Während Russland sich mit seinen unerwarteten Gästen auseinandergesetzt hatte, war England verzweifelt auf der Suche nach einem guten Versteck gewesen. Natürlich hatte er keinen Zweifel daran, dass der Russe imstande war, jede Person von seinem Besitz fernzuhalten, doch man konnte nie sicher genug sein.

Er hatte gerade mal in ein Viertel aller Räume gespäht (und sie für untauglich befunden), als er plötzlich eine Tür ins Schloss fallen hörte. Panisch drehte er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, als er eine große Tür entdeckte, hinter die er sogleich schlüpfte. Aufatmend schloss er sie; dann drehte er sich um, um einen Augenblick innezuhalten, nur um gleich darauf die Augen weit aufzureißen.

Das Zimmer kam ihm so bekannt, so vertraut vor, dass er es kaum fassen konnte. Die Atmosphäre war die gleiche wie in seinem Keller, in dem er Magie praktizierte, und man konnte sehen, dass Russland zumindest ein wenig davon verstand. Brennend gern hätte er sich genauer umgesehen, doch leichte Schritte direkt vor seinem Aufenthaltsort verrieten ihm, dass er keine Zeit mehr dazu hatte.

Blitzschnell huschte er auf einen großen Schrank zu, stieg hinein und schloss die Flügeltüren hinter sich wieder. Dann hielt er den Atem, wartete und betete, dass ihn niemand finden möge.

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Kanada wurde immer frustrierter, je weiter er sich durch das Haus des Russen bewegte, seinen Eisbären fest im Griff. Kumajiro hatte seit ihrem Eintreffen in Russland kein Wort mehr verloren; vielmehr hatte er die eisige Temperatur genossen. Doch so sehr Matthew dankbar war für die Stille, es half ihm nicht das Geringste; England war und blieb verschwunden.

Mittlerweile war die kanadische Nation fest davon überzeugt, dass ihre Vermutung falsch war und Russland nichts mit dem Verschwinden des Briten zu tun hatte. Schließlich war es sehr unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt Rache an Amerika üben wollte, denn die beiden Supermächte befanden sich schon seit einiger Zeit in einer Art Waffenstillstand.

Dennoch war der ganze Vorfall merkwürdig; und bisher hatte niemand eine plausible Erklärung dafür finden können.

Sorgfältig drückte Matthew die nächste Tür auf und spähte in den Raum. Das Zimmer war dunkel, stickig und gefüllt mit Gartengeräten; Schaufeln, Hacken und Eimer lagen verstreut auf dem Fußboden oder hingen an den Wänden und er fragte sich, wozu man wohl so viel Werkzeug brauchte.

„England?", hauchte er. „Bist du da?" Keine zog er die Tür ein wenig fester als geplant wieder zu. Es konnte noch Stunden dauern, bis er auch nur die Hälfte der Räume geprüft hatte... Er hoffte, dass seine beiden Mitstreiter den Russen so lange ablenken konnten.

Nach weiteren zehn Minuten, die sich für den armen Kanadier eher wie Stunden anfühlten, gelangte er zu einer besonders großen, mit kunstvollen Kupfermustern verzierten Tür, die sich besonders von allen anderen abhob, die er bisher geöffnet hatte. Vorsichtig legte er ein Ohr an das Holz und lauschte angestrengt. Es war nichts zu hören, aber das konnte auch an der Breite der Tür liegen.

Matthew drückte die Klinke herunter (die Tür war genauso wenig verschlossen wie alle anderen zuvor) und betrat das Zimmer. Es war stockdunkel um ihn herum, und auf der Suche nach einem Lichtschalter stieß er mit dem Knie gegen einen kantigen, harten Gegenstand. „Autsch!" Dann schlug er sich erschrocken die Hand vor den Mund. Wenn ihn nur keiner gehört hatte...

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Frankreich und Amerika kam es wie eine Ewigkeit vor, in der sie die russische Nation bereits mit belanglosen Fragen genervt hatten. Nachdem Russland sich einigermaßen beruhigt hatte, hatten sie ein allgemeines Gespräch über Politik und den Zustand der internationalen Beziehungen angefangen, unterfüttert mit gut versteckten Anspielungen auf die Abwesenheit Englands. Bisher hatten sie nichts Wichtiges zu diesem Thema aus dem Russen herausbekommen, und allmählich fragten sie sich, ob sie mit ihrer Vermutung wirklich recht gehabt hatten. Kanada hatte ihnen noch immer nicht das Signal gegeben, und allmählich gingen ihnen die Ideen aus.

Ivan verzog das Gesicht alarmiert, als er ein Geräusch hörte, das aus dem oberen Teil seines Hauses erklang. „Was war das? War da nicht ein Geräusch?" Er wusste, dass es nicht England sein konnte, der sich schon längst irgendwo versteckt hatte. Also wollte er sich schon von seinem Sitzplatz erheben, um nachzusehen, als seine Besucher ihm zuvorkamen.

