Kapitel 11

Sie stand angespannt da und wartete. Mit einem Mal spürte sie wie der Tarnzauber von ihr abfiel, die Altersflecke auf ihren Händen verschwanden, ihr Rücken sich streckte und ihr Haar seine grauen Strähnen verlor. Mit einem dumpfen Gefühl der Taubheit erkannte sie, dass es dafür nur eine einzige Erklärung geben konnte.

Severus Snape war tot.

… es war ihr unmöglich das zu begreifen und doch musste es wahr sein. Bewegungslos stand sie in dem Gefecht von Zauberern deren Anstrengungen sich gegenseitig zu vernichten ihr sinnloser vorkamen als jemals zuvor.

Seine Worte klangen in ihr nach.

Minerva, was auch immer geschieht. Versprich, dass du nicht aufgibst. Und schütze den Jungen, denn sonst ist alles vergeblich gewesen."

Mechanisch, gefühllos, wie ein Inferi, wandte sie sich wieder dem Kampfgeschehen zu. Es spielte keine Rolle, was mit ihr geschah, sie würde einfach weiter machen bis zum bitteren Ende.

Sie wusste nicht, wie lange sie gekämpft, Flüche ausgesprochen und Schutzzauber beschworen hatte und es war ihr auch gleich, als sich die Todesser, trotzt offensichtlicher Überlegenheit ihrerseits, zurückzogen.

Plötzlich war die Luft um sie herum erfüllt von einer hohen kalten Stimme die triumphierend zu ihnen sprach. Doch die Worte drangen nicht bis zu ihr durch, während sie wie versteinert in die Leere blickte.

Totenstille breitete sich aus nachdem Voldemort geendet hatte. Alle sahen einander ängstlich an. Instinktiv begann Minerva ihre Schüler zu zählen und stellte erschrocken fest, dass viel zu viele Gesichter fehlten. Das Chaos um sie herum schien unbegreiflich.

Sie drängten sich alle in der großen Halle zusammen. Minerva sprach ein paar beruhigende Worte zu einem kleinen Mädchen, das höchstens in der zweiten Klasse sein konnte. Doch was spielte es für eine Rolle, dass es eigentlich nicht hier sein sollte. Das Mädchen war hier, schlotternd vor Angst mit Tränen in den Augen. Sie hörte selbst wie hohl die Worte klangen, mit denen sie das Kind besänftigen wollte.

Die Toten lagen in einer Reihe in der Mitte der Halle. Die Zeit schien still zu stehen. Minerva war froh, dass niemand vorschlug Potter auszuliefern, denn sie hatte Severus Worte nicht vergessen.

Und schütze den Jungen, denn sonst ist alles vergeblich gewesen."

Sie hoffte nur, dass er noch lebte.

Mit den zäh dahinsickernden Minuten kamen auch die Gedanken wieder, die sie während des Kampfes so erfolgreich verdrängt hatte. Beim Anblick der vielen Toten musste sie unweigerlich an Severus denken und daran, dass niemand, niemand außer ihr um ihn trauerte. Niemand wusste, was er für sie alle getan, was er riskiert hatte und dass er gestorben war. Es tat weh, dass nicht einmal sie wusste, wie er gestorben war. Sie wollte die Wahrheit über Severus Snape hinaus durch die große Halle schreien, sie wollte, dass sie es alle hören. Doch ihre Kehle war wie zugeschnürt, von erstickten Tränen. Und so stand sie einfach nur eine Weile da, bis sie sich wie aus einer Trance befreite und zu Madame Pomfrey hinüber ging und fragte sie wie sie ihr helfen konnte. Und so versorgte sie die Wunden derer, die sich nicht mehr selbst helfen konnten und sprach hier und da ein paar Worte die ihr hohl und sinnlos erschienen, weil sie nichts zu ändern vermochten. Beim Anblick der Verletzungen, eine schrecklicher als die andere und allesamt schwer zu heilen, besonders ohne nennenswerte Vorkenntnisse, erschien es ihr rätselhaft, wie sie hatte überleben können, geschweige denn, dass sie unverletzt geblieben war. So beschäftigt verging die Zeit schneller und sie zuckte erschrocken zusammen, als abermals Voldemorts Stimme über dem Schulgelände erschallte.

