Bei Kerima trat Lisa ein wenig kürzer. Seit sie sich bewusst für das Kind entschieden hatte, wollte sie auch gut darauf achten, was da in ihr heranwuchs. Leider plagten sie noch ab und an Übelkeitsanfälle, doch sie wurden weniger. Eines Morgens saß sie auf einem der Hocker am Catering, trank einen Tee und besprach mit Melanie den Terminplan für den Tag.

Max Petersen kam auf sie zu und stellte sich zu ihnen. Helga stellte ihm einen Becher mit Kaffee hin und machte sich dann wieder daran, die Schnittchen für das Mittagessen zu schmieren.

"Du, Lisa, ich brauche die Liste mit den Models für die nächste Präsentation. Hugo meinte, die hättest du?"

"Ja, die ist in meinem Büro. Ich hol sie schnell."

Doch als Lisa aufstehen wollte, wurde ihr schwindelig. Sie hielt sich am Tresen fest und schloss ihre Augen, um das Schwindelgefühl wieder loszuwerden. Besorgt stützen Max und Melanie sie.

"Frau Plenske, ist Ihnen nicht gut?" wollte Melanie wissen.

"Doch, doch", versicherte Lisa. "Es geht schon wieder. Aber könnten Sie vielleicht die Liste aus meinem Büro holen, Frau Förster? Sie liegt auf meinem Schreibtisch."

"Natürlich", antwortete Melanie und lief eilig in Lisas Büro. Sie ging zu Lisas Schreibtisch und durchsuchte die Ablage. Dabei stieß sie an Lisas Terminkalender, der darauf lag und zu Boden fiel. Sämtliche losen Zettelchen verteilten sich in einem bunten Haufen auf Lisas Bürofußboden. Melanie beeilte sich, alles wieder aufzusammeln und zurück zu stecken. Sie müsste ihrer Chefin wohl beichten, dass ihr der Kalender - doch was war das? Ein Ultraschallbild? Und daran geheftet ein Mutterschaftspass. Melanie wurde so einiges klar. Lisa Plenske musste schwanger sein. Die Übelkeit und Müdigkeit der letzten Wochen ließ sich damit erklären und auch Lisas Stimmungsschwankungen. Und dann der Termin beim Frauenarzt vor ein paar Tagen... Die Puzzleteile setzten sich zu einem großen Bild zusammen. Jetzt hieß es erstmal schnell die Liste zu Herrn Petersen bringen. Melanie legte alles so hin, wie sie es vorgefunden hatte und eilte aus dem Büro, Liste in der Hand. Die drückte sie dann Max in die Hand und setzte sich leicht aufgeregt wieder neben Lisa.

"Danke, Frau Förster. Wenn Sie nichts mehr mit mir zu besprechen haben, dann war's das erst mal."

Melanie überlegte kurz, konnte sich aber nicht dazu überwinden, Lisa auf deren Schwangerschaft anzusprechen. "Nein, nichts mehr."

"Gut, dann bis nachher."

"Ja, ich kümmer' mich dann mal um die Post."

Lisa nickte und blieb noch ein bisschen sitzen. Der Schwindelanfall von eben hatte sie ein wenig beunruhigt. Zum Glück war Helga nicht da gewesen, um das zu sehen. Lisa hatte ihren Eltern noch nichts von ihrer Schwangerschaft erzählt. Sie wusste nicht, wie sie davon hätte anfangen sollen.

Mit einem 'Bing' öffneten sich die Fahrstuhltüren und von weitem hörte Lisa schon ihren Vater "Guten Morgen, Schnattchen!" rufen. Schon war er neben ihr und begrüßte seine einzige Tochter mit einem Kuss auf die Wange.

"Hallo, Papa"; lächele Lisa.

Helga reichte ihm einen Kaffee und lehnte sich über den Tresen, um ihm einen Kuss zu geben. "Na, Bärchen, wo kommst du denn her?"

"Das will ich euch sagen, will ich. Ich komme gerade von den Seidels. Und wen seh ich da im Wohnzimmer auf der Couch sitzen, einfach ins Nichts starrend? David. Dein David, Schnattchen."

"Papa, er ist nicht mehr mein David."

"Ja, und das ist ja ooch das Problem, nich? Der leidet wie'n Hund, Schnattchen, seit du ihn verlassen hast, wie'n Hund leidet der."

"Papa..."

"Ach, der Herr Kowalski!" rief Bernd nun wieder aus.

Lisa drehte sich um und sah, dass Rokko auf dem Weg zum Catering war, allerdings in seiner Bewegung innehielt, als er sie dort sitzen sah.

