Blutige Nächte
Fanfiction von Slytherene
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Hallo, meine Lieben,
erst einmal herzlichen Dank für Eure Reviews, wobei ich gar nicht weiß, ob ich sie alle beantwortet habe, weil ich hier schon eine Weile nicht mehr hochgeladen habe. Nach der Kanada-Pause wollte ich erst einmal „Frühlingserwachen" abschließen, und „Tage des Raben" ist ja auch fertig geworden. Ich war also sehr fleißig. Aber jetzt geht es endlich auch hier weiter.
Besondere Grüße gehen an meine Betaleserinnen „The Virginian" für heftig nützliche grüne Kommentare, und an Textehexe für sweetest pink.
Kurze Zusammenfassung der letzten Kapitel (mein Standardservice nach längeren Pausen ;-))
Ihr erinnert Euch, Remus ist das Opfer eines ziemlich fiesen Komplotts geworden: Man hat ihn nach Askaban gebracht und versucht, ihn zu zwingen, den Opa von Alicia Spinnet zu töten. Doch auch wenn ihm die letzte Portion Wolfbann fehlte, war Snapes Trank offenbar stark genug, um zu verhindern, dass Remus gegen seinen Willen jemanden umbringt. Leider hat sich Remus nicht daran erinnert, dass er NICHT getötet hat. Als der Prozess, der auch nur auf internationale Intervention hin mühsam überhaupt zustande kam, gänzlich schief zu laufen droht, weil das Antidot, das Snape gegen das Veritaserum gebraut hat, nicht wirkt, betritt eine neue Figur die Bühne:
Claudia Mantovani, Marinas Veela-Schwester. Ihre Aussage rettet Remus das Leben. Aber wird all die Mühe reichen, dem werwolffeindlichen Gamot ein gerechtes Urteil abzuringen?
Spannende Unterhaltung!
Musicus:
Deep Puple: Strange kind of woman
und
Simon & Garfunkel: Old friends
11. Freispruch und Versuchung
Das Licht im Denkarium erlosch, und Mantovani nahm ihren Gedanken wieder an sich. Dann wandte sie sich an den Vorsitzenden des Gamot.
„Benötigen Sie meine Anwesenheit noch? Ich habe Arbeit zu tun in Rom."
„Sie sind als Zeugin entlassen, Mrs. Mantovani", sagte der Schnurrbart und sank sichtlich auf seinem Sitz zusammen.
Die Veela nickte und verließ den Saal, nicht ohne dem alten Magier des Wächterrats zuzunicken.
Der schnurrbärtige Zauberer ergriff das Wort: „Auroren. Bitte nehmen Sie sich des Zeugen Dawlish an. Mr. Dawlish, Sie sind verhaftet wegen des Mordes an Thievius Spinnet und wegen Irreführung des Gerichts."
Dawlish hatte seinen Stab gezogen und drehte sich jetzt im Kreis wie ein in die Enge gedrängtes Raubtier.
„Expelliarmus!"
Kingsley Shacklebolts tiefe Stimme dröhnte durch den Saal. Nachdem Dawlish entwaffnet war, nahmen seine ehemaligen Kollegen ihn in die Mitte und führten ihn hinaus. Im Gerichtssaal herrschte zunächst Grabesstille, dann erhob sich ein Murmeln und aufgeregtes Tuscheln. Der Prozess hatte mit Mantovanis Aussage und dem, was sie im Denkarium enthüllt hatte, einen von den meisten Zuschauern gänzlich unerwarteten Verlauf genommen.
Die Stimme des Schurrbärtigen, müde und entnervt, klang über die Köpfe der Tuschelnden hinweg.
„Lassen Sie uns dieses Verfahren jetzt bitte zu einem Abschluss bringen. Angeklagter, haben Sie noch etwas zu sagen?"
Remus schüttelte den Kopf. Nein, es gab nichts mehr, was er der Öffentlichkeit noch mitzuteilen wünschte.
„Gut. Da der erste Anklagepunkt fallen gelassen wurde, bitte ich nun den Gamot, über den zweiten zu entscheiden. Ist der Angeklagte, Remus John Lupin, schuldig des Mordes an Thievius Spinnet? Wer davon ausgeht, erhebe bitte eine Hand."
