Aber Betsy Pellew wäre nicht Betsy Pellew gewesen, hätte sich nicht schon bald darauf wieder ihre gewohnte Unbekümmertheit eingestellt. Bereits am gleichen Abend, als sie nach einem kargen Mahl vor ihrem Unterschlupf saßen, schaffte sie es wieder einmal mit traumwandlerischer Sicherheit, ein Thema aufzubringen, dass Horatio zwar nicht unbedingt unangenehm war, ihn jedoch sichtlich traurig stimmte.
„Darf ich Dich etwas fragen, Horatio?" fragte Betsy und ließ sich auf der Decke neben ihm nieder. Sie hatten sich darauf geeinigt, sich mit Vornamen anzureden und seit ihrer kleinen Kuschelei heute mittag war ihr Umgang miteinander wesentlich unkomplizierter, ja freundschaftlich geworden. Horatio blickte lächelnd auf sie hinab und nickte nur.
„Warst Du schon einmal richtig verliebt?"
Sein Lächeln wurde melancholisch und Betsy hätte sich selbst treten können. War sie schon wieder in ein Fettnäpfchen getreten? Wie schaffte sie das bloß immer wieder? Wahrscheinlich konnte er es kaum erwarten, sie endlich wieder loszuwerden! Doch Horatio war nicht etwa böse auf sie, es waren bloß die alten Erinnerungen, die er tief in seinem Inneren vergraben hatte und die durch ihre arglose Frage unverhofft wieder geweckt wurden.
Er holte tief Luft – es gab keinen Grund, Betsys Frage nicht zu beantworten; man konnte die Toten schließlich nicht wieder lebendig machen, nicht wahr?
„Ja", sagte er leise, als Betsy schon längst nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte. „vor einigen Jahren, als wir diesen unsäglichen Auftrag hatten, royalistische Truppen nach Frankreich zu bringen und dort mitzuhelfen, die Monarchie wieder zu stabilisieren." Seine Gedanken schweiften ab. Schon so lange hatte er nicht mehr daran gedacht, oder vielmehr, hatte es verdrängt.
„Entschuldige, ich wollte nicht..." sagte Betsy und nahm seine Hand, doch er winkte ab.
„Ihr Name war Mariette und sie war in ihrem Dorf dazu ausgewählt worden, die Kinder zu unterrichten, ihnen Lesen und Schreiben beizubringen", fuhr er fort. „Colonel Moncoutants Leute haben das nach unserer Ankunft jedoch sofort unterbunden, sie haben die kleine Schule verwüstet und..." er seufzte bei der Erinnerung daran, „und sie hätten ihr ebenfalls etwas angetan, wäre ich nicht zufällig an diesem Abend dort gewesen. Glücklicherweise habe ich sie davor beschützen können."
„Du meinst... sie hätten ihr...sie hätten ihr Gewalt angetan?" fragte Betsy entsetzt. Horatio nickte grimmig.
„Aber Du konntest sie doch nicht ewig beschützen? Irgendwann musstest Du zurück zum Schiff. Zurück nach England."
„Richtig", seufzte Horatio und nahm einen Schluck Wein. „Ich wollte sie mit nach England nehmen. Sie wäre in Frankreich nicht mehr sicher gewesen. Sie hatte, genau wie ich, keine Familie mehr. Niemanden, der sie hätte beschützen können."
„Und was ist passiert?" flüsterte Betsy und rückte unbewusst ein Stückchen näher an ihn heran.
Horatio senkte den Kopf.
„Sie wurde von republikanischen Soldaten erschossen, als wir zum Strand flüchten wollten, um zurück zur Indy zu gelangen", sagte er tonlos. „Sozusagen von ihren eigenen Leuten."
Betsys Augen füllten sich mit Tränen. Ihr Vater hatte ihr damals von diesem so schrecklich schiefgelaufenen Auftrag erzählt, daran erinnerte sie sich, aber nicht, dass einer seiner Offiziere seine Liebste dabei verloren hatte. Stumm nahm sie Horatios Hand und presste sie an ihre Wange. Gerührt über die liebevolle Geste und betrübt darüber, dass er sie zum Weinen gebracht hatte, drückte er Betsy sanft an sich.
