Das Lokal war bis auf wenige Plätze besetzt, und Chase hoffte, sie hatte einen Tisch reservieren lassen, falls sie noch nicht da war. Er selbst war mit der Beflissenheit der Unsicheren überpünktlich. Ihm fiel ein, dass er kein Erkennungszeichen an sich angegeben hatte, eine Nelke im Knopfloch oder ein buntes Einstecktuch. Er könnte alleine exquisit essen gehen, sie in aller Ruhe beobachten, entscheiden, ob es sich lohnte und dann entweder auf sie zu oder unbehelligt seiner Wege gehen.
Suchend schweifte sein Blick über die Tische und blieb an einer rothaarigen Frau in einem Blazerkostüm hängen, die ihm die Rückseite zuwandte. Das musste sie sein.
Ein Kellner sprach ihn von der Seite an, um seiner Pflicht nachzukommen, es ihm bequem zu machen, und er zuckte schreckhaft zusammen, gestattete jedoch, dass man ihm aus der Jacke half und sie an den Garderobenständer hängte.
Das Restaurant war eindeutig zu vornehm. Es war kein japanisches, wenngleich man auch Sushi serviert bekam. House hatte ihn mitgenommen, als er ihm anvertraut hatte, dass er gern einmal auswärts essen wollte. Jede Woche konnte sich der Durchschnittsverdiener kaum den Luxus leisten, hier zu dinieren, aber House hatte ihm etwas Besonderes bieten wollen. Ein Krabbencocktail als Vorspeise, Lachsfilet mit Salzkartoffeln und gebackener Petersilie in Buttersauce und besonders der Hummer zum Hauptgang hatten tatsächlich etwas in ihm ausgelöst, das er als vage Erinnerung zu bezeichnen versucht gewesen war. House hatte ihm daraufhin von Paris und einem Lokal am Montmartre erzählt, wo sie angeblich dasselbe bestellt hatten.
Chase mochte diesen Zug an ihm. Ein fast liebevolles Manipulieren seiner Gehirnaktivität im frontalen Kortex. Manchmal redete er sich ein, dass es funktionierte. Nicht nur, um House ein kleines, listiges Lächeln zu entlocken, das dann sein sich selten vertiefendes Grübchen auf der Wange zur Geltung brachte.
„Hatten Sie reserviert? Wie viele Personen, Sir?"
„Danke, nein. Keine Reservierung. Ich bin verabredet." Mit einer Dame, hätte er beinahe hinzugefügt.
Er wechselte den Strauß in die linke Hand, wischte die rechte am Hosenbein ab und trat mit einem Räuspern an den Tisch. Sie studierte die Dessertkarte und blickte befremdet auf, als er ihr etwas steif die Astern überreichte. Er hätte doch noch in einen Floristenladen gehen sollen und Rosen kaufen. Sein Mitbringsel triefte von der Nässe des geschmolzenen Schnees und war nicht einmal in Papier eingeschlagen. Auf der teuren Wildlederbank würde es unschöne Flecken hinterlassen.
„Robert Chase", ergriff er das Wort, da sie schwieg, den Strauß aber erfreut entgegennahm und ihn nach einer liebevollen Betrachtung auf die Sitzbank legte, bevor sie aufstand, um seine ausgestreckte Hand zu schütteln. Das offene Lächeln auf ihrem Gesicht wärmte ihn ein wenig im Inneren und milderte die Nervosität, obwohl seine Handflächen schwitzten. „Wir hatten… E-Mailkontakt. Heute Morgen."
Plump klang das. Fast leutselig. Unwillkürlich rieb er sich den Nacken und wünschte, er hätte ihr das erste Wort überlassen.
„Constance Bishop. Connie." Ihre Stimme klang bemerkenswert tief. Ihr Händedruck war fest, aber nicht zu lange, als sie sich wieder setzte und ihn aufforderte, dasselbe zu tun. Dann stützte sie gespannt die Ellenbogen auf und musterte ihn beinahe so einschüchternd analysierend wie House es gelegentlich tat; die mit farblosem Nagellack manikürten Finger verdeckten ihren Mund, und ihre der Tageszeit angepasst dunkel geschminkten Lider waren halbgeschlossen. Ehe das Schweigen peinlich wurde, erschien der Kellner und kredenzte den Weißwein.
„Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit", meinte sie, nachdem sie unter sich waren. „Ich bin ehrlich gesagt ein wenig verblüfft. Ich hatte Sie mir älter vorgestellt."