Niemand aus der hundertköpfigen Richterschar regte sich.
„Die Gegenprobe?"
Es waren weit mehr als zwei Drittel der Richter.
„Remus Lupin, hinsichtlich dieses Anklagepunktes sind Sie unschuldig."
„Merlin sei Dank", hörte Remus Gianni Nero Don Giovanni murmeln. Der Advocatus lykantrophius wirkte völlig derangiert.
„Bleibt noch Ihr Verstoß gegen den Erlass vom 27. Juli. Hätten Sie sich rechtzeitig in die Obhut des Ministeriums begeben, wäre es nicht zu diesem Verfahren gekommen, Mr. Lupin. Sie hätten sich und dem Ministerium all das ersparen können. Sie haben dieses Versäumnis quasi eingestanden. Ich frage den Wizzen Gamot, ob er den Angeklagten des Verstoßes gegen den vorgenannten Erlass für schuldig befindet."
Auch diesmal hob sich eine deutliche Mehrheit der Hände.
Der Vorsitzende tupfte sich mit einem Seidentuch den Schweiß von der Stirn und fuhr fort: „Sonorus! Remus Lupin, Werwolf, nach mehrheitlicher Entscheidung des Wizzen Gamot, getroffen in der Sitzung vom… - Arthur, bitte setzen Sie das heutige Datum ein, das mir entfallen ist, - verurteile ich Sie zu einer sechsmonatigen Haft in Askaban."
„Oh nein", flüsterte Remus beinahe tonlos. Nur nicht zurück in diese Hölle. Sechs Monate Askaban kamen einem Todesurteil nahe.
„Da Sie einen Teil dieser Strafe bereits in der Untersuchungshaft verbüßt haben und ich zugeben muss, dass in Ihrem Fall auch erhebliche Verfehlungen der Exekutive vorliegen, wandle ich den Rest der Haftstrafe, dies sind fünf Monate und drei Tage, in eine Geldstrafe in Höhe von eintausend Galeonen um. Ich bin sicher, das Haus Bertucci wird angesichts einer solch bedeutungslosen Summe nicht auf den Verteidigungslehrer seiner Töchter verzichten wollen, und Sie können diese Schuld dort abtragen. Weiterhin lasse ich Ihren britischen Pass einziehen und verweise Sie des Landes. Sie haben Großbritannien mit einer Frist von einem Monat zu verlassen. Hiermit erkläre ich Sie zur Persona non grata. Nicht auszudenken, wenn die Exekutive sich noch einmal die Finger an Ihnen beschmutzen würde. Suchen Sie sich eine neue Heimat, die Lykantrophen gegenüber nachlässiger ist. Sollten Sie diese Auflagen nicht erfüllen, müssen Sie die Haftstrafe in Askaban doch antreten. Und jetzt verlassen Sie umgehend diesen Gerichtssaal, Sie sind frei. Jemand soll mir etwas zu trinken bringen. Finite incantatem."
Die Ketten an Remus' Armen erschlafften und fielen rasselnd zu Boden. Der Advocatus stürzte auf ihn zu, riss ihn vom Stuhl hoch und zog ihn in eine Umarmung.
„Moony, oh Merlin, Moony", flüsterte er an seinem Ohr. „Ich dachte schon, wir schaffen es nicht."
Remus schloss die Augen und ließ sich gegen Sirius sinken. Sein Freund war jetzt nah genug, dass er ihn am Geruch erkennen konnte.
„Herzlichen Glückwunsch, Remus." Arthur war zu ihnen getreten. „Mr. Nero Don Giovanni, ich bin beauftragt die Summe von eintausend Galeonen für das Ministerium zu kassieren. Werden Sie die Summe im Auftrage der Familie Bertucci anweisen? Man wird Mr. Lupin dann freilassen, sobald das Gold in Gringotts eingegangen ist."
„Wie bitte?" fragte Sirius, und ihm fehlte jetzt jeder Hauch eines italienischen Akzents.