"Ja, also, ich muss dann wieder arbeiten. Bis dann, Papa", verabschiedete sich Lisa schnell und verschwand um die nächste Ecke. Sie konnte Rokkos Nähe immer noch nicht ertragen. Und sie hatte Angst, dass er wieder durch sie hindurch sehen und erkennen würde, dass sie etwas vor ihm geheim hielt. Außerdem schien er selbst auch nicht unbedingt daran interessiert, sie öfter als nötig zu sehen.

"Oder ha'm sie wieder wat damit zu tun, dass die Lisa den armen Seidel-Jungen so alleine lässt?"

Bernd blitze Rokko, der mittlerweile vor ihm stand, drohend an.

"Aber, Bernd, der Herr Kowalski ist doch mit der Frau Förster verlobt."

"Ach, das ging ja schnell."

"Ja und um die kümmere ich mich jetzt, damit sie mich nicht auch einen Tag vor der Hochzeit sitzen lässt! Guten Tag!"

Rokko ging kopfschüttelnd davon und ließ einen erstaunten Bernd zurück. Er wusste nicht, woher Bernd Plenskes dauerndes Misstrauen gegen ihn kam. Aber das konnte ihm jetzt auch egal sein. Lisa war Geschichte und somit auch ihr Vater. Rokko ging geradewegs zu Melanie, bemühte sich ein strahlendes Gesicht aufzusetzen und nahm ihre Hand.

"Komm, mein Schatz, lass uns einen kleinen Ausflug machen?"

"Jetzt?" Melanie war etwas überrumpelt.

"Ja, jetzt. Komm. Die Sonne scheint und die Vöglein zwitschern. Den Brief kannst du auch noch nachher tippen."

"Okay", lächelte Melanie und gab ihm einen Kuss, bevor sie ihre Strickjacke schnappte und an Rokkos Hand Kerima für einen kleinen Ausflug verließ. Sie gingen ein Stück den Landwehrkanal entlang und blieben dann irgendwann auf einer der kleinen Brücken stehen, um den Ausflugsdampfern zuzusehen. Rokko schlang seine Arme von hinten um Melanies Hüften und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Melanie legte ihre Hände auf seine und kuschelte sich eng an ihn.

"Mmmhh, das war eine gute Idee von dir", lächelte Melanie. "Das ist gut, um Gedanken zu ordnen."

"Was geht dir denn durch den Kopf, mein Schatz?" fragte Rokko und Melanie spürte, wie er in ihre Haare lächelte.

"Du, ich hab dir doch erzählt, dass ich mir Sorgen um Lisa mache, weil sie immer so müde aussah. Ich glaube, sie ist schwanger."

Rokkos Lächeln verschwand sofort aus seinem Gesicht. Er räusperte sich und wollte gerade etwas sagen, aber Melanie sprach schon weiter. "Und es passt alles so gut zusammen: ihr war schlecht, sie war oft müde, dann kam der Anruf zur Terminbestätigung beim Frauenarzt... und heute ist mir ihr Terminkalender runter gefallen - ich hab ein Ultraschallbild gesehen und den Mutterpass. Demnach ist sie in der 7. Woche. Und wenn ich darüber nachdenke, dann ist sie seit etwa 6 Wochen so komisch und-."

"Melanie, lass uns doch lieber über die Hochzeit reden, hm?" fragte Rokko merklich gereizt. Er hatte seine Arme weggezogen und sah Melanie nun direkt an.

„Ok!" Melanie sah ihn verwundert an. Die Hochzeitsvorbereitungen waren, dafür, dass die Hochzeit erst am 16. Oktober stattfinden sollte, schon sehr weit und zum jetzigen Zeitpunkt war alles getan. „Ach ja, meine Mutter wollte noch wissen, wann wir den Polterabend machen wollen. Am Tag vor der Hochzeit oder früher. Also, mir wäre früher lieber. Meine Freundinnen wollen am Abend vorher noch mal mit mir um die Häuser ziehen." Sie grinste ihn an. „Und Du willst doch sicher auch noch mal ordentlich einen drauf machen, bevor ich Dir für immer Ketten anlege, oder?" sie sah ihn liebevoll an. Bei dem Wort Polterabend war Rokkos Stimmung am Nullpunkt angekommen. „Polterabend? Das höre ich ja zum ersten Mal! Nee, Du! Jungesellenabschied ist ok, aber ich werde nicht auf einen Polterabend kommen. Wenn ihr das machen wollt, dann aber ohne Bräutigam!" Er sah Melanie aufgebracht an. Melanie war bei seinen Worten erschrocken. So, fast schon böse, hatte sie ihn noch nie erlebt. „Aber….das gehört doch dazu. Was hast du denn dagegen?" fragte sie vorsichtig. Als Rokko merkte, dass er Melanie erschreckt hatte, versuchte er zu lächeln, auch wenn es ihm nicht ganz gelang. „Entschuldige! Das war nicht so gemeint. Ich finde diesen Brauch nun mal nicht so toll und kann wirklich gut darauf verzichten." Er zog sie an der Hand an sich. Melanie lächelte immer noch etwas zaghaft, kuschelte sich aber wieder an ihn. „Schade, kannst Du nicht noch mal darüber nachdenken?" sie sah zu ihm hoch. „Nein, die Entscheidung ist gefallen. Sei mir bitte nicht böse. Ich erklär dir das wann anders, ok?" er grinste sie wieder an, doch seine Augen blieben ausdruckslos. Melanie sah auf ihre Uhr. „Oh, ich muss wieder, sonst wird die Plenske noch sauer!" sie gab ihm einen schnellen Kuss. „Kommst Du mit?" Rokko war bei der Erwähnung von Lisas Namen leicht zusammengezuckt, fing sich aber schnell wieder. „Nee, ich geh heim. Sehen wir uns später?" Melanie war schon einige Schritte entfernt und rief ihm zu: „Nein, ich treff' mich doch mit Hanna und Timo in der Tikki. Komm doch gegen 20 Uhr da hin." Rokko schüttelte nur den Kopf und rief ihr noch „Bis morgen" hinterher. Melanie ging zügig zurück zu Kerima. Im Geiste ließ sie das Gespräch noch mal Revue passieren. Irgendetwas quält ihn, wenn ich nur wüsste was!

