Über den Wolken, ein Platz für mich allein.
Der erste Schnee kam an einem Novemberwochenende. Hogwarts lag halbverwaist unter einer dicken Schneedecke, die allen Lärm seltsam dämpfte. Die höheren Jahrgänge waren auf einer ihrer Hogsmeade-Touren, während sich die jüngeren Schüler im Schloss die Zeit vertrieben. Albus, Nicola und Myriel saßen im Gemeinschaftsraum der Slytherin beisammen und spielten Schnapp explodiert. Die beiden Jungs saßen mit Scorpius zusammen auf einem Sofa, Myriel ihnen gegenüber in einem Ohrensessel, zwischen ihnen lagen die Spielkarten auf einem kleinen Couchtisch. Während Zabini gerade darüber nachgrübelte, welche seiner Karten er ablegen sollte, schaute Albus zu Scorpius neben sich. Der saß schlafend an ihn gelehnt und Albus konnte das kleine, in Leder gebundene Buch, in dem der Blonde gelesen hatte, gerade noch davor bewahren aus Scorpius' Hand zu gleiten und auf den Boden zu fallen. Angespannt beobachtete er, welche Karte Nicola ausspielte und mit einem Freudenschrei nahm er diese und deckte alle seine Karten auf.
„JUHUUUH! SCHNAPP EXPLODIERT!"
Pärchenweise explodierten alle der sechseckigen Spielkarten, die dasselbe Symbol trugen, in einer lilafarbenen Rauchwolke, um sogleich wieder in ihrer Sammelbox zu erschienen. Myriel warf missmutig ihre Karten in die Schachtel und schmollte. Sie zog die Beine an und begann ihren Haarzopf um den Finger zu wickeln.
„Boah, schon das vierte Mal heute! Ich hab keine Lust mehr!"
Sie schaute zu Scorpius, den die allgemeine Unruhe gerade aus seinem Schlummer gerissen hatte.
„Heh! Warum spielst du eigentlich nie?"
Der Blonde rieb sich grummelnd die Augen und räkelte sich. Er legte die Füße auf den Tisch, verschränkte seine Arme und lehnte sich gähnend mit geschlossenen Augen an Albus. Nachdem Myriel schon gar nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte, brummte Scorpius vor sich hin.
„Ich bin ein schlechter Verlierer, deshalb spiele ich auch nie!"
„Na toll!" Sie sprang auf ihre Füße und streckte sich ausgiebig. „Ich hab keinen Bock mehr. Ich geh jetzt nach draußen und such mir nen Hufflepuff, dem ich ein paar Schneebälle an den Kopf werfen kann." Sie stieß Zabini an. „Was ist, kommst du mit?"
Nicola sah von seinen Karten auf. Er grinste und nickte. Nachdem die beiden in ihre Winterroben geschlüpft waren, Schaals und Handschuhe angelegt hatten, verließen sie mit einem kurzen Gruß den Gemeinschaftsraum. Einige Zeit später blickte Albus zu Scorpius.
„Wollen wir beide eine Partie spielen?"
Kaum merklich schüttelte der Blonde seinen Kopf.
„Wie wäre es mit Schach, oder Koboldstein?"
Nachdem er keinerlei Reaktion erhielt, stupste Albus den anderen mit dem Ellenbogen an. „He, was ist jetzt?"
Scorpius rollte mit den Augen, konnte Potter denn keine Ruhe geben. „Ich möchte nicht spielen. Kein Kartenspiel, kein Schach, oder Koboldstein!" Als Albus seinen Mund öffnete setzte der Blonde nach. „Und erst recht geh ich nicht raus, um irgendeinem bescheuerten Hufflepuff einen Schneeball ins Gesicht zu klatschen!"
Albus nickte, er griff sich das in Leder gebundene Büchlein, in dem Scorpius gelesen hatte. Er überflog den Titel, schaute auf Scorpius und sah dann wieder auf den Einband.
„'Mein Herz schlägt mit immerwährender Mattigkeit.' Verse einer verschmähten Liebe an eine Elfe, von Warwick Nickelby Scott. So was liest du?"
