Kapitel 11
Family found!
So schnell es ihr gelingen wollte, würdevoll die Treppe hinunter zu laufen, hastete Minerva nach unten.
Das Letzte, was sie von ihrem Beobachtungsposten im Fenster aus gesehen hatte, waren Snape und Steven McGallafrey gewesen, mit Alena und Fhyr in den Armen.
Als sie in der Eingangshalle ankam, durchquerten sie gerade das große Portal und schlugen den Weg in Richtung des Krankenflügels ein.
Sie stürzte auf Snape zu. Alena schien bewusstlos zu sein, ihr blasses Gesicht hob sich überdeutlich von Snapes schwarzer Robe ab.
„Severus, was-?"
„Er hat sich das Handgelenk gebrochen, das ist nicht weiter schlimm. Poppy wird das innerhlab von ein paar Stunden wieder hinbekommen. Aber Alena hat sich die Hand völlig abgequetscht und eine ziemlich schlimme Verbrennung. Außerdem wird sie sich zumindest die Schulter gezerrt haben. Sie muss möglichst schnell zu Poppy, oder ich weiß nicht, was sie noch für die Hand tun kann."
Fast eine Stunde später saß Snape regungslos in seinem Büro und starrte auf den dunkelroten Weinrest, der sich noch auf dem Boden seines Glases befand. Er schwenkte das Glas langsam im Kreis. Der rote Fleck schwappte hin und her. Ebenso taten es seine Gedanken, trudelten mehr oder weniger ziellos durch seinen Kopf und bescherten ihm einen ziehenden Kopfschmerz, der allerdings nicht stark genug war, um wirklich unangenehm zu werden. Das konnte aber auch mit dem Alkohol zusammenhängen.
Seit der Dunkle Lord zurückgekehrt war, hatte er unter strenger Beobachtung gestanden. Nicht nur der Lord hatte zu Beginn an seiner Treue gezweifelt, vor allem aus den Reihen der anderen Todesser hatte es offene Anfeindungen und sogar Drohungen gegeben.
Die Blacks, oder vielmehr, was von ihnen noch übrig war, waren gespalten. Narcissa hatte sich mit ihm schon immer ganz gut verstanden, was nicht zuletzt daran gelegen hatte, dass sie sich gemeinsam über Lucius und seine gelegentlichen Sauftouren aufregen konnten. Bellatrix hingegen hatte ihm von Anfang an misstraut und ihm offen gezeigt, dass sie der Meinung war, dass er dem Lord nicht mehr loyal gegenüber stand, oder es vielmehr niemals getan hatte.
Aber auch sie hatte ihn gewarnt, ehe sie Alena angriff. Er hätte sie schützen oder zumindest warnen können, wenn er gesehen hätte, dass sie für ihn einen wunden Punkt darstellte. Den Einzigen, um genau zu sein.
Aber wenn er jetzt wusste, dass es so war, dann würde er sie auch besser schützen können, oder etwa nicht?
Vielleicht hatte er überreagiert, als er darauf bestanden hatte, sich völlig von ihr abzuwenden.
Vielleicht gab es doch einen Weg, Bellatrix von Alena fernzuhalten und dennoch mit ihrer Freundschaft, ihrer Gesellschaft leben zu können.
Ganz allein schaffte er es nicht mehr lange.
Komisch. Verwundert schüttelte er den Kopf. Früher ging es doch auch.
Als Alena wieder aufwachte, konnte sie gerade noch Madam Pomfrey hören, die Raschid wegschickte.
„Aber-"
„Kein Aber, Mr Ibn Sina, sie braucht Ruhe! Sie wird jetzt ersteinmal gar keinen Besuch empfangen." Die harsche Stimme der Krankenschwester wurde eine Spur weicher, als sie fortfuhr. „Kommen sie morgen wieder. Aber wenn sie wollen, können sie auf Mr Divión warten. Er braucht noch eine etwa halbe Stunde, dann kann er gehen."
Sie hörte Rashid eine Antwort grummeln und erwischte sich dabei, dass ein Teil von ihr erleichtert war, weil er nicht direkt zu ihr durfte.
Alena drehte den Kopf, um sich umzusehen – und erschrak.
Neben ihrem Bett saß Snape und beobachtete sie kritisch.
„Hast du mich erschreckt! Ich dachte, ich darf keinen Besuch haben."
Er lächelte schwach.
