Kapitel 10 – Primacy – Vorrang

„Weasley, bitte. So sagt man nicht Hallo." Warum konnte er seinen vorlauten Mund nicht halten, wenigstens dieses eine Mal?

Wiederum machte es wohl keinen Unterschied, ob er Wealsey nun weiter anstachelte oder brav die Klappe hielt, für den Rotschopf gab es so oder so kein Halten mehr.

„Du mieses Arschloch, Malfoy, es ist eine Schande, dass du im Krieg nicht umgekommen bist!"

Kurz stockte Draco der Atem. Er hatte sich tatsächlich schon viel angehört, aber ein solcher Wunsch war ein anderes Kaliber.

„Wie kannst du es wagen, Hermine anzurühren? Hermine! Sie hat dir nie etwas getan, oder? Soll das so eine Art Rache sein?!"

Weasley tobte und schrie und es schien ihm relativ egal, dass einige Meter weiter die ganze Schule inklusive aller Lehrer zum Abendessen versammelt war. Wie er dort oben auf der Treppe stand, machte er Draco, ein gutes Stück weiter unten und immer noch auf dem Boden sitzend, doch ein wenig Angst.

„Rache für was bitte?", bekam er gerade so hervor uns schaffte es endlich, seinen Kopf halbwegs würdevoll zu heben.

„Natürlich für die Niederlage deines tollen Lords, du elender Todesser! Du bist doch nur unglücklich, weil seine Herrschaft gebrochen ist und Muggelgeborene weiter hier zur Schule gehen können! Und da Hermine schon immer dein kleines Lieblingsopfer war, zahlst du es ihr jetzt so richtig heim, indem du ihr Leben ruinierst!"

Draco spekulierte auf einen möglichen Wahnsinn seitens Weasley, brachte ihn aber nicht zur Sprache. Wie er dort über ihm stand verdeutlichte Draco auf unangenehme Weise, dass er ihm momentan überlegen war und ließ seinen sowieso nur spärlichen Mut und sein in letzter Zeit ebenfalls eher spärliches Selbstbewusstsein noch mehr zusammensinken.

*

Hermine konnte ihn nicht mehr aufhalten, in dem Moment, in dem Malfoy unauffällig allein vom Slytherintisch wegschlich, rauschte Ron an ihr vorbei und stapfte Malfoy hinterher – seine Ambitionen waren unübersehbar.

Sie wollte aufstehen und Ron nachlaufen, ihm erklären, dass er so niemanden weiter und sich selbst und andere nur in Schwierigkeiten brachte.

Doch sie hatte sich gerade erst mit ihren Händen auf dem dunkelroten Polster der Sitzbank zum Aufstehen abgestützt, als auch schon jemand ihr Handgelenk festhielt.

Harry.

„Was soll das?", fragte Hermine kühl, doch er sah sie mit seinen grünen Augen so eindringlich an, dass sie den Widerstand gegen seinen Griff aufgab und ihn nur noch anstarrte: „Lass ihn nur machen."

„Das kann ich nicht", meinte sie zwar leise, aber ein wenig zu schrill, „Was soll das bringen? Er wird Malfoy verletzen und sich selbst in große Schwierigkeiten bringen!"

Und Malfoy erst, dachte sie, bevor sie es verhindern konnte.

„Hat er nicht ein Recht darauf, seine Meinung auszusprechen?"

„Vielleicht, aber nicht, indem er Malfoy verflucht oder verprügelt. Damit wäre er kein Stück besser als irgendein Slytherin und nebenbei hat er mir seine Meinung schon sehr deutlich mitgeteilt, das müsste reichen."

Sie sah Harry weiterhin kühl an und wusste, dass sie gewonnen hatte. Tatsächlich lockerte sich der Griff um ihr Gelenk und Hermine stand auf, zog Harry jedoch mit sich, der darauf offensichtlich weder gefasst noch erpicht war, doch es war ihr gleich.

Es war nicht schwer, Ron zu finden, er stand ganz oben auf der Treppe zum Slytherinkerker hinab und Hermine erkannte schon auf dem halben Weg durch die Halle, dass seine Ohren tomatenrot waren.

„Ron!", rief sie etwas brüchig, doch er schien sie nicht zu hören und tobte weiter herum. Malfoy war vermutlich schon ein wenig weiter unten auf der Treppe und Hermine hoffte, dass er nicht, unter Umständen durch Ron verschuldet, gefallen war.