„Hmmmh!"
„Da geht's um Liebe und so'n Kram?!"
„Ja und?"
„Ähem, das ist kitschig!"
Scorpius schnaubte. „Kulturbanause! Du hast keine Ahnung von Lyrik!"
Mit einem Schulternzucken warf Albus das Buch auf den Tisch und lehnte sich zurück. „Warum sollte ich, ich bin gerade mal elf Jahre alt!"
„Wow, ich hab da noch ein paar Schockofroschkarten, die sind wohl eher dein Niveau. Ignorant!"
„Snob!"
Der Blonde grinste. „Jep! Aber ein Snob mit Klasse!"
„Ha! Ja, so siehst du aus." Er lehnte sich nach hinten und legte die Beine hoch. „Boah, mir ist langweilig. Man kann aber auch gar nichts tun. Fliegen dürfen wir nicht. Nach Hogsmeade dürfen wir erst ab übernächstes Jahr..." Albus merkte, dass Scorpius einen Einwand hatte und sprach rasch weiter. „...und zum Lesen hab ich keine Lust!"
Grummelnd versuchte er eine bequemere Position zu finden. Doch damit störte er Scorpius, der langsam am eindösen war. Beide rutschten hin und her, rauf und runter, bis sie schließlich eine einigermaßen komfortable Stellung, Schulter an Schulter gefunden hatten.
Der Gryffindor legte eine Hand auf seinen Bauch. „Ich habe Hunger!"
„Die eine Stunde bis zum Abendessen könntest du dich ruhig noch gedulden. Ansonsten geh in die Küche!"
„Keinen Bock, dann müsst ich mich bewegen."
„Merlin, ich hasse dich!"
Irgendwie schien die Zeit nicht vergehen zu wollen. Albus blies die Backen auf und ließ die Luft wieder geräuschvoll entweichen. Er wippte mit den Beinen und trommelte irgendeine Melodie, die ihm durch den Kopf ging, auf seinem Bauch. Die ganze Zeit über lag Scorpius neben ihm und versuchte so gut es ging, das Gezappel zu ignorieren. Als Albus anfing zu pfeifen, ließ der Blonde ein unwilliges Brummen erklingen, welches den Gryffindor kurz zum Schweigen brachte. Scorpius fühlte sich so herrlich träge, er wollte sich einfach fallen lassen und wegdösen. Doch leider wurde ihm das, durch die Zappelei des Gryffindor neben ihm, der anscheinend Hummeln im Hintern hatte, verwehrt. Schließlich drehte sich Scorpius unwillig zur Seite und lehnte sich gegen die Armstütze.
Albus blickte ihn aus den Augenwinkeln an. „Scorpius?"
„WAS? WAS IST JETZT SCHON WIEDER?"
Der Slytherin saß aufrecht neben Albus, der erschrocken zusammenzuckte. „Entschuldige bitte Scorpius, ich wusste ja nicht, dass du so ein Langeweiler bist!"
Augenblicklich sprang Scorpius mit einem entrüsteten Gesichtsausdruck auf und starrte auf Albus hinab, der einmal mehr seine vorlaute Klappe verwünschte.
„Los, steh auf!"
„A...aber..."
Doch Scorpius duldete keinen Widerspruch. Er packte Albus am Arm und zerrte ihn auf die Füße. Dieser grünäugige Quälgeist würde erst Ruhe geben, wenn der Slytherin die Initiative ergriff. Verwirrt schaute sich Albus um, als er unformell zum Ausgang geschoben wurde.
„Wo willst du mit mir hin?"
„Klappe!"
„Aber..."
„Scht!"
Die Steinwand öffnete sich und drei ziemlich überraschte Mädchen, die gerade das Passwort sagen wollten, starrten ihnen entgegen. Albus spürte wie ihm die Röte in die Wangen schoss, die drei kannte er nur zu gut. Grinsend drängten sich die Mädels an ihnen vorbei.
„Hi, Albus! Hi, Scorpius!"
Sie fingen an zu kichern und liefen zu den Schlafsälen.
„Alberne Gänse!"
