Soundtrack: "I´ll be", Edwin McCain
Kapitel 10 - Versteckspiele
The strands in your eyes that color them wonderful, I'll be your crying shoulder,
Stop me and steal my breath.
Emeralds from mountains thrust toward the sky
Never revealing their depth.
Tell me that we belong together,
Dress it up with the trappings of love.
I'll be captivated,
I'll hang from your lips,
Instead of the gallows of heartache that hang from above
I'll be with the trappings of love
I'll be better when I'm older,
I'll be the greatest fan of your life.
September 1976
„Hey Evans!" Das Mädchen, das mit diesem wenig persönlichen Ruf gemeint war, verhielt im Schritt und schloss die Augen. ‚Oh nein! Bitte nicht! Nicht er!' flehte sie stumm jeden Gott an, der ihr spontan einfiel. Allerdings schien keiner der Herren oder Damen sie erhören zu wollen. Als sie die Augen mit einem gequälten Stirnrunzeln wieder öffnete, stand ER breit grinsend genau vor ihr.
James Potter. Groß, schlank, dunkelhaarig, Brille – und der größte Kotzbrocken, der Lily jemals über den Weg gelaufen war. Na gut, sein Freund Black war vielleicht noch schlimmer, aber der ignorierte sie bislang Gott sei Dank. Und sie hatte nicht vor, sich wie der weibliche Rest der Schule in sein oder Potters Blickfeld zu drängen, nur um ein weiterer Strich an ihren Bettposten zu werden. Alleine bei dem Gedanken wurde ihr schlecht. Diese zwei waren die größten Unruhestifter und bekannt für ihren Verschleiß an Mädchen. Wie konnte eine Frau sich nur für so jemanden hergeben?
Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken!
Statt einer Antwort schoss sie ihm einen so eisigen Blick zu, dass normalerweise jeder das Weite gesucht hätte. Aber an ihm prallten solche subtilen Dinge vollkommen ab. Er lächelte so strahlend, dass er mit der Sonne konkurrieren könnte.
Eingebildeter Lackaffe! Wie konnte Remus Lupin nur mit solchen Typen herum hängen? Der war eigentlich wirklich nett und man konnte sich auf ihn verlassen. Immerhin arbeitete sie seit ungefähr einem Jahr mit ihm als Vertrauensschüler zusammen. Auch wenn sie heimlich vermutete, das er seinen „Freunden" zu oft Dinge durchgehen ließ. Er war vermutlich nur das arme Opfer dieser Irren und wurde gnadenlos untergebuttert.
Sie wollte an ihm vorbei gehen, aber dieser Mistkerl war schneller. Es machte nur einen winzigen Schritt, trotzdem blieb ihr nichts anderes übrig, als mitten in ihrer Bewegung einzufrieren, damit sie einen Zusammenstoß verhinderte. Und sie wollte ihm auf keinen Fall einen Grund geben, sie mit einem gönnerhaften „Hoppla!" vor einem Sturz zu bewahren – nur um dann vermutlich einen gut gezielten Grapscher zu vollführen. Dafür hatte er bereits die eine oder andere Ohrfeige eingefangen. Er versuchte es trotzdem immer wieder. Vermutlich stand er auf Schmerz. Würde zu seinem kranken Charakter passen.
Als sie nicht in ihn hineinrannte und ihm so keine Entschuldigung für ‚beherztes Zugreifen' gab, konnte sie die Enttäuschung förmlich in seinen braunen Augen flackern sehen. Eigentlich ganz schöne Augen.
‚Sofort aufhören, Lily!'
„Potter", knurrte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Und allein sein Name von ihren Lippen ließ seine Hände feucht werden.
Merlin, James verstand diese vollkommene Obsession gegenüber diesem Mädchen ja selbst nicht. Es hatte irgendwann letztes Jahr begonnen, dass er den Blick nicht mehr von ihr nehmen konnte und sein Magen wahre Salti schlug, wenn sie ihn zufällig erwiderte.