Als Harry und Hermine bis auf wenige Meter an Ron herangekommen waren, holte dieser gerade zum finalen Schlag aus: „Und da Hermine schon immer dein kleines Lieblingsopfer war, zahlst du es ihr jetzt so richtig heim, indem du ihr Leben ruinierst!"

Hermine selbst blieb verdutzt stehen und starrte Ron an.

Harry ging die letzten zwei Meter zu seinem besten Freund und legte ihm eine Hand auf die breite Schulter: „Du wirst mal wieder irrational. Und sei froh, dass dich noch kein Lehrer entdeckt hat. Werd erwachsen, Ron."

„Ja, werd erwachsen, Weasley", hörte Hermine Malfoy schnarren, er schien durch die Anwesenheit eines Dritten wieder etwas Mut geschöpft zu haben. „Hör auf deinen Kumpel und mach dich nicht länger zum Affen. Wieso sollte ich mich an Granger denn auf so absurde Weise rächen? Da schreibe ich lieber eine bessere Note als sie, das trifft sie mehr."

In diesem Moment sah Draco Grangers lockigen Kopf hinter Potty und Wiesel hervolugen. Ihr Blick sagte alles – sie war stocksauer. Sicher dachte sie gerade auch an ihr Annehmbar, an den Tag, an dem er eine bessere Note gehabt hatte; an dem sie sich einmal mehr für eine Versagerin gehalten hatte.

Als müsste er etwas erklären, stand er auf und klopfte sich Staub und Spinnweben vom Umhang.

Sein Blick wanderte über Weasley zu Potter und zu Granger. Er wusste, dass die Worte, die er sich eben zurechtgelegt hatte, zweideutig waren. Er wusste auch, dass Granger geistig wieder anwesend genug war, um den latenten Sinn ebenfalls zu verstehen. Er hoffte, dass Potter und Weasley diesen Berg noch nicht erklommen hatten und niemals erklimmen würden.

„Was ist das denn für eine miese Rache, die ich selbst nicht genießen kann."

Okay, Potter und Weasley waren wie erwartet tatsächlich zu dumm.

Während Potter ihn nur hasserfüllt anstarrte und sich dann Granger zuwandte, wurde Weasley schön komplementär zu seinen Haaren blassgrün und er stieß unschöne Beschimpfungen in Richtung Draco aus.

Doch Granger hatte ihn offensichtlich verstanden.

Sie war erstarrt und ihre Augen wanderten fahrig von ihren Freunden zu Draco und wieder zurück, sie war offensichtlich irritiert.

Ihren leicht geöffneten Mund schien Potter als ein Zeichen der unverhohlenen Bestürzung zu sehen, er streichelte ihren Arm und redete beruhigend auf sie ein. Granger schien ihn nicht zu hören.

Aber was sie jetzt wohl dachte?

Draco bekam Angst. Er hatte Angst, dass sie ihn trotz allem immer noch genauso hasste wie früher und dass sie jetzt noch mehr Angst vor ihm hatte als vorher. Jetzt, wo sie offensichtlich verstanden hatte, dass er sie nicht hasste.

Vielleicht war seine Wortwahl falsch gewesen.

Vielleicht hatte sie zu viel verstanden.

Draco entschied, dass es das Beste war, zu verschwinden. Weasley sah immer gefährlicher aus und er wollte nicht noch mehr Blessuren davontragen. Schon jetzt würde er hübscher Blutergüsse bekommen.

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und flüchtete in seinen vertrauten Gemeinschaftsraum.

Weg vom tobenden Weasley, vom verwirrten Potter und – vor allem – vor der viel zu klugen Granger.

*

Hermine saß zum ersten Mal seit Langem wieder mit ihren Freunden vor dem Kamin im Gryffindor-Gemeinschaftsraum, aber sie beteiligte sich nicht wie früher lebhaft an den Gesprächen. Ginny hatte sich zu den Dreien gesellt – ein Grund mehr für die Brünette, sich auszuklinken – und außerdem redeten sie von Rons kleinem Zusammentreffen mit Malfoy.

„Hermine, hör endlich auf, so zu tun, als würdest du mich nicht hören!"

