Kapitel 11, in dem der Spuk kein Ende nimmt
„Tja, ähm... wie wär's, wir schreiben Harry einen Brief?", versuchte ich abzulenken und ich versuchte auch dem, was mein Bruder gesagt hatte, weniger Gewicht zu geben. „Wir sind doch... Geschwister", tönte es in meinem Kopf.
„Klar, ich hole Pergament", stimmte Fred zu, nun wieder ganz der Alte. Erleichtert atmete ich auf. Einige Minuten später kehrte Fred zurück, Papier und Feder in der Hand.
„Okay. Also, wie fangen wir an? Lieber Harry...", begann ich.
„Mum hat vergessen, dich einzuladen und ich, ehrlich gesagt, auch", fuhr Fred fort, meinen Schreibstil nachahmend. Ich verdrehte die Augen, musste aber kichern, und schrieb es nieder.
„Weiß Harry eigentlich schon von Dads Unfall?", fragte ich mit gerunzelter Stirn.
„Das sieht echt süß aus", lächelte Fred.
„Was?"
„Wenn du deine Stirn so kraus ziehst", antwortete mein Bruder und bemühte sich, es nachzuahmen.
Mir wurde augenblicklich heiß und ich fragte mich, was hier gespielt wurde. Warum machte Fred mir Komplimente und lächelte mich an? Warum guckte er so merkwürdig und sagte so komische Sachen? War das ein Spiel oder war das purer Ernst? Hatte Hermine am Ende doch was darüber gesagt, dass ich in ihn verliebt war? Aber so was würde sie bestimmt nicht.. oder doch?
„Ne, ich glaub, Harry hat keinen blassen Schimmer, was hier während der letzten Monate passiert ist", sagte da Fred.
„Hätte Ron ihm eigentlich mal sagen können", grummelte ich und erinnerte mich daran, dass mein jüngster Bruder schließlich Harry Potters bester Freund war.
„Tja, Ron ist eben doch ein Kaninchen..", sagte Fred theatralisch. „Und vielleicht hat er ihm ja auch schon darüber geschrieben, man weiß ja nie", schob er achselzuckend hinterher. Ich wusste zwar nicht, wieso Ron durch die Tatsache, dass er mit seinem besten Freund keinen permanenten Kontakt hielt, ein Kaninchen war, aber was sollte es.
„Dann schreiben wir ihm das am Besten trotzdem, nur für alle Fälle", sagte ich hastig und schrieb drauf los.
Lieber Harry,
Mum hat vergessen, dich einzuladen und ich, ehrlich gesagt, auch. Heute fand ein großes Essen bei uns im Fuchsbau statt, Mum wollte etwas verkünden. Um es kurz zu machen: Ich bin schwanger. Wahrscheinlich freust du dich jetzt und denkst an Draco, aber mit mir und Draco läuft es zur Zeit nicht so gut. Das Kind ist von Colin Creevey (du weißt schon) und eigentlich weiß ich nicht mal, ob ich's behalten möchte.
Was ich auch noch nicht weiß ist, ob Ron dir erzählt hat, dass unser Dad einen Autounfall hatte. Mit einem Muggelauto. Mal geht es ihm schlechter, mal besser, aber unsere Uhr (kennst du doch) steht permanent auf „In Lebensgefahr".
Mum war total entsetzt und hat sich furchtbar geschämt, dass sie vergessen hat, dich einzuladen. Ich hoffe, du bist deswegen nicht böse.
Vielleicht sieht man sich ja mal,
Ginny
„Perfekt", gähnte George, der hinter mir gestanden und mitgelesen hatte.
„Stimmt", sagte ich mit einem ironischen Unterton, weil ich mir nicht sicher war, ob das „perfekt" ernst gemeint war oder nicht.
„Wieso hast du nicht gleich gesagt, dass es mit dir und Draco nicht so läuft?", fragte Fred. Ich wollte gerade etwas entgegnen, als er weitermachte: „Den hätten wir uns doch sofort vorgeknöpft! So einfach ist man nicht zu unserer Schwester gemein!" Er grinste schelmisch.
