Die Abenteuer des Watson

11.

„So, Hugo schickt uns die Plenske, sobald er sie entbehren kann", platzte Richard gleich mit den Neuigkeiten heraus, als er Davids Büro betrat. „Ich habe ihm aber auch gleich gesagt, dass er sie möglichst bald zu entbehren hat." – „Na hoffentlich nicht als zu bald", erwiderte David, fuhr dann aber angesichts des fragenden Blickes seines Halbbruders fort: „Weil ich gerne wüsste, was du vorhast." – „Naja, das ist ganz einfach: Ich war doch vorgestern in dem Kiosk hier um die Ecke, ja? Und da war der Bruder von dieser Plenske. Sein kleines Schuhgeschäft läuft nicht, aber er ist auch nicht bereit, es aufzugeben…" – „Und?", drängte David ungehalten. „Hoooh, ruhig", zischte Richard. „Er hat also geschäftliche Probleme. Tja, und als dann diese Hiobbotschaft eintraf – du weißt schon: Deine Tante, der Sturz, die Rekonvaleszenz bei Rokko…" – „Was dann?", drängte David erneut. „Da habe ich meine Kontakte spielen lassen und…" Richard machte eine Kunstpause, um David an den Rand der Weißglut zu treiben. „Und was?", sprang dieser auch sofort auf die Provokation an. „Viel herauszufinden gab es da nicht – als hätten die beiden erst seit ein paar Monaten eine Vergangenheit. Egal! Was meine Kontakte herausgefunden haben, ist dafür umso interessanter…" – „Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, mir wächst ja schon ein Bart", schimpfte David. „Wenn du dich weiter so aufführst, sage ich gar nichts mehr", beschwerte Richard sich. „Du bist wie ein kleines Kind, aber gut, ich weihe dich ein: Die Plenskes sind verschuldet bis über beide Ohren – eine Augen-OP für Strubbelliese, ewig keinen Strom bezahlt, eine Mietzahlung im Rückstand… es sieht nicht gut aus für Aschenputtel und ihren Bruder." Nachdenklich hatte David seinem Halbbruder zugehört. „Meinst du, sie scharwenzelt deshalb so um Rokko herum? Um ihn… auszunehmen?" – „Ich weiß es nicht, aber gleich schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir sorgen dafür, dass sie ihre finanziellen Probleme loswird und im Gegenzug dazu mimt sie Rokkos liebendes Frauchen und wenn die gute Tante Trudi wieder gesund und munter ist, dann wird sich das Plenskesche Interesse an Rokko auch erübrigt haben..." Richard wollte mit seinen Ausführungen eigentlich noch fortfahren, aber ein scheues Klopfen an der Tür hielt ihn davon ab. „Herein", forderte David den Schatten hinter seiner Bürotür auf. „Sie… Sie wollten mich sprechen?"

„Das mache ich nicht!", empörte Lisa sich kurze Zeit später. „Das ist Ihrer Tante gegenüber sehr, sehr unfair." – „Lisa, also wirklich, wir waren doch über das Sie schon hinaus", versuchte David, das Vertrauen seines Gegenüber wiederzugewinnen. „Gut, dann ist es eben deiner Tante gegenüber sehr, sehr unfair." – „Tz, Lisa, wirklich", mischte sich nun Richard in das Gespräch. „Die alte Dame wäre sicher sehr, sehr traurig, wenn ihr geliebter Neffe nicht glücklich liiert ist – das glaubt sie ja schließlich." – „Aber ich habe ihr dieses Märchen nicht erzählt. Ich werde jedenfalls nicht dabei mitmachen, ihr noch eine Lüge aufzutischen." – „Deine Moral in allen Ehren", begann Richard ruhig. „Aber du bist nicht in der Situation, unser Angebot abzulehnen." – „Angebot? Ich würde es eher eine Forderung nennen", murmelte Lisa vor sich hin. „Ja, bisher, aber nun sperr die Moralapostel-Lauscherchen mal auf: Mein Bruder und ich werden deine Stromschulden begleichen und die Miete sowie die Rate für deine Augen-OP für die nächsten… hm, bis Jahresende zahlen. Wenn Tante Trudi die glückliche Beziehung zu sehen kriegt, die sie sich so wünscht, dann…" Richard machte eine Kunstpause, um Lisa die Chance zu geben, das Gehört zu verarbeiten. Bis Jahresende – das waren noch sieben Monate. Das würde ihr und Bruno sicher helfen. „… dann gibt Kerima deinem Bruder die Möglichkeit, sich als… sagen wir ‚Schuhproduzent' zu beweisen." – „Und wenn nicht?", wollte Lisa ängstlich wissen. „Dann wird er wohl oder übel seinen Traum vom Schuhladen begraben müssen", spielte Richard seinen letzten Trumpf aus. David hatte Lisa die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen und so war ihm nicht entgangen, dass sie mittlerweile den Tränen nahe war. „Das will ich nicht… also, dass Bruno seinen Traum aufgeben muss. Das hat er nicht verdient", entgegnete Lisa um Fassung bemüht. „Ich… es ist nicht fair, aber… aber ich werde es tun." Richard warf David einen triumphierenden Blick zu. „Dann würde ich vorschlagen, du gehst nach Hause und packst schon mal. Wir erwarten Tante Trudi morgen Nachmittag und du willst dich doch bei Rokko ein bisschen häuslich einrichten", schlug David vor. „So schnell schon?", fragte Lisa entsetzt. „Ja, natürlich, so schnell schon. Was hast du denn geglaubt?"