„Hier sind sehr viele Auroren, die Mr. Lupin, Ihren Mandanten, gleich mitnehmen werden und alles genau beobachten", sagte Arthur warnend und blickte sich nervös um. „Die Auflage muss erfüllt werden, sonst wird die Strafe vollstreckt."
Remus war sich in diesem Moment sicher: Arthur wusste, dass Sirius unter der Maske des Anwalts steckte, und er wusste auch, dass nicht viel dazu gehörte, ihn jetzt die Contenance verlieren zu lassen.
„Ich werde mich im Auftrage meines Vaters selbst darum kümmern", sagte eine sanfte Stimme, und Marina tauchte neben Sirius auf.
Sie trat mit Artur zur Seite.
„Akzeptieren Sie Kreditkarten?" hörte Remus sie mit süß klingendem Tonfall fragen.
Sirius wirbelte herum. „Miss Bertucci, bitte, nicht hier!" rief er, und der Advocatus war wieder präsent.
„Keine Tricks, um Merlins Willen", raunte er Marina zu.
„Soviel Gold habe selbst ich nicht bei mir", fauchte sie ihn an. „Wollen Sie, dass die ihn wieder mitnehmen?"
Sie wies auf die Auroren, die nicht weit von ihnen standen und jetzt versuchten, mit drei Dementoren im Schlepptau auf sie zuzugehen. Doch die Horde der jungen Journalisten um Fleur Delacour versperrte ihnen den Weg, und als die Männer des Ministeriums sich endlich durch die Fotografen gedrängt hatten, tauchte die Sekretärin des Präsidenten vom Wächterrat wieder auf, und die Dementoren zogen sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit in den dunklen Gang zurück.
„Wir kümmern uns darum", hörte Remus die Stimme von Minerva McGonagall. Sie trat zu Arthur. „Ich schreibe einen Barscheck aus auf das bei Gringotts hinterlegte Vermögen von Hogwarts."
„Tut mir Leid, Minerva, den darf ich nicht akzeptieren", erwiderte Arthur, was ihm sichtlich unangenehm war. „Leider ist die Vorgabe, dass eine Barzahlung zu erfolgen hat."
„Gestatten Sie, dass der Wächterrat der Familie Bertucci einen Kredit anbietet – oder dem Orden?" fragte eine sonore Stimme, und als Remus sich umdrehte, stand der alte Magier mit dem ungewöhnlichen Patronus vor ihm. Er stützte sich auf seinen langen, knorrigen Stab und hielt einen Lederbeutel in der Hand. „Auf Reisen ist man zumeist für solche Eventualitäten besser gerüstet, und die Finanztöpfe in Brüssel sind stets gut gefüllt."
„Ich zeichne Ihnen den Schuldschein gegen", sagte Marina sofort.
„Das Wort der dunklen Tochter von Luccia Bertucci reicht mir völlig aus", erwiderte der Alte.
Marina entgleiste nur für einen Wimpernschlag ihr sonst so kontrolliertes Mienenspiel, sie fing sich jedoch sofort wieder und deutete eine Verbeugung an.
„Ich werde meine Mutter gerne grüßen, Präsident Pettersson."
Remus riss erstaunt die Augen auf und betrachtete den alten Zauberer noch einmal. Jetzt wurde ihm bewusst, warum ihm die freundlichen blauen Augen so vertraut erschienen waren. Dies hier musste Ingers Vater sein. Kein Wunder, dass ihre Affäre mit einem Werwolf nicht gerne gesehen wurde. Marina, die ebenfalls von altem Blut war, hatte ihm das mehr als deutlich gemacht. Inger stammte vermutlich aus einer Familie, die seit Generationen nur Wächter und Politiker hervor gebracht hatte. Remus war mehr als froh, sie nicht im Rahmen des Prozesses öffentlich diskreditiert zu haben.
„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll", brachte er jetzt mühsam hervor.
„Sie haben die Schulden bei mir, Remus John Lupin, Werwolf", imitierte Marina Umbridge so treffend, dass es Remus eine Gänsehaut bereitete und Sirius bleich wurde.
Pettersson lächelte milde, dann wandte er sich um.