„Harry Potter ist tot. Er wurde getötet, als er wegrannte, als er versuchte, sich selbst zu retten, während ihr euer Leben für ihn gegeben habt. Wir bringen euch seine Leiche zum Beweis dafür, dass euer Held gestorben ist.

Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. Jeder, der weiterhin Widerstand leistet, ob Mann, Frau oder Kind, wird niedergemetzelt werden, wie jedes Mitglied seiner Familie. Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden."

Stille legte breite sich in der großen Halle aus. Eine Stille der totalen Fassungslosigkeit, eine Stille, die deutlich machte, dass niemand begreifen konnte, was er gerade gehört hatte. Wie Marinonetten an straff gespannten Fäden liefen sie auf das Schlossportal zu. Niemand sagte ein Wort. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich das blanke Entsetzen. Minervas Kopf war völlig leer. Sie war nicht in der Lage auch nur einen Gedanken zu fassen und so ließ sie sich vom Strom der Menschen um sie herum der Dunkelheit entgegen treiben.

Vor ihren Augen spielte sich ein Szenario ab, das ihren schrecklichsten Albträumen entsprungen sein musste. Die Todesser in ihren schwarzen Kapuzemänteln hatten sich im Halbkreis aufgestellt, über ihnen schwebte das dunkle Mal, das neben den rot glühenden Augen Voldemorts und seiner schwebenden Schlange, mit der er sich vor ihnen aufgebaut hatte, die einzige Lichtquelle war. Neben ihm stand Hagrid, der in seinen Armen eine Gestalt in einem schwarzen Umhang hielt. Minerva hatte das Gefühl in ein dunkles Loch zu stürzen, als sie das Gesicht mit der unverkennbaren Brille Potters und seiner Narbe über Hagrids Ellenbogen baumeln sah. Dumpf wie aus weiter Entfernung hörte sie den Riesen schluchzen.

„Harry. Oh, Harry ... Harry ..."

Ihr eigener lang gezogener Schrei sprengte ihr beinahe den Kopf und übertönte alles andere.

„NEIN!"

Markerschütternd hallte er durch die Nacht. Weit entfernt, am Rande ihres Bewusstseins hörte die Bellatrix Lestrange lachen.

Sie sah, wie Voldemort Nagini mit einem einzigen weißen Finger streichelte.

„Nein!"

Nein!"

„Harry! HARRY!"

Rons, Hermines und Ginnys Stimmen drangen zu ihr vor und der Schmerz, der in ihnen lag schnitt ihr ins Herz. Die furchtbare Erkenntnis, dass nun alles vorbei war, überrollte sie mit unbezwingbarer Gewalt.

„RUHE!", rief Voldemort, es gab einen Knall und einen hellen Lichtblitz, und alle wurden zum Schweigen gezwungen. „Es ist vorbei! Leg ihn hin, Hagrid, zu meinen Füßen, wo er hingehört!"

„Seht ihr?", sagte Voldemort, während er vor Potter auf und ab ging.

„Harry Potter ist tot! Versteht ihr jetzt, ihr Betrogenen? Er war niemals etwas anderes als ein Junge, der sich darauf verließ, dass sich andere für ihn aufopferten!"

„Er hat dich besiegt!", brüllte Ron, und der Zauber löste sich, und die Verteidiger von Hogwarts schrien und riefen erneut, bis ein zweiter, noch mächtigerer Knall ihre Stimmen von neuem erstickte.

„Er wurde getötet, als er sich vom Schlossgelände davon stehlen wollte", sagte Voldemort und seine Stimme klang dabei auf eine abstoßende Weise genüsslich, „wurde getötet, als er sich selbst retten wollte."

