Titel: Never change a running System (Teil 11)
Fandom: Sherlock (BBC)
Autor: lorelei_lee1968 (Lorelei Lee)
Pairing: John/Sherlock (oder auch „Johnlock" – wie ich es schon häufig gesehen habe)
Rating: ab 18
Inhalt: Sherlock entdeckt seine Sexualität – mit weitreichende Folgen für John.
Kategorie: Fluff, Romantic, Slash, Graphic Sex, Humor und Drama. (Das Übliche… bei mir kommt immer dieser Misch-Masch bei raus, wenn ich was schreibe.)
Anmerkung: Diese Story ist zeitlich irgendwo nach der 1. Staffel angesiedelt. Aber ich nehme hier durchaus Bezug auf eine Äußerung aus der 2. Staffel, die ich bereits im Original gesehen habe. Also – leicht AU…
Disclaimer: Mir gehört gar nichts. Ich verdiene nichts daran und mache das nur zum Spaß. Sherlock Holmes gehört Sir Arthur Conan Doyle. Sherlock-BBC gehört der BBC und Moffat und Gatiss.
Never change a running System
(Teil 11)
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Am nächsten Morgen war das gemeinsame Frühstück mit Sherlock sehr unspektakulär verlaufen und John, der einen freien Tag hatte, machte sich gleich danach auf den Weg ins Yard um Lestrade seinen Schlüssel zurückzubringen.
Als er dessen Büro betrat, sah er sofort, dass Lestrade einen ausgewachsenen Kater hatte.
Daher senkte er seine Stimme zu einem halben Flüstern, bevor er ihm einen guten Morgen wünschte.
Ein dankbarer Blick Lestrades streifte ihn, bevor er seinen Kopf wieder zurück auf den Tisch fallen ließ und ihn in seiner Armbeuge barg.
„Zu hell", stöhnte er nur, was John ein mitleidiges Lächeln entlockte. Lestrade blinzelte hinter seinem Ellbogen hervor John an. „Und was bringt Sie heute Morgen hierher? So ganz allein?", fragte er mit leicht belegter Stimme.
„Ihre Autoschlüssel, Greg", sagte John und legte sie vor dem Inspektor auf den Schreibtisch. Dann nahm er unaufgefordert Platz, da Lestrade gerade offensichtlich nicht in der Lage war, auf Höflichkeitsgesten zu achten.
„Dann war ich also mit Ihnen in dem Pub", stellte Lestrade fest, dann zuckte er mit den Schultern. „Ich hatte Schlimmeres befürchtet."
„Keine Erinnerung mehr?", fragte John mitfühlend.
„Verschwommen…", gab Lestrade einsilbig zurück und dachte dann angestrengt nach. „Wo steht überhaupt mein Auto?"
Nun musste John alle Kräfte aufbieten, um sich sein Schmunzeln nicht anmerken zu lassen.
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Greg. Wir sind uns direkt vor dem Pub in die Arme gelaufen."
„Super", meinte Lestrade erschöpft. „Einfach super." Mühsam richtete er sich auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Immer noch zu hell", stöhnte er gequält und rieb sich die Schläfen.
„Kaffee, Aspirin und mindestens einen Liter Wasser", empfahl John. „Tut mir leid, dass ich Ihnen mit dem Auto nicht weiterhelfen kann." Er machte Anstalten aufzustehen.
„Halt, warten Sie noch einen Moment", rief Lestrade halblaut aus und zuckte sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht ob der Lautstärke seiner eigenen Stimme zusammen. Als er sich wieder gefasst hatte, beugte er sich nach vorne und verschränkte die Arme auf seinem Schreibtisch.
„Hab ich gestern sehr viel Blödsinn geredet?", fragte er in einem verschwörerischen Flüsterton. „Nach dem dritten Bier werde ich meist etwas redselig." Er machte eine vage Geste mit seiner Hand.
John beschloss, dieses Geheimnis für sich zu behalten.
„Nein, da kann ich Sie beruhigen, Greg", versicherte er nicht ganz wahrheitsgemäß.
Lestrade stützte sein Kinn in seine rechte Hand und blickte John durch zusammengekniffene Augen skeptisch an.
„Warum nur glaube ich Ihnen nicht", murmelte er leise. „Aber okay." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Danke, dass Sie gewillt sind mein Geschwafel zu vergessen. Was immer es auch war."