„Minerva, welch eine Freunde!" begrüßte er die Lehrerin für Verwandlung. „Wie geht es Ihnen? Und Albus?"
„Entschuldigt mich", sagte Remus.
Er löste sich von der Gruppe des Ordens, ging alleine quer durch den Saal, zwischen den Richtern des Wizzen Gamot hindurch, die noch vor ihrer Tribüne standen und plauderten oder diskutierten und ihm durchwegs auswichen, als habe er die Räude. Was vermutlich nicht ganz unzutreffend war. Unterhalb des Zeugenstandes waren zwei Gestalten in ein Gespräch vertieft: die eine in fließender schwarzer Robe mit grün schimmerndem Umhang, die andere hager und ganz in Schwarz gewandet.
Sie blickten auf, als er hinzu trat.
„Nun, ich denke, damit sind deine Fragen beantwortet, Severus", sagte Madame Hoodia. „Wir sehen uns im November auf dem Kongress in Genua."
Sie maß Remus mit einem abschätzenden Blick, dann rauschte sie – etwas langsamer als Snape, jedoch trotzdem mit wehenden Roben – davon.
„Du riechst fürchterlich, Lupin", sagte der Tränkemeister anstelle einer Begrüßung und hielt sich demonstrativ ein Taschentuch vor die Nase.
„Wie kann ich dir jemals danken, Severus?"
„Fass mich nicht an, als Anfang", schnarrte Snape. „Ich möchte ungern als Werwolfsliebchen verschrien sein."
„Nicht, dass dein Ruf nicht ohnehin schon gelitten hätte", erwiderte Remus. „Hast du von ihr erfahren, warum das Antidot nicht wirkt?"
„Ja. Jemand muss es sabotiert haben", teilte er mit. „Da ich noch lebe, kann es keinen Fehler bei der Zubereitung gegeben haben. Es war perfekt."
„Daran habe ich nie gezweifelt", sagte Remus. „Hast du einen Verdacht?"
„Ja, aber ich bin noch nicht sicher. Ich treffe dich im Grimmauldplatz, wenn du gewaschen bist, gegessen und geschlafen hast, Lupin. Ich lasse dir den Wolfsbann später noch bringen, damit du ihn wenigstens die letzten drei Tage vor dem Vollmond noch nehmen kannst. Und geh' nicht wieder mit schwarzen Männern mit", sagte er und gestattete sich den Anflug eines Zuckens um die Mundwinkel.
„Severus – danke."
Der Tränkemeister nickte nur.
Aber Remus war noch nicht fertig.
„Was willst du noch?" schnarrte der Slytherin ungeduldig. „Ich habe noch Arbeit."
„Wer hat den Dämon beschworen, dessen Hilfe ihr brauchtet?" fragte Remus.
Er musste einfach sicher sein.
Severus sah ihn an, etwas Seltsames lag in seinem Blick.
„Wenn du das nicht weißt, Lupin, ist dir nicht zu helfen."
Severus ließ ihn stehen und rauschte davon, und Remus wusste jetzt, nachdem er Madame Hoodia gesehen hatte, von wem der Tränkemeister sich diesen Abgang abgeguckt hatte.
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„Lass uns nach Hause gehen, Remus."
Molly Weasley stand hinter ihm, ein warmes Lächeln im Gesicht.
„Molly. Danke für den Zauber vorhin. Das war gewagt, wenn man dich erwischt hätte."
Sie lachte. „Man wird mich wohl kaum für einen Haushaltszauber nach Askaban schicken, Remus. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du in schmutzigen Unterhosen vor der gesamten Magischen Gesellschaft stehen musst. Ich kenne auch niemanden, dem das peinlicher wäre als dir. Und ich habe dich nicht tagelang gepflegt und dir Severus' scheußlichen Raupentee eingeflößt, damit du hier vor Scham stirbst."
Remus wurde allein bei dem Gedanken daran rot, er konnte das Blut in seinen Wangen pulsieren fühlen.
Marina tauchte neben ihnen auf. „Wir müssen gehen, Werwolf, ich kann den Maskierungszauber nicht mehr lange halten, ohne dich anzuzapfen, und du bist zu schwach, um besonders viel Energie zu spenden", flüsterte sie in sein Ohr.
