In diesem Chap sind die Namen vertauscht, weil die Zwillinge meistens aus der Perspektive der Zuschauer gesehen werden. Also ist Ian Jack und Jack Ian, außer wenn Ian oder Jack selbst erzählen. Na, alle Klarheiten beseitigt?

Rated: T

Disclaimer: Wie bereits erwähnt, liegen sämtliche Urheberrechte bei Katsura Hoshino. Mir gehören ein paar OCs, die jedoch nicht sehr lukrativ sind, sondern eher meinen Schlaf behindern. Naja, nix für ungut, ich hab es mir jedenfalls nur geliehen.

1.10 Brot und Spiele, Suppe und Duelle

„Hallo, Kanda." Er hob nicht einmal den Blick, denn er wusste, wer vor ihm stand: das diebische Duo. Was er nicht wusste, war, was sie von ihm wollten. Besonders nach der Szene im Wald, von der er immer noch nicht wusste, warum Jack sich so seltsam –was an ihm war nicht seltsam?- verhalten hatte. Und jetzt setzten sich die beiden auch noch ihm gegenüber und taten so, als könnten sie kein Wässerchen trüben.

Er wollte gerade weiter essen, da fingen die beiden an, sich lautstark zu unterhalten, über lauter Unsinn von früher. Dazwischen nahmen sie immer wieder einen Löffel Suppe und schlürften, dass er fast wahnsinnig wurde. Wenigstens Ian versuchte, seinen Bruder dazu zu bringen, doch etwas leiser zu sprechen, aber Jack hörte nicht auf ihn. Er sagte immer nur: „Wenn's wen stört, hätt der schon längst was gesagt."

Zu allem Übel kam auch noch Lavi in dem Moment herein und setzte sich zu ihnen, nachdem er die Zwillinge entdeckt hatte. Er beteiligte sich in derselben Lautstärke an der Unterhaltung und fing noch lauter zu lachen an, als sie ihm erzählten, wie sie früher mit ihrem Zwillingsdasein Geld verdient hatten. Diesmal wirklich verdient, denn sie waren eine Zeit lang aufgetreten, in Kleinstädten und Dörfern, zusammen mit einer Schaustellertruppe. Sie hatten Kunststücke aufgeführt und den anderen Artisten assistiert.

Jack grinste. „Da gab's 'nen Schwertschlucker und einen Säbelwerfer, die ham sich ständig gestrittn, wer von ihnen der bessre Schwertkämpfer wär. Irgendwann ham sie sich dann wirklich duelliert, mit dem Ergebnis, dass sie beide k.o. gegangn sind. Aber dafür ham die Leute ordentlich gezahlt."

Was man nicht alles vermarkten konnte. Kanda gab sich taub und aß weiter. Bei den nächsten Worten aus dem Mund des Jungen blieben ihm allerdings fast die Nudeln im Hals stecken.

„Trotzdem, ich wett, jeder von denen hätt Mr. Taub da drübn besiegn können." Er legte eine Kunstpause ein. „Sogar ich könnt das."

„Glaubst du?" Kandas Stimme war tödlich ruhig.

„Bitte, deine Schwertkünste sind anscheinend so erbärmlich, dass du zum Trainiern in' Wald gehn musst. Nich grad der beste Ort, um zu beweisn, was für 'n toller Kämpfer du doch bist." Zum Ende hin klang er immer spöttischer.

Nur den Bruchteil einer Sekunde, nachdem Kanda aufgesprungen war und nach seinem Schwert gegriffen hatte, war Ian schon neben ihm und hielt seinen Arm fest. „Zu deinem Unglück häng ich 'n wenig an meinem Zwillingsbruder. Wenn du ihn schon umbringn musst, dann in 'nem fairn Duell, oder du verlierst alln Respekt, den du je hattest und wirst von alln nur noch ‚Yuu' genannt."

Kanda warf ihm einen Blick zu, der die Knochen eines anderen in Butter verwandelt hätte, aber Ian zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er riss sich los und sah Jack an, der ebenfalls aufgestanden war; Lavi stand neben ihm. Es herrschte eine Grabesstille im ganzen Saal; alle starrten sie an. Er konnte nicht mehr zurück, ohne sein Gesicht zu verlieren, aber das wollte er auch nicht. Er würde dem Bengel Manieren beibringen!

