Disclaimer: Harry Potter gehört J.K. Rowling. Die Geschichte wurde von melindaleo geschrieben, ich habe sie nur übersetzt. Ein Link zum Original ist in meinem Profil.

Kapitel 11

Ausbruch

Es war ein heller, klarer, früher Herbstabend und die Luft war schon etwas kühl. Der Sommer war ziemlich kalt gewesen und der Herbst schien mit all seiner Pracht schon früher angefangen zu haben. Als er aus der Kutsche stieg, atmete Harry erst einmal tief durch. Er hatte den Herbst schon immer gemocht. So ein Wetter erinnerte ihn immer an Äpfel, geröstetes Hühnchen und Quidditch. Er reihte sich in den Strom der Schüler ein, die sich ihren Weg die Steintreppe hinauf bahnten, direkt hinein in die Eingangshalle von Hogwarts. Fackeln beleuchteten die Halle und Harry blickte sehnsüchtig zur Marmortreppe. Er wünschte, er könnte einfach das Essen überspringen und gleich in den Gryffindor Gemeinschaftsraum gehen. Er wollte nichts weiter, als sich in seinen Lieblingssessel neben dem Kamin zu setzen und sich alles um ihn herum nur anzusehen, ohne daran teilnehmen zu müssen. Harry war sich nicht sicher, warum er sich so übermannt fühlte, aber sein Magen drehte sich unangenehm und sein Kopf fing an zu pochen.

Seine Freunde hatten bemerkt, wie sich Harry während der Fahrt mit der Kutsche hoch zum Schloss immer weiter zurückgezogen hat, und sie alle fühlten mit ihm. Allerdings waren sie fest entschlossen, nicht zuzulassen, dass er sich wieder so von ihnen zurückzog und so hakten sich Hermine und Ginny links und rechts bei ihm unter. Ron ging voran und die Mädchen steuerten ihn durch die großen Doppeltüren in die Große Halle. Sie war für die Begrüßungsfeier prächtig geschmückt, und auf den langen Tischen glitzerte das polierte Besteck. An der verzauberten Decke waren Millionen Sterne zu sehen, die sie funkelnd willkommen hießen. Ron setzte sich an den Gryffindor-Tisch und Hermine setzte sich neben ihn. Harry und Ginny setzten sich ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Tisches hin. Neville brachte Luna noch zum Ravenclaw-Tisch, bevor er wieder zu ihnen kam. Harry konnte den Fast Kopflosen Nick sehen, der am vorderen Ende des Tisches schwebte. Harry dachte sich, dass er zweifellos darauf wartete, einige Erstklässler zu erschrecken, indem er seinen Kopf wegzog.

„Hi, Harry!" Harry drehte sich um und entdeckte Colin Creevey und seinen jüngeren Bruder Dennis, die sich gerade neben Ginny hinsetzten. „Wie war dein Sommer? Unserer war toll! Unser Vater ist mit uns an die Küste gefahren und wir haben versucht, Wasserski zu fahren. Dennis ist fast ertrunken!"

Aber als Colin weiter über ihre sommerlichen Abenteuer am Meer erzählte, schaltete Harry einfach ab. Harry hatte noch nie das Meer gesehen. Die Dursleys hatten ihn nie mit in ihren Sommerurlaub genommen. Er überlegte sich, dass das etwas wäre, das er irgendwann gerne sehen würde. Vielleicht könnte er mit sich selbst einen Deal ausmachen: Wenn er seine letzte Konfrontation mit Voldemort überlebte, würde er als Belohnung Urlaub am Meer machen. Klar! Wolltest du dir nicht erreichbare Ziele setzen, Potter? Harry schüttelte den Kopf und zwang sich so, an etwas anderes zu denken. Er hatte noch Zeit, es musste einen Weg geben, wie er das schaffen könnte. Einen Weg, mit dem er überleben, und immer noch mit sich selbst leben konnte.