„Und was ist mit dir und Hermine? Ihr versteht euch gut oder?", versuchte ich, das Thema zu wechseln.
„Geht so", erwiderte Fred knapp. Sein Gesicht war verschlossen und abweisend geworden.
Das ist ja mal wieder typisch, Ginny, dachte ich bei mir. Du versuchst, etwas Unverfängliches aufzugreifen und stichst dabei mitten in ein Wespennest.
Ich hatte keine Ahnung, was ich sonst sagen sollte. Also betrachtete ich Fred. Er war groß, schlank, muskulös. Er war witzig und clever. Er hatte dieselben Augen wie ich und dieselben Sommersprossen. Wir sahen uns so ähnlich, und trotzdem hatten wir nun nichts, worüber wir reden konnten.
„Weißt du, eigentlich will ich schon seit Wochen mit ihr Schluss machen. Aber irgendwie.. Irgendwie kommt immer etwas dazwischen.", sagte Fred gequält. „Mal muss sie schnell weg, dann geht es ihr nicht so gut. Oder ihr geht es total super. Da kann ich ja auch nicht sagen: Ich will mich trennen!"
Ich fühlte mich völlig überrumpelt.
„Ginny, du bist doch ein Mädchen...", fing er an.
Ich nickte und ahnte nichts Gutes. „Richtig, endlich etwas, was du weißt und nicht erst nachgucken musst in deinem Alter", sagte ich sarkastisch.
„Nicht?" Schon wieder grinste er. „Ich würde aber liebend gerne."
Mit einem Satz saß er neben mir auf dem Sofa und machte sich an meinem Umhang zu schaffen. Seine Berührungen jagten mir einen Schauer über den Rücken, aber nicht nur vor Lust und Verliebtheit, sondern auch vor Furcht. Ich erkannte meinen Bruder nicht wieder und hatte auf einmal furchtbare Angst, dass er sich an mir vergreifen würde.
„Hey, das war ´n Scherz", sagte Fred betreten und ließ mich auf der Stelle los.
„Fand ich nicht so witzig", entgegnete ich hohl.
Fred hob abwehrend beide Hände. „Willst du mich jetzt als Verbrecher hinstellen, der seine Schwester antatscht?", rief er entgeistert.
„Quatsch", sagte ich, „setz dich wieder hin"
„Ich glaub's ja nicht", murmelte Fred.
„Ich hab doch gesagt, dass es nicht so gemeint war", sagte ich wütend. „Tu so was einfach nächstes Mal nicht, okay?"
„Führ dich nicht so hysterisch auf! Ich hätte wirklich mitgehen sollen!", blaffte er mich an.
„Dann tu das doch!", schrie ich und wusste schon gar nicht mehr, wie es zu dem Streit gekommen war. Ich funkelte meinen Bruder wütend an, und auf einmal war er wieder bloß mein Bruder Fred. Und ein Mann, dem es genauso ging wie mir. Ein Mann, der auch Probleme mit der Liebe hatte.
Meine Güte, wie groß wir alle geworden sind, dachte ich. Fred ist ein Mann. George ist ein Mann. Ich bin eine Frau und kein Mädchen mehr..
„Mach ich, verlass dich drauf!", sagte Fred sauer. Einige Minuten sagte keiner von uns beiden ein Wort. Dann fragte Fred: „Dachtest du echt, ich würde dir was tun?"
„Nein. Ja. Schon.", antwortete ich mit gesenktem Kopf. Ich schämte mich. „Tut mir Leid, ich weiß, du würdest nie-"
Doch weiter kam ich nicht, denn Fred unterbrach mich: „Da wär ich mir nicht so sicher."
„Was-? Ich verstehe nicht-"
Er kicherte. „Hermine und ich hatten seit einem Monat keinen Se-"
„Hey!", rief ich empört. „Das möchte ich überhaupt nicht wissen!"
Ich fing an, mich langsam wirklich zu fragen, ob mit meinem Bruder alles in Ordnung war. Er benahm sich durch und durch merkwürdig. Noch nie –nie!- wollte mir irgendjemand aus meiner Familie etwas über seine Bettgeschichten erzählen.