„Ich bin dreißig", log er.
„Nicht Ihr Ernst." Sie hörte sich an wie House. Als hätte sie allein die Wahrheit und das Wissen über andere gepachtet.
„Wie sind Sie an meine Adresse gekommen?" lenkte er ab, zumal er es wirklich wissen wollte. „Und warum wollten Sie mich treffen? Mir scheint, Sie haben sich im Vorfeld eine Menge Gedanken über mich gemacht. Dabei sind wir uns nie begegnet. Oder doch?"
Ihre opalisierenden, katzenartigen Augen nahmen im Dämmerlicht der Kerze auf dem Tisch eine beinahe schwarze Färbung an, obwohl sie hell waren.
„Nein. Lassen Sie uns nicht lange um den heißen Brei herumreden. Ich wollte Sie kennen lernen, weil ich seit kurzem mit Ihrem ehemaligen Chef zusammenarbeite. Der Ihr jetziger Mitbewohner ist, wenn ich es richtig verstanden habe."
Er hätte bestürzt sein müssen, weil sie es ihm verheimlicht hatte in ihrer E-Mail, oder sich gedemütigt fühlen, aber seltsamerweise hielten sich Enttäuschung und Erleichterung über ihr wahres Ansinnen die Waage. Von ihm wurde nichts erwartet. Es war keine Verabredung im herkömmlichen Sinn, und er hätte auch ungewaschen und in Lumpen erscheinen können; es wäre ihr vollkommen gleichgültig, solange er ihr die Information bot, die sie wünschte. Sie gedachte ihre persönliche Neugier an dem rätselhaften Zyniker House mit seiner Hilfe zu befriedigen, wollte vermutlich wissen, wie man sich am besten in rechtes Licht rückte, um Pluspunkte zu verdienen.
In dieser Hinsicht würde er nicht von Nutzen sein. Jeder Angestellte musste seine Erfahrungen mit ihm machen, und für jeden waren sie anders. An seine eigenen erinnerte er sich nicht einmal.
„Ich kann Ihnen keine Tipps geben. Selbst wenn ich es wollte, habe ich vergessen, wie er als Vorgesetzter war. Seit meinem Unfall arbeite ich nicht mehr unter ihm. Genauer gesagt, überhaupt nicht mehr."
Er wusste nicht, warum er es sagte. Vielleicht weil es gut tat, mit jemandem zu sprechen, der ihn nicht besser kannte als er sich selbst. Der Eifer in ihrem Blick wurde von Mitgefühl erweicht, das er nur schwer ertrug. Hoffentlich würde sie nicht nach seiner Hand greifen.
„Es tut mir leid. Eric hat mir davon erzählt."
„Foreman", übersetzte er verstehend und nippte am Wein. Er schmeckte sauer. Zuhause gab er Rotwein den Vorzug. Er dachte an House, der jetzt sicher mit der vollen Flasche Bardolino oder seinem Bourbon vor dem Fernseher saß.
Es wäre ihm lieb, wenn er wenigstens Dr. Wilson anrief, um mit ihm über irgendeine Belanglosigkeit zu reden oder ihn zum Kartenspiel einzuladen. Bestimmt fühlte er sich einsam. Er hatte das Gegenteil behauptet, doch der Schmerz in seinen Augen war ihm nicht verborgen geblieben. Er hatte Angst, nutzlos zu werden, nicht mehr die wichtigste Person zu sein in Chase' Leben. So wie er ständig Angst davor hatte, House zu verlieren aufgrund seiner Veränderung. Doch es gab keinen Grund dafür. Dr. Bishop – Connie – schien ein nettes, fleißiges Mädchen zu sein, und es schmeichelte ihm geradezu, dass Foreman offenbar einen guten Ersatz für ihn auf beruflicher Basis gefunden hatte - aber House im Privaten würde sie nie ersetzen können.
„Wir sind nicht die besten Freunde, nehme ich an. Ich glaube, ich war nicht besonders beliebt im Team."
„Allison mag Sie. Richtet Dr. House Ihnen nicht ihre Grüße aus? Sie denkt jeden Tag daran. Manchmal läuft sie ihm sogar über den Gang hinterher, wenn sie im Büro vergessen hat, es ihm zu sagen."