Harry konzentrierte sich wieder auf das Festessen und sah zum Lehrertisch hinüber. Hagrid war dort, selbst sitzend immer noch größer als alle Anderen, und winkte Harry fröhlich zu. Harry lächelte aufrichtig zurück. Er freute sich einfach, Hagrid wieder zu sehen. Snape saß auf seinem Stammplatz am anderen Ende des Tisches und schaute jeden böse an. Mit seinen Augen ging er jeden Tisch ab, darauf wartend, auch nur das kleinste Anzeichen von schlechtem Verhalten zu entdecken. Zu Snapes Linken saß eine Hexe, die Harry nicht kannte. Sie hatte langweilige braune Haare, die sie in einem Zopf trug. Sie war weder schön noch unattraktiv, eher durchschnittlich und gewöhnlich. So ein Gesicht, das einem bekannt vorkam, weil man es schon so oft bei vielen anderen gesehen hatte. Harry nahm an, dass das die neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste war. Hermine dachte genau das Gleiche. „Das muss die neue VgddK-Lehrerin sein. Ich hoffe, sie ist gut. Snape ignoriert sie, aber das ist ja nichts Neues." Es war allgemein bekannt, dass der Meister der Zaubertränke mit der Hakennase Verteidigung unterrichten wollte, aber jedes Jahr wurde jemand anderem der Vorzug gegeben. Normalerweise war er immer richtig feindselig gegenüber demjenigen, der auch immer die Stelle bekommen hatte.

„Ich hoffe die fangen bald mit der Hauswahl an, ich bin am verhungern!", beschwerte sich Ron.

Hermine verdrehte die Augen. „Wann bist du eigentlich nicht am verhungern?"

„Ich bin noch im Wachstum, ich brauche Nahrung!" Das stimmte sogar. Obwohl Ron ständig Hunger hatte, wuchs er nie in die Breite, nur in die Höhe. Er war bestimmt einer der größten, wenn nicht sogar der größte Schüler in ihrem Jahrgang.

Die Türen der Großen Halle wurden geöffnet und alles war leise, als Professor McGonagall eine Gruppe stiller und gänzlich verschreckter Erstklässler durch die Halle nach vorne führte. Harry erinnerte sich an das Gefühl und litt mit den jungen Schülern . Er hatte solche Angst gehabt, nicht für ein Haus ausgewählt und vor die Tür gesetzt zu werden. Als Professor McGonagall den Stuhl holte, auf dem der Sprechende Hut lag, drifteten Harrys Gedanken wieder zum letzten Jahr.

Es war beim Begrüßungsfestessen gewesen, dass sie alle zum ersten Mal Dolores Umbridge gesehen hatten, obwohl Harrys erste Begegnung mit ihr bei seiner Verhandlung im Ministerium für Magie gewesen war. Sie hatte tatsächlich Professor Dumbledore unterbrochen, als er gerade die Schüler begrüßen wollte. Den überraschten Gesichtsausdrücken der Lehrer nach, war so etwas vorher noch nie geschehen. Sie hatte dann ihre eigene Rede gehalten. Hermine hatte die subtilen Andeutungen herausgehört, die darauf hinwiesen, dass das Ministerium seine Krallen in Hogwarts schlagen würde. Harry hatte damals nicht wirklich aufgepasst, aber im Nachhinein waren schon damals alle Warnsignale vorhanden gewesen.

Nach ihrem zufälligen Treffen bei Flourish & Blotts, hatte Harry nicht weiter an sie gedacht. Jetzt aber fragte er sich, was sie machte und ob sie sich immer noch an ihre Verbindungen im Ministerium hielt. Fudge und sie waren wie Pech und Schwefel gewesen und Fudge klammerte sich immer noch an sein Amt, auch wenn das immer schwerer wurde.

Harry schreckte auf und bemerkte, dass er das jährliche Lied des Sprechenden Hutes komplett verpasst, und dass die Hauswahl bereits begonnen hatte.

„Baker, William", rief McGonagall einen kleinen, drahtigen Jungen zum Stuhl nach oben. Er kletterte zögerlich auf den Stuhl und der Hut rief: „HUFFLEPUFF!"

„Bennett, Tracy."

Als William Baker herübereilte und sich hinsetzte, brach der Hufflepuff-Tisch in Jubelrufe aus. Harry sah, wie Hannah Abbott ihre Hand ausstreckte, um seine zu schütteln.

„GRYFFINDOR!", rief der Hut.

Harry drehte sich schnell um und stimmte in den Applaus seines eigenen Tisches ein, als ein junges Mädchen mit sehr kurzen Haaren sich zu ihnen an den Tisch setzte. Sie schien nicht so ängstlich, wie Will Baker, aber trotzdem vorsichtig.