Sie hingegen schien ihn für die Geißel der Menschheit zu halten. Nun ja, für eine Vertrauensschülerin war er das vermutlich auch …
Eigentlich war Lilian Evans nicht einmal sonderlich hübsch. Sein objektiver Kennerblick sagte ihm, das sie allerhöchstens ‚guter Durchschnitt' war. Dunkelrotes, langes Haar, funkelnder, smaragdgrüner Blick, ansonsten aber ohne hervorstechende Schönheitsmerkmale. Keine ellenlange Beine, keine großen … äh, Augen … Sie war hübsch, aber auf eine schlichte Weise. Und sie schien noch nie etwas von Make-up gehört zu haben, was schon fast ein Wunder war bei den grell geschminkten Mädchen, die ihm sonst über den Weg trippelten.
Warum sie?
Weil sie nicht vor Ehrfurcht erstarrte? Oder sie ein wirklich wunderschönes Lächeln hatte? Das sie allerdings ihm gegenüber nie gebrauchte. Einmal hatte sie es Moony geschenkt – und James hatte ihn danach lynchen wollen. Wieso lächelte sie für alle anderen, nur nie für ihn? Er gab sich doch eine solche Mühe!
Jetzt zum Beispiel riskierte er schon wieder eine Ohrfeige, weil ihm ein Schlag ins Gesicht lieber war, als gar nicht von ihr zur Kenntnis genommen zu werden. Wenn das mal nicht komplett bescheuert war. Und zu allem Übel durchschaute sie seinen Trick und maß ihn aus kühlen Smaragdaugen.
‚Nicht aus der Fassung bringen lassen, James! Und wehe Du sabberst! Gaaaaanz cool bleiben!'
„Hattest Du einen schönen Sommer?"
„Bis jetzt, ja." Es war nur zu deutlich, was – oder vielmehr wer – an dem ‚bis jetzt' Schuld war. Autsch! Aber hey, sie hatte mit ihm geredet! Wenn das mal kein Anfang war! Und da behauptete Peter immer, dass er viel zu optimistisch sei! So ein Blödsinn!
„Du bist also bereit für das neue Schuljahr?" Er musste sich während dieses Satzes fast einmal komplett um die eigene Achse drehen, da Lily ihn nun doch umrundete und offenbar plante, ihn kommentarlos einfach stehen zu lassen. „Wird bestimmt schwierig, dieses Jahr! Immerhin kommen die NEWT´s auf uns zu."
‚Merlin, Potter, Dein einziges Thema ist die Schule? Bist Du komplett schwachsinnig? Es wäre nur peinlicher mit ihr übers Wetter zu reden! Komm schon, los, sag´ etwas anderes zu ihr!'
„Wann gehst Du endlich mal mit mir aus?"
‚NEIN! Verflucht! Vollkommen falscher Augenblick!'
Immerhin blieb sie prompt stehen und wirbelte wütend zu ihm herum. „Wenn die Hölle gefriert und es junge Hunde regnet!" fauchte sie mit funkelndem Blick, der sein Herz ins Stolpern brachte, nur um schließlich fast im Galopp aus seinem Hals zu hüpfen.
Hatte er eben gesagt, sie sei nicht schön? Sie war förmlich anbetungswürdig – und wenn er so ein peinlicher Schwachkopf wäre und sich Mädchen Sonate zitierend vor die Füße werfen würde, würde er es in genau diesem Moment tun! Aber so einen Blödsinn machte nur Moony.
Ob er ihm eines beibringen konnte? Vielleicht mochte sie so etwas … Und hey, zum Vollidioten hatte er sich grade immerhin schon degradiert.
„Wunderbar", strahlte er sie an. Eine Reaktion, die sie irritiert die Stirn runzeln ließ.
„Wunderbar?"
„Na ja, letztes Jahr hast Du noch ‚nur über meine Leiche' gefaucht. Die jetzige Antwort beinhaltet wenigstens eine winzige Möglichkeit." Er legte alles, was er an schmelzenden Welpenblick aufbringen konnte, in seinen nächsten Blick. „Komm schon. Ein Date! Bitte?"
