Murrend warf sich Severus im Bett auf die andere Seite. Er war irgendwann in der Nacht ins Bett gestolpert, nachdem er zuvor im Sessel eingenickt war. Doch der Schlaf war nicht erholsam gewesen; immer wieder wurde er wach, und das war nicht dem Alkohol zuzuschreiben gewesen. Es waren die Gestalten aus seiner Vergangenheit, die ihm auch hierher gefolgt waren, vorwurfsvoll und anklagend seine Träume heimsuchten.
Jetzt stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen durch das gekippte Fenster, an das er in der Nacht nicht mehr gedacht hatte, und die Vögel begrüßten den neuen Tag mit einem ohrenbetäubenden Morgenkonzert – zumindest laut genug, um Snape endgültig zu wecken.
Seine Ambitionen für den Tag sanken rapide gegen Null, als ihm wieder zu Bewusstsein kam, was ihn erwartete.
Studenten, denen die Grundlagen der Zauberbraukunst höchstwahrscheinlich gänzlich abgingen; ein Gör, dass er zu Recht für seine vertrackte Situation verantwortlich machte und – und das war etwas, was ihm wirklich Übelkeit bescherte – eine Frau, die Lilly Evans zum verwechseln ähnlich sah.
Der Professor hatte am Vorabend lange darüber nachgedacht, ob er unter diesen Umständen wirklich bleiben sollte.
Wollte er sich das tatsächlich antun, Tag für Tag an sein Versagen erinnert zu werden? Er wusste nur zu gut, wie ihm das zusetzen würde; schon allein die Augen Harry Potters, die denen seiner Mutter bis ins kleinste Detail glichen, hatten ihn über Jahre hinweg daran erinnert, dass er ein Verräter war. Ein Verräter an der Frau, die er geliebt hatte.
Es hatte lange gedauert, bis Snape sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte. Es würde nichts bringen, weiter vor sich selbst fortzulaufen. Er hatte es jahrelang versucht, nur um am Ende festzustellen, dass es ihm nichts gebracht hatte. Also hatte er beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen und sich dem zu stellen, was ihm scheinbar zugedacht war.
Soweit die Theorie, die im Whiskey-umnebelten Verstand auch durchaus Hand und Fuß hatte und durchführbar zu sein schien.
Doch jetzt, im Licht des anbrechenden Morgen, war Severus nicht mehr so sicher, ob er das packen würde. Mühsam rappelte er sich auf, rieb sich den letzten Rest Schlaf aus den Augen und ging ins Bad. Nachdem er geduscht hatte, fühlte er sich etwas besser, aber die Zweifel waren natürlich immer noch da.
„Mit Verlaub – du siehst beschissen aus!" höhnten ihm die Worte des Spiegels entgegen. „Danke für das Kompliment!" gab Severus schlecht gelaunt zurück und rieb mit dem Ärmel über das Glas. Doch das beschlug direkt wieder. „Das war kein Kompliment, sondern eine Tatsache."
„Tatsache ist, dass DU gleich noch viel bescheidener aussiehst, wenn du nicht bald dein vermaledeites Mundwerk hältst!" Darauf erhielt er keine Antwort, doch der Spiegel wurde komplett blind, was der Professor als schmollen wertete. „Ich würde gerne einen, nur EINEN einzigen vernünftigen Grund wissen, warum man euch erfunden hat." fluchte Snape vor sich hin, während er sich zornig die Zähne putzte.
Eine viertel Stunde später versuchte er verzweifelt, seiner Nervosität Herr zu werden. Er stand draußen vor dem Gebäude, in dem die Mensa untergebracht war, nicht weit weg im Schatten eines wuchtigen Oleanders, dessen üppige Blütenpracht einen betörenden Duft verströmte. Um nicht den Eindruck zu erwecken, sich verstecken zu wollen, musterte er jeden Student, der an ihm vorbei kam, scharf und tat so, als wäre er die Aufsicht.
Nachdem er in der vergangenen Nacht erst ausgiebig in Selbstmitleid gebadet hatte, überlegte er nun, was er tun wollte.
Mae´s Ähnlichkeit mit Lilly war ein Schock für ihn gewesen. Doch im Licht des neuen Tages taten sich diesbezüglich für ihn ungeahnte Möglichkeiten auf.
Was sprach dagegen, sich selbst zu therapieren? Warum nicht einfach mal alles auf eine Karte setzen und herausfinden, welche Wege ihm offen standen? Hatte er nicht lange genug unter seinem damaligem Fehler gelitten?
Es konnte einfach kein Zufall sein, dass er sich ausgerechnet für die Universität entschieden hatte, an der diese – zugegeben bemerkenswerte – Frau arbeitete. Severus war kein gläubiger Mensch, das einzige, woran er glaubte, war er selber und das, was er sich zutraute. Doch seit dem gestrigen Tag war er sich nicht mehr so sicher, ob es so etwas wie das Schicksal nicht doch gab. Und wenn ja: was wollte es ihm damit sagen?
