Unter der kratzigen Wolldecke
Seine Finger rieben neuerlich sanft aneinander und versuchten, das Gefühl des seidenen Bettbezuges wiederzubeleben. Es klappte nicht. Wozu hatte er es sich eingeprägt, es minutenlang verinnerlicht, bis der Schlaf ihn damals übermannt hatte, wenn es jetzt nur noch eine flüchtige, graue Erinnerung ohne Wert war?
Verzweifelt versuchte er es erneut und nahm dabei tatsächlich ein Stück Stoff zwischen seinen Fingerkuppen gefangen. Es holte ihn endgültig aus den inzwischen nur noch schwach ausgeprägten Träumen zurück in die Welt, die er eigentlich verlassen wollte. Ohne die Augen zu öffnen, fragte er sich, wo er war und erkundete das Gewebe mit seiner Haut weiter.
Warm von seinem eigenen Körper und vor allem kratzig. Es erinnerte ihn irgendwie an seine Kindheit, als er genau diese Sinnesempfindung hasste.
Mutig probierte er, seine Augen zu öffnen, doch stellte schnell fest, dass sie von Dreck und Tränenflüssigkeit so verkrustet waren, dass sich das Unterfangen als nicht ganz einfach herausstellte. Zeitgleich bemühte er sich, seinen Hals freizumachen und von dem fürchterlichen Geschmack, der sich gebildet hatte, zu erlösen.
Er verschluckte sich und hustete, bis es unendlich weh tat und er die Augen noch mehr zusammenkneifen musste. Seine Lunge drohte seinem Empfinden nach, aus seinem Körper zu springen und der Geschmack in seinem Mund wurde gar noch scheußlicher.
Es legte sich eine Hand auf seine unter der Decke warm eingemummelte Brust und einen Moment lang glaubte er, jetzt endgültig zu ersticken. Doch dann stellte er fest, dass es eine liebevolle Geste war, eine die ihn nicht nach unten in den Abgrund drücken, sondern beruhigen sollte.
Es wirkte und der Husten verebbte langsam.
Ein weiterer Versuch, die Augen zu öffnen, gelang, doch konnte er anfangs nur verschwommene Konturen ausmachen, ganz so als sei er hinter dickem Milchglas gefangen. Doch die Hand auf seiner Brust war seine Verbindung zur Außenwelt, die Bestätigung, dass alles gut war.
Er blinzelte heftig und nach und nach traten deutlichere Formen aus dem Nebel, der ihn zu umgeben schien. Er befand sich in einem dunklen Raum, der nur durch ein Fenster hinter ihm beleuchtet wurde. Neben dem Bett, auf dem er glaubte zu liegen, saß jemand. House blinzelte noch einmal und endlich konnte er ein Gesicht erkennen.
Wilson.
Er saß einfach nur da, die Hand weiter auf seiner Brust, und sagte nichts. Vielleicht war es ein kleines, hoffnungsfrohes Lächeln, das House auf seinem Gesicht erkannte, doch noch waren seine Augen zu schwach, um es mit Bestimmtheit hätten sagen zu können.
Die Tatsache, dass es weiterhin kein Wort gab, ließ House trotz des sanften Druckes auf seiner Brust daran zweifeln, dass Wilson wirklich da war. Wahrscheinlich war es nur eine weitere grausame Einbildung, die ihm verdeutlichen sollte, wie sehr das hier alles weh tat.
"Bin ich tot?", fragte er mit belegter, brüchiger Stimme.
"Nein", antwortete Wilson und deutete mit dem Kopf auf seine Brust. "Besser?"
House nickte und Wilson zog seine Hand langsam weg. Sofort vermisste House den sachten Druck, den sie ausgeübt hatte. Nun fühlte er sich irgendwie nackt und leer.
Es folgte wieder Stille. Sie sahen sich an, bis House die brennenden Augen erneut schließen musste und eine verlorene Träne sich aus seinem Augenwinkel drückte, um langsam über seine Haut bis zum Ohr zu rollen. Erst jetzt bemerkte er, dass es kein Kissen gab, das seinen Kopf bettete. Alles, was er hatte, war die kratzige Decke über seinem zittrigen Körper.
"Wärst du lieber tot?", wollte Wilson nach einer Weile wissen.
House überlegte. "Vielleicht."
"Ich hatte gehofft, die Freude mich zu sehen, wäre ein wenig größer, aber ich verstehe, was du meinst."
"Foreman hatte recht. Verdammter Mist."
"Mit was?"
"Er hat die ganze Zeit gesagt, dass es irgendwo hier im Süden das Paradies geben muss. Er hat mir verschwiegen, dass es dich einschließt, der Bastard."
Auf Wilsons gerade noch so enttäuschtem Gesicht formte sich wieder ein kleines Lächeln. Doch lange konnte es sich nicht dort halten. "Was ist mit Foreman passiert?", erkundigte er sich. "Sie haben mich nicht an seine Leiche gelassen."
"Ein Spinner hat auf ihn geschossen", erklärte House und fragte sich, wo genau bei seiner Aussage das Gefühl abgeblieben war. Alles fühlte sich unendlich weit weg an. "Wie lange habe ich geschlafen?"
"Sie haben dich vor drei Tagen von der Straße aufgelesen und hier her gebracht. Ich habe deinen Namen gestern auf einer Liste gesehen. Du warst ein paar Mal kurz wach, aber daran kannst du dich wahrscheinlich nicht mehr erinnern."
"Wo sind wir hier?"
"Jacksonville."