Er schwieg und biss sich auf die Lippe. Es gab keine Grüße von Cameron, und er wollte sie nicht mehr haben und sich verpflichtet fühlen, sie zu erwidern. Er glaubte House. Dass sie ihn nicht geliebt hatte, überraschte ihn nicht wirklich. Während seiner Tage als Patient im PPTH war ihm ihr schwärmerischer Blick nicht entgangen, den sie dem Chef hinter hergeschickt hatte.
„Ich habe mir Ihre Akte angesehen."
House hatte sie vor ihm im Tresor versperrt. Es wunderte ihn, dass sie als Fremde Zugriff darauf erhielt.
„Vieles, was darin steht, ist nicht sehr schön. Im Hinblick darauf sollten Sie die Amnesie nicht allzu negativ bewerten. Scharfe Zungen könnten behaupten, Sie hätten Glück im Unglück gehabt."
Lässig schwenkte er den Wein im Glas, dessen Rand er mit den Fingerspitzen hielt. Aufregung über die Indiskretion, einem neuen Teammitglied Einblick in seinen Lebenslauf zu gewähren, war die Sache nicht wert. Mittlerweile schien ohnehin jeder zu wissen, dass House nicht nur medizinisches Interesse an ihm hegte.
„House sagt das auch. Ich habe sie nicht gelesen. Nicht weil ich nicht wollte. Ich darf nicht. Und wirklich reizen tut es mich nicht."
„Das ist gut", befürwortete sie seine unfreiwillige Zurückhaltung. „Aber manchmal – meistens – ist es besser, sich den Problemen zu stellen, die uns quälen. Ich möchte Sie gern etwas fragen, Robert. Etwas Persönliches."
Das Handy klingelte. Eine SMS war eingetroffen, die er unter dem Tisch las und währenddessen das Lachen nur mühsam hinter dem Handrücken bezwang.
Dein Mund ließ hier den heißen Kuss zurück,
Und bleiben soll er dort,
Bis ich ihn einst zu schönrem Glück
Heimtrag' an seinen Ort.
Eifrig, mit einem Lächeln auf den Lippen, tippte er zurück.
Er will nie fort.
Dr. Bishop lächelte, nicht im Geringsten verärgert ob der Störung, die sie vom Geschehen ausschloss. „Was ist so komisch?"
„Nichts", sagte er sofort und klappte das Gehäuse zu. Es war eigenartig, dass sein gestriegeltes Haar ihm nicht mehr ins Gesicht fiel. Ein wenig bedauerlich auch. Er vermisste es, sich dahinter verstecken zu können, denn er spürte rote Flecken der Verlegenheit auf den Backen, die er jetzt aufblies. Es war taktlos, während einer Verabredung mit jemand anderem zu flirten.
„Entschuldigung. Was – was wollten Sie fragen?"
„Hassen Sie mich? Ich könnte es verstehen. Ich habe Ihnen den Job weggenommen. Sie haben gerne für House gearbeitet. Es war Ihnen wichtig, etwas Nützliches zu tun. Gebraucht zu werden, Anerkennung zu haben. Eric bezeichnet Sie als hm… Opportunist, um bei einem weniger drastischen Ausdruck zu bleiben."
Wieder signalisierte das Mobiltelefon, dass eine Textnachricht eingegangen war.
Dein Scheideblick, so liebevoll,
Mag neue Liebe schaun;
Doch deine feuchten Wimpern soll
Nie Gram um mich betaun.
Er fand Spaß daran, Rückantworten zu erfinden, die er erstaunlich schnell und sicher abschickte. Der Gedanke, dass House am Telefon mit ihm verbunden war, hatte etwas Tröstliches. So kam er nicht auf dumme Gedanken.
Du kannst immer auf mich baun.
„Robert? Es ist doch in Ordnung, dass ich Sie Robert nenne?"