Scorpius schüttelte seinen Kopf und zog Albus mit sich. Weiter ging es, hoch ins Treppenhaus und dann durch eine Seitentür wieder hinab in die Katakomben Hogwarts. Scorpius schien nicht im Geringsten was sagen zu wollen. Erst als sie vor dem Stillleben ankamen, das vor dem Zugang zur Küche hing wurde er etwas gesprächiger.
„So, gleich sind wir da."
„Aua, zerr nicht so!"
„Stell dich nicht so an!"
Nachdem er die Birne durch Kitzeln dazu gebracht hatte, sich in eine Türklinke zu verwandeln, öffnete der Blonde die Tür zur Schulküche. Albus entzog ihm seine Hand.
„Es gibt doch eh gleich Abendessen."
Energisch brachte ihn Scorpius zum Schweigen, indem er Albus einen Zeigefinger vor das Gesicht hielt.
„Kein Wort mehr! Seit heute Morgen geht das schon so. Ich habe gestern Nacht kaum geschlafen und hatte gehofft wenigstens Tagsüber etwas Schlaf zu finden. Aber nein, Mister Albus-Ich-Nörgel-Den-Lieben-Langen-Tag-Herum-Serverus-Mir-Ist-Ja-So-Langweilig-Quengel-Potter lässt mich ja nicht. Erst scheuchst du mich nach dem Frühstück in den Schnee. Wir waren bei Hagrid und seinem Zoo, bei Trudy im Eulenturm und dann der Höhepunkt! Du zerrst mich zum Futterplatz der Thestrale, wo ich mir geschlagene zwei Stunden den Ar... Hintern abfriere. Und dann fängst du wieder an zu nörgeln, weil du sie nicht sehen konntest."
Albus klappte den Mund auf, schnappte ihn aber umgehend wieder zu, als ihn Scorpius wütend ansah.
„Kein Wort! Oder ich schwöre dir, dass ich dann morgen kein Problem damit haben werde, diese Viecher zu sehen!"
Seufzend schielte ihn Albus an. „Ich war wohl arg nervig? Tut mir leid!"
Der Andere nickte kurz. „Schon gut. Jetzt habe ich mich so in Rage geredet, dass ich glatt Hunger bekommen habe."
Grinsend schüttelte Albus seinen Kopf. Sein Freund war manchmal eine richtige Prima Donna, aber er war nicht besonders nachtragend und hatte sich meistens auch schnell wieder beruhigt.
„Ich hab eine Idee. Gib mir mal bitte den Korb da, Scorpius!"
Ein wenig argwöhnisch beobachtete der Blonde, wie Albus sich von den Hauselfen verschiedene Dinge einpacken ließ. Geflügel, Wurst, Käse, Brot und Obst wanderten in den Korb, gefolgt von mehreren Flaschen Butterbier, Teller, Besteck und schließlich noch ein Kuchen und ein paar Pasteten.
„Was wird das?"
„Picknick!"
„Bei dem Wetter? Und überhaupt, wer soll das alles essen?"
Albus grinste, er wies mit dem Daumen auf Scorpius und sich selbst. „Na los, pack mit an!"
Gemeinsam trugen sie den Korb zwischen sich hoch in die Eingangshalle. Doch es ging nicht, wie Scorpius angenommen hatte, weiter nach draußen, sonder Albus steuerte auf die Große Treppe zu.
„Wo willst du hin?"
„Vertrau mir!"
„Ok! Dann warte mal bitte."
Scorpius zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf den Korb. „Lokomotor!" Der Korb begann zu schweben und erwartungsvoll schaute der Slytherin Albus an. „Und?"
„Nach oben!"