„Entscheid dich, Drahdiwaberl! Ich hab nich bis Weihnachtn Zeit", nörgelte Jack.

„Trainingshalle. Jetzt." Kanda ging vor zur Tür des Speisesaals.

Jack grinste und folgte ihm. „Isses die Möglichkeit! Endlich." Er zwinkerte Ian zu, der zurückgrinste. Gemeinsam mit dem halben Saal gingen sie zur Trainingshalle. Keiner außer Lavi und Ian traute sich, näher als bis zum Türrahmen zu kommen, also blieben sie alle davor stehen, tuschelten und flüsterten. So etwas bekamen sie ja auch nicht alle Tage zu sehen.

Lavi fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass seine Freunde gegeneinander kämpften. Er hoffte, Ian könnte seinen Bruder davon überzeugen, die ganze Sache abzublasen, bevor sich noch jemand ernsthaft verletzte. „Unternimmst du nichts dagegen?"

Ian warf ihm einen abschätzigen Blick zu. „Ich kann ihn nich ewig untern Quargelsturz stelln, er soll für das gradstehn, was er anrichtet."

Lavi sah ihn überrascht an. Eigentlich wollte er etwas erwidern, aber Ian erwiderte seinen Blick direkt und ihm fielen keine Worte mehr ein. Wieder sah er in diese schwarzen Augen und es wurde ihm heiß. Schnell brach er den Blickkontakt ab, bevor… ja, bevor was eigentlich? Er hatte keine Ahnung, was passieren würde, aber ein Gefühl sagte ihm, dass er es besser nicht ausprobieren sollte.

Wenn sie beide diese Augen haben, na dann schönen Dank. Ich komm ja nicht mal mit einem Paar davon zurecht.

Er konzentrierte sich auf die beiden Kontrahenten in der Mitte der Halle. Kanda war eindeutig ziemlich wütend. Dass Ian es geschafft hatte, ihn dazu zu bringen, ein offizielles Duell abzuhalten, grenzte schon an ein Wunder. Im Moment stand er neben ihnen und erklärte ihnen die Regeln: Lavi und er würden die Schiedsrichter geben. Es war Kanda verboten, eine seiner Illusionen einzusetzen. Die Waffen wurden nicht aktiviert. Gekämpft wurde, bis einer von ihnen entwaffnet wurde oder am Rumpf blutete. Stiche waren ebenfalls verboten, nur Schnitte erlaubt, ansonsten ging der Sieg automatisch an den Gegner. Bei einem Regelbruch hatte automatisch der andere gewonnen. Schnitte an den Extremitäten wurden geduldet, aber bei einem Schnitt im Gesicht folgte die Disqualifikation.

Die Regeln klangen ziemlich vernünftig –für ein Duell. In jedem Fall waren die Kämpfer abgesichert, gröbere Verletzungen ausgeschlossen. Er hoffte nur, dass Kanda ruhig Blut behielt, denn sonst halfen ihm alle Regeln dieser Welt nichts. Ian erklärte allerdings, dass es Lavi in seiner Funktion als Schiedsrichter erlaubt sei, sein Innocence einzusetzen, um die beiden Kämpfer zu trennen. Damit konnte er noch in das Geschehen eingreifen und musste nicht mit ansehen, wie sich die beiden an die Gurgel gingen. Zumindest nicht allzu sehr.

Jetzt trat Ian ein paar Schritte zurück und stellte sich neben Lavi. Er hob die Hand, Lavi griff nach Nyoibo und Ian ließ die Hand hinuntersausen.

Funken stoben, als Mugen auf die gekreuzten Mittelklingen der Sai traf. Jack drehte die Waffen um ihre eigene Achse, sodass die Seitenklingen Kanda ein Stück zurückdrängten. Er musste einen Schritt zurück machen, denn Jack hatte eine der Klingen aus dem Kreuz gezogen und ausgeholt. Den Luftzug an seinem Bauch spürte er trotzdem noch. Der Junge war eindeutig ein besserer Kämpfer, als er erwartet hatte, aber das änderte nichts daran, dass Kanda der bessere von ihnen war. Er stieß sich mit Mugens Klinge von dem verbliebenen Sai ab, sodass Jack sein Gewicht verlagern musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er setzte ihm aber sofort nach, sodass sich Kanda Bewunderung für seine Reaktionsgeschwindigkeit abringen musste. Sie kam seiner fast gleich.