Er nickte, verabschiedete sich von Molly und folgte ihr.
Der Orden hatte sich zerstreut, es war nicht gut, wenn man stets die gleichen Leute in einer Traube zusammen hängen sah. Remus begleitete Sirius, den alle für seinen Anwalt hielten und Marina Bertucci, die sich als Auftraggeberin der Verteidigung ebenfalls ohne Verdacht zu erregen an seiner Seite hielt.
„Lupin, Werwolf", drang eine kühle Stimme an Remus' Ohr. Er hielt inne und sah sich um. In einem Abstand von etwa einem Meter stand Lucius Malfoy.
„Ah, Miss Bertucci und der berühmte Gemino Nero Don Giovanni". Lucius verbeugte sich tief vor Marina und deutete einen Handkuss an.
Sie hob eine Augenbraue. „Es ist doch immer wieder ein Vergnügen, das Oberhaupt einer so edlen, altehrwürdigen Familie zu treffen", sagte sie süßlich. „Guten Tag, Lucius. Wie geht es Ihrem Sohn? Ich habe ihn erst kürzlich auf einem meiner … Spaziergänge getroffen."
„Das wurde mir zugetragen", schnarrte Malfoy. „Ich bin erstaunt, dass Ihre Familie sich mit jemandem wie Remus Lupin einlässt. Wie man hört, ist er jetzt sogar der Lehrer Ihrer Nichten."
„Wir folgen nur Ihrem Vorbild, Lucius. Er war auch der Lehrer Ihres Sohnes Draco, schon vergessen?"
Malfoys schmale Lippen teilten sich zu einem berechnenden Lächeln.
„Aber nein, eine derart zweifelhafte Ehre vergisst man nicht."
„Was wollen Sie, Malfoy?" fragte Remus barsch und erschrak fast über seinen eigenen Tonfall.
„Ich habe eine Botschaft für dich, Werwolf", zischte Malfoy mit zu Schlitzen verengten, eiskalten grauen Augen.
Alle Höflichkeit war aus seinem Gebaren verschwunden.
„Nachdem Paolo Bertucci dich offenbar so sehr schätzt, dass er seine beiden Töchter nach England entsendet, um dein Leben zu retten, sind gewisse Kreise zu dem Schluss gekommen, dass man das Blut einer so alten, integeren Familie wie der Lupins vielleicht doch in gewisse Planungen integrieren könnte. Man bietet dir eine führende Position unter deinesgleichen und einen angemessenen Rang im engeren Zirkel."
Remus starrte Malfoy angewidert an.
Dieser trat einen Schritt näher und senkte die Stimme. „Denke noch einmal darüber nach, Lupin. Der Dunkle Lord hat auch deinem Freund Snape gegenüber Toleranz für gewisse Neigungen gezeigt. Wir sind bereit, von alten Pfaden abzuweichen. In einer neuen Gesellschaft könnte Lykantrophie kein Ausschlusskriterium mehr sein. Die Entscheidung darüber – und zwar für deine gesamte Spezies – legt Er in deine Hände."
Remus wusste nicht, was er sagen sollte. Hielten Sie ihn wirklich für derart leicht manipulierbar?
„Wo wird Fenrir euch Werwölfe hinführen?" schmeichelte Malfoy weich, „und wie viel mehr könntest du erreichen? Abgrund und Höhlen des Lasters unter Fenrir Greyback, oder eine Hochkultur unter der Führung eines Remus Lupin? Man wird auch nach dem Sieg fähige Professoren an den Magischen Universitäten benötigen, nicht zuletzt im Fachbereich Arithmantik." Malfoy lächelte wieder. „Ich sehe dein Zögern. Habe ich dich zum Nachdenken angeregt? Umso besser."
Er wandte sich Marina zu.
„Die großen, alten Familien müssen nicht zwangsweise Feinde sein. Man hält eine Achse London-Rom für durchaus verhandelbar. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie das Ihrem Vater mitteilen würden, Miss Bertucci. Bedenken Sie, dass der Phönixorden die… ‚Ernährungsweise' einiger Mitglieder Ihrer Familie nicht zeitlich unbegrenzt tolerieren wird. Ich wünsche den Herrschaften noch einen schönen Tag. Buon giorno."