„Halte Ausschau nach möglichen Quidditch-Talenten", murmelte Ron Harry zu.

„Und wie genau willst du wissen, ob einer von denen gut Quidditch spielt, wenn sie nur mit einem Hut auf dem Kopf herumsitzen?", wollte Hermine wissen.

„Ich weiß es einfach", antwortete Ron überzeugt. „Ich wette, dass diese Tracy zu den Auswahlspielen kommen wird, warte es nur ab."

„Wir brauchen einen neuen Jäger, aber ein paar Ersatzspieler wären auch nicht schlecht. Katie geht nächstes Jahr ab, und im Jahr danach du und ich", erwiderte Harry.

„Zwei neue Jäger", stellte Ron klar.

Ginny drehte sich um und sah ihren Brüder böse an. „Wie bitte?"

„Du musst genauso zu den Auswahlspielen kommen, wie alle anderen auch."

„Aber ich war schon ein Teammitglied."

„Wenn du willst kannst du gerne Ersatz-Sucher sein, aber wenn du Jäger im Team sein willst, musst du da durch."

Ginny starrte Ron wütend an, aber Harry sah das entschlossene Flackern in ihren Augen und war überzeugt, dass Ron das noch zurücknehmen würde. Harry zog den Kopf ein und wandte sich wieder dem Hut zu.

„Ducket, Nigel."

Bei ihm nahm sich der Sprechende Hut besonders viel Zeit und Harry fühlte mit dem Jungen, dem ganz unwohl war.

„SLYTHERIN!"

Nigel rannte zu dem Tisch auf der anderen Seite der Halle und wurde von Malfoy begrüßt.

„Elliot, Iris."

Ein Mädchen mit einem Pony, der so lang war, dass er über ihre Augen hing, war an der Reihe.

„HUFFLEPUFF!"

Iris rannte los und setzte sich neben Will Baker.

Der Sprechende Hut machte weiter und Ron beschwerte sich immer lauter und immer öfter darüber, dass es immer noch kein Essen gab. Schließlich schrumpfte die Gruppe immer mehr zusammen und als McGonagall den letzten Namen aufrief, „White, Andrew", und der Sprechende Hut „RAVENCLAW!" rief, brach in der ganzen Halle Jubel aus.

„Endlich", murmelte Ron, „jetzt können wir essen!"

Professor Dumbledore erhob sich und in der Halle wurde es still. Alle sahen ihn erwartungsvoll an. Sein mitternachtsblauer Umhang schimmerte im Kerzenlicht und Harry musste zugeben, dass er besser aussah, als sonst in letzter Zeit. Dumbledore lächelte gütig, als er seinen Blick durch den Raum schweifen ließ und die versammelten Schüler ansah. „Ohne lange Vorrede: Haut rein!"

Sofort waren die Tische mit einer großen Anzahl verschiedener Dinge gefüllt, die jeden Gaumen in Versuchung brachten. Ihre Kelche waren gefüllt und Harry musste sich ein Grinsen verkneifen, als er sah, wie Hermine, wegen all der Arbeit, die die Hauselfen in das Fest gesteckt hatten, die Stirn runzelte. Ron langte sofort richtig zu, beugte sich über den Berg auf seinem Teller und ignorierte jegliche Unterhaltung um ihn herum. Ginny und Hermine waren zwar etwas wählerischer, aber auch ihre Teller füllten sich während Harry sich bestürzt umsah. Er fühlte sich inzwischen richtig krank und allein der Gedanke daran, sich etwas auf seinen Teller zu tun sorgte dafür, dass sich ihm der Magen umdrehte. Als er sah, dass Ginny ihn beobachtete, riss sich Harry zusammen und platschte etwas Kartoffelpüree mit Steak und Nierenpastete auf seinen Teller. Er schaukelte seine Gabel hin und her, vermied es aber irgendetwas in seinen Mund zu nehmen. „Harry, warum isst du denn nicht?", fragte Hermine.

„Mum hat uns allen aufgetragen, sicher zu stellen, dass dein Teller voll ist, Harry. Solange wir hier sind, kommst du nicht damit durch, wenn du Mahlzeiten auslässt", fügte Ginny hinzu.