„Potter, Du bist so ein dämlicher, unwürdiger, widerlicher, niveauloser …" Sie suchte panisch nach weiteren Beleidigungen, während er sie ansah wie eine besondere Leckerei. Und zu ihrem Entsetzen schien dieser Blick auch noch zu funktionieren. Ihr Eispanzer begann zu schmelzen. Sie musste hier weg! Schnell! Nur wie?
Und dann nahte ihre Rettung in Form eines blonden Mitschülers, den sie in einiger Entfernung entdeckte.
„Adrian!" rief Lily erleichtert, wandte sich abrupt um und ließ James einfach stehen. Bei ihrem Mitschüler angekommen hakte sie sich ungefragt unter und atmete tief durch. Er warf ihr einen erstaunten Blick zu, tat aber Gott sei Dank nichts, um seinen Arm ihrem Klammergriff zu entwinden. Sie strahlte zu ihm hoch und er erwiderte das Lächeln.
„Dürfen Josie und ich heute bei euch im Abteil sitzen?" fragte sie, und da sie - nicht mehr unter dem schmelzenden Aufreißerblick von Potter - wieder zur alten Form auflief, beugte sie sich ganz nah zu ihm hinüber. Sie konnte James' Gesicht förmlich vor sich sehen, wie er kochte vor Eifersucht. Oder viel mehr gekränktem Stolz. Etwas so echtes wie Eifersucht setzte Gefühle voraus. Und so etwas besaß dieser Schwachkopf nicht einmal ansatzweise.
Was James betraf hatte sie allerdings nur teilweise Recht. Als sie sich bei diesem Widerling Doherty einhakte und ihm etwas ins Ohr zu flüstern schien, hatte er ganz eindeutig Gefühle. Er ballte seine Hände zu Fäusten und seine rechte Faust zusätzlich um seinen Zauberstab. Er würde ihn ins nächste Jahrtausend hexen! Soviel war sicher. Allerdings hinderte ihn eine vertraute Stimme an weiteren Dummheiten. Sirius tauchte neben ihm auf, ein breites Grinsen auf dem Gesicht.
„Und, Prongs? Ist Dein Abfuhr-Pegel bezüglich Evans jetzt wieder im grünen Bereich?"
Hinter ihm tauchten auch Peter und Remus auf, beide mit großen Koffern in den Händen. Peter folgte James' Blick und runzelte die Stirn. „Seit wann geht Evans denn mit Doherty?" fragte er verblüfft.
„Sie geht nicht mit ihm!" fauchte James ihn an, dass der Kleinere ängstlich den Kopf einzog.
„Sieht aber ganz so aus", widersprach Remus seinem Freund gleichmütig und ließ den brodelnden Blick förmlich an sich abprallen. „Vielleicht wirst Du jetzt vernünftiger."
„Ich behaupte ja immer noch, dass sie ein hinterlistiges Weibsstück ist und Dir vermutlich einen Liebestrank ins Essen mischt, um Dich zu quälen." Sirius nickte bekräftigend und legte seinem besten Freund einen Arm freundschaftlich um die Schulter. Und ignorierte Remus´ Einwand geflissentlich, dass kein Liebestrank diese dauerhafte Wirkung hätte. „Lasst uns Toni suchen gehen."
Also machten sich alle Vier auf die Suche nach dem noch fehlenden Freund. Leider ohne Erfolg. Der letzte im Bunde blieb verschwunden, egal, wo sie suchten.
„Vielleicht ist er krank", mutmaßte Peter und Sirius seufzte. „Oder er hat endlich einen Weg gefunden, sich komplett vor der Schule zu drücken. Der Glückliche!"
Remus ließ seinen Blick ein letztes Mal über die Schülerschar schweifen, ehe er mit den Schultern zuckte. „Er wird schon auftauchen. Kommt, lasst uns nach einem freien Abteil suchen. Toni wird uns schon finden." Er griff nach seinem Schrankkoffer und zog ihn hinter sich her. Sirius brauchte nicht einmal zwei Schritte, um ihn einzuholen und ihn anzugrinsen.