„Ja. Natürlich. Ich hasse Sie nicht. Warum sollte ich das tun? Ich weiß, dass ich nicht mehr arbeiten kann, so wie die Dinge liegen. Nicht mehr wie früher. Ich bin anders geworden. Es war logisch, dass das Team einen Ersatz braucht. Dr. Cuddy und Foreman tun nur das, was jeder in ihrer Situation getan hätte. Eigentlich haben sie viel zu lange gewartet, aus Rücksicht auf mich. Aber es ist besser so. Ich vergesse viel und mache Fehler. Manchmal weiß ich nicht, wo ich bin, habe Absenzen und Launen. Als Arzt darf man sich das nicht zugestehen. Vielleicht würden Patienten sterben durch mich. Ich will kein Mörder sein, auch kein fahrlässiger. Ich bin nie wirklich ehrgeizig gewesen; das kann Ihnen jeder im Team bestätigen. Und selbst wenn ich es wäre, würde es mich nicht weiter bringen. Vielleicht wäre es schlimmer. Meine Amnesie ist offenbar irreversibel, daher freunde ich mich lieber mit diesem Gedanken an als etwas krampfhaft zu versuchen, das doch nicht mehr geht. Manchmal ist es schwer, Dinge loszulassen, aber wenn man etwas nicht ändern kann, ist Verbitterung sinnlos."
Sie nickte ein wenig konsterniert, aber sichtlich beruhigt. „Lassen Sie sich nicht einreden, Sie seien dumm."
Er grinste. „Foreman hat das gesagt, richtig?"
„Sie sind wirklich nicht gerade das, was man gute Kumpels nennt."
Das Essen kam. Kein Sushi wie erwartet, sondern eine silberne Platte für zwei mit Meeresfrüchten – Lachs, Seezunge, Garnelen, Muscheln und Austern – garniert mit frischem Obst und Kräutern, dazu eine Schüssel Safranreis und verschiedene Sorten Gemüse als Beilage, die nachgereicht werden konnten, wie die Bedienung ungefragt versicherte.
Dr. Bishop musterte ihn aufmerksam und ein wenig besorgt zugleich. „Ich hoffe, Sie mögen Meeresfrüchte."
Melbourne, dachte er aufgeregt und hielt überwältigt die Hände vor Mund und Nase. Irgendwie ist der Duft wie daheim.
Daheim am Strand, in einem kleinen Küstenlokal, wo er sich nach dem Schwimmen mit einer Tüte frittierten Calamares oder gebratenen Reisbällchen belohnt hatte. Ein dunkelhaariger Junge befand sich in seiner Begleitung und ein aschblondes, groß gewachsenes Mädchen. An ihren Namen erinnerte er sich nicht, doch der Junge, etwas älter als er selbst, musste Daniel gewesen sein, der ihn durch seine Tante brieflich hatte grüßen lassen. Sein Freund aus Kindertagen.
Mit gemischten Gefühlen und unter dem Eindruck seines lebendigen Flashbacks stehend ließ er den heraneilenden Kellner seinen Teller und das Glas ein zweites Mal füllen.
„Das ist sicher teuer", flüsterte er ihr besorgt hinter vorgehaltener Hand zu. „Ich weiß nicht, ob ich die Rechnung bezahlen kann."
House hatte ihm fünfzig Dollar zugesteckt. In seiner Naivität hatte er einen weiteren Schein abgelehnt, doch für die Zukunft wusste er es besser.
„Es ist das teuerste Gericht auf der Karte", bezeugte sie. „Aber das braucht Sie nicht zu kümmern. Ich lade Sie ein. Das war die Vereinbarung."
„Warum? Sie haben nichts gutzumachen an mir. Und ich brauche kein Mitleid. Ich will es gar nicht."
„Ich möchte Sie nur kennen lernen. Und Ihnen vielleicht ein bisschen helfen, wenn Sie nicht zu stolz sind, Hilfe anzunehmen. Mit Mitleid hat das nichts zu tun, auch wenn es für Sie so aussieht. Dass Sie es nicht brauchen, sehe ich."
Kein Pfand begehr' ich, das der Schmerz
Mit Tränen einsam tränkt;
Kein Angedenken braucht ein Herz,
Das immer dein gedenkt.
Er überlegte, starrte auf den Vers und rieb sich die Stirn.
Und mein frohes Schicksal lenkt.
Eine Weile aßen sie schweigend und konzentrierten sich ganz darauf, machten einander aufmerksam, dies und jenes zu kosten, was der Andere noch vor sich hatte. Es war nett. Sie brauchte keinen Unterhalter, verstand es, kulinarische Freuden ohne ein Gespräch und lästige Fragen zu genießen. Sie erkundigte sich auch nicht nach den SMS-Nachrichten, die flink unter der Tischplatte hin und her gingen. Bisweilen kicherte er leise über House' Hartnäckigkeit, mit der er ihn auf Trab hielt, und sie neigte den Kopf zur Seite, um ihn prüfend zu taxieren. Ein wissendes Lächeln huschte über ihre Mundwinkel.