„Ich esse ja", sagte Harry etwas verärgert. „Ich bin nur nicht wirklich hungrig."

„Wie kannst du keinen Hunger haben?", fragte Ron, nachdem er heruntergeschluckt hatte und sich gerade seinen ersten Nachschlag nahm. „Das Mittagessen ist doch schon Stunden her!"

Harry seufzte. „Hört mal zu, ich weiß ja, dass ihr nur versucht zu helfen, aber mir geht es gut, in Ordnung?" Ron zuckte nur mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Teller zu, genauso wie irgendwann auch die Mädchen, aber Harry konnte ihnen ansehen, dass sie nicht glücklich waren. Er fühlte sich wie ein kleines Kind, das versucht, sein Gemüse in der Serviette zu verstecken.

Neville, der auf der anderen Seite von Hermine saß, fragte Harry wegen der DA „Ich habe ein O in meinem Verteidigungs-ZAG bekommen und das verdanke ich nur dir, Harry. Omi hat tatsächlich gesagt, sie sei stolz auf mich!"

„Das sollte sie auch, Neville", drehte sich Hermine zu ihm. „Du hast sehr hart dafür gearbeitet! Ich wette, dass alle Mitglieder der DA, die letztes Jahr die ZAGs abgelegt haben, gut abgeschlossen haben. Sie waren wahrscheinlich die einzigen. Schließlich hat Umbridge uns ja nichts beigebracht."

Als sich das Essen langsam dem Ende neigte, wurden die Teller mit Magie geputzt und der Nachtisch erschien. Harry fühlte sich inzwischen mehr als nur ein bisschen schlecht und die Siruptorte vor ihm war nicht wirklich hilfreich. Er drehte sich zu Ginny neben ihm, um das Essen auf dem Tisch nicht ansehen zu müssen. „Also, Ginny", sagte er ruhig, „ich konnte dir ansehen, dass du Jäger werden willst. Schon eine Idee, wer noch eine gute Wahl wäre?"

Ginny drehte sich um und sah ihn an. Während sie darüber nachdachte, bildeten sich auf ihrer Stirn Falten. „Nicht wirklich. Katie, Alicia und Angelina haben so lange gespielt und sie waren alle so jung, als sie angefangen haben. Mir ist sonst niemand aufgefallen, einfach, weil ich niemanden spielen gesehen habe."

Harry nickte. Das war ein weiterer Grund, warum sie unbedingt Ersatzspieler haben sollten.

„Harry, geht es dir nicht gut? Du siehst irgendwie mitgenommen aus."

Harry lag seine Standardantwort schon auf der Zunge, aber als er in ihre sorgenvollen schokoladenbraunen Augen sah, fand er, dass er sie nicht wirklich anlügen wollte. „Meinem Magen geht es nicht so gut. Es ist bestimmt nichts."

Die ehrliche Antwort überraschte Ginny, und sie machte ganz große Augen. „Das passiert dir doch auch vor Quidditchspielen."

Harry lächelte leicht, sagte aber nichts.

Als der Nachtisch abgeräumt wurde, stand Professor Dumbledore noch einmal auf und hob zur Begrüßung seine Hände.

„Willkommen zu einem weiteren Jahr in Hogwarts. Zunächst einmal, liebe Erstklässler, der Verbotene Wald ist genau das – verboten. Ich denke, auch einige ältere Schüler sollten noch einmal daran erinnert werden." Dumbledores Augen funkelten, als er seinen Blick kurz über den Gryffindor-Tisch schweifen ließ. Harry und Ron rutschten auf ihren Sitzen hin und her, während Ginny etwas zusammenzusacken schien. „Die Liste mit den verbotenen Gegenständen findet ihr im Büro von Mr. Filch, dem Hausmeister. Diese Liste umfasst nunmehr das ganze Sortiment von Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen. Er hat mich außerdem darum gebeten, euch daran zu erinnern, dass das Duellieren in den Gängen verboten ist."

Ginny verdrehte die Augen. „Ich werd verrückt! Wenn Fred und George das hören! Das ist, als wäre ihnen der Orden des Merlin, Erster Klasse, verliehen worden!"

„Sie werden zur Feier bestimmt einen großen Ausverkauf haben!", fügte Ron hinzu.