„Du solltest wirklich weniger Bücher mit nach Hause nehmen! Dann ist Dein Koffer auch nicht so schwer!"
„Es würde schon helfen, wenn mir jemand zur Hand gehen würde, Sirius." Da diese subtile Bitte um Hilfe allerdings ungehört undf unbeachtet verklang, setzte Remus ein wenig bissig hinzu: "Aber leider hat nicht jeder einen Hauselfen wie Deine Familie, die den Koffer direkt ins Abteil packen."
„Hab´ ich auch nicht mehr."
Remus blieb stehen und runzelte fragend die Stirn. „Was heißt das denn? Ist Kreacher gestorben?"
„Leider nicht. Aber ich wohne nicht mehr dort."
James holte sie ebenfalls ein und erklärte als Antwort auf Moonys verwirrten Blick: „Sirius ist endgültig rausgeflogen. Er wohnt jetzt bei uns."
Remus brauchte offenbar einen Moment, um diesen Tatbestand vollkommen zu begreifen. Erst dann schaffte er zu fragen: „Was hast Du denn dieses Mal angestellt?"
„Ich habe mich das 6. Jahr hintereinander geweigert, nach Slytherin zu wechseln", antwortete Sirius vage und beschleunigte dann seine Schritte, um weiteren Fragen zu entgehen. Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ und er eigentlich froh war, seinen Eltern entkommen zu sein, es schmerzte. Und er fürchtete sich davor, was Becca dazu sagen würde. Immerhin war er jetzt vermutlich nicht mehr der Erbe der Blacks …
Er hatte es niemandem gesagt, aber irgendwie hatte er sich ein bisschen in sie verliebt … Schnell schob er diesen lästigen Gedanken von sich.
An der Zugtür angekommen herrschte bereits reges Gedrängel. Alles schob und drückte, um als erster in den Zug zu gelangen – als ob er ohne sie abfahren würde, aber na ja. Sirius hielt sich ein wenig im Hintergrund, trotzdem taumelte er, als ihm ein Schrankkoffer gegen die Beine geschoben wurde. Und griff in Ermangelung einer anderen Möglichkeit nach dem Ersten, was er erwischte.
Einer Schülerin, etwas kleiner als er. Seine Arme schlangen sich unwillkürlich um ihre Taille. Sie roch nach Sonne und Shampoo und Sirius war sich ziemlich sicher, dass er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Eine Neue? Ohne darüber nachzudenken erlaubte er sich einen kleinen Grapscher – hmmmm, sie fühlte sich appetitlich an – gepaart mit einem leise gebrummten „Hey! Wen haben wir denn da?" Das Mädchen wirbelte wütend zu ihm herum und …
… Sirius schwor, dass er träumen musste. Vor ihm stand – Toni! Die gleichen babyblauen Augen, das weiche Gesicht, das er nun schon seit Jahren verspottete und aus seinem Schlafsaal kannte. Nur steckte er in einem ROCK! Und das grade waren eindeutig Brüste gewesen!
„Toni!" Sirius war aschfahl im Gesicht, während das Mädchen mit Tonis Gesicht ihn aus zornfunkelnden Augen anblitzte. „Was … was …?"
„Oh Mann!" ertönte es hinter ihm dreistimmig. Und dann explodierte Sirius' Welt in einer Woge aus Schmerz, sein Kopf flog zur Seite und das klatschende Geräusch, als ihre Hand seine Wange traf, dröhnte ihm in den Ohren.
- - - - -
Toni hatte sich geschworen, nicht zu weinen. Genau seit diesem unseligen Gespräch mit ihrem „Erzeuger". Streit träfe es wohl besser, aber egal. Er hatte ihr zum wiederholten Male deutlich gemacht, dass sie zu nichts tauge. Das sie eine Schande für ihre Familie sei. Zu nichts zu gebrauchen, weil ihr Geheimnis nun nicht mehr zu verheimlichen sei und sie nun nicht einmal mehr den Schein aufrechterhalten könnte! Und dass es besser sei, sie wäre nie geboren worden.