Unter dem Einfluss von zuviel Alkohol war er davon überzeugt gewesen, dass besagtes Schicksal ihn weiterhin verhöhnen wollte - erst in Gestalt dieses Mädchens, dass ihn nicht nur die letzten Jahre mehr als einmal bis zur Weißglut getrieben hatte mit seiner besserwisserischen Art, sondern ihm obendrein auch noch die Genugtuung geraubt hatte, zu sterben, als ihm danach war. Als würde das noch nicht reichen, so bildete er sich das in seiner geistigen Umnachtung ein, wurde ihm als Sahnehäubchen auch noch Mae präsentiert.
Nun gut, jetzt war er wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und er würde das tun, was er immer getan hatte: er würde seine Probleme angehen und sie lösen. Mit klarem Verstand, kühler Analyse und taktischer Planung war jeder noch so unmöglich erscheinenden Situation beizukommen.
Nichtsdestotrotz fühlte er sich unsicher bei dem Gedanken, dieser Frau wieder zu begegnen. Er hatte Jahre damit zugebracht, einem Mädchen nachzutrauern, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein schien. Es war Snape klar, dass Mae LaPunta davon nichts wissen konnte, aber er hatte keinen Plan, wie er sich der Lehrerin gegenüber jetzt noch unbefangen verhalten sollte.
Schließlich straffte er doch die Schultern und legte den Rest des Weges zurück.
Snape war schon fast enttäuscht, dass die Lehrerin noch nirgends zu sehen war; stattdessen stand plötzlich – wie aus dem Nichts – Hermine hinter ihm. Sie sah durch ihn hindurch, als wäre er überhaupt nicht vorhanden. Der Professor runzelte die Stirn und war versucht, sie zurechtzuweisen, doch seine ehemalige Schülerin und jetzige Studentin wandte sich brüsk ab und drückte einem jungen Mann hinter sich ihr Tablett in die Hand mit den Worten: „Bring mir das Übliche mit, die Luft hier ist unerträglich!" Damit verschwand sie in der hintersten Ecke der Mensa und setzte sich an einen Tisch, an dem bereits mehrere Leute saßen und sie herzlich begrüßten.
„Da haben Sie ja gestern ganze Arbeit geleistet, Mr. Snape." bemerkte der Mann, der jetzt ungeschickt mit zwei Tabletts hantieren musste und unsicher die Auslage begutachtete, ohne seinen Gesprächspartner anzusehen. „So kenn ich Hermine gar nicht."
„Glauben Sie mir, Sie wollen sie auch nicht wirklich so kennen, wie ich es tue!" ätzte Snape, langte nach einem Apfel und zwei Scheiben Toast und packte sie Roger auf den Teller für Hermine. Der sah erstaunt auf, was Severus mit einem lapidaren „Nach sieben Jahren weiß man halt, was die Schüler mögen." kommentierte. Roger stellte noch ein paar weitere Sachen dazu, die der Professor begutachtete, um dann, ohne ein weiteres Wort, den Tee mit Kaffee zu tauschen.
Anschließend suchte er sich seine Sachen aus und verschwand grußlos an einen freien Tisch.
Roger hatte schlussendlich eingesehen, dass er unmöglich mit zwei Tabletts laufen konnte und daher kurzerhand sowohl seine als auch Hermine´s Frühstück zusammen auf eins gepackt. „Du glaubst auch, ich hätte beim Essen nichts anderes zu tun, als mir einzuprägen, was du üblicherweise isst, was?" zog er seine Freundin auf, als er zu ihr zurückkehrte. Hermine musterte die Teller, nahm sich das, was für sie gedacht war und würdigte ihn kaum eines Blickes. „Ich weiß gar nicht, was du hast?" entgegnete sie bissig. „Ist doch alles richtig." „Ja, aber auch nur, weil dein Professor mir auf die Sprünge geholfen hat!" „Er ist nicht MEIN Professor!" fauchte Hermine und ging in Angriffsstellung: das Kinn trotzig nach vorn gereckt, die Hände auf den Tisch gestemmt und ihre Augen waren kurz davor, Davis mit Blitzen zu erschlagen.
Der hob abwehrend die Hände. „Wouhwouhwouh, Mine, lass mich am leben." Er setzte sich, schenkte ihnen beiden einen Kaffee ein und wollte gerade weiter reden, als Betty ihm zuvor kam. „Seit wann bist du so empfindlich?" fragte sie irritiert und besah sich ihre Freundin eingehend.
*Ja, seit wann?* stellte Hermine sich dieselbe Frage.
Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, von Snape nicht mehr aus der Ruhe gebracht zu werden. Die erste Stunde bei ihm verlief absolut in ihrem Sinn. Sie hatte ihm Paroli geboten, ohne am Ende als Verliererin da zu stehen. Es lief so gut, dass sie hätte misstrauisch werden müssen; und tatsächlich behielt Snape sie nach der Stunde da, nur, um ihr einen so bescheuerten Vorwurf zu machen, dass sie einen Moment geschwankt hatte, ob sie sich nun vor Lachen ausschütten oder aber wütend werden sollte. Den Ausschlag gab das Gesicht des Professors, der ein solch ernstes Gesicht gemacht hatte, dass Hermine schlagartig klar wurde, dass er diese Frage ganz bestimmt nicht rhetorisch gemeint hatte.
