Wie schon gesagt, wollte ich die Stadt erst einmal gründlich erforschen. Ich stieg in den Brunnen vor der Herberge und fand ein paar Leinenhandschuhe, ging die Treppe neben der Herberge runter und fand dort ein paar Lederschuhe und Baumwolle. Ich ging in verschiedene Häuser rein, unterhielt mich mit den Stadtbewohnern und sah nach, was es für Angebote in den Läden gab. In einer rote Truhe fand ich sogar eine Minimedaille, wo für auch immer die war. Während ich mich mit ein paar Leuten unterhielt, stieß ich auf den sogenannten"Schwarzen Ritter". Dieser war wohl vor nicht allzu langer Zeit hier in Stinsbruck gewesen und hatte sein Unwesen getrieben. Ich erfuhr mehr auf dem Schwarzen Brett, welches in der Mitte der Stadt stand. Ein Soldat machte mich auf es aufmerksam. Auf dem Brett stand:
„Ein geheimnisvoller Ritter in schwarzer
Rüstung versetzt unsere Stadt in Angst und
Schrecken.
Wer es wagen will, gegen ihn anzutreten,
möge zur Burg kommen! Wir nehmen jeden!
König Bartus von Stinsbruck"
Mir war klar, dass ich mit dieser Sache eigentlich nichts zu tun hatte. Eigentlich. Nur sah ich hier nirgendwo einen Hüter und die Leute dieser Stadt brauchten Hilfe. Zudem hatte Stella von „viel Benefizit verdienen" gesprochen und ich war mir sicher, dass ich dadurch viel bekommen würde. Außerdem war ich neugierig auf das Schloss. So hätte ich also die Gelegenheit auch das Schloss von innen zu bestaunen. Ich ging also zum Schlosseingang. Zwei Wachen standen davor und versperrten mir den Weg.
„Weswegen seid Ihr hier, Wandrerin?", fragte der eine Soldat. Ich erklärte ihm kurz, warum ich ins Schloss wollte. „Ach, habt Ihr gelesen, dass wir jemanden suchen, der uns von diesem Schwarzen Ritter befreit?"
Ich nickte zustimmend.
„In diesem Fall solltet Ihr in die Burg gehen und versuchen, mehr darüber herauszufinden."
Schlauberger! Weswegen sollte ich sonst in die Burg? Um ein Kaffeekränzchen mit der Königsfamilie abzuhalten? Langsam wurde mir klar warum die Streitmacht von König Bartus nichts gegen diesen Schwarzen Ritter unternehmen konnte.
Drinnen begrüßten mich die große Eingangshalle und zwei Flure die nach rechts und links verliefen. Ich ging zuerst in den rechten Flur und dort die erste Treppe rauf. Ich kam oben auf der Turmspitze an und hatte einen wunderbaren Blick auf die Stadt unter mir. Ich ging wieder runter und folgte dem Flur in die Küche. Von der Küche ging eine Tür nach draußen in einen kleinen Hof. Die Köchin stand am Brunnen und arbeitet hart. Deswegen ging ich wieder rein m sie nicht zu stören. Von der Küche gelangte ich in den Speisesaal und von dort in das Schlafgemach des Königspaares. Nur das dort die Königin saß und ich sie auf keinen Fall stören wollte. Ich würde halt später den Raum erforschen. Dann ging ich den Turm im Nordwesten hinauf. Ich kam zu den Schlafräumen der Soldaten. Dort lagen auch die, die im Kampf mit dem Schwarzen Ritter verwundet worden waren. Ich ging wieder nach unten und weiter in den Keller. Es waren die Trainingsräume für die Soldaten, in denen ich mich nun befand. Ein Soldat sah ich gerade am trainieren, doch mich interessierten mehr die zwei roten Truhen in der hintersten Ecke, wobei ich die eine nicht öffnen konnte. Ich hatte genug gesehen und ging wieder nach oben. Nun blieb nur noch die Treppe im südwestlichen Turm und die Eingangshalle. Als Erstes nahm ich die Treppe, doch die führte nur zu den Kerkern, also ging ich weiter in die Eingangshalle. In der Eingangshalle fiel als erstes die große Treppe ins obere Stockwerk ins Auge. Hinter der Treppe waren einmal eine kleine Bibliothek, dann die Tür zum Speisesaal und dann noch ein kleiner Raum mit weiteren Betten für Soldaten. Ein Soldat lag sogar dort. Er schien Schmerzen zu haben, doch konnte er zwischen den Schmerzen noch hervor quetschen, was er unter der Maske des Schwarzen Ritters gesehen habe. Laut ihm sollte der Schwarze Ritter ein Toter sein. Ich fragte mich zwar, wie ein Sterblicher einen Geist sehen sollte, doch schenkte ich erst einmal Glauben. Der Gedanke, gegen einen Geist kämpfen zu müssen, gefiel mir allerdings gar nicht. Dann endlich ging ich die Treppe hoch zum Thronsaal, wo der König schon wartete.