„Entschuldige, Betsy", sagte er leise. „Ich wollte Dich nicht mit den dunklen Wolken aus meiner Vergangenheit belasten. Es war eine schlimme Zeit, keine Frage, aber ich bin mittlerweile darüber hinweg."
Er lächelte ihr aufmunternd zu, doch machte keine Anstalten, sich von ihr zu lösen, hielt sie immer noch fest. Ihre Nähe war ihm in der Tat ein großer Trost.
„Entschuldige, dass ich damit angefangen habe", gab Betsy zerknirscht zurück und sah zu ihm auf. „Und entschuldige, dass ich immer solche neugierigen Fragen stelle!"
Horatio lachte und drückte ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Stirn.
„Ich glaube, ich wollte Dich gar nicht anders haben, Kleines", sagte er liebevoll und machte sich schließlich los, um einem anderen, dringenden Bedürfnis nachzugehen – eine erstaunte Betsy zurücklassend, die über die Bedeutung seines letzten Satzes nachgrübelte. Sie traute sich jedoch nicht, Horatio später noch einmal darauf anzusprechen.
Dann war es schließlich an der Zeit, schlafen zu gehen. Die erste Nacht in ihrem selbstgebauten Unterschlupf. Horatio warf einen skeptischen Blick in den Nachthimmel und überlegte, ob es nicht angebrachter sei, wenn Betsy im „Zelt" schlief und er draußen, doch der kalte Regen, der exakt in diesem Moment wieder einsetzte, ließ ihn schnell von dieser Idee abkommen. Mit einem unterdrückten Seufzer folgte er Betsy hinein. Es würde ihnen nicht weiterhelfen, wenn er sich eine Lungenentzündung holte.
Betsy hatte bereits die Decken verteilt – für jeden gleich viele – und lag nun warm eingekuschelt auf ihrer Seite, Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, Horatio scheu anlächelnd. Er erwiderte ihr Lächeln etwas verlegen und beäugte dann mit gerunzelter Stirn den schmalen Streifen neben ihr, der ihm zum Schlafen zur Verfügung stand. Es würde unmöglich sein, sie nicht zu berühren. Aber es ließ sich nicht ändern und war allemal besser, als draußen nass zu werden. Ein Donnerschlag, der in der Ferne hallte, bestätigte diese Meinung nur noch.
Horatio holte tief Luft, verschloss den Eingang so gut es ging, zog seine Schuhe aus und krabbelte neben Betsy – ängstlich darauf bedacht, sie bloß nicht zu berühren. Endlich hatte er es sich ebenfalls halbwegs bequem gemacht, nicht ohne den Versuch zu starten, Betsy noch zwei seiner Decken abzugeben, was diese kategorisch ablehnte.
„Bitte, nimm die Decken, es wird ziemlich kühl werden heute Nacht!" bat er, doch sie weigerte sich. „Ich habe noch meine Jacke, aber Du wirst sicher frieren mit nur zwei Decken."
Betsy schüttelte entschieden den Kopf, Horatio seufzte und gab schließlich nach. Als er kurze Zeit später ihre ruhigen Atemzüge dicht neben sich hörte, deckte er sie vorsichtig mit den beiden weiteren Decken zu und wickelte sich selbst in seine Uniformjacke ein. Es dauerte eine Weile, bis auch er endlich Schlaf fand.
Horatio wurde nur kurze Zeit später wieder wach, als ihn etwas in der Nase kitzelte. Zunächst dachte er verschlafen, irgendein Krabbeltier mit langen Fühlern hätte ihn als Spielplatz auserkoren, doch es waren vielmehr dunkle, weiche Locken, die ihn sanft ins Gesicht pieksten und schließlich aufwachen ließen.
Oh nein, dachte er und verkniff sich einen Seufzer, wie hat sie das bloß schon wieder angestellt, hier in seinen Armen zu liegen?