„Keine Ursache", gab John lächelnd zurück und stand nun wirklich auf.
„Ach, bevor ich's vergesse", hielt Lestrade ihn ein weiteres Mal zurück. „Hier." Er reichte John ein fotokopiertes Blatt. „Einladung. Weihnachtsfeier. Hier im Yard. Könnte lustig werden. Und bringen Sie auf jeden Fall Sherlock mit. Bislang hat er sich nämlich immer geweigert. Wir könnten ihn abfüllen und Fotos machen."
John überflog das Blatt kurz und sah dann überrascht auf.
„Warum sollten wir das tun?"
„Och.." Lestrade tippte sich an die Nase. „Als Rache für das Bananenkostüm?"
Hitze und Kälte schossen John abwechselnd in die Wangen.
„Sie wissen davon?", knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Oh, dafür würde Sherlock bezahlen!
„Wissen ist zu viel gesagt", schwächte Lestrade ab. „Neulich hat er sich minutenlang mit seinem Handy beschäftigt und dabei gekichert. Ich konnte zufällig einen Blick über seine Schulter werfen… dabei hab ich gesehen, dass er sich eben diese Fotos angesehen hat. Von Ihnen in einem Bananenkostüm." Bei der Erinnerung zuckte ein Grinsen über Lestrades Gesicht.
„Dafür bringe ich ihn um", fluchte John leise und ging zur Tür.
„Was ist nun?", wollte Lestrade wissen. „Kommen Sie zu unserer Weihnachtsfeier?"
„Worauf Sie sich verlassen können. Und wenn ich ihn an den Ohren hierher schleifen muss!", rief John wütend aus und Lestrade zuckte erneut schmerzverzerrt zusammen.
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Zuhause angekommen, rief er – immer noch aufgebracht – nach Sherlock.
„Du löscht sofort diese Bananenfotos!"
„Warum sollte ich?", rief Sherlock zurück. John ging der Stimme nach und fand Sherlock im Wohnzimmer auf dem Sofa, zur Abwechslung seinen eigenen Laptop auf dem Schoß.
„Warum?", schäumte John. „Lestrade hat die Bilder zufällig gesehen! Er sagt, du hast gekichert. Gekichert! Du löscht das jetzt so-fort! Wer weiß, wer diese Bilder sonst noch zufällig gesehen hat. Nennst du das meine Geheimnisse bewahren?"
„Ich kichere nie", sagte Sherlock verschnupft und ohne von seinem Laptop hochzusehen.
John warf aufgebracht die Arme in die Luft.
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?"
„Ja. Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst. Er klopfte mit seiner Hand auf den freien Platz rechts neben sich. „Setz dich. Ich brauche deinen Rat."
John blinzelte überrascht und für den Moment abgelenkt und ziemlich geschmeichelt.
„Meinen Rat? Tatsächlich?"
„Du sagst das in einem Tonfall, als ob ich dich nie um Rat fragen würde", erwiderte Sherlock leicht beleidigt.
„Tust du auch nie", entgegnete John trocken. „Aber gut, worum geht es? Ein neuer Fall?"
Sherlock blickte verschmitzt zu John auf.
„Nicht ganz, aber es ist etwas, was mich schon einige Tage lang beschäftigt. Und nun komm endlich her."
Ergeben ließ sich John neben Sherlock auf das Sofa sinken und blickte auf den Bildschirm des Laptops.
„Oh nein", stöhnte er dann. „Nicht schon wieder..." Seine Augen verengten sich und er neigte sich mehr dem Bildschirm zu. „Sind das Noppen?"
Sherlock hatte sich im Internet auf einem Online-Shop für Sexspielzeug eingeloggt. Momentan war der Bildschirm fast komplett mit dem Foto eines seltsam gekrümmten (und in schreiendem Pinkt gefärbten) Vibrators ausgefüllt.
„Was meinst du?", sagte Sherlock völlig unbeeindruckt. „Der Beschreibung nach ist diese Krümmung besonders geeignet, die Prostata..."
„Sherlock!", unterbrach ihn John. „Warum diese Fixierung auf deine Prostata?"
Sherlock bedachte ihn mit einem verständnislosen Blick.
„Weil ich es mir immer noch nicht gelungen ist, sie effektiv..."