Im Thronsaal war König Bartus gerade am schimpfen mit seiner Tochter, Prinzessin Simona.
„Es reicht, Simona! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht zu ihm gehen darfst?"
„Und wie oft muss ich dir noch sagen, Vater, dass der Schwarze Ritter nur wegen mir immer wieder in unsere Stadt kommt?", erwiderte Simona. „Verstehst du es denn nicht? Wenn ich zu ihm gehe, werden all die Leute in Stinsbruck wieder in Frieden leben können."
„Das ist doch lächerlich! Sehe ich etwa aus wie ein Mann, der seine Tochter einem niederträchtigen Ritter opfert?"
„Aber Vater …!"
Dann bemerkte der König mich. Simona drehte sich um und ich konnte sie endlich von vorne sehen. Wunderschöne lange, goldene Haare, makellose, weiße Haut und tief graue, wenn auch traurige, Augen. Sie war wie eine Prinzessin aus dem Märchenbuch.
„Still jetzt! Wir haben Besuch. Genug von diesem Geschwätz! Ihr da! Tretet vor, an den Thron!", rief der König.
Ich folgte seinem Befehl.
„Ich bin König Bartus, er Herr dieser Burg und Souverän von Stinsbruck", erklärte der König seinen Titel. „Seid Ihr wegen des Aufrufes auf dem Schild unten in der Stadt gekommen?"
„Jawohl, Eure Majestät. Das bin ich."
„Tatsächlich? Ihr wollt uns also helfen, diesen aufdringlichen Schwarzen Ritter loszuwerden?"
„Jawohl, Eure Majestät. Deswegen bin ich hier."
„Herrje! Ihr wollt also wirklich gegen den Schwarzen Ritter antreten? Sagt mir Euren Namen, mein Mädchen!"
„Ich heiße Nessa, Eure Majestät."
„Nessa also? Nun denn, Nessa, hört Euch zuvor besser an, was ich zu sagen habe. Ich habe natürlich gute Gründe, eine Fremde um Hilfe gegen diesen ruchlosen Schwarzen Ritter zu bitten. Dieser Grobling ist nämlich nur hierher gekommen und in die Burg eingedrungen, um mich meiner Tochter zu berauben!", erklärte der König, währen alle Augen auf Simona hafteten. „Er hat sogar dreist verlangt, dass man sie innerhalb einer bestimmten Frist zu ihm an den Stinsee bringen möge. Und ich bin davon überzeugt, dass dies nur eine bösartige Falle ist. Wenn ich meine Soldaten mit meiner Tochter zum Stinsee schicke und die Burg dann schutzlos ist, wird er angreifen! Und darum wollte ich stattdessen lieber eine Fremde wie Euch mit dieser Aufgabe betrauen."
„Aber Vater! Ihr könnt das doch keiner Fremden aufbürden, die hier nur auf der Durchreise ist!"
„Still jetzt! Ich werde nicht zulassen, dass dieser schändliche Schurke über mich triumphiert!"
„Das ist so traurig, Vater … So traurig, dass du meiner Meinung in dieser Sache keine Beachtung schenkst", meinte Simona noch, bevor sie schluchzend aus dem Thronsaal lief.
„Tja … Tut mir leid. Aber meine Tochter hält es für eine gute Idee, sich mit diesem Kerl zu treffen, um uns alle zu helfen. Aber ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr Euch zum Stinsee begeben und herausfinden könntet, was der Kerl vorhat. Geht ein über die Brücke nördlich der Stadt und dann weiter Richtung Norden, dann seid Ihr bald am See. Und verabreicht ihm bitte eine ordentliche Tracht Prügel, wenn Ihr ihn antreffen solltet! Zeigt keine Gnade! Für Euren Einsatz werde ich Euch natürlich gebührend entlohnen. Ich setze all meine Hoffnungen auf Euch, Nessa!"
„Jawohl, Eure Majestät!", sagte ich noch, ehe ich mich mit einer tiefen Verbeugung verabschiedete.
Draußen vor dem Schloss tauchte auch Stella nach langer Zeit wieder auf. Sie wusste natürlich, was vorgefallen war.
„Dieser Schwarze Ritter setzt den Leuten hier ganz schön zu, oder? Das ist unsere Chance, eine gute Tat zu vollbringen! Der Allmächtige wird froh sein wie ein Floh im Haferstroh, wenn wir diesen Leuten hier helfen und jede Menge Benefizit verdienen. Alles läuft wie am Fädchen! Also, lass uns jetzt gehen und den Schwarzen Ritter in seine Schranken weisen!"
Können wir das Morgen machen, Stella? Es war ein anstrengender Tag und ich wollte vorher noch einmal bei Thekla und Hilda in der Herberge vorbei schauen. Bis Morgen wird dieser Schwarze Ritter doch wohl noch warten können, oder?"
„Ja, vielleicht hast du recht. Gut, dann lass uns gucken wie die Betten bei Thekla so sind!"
Wir machten uns auf den Weg zur Herberge.