Betsy hatte es in der Tat fertiggebracht, sich an seine Seite zu kuscheln, ihr Rücken eng an seine Brust geschmiegt, seinen rechten Arm fest an sich gedrückt, der unterhalb ihrer Brüste ihre Taille umfasst hielt.
Verdammt! fluchte er innerlich, doch er wollte sie auch nicht wecken, also unternahm er erst gar keinen Versuch, sich von ihr zu lösen und hielt still. Betsy schien tief und fest zu schlafen, denn ihr Brustkorb hob und senkte sich durch ihre ruhigen, regelmäßigen Atemzüge. Horatio schloss die Augen und versuchte, ebenfalls wieder einzuschlafen, doch seine Gedanken hielten ihn wach.
Betsy im Arm zu halten war ein Gefühl, das ihm zugegebenermaßen sehr gut gefiel. Ein Gefühl, das er nicht kannte, an das er sich aber durchaus hätte gewöhnen können, wie er überrascht feststellte. Es war eine nette Abwechslung, fand er. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr lebte er praktisch auf See, waren enge Kojen und später, als erster Lieutenant, nur geringfügig großzügigere Kabinen seine Heimat gewesen. Wie es wohl sein würde, nach Hause zu kommen, an Land, in seine eigenen vier Wände, sein eigenes Heim? Erwartet von einer Ehefrau, die sich aufrichtig freute, ihn zu sehen? Die er nachts ebenso in den Armen würde halten könnte wie jetzt Betsy? Eine Ehefrau, die ihn liebte, die ihm vielleicht sogar Kinder schenkte? Ein sicherer Hafen, in den er immer wieder würde einlaufen können? Nicht mehr alleine sein zu müssen? Eine eigene Familie zu haben?
Ein schöner Gedanke, in der Tat. Er stellte sich Betsy in dieser Rolle vor und musste lächeln. Sie würde ihn in Atem halten, dieser kleine Wildfang, dessen war er sicher! Sie wäre ihm eine wundervolle Gefährtin, eine loyale Ehefrau, eine liebende Mutter. Eine leidenschaftliche Geliebte. Horatio verbannte diesen letzten, gefährlichen Gedanken jedoch sofort wieder in sein tiefstes Inneres. Das war in der Tat nichts, worüber er länger nachdenken durfte. Oh ja, er begehrte sie, und das nicht nur, weil sie hier gemeinsam gestrandet waren. Aber es war nicht bloße Lust, nicht nur der Wunsch nach Erfüllung seiner Bedürfnisse, es war mehr. So sehr viel mehr. Er gestand sich ein, er hatte sich in Betsy verliebt. Und das stellte schon ein Problem dar, denn Miss Elizabeth Pellew würde mit Sicherheit keinen halbwegs mittellosen Lieutenant der britischen Marine heiraten dürfen, dafür würde ihr Vater schon sorgen. Horatio hatte ihr nichts zu bieten, wie der Admiral nur zu gut wusste, und auch wenn dieser große Stücke auf ihn hielt – ihr gutes Verhältnis würde nicht so weit reichen, dass er ihm seine über alles geliebte und einzige Tochter zur Frau geben würde.
Nein, es war müßig, überhaupt darüber nachzudenken. Eine Frau wie Betsy gehörte einer anderen Gesellschaftsschicht an, zu der er – im Moment jedenfalls – keinen Zutritt hatte. Sie würde dem Wunsch ihres Vaters gemäß irgendwann einmal standesgemäß heiraten und je eher er das akzeptierte, umso besser. Horatio nahm sich fest vor, auf der Hut zu sein. Er musste sein empfindsames, einsames Herz vor sich selbst schützen – er hatte nicht die Absicht, es noch einmal brechen zu lassen.
Um Betsy nicht zu wecken, wie er sich einredete, und nicht etwa, weil es ein so angenehmes Gefühl war, sie im Arm zu halten, verzichtete er darauf, sich von ihr loszumachen. Liebevoll küsste er sie auf den Nacken, zog sie vorsichtig ein wenig näher an sich heran und schloss die Augen – wenige Minuten später war er wieder eingeschlafen.
