If You're Lost and Feel Alone, Circumnavigate the Globe

Den Blick vor allem auf den Boden gerichtet, folgte Wilson House durch das kleine Dorf. Die Straße war uneben und irgendwie war er froh, dass House seinen Monsterkoffer in seinem Apartment in New York gelassen und gegen einen kleineren ausgetauscht hatte.

Ein paar Leute auf der Straße beobachteten die beiden mit Interesse, doch House schien das gar nicht zu bemerken. Ein kleiner Junge auf einem blauen Fahrrad richtete schließlich ein freundliches "Hallo" an House und fuhr neben ihm und Wilson her.

"Was machst du wieder hier?", fragte der Kleine mit seiner hohen Stimme und lenkte das Fahrrad um ein paar Schlaglöcher herum.

"Leuten auf die Nerven gehen. Wie immer", antwortete House harsch, aber ein Grinsen lag auf seinem Gesicht.

Der Junge kicherte. "Cool."

"Nicht so cool wie die riesige Spritze in meinem Koffer", sagte House mit tiefer und bedrohlicher Stimme.

"Lügner."

"Stimmt, es sind zwei."

Lachend trat der Kleine in die Pedale und fuhr davon. Ein paar Mal drehte er sich noch um und betrachtete den Begleiter des komischen Arztes aus dem fernen Amerika, der hier so viele Monate verbracht hatte.

"Ich sehe schon, dein Ruf eilt dir auch überall voraus", stellte Wilson fest, als der Junge weg war.

"Nirgends ist man vor ihm sicher." Er deutete auf das übernächste Haus. "Das ist es."

Die beiden liefen an einer Kuh vorbei, die mitten auf der Straße stand und Wilson seelenruhig kauend ansah. House steuerte das relativ große Haus an, dessen besonderes Schmuckstück bunte Fensterläden aus Holz waren, die die verschiedensten Handabdrücke von Kindern trugen.

Als House an der Tür klopfte, dauerte es nicht lange, bis ein kleiner, fülliger Mann mit einem freundlichen Gesicht die Tür öffnete. "Greg", sagte er enthusiastisch und begrüßte House mit einem festen Handschlag. "Das ganze Dorf freut sich über dein Wiederkommen."

"Das bezweifle ich", erwiderte House und winkte Wilson ein Stück zu sich heran. "Das ist Wilson. James." Er war sich unsicher, welchen Namen er verwenden sollte.

Wilson streckte seine Hand aus und lächelte freundlich. "Hallo. James oder Wilson, egal."

"Der Wunderdoktor", sagte der Mann fasziniert und nahm seine Hand. "Ich bin Amit. So etwas wie der Dorfbürgermeister hier."

"Noch hat der Wunderdoktor nichts gemacht, also steht ihm auch kein solcher Titel zu", plädierte House und schob seinen Koffer an Amit vorbei ins Haus.

"Bescheidenheit ist eine Tugend", sagte Amit anerkennend und sah Wilson weiter fasziniert an.

"Und falsche Titelführung ist ein Straftatbestand", entgegnetet House. "Hilft dem Krüppel hier keiner?" Er hievte seinen eigenen Koffer durch den engen Flur bis zum Beginn des Treppenaufgangs.

"Nach oben?", fragte Wilson, der der einladenden Handbewegung von Amit gefolgt war und nun direkt hinter House stand.

"Jap."

"Ich nehme die Koffer", bot Wilson an.

Sofort ließ House seinen eigenen fallen und nahm die Hände nach oben. "Dem möchte ich nicht widersprechen."

Wilson ignorierte den Kommentar und schaffte es beide Koffer gleichzeitig in den ersten Stock zu befördern. House und Amit folgten ihm.

"Dein Zimmer ist das gleiche", sagte Amit zu House. "Ihres ist das nebenan. Ich hoffe es ist nicht allzu schlimm", entschuldigte er sich.

"Oh, du hast es ganz schlimm erwischt", erklärte House mit einer großen Portion gespielten Mitleids. "Dein Deckenventilator quietscht. Wenn er denn überhaupt mal geht."

"Kein Problem", beschwichtigte Wilson Amits Sorge. Dann wandte er sich an House. "Vielleicht hast du ja Glück und hörst ihn auch."

"Ich sag das mit dem Glück nicht noch einmal", entgegnete House und öffnete die Tür zu seinem Zimmer. Alles darin sah noch genauso aus, wie zum Zeitpunkt seiner Abreise. Nur die Bettlaken waren neu, frisch und weiß. Sie erinnerten ihn an Wilsons Gästezimmer.

"Sind Sie zum ersten Mal in Indien, Dr. Wilson?"

Wilson öffnete die Tür zu seinem Zimmer und brachte seinen Koffer hinein. "Ja", sagte er als Antwort auf Amits Frage. "Aber ich glaube selbst, wenn man schon in Indien war, kann man nicht wirklich sagen, man kenne das Land."