Er verschwand.
„Was für eine Ernährungsweise?" fragte Sirius. „Was faselt der da?"
„Später", antwortete Marina knapp.
Sie gingen zügig weiter. Im Atrium des Ministeriums hatte sich eine ganze Traube Menschen um einige der jungen Reporter geschart, Blitzlicht flackerte, und der schnurrbärtige Zauberer, der zuletzt dem Gamot vorgesessen hatte, gab ein Interview. Neben ihm stand der Präsident des Wächterrates mit István Szabo, und Pettersson hatte einen Arm um eine Hexe mit kurzen blonden Haaren gelegt. Jetzt, wo sie nebeneinander standen, war die Ähnlichkeit zwischen Inger und ihrem Vater noch deutlicher zu sehen.
„Da ist Lupin!" rief plötzlich einer der Fotografen, und der ganze Pulk stürzte sich auf Remus und seine Begleiter.
Remus versuchte, wenigstens einen Blick von Inger aufzufangen, und tatsächlich sah sie ihn und lächelte, doch dann nahm ihm die Meute der Journalisten die Sicht und verlangte seine gesamte Aufmerksamkeit.
„Wie fühlen Sie sich nach dem Freispruch?"
„Was hat man in Askaban mit Ihnen gemacht? Woher stammen die Narben auf Ihrem Oberkörper?"
„Werden Sie England verlassen und wohin werden Sie auswandern?"
Die Fragen prasselten auf Remus ein wie Gewehrkugeln. Plötzlich fühlte er sich unendlich müde. Merlin sei Dank hatte er Sirius an seiner Seite.
„Wir sind nicht zufrieden mit diesem Freispruch zweiter Klasse. Die Aberkennung der Staatsbürgerschaft ist ein zutiefst antidemokratisches Instrument, dass eines Rechtsstaates nicht würdig ist", verkündete Sirius.
„Dann halten Sie England nicht für einen Rechtsstaat?"
Der vermeintliche Advokatus neben Remus lächelte. „Die Frage haben Sie gestellt, meine bezaubernde Signorina."
Die italienische Journalistin errötete bis unter die Haarspitzen.
„Werden Sie das Urteil anfechten?" fragte der Reporter des „Dagblatten".
„Es ist ein Gamoturteil und nach englischem Recht nicht anfechtbar", erläuterte Sirius. „Bei der Unberechenbarkeit dieses Systems hier, insbesondere für meinen lykantrophen Mandanten, wäre das Risiko zudem unverhältnismäßig. Jetzt ist es aber genug", verkündete er mit brillantem italienischem Akzent. „Mein Mandant hat eine harte Zeit hinter sich, er braucht Ruhe und etwas Erholung. Wir bedanken uns für Ihrer aller Engagement. Die Magische Gesellschaft braucht junge Reporter wie Sie, die kritische Fragen stellen. Aber jetzt müssen wir gehen."
Sirius lächelte und strahlte in die Kameras, beantwortete noch im Gehen eloquent ein paar Fragen zu italienischem Lebensstil und schaffte es gleichzeitig, Remus von den Fotografen etwas abzuschirmen. Sie erreichten endlich einen der riesigen Kamine des Ministeriums und flooten in ein Hotel in der Winkelgasse.
Sirius schob Remus in den Aufzug der Herberge und reichte ihm ein Handy.
„Ruf uns ein Taxi, Moony", sagte er grinsend, und sein Gesicht begann sich bereits zu verändern. „Retransformare", er tippte mit dem Stab auf das Telefon, und Remus hielt seinen Zauberstab wieder in den Händen.
„Marina kommt nach", sagte Sirius und disapparierte. Remus folgte ihm nur Sekunden später.