„Ja, okay! Lass gut sein", unterbrach ihn John hastig. „Vergiss, dass ich gefragt habe." Er lehnte sich in dem Sofa zurück und atmete einmal tief durch. „Du lässt mir keine Ruhe, bis du damit nicht weitergekommen bist, oder?" Er sah dabei an die Decke und vermied es, Sherlock anzusehen.
„John, sich Dinge bestätigen zu lassen, die man schon weiß, ist langweilig."
„Wenn du das sagst", murmelte John halblaut vor sich hin und vermied es nach Kräften, sich Sherlock mit diesem Vibrator in Aktion vorzustellen. Dennoch spürte er eine vertraute Wärme in seinem Unterleib. Dass eine Entschlusskraft schon so bald auf die Probe gestellt würde, damit hatte John nun wirklich nicht gerechnet. Er konzentrierte sich einen Moment auf seine Atmung und spürte, wie er wieder ruhiger wurde. Gut. Er hatte wieder die Kontrolle über sich.
„Also gut. Sherlock, du willst einen Rat von mir?" Er wartete kurz das knappe Nicken seines Freundes ab. „Dann wirst du auch einen Rat von mir bekommen. Er wird dir vielleicht nicht gefallen, aber das ist dann dein Problem." Er hielt kurz inne um sich zu überzeugen, dass Sherlock auch wirklich zuhörte, denn er hatte keine Lust, diesen kleinen Vortrag zu wiederholen. „Ich weiß, dass du ein Technik-Freak bist. Nein, lass mich ausreden. Es stimmt und du weißt das auch. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber in dieser Angelegenheit solltest du deine Fixierung auf diesen ganzen Plastik-Krempel aufgeben. Kauf dir in einer Apotheke ein Klistier und ein paar Latexhandschuhe und nimm deine Finger. Lang genug sind sie ja wohl. Und beweglich genug auch. Deine Geigespielerei dürfte sich also endlich mal als nützlich erweisen."
Sherlock schwieg und schien tatsächlich über das Gesagte nachzudenken, es zu analysieren.
„Deine Argumentation hat etwas für sich. Der Plug, den ich bislang benutzt habe, ist hinter meinen Erwartungen und den Versprechungen des Herstellers weit zurückgeblieben. Du weißt ja, welchen ich meine."
Und ob John das wusste. Er erinnerte sich lebhaft an den Anblick und was er in ihm ausgelöst hatte. Mit leichtem Entsetzen bemerkte er, dass sich außer seinem Gedächtnis noch andere Körperteile allzu gut daran erinnerten. Wieder benötigte er seine ganze Konzentration, um diese aufkeimenden Lustgefühle zu unterdrücken.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst", log John – glücklicherweise ohne rot zu werden.
Sherlock schenkte ihm einen raschen, abschätzenden und leicht verwunderten Seitenblick.
„Doch, John... der Plug, den ich neulich getragen habe, als du vor meiner Tür gestanden bist. Du musst ihn gesehen haben."
Diese Worte trafen John wie ein Blitzschlag. In seinem Magen ballte sich ein Eisklumpen zusammen, während seine Wangen vor Hitze glühten. Seine Gliedmaßen wurden taub und gefühllos. Sein Kopf fühlte sich an wie ein trockener Schwamm.
Seine Zunge fühlte sich in seinem Mund an, wie nasses Sägemehl, dennoch versuchte er zu sprechen, um noch zu retten, was noch zu retten war.
Warum gab es nie einen Bombenanschlag, wenn man einen brauchte?
„Sherlock, ich...", doch mehr brachte weder seine schwerfällige Zunge, noch sein nicht minder schwerfälliges Gehirn hervor. Erst da fiel ihm auf, dass Sherlock sich immer noch in aller Ruhe durch das Internet klickte. Warum um alles in der Welt war Sherlock nur so ruhig? Hatte er vielleicht doch nicht alles mitbekommen? Möglich wäre es... immerhin war er ziemlich beschäftigt gewesen.
Doch wenn John zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte, das Schlimmste wäre überstanden, so hatte er sich geirrt. Gründlich geirrt.
„Und was das Geheimnisse bewahren angeht... da du ungewöhnlich hohe moralische Skrupel besitzt, wird von mir garantiert niemand erfahren, dass du dabei erregt warst", meinte Sherlock in einem Tonfall, als ob er gerade nach dem Haltbarkeitsdatum von Milch fragen würde. Gleichzeitig loggte er sich aus dem Internet aus und fuhr seinen Laptop herunter.