"Wer hat mich aufgelesen?" Die Liste der Fragen in seinem Kopf wurde immer länger, doch als er die Augen wieder öffnete und Wilsons Gestalt diesmal noch deutlicher wurde, waren es plötzlich ganz andere Fragen, die ihn beschäftigten.
"Hier haben sich ein paar Leute zusammengefunden, eine Art Lager mit allem Verbliebenen aufgebaut und jetzt suchen sie die Gegend ab, um Essen, Medikamente und andere nützliche Dinge einzusammeln. Du lagst wohl auch auf ihrem Weg."
House dachte ganz kurz an die wenigen, verbliebenen Medikamente in seinem Rucksack zurück. Wie auf Kommando fing sein Bein an zu schmerzen und seine Finger fuhren zu der entblößten Narbe unter der Decke. Dann konzentrierte er sich wieder auf Wilson, dessen hageres Gesicht nicht zu dem Wilson passte, der ihm im Gedächtnis geblieben war. "Bist du okay?", wollte er wissen.
"Ja", sagte Wilson zu schnell und zu kurz angebunden, um den Schein der Wahrheit auch nur einen Moment lang aufrecht erhalten zu können.
"Will ich wissen, was passiert ist?", fragte House deshalb nach und dachte an seine eigenen Schauermärchen zurück, die er hätte erzählen können.
"Nein."
Stumm akzeptierten sie zumindest für den Moment die unausgesprochene Vergangenheit des jeweils anderen und hatten wohl genug damit zu kämpfen, dass sie ihre eigene kannten.
Zum ersten Mal hörte House dann ein Geräusch, das nicht von ihm oder Wilson kam. Aus einer anderen Ecke des Raumes drang ein markerschütterndes Husten gepaart mit einem mitleiderregenden Röcheln, das Cuddy vor seinem inneren Auge aufblitzen ließ. Er versuchte, sie abzuschütteln.
"Was ist das hier?", wollte House wissen. "General Hospital?"
"Wohl eher ein Auffangbecken. General Hospital ohne die Ärzte, heißen Schwestern, Medikamente und kleinen Hoffnungsschimmer. Nur mit all dem dazugehörigen Drama."
Während das Husten am anderen Ende des Raumes nicht aufhörte, kreisten die Gedanken von House in einem Tempo, das ihm unheimlich vorkam. Erst nach ein paar Sekunden realisierte er, dass er nicht verstand, dass er verwirrt war, vielleicht unter Schock stand und nicht in der Lage war zu glauben, dass Wilson wirklich hier war. Dass der Mensch, der da neben ihm saß, aus Fleisch und Blut war.
Der Mensch, den er sich beim Anblick des zusammengeknüllten Zettels vor ein paar Tagen noch wie nichts anderes an seine Seite gewünscht hatte, und wenn es nur für ein paar letzte, verabschiedende Worte gewesen wäre.
Vielleicht konnte er ja einfach nicht glauben, dass das Leben ihn diesmal doch nicht komplett hintergangen und aufs Kreuz gelegt hatte.
"Ich kann versuchen, ein wenig Wasser aufzutreiben, wenn du willst", sagte Wilson und stand von dem knarrenden Stuhl auf, der wie ein Relikt früherer Tage wirkte, auch wenn er wahrscheinlich noch gar nicht so alt war.
House hob seinen rechten Arm, bewegte ihn in Wilsons Richtung, doch zuckte am Ende davor zurück, ihn zu berühren. Stattdessen vermittelte er ihm zwischen den Zeilen, was er wollte: "Ist okay, jetzt nicht."
Wilson setzte sich wieder und fuhr mit den Händen über eingefallene Wangen und spröde Lippen. Es war ein Anblick, der House regelrecht weh tat, sein Bein für einen Augenblick gar unangenehm übertönte. Er zwang sich wegzusehen.
"Sie sammeln die Leute doch nicht aus purer Nächstenliebe ein, oder?", fragte er und studierte die nahegelegene Wand. "Mehr Leute bedeuten mehr Mäuler, die gestopft werden wollen. Das Essen dagegen vermehrt sich wahrscheinlich nicht wundersam von selbst."
Ratlos zuckte Wilson mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Ich habe aufgehört, den Sinn und Zweck der Dinge hier zu hinterfragen. Vielleicht ist es ein Fünkchen verbliebene Nächstenliebe, vielleicht nur der gleiche Mist wie überall."
House traute sich nicht, seinen Blick wieder zu Wilson schweifen zu lassen, weil er Angst davor hatte, was er in seinem Gesicht sehen würde. Er schluckte, kämpfte gegen das unangenehme Gefühl in seinem Hals und starrte weiter auf die karge Wand.
"Du kannst ruhig wieder schlafen", bemerkte Wilson irgendwann verhalten.
"Bleibst du hier?"
"Ich habe keinen anderen Platz, an den ich gehen könnte oder wollte."
Als House wieder einschlief, sein geschundener Körper sich weiter erholte und die verwirrte Psyche abschaltete, träumte er zum ersten Mal seit Monaten überhaupt nicht. Es war ein Segen und vielleicht lag es daran, dass er das gefunden hatte, was er so dringend brauchte.
Wilson blieb, holte nur kurz Wasser, bunkerte etwas Essen unter dem zusammengeschusterten Bett und richtete ab und an die Decke, die House einhüllte. Auch er hatte endlich ein Stück Frieden gefunden.
Tatsächlich realisieren, zeigen oder aussprechen, konnten sie es beide nicht.