Rokko sah Melanie hinterher. Er fühlte sich, als ob ihm seine Zukunft davonlief und er ihr nicht mehr hinterherkam, während seine Vergangenheit immer mehr aufholte und ihn zu überrennen drohte. Als Melanie nur noch als winziger Punkt in der Ferne zu sehen war, stützte er die Ellenbogen auf das Brückengeländer und vergrub sein Gesicht in den Händen. Ihm war sofort, als Melanie ihm von Lisas Schwangerschaft erzählt hatte, klar gewesen, dass es sich nur um sein Kind handeln konnte. Lisa hatte ihm ja bei ihrem Besäufnis sogar noch erzählt, dass sexuell zwischen ihr und David schon länger nichts mehr lief und er hatte von Jürgen erfahren, dass sie noch am Tag ihrer Rückkehr aus London bei den Seidels ausgezogen war. David schied also mit Sicherheit als Vater aus und ein anderer? Aber auch diese Möglichkeit schloss Rokko aus. Warum konnte er nicht sagen. Er wusste einfach, dass nur er der Vater sein konnte. Und Lisa wollte das Kind ja wohl bekommen, sonst würde sie nicht überall ein Ultraschallbild mit sich herumtragen. Sie liebt mich wohl wirklich! Und ich? Was fühle ich? Nach London hatte er Lisa verabscheut und sich selbst dafür gehasst, dass er wieder soviel Nähe zu ihr zugelassen hatte.

Die Nacht, diese einzige Nacht, hatte er ganz weit in seinem Inneren verschlossen. Zu weit, um täglich daran erinnert zu werden, aber, wenn er ehrlich war, doch viel zu nah an seinem Herzen. Lisa ging ihm immer noch unter die Haut. Er hatte gedacht, dass er emotional mit Lisa fertig war, doch sie war immer noch die faszinierendste Frau, die er kannte. Aber Du hast mir zwei Mal das Herz gebrochen. Kann ich dir je wieder blind trauen? Aber habe ich eine Wahl? Du bekommst mein Kind! Als er wieder aufsah, war es dunkel geworden. Weiterhin tief in Gedanken versunken machte er sich auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen ging er als erstes zu Hugo ins Atelier. Hugo stand glücklicherweise allein an seinem Zeichentisch. „Bonjour, Monsieur Kowalski! Was treibt sie so früh zu mir? Oder suchen sie den neuen Stern am Modehimmel, Hanna?" „Nein, ich wollte zu Ihnen, Herr Haas. Erinnern sie sich noch an unser Gespräch über gebrochene Herzen?" Rokko sah ihn gespannt an. „Bien sûr!" Hugo blickte ihn mit einer Mischung aus Neugier und Überraschung an. „Sie haben damals gesagt, dass nicht jeder dazu fähig ist, ein gebrochenes Herz wieder zu flicken. Wer, kann es denn ihrer Meinung nach?" „Oh, mon ami! Mir hat meine Erfahrung gezeigt, dass ein gebrochenes Herz am besten heilt, wenn derjenige, der es gebrochen hat, es wieder zusammensetzt. Alles andere ist nur Flickwerk, dass sich vielleicht zuerst ganz anfühlt, doch die Risse bleiben." Hugo sah auf seinen Zeichenblock. Leise sprach er weiter. „Und irgendwann bricht es wieder, denn ein Herz vergisst nie!" Rokko sah zu Boden. Er flüsterte ein schnelles „Danke" und verließ das Atelier.