Antonia Sinera, wie sie laut ihrer gut gehüteten Geburtsurkunde vollständig hieß, war seit ihrer Geburt ein Fehler gewesen. Warum? Weil sie es gewagt hatte mit dem falschen Geschlecht geboren worden zu sein. Sie hatte es gewagt ein Mädchen zu werden! Und nicht der heiß ersehnte Erbe der Familie. Und um ihr Versagen perfekt zu machen, hatte die Geburt ihre Mutter so sehr geschwächt, dass sie nie wieder ein Kind geboren hatte. So blieb sie das Einzige. Aber diese Tatsache machte sie nicht etwa kostbar für ihre Eltern, sondern schlichtweg zum ständigen Ärgernis.
Toni war und blieb ein Fehler. Und nichts, was sie tat, konnte dies´ ändern. Gar nichts. Sie wusste es – hatte sie doch, seit sie die Ablehnung ihrer Eltern zum ersten Mal verstanden hatte, nicht unversucht gelassen etwas daran zu ändern. Sie hatte sich so sehr bemüht ein gutes Kind, ja, sogar ein guter SOHN zu sein!
Sie hatte es einfach hingenommen, dass man sie wie einen Jungen kleidete, ihr die Haare kurz schnitt und sie überall nur als Toni, den Sohn, vorgestellt wurde. Alles, um den Schein zu wahren. Ihr Vater war der Meinung, dass sie schließlich auch etwas leisten musste, wenn sie die Familie schon so schwer enttäuscht hatte! Und Antonia gab ihm diesbezüglich absolut Recht.
Sie hatte sich auch nichts dabei gedacht, als sie nach Hogwarts hatte gehen sollen und ihre Eltern weiterhin stur an der Täuschung festhielten, dass sie ein Junge, ihr heiß ersehnter Erbe, sei. Antonia war folgsam gewesen, wie immer, hatte sich in alles gefügt und mit ernstem Gesicht genickt, als ihre Eltern ihr eingetrichtert hatten, sich bloß nicht beim Duschen oder in anderen Situationen wie zum Beispiel Untersuchungen als Mädchen erwischen zu lassen.
Und ein paar Jahre lang war alles gut gegangen. Toni war glücklich gewesen in Hogwarts, sie hatte ihre männlichen Schlafsaal-Kameraden sehr gemocht – und, viel wichtiger, sie hatte etwas Bemerkenswertes kennen gelernt. Nämlich das es durchaus Leute gab, die nichts von ihr erwarteten außer Freundschaft. Nichts von ihr forderten.
Als James, Sirius, Peter – und sogar Remus – begonnen hatten die gesamte Schule als die berüchtigten Marauders unsicher zu machen, war Toni mit blitzenden Augen ebenfalls gefragt worden, ob sie an den famosen Streichen teilhaben wolle. Und nach ihrer Weigerung – wie konnte sie ein guter Sohn sein, wenn sie sich absichtlich in Schwierigkeiten bracht? - war nicht, wie erwartet, ein Kleinkrieg ausgebrochen. Nichts hatte sich an ihrer Freundschaft verändert. Das Leben war weitergegangen und ihre Entscheidung wurde stillschweigend und mit einem Zwinkern akzeptiert.
Aber dann war sie 13 geworden. Und kurz nach ihrem Geburtstag hatte das Elend begonnen. Sie war eines Morgens aufgewacht, nach einer Nacht voller Bauchkrämpfe und wenig Schlaf – und hatte Blut auf ihrem Laken entdeckt. Sie war vollkommen verrückt vor Angst gewesen, wusste sie doch nicht, was da vor sich ging. In ihrer Panik hatte sie sich im Bett verschanzt und alle besorgten Hilfsangebote der Jungs, vielleicht die junge Schulkrankenschwester Madame Pomfrey zu benachrichtigen, abgelehnt.
Sie hatte sie angeschrieen und aus dem Zimmer verscheucht, und war sofort, als sich die Tür sicher hinter ihnen geschlossen hatte, zum Kamin in ihrem Zimmer gestürzt und hatte unter Tränen nach Hause gefloht. Verfolgt von düsteren Todesszenarien. Sie hatte wirklich geglaubt sterben zu müssen.