John wusste nicht mehr, wie ihm geschah. Sein ganzes bisheriges Leben hatte nicht ausgereicht um ihn auf eine solche Situation vorzubereiten. Er tat, was er meist in Stress-Situationen tat. Er versuchte zu leugnen.
„Erregt? Woher... wie... ich war nicht erregt!", rief er aus. Er hatte empört klingen wollen – ganz wie ein zu Unrecht Verdächtigter- doch er musste sich selbst eingestehen, dass sein Gestammel nicht sehr überzeugend geklungen hat.
Sherlock klappte erst seinen Laptop zu, bevor er John mit leicht schief gelegtem Kopf nachdenklich ansah.
„Deine Atmung hat sich aber ganz danach angehört und du hattest es sehr eilig, auf dein Zimmer zu kommen. Warum hast du nicht bei mir hereingeschaut? Ich hätte dir vielleicht helfen können. Es wäre nur fair gewesen, wenn ich mich für deine Hilfe endlich revanchiert hätte."
Einige verrückte Sekunden lang befürchtete John, er würde ohnmächtig werden. In seinem Kopf drehte sich alles und der Eisklumpen in seinem Magen verursachte ihm nun eine leichte Übelkeit.
Sherlock hätte ihn... gewisse Körperteile waren von dieser Idee begeistert, doch John wagte nicht einmal auch nur daran zu denken.
Dennoch tat er die nächsten – sich zu einer kleinen Ewigkeit ausdehnenden – Sekunden nichts anderes.
Sherlock hätte ihn...
John presste seine Augen und Lippen zusammen und schüttelte angestrengt den Kopf.
„Sherlock... das wäre nicht richtig gewesen...", brachte er schließlich hervor.
„Warum denn nicht? Es hätte interessant sein können", bemerkte Sherlock. Seine Augen blickten neugierig, aber auch ein wenig irritiert auf John.
„Interessant", wiederholte John tonlos und er begriff.
Sherlock hatte ihm nicht mehr und nicht weniger angeboten als eine mechanische Hilfestellung. Womöglich hätte er noch ein Experiment daraus gemacht. John wurde klar, dass er in Sherlocks Bett wahrscheinlich jederzeit willkommen war, doch dass Sherlock ihn lediglich wie eines seiner Spielzeuge benutzen würde.
Ohne jedes weitere Gefühl.
In einem seltenen Moment der Klarheit und der Selbsterkenntnis begriff John, dass ihm das nicht genügen würde. Das war nicht das, was er wollte. Er wollte nicht nur ein Ventil für seine Lust. Er wollte mehr. Er wollte Sex und Gefühle. Er wollte zwar Sherlock, aber er wollte auch, dass dieser eine emotionale Bindung mit ihm einging.
Doch er wusste, dass dieser Wunsch nie in Erfüllung gehen würde.
Emotionen waren Sherlock fremd. Zumindest im zwischenmenschlichen Bereich. Zumindest wenn es um mehr als Freundschaft ging.
„Ja, interessant", bestätigte Sherlock. „Aber reden wir nicht mehr davon. Gibt es ein bestimmtes Klistier, welches du mir empfehlen würdest?"
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Erstaunlicherweise litt John in den nächsten Tagen nicht besonders. Die Schuldgefühle, die er durch seinen Voyeurismus mit sich herumgetragen hatte, hatten sich durch Sherlocks sachliche Äußerungen in Luft aufgelöst.
Er ertrug das Zusammenleben mit Sherlock und seine teilweise grotesken Einfälle und Bemerkungen mit Ruhe und Gelassenheit. Die Gewissheit, dass seine Wunschvorstellungen keine Zukunft hatten, deprimierte ihn nicht. Sie übte im Gegenteil eine eher befreiende Wirkung auf ihn aus.
Es bekümmerte ihn auch nicht mehr, wenn sich in seine gelegentlichen Masturbationsfantasien, die üblicherweise von weichen Brüsten und Schenkeln ausgefüllt waren, maskuline Körper drängten, mit dunklen, lockigen Haaren und einem verächtlichen Lächeln. Er nahm es, wie es eben kam und versprach sich selbst, sich deshalb keine grauen Haare wachsen zu lassen.