Harry wollte gerade etwas dazu sagen, als sein Magen sich umdrehte und seine Narbe genauso plötzlich höllisch schmerzte. Es fühlte sich an, als ob sein Kopf brannte und er wollte nur noch das Feuer löschen. Er griff gerade nach einem Glas Wasser, als er auf die Knie fiel. Der Schmerz wurde noch stärker und er ließ das Glas fallen, ohne zu bemerken, dass er es gerufen hatte, obwohl sein Zauberstab immer noch in seiner Tasche war. Er fasste sich mit beiden Händen an den Kopf, schrie schmerzerfüllt, bevor dann alles schwarz wurde.

****************

Als Harry erwachte, erkannte er am gleißenden Licht und der frischen, weißen Bettdecke, unter der er lag, dass er mal wieder im Krankenflügel war. Er stöhnte und bewegte sich ein wenig, als Madam Pomfrey zu ihm gerannt kam. „Ganz ruhig, Mr. Potter, entspannen Sie sich", beruhigte sie ihn, während sie die Decke zurechtrückte. Hinter ihr standen Ron, Hermine und Ginny, die alle ängstlich über ihre Schulter blickten, um Harry besser sehen zu können.

„Mir geht es gut", flüsterte er mit zittriger Stimme. „Ich fasse es nicht, dass ich es noch nicht mal eine Nacht geschafft habe, ohne hier zu landen! Das muss doch ein neuer Rekord sein."

„Es freut mich zu sehen, dass du deinen Humor nicht verloren hast, Harry", sagte Professor Dumbledore, der gerade hinter dem Vorhang hervorkam. „Sehr gut." Dann wandte er sich an die anderen. „Ich würde gerne für einen Augenblick alleine mit Harry reden, wenn das für euch in Ordnung ist. Er wird die Nacht hier verbringen und ihr seht ihn dann morgen früh."

Sie alle wollten ihm widersprechen, aber er stoppte sie mit einer Geste seiner Hand. „Das Festessen ist zu Ende und ich bin mir sicher, dass ihr Beiden euren Aufgaben als Vertrauensschüler nachkommen müsst. Ich versichere euch, dass Mr. Potter in fähigen Händen ist."

Es war offensichtlich, dass sie nicht gehen wollten, aber sie würden sich auch nicht mit Professor Dumbledore herumstreiten. Zumindest Hermine nahm ihre Aufgaben als Vertrauensschülerin sehr ernst und griff Ron am Arm. Ginny folgte den beiden durch die Tür, warf Harry aber noch einen letzten Blick zu, bevor sie ging.

„Du hast uns allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Harry. Wie fühlst du dich?"

Harry zuckte mit den Schultern und dachte für eine Minute darüber nach. Er fühlte sich inzwischen schon viel besser als beim Abendessen. „Es tut immer noch etwas weh, aber das geht schon."

„Was ist passiert?"

„Er freut sich. Überglücklich. Askaban. Ich bin mir nicht sicher, was passiert ist, oder was ich empfangen habe. Ich hatte schon eine ganze Weile keine Visionen mehr. Die Okklumentik hat geholfen."

Dumbledore drückte seinen Finger horizontal auf seine Mund. „Hmmm. Entweder hat dich der heutige Tag einfach überwältigt, oder vielleicht, was wahrscheinlicher ist, hat er sich so auf seine Aufgabe konzentriert, dass er dich nicht ausgeschlossen hat. Ich nehme also an, dass Askaban leer ist?"

Harry nickte. „Die Dementoren haben sich ihm angeschlossen."

„Das habe ich befürchtet. Wir werden mit deinen Okklumentikstunden fortfahren, du hast schon Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun. Ich habe auch dafür gesorgt, dass sowohl Nymphadora Tonks als auch Remus Lupin dich unterrichten und dir schwierigere Zaubersprüche beibringen, als wir es im Unterricht tun. Ich möchte auch, dass sie dir beibringen, zu apparieren."

„Ich dachte, dafür muss ich 17 sein?"

„Aufgrund deiner besonderen Umstände, konnte ich für dich eine Ausnahmeerlaubnis bekommen. Ich würde es aber vorziehen, wenn du das für dich behältst, Harry. Es würde dir nutzen, wenn deine Feinde nichts von deinen Fähigkeiten wissen."

Harry nickte. Noch mehr Geheimnisse. „Soll ich den zusätzlichen Unterricht auch für mich behalten?"