"Jeder Staat ist anders", stimmte ihm Amit nickend zu. "Eigene Sprache, eigene Kultur, ein ganz eigener Lebensstil. In manchen Provinzen fühlt man sich selbst als Inder wie ein Ausländer." Sein Lachen entblößte strahlend weiße Zähne. "Ihr kommt zurecht?" Er sah House fragend an.

"Jap."

"Wann sehen wir uns den Jungen an?", fragte Wilson House.

"Morgen", antwortete er und ließ sich aufs Bett fallen, das unter ihm bedrohlich knarrte. "Wer lange reist, hat sich das Privileg verdient auch lange zu schlafen." Er verschränkte seine Arme unterm Kopf und starrte hinauf zu dem bekannten Objekt an der Decke.

"Du hast den ganzen Flug über geschlafen."

"Aber im Flugzeug ist es anstrengend zu schlafen", beklagte sich House. "Kein bisschen erholsam. Also, erst das Vergnügen und dann die Arbeit." Er kniff die Augen nachdenklich zusammen. "Oder war das andersherum?"


Die kleine Arztpraxis des Dorfes hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Wohnzimmer mit Liege und ein paar Utensilien drumherum, als mit einer medizinischen Einrichtung. Dr. Manjaramkar war eigentlich schon pensioniert, jedoch sah er sich täglich für ein, zwei Stunden die kleinen und größeren Wehwehchen der Bewohner an.

In den letzten Monaten hatte House ihm ab und zu dabei geholfen und vor allem schwierigere Fälle diagnostiziert und sich um weitere Behandlungen in Krankenhäusern der Umgebung, oder gegebenenfalls in Bangalore gekümmert.

Auf der Liege in der Mitte des Raumes saß ein junger Mann. Schmächtig, sodass das T-Shirt ihm viel zu weit schien, auch wenn es eigentlich die richtige Größe hatte, aber vor allem groß. Wilson konnte erahnen, dass er im Stehen vielleicht so groß wie House war.

"Jeder Mensch lügt", sagte der Junge mit einem großen Grinsen auf dem Gesicht, als House auf ihn zukam.

"Nicht über alles", berichtigte House. "Ich habe gesagt, dass ich wiederkomme." Es klang letztendlich mehr wie eine Drohung als alles andere.

Doch das Grinsen des Jungen verschwand nicht. "Und ich hatte mich schon darauf eingestellt nie mehr gute Glibber-Witze zu hören."

"Ich wollte dir diese kleinen Glibber-Männchen mitbringen, die man an die Wand wirft und dann klettern sie nach unten."

"Und warum bekomme ich keine?"

"Kinderkram", sagte House herablassend und ließ sich auf einen Stuhl in der Ecke des Raumes fallen, ohne den Jungen richtig zu begrüßen. Aber vielleicht war das auch seine Art der Begrüßung, dachte zumindest Wilson.

"Kein Glibber-Männchen, aber dafür habe ich dir den Glibber-Beseitiger mitgebracht", fuhr er fort. "Das ist Wilson."

Wilson ging auf den Patienten zu und reichte ihm seine Hand, die er fest drückte. "Ich bin Kiran. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind." Sein Englisch hatte einen weniger starken Akzent, als das vieler anderer Menschen in der Region.

"Kein Problem", sagte Wilson, die Lippen zu einem freundlichen Lächeln aufeinander gepresst. "Ich wollte mir heute nur mal ansehen, wie es aussieht und dann überlegen wir, was wir tun können."

Kiran nickte und deutete auf ein Gerät in der Ecke. "Dr. Manjaramkar hat ein Ultraschallgerät besorgt, damit wir nicht erst ins nächste Krankenhaus müssen."

"Super. Dann legen wir mal los." Zögerlich sah sich Wilson im Raum um und richtete sich dann an House, der inzwischen einen Lolly in den Tiefen seiner Hosentasche gefunden hatte und genüsslich daran lutschte. "Könntest du uns vielleicht…allein lassen?"

Er sah sich theatralisch um. "Meinst du mich?"

"Ja", bestätigte Wilson und stemmte die Hände in die Hüften.

Widerwillig stand House von seinem Platz auf und lief zurück zur Tür. Kurz bevor er den Raum verließ, reckte er kurz eine Faust in die Luft und rief: "Slime Attack!"

"Blödmann", sagte Wilson seufzend, als die Tür hinter ihm zufiel.

"Er weiß, mit wem er es machen kann", beruhigte Kiran ihn und machte so klar, dass es ihm nichts ausmachte. Im Gegenteil: Er kannte House nicht viel anders.

"Manchmal glaubt er, er könnte das mit jedem machen." Wilson deutete Kiran an sich hinzulegen und das T-Shirt nach oben zu schieben. Trotz seiner ansonsten schmächtigen Figur, konnte Wilson sofort die Auswirkungen des Krebses in seinem Bauchraum sehen. Er war ungewöhnlich gebläht.

