

Ein leises Knurren stahl sich von seinen Lippen, als er merkte wie sich in tieferen Regionen bei ihm etwas zu regen begann. Das war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Der Sheriff betrachtete ihn neugierig und zog wissend eine Augenbraue in die Höhe. „Meine Gemahlin wird sich über diese Einladung sehr freuen!" Widerwillig verneigte sich Guy und verließ mit großen Schritten den Raum. Es gab viel zu tun für ihn. Da sich Robin in den vergangenen Tagen ungewöhnlich ruhig verhalten hatte, konnte Guy ihn derzeit leider nicht dingfest machen.

Die Ankündigung des Sheriffs, dass schon bald Prinz John im Schloss weilen würde, machte die Sache nicht besser. Ausführlich besprach er mit seinen Männern, wie man am Besten die Sicherheit des Prinzen gewährleisten konnte. Guys größte Sorge war, dass Robin unbemerkt ins Schloss eindrang und irgendwelchen Schaden anrichten könnte. Der Sheriff würde vermutlich ihm die Schuld geben und ihm die Haut mit einer Peitsche höchstpersönlich abziehen. Nachdem das erledigt war, machte er sich auf den Weg in den Kerker. Zur Unterhaltung von Prinz John erwartete der Sheriff bestimmt eine anständige Hinrichtung. Im Kerker bot sich ihm eine gute Auswahl, da es zu jeder Zeit immer genügend Verbrecher gab.

Marian war froh, dass Gisborne längst fort war. Für heute hatte sie sich fest vorgenommen ins Dorf zu reiten und nach dem Rechten zu sehen. Früher gehörte das zu ihren Aufgaben, da ihr Vater der Sheriff von Nottingham war. Sie sah nach den Kranken und Alten, brachte den Armen zu essen und hörte sich die Probleme der Dorfbewohner an, nebenbei spielte sie mit den Kindern. Seit Gisborne sie ihm Schloss eingesperrt hatte und danach … Sie war auf einen Ehe nicht vorbereitet gewesen und schon gar nicht auf ihren Ehemann.

Neben Brot packte sie auch noch einige Münzen ein. Sie hatte selbst nicht viel, aber in der Regel wusste sie, dass Geld immer half, schon alleine um davon die Steuern begleichen zu können, ohne etwas anderes dafür hergeben zu müssen. Marian sattelte ihre Stute und schwang sich auf ihren Rücken. In diesem Moment kam ihr Vater aus dem Haus. „Hälst du das für klug?", fragte er sie und hielt dabei ihre Zügel fest. „Wie meinst du das?" Sie verstand ihn nicht.

„Dein Mann wird darüber nicht glücklich sein, wenn du ins Dorf gehst." Er wollte sich den Frieden in seinem Haus, in dem er nur mehr geduldeter Gast war, erhalten. „Du meinst wohl nachdem was er ihnen angetan hat? Er ist beim Sheriff oder jagt irgendeinen armen Teufel, der das Pech hatte sich hier eine Straftat zu schulden kommen zu lassen. Ganz bestimmt treibt er sich nicht im Dorf herum, um nach mir zu suchen!", versuchte sie ihn zu beruhigen und trieb ihr Pferd an.

Marian musste wissen wie es ihnen ging, nachdem was Gisborne ihnen angetan hatte. Automatisch ließ ihr Vater die Zügel los. Sie ließ die Stute in einen gemächlichen Trab fallen und konzentrierte sich ganz auf ihren Weg. Nicht länger wollte sie an ihren Vater denken, geschweige denn an seine Worte. Gisborne kam nur selten ins Dorf und heute war er bestimmt nicht dort. Nein, ganz bestimmt nicht.

Warum er den Weg ins Dorf eingeschlagen hatte, wusste er selber nicht genau. Vielleicht wollte er sich auf die Spurensuche nach Robin machen. Ihn verband sehr viel mit dem Dorf. Ein guter Ansatz um dort zu beginnen. Es lag bestimmt nicht an Marian, die sich so selbst aufopfernd für die Menschen dort einsetzte und so seine Neugierde geweckt hatte. Diese Verbundenheit zu anderen, die weder mit einem verwandt, oder sonst einen Nutzen für einen hatten, war ihm fremd.

Doch Marian war es egal, ob sie eine Gegenleistung dafür erhielt, sie half trotzdem. Sie besaß unter ihrer ruppigen, rauen Schale ein weiches, gutes Herz. Als er um die letzte Biegung bog, sah er als erstes ein vertrautes Pferd, das vor einem der Häuser angebunden war, doch von ihr fehlte jegliche Spur. Er stellte seinen Hengst unweit neben die Stute und machte sich auf die Suche nach ihr. Guy hörte ihr Lachen, bevor er sie sah.

Seit sie verheiratet waren, hatte sie nicht mehr gelacht. Nicht einmal gelächelt. Dabei besaß sie ein bezauberndes Lächeln. Ihm war klar, dass, sobald sie ihn sehen würde, ihr Lachen aus ihrem Gesicht unwiederbringlich verschwinden würde, so als hätte es dieses nie gegeben. Sie spielte gerade mit den Kindern.