Ian war in arger Bedrängnis. Er wusste, dass er nicht so gut mit den Sai umgehen konnte wie Jack, dafür war Jack schlechter mit dem Bogen. Ihm fehlte es an der nötigen Kraft, den Bogen weit genug zu spannen und an seiner Zielgenauigkeit haperte es auch, aber mit den Sai konnte er sogar einen von Ian abgeschossenen Pfeil abblocken. Ian hingegen hatte einfach kein Talent für Schwerter, Säbel, oder andere Handwaffen. Er war ein Distanzkämpfer, der seinem Bruder den Rücken deckte. Egal wie viel er trainierte, wie gut er die Techniken rein theoretisch beherrschte, im Zweikampf verlor er jedes Mal gegen seinen Zwilling. Und jetzt hatte er sich auch noch auf ein Duell mit Kanda eingelassen. Wieso trete ich mit einer Schlag- und Stoßwaffe gegen eine Hieb- und Stichwaffe an?

Aus einem einzigen Grund.

Der Gedanke seines Bruders erinnerte ihn daran, wie Jack ihm einmal Nachhilfe im Umgang mit den Sai gegeben hatte, im Austausch für Hilfe beim Bogenschießen. Er hatte ihm erklären wollen, wie man gegen verschiedene Waffen antritt, war aber kläglich an Ians Unverständnis für diese Kampfkunst gescheitert. Er hatte einfach beim besten Willen nicht verstanden, wie man mit einer dreizackförmigen Waffe ein Schwert aufhalten sollte. Seiner Meinung nach brauchte man dafür ein Schild.

Jack hatte gestöhnt und gesagt: „Das liegt daran, dass du ein Schütze bist. Wenn du schießt, bist du völlig ungeschützt. Du brauchst nicht darüber nachdenken, wie man ein Schwert abwehrt, weil du in den meisten Fällen nicht mit einem in Berührung kommst, als Distanzkämpfer. Das heißt aber nicht, dass du es nicht wissen sollst. Also, mit einem Sai kannst du deinem Gegner, in diesem Fall ein Schwertkämpfer, die Klinge entreißen oder sogar zerstören. Für ersteres brauchst du ein, für das zweite beide Sai." Dann hatte er ein altes Schwert genommen, das sie einem Reisenden abgenommen hatten, und es Ian in die Hand gedrückt. Mit einer einzigen Drehung seines Handgelenks hatte er ihn entwaffnet, beim zweiten Mal hatte er den Großteil der Klinge vom Rest getrennt.

Ian blockte einen Schlag ab, der auf seine Seite gezielt hatte. Er wusste jetzt, wie er gewinnen konnte. Natürlich funktionierte dieser Trick nur ein einziges Mal, würde er je wieder gegen Kanda antreten, dann könnte er ihn nicht mehr anwenden.

Nie wieder. Nie wieder, das schwör ich dir, Jack, trete ich gegen Kanda mit den Sai an.

Jack grinste. Sein Bruder würde den Kampf jetzt beenden und wäre hoffentlich danach von dieser Bewunderung für den Japaner kuriert. Wenn er ihn höchstpersönlich besiegte, würde er ihn nicht mehr wegen seiner Schwertkünste auf einen Sockel stellen. Der Schwur bezeugte, dass er die Haltung gewonnen hatte, die nötig war, um einen Kämpfer wie Kanda zu besiegen. Jack hatte gesehen, dass der Exorzist im Umgang mit seinem katana hervorragend war, aber auch der beste Kämpfer konnte nicht viel ausrichten gegen einen Trick, den er nicht kannte.

„Was ist?" Lavi hatte, wie Ian, den Blick nicht von den beiden genommen, die immer noch verbissen um jeden Zentimeter kämpften, denn keiner wollte zurückweichen, aber er hatte aus dem Augenwinkel mitbekommen, dass Ian lächelte.

„Hast du auf Kanda gewettet?"

„Wie kommst du auf so etwas?"