Plötzlich brach mit einem Schrei Neville Longbottom aus der Menge, doch er wurde ohne das Voldemort auch nur zu ihm hinüberblickte, von diesem entwaffnet und stürzte zu Boden. Voldemort warf Nevilles Zauberstab lachend beiseite.

Voldemort schwang seinen Zauberstab. Sekunden später flog aus einem der zersplitterten Fenster des Schlosses etwas wie ein unförmiger Vogel durch das Dämmerlicht und landete in Voldemorts Hand. Er hielt das modrige Etwas an seiner Spitze fest und schüttelte es, und da baumelte er, leer und zerschlissen: der Sprechende Hut.

„Es wird an der Schule von Hogwarts keine Auswahl mehr geben", sagte Voldemort. „Es wird keine Häuser mehr geben. Das Wappen, der Schild und die Farben meines edlen Vorfahren Salazar Slytherin werden für jedermann genügen, nicht wahr, Neville Longbottom?"

Er richtete seinen Zauberstab auf Neville, der stocksteif und unbeweglich wurde, dann rammte er ihm den Hut auf den Kopf, dass er über seine Augen rutschte. In der Zuschauermenge vor dem Schloss gab es einige Bewegung, und die Todesser hoben ihre Zauberstäbe wie ein Mann und hielten sie die Kämpfer von Hogwarts in Schach.

„Neville hier wird nun vorführen, was mit jedem geschieht, der so töricht ist, mir weiterhin Widerstand zu leisten", sagte Voldemort und mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er den Sprechenden Hut in Flammen aufgehen.

Schreie gellten durch das Morgengrauen, und als Neville lichterloh brannte, wie zu Stein erstarrt, unfähig, sich zu rühren. Mit einem Mal brach ein heilloses Durcheinander aus.

Sie hörten einen Tumult von der fernen Grenze des Schulgeländes her, und es klang, als schwärmten Hunderte von Menschen über die Mauern, die außer Sicht waren, und stürmten unter lautem Kriegsgeschrei auf das Schloss zu. Zur selben Zeit kam Grawp um die Ecke des Schlosses herum getrampelt und rief: „HAGGER!" Voldemorts Riesen beantworteten seinen Schrei mit Gebrüll: Sie rannten wie Elefantenbullen auf Grawp zu, dass die Erde erbebte. Dann kam Hufgeklapper, Bogen schwirrten, und plötzlich schossen Pfeile in die Reihe der Todesser, die mit überraschten Schreien auseinanderstoben.

Minerva verlor in dem Gewimmel den Überblick und auch die Sicht auf Potter. Plötzlich sah sie wie Neville mit einer raschen, flüssigen Bewegung den Körperklammer-Fluch abwarf; der lodernde Hut fiel ihm vom Kopf, und aus seinen Tiefen zog er einen silbernen Gegen stand hervor, mit einem glitzernden, rubinbesetzten Griff . Der Hieb der silbernen Klinge war im Gebrüll der heran nahenden Menge, im Lärm der sich aufeinander werfenden Riesen und heranstürmenden Zentauren nicht zu hören, und doch schien er alle Blicke auf sich zu ziehen. Mit einem ein zigen Schlag schnitt Neville der großen Schlange den Kopf ab, der hoch in die Luft wirbelte und in dem Licht schimmerte, das aus der Eingangshalle flutete, und Voldemorts Mund stand offen, und ein Wutschrei entfuhr ihm, den niemand hören konnte, und der Körper der Schlange fiel dumpf auf die Erde zu seinen Füßen -

Und dann drang durch die Schreie und das Gebrüll und das donnernde Gestampfe der kämpfenden Riesen Hagrids Schrei, der lauteste von allen.

„HARRY!", brüllte Hagrid. „HARRY! - WO IST HARRY?"

