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Unruhig wälzte ich mich von einer Seite auf die Andere und das draußen Tag war machte die Sache nicht besser. Ich begann über mich nachzudenken, ich hatte mich mit dem überschreiten der Türschwelle sehr verändert. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Meine Gefühle waren so widersprüchlich und spiegelten sich in meinen Taten wieder. Seit ich hier bin, erlebe ich die ganze Bandbreite meiner Emotionen. Ich war wütend, leidenschaftlich, traurig, glücklich, ängstlich, mutig und verliebt. Nein, ich liebte! Und war lebendiger als je zuvor.

Musste erst ein Monster kommen, um mich aus meinem Dornröschenschlaf wach zu rütteln?

Ich machte mir bewusst was er war, ich war nicht naiv. Er tötet um zu Leben und doch würde ich ihm meines ohne zu zögern anvertrauen. So viele Widersprüche. Ich gab den Versuch zu schlafen entgültig auf und schob die Decke zurück. Mein Weg führte mich wieder zum Fenster. Der Himmel war bleiern und passte zu meiner Stimmung. Es sah aus als würde es bald regnen und schon öffneten sich die Himmelsschleusen und ein Schauer ging nieder.

Auch mir kamen die Tränen. Wie sollte es weitergehen? Ich würde so gerne mit ihm zusammen sein, aber wo sollten wir leben? Er brauchte die Nacht, ich den Tag. Ich esse normale Lebensmittel, er Blut und er ist soviel älter als ich. Obwohl ich auf seinem Alter nicht rumreiten will, er hat sich gut gehalten, sah keinen Tag älter als Dreißig aus. Ich seufzte. Wie sollte das hier alles weitergehen? Konnte es überhaupt weitergehen? Ich wünschte, er wäre ein ganz normaler Mann. Ich wünschte soviel, vielleicht zuviel.

Nun rannten mir tatsächlich Tränen über mein Gesicht. Warum er, warum ausgerechnet er? Am liebsten wäre ich nach unten gerannt und hätte mich ganz fest an ihn gekuschelt. Hätte meine Augen vor der Welt verschlossen. Ich zwang meine Gefühle nieder und suchte statt dessen meine Kleider zusammen. Ursprünglich war nur eine Übernachtung geplant gewesen und jetzt bin ich schon den vierten Tag hier. Wäsche waschen war jetzt angesagt, außer ich wollte in schmutzigen Kleidern rumlaufen.

Ich ging ins Bad und drückte meine Sachen mit der Hand im Waschbecken aus. Diese Tätigkeit übte eine beruhigend Wirkung auf mich aus. Ich begann alles wieder etwas gelassener zu sehen. Es gab keine Zukunft mit Sebastian. Diese Erkenntnis brach mir zwar das Herz, aber sie war wahr. Es gab für mich hier nichts mehr zu tun. Das Haus würde er nicht verkaufen, dass war lediglich ein Trick gewesen um jemanden herzulocken. Wie einsam muss sein Leben sein. Und schon hatte ich Mitleid mit ihm.

Ich sollte meine Sachen schnappen und gehen. Entschlossen packte ich die frisch gewaschene Wäsche und stopfte sie so wie sie war, tropf nass in meine Tasche. Alles andere folgte wahllos. Ich wurde hektisch, jetzt wo die Entscheidung gefallen, der Entschluss gefasst, schien ich es fast nicht erwarten zu können, das Haus für immer zu verlassen. Mit der Tasche in der Hand eilte ich die Treppe nach unten, ohne zu zögern auf den Ausgang zu. Meine Hand lag auf dem Türgriff, einmal nach unten drücken und ich wäre draußen, frei, auf dem Weg nachhause.