Das war der Augenblick, in dem sie alle Vorsätze vergaß und nach alter Manier auf Snape´s Provokation angesprungen war. Okay, sie hatte sich ganz gut gehalten, war nicht vor Zorn in Tränen ausgebrochen und hatte sich trotz allem recht sachlich ausgedrückt. Trotzdem ärgerte sie sich in Grund und Boden darüber, dass Severus Snape es immer noch fertig brachte, sie innerhalb kürzester Zeit derart auf die Palme zu bringen. Also hatte sie sich vorgenommen, ihn in Zukunft nach Möglichkeit zu ignorieren, was sie dann vorhin auch genauso umgesetzt hatte.
Die Reaktionen ihrer Freunde waren selbst in Hermine´s Augen absolut verständlich. Sie kannten die Engländerin nur gut gelaunt und absolut souverän, egal, was passierte.
Hermine seufze verhalten und sah ihre Freunde entschuldigend an. „Es tut mir leid; Snape ist immer noch ein rotes Tuch für mich." „Und warum verteidigst du ihn dann so vehement, wie letztens?" fragte Ian verwundert und biss in sein Brötchen. Hermine zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung…" Sie zog ein Schulbuch hervor und machte den anderen damit unmissverständlich klar, dass das Thema für sie beendet war und sie nicht gestört werden wollte.
Ratlos sahen die drei anderen sich an, zogen ebenfalls die Schultern hoch und widmeten sich wieder anderen Themen.
Nach einer Weile wurde Hermine von Betty angestupst. „Guck mal da, dein Professor." gluckste sie und zeigte in die Richtung, die sie meinte. „Da hat die gute LaPunta scheinbar mal wieder eine gute Partie im Auge."
Scheinbar desinteressiert folgte Hermine´s Blick dem Zeigefinger ihrer Freundin und riss die Augen auf. Gerade war die Lehrerin zu Snape an den Tisch getreten und wurde von diesem galant und freudig begrüßt. Er stand sogar auf und lud sie förmlich ein, sich zu ihm zu setzen. Und erst die Mimik, die er dazu an den Tag legte. Snape und freundlich und zuvorkommend? Hermine verstand zwar die Welt nicht mehr, aber sie fasste sich schnell wieder. Jetzt war ihre Neugier geweckt. „Gute Partie?" hakte sie nach. „Was meinst du damit?"
Betty beugte sich verschwörerisch zu ihr hinüber, ehe sie leise antwortete. „Nun, unsre gute Mae hat eine Schwäche für Männer mit dickem Geldbeutel, vorzugsweise ältere. Der Letzte, den sie hatte, ist erst vor gut einem Jahr zu Grabe getragen worden und hat aus ihr eine vermögende Witwe gemacht." „Betty, du bist geschmacklos!" rügte Roger sie und erntete einen unschuldigen Blick. „Warum? Ich sag doch nur die Wahrheit!"
Hermine schüttelte ungläubig den Kopf und sah sich Mae LaPunta nun das erste Mal genau an. Bisher hatte sie mit ihr nichts zu tun gehabt und hatte auch nicht vor, dies zu ändern. Mit zusammen gekniffenen Augen beobachtete sie die Szene, die sich ihr bot, und das Gefühl, das diese Frau sie an jemanden erinnerte, verstärkte sich zusehends. Als die Lehrerin dann auf einmal lachend die Haare nach hinten warf, fiel es Hermine wie Schuppen von den Augen. Hektisch kramte sie in ihrer Tasche und zog den Tagespropheten vom Vortag hervor, in dem mal wieder von einem Prozess gegen einen Todesser berichtet wurde. Diese Gelegenheit wurde so gut wie jedes Mal dazu genutzt, um den geneigten Lesern die gesamte Geschichte um Harry Potter in Erinnerung zu rufen. Begleitet wurde dieser Bericht von einem Bild der Potters, als Harry gerade ein knappes halbes Jahr alt war. „Ich glaub es ja nicht!" murmelte sie entsetzt; ihre Augen wanderten immer wieder von dem Bild in der Zeitung zu der Lehrerin am anderen Ende des Raumes. „Was ist los?" wollte Betty wissen und versuchte, einen Blick auf das Foto zu erhaschen, doch Hermine schlug den Propheten zu, ehe sie etwas hatte sehen können. „Also…ich weiß nicht, wer mir gerade mehr Leid tun soll? Snape? Oder die LaPunta?"
Die verständnislosen Blicke ihrer Freunde ignorierend, stand sie auf und wandte sich mit einem „Ich glaub, mir wird gleich schlecht!" zum gehen.
Und tatsächlich war ihr der Anblick eines fast schon schmachtenden Severus Snape ein wenig zu viel so früh am Morgen.