Mich ärgerte, wie viel Macht Fred über mich hatte. Er konnte mich schocken, im Kreis herumjagen, mir Angst machen. Ich fühlte mich wie eine Fünfjährige. Damals hatten sich Fred und George einige derbe Späße mit mir und Ron erlaubt und uns immer wieder in die Irre geführt. Und genauso tat er es jetzt!
„Ich wollte dir damit nur zeigen, wie dringend die Situation ist", sagte mein Bruder lachend. „Du siehst – ich brauche weibliche Hilfe!"
Ich fand seine Sätze eindeutig zweideutig – oder bildete ich mir da nur schon wieder was ein?
Vor der Haustür hörten wir die Stimmen von Mum und Bill und den anderen. Fred sah erst zu Tür, dann zu mir. Auf einmal legte er den Arm um mich, hob mit seiner Hand mein Kinn und küsste mich mitten auf den Mund. Ich fühlte mich wie ein Stein, starr und unfähig, mich irgendwie zu bewegen oder irgendetwas zu tun. Ich hörte ein entsetztes Aufkeuchen. Aus den Augenwinkeln erblickte ich Hermine. Als Mum und meine Brüder hereinkamen, war der Spuk schon längst vorüber. Fred saß neben mir und blinzelte schläfrig zu seinem Zwillingsbruder und Hermine hinüber. Hermine wechselte an diesem Abend kein Wort mehr mit mir. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich war verzaubert und verschreckt. Abgestoßen und angezogen. Die ganzen nächsten zwei Stunden über. Bis Fred ging.
„Du, Ginny", flüsterte er mir zu, „das von vorhin, du weißt schon – ich erklär's dir morgen. Ich komm einfach vorbei, okay?" Ich nickte stumm.
Meine beste Freundin verabschiedete sich nicht von mir.
Die Nachtluft war kühl und ich apparierte so schnell ich konnte zu der kleinen, alten Kirche. Rasch schritt ich zu dem Holzportal und wollte die Tür öffnen. Sie war verschlossen. Verärgert und vor Kälte zitternd murmelte ich den Spruch und die Tür schwang auf. „Na bitte", sagte ich. In dem kleinen Gebäude war es stock dunkel. „Lumos", flüsterte ich. Vorsichtig ging ich nach vorne, zum Altar. Immer wieder sah ich mich um, ob nicht noch jemand hier war, aber ich sah keinen. Wie sollte hier auch einer reinkommen? Wenn nachts die Tür verschlossen war..
Als erstes betete ich für meinen Vater. Und dann für mich.
„Bitte bitte, lieber Gott", flüsterte ich, und meine Stimme klang laut in der Dunkelheit, „bitte sag mir, was ich tun soll. Soll ich das Kind behalten oder soll ich nicht? Was ist die richtige Entscheidung? Und, noch was, lieber Gott", sagte ich zögernd. „Ich würde dich inständigst bitten mir meine große Liebe zu schicken."
Oh Gott, das hörte sich so albern an!, dachte ich zerknirscht.
„Ich meine", machte ich schnell weiter, um meine Bitte wenigstens etwas präziser zu machen, „ich würde gerne wissen, wer der Richtige ist. Fred? Oder doch Draco? Colin? Ich weiß es doch nicht...", murmelte ich verzweifelt. Danach riss ich die Augen auf, weil ich fertig war mit dem Beten.
Ich hörte auf einmal jemanden atmen – ich war mir ganz sicher! Da atmete jemand und er oder sie konnte nicht weit von mir entfernt sein! Schnell kam ich wieder auf die Füße und umklammerte fest meinen Zauberstab. „Wer ist da?", rief ich und leuchtete hektisch herum. Im nächsten Moment hörte ich schnelle Schritte, dann fiel die Tür zu .
Ich floh panisch aus der dunklen Kirche und vergaß sogar, die Tür mit einem Zauberspruch wieder abzuschließen.
Als ich wieder zu Hause war, lag ich stundenlang wach. Der Tag hatte mir reichlich Denkstoff gegeben.
review?