„Ich denke, das wäre das Beste. Es tut mir leid, ich weiß, dass das schwierig für dich ist. Hast du deine Freunde über den Inhalt der Prophezeiung informiert?"

Harry kniff die Augen zusammen. „Nein. Ich will nicht, dass sie in noch größere Gefahr geraten, als sie ohnehin schon sind, nur weil sie meine Freunde sind."

„Diese Last ist sehr schwer, um sie alleine zu tragen, Harry."

„Ich sehe leider keine Alternative. Wie viel weiß der Orden?"

„Sehr wenig. Sie wissen, dass die Prophezeiung dich betrifft. Ich denke, dass Lupin mehr weiß, aber er hat es mir nicht bestätigt. Vielleicht könntest du dich ihm anvertrauen? Ich denke nicht, dass es gut ist, soviel für sich zu behalten, Harry."

Harry blieb still.

„Als du in der Großen Halle die Vision hattest, hast du nach einem Glas Wasser gegriffen?"

„Ja. Mein Kopf hat sich angefühlt, als würde er brennen. Ich denke, sie haben Askaban angezündet. Warum?"

„Du hast das Glas zu dir gerufen, ohne deinen Zauberstab zu benutzen. Hast du so etwas vorher schon einmal gemacht?"

Harry dachte konzentriert nach. „Ich glaub schon. Ich erinnere mich daran, wie im Zoo einmal eine Scheibe verschwunden ist. Oh! Als die Dementoren letzten Sommer angegriffen haben, hat Dudley mir den Zauberstab aus der Hand geschlagen und ich habe ihn zurückgerufen. Warum, was bedeutet das?

„Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht gar nichts. Es ist normal für junge Zauberer und Hexen, unter Stress ohne einen Zauberstab zu zaubern, was hier offensichtlich zutrifft. Allerdings sollte das in deinem Alter nicht mehr vorkommen. Remus und Tonks werden mal einige Tests mit dir machen. Ich möchte, dass du heute Nacht hier bleibst, dann kann Madam Pomfrey ein Auge auf dich haben. Wenn du möchtest, kannst du ein Schlafelixier nehmen."

„Wenn es ihnen nichts ausmacht, würde ich damit lieber bis morgen warten, wenn ich wieder im Schlafsaal bin."

Dumbledore sah ihn nachdenklich an. „Alpträume sind nichts, wofür man sich schämen muss, Harry."

„Ja, Sir, aber ich mag es trotzdem nicht, alle Anderen zu wecken."

„Na gut, nimm es morgen. Versuche aber trotzdem, etwas zu schlafen."

Damit klopfte er Harry noch leicht auf die Schulter, verließ den Raum und ließ Harry im Dunkeln mit seinen Gedanken alleine.

****************

Harry war sich nicht sicher, wie spät es war, als er vom Alptraum geweckt wurde, er glaubte aber nicht, dass er sonderlich lange geschlafen hatte. Er versuchte sich umzudrehen und wieder zu beruhigen, aber schien einfach keinen klaren Kopf zu bekommen. Er fühlte sich, als ob ihm irgendetwas fehlte. In Gedanken ging er den Tag noch einmal durch, versuchte sich zu erinnern, ob er etwas am Grimmauldplatz vergessen hatte, oder im Zug, aber ihm fiel nichts ein. Und plötzlich ging ihm ein Licht auf, wie ein Leuchtfeuer in einer nebligen Nacht – Ginny fehlte. Er hatte sich so an ihre beruhigende Gegenwart gewöhnt, nachdem seine Träume ihn aus dem Schlaf gerissen hatten. Sie war immer da, tröstete ihn. Trotzdem verlangte sie nie etwas als Gegenleistung. Harry fand es komisch, dass sie nie über seine Alpträume redeten und er erkannte, dass er ihr wirklich ein angemessenes „Danke" schuldete. Es überraschte ihn auch, zu erkennen, wie sehr er diesen kurzen Trost vermissen würde, mehr als er es für möglich gehalten hatte.

Plötzlich wurde die Tür zum Krankenflügel weit aufgestoßen, aber niemand kam herein. Harry spürte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten und er griff nach seinem Zauberstab und seiner Brille, während er sich nervös im Raum umsah. Aber als Ginny einen Augenblick später, mit von der Reibung elektrisch aufgeladenen und abstehenden Haaren unter dem Tarnumhang hervorkam, entspannte er sich.