Kiran bemerkte Wilsons Blick auf seinen Bauch und zog die Augenbrauen sorgenvoll zusammen. "Haben Sie so etwas schon mal gesehen?"

Versichernd nickte Wilson ihm zu. "Einen Fall."

Hörbar erleichtert atmete Kiran aus. "Gut."

Wilson nahm das Gel für den Ultraschall von einem kleinen Rollwagen und verteilte es auf Kirans Bauch. Dann holte er das Ultraschallgerät zu sich und schaltete es ein. Mit möglichst wenig Druck ließ er die Sonde über die Haut des Jungen gleiten und suchte gleichzeitig den Bildschirm nach seinen Organen ab. Dass es nicht gut aussah, konnte er schon nach wenigen Sekunden sagen. "Seid ihr sowas wie Freunde?", fragte er ablenkend.

Kiran überlegte kurz. "Ich glaube nicht. Kameraden vielleicht."

Wilson lachte und bewegte die Sonde weiter nach unten. "Klingt komisch."

"Ist es auch. Sind Sie mit ihm befreundet?"

"Ich war es mal."

Kiran schmunzelte.

"Was ist?", fragte Wilson irritiert und wandte seinen Blick kurz vom Bildschirm ab.

"Nichts. Ich habe mich nur immer gefragt, wie Sie wohl sein mögen."

Wilson verstand nicht gleich und kniff die Augen argwöhnisch zusammen. "Hat er von mir gesprochen?"

"Direkt? Nie. Indirekt? Die ganze Zeit."

Seine Augen wanderten zurück zum Bildschirm. "Das muss ich nicht verstehen, oder?"

"Nein", sagte Kiran kopfschüttelnd. "Aber vielleicht freut es Sie das zu hören."

"Vielleicht", gab Wilson unsicher zu. Er wollte nicht, dass alle Welt womöglich mehr über das wusste, was da zwischen House und ihm passiert war, als er selbst.

Kiran bemerkte sein Unbehagen. "Er hat gesagt, dass er jemanden verloren hat. Nicht viel mehr."

"Ah", bemerkte Wilson knapp und konzentrierte sich wieder auf das Ultraschallbild, auch wenn die Gedanken in seinem Kopf wieder angestoßen wurden und bereits hin und her rasten.

Nach einigen Minuten legte er die Sonde beiseite und sah Kiran durchdringend an. "Sieht ernst aus."

"Ich weiß." In seinem flehenden Blick lag unendlich viel Schmerz, aber fast genauso viel Hoffnung. Auch wenn es unpassend war, so erinnerte es Wilson an seine eigenen Situation.

"Wir brauchen vielleicht noch ein paar Tage, um in Bangalore ein gutes Ärzteteam zu organisieren und alles vorzubereiten, aber—" Er ließ den Satz davonkommen, weil er sich nicht sicher war, was das Aber war.

"Heißt das, Sie werden mich operieren?"

"Ich kann nichts versprechen."

"Das müssen Sie nicht", entgegnete Kiran ehrlich und atmete erleichtert auf. "Danke." Er wischte sich mit einem Papiertuch, das Wilson ihm hinhielt, das Gel vom Bauch und setzte sich dann wieder auf. "Danke", wiederholte er ein weiteres Mal.

Wilson gab ihm ein weiteres vorsichtiges Lächeln und säuberte die Sonde. "House hat gesagt, dass hier in der Region wohl schon viele an diesem Krebs erkrankt und letztendlich auch gestorben sind."

"Sie nennen ihn auch einfach nur 'House'?", fragte Kiran kurz irritiert.

"Ja."

"Oh", stellte er nur simpel fest ohne das Thema weiter auszuführen. "Ja, wahrscheinlich gab es schon viele dieser Fälle, auch in meiner Familie. Glauben Sie, es gibt da einen Zusammenhang?"

"Einen genetischen vielleicht. Ich forsche normalerweise an solchen und anderen Dingen."

"Klingt interessant."

"Deshalb ist es ein ziemlicher Zufall, dass House gerade hier auf so eine mögliche Häufung der Krankheit gestoßen ist, die vielleicht relevant für die gesamte Medizinwelt ist."

Kiran legte den Kopf leicht zur Seite und dachte einen Moment lang selbst nach. "Er ist nicht zufällig darauf gestoßen", begann er schließlich. "Er hat danach gesucht. Und als er anscheinend gefunden hatte, was er suchte, ist er hier her gekommen."

Es waren diese Worte, die Wilson sein Gespräch mit Anthony wieder ins Gedächtnis riefen: "Er sucht nach Sachen, die er verwenden kann, um damit auf dich zuzugehen. Wer weiß, vielleicht sucht er die schon seit Jahren."