Es herrschte Chaos. Die angreifenden Zentauren trieben die Todesser auseinander, alle flohen vor den stampfenden Füßen der Riesen, und die herandonnernde Verstärkung, von der keiner wusste, woher sie gekommen war, rückte immer näher. Minerva sah, wie große geflügelte Wesen Volde morts Riesen um die Köpfe flogen, wie Thestrale und der

Hippogreif Seidenschnabel ihnen die Augen auskratzten, während Grawp mit den Fäusten auf sie einschlug und ein trommelte; und nun wurden die Zauberer, die Verteidiger von Hogwarts und Voldemorts Todesser gleichermaßen, zu rück in das Schloss gezwungen. Minerva schoss wahllos Zauber und Flüche gegen jeden Todesser ab, den sie zu Gesicht bekam, und sie brachen zusammen, ohne zu wissen, was oder wer sie getroffen hatte, und die sich zurückziehende Menge trampelte über ihre Körper hinweg.

Es war noch nicht vorüber. Voldemort stand im Zentrum der Schlacht, er schlug und quälte alle, die in seiner Reichweite waren.

Und plötzlich mitten aus dem Chaos heraus tauchte er vor ihr auf. Der dunkle Lord in all seiner Grausamkeit. Ein seltsames dumpfes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es war keine Angst, viel mehr eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber dem, was mit ihr geschah oder geschehen würde. Und zum ersten Mal glaubte sie zu verstehen, wie Severus gleich sein konnte ob er lebte oder starb. Statt vor Angst wie eine paralysierte Maus zu zittern, erhob sie entschlossen den Zauberstab zum Duell. An ihrer Seite erschienen Slughorn und Kingsley, und kalter Hass stand ihnen ins Gesicht geschrieben, während sie sich um ihn herumschlängelten und duckten, außerstande, ihm den letzten Schlag zu versetzen.

Bellatrix lachte übermütig, als Molly Weasleys Fluch unter ihrem ausgestrecktem Arm hindurch rauschte und sie mitten auf die Brust, direkt über dem Herzen traf. Bellatrix' hämisches Grinsen erstarrte. Im selben Moment wandte sich Voldemort von Kingsley, Slughorn und ihr ab und sah entsetzt seine treuste Anhängerin vor seinen Augen fallen. Sein Zorn entlud sich mit der Wucht einer explodierenden Bombe in einem gewaltigen Fluch, der Kingsley, Slughorn und sie nach hinten schleuderte. Sich windend und mit den Armen rudernd, flogen sie durch die Luft. Gleich darauf hob Voldemort seinen Zauberstab und richtete ihn auf Molly Weasley.

Protego!", brüllte jemand und ein Schildzauber breitete sich in der Mitte der Halle aus, und Voldemort starrte umher auf der Suche nach dem Urheber, als Potter sich den Tarnumhang vom Körper herunterriss. Minerva starrte ungläubig auf den Totgeglaubten. Wie konnte das sein?

Der Schreckensschrei, der Jubel, die Rufe von allen Sei ten - „Harry!", „ER LEBT!" -, sie erstarben auf der Stelle. Die Menge hatte Angst, und schlagartig trat vollkommene Stille ein, als Voldemort und Harry sich ansahen und im selben Moment begannen, im Kreis umeinander herumzuge hen.

„Ich will keine Hilfe von irgendjemandem", sagte Potter laut und in der absoluten Stille trug seine Stimme wie ein Trompetensignal. „Es muss so sein. Ich muss es selber tun."

Und so begannen sie einander zu umkreisen. Atemlos verfolgte sie ihren Kampf. Einen Kampf den Harry im Grunde nicht gewinnen konnte. Als Voldemort fiel, konnte sie ihren Augen nicht trauen, geschweige denn das Wunder glauben, das sich vor ihnen ereignet hat.

Die Sonne ging stetig über Hogwarts auf, und die Große Halle glühte vor Leben und Licht.