Sie sah verwirrt auf, wer tat hier so als ob? Ginny stand vor ihr und sah sie wütend an – nicht, dass sie es sich Hermines Meinung nach hätte erlauben können. Die braunen Augen starrten das rothaarige Mädchen auffordernd an, doch sie schien den Wink zum Weiterreden nicht zu verstehen und fragte nur: „Was schaust du denn so böse? Bist du etwa immer noch sauer?"

„Du hattest ganz offensichtlich noch nie Streit mit Hermine", meinte Harry stirnrunzelnd und sogar Ron musste ein wenig schief grinsen.

„Deswegen will ich mich ja entschuldigen", erwiderte Ginny nun zu den Beiden gewandt und Harry erklärte: „Ja, ihrem Blick nach zu deuten sollst du auch weiterreden, aber erwarte besser keine Antwort. Sie ist enttäuscht, weißt du."

Hermine wusste, dass Harry es nicht böse meinte, aber sie war verletzt. Er hatte vollkommen recht und es machte ihr auch nicht wirklich etwas aus, dass er sie so durchschauen konnte, aber es störte sie, dass er es einfach so weitererzählte. Gerade von ihm hatte sie erwartet, dass er sich halbwegs taktvoll verhalten würde. Doch dass die beiden Weasleys jetzt ebenfalls wussten, woran sie waren, schien ihn sehr zu erleichtern und dadurch verlor er offensichtlich seine Vorsicht mit Worten.

Die Tränen stiegen Hermine in die Augen aber vorerst konnte sie sie erfolgreich zurückhalten.

„Also", begann Ginny nun und starrte Hermine an, „Es tut mir wirklich leid. Ich habe vollkommen missachtet, dass ich dir etwas versprochen habe und ..."

Ginny stützte ihren Kopf in ihre Hand und ihre Augen wurden dadurch verdeckt. „Ich weiß um ehrlich zu sein auch nicht, warum ich das getan habe, ich … ich hatte irgendwie das Gefühl, er sollte es so schnell wie möglich wissen und du würdest es bestimmt herauszögern und er ist immerhin mein Bruder, ich … Keine Ahnung."

Die Rothaarige sah Hermine so hoffnungslos an, dass diese ihre Barrikade fast von ihren Gefühlen gestürmt wurden, aber ganz so weit war sie noch nicht.

Sie sah Ginny noch ein paar Sekunden an, stand dann aber wortlos auf.

„Bibliothek", murmelte sie geistesabwesend und verließ den Gemeinschaftsraum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Bücher.

Stille.

Nachdenken.

Vergessen.

Malfoy.

Vermutlich war er da, er war in letzter Zeit ja so oft da.

Oder schlief er vielleicht schon?

Hermine gestand es sich nur ungern ein und sie würde es auch niemals zugeben, aber sie hoffte, dass es ihm gut ging.

Es war schon schrecklich genug, dass auf die eine Horrorvision gleich die nächste folgte – Malfoy war ihr ein klein wenig ans Herz gewachsen. Nur ein klein wenig. Es war, als würde eine kleine, teuflische Ausgeburt Malfoys in ihrem Körper sitzen und einen feinen Faden an ihr Herz kleben, wie eine Spinne. Und diese Spinne schien Gefallen an ihrem Herz zu finden denn ob Hermine es nun wollte oder nicht, es war nicht mehr nur ein Faden.

Vor allem nicht seit Malfoys Aussage vorhin.

Was hatte er gesagt?

Was ist das denn für eine miese Rache, die ich selbst nicht genießen kann."

Hermine wusste es ganz genau, dass es nur Einbildung (irgendetwas in ihr schrie Wunschdenken, aber sie ignorierte dieses Etwas mehr oder minder gekonnt) war, dass er ihr damit etwas hatte sagen wollen.

Kopf gegen Herz.

Hermines Kopf dachte, er meinte, dass er selbst nicht davon profitierte, was er getan hatte und dass es ihn nur nervte, wie sie reagierte. Dass er lieber seine Ruhe hatte und dass das alles nicht absichtlich geschehen war, um sie zu ärgern, weil er sich selbst damit genauso ärgerte.

Hermines Herz wollte, dass er Mitleid hatte und nicht wollte, dass es ihr weiterhi so schlecht ging. Hermines Herz wollte, dass er sie nicht hasste, sondern vielleicht sogar ein wenig akzeptierte und sich vielleicht zumindest ein wenig nach ihr erkundigte, weil es ihn auch wirklich interessierte. Dass er ihr vorhin eine subtile Botschaft mitgeben wollte in der Hoffnung, dass ihre Freunde es vollkommen falsch verstanden.