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Im Vergleich zu Askaban war selbst das düstere Haus am Grimmauldplatz ein Paradies auf Erden. Noch in der Küche hatte Remus stehend ein halbes Hähnchen verschlungen, das Kreacher unter einer schimmernden Edelstahlhaube warm gestellt hatte, um dann endlich sehr heiß zu duschen und in Pyjama und Morgenrock noch in die Bibliothek zu kommen, wo Sirius ihn bei prasselndem Kaminfeuer mit breitem Grinsen erwartete. Es war warm in der Bibliothek, Remus war nach fast einem Monat in Askaban mehr als dankbar für die Hitze des Feuers.
Sirius hatte eine Flasche Rotwein vor sich stehen.
„Leider kann ich dir jetzt nichts davon anbieten, Moony", frotzelte er. „Erst Wolfsbann, dann Wein, alles andere lass' sein", zitierte er Snape. „Später gerne, falls dir danach ist."
„Danke, ich habe meine Lektion gelernt", erwiderte Remus und fuhr sich durch die verfilzten Haare.
„Deine Haare sind wohl nicht mehr zu retten", sprach Sirius seinen Gedanken laut aus. „Total verfilzt. Kein Kamm und kein Zauber kommt da durch. Aber der grässliche Bart ist wieder ab."
Remus nickte.
„Am besten rasiere ich die Haare auch ganz. Es ist nicht wirklich wichtig, wie es aussieht", sagte er.
„Oh doch, Moony, das ist es. Gerade nach…diesem Ort."
Er sah Remus besorgt an. „Willst du darüber sprechen?"
Doch Remus schüttelte den Kopf.
„Nein, Pads. Kannst du sie abschneiden, bitte? Ich…kann den Geruch nicht ertragen, der darin hängt."
Sirius nickte, und schweigend erwies er Remus einen Dienst zurück, den dieser ihm vor etwas mehr als einem Jahr selbst geleistet hatte.
Minerva erschien eine halbe Stunde später zusammen mit Leo und Tonks, und die beiden Auroren konnten sich einige drastische Kommentare zu Remus' kahlem Schädel nicht verbeißen.
„Wann geht dein Flug nach Tibet?" fragte Tonks. „Dir fehlt nur noch die orange Mönchskutte."
„Tibet ist bestimmt nicht das schlechteste Land für eine Persona non grata", erklärte Leo. „Aber weißt du, was cool wäre, Remus? Ein Tattoo!"
„Sie sind wirklich taktlos, Mr. Leander", rügte ihn McGonagall und goss sich noch einen Feuerwhisky nach. „Sie können die Haare wieder wachsen lassen, Remus. Der Zauber ist nicht sehr bekannt, aber einfach. Den Banntrank habe ich übrigens in Ihr Zimmer gestellt", sagte sie.
Als er aufstehen wollte, hielt sie ihn zurück. „Laufen Sie nicht gleich los, er ist mit einem Wärmezauber belegt und verliert in einer halben Stunde sicherlich nicht an Aroma."
„Zwei Tage und der Vollmondabend, das wird mehr als eng", sinnierte Remus. „Ich kann nicht hier in London bleiben diesen Monat, Sirius."
„Ich habe bereits mit Albus gesprochen, die Heulende Hütte und der Verbotene Wald stehen Ihnen zur Verfügung", erklärt Minerva.
„Sirius, werden Sie alleine mit Remus auch dann fertig, wenn der Trank nicht vollständig wirkt?" erkundigte sie sich besorgt.
„Sie sind eine Animaga. Sie könnten dazu kommen", schlug er vor.
„Damit Sie mich auf einen Baum jagen? Nein danke."
„Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Schüler, Minerva. Ich kann auf den Wolf aufpassen. Zumindest, so lange keine Dementoren auf dem Schulgelände und im Wald herum hängen, die nichts sehnlicher wollen als einen Labrador-Briard-Mischling küssen", fügte er düster hinzu.
„Dieses Problem ist lösbar", erklärte McGonagall. „Ich werde Ingmar bitten, uns Miss Andersson zur Verfügung zu stellen."
„Ingmar?" fragte Leo.
„Professor Ingmar Pettersson, Präsident des Wächterrats", erläuterte sie.
„Wie kann man einen solchen Patronus erschaffen?" fragte Tonks. „Ich meine, sie sah so echt aus."