Sie stiegen bis in den siebten Stock und abermals schlug der Schwarzhaarige einen anderen Weg ein, als es Scorpius erwartet hatte. Den Gemeinschaftsraum der Gryffindor ließen sie links liegen. Stattdessen ging es eine halbe Treppe weiter hinauf. Gegenüber der Tür, die zum Flur führte, über den man zum Raum der Wünsche kam, erreichten sie einen langen Gang. Anders als in den unteren Stockwerken, bestand der Boden nicht aus Steinplatten, sondern aus Holzbohlen. Zielstrebig lief Albus weiter, bis er eine kleine Tür erreicht hatte. Der Gryffindor drehte den Knauf und sie traten in den Raum dahinter. Erstaunt riss Scorpius den Mund auf. Vor ihnen erstreckte sich ein Labyrinth aus Dachbalken. Während er Albus folgte, schaute sich der Blonde um. Sie mussten sich im Deckengewölbe der Großen Halle befinden. Der Dachstuhl war gewaltig. Es war das erste Mal, das Scorpius die eigentliche Decke, der Großen Halle sah. Normaler Weise zeigte der Blick nach oben, den Himmel darüber. Der dazu verwendete Zauber hatte den Effekt, dass man im Gegenzug, wenn man nun nach unten schaute, auf eine gewaltige weiße Wolkendecke sah. Man hatte das Gefühl über den Wolken zu stehen. In einer Nische an der Vorderseite des Gewölbes, gab es eine hölzerne Plattform, eine schöne Gelegenheit zum Sitzen. Ein kleines Rundfenster bot einen wunderbaren Blick nach draußen, auf den See und die Ländereien. Hier unter dem Dach war es angenehm warm, da sich die Hitze hunderter, schwebender Kerzen und des gewaltigen Kamins, hier oben sammelte. Pfeifend deckte Albus den Platz mit Tellern und Besteck ein. Er grinste Scorpius an, der sich ihm gegenüber niederließ.
„Gefällt es dir?"
Scorpius nickte, er öffnete eine Flasche Butterbier und reichte sie an Albus. „Es ist cool! Wie hast du diesen Platz gefunden?"
„James hat ihn mir gezeigt, falls ich mal einen Ort bräuchte, an dem ich allein für mich sein kann."
„Was wohl nicht oft vorkommt, hm?"
Scorpius nahm von Albus einen gefüllten Teller entgegen. Der Kleinere grinste ihn an. „Dank dir hatte ich dieses Jahr nicht oft das Bedürfnis allein sein zu wollen."
Neugierig hob der Blonde eine Augenbraue. „Das hört sich an, als ob du ansonsten häufiger allein bist?"
Er forschte in Albus Gesicht, das sich leicht rötlich verfärbte, während der Gryffindor verlegen zur Seite schaute.
„Wenn du erst einmal einige Zeit mit meiner Familie verbracht hast, bist du dankbar für jedes bisschen Privatsphäre! Einen nervigen großen Bruder, eine kleine Schwester, die immer bei dir sein möchte..." Er seufzte und warf einen Blick aus dem Fenster. „Einmal hatte ich mich tatsächlich in den kleinen Schrank unter der Treppe gewünscht, in dem Dad bei seinen Verwandten gelebt hatte."
„Nicht wirklich, oder?"
Albus nickte. „Doch, doch! Du weißt doch wie nervig James ist."
Ein böses Grinsen umspielte Scorpius' Lippen, während er Albus einen Apfel reichte. „Du meinst es gibt tatsächlich einen noch nervigeren Potter, als der, der mir gerade gegenüber sitzt?"
Der Gryffindor schmollte und streckte ihm kurz die Zunge raus, bevor er in den Apfel biss. Mit vollem Mund fragte er weiter. „Und du? Bist du oft allein?"
„Ja! Aber ich bin gern allein für mich." Scorpius schob sich eine Traube in den Mund und schaute Albus an. „Jedenfalls war ich es gerne, bis mir jemand bestimmtes über den Weg lief, oder besser gesagt in mein Abteil stolperte."
Verlegen kratzte sich Albus am Hinterkopf. „Warum bist du gerne allein?"
„Das ist meine Sache!"