Irgendwo in der Ferne konnte sie Peeves durch die Korri dore sausen und ein selbst verfasstes Siegeslied singen hören:

Wir harn sie vermöbelt, Klein Potter, der war's, Und Voldy, der modert, und wir harn jetzt Spaß!

Minerva stellte die Haustische wieder auf, sie wusste nicht genau warum sie es tat, wahrscheinlich nur um irgendetwas zu tun.

Sie sah wie durch einen Schleier Neville, der das Schwert von Gryffindor neben seinem Teller liegen hatte, während er aß, inmitten einer Traube von glühenden Bewunderern. Ihr Blick fiel auf die drei Malfoys, die sich eng aneinander drängten, als wären sie nicht sicher, ob sie hier erwünscht waren, aber niemand achtete auf sie. Wo immer sie hinschaute, sah sie wiedervereinte Familien. Ihr Anblick schmerzte sie am meisten, denn sie dachte an die vielen Toten, die nie wieder zu ihrer Familie zurückkehren konnten. Und Severus, besonders an Severus, der wahrscheinlich noch nicht einmal eine hatte. Sie sah sich um. Niemandem war aufgefallen, dass sie gut dreißig Jahre jünger geworden war, es würde auch niemandem auffallen, wenn sie verschwand. Und selbst wenn, was spielte es für eine Rolle?

Sie ging durch die Menge von sich umarmenden halb lachenden, halbweinenden Menschen auf das Portal zu. Vor ihr lag das Schulelände völlig verlassen in einen von goldenem Licht erleuchteten Nebel gehüllt. Mit gleichmäßigen Schritten ging sie über das feuchte Gras vorbei an Mauerresten und verkohlten Trümmerstücken. Ihr Haar hatte sich gelöst und fiel ihr glatt über den zerfetzten Umhang. Sie musste ihre Brille irgendwo im Kampf verloren haben. Sie brauchte sie ohnehin nicht mehr. Ohne weiter darüber nachzudenken steuerte sie auf den verbotenen Wald zu und drang immer tiefer in das Gehölz ein. Es schien fast so als hätte sich sie Nachricht von Voldemorts Niedergang hier noch nicht verbreitet, denn es schien als sei sie das einzige lebende Wesen, das sich hinaus wagte. Ihre Schritte durchbrachen knackend die Stille, während sie ihren Weg fortsetzte.

Sie war eine ganze Weile gelaufen war, als sie aus dem Wald heraustrat und vor der heulenden Hütte stand. Ihr bewusst wurde, dass sie von Anfang an ihr Ziel gewesen war. Sie blicke zu dem windschiefen Dach auf, dem der Großteil seiner Schindeln fehlte. Die klaffenden Löcher sahen aus wie das Maul eines nahezu zahnlosen Ungeheuers. Und sie wusste, dass Severus hier seinen Tod gefunden hatte. Entschlossen riss sie das Brett von der vernagelten Tür und trat ein. Der Raum war kalt und staubig und in der Luft lag der Gestank von geronnenem Blut. Vorsichtig erklomm sie die morsche Treppe und trat ins obere Stockwerk. Da lag er. Ein Lichtstrahl fiel durch einen Spalt des morschen Fensterladens auf sein Gesicht, auf dem noch immer Entsetzten und Überraschung standen. Severus Kopf war von seinem schwarzen, mit Blut verkrusteten Haar umrahmt. Er hatte eine Hand an seinen zerfetzten Hals gelegt, als wollte er seine Wunde nur mit ihrer Hilfe verschließen. Der schwarze Mantel lag um ihn ausgebreitet, wie ein Paar gebrochener Flügel.

Minerva sah lange auf ihnen herab, wie er da lag einsam und verlassen. Dann, ganz langsam, beugte sie sich zu ihm herunter und setzte sich neben seinen toten Körper. Vorsichtig als wäre er ein Kind wiegte sie seinen Kopf in ihrem Schoß. Nach einer Weile begann sie zu weinen. Heiße Tränen rannen ihr zunächst langsam, dann immer schneller über die Wangen.