Als er eines nachts jedoch durch einen lauten Schrei aus dem Schlaf gerissen wurde, war es mit seiner Ruhe und Gelassenheit vorbei.
„Sherlock!", rief er entsetzt aus und rannte im Pyjama die Treppen hinunter. Der langgezogene Schrei begleitete John auf seinem Lauf und verebbte erst zu einem atemlosen Röcheln, als er vor Sherlocks Tür stand.
John rechnete mit dem Schlimmsten, doch eigentlich hatte der Schrei nicht nach Schmerzen geklungen. Oder doch?
Das Schloss war mittlerweile repariert worden und die Tür stand nicht mehr offen.
Einen Moment zögerte John.
Reinstürmen oder anklopfen?
Nach einem kurzen inneren Kampf hämmerte er mit der Faust gegen die Tür.
„Sherlock! Ist alles okay? Geht es dir gut?"
„John… du hattest Recht", drang es matt durch die Tür. „Finger reichen völlig aus."
Die Bilder, die diese wenigen Worte vor Johns innerem Auge entstehen ließen, sorgten für mehr als nur ein sinnliches Ziehen in seinem Unterleib. Er schluckte krampfhaft und es gelang ihm ein: „Schön für dich" halblaut durch die Tür zu rufen.
Er sollte jetzt eigentlich gehen, doch sein Blut rauschte immer noch heiß durch seine Adern und ein lustvolles Drängen hatte von ihm Besitz ergriffen.
Reingehen oder weggehen?
Einige wilde Sekunden lang stand die Entscheidung auf der Kippe, doch dann ging John zurück in sein Zimmer.
Er war zu stolz um nur ein Vibrator-Ersatz zu sein.
In seinem Zimmer wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn. Auch sein Pyjama-Oberteil klebte kalt und feucht an seinem Rücken.
„Verdammt sollst du sein", fluchte er leise und legte sich auf sein Bett.
Sein aufgepeitschtes Gehirn gauckelte ihm Bilder von weißen, langen Fingern vor und von sehnigen Beinen, die vor Erregung zitterten.
„Verdammt, verdammt, verdammt...", fluchte John erneut, während sich seine rechte Hand unter seine Pyjamahose schob.
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Wie nicht anders zu erwarten, schlief Sherlock am nächsten Morgen noch, als John versuchte, ein Frühstück zusammenzustellen. Doch da es sowohl an Milch als auch an Toast und Marmelade mangelte, zog er widerwillig seine Jacke an um einkaufen zu gehen.
Seine Gedanken waren noch mit den Geschehnissen der letzten Nacht beschäftigt, wobei er sich seiner eigenen Stimmungslage noch nicht völlig sicher war.
Als er jedoch von Mrs Hudson völlig aufgelöst auf der Treppe abgepasst wurde, gelang es ihm bereits wieder, die Absurdität der ganzen Situation mit Humor zu nehmen.
„Guten Morgen, Mrs Hudson", grüßte er sie.
Mrs Hudson griff tatsächlich mit einer Hand nach seinem Jackenaufschlag und hielt ihn fest, was ein sehr deutliches Zeichen für ihren Erregungszustand war.
„Was um alles in der Welt war denn letzte Nacht los? Ich habe einen Schrei gehört! Das kam doch aus eurer Wohnung." Ihr Tonfall schwankte zwischen Entsetzen, Neugier und Entrüstung.
John begann zu ahnen, worauf dieses Verhör hinauslief und er musste tatsächlich ein Grinsen unterdrücken.
„Das war Sherlock", erwiderte John bewusst einsilbig und löste behutsam Mrs Hudsons Hand von seiner Jacke.
„Sherlock?" Sie gab einen besorgten Laut von sich. „Um Himmels Willen – ist ihm etwas zugestoßen? Geht es ihm gut?"
An dieser Stelle konnte sich John ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen.
„Es geht ihm sicher glänzend", erwiderte er.
„Wie können Sie sich da so sicher sein?", hakte Mrs Hudson hartnäckig nach. „Sie haben ihn heute Morgen doch noch gar nicht gesehen, oder? Denn ich habe nur eine Person in der Wohnung herumlaufen hören."