Ihre Mutter hatte aufgrund ihrer Furcht nur verächtlich gelacht und ihr erneut eingeschärft, dies niemanden sehen zu lassen. Hatte sie ins Badezimmer geschickt, in dem sie sich eine Rolle Stoff in den Slip schieben solle. Und am nächsten Morgen war dann eine der seltenen Eulen für Toni gekommen, mit einem Paket voller Damenhygiene-Artikeln und der großen Aufschrift „Nicht in der Öffentlichkeit öffnen, JUNGE!" Ansonsten enthielt sie keinerlei Erklärungen.
Und dann waren ihre Brüste gewachsen. Und Toni hatte begonnen, panisch ihren gesamten Oberkörper zu bandagieren, um die verräterischen Wölbungen niemanden bemerken zu lassen. Und Remus hatte sie einmal fast dabei erwischt, sie aber nur mit großen Augen angesehen – und nichts gesagt. Er hatte einfach geschwiegen und darauf vertraut, das Toni zu ihm kommen würde, wenn die Zeit reif war.
Hätte Toni eine Wahl gehabt, sie hätte diese verdammten Brüste weg geschnitten!
Doch irgendwann ließen sie sich nicht mehr verstecken. Und so hatte ihr Vater nach einem wahren Tobsuchtsanfall in diesem Sommer verfügt, dass man nun mit dieser weiteren Schande leben müsse und sie eben als Fehler, der sie war, zurück zur Schule sollte. Merlin, der Besuch bei Madame Malkins war die Hölle gewesen. Die Schneiderin mit dem formidablen Gedächtnis für ihre Kunden hatte Toni ungläubig gemustert. Und das Mädchen hatte getobt und geschrieen, als man sie allen Ernstes in einen Rock stecken wollte!
Jetzt, hier auf dem Gleis 9 ¾, in diesem grässlichen Kleidungsstück, hatte sie versucht, sich unsichtbar zu machen. Sie war nicht wie in den letzten 4 Sommern begeistert über das Gleis gerannt, schäumend vor Freude, ihre Freunde wieder zu sehen. Sie hatte den Kopf gesenkt gehalten und gehofft, dass niemand der Jungs sie bemerken würde. Antonia hatte sehr wohl bemerkt, wie sie nach ihr gesucht hatten. Und sie hätte es fast geschafft, unbemerkt zu bleiben, wenn Sirius nicht plötzlich hinter ihr aufgetaucht wäre und - typisch für ihn - den kleinen Stolpler ausgenutzt hätte.
Sie hatte seinen Geruch fast sofort erkannt und ihr Herz hatte einen uneleganten Hüpfer gemacht. Genauso wie ihre Haut dort wie verrückt geprickelt hatte, wo er sie vermeintlich versehentlich gestreift hatte.
Sie hatte das Erste getan, was ihr eingefallen war. Hatte all ihre Frustration und ihre verletzten Gefühle in diese Ohrfeige gelegt und war zu ihm herumgewirbelt. Hatte in seine ungläubig aufgerissenen, braunen Augen gesehen, sein überrascht gekeuchtes „Toni!" gehört! Und ihn so fest geschlagen wie sie konnte. In der nächsten Sekunde war sie durch die Traube von Schülern gestürzt, die den Eingang zum Zug verstopften – und hatte begonnen wie ein Schlosshund zu heulen!
Vorbei! Alles vorbei! Sie wollte sterben!
Als sie am Ende des Zuges angekommen war, bleib Toni keuchend stehen und presste die Handballen gegen ihre brennenden Augen. Sie hasste es, ein Mädchen zu sein! Es machte alles so furchtbar kompliziert!
