Als Snape mit Hermine in seinen Räumen angekommen war, zog er sie vorsichtig Richtung Schlafzimmer. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, blieb er mit ihr an der Schwelle stehen und meinte leise: „Wir können uns auch auf dem Sofa unterhalten."
Hermine schüttelte den Kopf und sagte ebenso leise: „Nein, es klingt vielleicht albern, aber ich wäre gerne in einem dunklen Raum, wo ich mich entspannt hinlegen kann, wenn wir versuchen auch den Rest zu klären."
Snape hob sie hoch, ging zum Bett und legte sie vorsichtig darauf ab. Dann zog er die Decke über sie, bevor er sich auf der anderen Seite langsam auf der Decke neben ihr nieder ließ und fragte: „ Habe ich Dich heute Abend wieder benutzt und verletzt?"
Hermine drehte sich von ihm weg und flüsterte: „Nein. Ich denke, mir ist heute Abend klar geworden, daß Dora Recht hat. Ich wollte mich der ...ähm....Situation, einfach nicht stellen. Ich habe mich so sehr geschämt. Es war weniger die Tatsache, wie ich ja erst am Schluss erfuhr, daß Du es warst, der mich überfallen hatte. Es..lag..mehr...daran, daß...."sie holte tief Luft und sprach nach einer Pause fast hektisch weiter, „ich es einfach nicht ertragen konnte, wie mein Körper über meinen Verstand regierte. Ich konnte mich einfach nicht wehren, weil ich es nicht kontrollieren konnte. Ich schämte mich und fühlte mich wie der letzte Dreck, weil ich meine Gefühle und meine Gedanken nicht mehr im Griff hatte."
Sie spürte wie Severus leicht ihr Haar berührte als er leise fragte: „Und nun ist es besser?"
Hermine dachte einen Moment nach. Sie fragte sich, ob es wirklich besser war, oder sie sich nicht einfach in ihr Schicksal fügte. Sie dachte an ihre Beziehung, die schon wieder einmal begann den Bach runter zu gehen, obwohl sie diesmal so sicher gewesen war, die richtige Wahl getroffen zu haben und nicht verstand, was sie nun wieder falsch machte.
Ehrlich antwortete sie „Ich weiß es nicht."
Obwohl Snape sich geschworen hatte, diesmal nicht in ihrem Gehirn nach Informationen zu forsten, hatte ihre traurige Stimme ihn verleitet es doch zu tun.
Er sah Hermine, die grübelnd nach Hause kam, dann ihren Freund, der ihr gegenüber auf dem Sofa saß und von seinen Erfolgen in der Firma erzählte. Wieder ein ähnliches Szenario, aber Hermines Freund, der vorwurfsvoll sagte „Du hörst mir gar nicht mehr richtig zu".
Schließlich Hermine, abends am Küchentisch, in der Hand die Notiz, auf der stand „musste zu einem Geschäftsessen, bin etwa gegen 23 Uhr wieder da". Dann die Zettel, der außen an der Tür klebte „Musste weg, Du brauchst nicht zu warten".
Leise fragte er „Wieso warst Du heute Abend alleine auf dem Ball?"
Ihre Antwort hätte er sich auch denken können.
„Er musste zu einem Geschäftsessen."
„Du glaubst das? An einem solchen Abend hätte er an Deine Seite gehört, denkst Du nicht?"
Hermine sagte unsicher „Ich glaube schon, aber sein Job ist hart und er will für uns eine Grundlage schaffen, auf der wir uns eine gesicherte Existenz aufbauen können."
Snape hakte nach: „Und Du siehst nicht, auf wessen Kosten dies geschieht?"
Hermine drückte ihren Kopf ins Kissen und nuschelte: „Ich weiß, ich weiß, ich weiß, aber Männer, die einen so lieben wie man ist, fallen eben nicht vom Himmel."
„Und deswegen hast Du nun gedacht, wenn Du Dir einen Partner suchst, der diesmal die Führung übernimmt, würde alles besser?"
Hermine schluchzte leise und antwortete tonlos: „Ich dachte, wenn ich mein Ego etwas zurück nehme...., ich dachte, wir ergänzen uns prima....., er ließ mir den Job und wir hatten so interessante Gespräche über seine Arbeit und seine Erfolge...."
„Ah ja", knurrte er leise „seine Erfolge.....sein Job...."
„Ich habe doch nur einen langweiligen Bürojob, da gibt es nicht viel zu erzählen", murmelte sie.
Snape drehte sie zu sich herum, suchte mit den Lippen ihre Stirn und meinte dann leise: „Alles, was Du tust, lohnt sich mitgeteilt zu werden. Du solltest gefördert und nicht unterdrückt werden. Du besitzt Intelligenz, Mut und Stärke. Du hast eines nicht „Selbstwertgefühl. Willst Du so weiter leben?"