„Weil ich dann an deiner Stell schon mal das Geld bereithaltn würd. Jack bringt das jetzt zu Ende."

Kanda wich zurück, als Jack ein weiteres Mal ausholte, und diesmal hätte er fast einen Schnitt davon getragen. Er beantwortete den Schlag mit einer Gegenattacke, indem er sich wieder von ihm abstieß und seinerseits ausholte.

Damit hatte Ian gerechnet. Er fing die Klinge ab, hielt sie zwischen Mittelzinken und Flügel gefangen und mit einer einzigen Drehung aus dem Handgelenk hatte er ihm Mugen aus der Hand gerissen. Mit dem zweiten Sai verpasste er ihm einen kleinen Schnitt oberhalb der rechten Hüfte. Damit hatte er gleich zweimal gewonnen, denn er hatte Kanda nicht nur entwaffnet, sondern auch gleich eine Schnittwunde am Rumpf zugefügt.

Er richtete sich auf und atmete tief durch, ehe er das katana aus der Verankerung löste und es Kanda mit dem Griff zuerst hinhielt. Der nahm es entgegen und schob es zurück in die Schwertscheide auf seinem Rücken.

Ian und Lavi kamen auf die beiden zu. Der zweite Bruder konnte sich natürlich ein Grinsen nicht verkneifen, sowohl er als auch der Rotschopf feixten.

Hinter ihnen lärmten die Finder und Mitarbeiter. Sie hatten Wetten abgeschlossen, wer gewinnen würde, und jetzt wurden die Wetteinsätze ausgezahlt. Einige protestierten, andere lachten, kurz: Sie machten einen Höllenlärm.

Lavi zwinkerte, wobei man das bei einem Auge nie so genau sagen konnte. „Mach dir nichts draus, Yuu. Dafür gewinnst du sonst immer."

„Er hätt auch gewonnen, hätt er daran gedacht, die Schwertscheide zum Abblockn einzusetzn." Ian hatte sich neben seinen Bruder gestellt.

„Das hätte ihn auch nicht davor bewahrt, dass Jack ihm das Schwert aus der Hand gehoben hat."

„Nein, aber vorm Schnitt. Peinlich, gleich zweimal hintreinander besiegt zu wern." Ian deutete auf die schmale Wunde an Kandas Hüfte.

Der Japaner drehte sich einfach um und ging. Die Menge der Zuschauer teilte sich vor ihm wie das Rote Meer und schloss sich genauso auch wieder. Er ignorierte Lavis Rufen und verschwand. Ganz sicher würde er nicht noch länger in der Nähe dieser Chaos-Zwillinge bleiben. Die beiden stellten einfach alles auf den Kopf.

Lavi seufzte. Entweder hatte Yuu ihn nicht gehört, oder er ignorierte ihn –wobei letzteres wahrscheinlicher wahr. Aber er nahm es ihm nicht weiter übel. Er würde auch nicht gerne an dem Ort bleiben, an dem er besiegt wurde, wenn er Yuu wäre… zumindest glaubte er das.

Er wandte sich wieder den Zwillingen zu. Dann stockte er. Irgendetwas stimmte da nicht. Sicher, beide sahen aus wie immer, aber etwas störte ihn trotzdem an dem Bild. Jack stand auf der rechten Seite, Ian auf der linken, aber einen Moment hatte er geglaubt, dass es genau andersherum sei.

In dem Moment sahen ihn beide direkt an. Da bemerkte er, was ihn gestört hatte, aber der Gedanke war so schnell weg, wie er gekommen war. Verwirrt sah er vom einen zum anderen, versuchte, sich zu erinnern, aber sie wandten den Blick, sahen sich kurz an und gingen dann an ihm vorbei.

„Wir sehn uns beim Abendessn, Lavi." rief Ian ihm über die Schulter zu und nahm seinen Blick für einen Augenblick wieder mit diesen leuchtenden Augen gefangen, bevor er sich umdrehte. Lavi blinzelte. Heute waren die beiden irgendwie seltsam.


Da das nächste Kapitel etwas intensiver wird, hebe ich mir das noch ein bisschen auf. Außerdem kommt ihr sonst mit dem Lesen nicht mehr nach. Stay tuned!