„Leg den Zauberstab weg, Harry, außer du willst ihn wirklich benutzen", lächelte sie ihn an. Als er einen Moment später die Zweideutigkeit verstand, wurde er ganz rot.

„Was machst du denn hier? Wenn Filch oder Pomfrey dich erwischen, bekommst du eine Strafarbeit. Und das noch bevor du eine Nacht lang wieder hier bist, oder ein Produkt der Zwillinge benutzt hast!"

Ginny lächelte. „Ron hat mir den Umhang gegeben. Hermine und er rennen die ganze Zeit herum, um die Erstklässler zu beruhigen. Zwei Jungs haben sich schon um ein Bett am Fenster geprügelt und ein Mädchen weint, weil es nach Hause will. Du hättest sehen sollen, wie panisch Ron war, als Hermine ihm gesagt hat, dass er das Mädchen trösten soll!"

Harry lachte bei der Vorstellung, wurde dann aber ganz ruhig. Er hätte das auch nicht tun wollen. „Armer Ron", sagte er nur.

„Armer Ron? Wie wäre es mit ‚Arme Erstklässlerin'! Und arme Hermine, die das Mädchen trösten muss, weil Ron sie getröstet hat!"

„Stimmt", gab Harry ihr recht. „Ginny, ich wollte dir danken."

„Mir danken? Wofür denn?"

„Die Alpträume", fing Harry lahm an. Dann wusste er nicht mehr so genau, was er sagen sollte. „Du hast geholfen."

Ginny lächelte sanft und setzte sich neben seinem Bett auf einen Stuhl. „Ich freue mich, dass ich helfen konnte, Harry. Alpträume sind nicht lustig, das weiß ich besser, als die meisten Anderen."

Harry sah sie fragend an. „Du hast auch welche?"

„Ich hatte lange welche, nach meinem ersten Jahr hier. Es wurde besser, obwohl sie nach der Dritten Aufgabe für eine Weile wieder zurückkamen. Ab und zu habe ich immer mal wieder einen."

„Das tut mir leid", flüsterte Harry.

„Ich denke, du bist wahrscheinlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der verstehen kann, wie schlimm sie wirklich sind, dass sie nicht normal sind!"

„Ich weiß! Ich höre die ganze Zeit sein Lachen. Ich hasse dieses Lachen."

„Bei mir ist es eher die Stimme, beruhigend und manipulierend. Du kennst das Monster, zu dem er geworden ist, ich kenne ihn als einen Jungen, so alt wie du, bevor das Monster die Oberhand gewonnen hat. Aber es war schon immer da. Das reine Böse."

Harry sah, wie Ginny schauderte, während sie das sagte und er reichte hinüber um ihre Hand zu nehmen. Sie drückte seine Hand genauso fest zurück. „Als du von ihm besessen warst, woran kannst du dich erinnern?", fragte Harry leise. Er hatte sie vorher nie danach gefragt, aber auf einmal musste er es wissen. Hatte sie den gleichen furchtbaren Schmerz gefühlt, den er mit dieser Erfahrung verband? Harry hatte seine eigene Erfahrung seit Monaten verdrängt, aber er erkannte, dass sie dieses furchtbare Geheimnis mit ihm teilte. Wenn irgendjemand wusste, wie es sich anfühlte, dann sie. Die Vorstellung, dass Voldemort in ihn eindringen, ihn manipulieren konnte, ein Teil von ihm wurde, versetzte ihn in Schrecken. Ginny würde das kennen, sie würde verstehen.

Ginny war sehr blass. Sie begann zu sprechen, brach aber ab und sammelte ihre Kraft, als sie fortfuhr. „Ich erinnere mich nicht an sonderlich viel. Mir fehlen große Teile des Tages. Ich war dann irgendwann daraus erwacht und musste feststellen, dass ich irgendwo war, ohne zu wissen, wie ich dorthin gekommen war. Er war immer so perfide, wusste immer genau, was er sagen musste, damit ich an mir zweifelte. Er erzählte mir, dass mich alle hassen würden, wenn sie herausfänden, was ich getan hatte. Ich war elf Jahre alt! Es war ja nicht gerade so, dass ich sonderlich viel Selbstvertrauen gehabt hatte und das was ich hatte, hat er vollkommen zerstört. Er redete viel von dir, und wie dumm ich war. Er war ganz besessen davon. Er war außer sich, weil er nichts gegen meine Loyalität dir gegenüber tun konnte. Aber zu dem Zeitpunkt war ich schon längst nicht mehr in der Lage, da wieder herauszukommen. Er konnte so grausam, aber gleichzeitig auch so manipulierend sein."