„Miss Andersson war seine Sekretärin, bevor sie seine Frau wurde", erzählte McGonagall. „Als sie starb, war Ingmar untröstlich. Aber er hat sich entschieden, am vergangenen Glück festzuhalten, anstatt sich der Realität zu beugen. Nun, Ingmar ist zweifellos einer der begabtesten Magier seiner Zeit gewesen. Ich vermute, dass er trotz seines hohen Alters immer noch mächtig ist. Allerdings heißt es, dass er sich bald zurückziehen wird. Sein Schwiegersohn soll neuer Präsident des Rates werden."
„Sein Schwiegersohn?" fragte Remus.
Minerva nickte.
„Scheint eine echt politische Familie zu sein", sagte Tonks. „Das wär' mir ja zu anstrengend. Wie gut, dass deine Eltern Muggel sind, Leo. An den Wochenenden bei euch könnte man fast vergessen, dass es Voldemort und sein schwarzes Todesserpack überhaupt gibt."
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„Du hast McGonagalls Zauber angewandt. Deine Haare sind fast so lang wie vorher", stellte Sirius am nächsten Morgen fest.
Eine Viertelstunde später sagte er: „Du bist schweigsam."
„Mir geht so vieles im Kopf herum", erwiderte Remus. „Persona non grata. Ich bin in diesem Land geboren, Sirius. England ist trotz allem meine Heimat."
„Frankreich ist aber auch schön", schwärmte Sirius. „Besonders der Süden. Oder Italien. Du solltest darüber nachdenken, ob du Askaban wirklich noch einmal riskieren willst, Moony. Wir wissen jetzt beide, wovon wir sprechen."
„Der Kampf findet hier statt, Sirius. Ich bin keiner, der den Schwanz einkneift, wenn es ernst wird."
Sirius lachte laut.
„Was ist los?" fragte Remus.
„Du hast gerade ‚Schwanz einkneifen' gesagt. Der Knast hat abgefärbt, was?" Er grinste. Doch sein Gesicht wurde schnell wieder ernst. „Wenn das alles hier vorbei ist, Remus – und ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, Voldemort will die Macht, und er will sie bald – dann werde ich nicht mehr hier sein."
Remus blickte auf.
„Wo willst du hin?"
„Italien, die Toskana, Rom, Sizilien – überall. Dorthin wo die Sonne scheint. Ich gehe mit Marina."
Remus sagte nichts. Er brachte es nicht über sich, seinem Freund zu erklären, dass er mit Marina Bertucci sicher nicht gerade an einem Strand die pralle Sonne genießen würde.
„Komm mit uns, Moony. Ich würde dich sonst vermissen. Und diese Miss Pettersson arbeitet doch auch in Italien. Vielleicht braucht Padua einen fähigen Arithmantiker?"
„Sicher brauchen sie keinen lykantrophen Arithmantiker", mutmaßte Remus seufzend. „Und es ist eine Mrs. Pettersson. Du hast doch McGonagall gehört gestern Abend. Ihr Mann wird der Nachfolger ihres Vaters."
„Das hat dir einen Stich versetzt, was?" meinte Sirius mit einem Seitenblick auf seinen Freund.
Remus antwortete nicht.
„Ach komm, Moony, dann ist sie eben verheiratet, was soll's? Du hattest einen One-Night-Stand, das kommt vor. Und im übrigen – die Lady hat ihren Arsch riskiert, um diesen Dämon zu beschwören, mit dem Snape das Antidot gebraut hat, sie hat ihren Vater angestiftet, das halbe Internationale Zaubereiparlament in Brüssel auf den britischen Minister zu hetzen, bis sie deinen Prozess durchgesetzt hatten. Das hätte nicht mal Dumbledore drehen können. Sie hat alle Hebel umgelegt, um dich zu retten, und ihr hattet eine, wie ich hoffe, geile Nacht. Was willst du mehr?"
Sirius hatte Recht. Was in aller Welt wollte er denn noch?
Doch wenn Remus ehrlich zu sich war, wusste er, was er wollte. Auch wenn sein Wunsch jenseits eines jeden Realismus lag.
TBC