Die Umstände im Dorf waren noch schlimmer als sie befürchtet hatte. Das Elend war beinahe greifbar. Einige der alten Menschen waren krank geworden und die Kinder wagten kaum noch zu lächeln. Die Armut nahm erschreckende Züge an. Sie hatten kaum noch das Nötigste, um am Leben bleiben zu können. Es blieb ihnen praktisch nichts anderes übrig, außer sich in die Wälder zu wagen, um ein Wild zu erlegen. In ihr stieg der alte Groll gegen Gisborne und den Sheriff auf, aber vor allem gegen sich selbst. Wie hatte sie es nur zulassen können, sich von diesem Monster küssen zu lassen und es auch noch schön zu finden? War sie von Sinnen?

Sie besuchte jede Hütte und versuchte den Menschen Trost, den es leider nicht gab, zuzusprechen. Ihre Situation würde sich nur bessern, wenn König Richard endlich wieder nach Hause käme und der Willkür seines Bruders Prinz John und der des Sheriffs ein Ende bereitete. Ihr Zorn richtete sich auch gegen Robin. Diese Menschen waren wegen ihm gefangen genommen wordenund nicht einmal er war es gewesen, der sie befreit hatte. Auch hatte er sich seit dem Vorfall hier nicht mehr blicken lassen, wie sie den Erzählungen der Dorfbewohner entnehmen konnte. Jetzt wo sie ihn am meisten gebraucht hätten, versagte er. Vielleicht war sie ungerecht gegen ihn, aber er hatte es nicht besser verdient.

Sie versuchte gerade einen Strick um einen Pflock zu binden, doch sie schaffte es nicht einen Knoten in das starre Seil zu bekommen, als sich Guy ihr unbemerkt näherte. Sachte entwand er es ihren Händen. Erschrocken drehte sie sich um und sah ihn dicht vor sich stehen. Automatisch machte sie einen Schritt zurück. „Ihr macht Euch gut mit den Kindern", flüsterte er ihr, nur für ihre Ohren hörbar, zu und band das Seil für sie fest. Marian war über sein plötzliches Erscheinen und ob seiner Anspielung so durcheinander, dass sie keinen Einspruch gegen seine Einmischung erheben konnte, außerdem vergaß sie für einen Augenblick lang auch ihre Wut auf ihn.

Die Kinder waren bei seinem Anblick ängstlich zurückgewichen, aber da sich Marian nicht vor ihm zu fürchten schien, kamen sie wieder näher und begann wieder nachlaufen zu spielen. Eine Weile schaute sie ihnen zu, dann ging sie weiter, wohl wissend dass er ihr folgen. „Was macht Ihr hier?", fragte sie ihn, um die unangenehme Stille, die zwischen ihnen herrschte, zu durchbrechen. Guy neigte leicht den Kopf zur Seite und lächelte sanft. „Ihr wisst, wen ich hier suche!", erklärte er bestimmt. Unbewusst schnappte sie nach Luft. Woher wusste er, dass sie hier war? Hatte er mit ihrem Vater gesprochen? Verstört betrachtete sie ihn und ihr Herz schlug plötzlich schneller.

„Robin Hood zog es immer wieder hierher … wie sagtet Ihr - er ist einer von ihnen!" Seine Worte brachten sie ganz schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Kühl musterte sie ihn. „Immer nur denkt Ihr daran, wie ihr einem anderen Menschen die Freiheit rauben könnt!", warf sie ihm zornig vor. Dicht baute er sich vor ihr auf. „Nicht immer und das wisst Ihr!", offenbart er ihr, dabei leuchtete das Begehren, dass er für sie empfand aus seinen blauen Augen. Hörbar schnappte sie nach Luft.

„Tut das nicht!", verlangte sie atemlos und lief weiter. Er machte sie wahnsinnig. Um wie viel lieber war ihr da Robin. Es war so einfach, ihn zu lieben. Gisborne dagegen … er war und blieb ihr unbegreiflich. In der einen Minute verwirrte er sie und in der nächsten war er wieder kalt und grausam. Wobei ihr letzteres lieber war. So kannte sie ihn und alles andere wollte sie gar nicht wissen. Verbissen arbeitete sie mit den Menschen im Dorf, dabei war sie innerlich froh, dass sie das Geld und Brot gleich bei ihrer Ankunft verteilt hatte.

Gisborne würde davon bestimmt nicht begeistert sein. Gerade versuchte sie ein Bündel Stroh hochzuheben, aber es war zu schwer für sie. Starke Arme griffen um sie herum und nahmen es ihr aus den Händen. „Lasst Euch helfen", sagte er ruhig. Gisborne blieb den ganzen Nachmittag mit ihr im Dorf und lernte so die Menschen, die hier lebten, zum ersten Mal richtig kennen. Lernte ihre Ängste, Sorgen und Nöte zu verstehen, sah aber auch wie glücklich sie, trotz des Wenigen was sie besaßen, waren. Schweigsam und nachdenklich ritt er an ihrer Seite nach Hause.

„Ihr seid schuld an ihrem Leid und Elend. Die Steuern, die der Sheriff von ihnen verlangt sind viel zu hoch. Sie haben gerade nur das Nötigste, um am Leben zu bleiben zu können, aber es reicht bei weitem nicht. Um nicht verhungern zu müssen, müssen sie jagen, doch darauf steht der Tod!" Ruhig kam dieser Vorwurf von ihr und ausnahmsweise widersprach er ihr nicht. Dafür hatte er zu viel gesehen an diesem Nachmittag.