Albus stand auf und nahm sich sein Butterbier. Er ging zu dem Blonden und setzte sich neben ihn. Eine Zeit lang saßen sie schweigend beieinander, nippten ab und zu an ihren Flaschen und beobachteten das Farbenspiel des bevorstehenden Sonnenuntergangs. Weit dehnte sich der rotgoldene Schimmer über die Landschaft, bis schließlich alles in einem warmen Zinnoberrot erstrahlte. Am Ende jedoch obsiegte die Nacht. Auch wenn sich das Licht des aufgehenden Mondes, verzweifelt in den Schnee krallte, verschwanden der See, die Ländereien und der Wald in der Dunkelheit. Albus wippte mit seinem Fuß und blickte immer wieder zu Scorpius.
„Liegt es vielleicht daran, dass du keine Geschwister hast?"
Leicht genervt rollte der Blonde mit den Augen. Potter schien es nicht auf sich selbst beruhen lassen zu wollen.
„Du hast nicht vor Ruhe zu geben, oder?"
„Nein!"
„Dachte ich mir."
„Also?"
„Ich sage es dir trotzdem nicht!"
„Aha!"
Ein Lächeln konnte sich Albus nicht verkneifen. So wie es aussah war er hier nicht der Einzige der einen Sturkopf hatte. Aber so schnell würde er nicht aufgeben. Früher oder später würde er den Blonden schon noch weich klopfen. Doch fürs erste änderte Albus seine Taktik.
„Fährst du an Weihnachten nach Hause?"
Scorpius nickte. „Jaah! Ich freue mich schon darauf, meine Eltern wieder zu sehen."
Dann herrschte wieder Schweigen. Intensiv starrte Albus den anderen von der Seite her an, bis Scorpius nach fünf Minuten schließlich aufgab. Er seufzte und stützte sein Kinn in die Hand.
„Na schön. Los, sag schon, fährst du auch nach Hause?"
Albus zuckte mit den Schultern. „Ich weiß noch nicht."
Er bekam von Scorpius einen schiefen Seitenblick zugeworfen, der gerade überlegte ob er dem Gryffindor eine scheuern sollte.
„Du weißt nicht? Und deshalb dieser Aufstand?"
„Ich freu mich schon auf Zuhause, aber andererseits... ach, ich weiß auch nicht."
Albus schien nicht die richtigen Worte zu finden und wand sich unbehaglich unter Scorpius' Blick. Der Slytherin überlegte kurz.
„Wie feiert ihr denn Weihnachten?"
„Es ist eigentlich fast jedes Jahr dasselbe. Wenn die Ferien beginnen, kommen Hagrid und Teddy, das ist der Patensohn meines Dads, zu uns nach Hause. An Weihnachten trifft sich dann die gesamte Familie bei meinen Großeltern im Fuchsbau. Das Haus platzt dann aus allen Nähten. Alle Potters und Weasleys sind da, hinzu kommen Hagrid mit seinem Hund, manchmal auch McGonagall oder Onkel Neville. Die ganze Zeit kommt man sich vor, wie auf dem Jahrmarkt."
„Und dir macht es keinen Spaß?"
„Doch schon, aber es ist Jahr aus, Jahr ein dasselbe. Wie ist es denn bei dir?"
Scorpius nahm einen weiteren Schluck Butterbier. „Na ja, früher waren wir oft im Ausland, Skifahren in der Schweiz, Tauchen in der Südsee und ähnliches. Ich hatte viel Spaß. In den letzten Jahren jedoch blieben wir Weihnachten auf Malfoy Manor."
„Ist Malfoy Manor schön?"
„Oh jaah!" Seine wolfsgrauen Augen bekamen plötzlich einen seltsamen Glanz. „Im Frühling und Sommer ist es natürlich am schönsten. Alles steht in Blüte, es gibt viel Wald und grüne Weiden. Herrliche Ländereien, ich bin gern dort."
„Und im Winter?"
„Da macht es einen eher schaurig, düsteren Eindruck. Die meisten Bäume auf dem Anwesen sind Laubbäume. Es ist schon ein wenig trostlos, wenn sich kahle Baumkronen bis zum Horizont ziehen."
Der Gedanke an Zuhause ließ den Blonden lächeln und beide verfielen wieder in Schweigen. Nach einiger Zeit erhob sich Scorpius und fing an die Reste zurück in den Korb zu räumen. Plötzlich hockte er sich vor Albus und stützte sich auf dessen Knie ab.