„Jürgen! Jürgen!", hechtete Lisa in den Kiosk. Der Angesprochene löste seine Lippen von Hannahs und seufzte genervt. „Erinnere mich bitte daran, dass ich mir neue Freunde suche", murmelte er. „Lisa! Was kann ich denn für dich tun?", imitierte er dann den aufgeregten Tonfall der jungen Frau. „Richard und David… wegen Rokko… Bruno… also wegen Bruno…", brachte Lisa stotternd hervor. „Was sind männliche Vornamen?", scherzte Jürgen. „Und ich nehme: ‚Lisa sagt mir, was los ist' für 500, bitte." Irritiert sah Brunos Schwester den Kioskbesitzer an. „Das war ein Scherz, Lisa. Trotzdem… was ist passiert, dass du hier mitten am Tag reinplatzt, als würde die Welt untergehen?" – „Dagegen hilft nur eins", kündigte Hannah an. „Kakao. Ich mache welchen und du fängst schon mal an, zu erzählen."

„David und Richard haben mich gebeten, Rokko bei der Pflege von Tante Trudi zu unterstützen", reduzierte Lisa das Gespräch mit ihren Vorgesetzten auf ein Mindestmaß. „Und?", erwiderte Jürgen. „Naja, bei Rokko Zuhause." – „Ohhhh", schmunzelte der Kioskbesitzer. „Ja, ohhhhh. Ich soll bei ihm einziehen für die Zeit." – „Ahhh, verstehe. Klein-Lisa will Mann und Frau spielen." – „Mensch, Jürgen, lass Lisa doch mal aussprechen", forderte Hannah ihren Freund auf. „Lisa, da steckt doch ein bisschen mehr dahinter, oder?", wollte die angehende Designerin von ihrer Freundin wissen. „Nein", murmelte diese und sah auf ihre Hände. „Sieh mich mal an und wiederhole das." – „David und Richard haben mir Geld dafür geboten", gestand sie leise. „Oh", brummte Hannah. „Und sie wollen Brunos Schuhen eine Chance geben." – „Naja, es gibt Schlimmeres als mit Rokko zusammenzuwohnen", meinte Hannah. „Was soll denn das heißen?", empörte Jürgen sich gespielt. „Aus Lisas Perspektive, meine ich natürlich", grinste diese zurück und beugte sich vor, um ihrem Schatz einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. „Hey, was ziehst du denn jetzt für ein bedröppeltes Gesicht?", wollte Jürgen von Lisa wissen. „Es ist ja nur, weil… naja… ich mache mir Sorgen, dass… naja, weil… ich doch… ich bin doch Bettnässer", flüsterte Lisa kaum hörbar. Hannah und Jürgen tauschten fragende Blicke – doch dann sprang Hannah von der Sitzbank auf. „Wenn das dein einziges Problem ist… Komm, wir gehen in die Drogerie und besorgen dir solche… wie heißen die Dinger?" – „Hygiene-Einlagen", beantwortete Jürgen die Frage. „Genau. Die besorgen wir dir und dann merkt niemand etwas von deinem kleinen Problem."