Nervös versuchten die beiden, ihn abzulenken. Sie hatten eine Ahnung, wer für das Geräusch verantwortlich war. „Wie, was, ein Geräusch? Ich habe nichts gehört..." „Das hast du dir bestimmt nur eingebildet, mon ami!" „Russland, der Tee ist köstlich. Könnte ich wohl noch eine Tasse bekommen?"

Der Angesprochene wandte sich um zu Amerika, der ihm mit unschuldigem Blick seine Tasse hinhielt. Misstrauisch beäugte er seinen Erzfeind; der Amerikaner war noch nie ein Teetrinker gewesen, ganz im Gegensatz zu dessen ehemaligen großen Bruder. England und Amerika hatten sich oft über die Vorzüge von Tee und Kaffee gestritten, und aus Protest trank der Jüngere nur noch letzteres.

Da, natürlich kannst du noch eine Tasse Tee haben, Kamerad. Ich gehe derweil nach dem Rechten sehen." Damit stand er auf und ging schnellen Schrittes aus dem Zimmer, dicht gefolgt von Frankreich und Amerika, die ihren Gefährten auf keinen Fall allein lassen wollten. Beunruhigt wechselten sie einen kurzen Blick und überlegten, wie sie aus der Sache wieder herauskommen würden, sollte Kanada sich erwischen lassen.

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Nachdem Matthew einige Augenblicke lang den Atem angehalten und nach sich nähernde Schritte gelauscht hatte und immer noch kein wütendes Russland herangestürmt war, hatte der Kanadier sich sicher genug gefühlt, um seine Suche fortzusetzen. Er tastete sich Schritt für Schritt an der glatten Wand entlang, bis er etwas fühlte, was einem Lichtschalter gleichkam. Er drückte auf den Knopf, und kurze Zeit später war das Zimmer von einem warmen Licht erfüllt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen blickte er sich um.

Der Raum war riesig; an zwei Wänden standen hohe Regale, vollgestopft mit Gefäßen, Bechern, Pulvern und Tinkturen, mit seltsamen eingelegten Gegenständen (oder Lebewesen?), die träge in merkwürdig gefärbten Flüssigkeiten umher schwammen, mit Beuteln und ähnlichen Behältern. Und erst die Bücher! Hunderte von Schriftstücken waren überall verteilt, übereinandergestapelt oder aneinander gequetscht, viele mit kyrillischen Schriftzeichen beschriftet und über und über mit Flecken und Brandlöchern bedeckt. Zerfledderte und fast neue Bücher, staubig, schmutzig und manche sogar schimmelig von Jahrhunderten des Sich-überlassen-seins.

In einer Ecke stand ein großer Schrank; an ihm war nichts Auffälliges zu erkennen.

Die übrigen Wände sowie die Decke waren mit rötlichen Zeichen versehen, die alle in einem bestimmten Schema geordnet waren, das sich ständig wiederholte. Überall standen Kerzen, teilweise fast vollständig herunter gebrannt, und exakt in der Mitte des Fußbodens leuchtete ein fünfzackiger Stern, ein Drudenfuß, in dessen Zacken sich wiederum Symbole befanden. Und in der Mitte des Sterns wiederum war der Fußboden kohlrabenschwarz verbrannt.

Insgesamt ähnelte der Ort dem Keller in Englands Haus, den England für seine magischen Experimente benutzte. Matthew hatte den Briten darin einmal dabei erwischt, wie er, einen schwarzen Kapuzen-Umhang um die schmalen Schultern hängend, in einer mysteriösen, sehr alt klingenden Sprache vor sich hin gemurmelt hatte, mit einem dicken Wälzer in der Hand und einer Hand zur Decke gerichtet. Eine Erklärung hatte der Kanadier keine bekommen, und er hatte den Vorfall auch später nicht mehr erwähnt.

Sollte Russland ein ähnliches Hobby haben? Kanada versuchte, sich ein Kichern zu verkneifen, als er sich den hünenhaften Russen in der gleichen Pose vorstellte, während er russisches Zeug brabbelte. Doch sofort wurde er wieder ernst. Jetzt war nicht die Zeit für alberne Vorstellungen; er hatte eine Aufgabe, die es zu erfüllen galt.

Er machte einen Schritt in Richtung des Drudenfußes, um dann argwöhnisch inne zu halten. Nichts rührte sich. Er wagte sich zwei, drei Schritte weiter vor, und als wieder nichts passierte, ging er sorglos herum und sah sich genauer um. Viele Versteckmöglichkeiten gab es hier nicht, und falls England hier wirklich festgehalten werden sollte, dann doch sicherlich an einem etwas... nun ja, passenderen Ort, oder? Der Kanadier zuckte mit den Schultern und ging auf den Schrank zu, der unauffällig in einer Ecke stand. Er hatte die Aufgabe, alles zu überprüfen, und verdammt noch mal, das würde er jetzt tun!

Anmerkungen des Autors: Cliffhanger! XD Wird Kanada England finden? Was werden Amerika und Frankreich tun? Die Antwort erhalten Sie... im nächsten Kapiteeel~

Und bitte, bitte gebt mir Feedback O.O Nur ein Wort? Oder zwei?