„Als du von ihm besessen warst, hast du da Schmerz empfunden?"

„Nein, kein Schmerz. Nur... Leere."

„Hast du irgendetwas von dem mitbekommen, was in der Kammer passiert ist?"

„Nein, nicht bis ich aufgewacht bin, dich dort gesehen habe und mir klar war, dass er es nicht geschafft hat. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so glücklich und gleichzeitig so panisch gewesen. Du sahst furchtbar aus, so mitgenommen und blutverschmiert und ich konnte immer nur daran denken, dass das meine Schuld war. Ich war mir sicher, dass du mir die Schuld geben würdest. Aber das hast du nie getan, du hast sogar versucht mich bei meinen Eltern zu decken. Ich glaube, ich habe dir dafür nie gedankt."

Harry drückte ihre Hand, aber winkte immer noch ab, als ob das gar nichts gewesen wäre. „Du hast nie einen körperlichen Schmerz empfunden?" Ihre Erfahrungen waren also verschieden gewesen. Warum?

„Warum fragst du das immer wieder? Was ist mit dir los, Harry?"

Harry sah sie lange Zeit ununterbrochen an. Wenn es jemanden gab, der das verstand, dann war es Ginny, aber er zögerte immer noch, sich ihr anzuvertrauen. Er hatte sein gesamtes Leben lang Dinge versteckt, es war nicht leicht, einfach loszulassen. Er atmete tief durch und entschied sich, es einfach zu probieren. „Im Ministerium... im Mai... Ich – Er", Harry schienen die Worte zu fehlen. Ginny starrte ihn aufmerksam an, blieb aber still und gab ihm die Möglichkeit, fortzufahren. „Er hat auch von mir Besitz ergriffen", sagte er schließlich.

Ginny riss überrascht die Augen auf! „Was? Wann? Warum hast du das niemandem erzählt?"

„Dumbledore weiß es, er war dabei. Voldemort hat versucht, Dumbledore dazu zu bringen, mich zu töten. Was mich aber beschäftigt ist: Ich kann mich daran erinnern. Ich kann mich an alles erinnern und es hat weh getan! Es hat mehr weh getan, als alles, was mir bisher widerfahren ist. Mir fehlen die Worte, um es zu beschreiben. Er hat mich benutzt, um Dumbledore zu verhöhnen, aber ich erinnere mich daran, mir gewünscht zu haben, dass Dumbledore es endlich tun würde, nur damit endlich die Schmerzen aufhörten. Ich war mir meiner, und seiner, komplett bewusst. Warum glaubst du, dass es bei mir anders war?"

Ginny war von dieser Offenbarung immer noch total geschockt. Sie hatte noch nicht einmal ansatzweise begriffen, dass Harry sterben wollte. „Ich weiß nicht. Was hat Dumbledore gesagt?"

Harry seufzte. „Er hat gesagt, dass mich mein Herz gerettet hat, aber ich verstehe wirklich nicht, was er damit meint. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich eher darauf konzentriert, dass Sirius tot war und es hat mich wirklich nicht interessiert, was er gesagt hat. Früher oder später werde ich mit ihm darüber reden müssen, aber ich schiebe es lieber noch etwas auf."

Harry und Ginny hielten sich immer noch an ihren Händen fest, saßen einfach nur da und sahen einander an. Schließlich legte Ginny ihren Kopf auf Harrys Schulter und er legte seinen Kopf auf ihren. So saßen sie dort für einige Zeit zusammen, jeder von ihnen in den eigenen Gedanken versunken, bis Harry schließlich einschlief und Ginny sich auf den Weg zurück zu den Gryffindor-Schlafsälen machte. Harry, der friedlich schlief, sah Ginnys besorgte Blicke, die sie ihm zuwarf, bevor sie die Tür zum Krankenflügel schloss, nicht.