Verunsichert betrachtete Lisa das kleine Bündel mit ihren Habseligkeiten. „Du tust das richtige", sprach sie sich gut zu. Jetzt musste ja nur noch Bruno nach Hause kommen, damit sie ihm von der neuen Situation erzählen konnte. Die Türklingel ließ Lisa aus ihren Gedanken hochschrecken. „Ich bin's, Rokko", nahm ihr eine Stimme auf der anderen Seite der Tür die Angst, dass jemand Ungebetenes dahinter stehen könnte. Zaghaft ließ Lisa ihren Besucher herein. „Ich dachte… naja, ich hätte noch ein bisschen Zeit. Ich hätte es Bruno gerne persönlich erklärt." – „David hat mir gerade erst erzählt, welche Lösung Richard und er gefunden haben. Ich bin nicht hier, um dich gleich mitzunehmen – nicht in erster Linie. Ich wollte dir zunächst einmal danken, dass du das mitmachst…" – „Setz dich doch", bot Lisa an. „Danke. Weißt du, ich bin eigentlich hier, weil ich dir versichern wollte, dass… naja, die Situation ist ja für alle Beteiligten irgendwie blöd und ich wollte nur, dass du weißt, dass du dich bei mir genauso Zuhause fühlen kannst wie hier, ja?" Unsicher hatte Lisa ihre Arme um ihren Körper legt und sah auf den mittlerweile sitzenden Rokko herab. „Ich habe Richard gesagt, was ich davon halte, eurer Tante etwas vorzuspielen, aber…" – „Lisa, du glaubst nicht, was ich Hannah abschwatzen konnte, damit ich sie und Jürgen…" Bruno brach seinen Satz ab, als er den unerwarteten Gast auf dem Elch-Kissen sitzen sah. „Sie schon wieder", meinte er distanziert. „Was hast du denn nun mitgebracht?", bemühte Lisa sich darum, eine Konfrontation im Keim zu ersticken und damit hatte sie auch Erfolg: „Das WG-Waffeleisen!", strahlte Bruno. „Ich dachte, wir könnten Waffeln zum Abendessen machen…" – „Was für eine wundervolle Idee", freute Lisa sich. „Rokko, du bleibst doch sicher zum Abendessen, oder?" Der Angesprochene machte eine abwehrende Geste, doch Bruno unterstützte seine Schwester in ihrer Einladung: „Natürlich bleibst du. Vielleicht erfahre ich dann auch, warum du uns schon wieder besuchst."

„Sag mal, Jürgen, was hältst du eigentlich davon, dass Lisa vorübergehend zu Rokko zieht?", wollte Hannah zeitgleich wissen. „Ich weiß nicht…", druckste Jürgen herum. „Ich auch nicht", meinte Hannah. „Aber… irgendwie finde ich es süß. Ich meine, Rokko schleicht ständig um Lisa herum und so…" – „Klingt nach einem Aber." – „Hm, aber. Aber ich mache mir auch ein bisschen Sorgen um sie. Sie ist so… so realitätsfern… manchmal." – „Naja, das hat mit ihrer Herkunft zu tun", erklärte Jürgen. „Ich weiß. Ich habe ja bloß Sorge, dass… naja, Rokko ist ein erfahrener Mann und Lisa… bei Lisa bin ich mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt aufgeklärt ist." – „Du malst ja ein richtiges Worst-Case-Scenario", meinte Jürgen. „Rokko und unsere Lisa wollen sich doch nur um diese Tante kümmern." – „Erstmal", warf Hannah ein. „Ja, erstmal. Ansonsten müssen wir einfach auf Rokkos Anstand hoffen." – „Du nimmst das gar nicht richtig ernst, oder?" – „Doch, aber ich glaube, du steckst die beiden viel zu früh zusammen. Lass sie sich doch erst einmal annähern."

„Das war sehr lecker, aber ich muss langsam los", verabschiedete Rokko sich von Bruno. „Ich bringe dich noch zur Tür", verkündete Lisa und folgte dem Werbefachmann. „Ich erkläre es ihm… gleich, also sofort, wenn du weg bist", entschuldigte sie sich leise. „Ich kann dich ja verstehen, aber… naja, wenn du jetzt einen Rückzieher machst, ist das okay, aber wenn nicht, dann solltest du es deinem Bruder wirklich sagen. Ich meine, er wird sich bestimmt wundern, wenn du plötzlich ein paar Wochen nicht mehr hier wohnst." – „Ich weiß. Ich erkläre es ihm, versprochen und morgen früh komme ich zu dir." – „Soll ich schon irgendetwas mitnehmen?" – „Nein, nein. Ich habe ja nicht viele Sachen, die ich mitnehme." – „Du weißt, wie du zu mir kommst?" – „Ehrlich gesagt, nein." – „Gut, dann… ich schlage vor, wir treffen uns bei Kerima und fahren dann gemeinsam zu mir, ja?" – „Ist gut." – „Ja… dann einen schönen Abend noch", meinte Rokko hilflos mit den Schultern zuckend. „Ja, dir auch."

„Nun ja, die Familie ist das wichtigste und wenn dieser Rokko Hilfe dabei braucht, dann muss er die kriegen. Du hast es schon versprochen, oder?", wollte Bruno von seiner Schwester wissen. „Ja, ich habe gesagt, dass ich ihm helfen werde." – „Dann musst du es auch. Man muss versprechen halten." – „Ich weiß. Es ist ja nur… ich würde so lange bei ihm wohnen." – „Wenn das seiner Tante hilft. Du weißt doch, dass die Familie immer im Mittelpunkt steht. Wann soll es denn losgehen?" – „Morgen früh", gestand Lisa zerknirscht. „Das ist aber sehr kurzfristig." – „Ich weiß. Es ist ja auch nicht für lange." Brunos besorgtes Gesicht wich einem breiten Grinsen. „Ich werde mich endlich im Bett breit machen können, ohne dass du zurücktrittst und mich anmaulst, dass ich auf meiner Hälfte bleiben soll."