„Sie sind glücklich, oder? Sie lachen viel. Das überrascht mich."
„Ich bin so glücklich, wie man in meiner Situation sein kann. Man muss das Beste daraus machen, denke ich."
Es lief verkehrt. Sie sollte sprechen, nicht er. Aber irgendwie gelang es ihr, Anteilnahme zu zeigen, ohne aufdringlich zu werden. Undamenhaft schlürfte sie eine Auster. Er presste die Stoffserviette vor den Mund, um nicht zu lachen, als er sie so sah, aber sie war nicht pikiert und forderte ihn auf, eine zu probieren.
„Woran erinnern Sie sich?"
An House. An die Gefühle mit ihm. Schöne, unvergleichliche Momente. Seine beruhigende, manchmal rauhe Stimme, die für eine Gänsehaut an seinem ganzen Körper sorgte, nicht nur, wenn er ihn anfasste.
Gedankenverloren kreiste er mit dem Finger über den Rand des Weinglases, das schon wieder halbleer war.
„Ich fange neu an. Es ist das Beste, glaube ich. Vielleicht schreibe ich ein Buch. Einen Erfahrungsbericht. Ich bin nicht der Einzige, der sich durch höhere Gewalt auf neue Umstände einstellen muss, und vielleicht könnte ich anderen Menschen Mut machen. Aber das ist nur so eine Idee. Ich kann nicht einmal mehr richtig buchstabieren."
„Dafür gibt es Lektoren", meinte sie und lehnte sich zurück. „Bleiben Sie dran an der Idee. Machen Sie mehr daraus. Sie sind ein Kämpfer. Das gefällt mir. Ich würde gerne mit Ihnen in Kontakt bleiben."
„Warum nicht? Ich habe Zeit. Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen."
Auch schreiben will ich nicht, - ein Blatt
Fasst all die Liebe nicht;
Ach, Worte sind nur leer und matt,
So lang das Herz nicht spricht.
Die Antwort darauf fand er schnell, wie im Flug. Als sei es jemand anderes, der die Worte für ihn in das Textfeld tippte.
Doch das meine sticht,
So lang es dich nicht hat.
Sie wählte den Nachtisch aus, während er einen Espresso bestellte. Zigaretten waren in öffentlichen Einrichtungen verboten. Es hatte ihn gewundert, keine Aschenbecher auf den Tischen zu finden, bis Dr. Bishop ihm erklärte, dass es seit ein paar Jahren im Gesetz geltend war.
„Ein Buch zu schreiben braucht Zeit und Geduld, " sagte sie und kramte auf einmal geschäftig in ihrer Handtasche, aus der sie ihm eine Visitenkarte überreichte. Etwas verlegen pustete sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Hören Sie. Ich weiß, das kommt ein bisschen überraschend, aber ich habe eine Bekannte, die in einer Agentur arbeitet, die immer auf der Suche nach neuen, markanten Gesichtern ist. Hautsächlich für die Lebensmittelbranche und Konsumgüter. Als ich Ihr Porträt in der Akte sah, dachte ich daran, was auch der Grund dafür war, Sie persönlich sehen zu wollen. Sie haben eine gute Ausstrahlung. Wenn Sie Lust haben, vereinbaren Sie einen Termin mit ihr und verweisen auf meine Empfehlung." Errötend zuckte sie die Achseln. „Es lässt sich nicht vergleichen mit Ihrer früheren Arbeit, aber es könnte Spaß machen."
„Danke."
Neugierig studierte er die Karte, von der ihn ein neuerliches Vibrieren seines Mobiltelefons ablenkte.
Bei Tag und Nacht, in Wohl und Weh,
Trag' in dem Herzen ich
Die Liebe, die ich nie gesteh',
Und blute still um dich.
Ich verzehre mich.
Unverzüglich erfolgte House' Antwort.
Zum Teufel mit Byron. Ich bin betrunken. Und nackt.
„Ich muss gehen", entschuldigte er sich und ließ Dr. Bishop verdutzt zurück. Auf den Bus zu warten, konnte er sich nicht leisten. Er glühte vor Verlangen und rannte, bis er Seitenstechen bekam und Sterne vor seinen Augen tanzten.
A/N: Das Gedicht heißt im Original "On parting" und stammt tatsächlich von Lord Byron, also keine Lorbeeren für mich.