Aber für Hermine war vollkommen klar, dass ihr Herz viel zu subjektiv eingenommen war. Es konnte nur falsch liegen.

Inzwischen war sie in der Bibliothek angekommen. Niemand war mehr da, es war inzwischen so spät, dass alle in ihre Gemeinschaftsräume zurückgekehrt waren und selbst Madam Pince saß im hinteren Teil ihres privaten Bereichs in einem Sessel und schenkte Hermine kaum einen Blick.

„Ihr beiden nervt mich langsam", hörte die Gryffindor sie murmeln und sie hob erstaunt ihre Augenbrauen.

Wer außer ihr war noch öfter in der Bibliothek als sonst wo?

Ob sie es wollte oder nicht, ob sie nun subjektiv eingenommen war oder nicht – Hermine kannte die Antwort.

Zielstrebig lief sie in die verbotene Abteilung.

*

Draco hörte die kleinen, immer lauter werdenden Schritte und wusste genau, wer jetzt noch in die Bibliothek kam. Er hatte fest damit gerechnet und es sich auch irgendwo erhofft.

Er legte sein Buch über tödliche Zaubertränke beiseite und starrte in die Richtung des Bibliothektraktes, der für alle Schüler zugänglich war.

Tatsächlich stand sie ein paar Sekunden später vor ihm und sah ihn prüfend an.

Draco sah Granger herausfordernd in die geweiteten Augen, er wartete darauf, dass sie ihm vorwarf, er solle sich bitte um seinen eigenen Dreck kümmern.

Aber sie sagte nichts, starrte ihn nur weiter an und schien ihrerseits darauf zu warten, dass er etwas sagte.

Er würde nicht aufgeben.

Plötzlich schluckte Granger schwer und seufzte: „Zum Glück hat Ron dich nicht verletzt."

„Oh, ich werde Blutergüsse haben", schnarrte Draco ehe er sich selbst unter Kontrolle halten konnte, „Und sie werden schrecklich weh tun, aber wenn ich in den Krankenflügel gehe, werde im Endeffekt ich Ärger kriegen, weil Sankt Wiesel mein Gegner war, weißt du!"

Zu seiner Überraschung keifte Granger nicht, oder belehrte ihn, sie sah ihn mehr oder weniger resigniert an und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Harry und Ron waren ziemlich sauer wegen deiner letzten Aussage, weißt du", meinte sie dann und er glaubte, etwas Prüfendes in ihrer Stimme zu hören.

„Ach ja?", erwiderte er, um das Unvermeidliche hinauszuzögern.

„Ja", antwortete sie und er verdrehte die Augen. Sehr aussagestark.

„Und, haben sie dazu irgendein Recht?"

Nun war es an ihm, prüfend zu klingen und sie schien es ebenfalls zu bemerken. Ihr rechter Mundwinkel rutschte leicht nach oben. „Ich denke nicht. Vor allem nicht, wenn ich nicht wütend bin."

„Du bist nicht wütend?", fragte er verwirrt, seine Gesichtszüge entgleisten ihm ein wenig, als er die Augen aufriss.

„Nein", erwiderte Granger schlicht und sah ihn weiter an, als würde sie ihn einer Prüfung unterziehen.

„Ach", sagte er. Ihm fiel nichts mehr ein.

Sie nickte bestätigend, auch sie schien durch seine einfallslose Reaktion ein wenig aus dem Konzept gebracht.

Schließlich drehte sie sich kurz um und setzte sich dann auf einen Stuhl, ihm gegenüber.

„Ich denke, du hast es gar nicht böse gemeint."

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Verdammt, ich hab nicht mal mehr ein Kapitel 2009 fertig gekriegt .

Aber dafür tut sich jetzt langsam was, nicht wahr? :D Die Story hat sich so sehr gewandelt, sowohl Hermines Art als auch mein Schreibstil … manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich den ersten Kapiteln überhaupt noch gerecht werde :'(

Tut mir wie immer leid, dass ich so lange gebraucht habe, aber 'Draco erkundet' ist jetzt endlich abgeschlossen und ich habe mir hoch und heilig geschworen, dass ich die Fortsetzung nicht schreibe (oder zumindest nicht hochlade) bevor ich Endzeit nicht fertig hab :

Danke fürs Lesen 3