Denn mit ihrer verdammten Periode hatte leider auch noch etwas Anderes, Lästigeres begonnen. Sie hatte die Jungs plötzlich anders wahrgenommen. Schon immer hatte sie es vermieden, sich vor ihnen auszuziehen – gemeinsames Duschen war natürlich ganz unmöglich. Aber nun begann ihr aufzufallen, wie ihre Adamsäpfel prominenter wurden. Wie alle an Gewicht und Muskelmasse zulegten. Oder sich andere körperliche Zustände bemerkbar machten.
Sie würde nie vergessen, wie James eines Morgens verschlafen aus seinem Bett gekrochen war, sich reckte und streckte und Toni einen reichlich offenen Blick auf die Beule in seiner Hose geboten hatte. Und sie hatte mit flammenden Wangen ertragen, wie Sirius sich gackernd neben sie aufs Bett geworfen und ihr erklärt hatte, das „Prongs unter einer Chro-Mo-Pi-La leide". Einer chronischen Morgen-Piss-Latte. Die Jungs hatten sich köstlich darüber amüsiert und Toni war aus dem Zimmer geflüchtet, als sei ihr der Leibhaftige auf den Fersen!
Überhaupt, Padfoot! Oh Merlin!
Sirius Veränderungen waren für sie am schlimmsten gewesen. Dieser hohlköpfige Sohn eines Trolls schien von Tag zu Tag größer, breitschultriger und männlicher zu werden. Er war der Erste mit Bartwuchs. Und der Dreitagebart, den er anfangs absichtlich stehen ließ, bis McGonagall ihm drohte, ihn persönlich mit ihrem Zauberstab zu entfernen, untermalte seine langsam markanter werdenden Züge teuflisch vorteilhaft.
Die Folge war, das er jede Woche ein anderes Mädchen mit in ihren Schlafsaal nahm und Toni die Socke, die als „stummes Zeichen" auserkoren worden war, um die betreffenden Pärchen vor unerwünschtem Besuch zu schützen, in einem plötzlichen Wutanfall angezündet hatte! Bei Prongs reagierte sie nie so.
James, Remus und Peter hatten gegrinst und es als ihren Ausdruck von Wut über die ständige Belagerung ihres Schlafsaals gedeutet. Aber es war nichts als blinde Eifersucht gewesen. Und es hatte Antonia vollkommen schockiert, dass sie sich heiß wünschte, selbst dort neben ihm im Bett zu liegen.
Sie begann außerdem einen fast unnatürlichen Hass auf Rabecca Magnifor zu entwickeln, dieses Flittchen, welches Sirius nach der Schule für immer bekommen sollte! Sie hatte ihn nicht verdient. Niemand hatte das – außer ihr!
Sie wollte ihr den dürren Hals umdrehen! Etwas, das weit über die normale Abneigung zwischen Gryffindors und Slytherins hinausging.
Jetzt saß Antonia hier in einem der hinteren Abteile, hatte sich zwischen Ravenclaws verschanzt und starrte mit tränenfeuchten Augen aus dem Fenster. Was sollte jetzt nur werden? Vermutlich würden die Jungs dank dieser Täuschung nie wieder mit ihr reden. Antonia wusste nicht, ob sie diesbezüglich dankbar oder unglücklich sein sollte. Einerseits schrie ihr gesamtes Wesen vor Schmerz, weil sie die vermutlich besten vier Freunde ihres Lebens verloren hatte. Aber andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, einem von ihnen wieder in die Augen zu sehen. Den Vorwurf in ihren Gesichtern zu lesen.
Sie schniefte vernehmlich und lächelte dankbar, als eines der Ravenclaw-Mädchen ihr ein Taschentuch entgegen hielt. Dem mitleidigen Blick wich sie allerdings gekonnt aus und schnäuzte sich geräuschvoll. Sie hatte keine Ahnung, was nun aus ihr werden würde.
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In Hogwarts angekommen trödelte Toni so lange sie konnte herum und stieg erst in eine der letzten pferdelosen Kutschen, die sie hinauf zum Schloss bringen würde. Oben am Schlossportal angekommen wurde sie offenbar bereits erwartet. Eine reichlich ungeduldig mit dem Fuß wackelnde Professor McGonnagal stand dort und ließ ihren strengen Blick über die ankommenden Schüler schweifen.