„Wenn Du wirklich eine ehrliche Antwort haben möchtest......ich weiß es nicht. Ich dachte ich wäre glücklich mit ihm und wir hätten eine gemeinsame Zukunft vor uns. Aber ich merke in den letzten Tagen, wie sehr ich die Augen vor der Realität verschlossen habe. Ich muss mich wohl wieder einmal damit auseinander setzen, daß die Dinge, die ich nicht sehen will, weil nicht sein darf, was nicht sein kann, nicht einfach verschwinden, weil ich sie ignoriere", sagte sie traurig.
„Und zu der Kategorie ´daß nicht sein kann, was nicht sein darf´ gehört wohl auch unsere Beziehung zueinander?"
Sie hörte den leicht gekränkten Unterton. Und antwortete: „Auch das weiß ich nicht. Ich habe zwar akzeptiert, daß ich mich körperlich von Dir angezogen fühle und auch unser Zusammensein heute sehr genossen habe, aber Beziehung kann man das wohl nicht nennen. Wobei ich sicher bin, wenn ich tatsächlich in einer wirklich intakten Lebenspartnerschaft leben würde, dies heute nicht geschehen wäre. In meinen Augen ist reiner Sex aber keine Basis, auf der man etwas aufbauen kann."
„Aufbauen vielleicht nicht, aber vielleicht ausbauen, um mit der Zeit eine solidere Grundlage zu schaffen..." kam es aus der Dunkelheit.
Hermine ließ diesen Satz unkommentiert, während sie langsam aufstand und meinte: „Ich sollte jetzt gehen, es gibt zu Hause einiges worüber ich mir klar werden, dem ich mich stellen und das ich klären muss."
Auch Severus hatte sich nun erhoben und war in dem diffusen Mondlicht, das den Raum leicht erhellte, hinter sie getreten. Er schlang die Arme von hinten um sie und legte seinen Kopf auf ihren Scheitel, wobei er leise meinte: „Du weißt, wo Du mich findest."
Dann küsste er ihren Scheitel und ließ sie los, damit sie den Raum verlassen konnte.
Als Snape am nächsten Morgen im Speisesaal auftauchte, wunderte er sich etwas, weil eine kleine, wie immer schlampig gekleidete Prüferin entgegen ihrer Prophezeiung bereits am Tisch saß. Hermine hatte ihm doch gesagt, Dora habe gedroht, wenn sie sich nicht aussprechen würden, würde sie den Job schmeißen und sofort Hogwarts verlassen. Er war sich sicher, niemand habe bemerkt, daß Hermine und er die Nacht in seiner Wohnung verbracht hatten und auch ihr Verschwinden, noch lange vor der Dämmerung, musste unentdeckt geblieben sein.
Als er näher kam, fiel ihm jedoch auf, daß die aufmüpfige kleine Terroristin eher wie der Tod in Latschen aussah. Wenn er ganz ehrlich war, erweckte sie den Eindruck, als habe sie die ganze Nacht Nahkampferfahrung mit einem Rudel Wölfe gesammelt.
Sie hing, den Kopf in beide Hände gestützt, tief mit der Nase über ihrer Kaffeetasse, als wolle sie den Inhalt inhalieren. Da er eine Gelegenheit witterte ihr unziemliches Verhalten ihm gegenüber vom letzten Abend , er erinnerte sich schaudernd an „Schatz" und auch an die schmerzhaften Tritte, die sie ihm verpasst hatte, heimzuzahlen, grüßte er spöttisch: „Oh holde Schönheit, haben wir was Falsches getrunken?"
Als Dora nicht reagierte setzte er nach: „Also wirklich, wenn sie etwas nicht vertragen, sollten sie es aus dem Leib lassen."
Der Blick, der ihn nun traf, als sie die Augen bei dem Teil „sollte man es aus dem Leib lassen" uf ihn richtete, war so abgrundtief böse, daß er abrupt stehen blieb und sie noch genauer in Augenschein nahm.
Sie wirkte übernächtigt und wenn ihn nicht alles täuschte, waren an ihrem Halsansatz, an dem der schlabbrige Rollkragen ihres zu großen Pullis wie eine tote schwarze Ratte durchhing, einige Bißspuren zu erkennen.
Sie hob den Kopf nicht aus den Händen, als sie ihm heiser entgegen schleuderte: „Fick Dich ins Knie, Du alter Kotzbrocken. Mein Körper und was da rein oder nicht rein kommt und in welcher Form, wann, wie lange und wie oft, geht Dich gelinde gesagt einen Scheißdreck an."
Snape war nun ernsthaft beunruhigt, da er sie noch nie in dieser Stimmung erlebt hatte, also versuchte er es auf die freundliche Tour, er beugte sich vor und sagte in versöhnlichem Ton: „Wenn Du gleich bei mir vorbei kommst, gebe ich Dir einen Trank gegen den Kater."
Ihre Reaktion kam prompt und unerwartet: „Spar Dir deine Suppenkreation. Ich habe andere Probleme."
Dann rauschte sie aus dem Saal. Und einige Schüler und Lehrer erlebten zeitgleich die Premiere eines ziemlich verdatterten Snapes, der sprachlos und mit ungläubigem Gesicht mitten in der Landschaft stand.