„Möchtest du es sehen?"
Albus wirkte verwirrt. „Was sehen?"
„Malfoy Manor! Möchtest du dieses Weihnachten mit mir und meiner Famil...?"
„JAAH!"
Lachend schüttelte Scorpius seinen Kopf. Albus hatte ihn erst gar nicht ausreden lassen. Typisch Gryffindor. Doch langsam kamen dem Schwarzhaarigen Zweifel und er zog nachdenklich seine Unterlippe zwischen die Zähne.
„Ähem, wird denn dein Vater nichts dagegen haben, wenn ich mitkomme?"
„Warum sollte er? Mein Vater hatte doch auch nichts gegen unsere Freundschaft. Ich wette Mutter würde sich sehr darüber freuen. Ich werde ihnen heute noch eine Eule schicken!"
„Warte mal! Was ist mit deinen Großeltern? Die konnten meinen Dad nie leiden."
„Meine Großeltern leben schon lange nicht mehr auf Malfoy Manor." Ein wenig wirkte Scorpius nachdenklich. Er schien mit sich zu ringen und seufzte, als er eine Entscheidung traf. „Also schön. Eigentlich möchte ich nicht darüber sprechen. Nach Voldemorts Tod hatte das Ansehen meiner Familie sehr gelitten, eigentlich das ganze Jahr vorher schon. Mein Vater gilt als Feigling und meine Großeltern hatten sowieso einen schweren Stand. Großvater Lucius war schließlich ein Todesser und Großmutter Narcissa hatte Voldemort gedient, auch wenn sie keine Todesserin war. Meine Familie hat deinem Vater viel zu verdanken. Nur sein Eintreten für uns vor dem Zaubergamot bewahrte alle davor, nach Askaban geschickt zu werden."
Mit großen Augen schaute ihn Albus an. „Das wusste ich nicht. Bei uns wird nicht oft darüber gesprochen, wenn wir Kinder dabei sind."
Scorpius nickte. „Bei uns auch nicht. Ich weiß nicht was dein Vater ausgesagt hat, oder warum er sich überhaupt für meine Familie eingesetzt hat. Nun ja, wir Malfoys hatten nie viele Freunde. Früher hatten alle entweder Furcht vor uns, oder wurden durch uns protegiert..." Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er Albus' fragenden Gesichtsausdruck sah. „Das heißt gefördert! Doch mit dem Fall des dunklen Lords schwand auch unser Einfluss und das ließ man meine Großeltern und meinen Vater spüren. Meine Großeltern verließen England und gingen nach Irland. Sie haben sich dort auf einem alten Landsitz zurückgezogen. Natürlich kommen sie ab und an zu Besuch, aber hauptsächlich leben sie in Irland."
Albus räusperte sich. „Wie andere Zauberer deine Familie behandeln, ist das der Grund, warum du lieber allein für dich bist?"
„Ja! Ich hatte nie richtige Freunde. Ich hasste es, wenn sie hinter meinem Rücken über mich redeten oder sich über meinen Vater lustig machten. Immer gerade nur so laut, dass ich es ja mitbekam. Zabini und Bulstrode sind da eine Ausnahme. Aber mit der Zeit blieb ich lieber allein."
„Was auch erklärt, warum du son Quatsch liest!"
Der Blonde verpasste ihm empört eine Kopfnuss. „Das ist Poesie! Du bist ein richtiger... Ach ist auch egal! Jedenfalls willst du nun an Weihnachten mitkommen?"
Albus nickte und Scorpius erhob sich lächelnd. Er hielt dem anderen seine Hand hin und zog ihn auf die Füße.
„Ich wollte nie Freunde haben. Aber dass du nun mein Freund bist finde ich irgendwie..."
„Angemessen?"
Scorpius lachte und kniff den kleineren in die Wange. „Ja, so in etwa. Lass uns gehen, ich will noch den Brief an meine Eltern schreiben und dann ins Bett! Vielleicht finde ich ja heute Nacht ein wenig Schlaf."
Tbc...