Nach einer Ewigkeit erhob sie sich langsam und zog ihren Zauberstab.

„Mobilcorpus" flüsterte sie und sein Leichnam erhob sich sanft in die Luft. Sie ließ ihn neben sich her aus der Hütte schweben und legte ihn draußen auf dem feuchten Gras ab. Sie vollführte eine komplizierte Bewegung mit ihrem Zauberstab und Augenblicklich grub sich ein tiefes Loch in die Grasnarbe. Vorsichtig lies sie Snapes Körper auf dessen Boden sinken und beugte sich hinab, um seine Augen zu schließen und seine Hände zu falten. Sie nahm seinen Zauberstab und legte ihn in seine Hände. Eine Weile stand sie regungslos, das tränenbenetzte Gesicht zur aufgehenden Sonne gerichtet, auf der nebligen Wiese und starrte in die Ferne. Es war ein milder Junimorgen. Die Vögel hatten wieder begonnen zu singen und das durch einen feinen Wolkenschleier fallende Sonnenlicht wärmte sie allmählich. Die Tränen versiegten und sie richtete sich unwillkürlich auf.

Minerva, was auch immer geschieht. Versprich, dass du nicht aufgibst!"

Sie wusste, er hatte nicht nur die Schlacht gemeint, nicht nur den Jungen, sondern auch sie selbst. Sie beschwor einen Schwall Erde herauf, der in einem Schwung das Grab auffüllte. Und als sein Gesicht mehr und mehr von Erde bedeckt wurde, wusste sie, dass dies endgültig ihr Abschied war. Als die Erde fertig aufgeschüttet war, zog sie ihren Zauberstab und beschwor ein kleines Blumenbeet herauf, das sich duftend über dem Grabhügel ausbreitete. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich und mit dem nächsten Schwung ihres Zauberstabes, der in einer komplizierten Bewegung durch die Luft zuckte, stieß ein Baum aus dem Erdreich hervor und rankte sich immer schneller wachsend der Sonne entgegen. Die Schwarzerle schien ihre Äste schützend über dem Grab auszustrecken und warf einen Schatten darauf.

Dann lies sie ein letztes Mal ihren Zauberstab durch die Luft kreisen und ein großer Grabstein, aus glatt poliertem schwarzen Marmor erschien am Ende des Beetes. Sie lächelte für einen kurzen Moment ganz leicht und dachte: Wenn, dann mit Stil, nicht wahr, Severus?

Mit ihrem Zauberstab gravierte sie in goldenen Lettern die folgenden Worte in den Stein:

Hier ruht Severus Snape

09.01.1960 – 15.06.1998

Ein Held im Verborgenen,

loyal bis in den Tod.

Es war alles getan, alles was sie tun konnte war getan. Minerva blieb noch eine Weile an seinem Grab stehen, dann wandte sie sich zögernd ab und ging denselben Weg zurück den sie gekommen war. Doch sie hatte das Gefühl, dass nicht dieselbe Frau diesen Weg beschritt und dass sie nie wieder dieselbe sein würde.

Es war ein befremdliches Gefühl wieder durch das Schloss zu gehen. An den teilnahmslosen Minen vieler ihrer Schüler konnte sie sehen, dass viele sie nicht wieder erkannten. Im Schloss hatte sich noch lange keine Normalität eingestellt. Die meisten Schüler waren sofort zu ihren Eltern nach Hause zurückgekehrt und das Schloss war zum größten Teil noch vor den Sommerferien verweist. Minerva lenkte sich von der Leere in ihr ab, in dem sie sich in den Wiederaufbau des Schlosses stürzte. Es hatte schlimmer Schaden genommen als sie es sich je hatte vorstellen können. Nicht nur, dass seine immer unüberwindbar erscheinenden Mauern an unzähligen Stellen gerissen, gebrochen und zerborsten waren, nein was sie vielmehr beunruhigte war die Tatsache, dass auch die vielen Zauberbanne und Schutzschilder der Schule Voldemort nicht hatten fernhalten können. Sie hatte über so viele Jahre ihre Sicherheit in diesem Schloss als viel zu selbstverständlich hingenommen. In diese und noch viele andere Gedanken vertieft, wäre sie um ein Haar in eine Schülerin hineingerannt. Als sie aufblickte erkannte sie, dass es Angelina Johnson war, die sie für einen Augenblick erstaunt musterte.