„Manchmal hat es seine Vorteile, ein Lehrer zu sein." Seine Stimme war genauso wie früher, ohne die Glätte und die Kälte der letzten Monate. Erleichterung durchflutete sie, während ihr Gehirn verzweifelt versuchte, sie daran zu erinnern, dass sie ihn noch gestern Abend gehasst hatte wie keinen Zweiten.
Als habe er ihre Gedanken gelesen, wurde sein Gesicht schlagartig ernst. Als er weitersprach, schien es ihm schwer zu fallen, die richtigen Worte zu finden.
„Ich weiß, dass ich mich im letzten Jahr nicht gerade so verhalten habe, als lägest du mir am Herzen, Alena."
Alena sah ihn überrascht an. Er wirkte auf seltsame Art gequält und sah sie nicht an.
„Sev..."
Snape schüttelte den Kopf. „Nein, hör mir bitte erst zu. Ich habe gedacht, dass es besser wäre, wenn wir uns voneinander fernhalten." Alena runzelte die Stirn und wollte ihn unterbrechen, doch er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Lass es mich erklären. Du bist nicht zufällig aufgegriffen und vergiftet worden. Es ist meine Schuld. Man hat mir gedroht und ich habe nicht reagiert. Du bist die einzige Person, die sich in Bezug auf mich als Druckmittel benutzen lässt. Ich wollte dich nicht länger in Gefahr bringen." Er zögerte. „Außerdem dachte ich bis Gestern, ich wäre dir nicht so wichtig," fügte er leiser hinzu.
Alena fühlte Tränen in sich aufsteigen. „Sev..." Sie wollte die Hand ausstrecken, aber schon die kleinste Bewegung verursachte einen ziehenden Schmerz, der bis hoch in ihre Schulter reichte und sie schmerzhaft das Gesicht verziehen ließ. Snape wusste aber offenbar, was sie vorgehabt hatte und stand auf, um seine Hand vorsichtig auf die ihre zu legen.
„Setz dich zu mir."
Behutsam setzte er sich auf ihr Bett, sorgsam darauf bedacht, ihren Arm nicht zu bewegen. Alena rollte sich dicht neben ihm zusammen. Glück war in sie geflossen, Glück in solchen Mengen, dass sie beinahe das Gefühl hatte zu platzen.
„Ich glaube nicht, dass das etwas genützt hätte. Wenn es einmal geklappt hat, dann werde ich immer eine Zielscheibe bleiben, egal wie wir uns verhalten. Man kann einen Menschen doch nicht komplett vergessen, weißt du." Sie lachte leise auf, ganz in Gedanken versunken. „Und ich hab mir solche Vorwürfe gemacht. Ich hab gedacht, es sei meine Schuld und ich hätte irgendetwas getan, über das du wütend wärst. Und dann," Alena zögerte. „Und dann wollte ich, dass du wütend wirst und mir dann vielleicht sagst, was eigentlich los ist. Gestern, da wollte ich dich einfach provozieren. Weil du so verdammt desinteressiert warst die ganze Zeit."
„Ich war wütend.", antwortete er leise, „Aber mehr wütend auf mich selbst als auf dich. Und auf Bellatrix. Auf diesen ganzen Mist," fügte er stumm hinzu.
Alena kuschelte sich an ihn. „Ich hab dich vermisst, weißt du. Das war fast, als wärst du gestorben, so plötzlich warst du weg. Und dann hatte ich keinen mehr, mit dem ich reden konnte. Richtig reden, mein ich, nicht einfach bloß sich über irgendwas unterhalten."
Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl seiner Anwesenheit. Sie hätte gern noch mehr gesagt, aber sie war so müde, dass sie schon bald wieder eingeschlafen war.
Alenas Hand lag warm in seiner. Erst nach geraumer Zeit wagte Snape wieder, sich zu bewegen. Vorsichtig hob er die andere Hand und ließ sie auf ihr Haar sinken. Er strich ihr Haar glatt, ließ die roten Locken durch seine Finger gleiten und genoss ganz das Gefühl des gegenseitigen Vertrauens.
Als er Alena im Gras hatte sitzen sehen, die verletzte Hand umklammert und tapfer die Tränen zurückhaltend, hatte er beschlossen, dass er nicht mehr länger ohne ihre Freundschaft leben wollte. Und er hatte beschlossen, sich den damit verbundenen Risiken zu stellen, welcher Art sie auch immer sein mochten.
Die erste Gefahr schien fürs Erste gebannt, denn entgegen seiner Gefühle draußen auf den Ländereien waren seine Gefühle jetzt ganz die eines stolzen Vaters.
Er musste schon lange so gesessen haben, als sich die Tür öffnete, denn es war bereits dunkel geworden.