John seufzte leise, sagte aber mit einem Lächeln: „Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen, aber das muss ich auch nicht. Meine Schlussfolgerungen sind zwar längst nicht so brillant wie seine… Aber als Arzt wage ich die Vermutung, dass er Bekanntschaft mit seiner Prostata geschlossen hat. Und meiner Meinung nach sogar höchst erfolgreich."
„Mit seiner… oh!" In plötzlichem Begreifen schlug Mrs Hudson die Hände vor den Mund und ihre Wangen färbten sich purpurrot.
„Genau", bestätige John mit einem leicht niederträchtigen Grinsen. „ Guten Tag, Mrs Hudson." Entschlossen wandte er sich zum Gehen.
„Aber Sie…", fing Mrs Hudson verschämt an.
„Ich hatte damit überhaupt nichts zu tun", erwiderte John mit Nachdruck und verließ fluchtartig das Haus, bevor er noch vor Lachen platzte und sich damit ihren unauslöschlichen Hass zuzog.
Ihr Gesichtsausdruck war so köstlich gewesen, dass er ernsthaft darüber nachdachte, ob er Sherlock mit einem Bericht über diese Szene ergötzen sollte.
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Die nächsten Tage vergingen mit einem mäßig aufregenden Fall, bei dem es um einen Fisch, einen Siegelring und um eheliche Untreue ging. Sherlock war die Angelegenheit zwar nicht enthusiastisch, aber doch mit einem erfreulichen Eifer angegangen und die Atmosphäre in der Baker Street 221 B war gelöst und sogar – dank Mrs Hudsons Plätzchen - leicht vorweihnachtlich.
An dem Tag, an dem Sherlock und John auf die Weihnachtsfeier des Yard eingeladen waren, befand sich Sherlock jedoch in einer – positiv formuliert – schwierigen Stimmung.
John bemühte sich, nichts zu tun oder zu sagen, was Sherlock noch mehr reizen konnte, denn obwohl er nichts mehr hasste, als den Puffer für einen schmollenden Sherlock zu spielen, so hatte er doch kein gesteigertes Verlangen alleine auf die Party zu gehen.
Alles ging halbwegs gut, bis sie im Taxi saßen.
John beging die Unvorsichtigkeit, herzhaft zu gähnen.
Woraufhin Sherlock sagte: „Du solltest mehr schlafen, dann wärst du tagsüber nicht so müde."
„Ich wäre nicht so müde, wenn ich nicht jede Nacht von deinem ekstatischen Geschreie aufgeweckt würde", gab John gereizt zurück.
Sherlock funkelte ihn zornig an.
„Jede Nacht? Du solltest wirklich mal zählen lernen, John. Es ist genau zwei Mal vorgekommen. Ich brauchte schließlich eine Referenzgröße."
„Es war schon das eine Mal zu viel. Du hast schließlich nicht nur mich geweckt, sondern das ganze Haus zusammen gebrüllt."
„Ach ja? Warum hat sich dann nicht schon längst jemand bei uns beschwert?"
„Weil alle Menschen außer dir noch einen Funken Anstand im Leib haben und solche delikaten Themen nicht ansprechen, außer, es ist unumgänglich."
„Das ist doch lächerlich!"
„Nein, das ist Anstand! Und das nächste Mal beiß gefälligst in dein Kopfkissen oder mach sonst was. Hauptsache du brüllst nicht wieder die halbe Straße zusammen."
„Vorher war es noch das ganze Haus. Jetzt ist es schon die halbe Straße... Wirklich, John. Du solltest besser auf deine emphatischen Vergleiche achten. Warum regst du dich überhaupt so auf?"
„Weil die Leute bei deinem Gebrüll noch denken, wir würden es wie die Karnickel treiben", gab John erbost zurück und ohne auch nur im Geringsten an den Taxifahrer zu denken, der schon seit dem Beginn des Streits die Ohren gespitzt hatte. „Dabei bist das nur du ganz allein, der keine Gelegenheit auslässt, um sich die Finger in den Hintern..."
„Das hast du mir doch geraten!"
„Na und?"
„John, du bist heute erschreckend unlogisch." Sherlock verschränkte die Arme vor der Brust. „Und ich habe keine Lust, auf diese Party zu gehen."
„Du kommst mit oder du löschst diese Fotos!"
„Nein."
„Dann kommst du mit auf diese Party. Das war der Deal. Du warst einverstanden."