Nachhause, dieses Wort ließ mich innehalten. Ich war Zuhause, ich fühlte das in jeder Faser meines Körpers. Ich wendete den Kopf und sah auf die Kellertür. Geh, flüsterte ich mir selber zu. Doch da hatte ich meine Tasche schon zu Boden sinken lassen und ging auf die Tür zu. Ehe ich mich selber daran hindern konnte, befand ich mich auf dem Weg nach unten. Ich konnte nicht gehen, ohne ihn nicht noch ein letztes Mal gesehen zu haben. Meine Hände fanden von selbst den Hebel um die Geheimtür zu öffnen, so als hätten sie es schon tausendemale gemacht. Jetzt rannte ich die letzten Stufen nach unten, atemlos blieb ich bei seinem Bett stehen.

Sein Gesicht brannte sich unlöschbar in mein Gedächtnis ein. Er lag da, bleich wie immer, seine schönen blauen Augen geschlossen. Er strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Ich berührte meine Fingerspitzen mit meinem Mund und hauchte einen Kuss darauf. Sanft berührte ich damit die seinen. „Lebe wohl. Ich liebe dich." Zärtlich fuhr ich ihm über die Wange, dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ging ohne mich noch einmal umzudrehen fort.

Oben angekommen, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich konnte nicht einfach gehen, ohne zumindest eine Nachricht zu hinterlassen. Also drehte ich wieder vor der Eingangstür um und ging diesmal in die Bibliothek. Hier war ich erst zweimal gewesen, das erstemal mit Sebastian und das zweitemal auf der Suche nach eben jenem welchem. So hatte ich diesen Raum noch nicht wirklich bewusst wahrgenommen. Ich ging zum wuchtigen Schreibtisch und sah mich um. So viele Bücher, manche von ihnen wirkten uralt. Ich ging an den Regalen entlang und strich über die Buchrücken. Wahllos zog ich eines heraus und besah es näher. Charles Dickens David Copperfield eine Erstausgabe, ich wette er hat es selber gekauft, oder lieber nicht, er war ja Nachtaktiv.

Wie kam ein Vampir anno dazumal zu Büchern und Kleidern und, und, und. Noch eine Interessante Frage. Ich stellte das Buch zurück und setzte mich auf Sebastians Sessel beim Schreibtisch. Plötzlich runzelte ich die Stirn. Wo war den sein Monster von Katze? Normalerweise war die doch hier irgendwo. Ich sah unter den Schreibtisch, doch die Katze war nicht da. Auch gut. Ich zog einen Stift und ein Zettel aus meiner Tasche und überlegte mir gerade was ich schreiben soll, als mein Blick auf ein schlichtes dickes Buch fiel.

Es lag etwas abseits auf dem Schreibtisch und fiel so eigentlich nicht weiter auf und doch hatte es meine Neugierde geweckt. Schon streckte ich meine Hände aus und zog es zu mir ran. Der Einband war aus braunem Leder und es wirkte sehr alt. Es stand kein Titel drauf und man sah ihm an das es oft in die Hand genommen wurde. Leichte Gebrauchsspuren zeugten von der häufigen Nutzung. Unentschlossen wendete ich es in meinen Händen. Sollte ich hineinsehen?

Ich öffnete das Deckblatt und auf der ersten Seite stand nur eine Zahl – 1506 .

Sein Erschaffungsjahr! Noch zögerte ich die Seite umzublättern. Wie es aussah, handelte es sich um seine Geschichte, sein Leben als Vampir. Hier würden Dinge stehen, die ich von ihm nicht wissen möchte, die schwer zu verstehen sind und auch grauenvolle Geschehnisse.

Minutenlang sah ich einfach nur die Zahl an. Ich kämpfte mit mir, ein Teil rief blättere um du willst es wissen, wie es ist, zu sein wie er. Der Andere wollte das gar nicht so genau wissen und wollte statt dessen lieber gehen. Hier vor mir lag die einmalig Chance zu verstehen. Ich unterdrückte wieder mal den vernünftigen Teil und blätterte um.

Dies ist meine Geschichte und die auch jener die durch meine Hand ihr Leben lassen mussten.

Ich hielt in den Händen etwas einzigartiges und kostbares, die Chroniken eines Vampirs. Eine Geschichte des Blutes.