Als sie Antonias ansichtig wurde, schien auch sie zu stutzen, ehe sie die Schultern zurückschob und ihr mit einer ruckartigen Kopfbewegung verdeutlichte, ihr zu folgen. Sie tat es mit hängendem Kopf, im Ganzen ein Schuldiger, der seinen Weg zum Schafott anzutreten schien.
Was würde nun folgen? Würde sie der Schule verwiesen? Sie hatte keinen blassen Schimmer, was ihr Vater Direktor Dumbledore gesagt hatte. Wusste dieser bereits von ihrem ‚Zustand'? Nun, vermutlich schon, denn McGonagall schien es gewusst zu haben, sonst hätte sie sie wohl nicht erkannt, oder?
Voller trüber Gedanken folgte sie ihrer Hauslehrerin die Gänge entlang, bis sie den steinernen Hippogreif erreichten, der die Treppe zum Büro des Direktors flankierte und McGonnagal das Passwort nannte. James und Sirius waren hier fast so etwas wie zuhause. Toni selbst war noch nie hier gewesen. Ihre Hände hatten begonnen, unkontrolliert zu zittern. Sie hielt es für besser, sie in den Falten ihres Schulumhangs zu verbergen.
Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch, das schlohweiße Bart- und Haupthaar ordentlich gestutzt und die Augen hinter seiner üblichen Halbmond-Brille verborgen. Er blickte von den Pergamenten auf, die er grade studierte – und lächelte.
Lächelte? Verwirrt runzelte Antonia die Stirn.
„Ah, Miss Sinera. Ich war schon sehr gespannt, Sie wieder zu sehen. Wie geht es Ihnen?"
„Äh … g … gut", stotterte sie die vermutlich erwartete Antwort. Dumbledore hatte sich erhoben und umrundete seinen Schreibtisch, ehe er auf einen der Stühle wies und sie sich gehorsam hinein sinken ließ.
„Nun, zuerst möchte ich Ihnen gratulieren, meine Liebe. - Schauen Sie nicht so erstaunt, das meine ich ernst." Er zwinkerte. „Es ist bereits eine Weile her, das man mich und auch alle Anderen so effektiv an der Nase herumgeführt hat."
„Was ist nur in Sie gefahren?" bellte McGonnagal von der Tür her und Toni zuckte schuldbewusst zusammen. Vermutlich würde sie jetzt von der Schule geworfen.
„Nanana, Minerva." Dumbledores Stimme klang gar nicht vorwurfsvoll, sondern eher beschwichtigend. „Ich denke nicht, dass es Miss Sineras Wunsch war, uns zu täuschen. Ihr Vater war sehr deutlich in dem, was er mir sagte. Es war seine Idee und die seiner Frau. Eigentlich bestand er sogar zu Anfang unseres Gespräches darauf, dass die ganze Sache unter uns bleiben solle, und bat um ein Einzelzimmer für seine Tochter, um diese Farce aufrecht zu erhalten."
„Wie bitte? Aber, wie kann dieser Mann …?"
„Nun, ich denke, er wünschte sich einen Erben und ließ sich daher zu diesem Possenspiel hinreißen. Seine Frau ist wohl nicht mehr in der Lage…" Der Satz blieb unvollendet und verhallte in der Stille des Raumes.
Toni sagte nichts zu der vollkommen richtigen Vermutung des Direktors, sondern versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen. Dumbledore maß sie einen Moment lang mit einem unergründlichen Blick, ehe er sich wieder auf seinem Stuhl niederließ.
„Natürlich war dies´ auf keinen Fall möglich. Und damit mussten Ihre Eltern sich ebenfalls abfinden – auch wenn es ihnen nicht besonders gefällt. Nun denn, Miss Sinera. Herzlich Willkommen in Hogwarts – jetzt, wo sie endlich Sie selbst sind. Ich hoffe, Sie werden ihre neuen Zimmergenossinen mögen. Minerva, wärst Du so freundlich, sie zu ihrem neuen Zimmer zu begleiten?"