„Unter Zwang! Und unter Protest!"
„Du wirst hingehen, du wirst nett zu den Leuten dort sein, du wirst ein Glas Wein trinken und du wirst dich amüsieren! Ist das klar!", schrie John wütend und in bestem Kasernenhofton.
„Ja, Sir." Sherlock salutierte spöttisch. „Ich mag es, wenn du den Offizier raushängen lässt."
„Halt die Klappe! Halt einfach die Klappe!", fauchte John ihn an.
In dem Moment hielt das Taxi, John stieg aus und überließ es Sherlock, den Taxifahrer zu bezahlen.
Als Sherlock dem Fahrer die Geldnote in die Hand drückte, fragte dieser: „Was sin'n das für Fotos von ihm?"
„Er trägt darauf ein Bananenkostüm", erwiderte Sherlock ausdruckslos.
„Chiquita-Fetischist oder was?", bemerkte der Fahrer kopfschüttelnd. „Warum muss nur immer ich die Perversen kutschieren." Er steckte das Geld ein und fuhr davon ohne Sherlock sein Wechselgeld zu geben.
John hatte den letzten Wortwechsel mitbekommen und wusste nun nicht mehr, ober er toben oder lachen sollte. Sein Mienenspiel bot für Sherlock keinerlei Herausforderung, denn nach einem kurzen Blick auf seinen Freund sagte dieser: „Keine Standpauke mehr. Du hast davon angefangen."
„Weil du mich gereizt hast", gab John mit vor unterdrücktem Gelächter schwankender Stimme zurück.
Ein Lächeln huschte kurz über Sherlocks Lippen.
„Touché", sagte er schlicht.
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Die Party fand hauptsächlich in den Räumen statt, welche sonst den Pressekonferenzen und internen Sitzungen vorbehalten waren, doch die feiernde Menschen hatten sich bereits über das ganze Stockwerk verteilt.
Lestrade schien auf John und Sherlock gelauert zu haben, denn kaum hatten sie den Fahrstuhl verlassen, kam er ihnen schon mit zwei Gläsern Wein entgegen und drückte sie ihnen in die Hand.
„So fröhlich, Lestrade", meinte Sherlock mit seinem üblichen, leicht herablassenden Tonfall.
„Ich habe allen Grund dazu!", rief der Inspektor aufgekratzt aus. „Meine Frau hat mich mit dem Töpferkurs nur deshalb angeschwindelt, weil sie in tatsächlich gelernt hat, wie man angelt. Sie wollte mich damit zu Weihnachten überraschen. Und jetzt wird sie mich auf meinen nächsten Angeltrip begleiten können. Ist das nicht ganz unglaublich?"
„Dazu kann ich nur sagen…", Sherlock unterbrach sich kurz und fuhr dann fort: „Ende gut, alles gut."
Lestrade strahlte.
„Danke! Amüsiert euch gut!" Mit einem fröhlichen Winken verschwand er wieder in der Menge.
„Warum hast du mich getreten?", wollte Sherlock von John wissen.
„Du weißt verdammt gut warum, denn sonst hättest du dich nicht besonnen und etwas anderes gesagt, als das, was du ursprünglich sagen wolltest", knurrte John leise.
„Ich wollte ihm nur die Augen darüber öffnen, was sich seine Frau aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich geangelt hat. Ich persönlich tippe auf den Angellehrer", gab Sherlock leicht beleidigt zurück. „Er hat schließlich ein Recht auf die Wahrheit."
John seufzte.
„Sherlock, er hat ein Recht darauf, glücklich zu sein. Es ist Weihnachten. Lass ihn einfach. Vielleicht ist das mit dem Angellehrer schon wieder vorbei oder es war überhaupt nichts dran und sie hat nur für ihn geschwärmt und Greg würde sich wegen etwas aufregen, was… du weißt, was ich meine!", schloss er ärgerlich.
Sherlock zog seine Stirne kraus.
„Nicht wirklich. Und ja – mit dem Angellehrer ist es schon wieder vorbei. Warum lässt er sich nicht endlich von dieser Frau scheiden? Sie ist eine notorische Fremdgeherin."
„Er liebt sie eben."
Sherlock schnaubte verächtlich.
„Woher willst du das wissen?"
„Er hat es mir gesagt."