„Professor McGonagall?", fragte sie vorsichtig.

Ein Lächeln huschte über Minervas Gesicht, wenigstens eine, die sie wieder erkannte.

„Ja, Miss Johnson. Es freut mich sie wohlbehalten zu sehen.", antwortete sie.

Angelina sah sie verwirrt an, dann sagte sie unsicher: „Sie sehen verändert aus."

Minerva nickte. „Das ist eine sehr lange Geschichte.", erklärte sie in einem Ton der deutlich machte, dass sie nicht vorhatte sie jetzt zu erzählen.

Angelina nickte. „Es hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass Sie eine Weile für Tod erklärt waren, nicht war?"

Minerva nickte erneut. Angelina sah aus, als würden ihr tausende Fragen auf der Zunge brennen, doch sie hielt sich zurück. Stattdessen fragte sie:

„Professor, wissen sie was mit Professor Snape geschehen ist? Er war nicht unter den …" Sie stockt für einen Augenblick, dann fuhr sie fort „Leichen in der Halle."

Minerva sah sie aufmerksam an, sie war die erste Person, die diese Frage stellte. Dankbar blickte sie auf ihre Schülerin und erwiderte: „Sein Grab liegt direkt neben der heulenden Hütte in Hogsmeade, wo er gestorben ist. Miss Johnson."

Es war ein seltsames Gefühl es auszusprechen und machte Severus Tod endgültig zur harten, kalten Realität.

Angelina nickt und sie gingen weiter getrennte Wege.

Minerva war froh, dass das Mädchen nicht genauer nachgehakt hatte. Es hatte sie Stunden gekostet die ganze Geschichte Flitwick und Pamona zu erklären. Wobei sie natürlich ein paar Details ausgespart hatte. Sie hoffte, dass sich die Geschichte stückchenweise in der Schule verbreiten würde und so all die bohrenden Fragen aufhören würden.

Es war, als würden Minervas Füße sich verselbstständigen und sie, einer willenlosen Puppe gleich, durch die Schule tragen. Sie ließ sich einfach durch die verlassenen und zum Teil noch immer völlig zerstörten Korridore treiben. Mit einem Mal fand sie sich in den Kerkern wieder. Sie stand vor dem Eingang zu Snapes Wohnräumen. Der Schutzzauber, der sie verschlossen gehalten hatte, war mit Severus Tod außer Kraft getreten und die Tür war nur angelehnt. Vorsichtig spähte sie hinein. Alles war noch genauso, wie damals als sie zu ihm gekommen war um Leglimentik zu lernen. Sie erwartete fast ihn an seinem Schreibtisch über einige Pergamentrollen gebeugt sitzen zu sehen. Die Erinnerung an ihren Streit hier flammte schmerzhaft wieder in ihr auf. Sie schob die Tür auf und betrat den Raum. Auf dem Schreibtisch stand ins Schummerlicht der phosphorisierenden Tiere in den Gläsern an der Wand getaucht sein Denkarium. Langsam und zögernd ging sie darauf zu. Er hatte ihr nie viel von sich preisgegeben, doch hatte er auf der anderen Seite auch kaum eine Gelegenheit dazu bekommen. Und nun lag sie vor ihr, die Gelegenheit Antworten auf all ihre Fragen zu erhalten. Mit einem weiteren entschlossenen Schritt trat sie an den Schreibtisch und umfasste die Schale zu beiden Seiten mit den Händen und tauchte ein in die silbrig wabernde Flüssigkeit aus Licht.

Ende

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