„Aber das ist unlogisch!", ereiferte sich Sherlock. „Sie macht ihn immer wieder unglücklich."
„Liebe hat nicht wirklich etwas mit Logik zu tun", sagte John und bemerkte, dass wohl etwas in seinem Tonfall gelegen haben musste, was Sherlock nun dazu veranlasste ihn kritisch zu mustern.
Doch dann sagte er nur: „Idiotisch" und wandte sich ab.
John atmete ein wenig auf und ging auf die Suche nach dem angekündigten kalten Büffet.
Zwei Gläser Wein später gestattet sich John, seine Wachsamkeit zu lockern und sich zu entspannen. Sherlock hatte bis jetzt noch niemand über sein normales Maß hinaus brüskiert und schien sich zumindest nicht zu langweilen. Daher beschloss John, dass er sich nun auch um sein eigenes Amüsement kümmern konnte. Seine fortgeschrittene Entspannung sorgte allerdings dafür, dass er eine gewichtige Tatsache übersah, welche allerdings von einem Grüppchen junger Damen sehr wohl bemerkt und mit Flüstern und Kichern quittiert wurde.
John Watson stand direkt unter einem Mistelzweig.
Er wurde dieser Tatsache allerdings erst gewahr, als eine mollige Brünette auf ihn zukam. Die Entschlossenheit in ihrem Blick und die hektischen roten Flecke auf ihren Wangen ließen ihn ahnungsvoll nach oben sehen. Als er den Mistelzweig entdeckte, wurde ihm klar, dass ein Fluchtversuch oder eine Ablehnung keine Option darstellten.
So fügte er sich in das Unvermeidliche und ließ sich von ihr umarmen.
„Warum auch nicht", dachte er bei sich. „Es ist schon viel zu lange her, dass du eine Frau geküsst hast."
Fatalerweise fiel ihm gerade, als sie ihre Lippen – die unangenehm nach künstlichen Erdbeeren schmeckten – auf seine presste, wieder ein, dass er sich vor noch gar nicht allzu langer Zeit gefragt hatte, wie es wohl sein musste, Sherlocks Mund zu küssen.
Unwillkürlich suchten seine Augen – noch während der Kuss andauerte - in der Menge nach den dunklen Locken und der schlanken Gestalt. Als er Sherlock gefunden hatte, drehte ihm dieser gerade den Rücken zu und John war dankbar dafür, denn ansonsten hätte sein Freund sicher das Sehnen und die tausend Fragen in seinen Augen gesehen, die ihn plötzlich und ohne Vorwarnung überfallen hatten.
Er bemerkte nicht, dass vor Sherlock eine gerahmte Urkunde an der Wand hing, in deren Glas sich der Raum, dem Sherlock eigentlich den Rücken zuwandte, spiegelte. Dabei hatte sein Freund einen besonders guten Blick auf den Bereich unter dem Mistelzweig. Er sah nicht nur die mollige Brünette, die John gerade küsste. Er sah auch, dass John seine Augen nicht geschlossen hatte.
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Sherlock hatte oft sagen hören, dass für die Opfer von Amors Pfeilen himmlische Geigen erklängen. Er selbst hatte das immer für den Gipfel des sentimentalen Kitsches gehalten.
Doch jetzt hielt er verwundert inne, lauschte, horchte in sich hinein.
Etwas in ihm erwachte… vibrierte… etwas von dem er nicht geglaubt hatte, dass er es besäße oder doch zumindest verschollen wäre. Unauffindbar. Verloren für alle Zeiten. Dennoch bestand kein Zweifel, dass da etwas war… in seiner Brust, in seinem Kopf, in seiner Magengrube.
Er wollte es auf den minderwertigen Wein schieben, doch er hatte an seinem Glas nur genippt. Diese Menge war sicher nicht ausreichend um irgendeine körperliche Reaktion zu verursachen. Ganz zu schweigen von auditiven Halluzinationen.
Immer noch verwundert stellte Sherlock fest, dass sich dieses dumpfe Vibrieren in der Nähe seines Zwerchfells manifestierte und seinen eigenen Herzschlag übertönte. Ein dunkler, geheimnisvoller Rhythmus, der ihn an heidnische Rituale gemahnte und ihn seltsam ruhelos werden ließ.
Über all dem lag aber die überraschende Erkenntnis, dass John ihn wollte.
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Fortsetzung folgt...
